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STB

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Age of the Joker (Limited Digipack)
Age of the Joker (Limited Digipack)
Wird angeboten von zoreno-deutschland
Preis: EUR 14,79

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tobi und seine lustige Narrenbande, 2. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie schön, dass es auch in der Metal Szene des Jahres 2011 noch Narrenfreiheit gibt. Tobias Sammet (Gesang & Maultrommel), Jens Ludwig (Gitarre & Cemballo), Dirk Sauer (Gitarre & Megaphon), Tobias Exxel (Schalmei...äääh Bass) und Highspeed Alien Drumbunny Felix Bohnke hüpfen als Edguy mittlerweile seit 1999 in dieser Besetzung fröhlich durch die internationalen Hartwurst-Lande und begeistern stets aufs Neue mit großartigen Alben. Das mittlerweile Neunte heißt "Age of the Joker" und unterstreicht einmal mehr, dass sich die Truppe auch weiterhin die Freiheit herausnimmt, die Musik zu machen, die ihnen am Besten gefällt.

Edguy haben sich nie darum geschert, was andere von ihnen halten. Abseits von szenetypischem, unerträglichem Trueness-Gepose gibt es bei den Schulfreunden aus Fulda seit jeher Songs mit teilweise aberwitzigen Lyrics ("Trinidad, "Lavatory love Machine", "Fucking with fire" etc), oder auch gerne mal Videos, in denen die fünf auf Bunnyjagd gehen. Das bedeutet aber nicht, dass Edguy keine ernstzunehmenden Musiker sind. Im Gegenteil: Mastermind Tobias Sammet, der seit längerer Zeit in ausschließlicher Eigenregie für alle Kompositionen verantwortlich ist, gehört mit gerade mal 33 Jahren zu den geachtetsten Figuren der internationalen Metalszene. Neben seiner Stammband Edguy ist er auch Kopf des Metal Allstar Projektes Avantasia, das sich mit bisher fünf Alben zu einem sehr erfolgreichen und weltweit geachteten Act gemausert hat. Tausendsassa Sammet scheinen die Ideen niemals auszugehen und spätestens nach einem halben Jahr ohne Studioaktivitäten beginnt er wieder an neuen Songs herumzubasteln. Man hat das Gefühl dieser Mann hat musikalisch noch viel zu sagen. Die geringe Zeit zwischen den Veröffentlichungen lässt diesen Schluss unweigerlich zu. Anfang 2010 erscheinen zeitgleich zwei Avantasia Alben, gefolgt von einer Live CD/DVD Box und bereits im August 2011 warten Edguy wieder mit neuem Material auf.

Nach dem letzten, von den Kritikern eher mäßig bewerteten Album "Tinnitus Sanctus", geht "Age of the Joker" mit reichlich Vorschlusslorbeeren seitens der Fachpresse an den Start. Und das Werk klingt genauso, wie man es in den letzten Jahren von Edguy kennt: melodisch, heavy, bombastisch. Und dabei wieder etwas inspirierter und weniger routiniert als zuletzt. Der Sound bewegt sich mittlerweile recht deutlich in Richtung Hard Rock, klassische Speed Metal Granaten gibt es bei Edguy schon seit einiger Zeit nur noch sehr wohldosiert. Dieses nicht mehr ganz so neue Soundgewand steht Edguy nach wie vor hervorragend.

Dennoch ist der Opener des neuen Albums, die Vorab-Single "Robin Hood", eher ein recht klassischer Einstieg. Die Gitarren riffen sich im Midtempo durch die kleine Rock-Oper und besonders der Refrain weckt Erinnerungen an frühere Tage. Filigran tänzelnd umgarnt die Double Bass die bombastischen Chöre. Edguy wie man sie kennt, an manchen Stellen gibt Sammet aber für meinen Geschmack zu sehr die Heulboje und mich überzeugt die kompaktere Single Version mehr, da hier der Refrain nicht der Gefahr unterliegt aufgrund von zu häufiger Wiederholung einen zu starken Nervfaktor zu entwickeln.
Im Video zum Song präsentieren sich die Jungs als Helden in Strumpfhosen, die sich in waghalsige Schnick-Schnack-Schnuck Duelle mit zwielichtigen Schurken begeben oder den ahnungslosen Bernhard Hoëcker (gespielt von Lady Marian) im Wald überfallen. Lächerlich? Bestimmt. Unterhaltend? Auf jeden Fall. Eine erneute humoristische Großtat, für die man Edguy nicht genug danken kann. So einen Farbtupfer braucht die bierernste Metal Szene dringend.

Ruppig geht es mit "Nobody's hero" weiter. Die Gitarren sägen brachial, die Hook weiß mit lieblicher Klavier-Verzierung zu überzeugen. Aber auch hier setzt Sammet das Vibrato etwas zu häufig ein. Trotzdem stark.

Mit "Rock of Cashel" geht's zur legendären Kultstätte nach Irland und der Chorus atmet den Spirit der grünen Insel. Kann man gut hören, aber so richtig packt mich das Album bis zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht.
Das von der Band sehr geschätzte "Pandora's Box" hat das selbe Problem. Perfektes Arrangement, interessante, bluesige Gitarren-Experimente, aber der letzte Funke springt auf mich bis dahin (noch) nicht über.

Das ändert sich dann aber mit "Breathe". Das funkelnde Keyboard-Thema von Miro Rodenberg harmoniert perfekt mit dem flotten Tempo der Nummer. Hier zeigen Edguy Biss, ohne in hektische Highspeed-Gefilde abzudriften. Der Chorus ist so göttlich, dass ich mir die Kleider vom Leib reißen und nackt über eine Blumenwiese springen möchte. Oder zumindest mal ausgelassen den Kopf im Takt schütteln. Ein richtiger Kracher, der die perfekte Mischung aus Melodie und Härte bietet.

Deutlich getragener präsentiert sich die zweite Single "Two out of Seven". Sammet liefert mal wieder eine unverschämt eingägige Melodie und das Keyboard passt wie die Faust aufs Auge ins Songkonzept. Edguy machen vor, wie man das in der Szene umstrittene Tasteninstrument bestmöglich einsetzt, ohne dass es nach abgehalftertem Pop klingt. Hätte man das Keyboard hier weg gelassen, würde dem Song der entscheidende Dreh fehlen. Klasse auch der ironische Text, besonders der letzte Refrain. Hut ab meine Herren! Endlich reißt das Album so richtig mit.

Zum kräftigen schütteln des Haupthaares verleitet der Midtempo-Kracher "Faces in the Darkness". Was für ein kickendes Riff! Und was für ein arschgeiler Refrain! Wo kriegt man "I love Edguy" Aufkleber mit stolz hochgestrecktem Daumen fürs Auto her? Oldschool, Newschool, egal. Das ist einfach nur geil!

Und dann, an Position 8, hoppla, was ist das? Die Double Bass brettert los wie in alten Tagen und mir tropft enthusiastischer Begeisterungs-Speichel aus dem Mund. Ich hüpfe unkontrolliert durchs Wohnzimmer und singe lauthals mit. Das hier klingt niemals überkandidelt, die Geschwindigkeit wird gekonnt eingesetzt und der Refrain frisst alles auf, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Nur knapp hinter der Großtat "The Pride of Creation" vom letzten Album "Tinnitus Sanctus". Jetzt bin ich richtig heiß auf den nächsten Song und ja, es geht noch besser.

"Fire on the Downline", alter! Wäre dieser Titel in den 80ern erschienen, hätten sich Edguy ein übergroßes Denkmal gesetzt. Klasse arrangiert und mit einem Chorus, der mich unkontrolliert zucken lässt. Ich könnte ihn den ganzen Tag ununterbrochen hören. Freudentränen schießen mir in die Augen, ich pose breitbeinig und das Leben ist einfach nur schön. Danke, danke, danke! Genau DAS habe ich gesucht.

Der Songtitel "Behind the Gates to Midnight World" erinnert schwer an die englischen Storyteller von Magnum und bis auf das Heavy Riff ist dieser Vergleich durchaus gerechtfertigt. Große Gefühle, Bombast allenthalben und ein fliegendes Gitarrensolo. Eine neunminütige Rockoper, die alles hat was Edguy ausmacht. Ich verneige mich in Ehrfurcht, auch wenn die Hook einen Schuss zu unspannend klingt.

Zum Abschluss der CD gibt es dann doch noch eine der immer vieldiskutierten Sammet-Balladen. "Every Night without you" wäre in den 80ern ein Welthit geworden. Bewegt sich gefährlich nah an der Kitschgrenze, doch in Anbetracht des kompromisslos eingängigen Refrains und der Euphorie aus den vorigen Songs, halte ich stolz das Feuerzeug in den Himmel. Völlig egal ob das hier jemand zu aufgeblasen findet. Mir gefällt's!

Was bleibt nach elf neuen Edguy-Songs? Der Eindruck, dass Sammet und Co. hier etwas großartiges gelungen ist. Obwohl die ersten vier Songs für mich nicht mehr als solide sind, steigert sich die Platte danach zu einem wahren Meisterwerk des melodischen Metal, das man gehört haben MUSS. Edguy sind ganz oben angekommen in der Riege der großen Unterhaltungsmeister. Nachdem ich sie als Vorband der Scorpions auf der letzten Tour erlebt habe, wagte ich das noch zu bezweifeln, wurden sie doch von den erfahrenen Hannoveranern gnadenlos an die Wand gespielt. Jetzt aber, mit "Age of the Joker", haben Edguy endgültig aufgeschlossen. Das Werk benötigt allerdings etwas Zeit, bis es richtig zu überzeugen weiß. Aber das ist ja im Zwiefelsfall eher ein Qualitätsmerkmal.

Die Limited Edition des Albums enthält eine Bonus-CD. Neben den Single Versionen von "Robin Hood" und "Two out of Seven" gibt es vier weitere Titel zu hören, die nicht in den Albumkontext gepasst haben, aber dennoch der Veröffentlichung würdig sind.

"God fallen Silent" wartet mit einem hübschen Gitarrenthema auf und ist der einzige Song seit langem, bei dem Jens Ludwig als Mitkomponist beteiligt ist. Er liefert die Musik, Tobias Sammet den Text. Herausgekommen ist ein extrem rockender Song, der im Refrain richtig zupackt. Hätte sich auch auf dem regulären Album nicht verstecken müssen. Richtig stark!

Der "Aleister Crowley Memorial Boogie" wird von Felix Bohnke's Double Bass kräftig nach vorne getrieben, rock'n'rollt sich sofort in die Herzen der willigen Jünger. Lediglich der Refrain ist etwas wenig einfallsreich geraten. Trotzdem macht die Nummer Spaß.

Aus dem Slade Hit "Cum on feel the Noize" machen Edguy einen kräftigen Partykracher und retten das Stück aus dem Jahre 1973 gekonnt ins neue Jahrtausend. Hoch die Tassen, liebe Gemeinde!

Den besinnlichen Abschluss der Bonustracks bildet die zarte Ballade "Standing in the Rain". Der Song wurde bereits 2005 geschrieben, aber erst jetzt eingespielt. Eine wirklich hübsche Melodie, die Herr Sammet da aus dem Hut zaubert. Auch hier sind die Magnum-Einflüsse deutlich zu hören. Hätte ich mir gut auf einem Avantasia-Album mit der Stimme von Bob Catley vorstellen können.

"Age of the Joker" bietet wirklich value for money, nicht nur in der Limited Edition mit Bonus-CD. Der Vorwurf, Edguy würden sich inzwischen kaum noch noch von Avantasia unterscheiden ist an manchen Stellen zwar nicht von der Hand zu weisen, nichts desto trotz überwiegen alles in allem deutlich die typischen Edguy Trademarks. Und hey, so lange die Musik so überzeugend ist, geht mir das am Allerwertesten vorbei. Mit Sicherheit wird die Platte auch kommerziell ein Erfolg werden, was nicht zuletzt daran liegt, dass Tobias Sammet den melodischen Metal aus seiner kleinen, miefigen Nische geholt und ihn salonfähig gemacht hat. Sicher, der Sound seiner Kompositionen ist etwas glatter geworden über die Jahre, aber dagegen ist meines Erachtens nichts zu sagen. Jeder Musiker will schließlich Geld verdienen und einem kreativen Duracell-Hasen wie Sammet ist das definitiv zu gönnen. Er hat sich mit Talent und Fleiß den Traum vom Rockstar erfüllt und dafür habe ich großen Respekt. Wer vor 10 Jahren nichts mit Edguy anfangen konnte wird es auch jetzt nicht. Aber daran ist nicht die Umorientierung im Soundgewand schuld. Musik ist eben Geschmackssache.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich aber dann doch noch anzubringen. Nach wie vor halte ich "Hellfire Club" für das beste Edguy Album überhaupt, da es brachiale Härte so gekonnt wie kein anderes mit melodischen Arrangements zu verbinden wusste. Die drei nachfolgenden LPs (inklusive "Age of the Joker") lassen die aggressive Bissigkeit dieses Werkes etwas vermissen. Die Gitarren klingen zwar immer noch böse und tief, aber doch etwas zu glatt. Ein Tick mehr ungeschliffene Rotzigkeit würde dem Soundbild meines Erachtens ganz gut tun. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Edguy stecken 99,9% der Melodic Metal Szene ohne mit der Wimper zu zucken in den Sack. Sie sind und bleiben eine überragende Band, die ich mir sehr gerne anhöre.

Also, wer die CD noch nicht hat: dies ist ein umgehender Kaufbefehl!


Rev-Raptor (Ltd.Digipak)
Rev-Raptor (Ltd.Digipak)
Preis: EUR 15,53

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Durchschnittliches mit einigen Highlights und grausamem Sound, 1. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Rev-Raptor (Ltd.Digipak) (Audio CD)
2010 ist kein besonders schönes Jahr für Udo Dirkschneider: Seine Ex-Band Accept vereinigt sich ohne ihn wieder und veröffentlicht das hochgelobte Comeback Album "Blood of the Nations". Doch damit nicht genug: auch der neue Sänger Mark Tornillo erntet hervorragende Kritiken. Udo hat sich mit Wolf Hoffmann und Peter Baltes nicht auf ein Engagement verständigen können und so engagieren die beiden kurzerhand einen neuen Shouter. Udo reagiert daraufhin in der Presse sehr genervt, es gibt einige unschöne Interviews zwischen den einstigen Bandkollegen. Irgendwann ruhen die verbalen Spitzen dann aber und Dirkschneider macht sich mit seiner Band auf ins Studio, um seine musikalische Antwort zu formulieren. Doch zunächst läuft nicht alles glatt: Gitarrist und Produzent Stefan Kaufmann muss sich einer langwierigen Rücken-OP unterziehen und die Veröffentlichung von "Rev-Raptor" muss verschoben werden. Erst als Kaufmann wieder voll auf dem Dampfer ist, erscheint das mittlerweile 13. U.D.O. Album.

Dem Vergleich mit "Blood of the Nations" kann das Werk nicht stand halten, doch das muss es auch nicht. U.D.O. haben sich seit 1987 einen guten Ruf in der Metalszene erworben und bieten den Fans seither genau das, was die sich wünschen. Kommerziell gesehen bewegen sie sich keinesfalls in den Bahnen von Accept, doch das ist auch nicht das Ziel. Dirkschneider und Kaufmann wollen die Musik machen, die ihnen am Besten gefällt - egal wie massentauglich sie am Ende ist.

Die typischen U.D.O. Trademarks gibt es gleich zu Beginn im Opener "Rev-Raptor" nachzuhören: es sägen die tief gestimmten Gitarren im brachialen Midtempo und Udo raspelt mit seiner krächzenden Reibeisenstimme dazu was das Zeug hält. Business as usual, aber richtig fett. Ein (fast völlig) überzeugender, breitbeiniger Einstieg mit einem deutlich hörbaren, soundtechnischen Makel. Wie gewohnt zeichnet für die Produktion Gitarrist Stefan Kaufmann verantwortlich. Der entscheidet sich bewusst für einen wie er es nennt "modernen" Drumsound. Eine Spielerei, deren Berechtigung sich mir entzieht. Die ansonsten warme, druckvolle Produktion wird zerstört durch eine penetrante, viel zu laute, mechanisch-steril klingende Bass Drum und eine metallische Snare, die die Songs größtenteils zu einem nach Drumcomputer klingenden, billigen Gematsche verkommen lassen. Offenbar will Kaufmann hiermit erstens dem Zeitgeist der größtenteils digital produzierten LPs und zweitens dem Albumcover gerecht werden, das nach dem "Mastercutor" und dem "Dominator" nun mit dem "Rev-Raptor" erneut eine Comic-Figur ziert. Vollgepackt mit unzähligen Waffen ballert sich das neue Maskottchen wie ein Roboter den Weg frei. Funktioniert als Cover perfekt - musikalisch ist die Umsetzung total misslungen. Ein wirklicher Griff ins Klo.

Noch auffälliger wird der sterile Drumsound in der schwachen Vorab-Single "Leatherhead". Weshalb man sich für diese Nummer als Auskoppelung entschieden hat verstehe ich nicht. Durschnittliche Komposition mit tumbem Refrain, dessen Eintönigkeit durch die mechanischen Drums noch verstärkt wird. Ich persönlich hätte diesen Song komplett weggelassen auf dem Album. Der mit Abstand schwächste Song, den U.D.O. in den letzten 14 Jahren veröffentlicht haben.

Mit "Renegade" steigt dann das Niveau aber deutlich an. Schlagzeuger Francesco Jovino treibt den flotten Track kraftvoll nach vorne, fast schafft man es die nervige Bass Drums auszublenden. Gut hörbare Nummer, die Hoffnung auf richtig große Melodien bleibt aber bestehen.

Dieser wird die von Bassist Fitty Wienhold mitgeschriebene zweite Single "I give as good as I get" gleich im Anschluss mehr als gerecht. Balladen standen U.D.O. schon immer gut, doch diese hier sticht heraus. Klasse Melodieführung, düstere Stimmung und ein großer Chorus im Stil der Übernummer "One lone voice" von "Mastercutor". Igor Gianloa liefert zudem ein grandioses Solo. Ganz großes Kino!

"Dr. Death" zieht das Tempo deutlich an, es dampft und kracht. Auch der recht moderne Chorus ist ein nettes Schmankerl, das mir ganz gut gefällt. Nicht herausragend, aber sehr solide. "Rock'n'Roll Soldiers" geht ebenfalls in Ordnung, obwohl ich die große Begeisterung der Fans für diesen Track nicht ganz teilen kann. Ganz okay, mehr aber nicht.

Ähnlich verhält es sich mit "Terrorvision" und dem melodischen "Underworld". Es ist alles wie gehabt: die Gitarren krachen, Dirkschneider kreischt und die Band macht keine Gefangenen. Leider lässt der sterile Sound in Verbindung mit den wenig abwechslungsreichen Kompositionen irgendwann dezente Langeweile aufkommen. Der Aufbau der meisten Songs auf "Rev-Raptor" ist ähnlich: verspieltes, sirrendes Gitarrenintro, Übergang zum brachialen Riff, mehrstimmiger Refrain. Ein altbewährtes Rezept, das Dirkschneider, Hoffmann, Gianola, Wienhold und Jovino aber schon wesentlich spritziger verarbeitet haben. So richtig mitreißend ist das alles nicht, man lauscht wohlwollend den netten Hooks, aber der Funke will nicht recht überspringen.

Ab Titel neun packt einen die LP dann aber doch noch. Die Titel werden lebendiger und spritziger. Das groovende "Pain Man" hat es mir besonders angetan. Hübsche Strofenführung, brachiales Riff und die nötige Aggressivität im Refrain.
Die stampfende Anti-Kriegs Nummer "Fairy Tales of Victory" lässt dezente Melancholie aufkommen und droht das Niveau wieder etwas abzuflachen, doch der rasante "Motor-Borg" fegt die Zweifel sofort weg. Kompaktes, kraftvolles Stück mit ordentlich Dampf und hübschem Reim im Refrain. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch "True Born Winners", das von allen Songs am Eindrücklichsten im Gedächtnis bleibt. Satter, treibender Groove und "Fist-in-the-air" Chorus. Verweist fließig auf die guten alten 80er und hätte sich als Single garantiert besser gemacht als das langweilige "Leatherhead".

Der auf der Limited Edition enthaltene erste Bonustrack "Time Dilator" hätte auch sehr gut auf die reguläre Version gepasst. Muss sich keinesfalls vor den anderen Liedern verstecken. Zum Abschluss gibt's die wuchtige Midtempo-Hymne "Days of Hope and Glory" mit ihrer großartigen Gänsehaut-Hook, die U.D.O. nochmal in Topform präsentiert.

Der nachfolgende zweite Bonustrack, die 2009er Wacken Hymne "Heavy Metal W:O:A" ist ganz nett, hätte aber wegen mir nicht unbedingt sein müssen.
Des Weiteren enthält die Limited Edition noch die Videos zu "Leatherhead" und "I give as good as I get" - das Preis-Leistungsverhältnis stimmt hier auf jeden Fall. Man bekommt 15 Songs und zwei Videos. Doch im Gesamteindruck macht das Album eher eine durchschnittliche Figur.

"Rev-Raptor" ist ein solides Werk mit einigen wirklich starken Songs, aber leider auch erstaunlich durchschnittlichem Material. Es macht nicht so durchgehend Spaß wie die beiden Vorgänger und klingt an einigen Stellen ziemlich nach Stagnation. Nichts desto trotz bleiben U.D.O. eine Institution im Metal, deren neue Veröffentlichungen immer einen Blick wert sind. Hier sind Musiker mit Herzblut und Leidenschaft am Werk, deren Unterstützung sich auf jeden Fall lohnt. Da kann man auch mal eine etwas mittelmäßigere LP verschmerzen.


Blizzard of Ozz (Expanded Edition)
Blizzard of Ozz (Expanded Edition)
Preis: EUR 6,99

18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ozzys Jahrhundertalbum, 10. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Blizzard of Ozz (Expanded Edition) (Audio CD)
1980 wird zu einem der wichtigsten Jahre in der Karriere des Ozzy Osbourne. Sein viel umjubeltes Solodebut "Blizzard of Ozz" erscheint und bereitet ihm eine triumphale Rückkehr ins Scheinwerferlicht. Doch der Weg dort hin ist schwer, zwei Jahre zuvor deutet nur wenig auf ein derartiges Comeback hin. Ozzy wird bei seiner Stammband Black Sabbath aufgrund von erhöhtem Alkohol und Drogenkonsum entlassen und vergräbt sich danach mehrere Monate in einem Hotelzimmer. An eine Solokarriere ist in diesem Moment nicht zu denken. Ozzy scheint total am Ende.

Von 1970-1978 ist er auf insgesamt acht Black Sabbath Alben als Sänger zu hören, hat unsterbliche Metal Klassiker wie "Paranoid", "War Pigs", "Iron man", "Sabbath bloody Sabbath", "Children of the grave", "Black Sabbath", "Symptom of the Universe" oder "Changes" eingesungen. Nach dem sehr experimentellen 78er Werk "Never say die" ist schließlich die Luft raus, und Black Sabbath verpflichten den vorherigen Rainbow-Sänger Ronnie James Dio und machen weiter. Ozzy hingegen versinkt in Lethargie. In dieser schweren Zeit steht ihm seine spätere Ehefrau und Managerin Sharon Arden zur Seite, die ihn aus dem Chaos holt und ihm eine Solokarriere schmackhaft macht. Ozzy sammelt neue Kräfte und stellt 1979 eine erste eigene Band namens "Blizzard of Ozz" zusammen. Sein kongenialer Kompositions-Partner an der Gitarre ist der damals gerade mal 23 jährige Randy Rhoads, den Bass spielt der erfahrene Studiomusiker Bob Daisley, am Schlagzeug verpflichtet Ozzy den Ex-Uriah Heep Mann Lee Kerslake und am Keyboard ist der spätere Deep Purple Tastenmagier Don Airey zu hören. Diese Weltklasse-Besetzung spielt ein Album ein, das bis heute als Meilenstein gilt - nicht nur in der Karriere von Ozzy Osbourne, sondern generell in der Heavy Metal Szene.

Zwar erscheint das Werk letztlich unter dem Bandnamen "Ozzy Osbourne", dennoch ist deutlich zu hören, dass hier eine organische Band am Werk ist, die den Frontmann nicht nur begleitet, sondern im Verbund mit ihm agiert. Im Vergleich zu den Black Sabbath Alben klingt Ozzys Stil deutlich kompakter, melodischer und zielstrebiger. Bereits der Opener "I don't know" macht klar, wo die Reise hingeht. Der Titel wird angetrieben von einem gleichsam wuchtigen wie melodischen Riff von Randy Rhoads, das im Mittelteil in einen verträumten, sehr harmonischen Part übergeht und schließlich wieder explodiert. Der Klang des Werkes ist maßgeblich vom Spiel des Meistergitarristen geprägt, den Osbourne bis heute fast wie eine Art Bruder verehrt. Obwohl Randy Rhoads gerade einmal zwei Alben mit Osbourne veröffentlicht hat, da er 1982 bei einem tragischen Flaugzeugabsturz ums Leben kommt, beeinflusst er in den folgenden Jahren zahlreiche Musiker.

Zu den absoluten Klassikern der Zusammenarbeit von Ozzy und Randy gehört zweifellos der Song "Crazy train". Der durchgedrehte Schrei im Intro mündet in ein fast fröhliches Riff, zu dem es sich vortrefflich springen lässt. Ein sagenhafter Ohrwurm, der einen nicht mehr loslässt. Bis heute DER Ozzy Signature-Titel und ein unsterblicher Heavy Metal Klassiker. Treibend, eingängig, melodisch - ein Meisterwerk. Doch es ist nicht das einzige Highlight auf einer außergewöhnlichen Platte.

Auch die Ballade "Goodybe to Romance", der erste Song, den Ozzy und Randy zusammen komponieren, hat auch 2011 immer noch Klassikerstatus und gehört fest zum Live-Repertoire. Hier tritt deutlich der Klassik-Hintergrund des Gitarristen zu Tage. Die Melodieführung ist sehr verspielt, fast barock. Man könnte sich die Begleitung auch gut mit einem Cembalo vorstellen. Ein für den Metal-Kontext der Band recht ungewöhnlicher Song, der sich jedoch perfekt in den Gesamtklang der LP einfügt.

Im Anschluss folgt ein kurzes Zwischenspiel auf der Akustik Gitarre namens "Dee", das ebenfalls sehr klassisch anmutet und den vorherigen Titel ausklingen lässt. Die veträumte Stimmung wird dann aber jäh unterbrochen, als das brachiale Riff von "Suicide Solution" aufschlägt. Der härteste Song der Platte beschäftigt sich mit Ozzys verzweifeltem Kampf gegen den Alkohol. Einige Jahre nach der Veröffentlichung wird der Sänger mit dem Tod zweier Jugendlicher in Verbindung gebracht, die sich nach dem Hören dieses Titels das Leben genommen haben sollen, da der Zwischenpart-von Ozzy nur als elektronische Spielerei gedacht-sie dazu getrieben haben soll. Die vom Staatsanwalt herausgehörte Aufforderung "Shoot Shoot" lässt sich letztlich nicht nachweisen und Ozzy wird freigesprochen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Kontroverse zählt auch dieser Song zu den großen Bandklassikern.

Doch damit nicht genug. Eingeleitet von einem bombastischen Keyboard Intro beschäftigt sich die kraftvolle Halb-Ballade "Mr. Crowley" mit dem unglücklichen Leben des Okkultisten Aleister Crowley. Das enthaltene Solo gehört vielleicht zu den Besten, die jemals im Metal Sektor veröffentlicht wurden. Eine verzweifelte, hoch-emotionale Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema. Grandios!

"No bone Movies" zieht im Anschluss das Tempo wieder etwas an. Dieser Titel fällt im Vergleich zu den drei Übersongs zuvor zwar etwas ab, ist aber dennoch von guter Qualität. Klingt insgesamt etwas traditioneller, ohne jedoch altbacken zu wirken.

Einen textlichen Vorgriff auf seinen späteren Welthit "Dreamer" (2002) wagt Ozzy in "Revelation (Mother earth)", einer dramatischen Anklage an die Menschheit. Eindringlich fleht der Sänger um Frieden auf Erden - im Gegensatz zu den oftmals Kriegs-und Gewaltverherrlichenden Inhalten konkurrierender Bands ist seit jeher die Forderung nach Frieden eine wichtige Thematik in Ozzys Texten. So auch hier.

Den Abschluss eines furiosen Solo-Debuts bildet schließlich der schnelle Kopfnicker "Steal away (the Night)", der noch einmal mächtig auf die Kacke haut. Auf der neu aufgelegten "Expanded Edition" des Albums findet sich zudem als Bonustrack der Song "You lookin' at me lookin' at you", die B-Seite der "Crazy train" Single. Auch diese Nummer muss sich vor den anderen keineswegs verstecken, hätte auch als eigenständiger Albumteil bestehen können.

Auf der remasterten Version von 2011 findet sich des Weiteren der "Guitar&Vocal Mix" von "Goodbye to Romance", der noch einmal eindrucksvoll die einzigartige Chemie zwischen Ozzy und Randy zeigt. Das Vermächtnis einer großartigen Freundschaft. Nach dem unspektakulären Instrumental "RR", auf dem Randy in einem etwas zu aufgedrehten Solo sein Können zeigt, endet schließlich die neu aufgelegte Version eines Metal Klassikers. Hatten bei der letzten Neuveröffentlichung 2002 noch Ozzys damalige Bandmitglieder Rob Trujillo und Mike Bordin aufgrund eines Rechtsstreites mit Daisley und Kerslake die Bass-und Schlagzeugspuren komplett neu eingespielt, gibt es nun endlich wieder die ursprüngliche Version der LP zu kaufen.

"Blizzard of Ozz" markiert den Beginn einer einzigartigen Solokarriere, die bisher 11 Alben hervor gebracht hat. Ozzy Osbourne gilt als erfolgreichster Solokünstler der Heavy Metal Szene und auf seinem Debut ist eindrucksvoll zu hören, warum er dazu geworden ist. Trotz vieler Aufs und Abs hat sich der sympathische Kerl aus einem Birminghamer Arbeiterviertel zu einer unbesiegbaren Konstante entwickelt, der man auch im neuen Jahrtausend liebend gerne beim Musizieren zuhört. Auch wenn keine der späteren Verbindungen mit seinen Musikern jemals wieder diese Tiefe und Genialität erreicht hat, wie die mit Randy Rhoads.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 29, 2013 6:36 PM MEST


Order of the Black
Order of the Black
Preis: EUR 19,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Volle Kanne auf die Zwölf, 9. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Order of the Black (Audio CD)
Als das achte Black Label Society Album "Order of the Black" 2010 erscheint, hat Bandkopf Zakk Wylde eine schwere Zeit hinter sich. Zunächst beendet Metal Legende Ozzy Osbourne nach über zwanzig Jahren die Zusammenarbeit mit dem zotteligen Flitzefinger aus den USA, dann muss Zakk auch noch aufgrund eines Blutgerinnsels stationär behandelt werden. Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus sucht sich der Meistergitarrist zwei neue Mitstreiter, wird in Will Hunt am Schlagzeug und John DeServio am Bass fündig und beginnt mit der Arbeit am Nachfolger zum 2006er Erfolgsalbum "Shot to hell".

Die 13 Songs auf "Order of the Black" bewegen sich textlich und musikalisch voll im Rahmen des Albumtitels. An jeder Ecke lauert die Apokalypse, die Reiter der Finsternis überziehen das Land, Beelzebub taucht auf und verlangt nach Unterwerfung oder Depressionen schleichen sich aus dem Hinterhalt an. Wie immer ist die ganze Angelegenheit nichts für zarte Gemüter - diesmal auch wieder was das Musikalische betrifft. Komponist Zakk Wylde zeigt sich fokussiert, driftet nicht wie so oft auf seinen Soloalben in uninspiriertes Geschrubbe ab, sondern hält die 13 Songs angenehm lebendig. Sicher, das Rad erfindet der Amerikaner auch auf diesem Album nicht neu, dennoch gehört es zu den besseren Black Label Society Veröffentlichungen. Im Gegensatz zum Vorgänger "Shot to hell", auf dem Zakk seine Wildheit noch in zähnefletschenden Midtempo Songs kanalisiert, machen er und seine Mitstreiter diesmal keine Gefangenen. Von Beginn an regiert erbarmungslos der Eisenhammer, die bösen Riffs werden dem Hörer wütend um die Ohren geknallt, es dampft und qualmt an allen Ecken. Besondere Highlights sind dabei die beiden brachialen Singles "Parade of the dead" und "Crazy horse" sowie der düstere "Overlord", das schwere "War of heaven" und das brutale, Double Bass getränkte "Godspeed Hellbound". Hier präsentiert sich der Komponist Zakk Wylde in Topform, genau so will man den bärtigen Hühnen hören: verschwitzt, wüst, ungezügelt. Besonders "Godspeed Hellbound" hat es mir angetan. Ein echt fetter Headbanger und schon jetzt ein Klassiker in der Bandgeschichte. Überhaupt ist das gesamte Werk wieder eher dem Metal zuzordnen, die Southern Rock Einschläge sind wenn, dann nur noch dezent hörbar.

Wie gewohnt haben Wylde und seine Crew auch dieses Mal wieder leisere Töne am Start. "Darkest Days" ist die obligatorische depressive Klavier Ballade, die einen sofort packt. Zakk Wylde ist niemand, der sich mit den ruhigeren Songs kalkulierte Verkaufserfolge erhofft, die Traurigkeit sprudelt direkt aus seinem Herzen.
"Time waits for no one" ist noch etwas langsamer, wartet mit einigen netten Harmonien auf, ist letztlich aber doch etwas zu belanglos. Das hat man vom knorrigen Waldschrat schon wesentlich inspirierter gehört.
Dass er es besser kann, beweist er mit der Abschluss Nummer "January". Knapp 2.30 Gänsehaut, ein trauriger, kleiner Song mit großem Refrain. Richtig stark! Auch "Shallow grave" hat seine Stärken.

Ansonten bewegt sich das Album im brachialen Midtempo, die Songs sind okay, aber nicht weltbewegend. Wie man das eben kennt von Black Label Society. Dennoch muss gesagt werden, dass Zakk Wylde dieses mal wesentlich weniger nervig nöhlt als sonst, seine Stimme klingt klar und kraftvoll. Über die gesamte Albumdistanz gesehen vielleicht die stärkste Gesangsleistung, die er bisher mit BLS gebracht hat. Auch die ansonsten etwas zu inflationär eingesetzte Gitarren-Quietscherei wurde diesmal songdienlich reduziert.

Zwar würde ich mich zu den Fans zählen (ich besitze alle Alben) doch als das Werk erschienen ist, habe ich es zunächst nicht gekauft, da es mich beim ersten Hören nicht wirklich überzeugen konnte. Doch wenn man dem Album Zeit gibt, hat es durchaus seine Stärken. Mehr als drei Sterne sind für Zakks ungestümen Rotz-Metal dennoch nicht drin, dazu sind die knapp 50 Minuten letztlich zu wenig abwechslungsreich. Gute Unterhaltung ist es allemal - mehr aber nicht. Aber das ist ja auch nicht schlecht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 3, 2014 10:36 AM CET


Kiske/Somerville (Limited Digi Edition)
Kiske/Somerville (Limited Digi Edition)
Preis: EUR 21,41

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Aufeinandertreffen zweier großer Stimmen, 13. Juni 2011
Die italienische Plattenfirma "Frontiers Records" ist seit mittlerweile mehr als 10 Jahren dafür bekannt, hochwertige Acts aus dem Melodic Rock/AOR Sektor unter Vertrag zu nehmen. Nicht selten handelt es sich dabei auch um namhafte Allstar Projekte wie z.B. W.E.T. oder Place Vendome, die oft eigens von Labelchef Serafino Perugino zusammen gestellt werden. 2010 hat er die Idee, ein Projekt von und mit Primal Fear/Sinner Bassist Matt Sinner ins Leben zu rufen. Der umtriebige Schwabe macht sich sofort ans Werk und komponiert eifrig Songs, für die Gesangsparts gelingt Serafino Perugino ein besonderer Coup: Neben der als Avantasia-Backgroundsängerin bekannten Amerikanerin Amanda Somerville holt der Italiener die Sangeslegende Michael Kiske ins Boot. Der Hamburger macht sich in den 1980er Jahren einen Namen als Frontmann der deutschen Melodic Metal Helden Helloween und singt unter anderem die beiden Klassiker Alben "Keeper of the Seven Keys Part 1+2" ein ehe es nach seinem Ausstieg Mitte der 90er und einer gefloppten Solokarriere ruhig wird um Kiske. Eine Zeit lang singt er sogar überhaupt nicht mehr und widmet sich verstärkt dem Verfassen teils anthroposophischer Schriften. Zudem wettert Kiske verstärkt gegen die Metal-Szene und deren Habitus und wird zu einem der großen Feindbilder.

Mit den Jahren verfliegt Kiskes Zorn aber etwas, er revidiert manche Ansicht und lässt sich immer wieder als Gastsänger auf diversen Metal-CDs hören. Ganz besondere öffentliche Beachtung findet seine Zusammenarbeit mit Edguy-Frontmann Tobias Sammet für dessen erfolgreiches Avantasia-Projekt. Auf allen fünf bisher veröffentlichten Werken der Allstar-Truppe fungiert Kiske als wichtiger Teil der Geschichte und wird von Sammet als wichtigstes "Band"-Mitglied bezeichnet. Aus der Arbeit mit Sammet kennt Kiske auch die Sängerin Amanda Somerville, der er aber bis zur gemeinsamen Zusammenarbeit mit Matt Sinner noch nicht persönlich begegnet ist.

Insgesamt 12 Kompositionen finden sich auf der Limited Edition des schlicht "Kiske/Somerville" betitelten Albums wieder. Wer hier ein klassisches Power Metal Album erwartet ist fehl am Platze: Die Songs bewegen sich im Rahmen melodischen AOR/Hard Rocks mit ganz leichten Metal-Einflüssen hier und da. Michael Kiske wird wohl nie wieder ein reines Metal-Album besingen. Doch auch in sanfteren Gefilden macht er seit Jahren eine blendende Figur, ganz besonders auf den beiden Alben mit der Band Place Vendome. An deren herausragende Qualität reicht "Kiske/Somerville" nicht heran, dennoch handelt es sich hier um hochwertiges Rock-Entertainment das man gehört haben sollte. Begleitet werden die beiden Hauptsänger Kiske und Somerville von der Rhythmus-Fraktion bestehend aus den Gitarristen Magnus Karlsson und Sander Gommans, Matt Sinner am Bass, Jimmy Kresic an den Keyboards, sowie den beiden Drummern Martin Schmidt und Ramy Ali. Allesamt angesehene Profis in der Melodic-Szene.

Der Opener "Nothing left to say" kommt erstaunlich belanglos und blutleer daher, auch Kiskes warme Wunderstimme kann den Song nicht retten. Besonders der nervige Refrain bleibt nachhaltig im Gedächtnis. Wieso ein derart schwaches Stück gleich zu Beginn steht, wird wohl für immer Matt Sinners Geheimnis bleiben. Deutlich besser klingt die vorab als Single veröffentlichte Nummer "Silence". Die Stimmen ergänzen sich perfekt, der Song schimmert edel, wenn auch etwas kitschig. Wer über diesen kleinen Makel hinweg sehen kann findet hier einen emotionalen, pathetischen Titel im wuchtigen Midtempo der durchaus ans Herz geht. Das zugehörige Musikvideo gibt es auf der Bonus-DVD der Limited Edition zu sehen. Gleiches gilt für "If I had a wish", das am ehesten in die Metal-Richtung eingeordnet werden kann. Trotzdem: Von härteren Helloween-oder Edguy Verhältnissen ist man hier weit entfernt. Nichts desto trotz eine gefällige und einprägsame Melodie, wie fast alles auf dem Album. Das Aushängeschild der CD. Hochprofessionell.

Die von Amanda Somerville mit ihrem Ehemann Sander Gommans geschriebene Nummer "Arise" kommt angenehm druckvoll und hart daher und ist die beste der drei auf dem Album befindlichen Songs aus der Feder der beiden. Doch die Highlights der Platte kommen noch. Dazu gehört zweifellos die dramatische Power-Ballade "End of the Road". Ein bombastischer Song, der beide Stimmen zur perfekten Symbiose verschmelzen lässt. Insgesamt der eindrucksvollste Song der CD. Fast eine kleine Rockoper.
Straighter rockt "Don't walk away", mein persönlicher Liebling des Albums. Eine Nummer die klingt als wäre sie aus einer der Place Vendome Sessions übrig geblieben. Positiv, sonnig, melodisch: perfekter AOR, der nie zu flach oder zu kommerziell klingt. Klasse!

Michael Kiskes Lieblingstitel der CD ist "A thousand Suns". Wieso, das erschließt sich mir nicht so ganz. Eine nette Nummer, mehr aber nicht. Ist mir etwas zu seicht.
"Rain" wiederum bewegt sich in den selben Bahnen wie "Don't walk away": ein zupackender Melodic-Rocker mit Killer-Refrain. Mein zweites Highlight. Ähnliches gilt für die wunderschöne verträumte Ballade "One Night burning". Hier überzeugt ganz besonders der große Refrain. Gänsehaut!
"Devil in her heart" zieht das Tempo wieder an, rockt amtlich, der dramatische Refrain bleibt im Ohr.
"Second Chance" gehört zu den auffälligsten Songs, besonders Kiske singt hier wirklich stark. Berührend. Hätte sich auch als Single gut gemacht.
Der Bonustrack "Set a fire" wartet zwar mit einem gewaltigen Riff auf, kann aber insgesamt nicht wirklich überzeugen. Etwas zu durchschnittlich.

"Kiske/Somerville" ist eine hochprofessionelle Angelegenheit. Die Songs sind gut bis hochklassig, die Band beherrscht ihren Job, die beiden Stimmen leisten überzeugende Arbeit, die Produktion ist kraftvoll und edel. Trotz einiger überragender Momente will letztlich aber der entscheidende Funke nie so wirklich überspringen. Man merkt dass es sich hier um ein reines Studioprojekt handelt und nicht um eine gewachsene Band. Dennoch muss gesagt werden, dass dieses Album in der obersten Liga der Frontiers Veröffentlichungen spielt. Perfekte Unterhaltung mit zwei herausragenden Stimmen. Eine CD, die man als Fan melodischer Rockmusik haben sollte. Der erhoffte kommerzielle Erfolg hat sich dennoch nicht eingestellt, trotz durchaus massentauglicher Arrangements. Leider ein weiteres Zeichen dafür, dass die hier präsentierte Musik ein unbeachtetes Nischendasein fristet, obwohl die Qualität stimmt. Umso wichtiger ist es, gute Musik aus diesem Bereich zu unterstützen. Das kann man mit dem Kauf dieser CD bedenkenlos tun.


Out of My Mind, Holy Water
Out of My Mind, Holy Water
Preis: EUR 10,98

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gelungenes Charity-Projekt, 26. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Out of My Mind, Holy Water (Audio CD)
All Star Bands, die sich für Wolhtätigkeitsprojekte zusammen finden, sind oft eine zwiespältige Sache. Zwar ist es meist eine Freude, hochkarätige Stars gemeinsam musizieren zu sehen (bzw. zu hören), doch andererseits bewegt sich die Qualität der Kompositionen meistens im überschaubaren Rahmen. Selten ragen die gemeinsamen Titel derart heraus wie z.B. das Michael Jackson All Star Projekt "USA for Africa", das mit "We are the world" in den 1980ern einen Welthit landete. In ähnlich erfolgreiche Sphären wird die hier vorliegende Charity-Single nicht vorstoßen, eine lohnenswerte Investition ist sie aber allemal. Und zwar weil beides stimmt: Besetzung und Qualität.

Aus der Taufe gehoben wurde das Projekt mit dem Namen "WhoCares" von zwei Namen, die eigentlich keiner Vorstellung mehr bedürfen: Sänger Ian Gillan (Deep Purple) und Gitarrist Tony Iommi (Black Sabbath). Gillan ist eine der besten Stimmen, die die zeitgenössische Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts jemals hervorgebracht hat (u.a. zu hören im überragenden Deep Purple Jahrhundertsong "Child in time") und Iommi gilt gemeinsam mit seiner Band Black Sabbath als Gründervater des Heavy Metal wie wir ihn heute kennen. Beide sind absolute Spitzenmusiker, seit vielen Jahrzehnten im Geschäft und zudem seit langer Zeit befreundet. Anlass für die Zusammenarbeit gab ein gemeinsamer Besuch in Armenien, während dessen man beschloss, den Aufbau einer ansässigen Musikschule sowie generell die dortigen Erdbebenopfer finanziell zu unterstützen. Aus diesem Anlass trommelten Gillan und Iommi im September 2010 namhafte Kollegen zusammen und spielten zwei nagelneue Songs ein, die nun auf der "Out of my mind" Single zu hören sind. Mit an Bord sind keine geringeren als Deep Purple Legende Jon Lord an den Keyboards, Ex-Metallica Bassist Jason Newsted, Iron Maiden Drummer Nicko McBrain, sowie HIM-Gitarrist Linde Lindström. Diese internationale Top-Besetzung setzt eine Gillan/Iommi Komposition um, die durchaus haften bleibt.

"Out of my mind" baut sich im wabernden Intro langsam auf, ehe ein markantes, urtypisches Tony Iommi Riff aufschlägt. Man meint es schon tausendmal gehört zu haben und doch klingt es kraftvoll wie eh und je. Gepaart mit Ian Gillans markanter Stimme sowie der gekonnten musikalischen Umsetzung der All Star Band entwickelt sich der Song zu einem durchaus gut hörbaren Hard Rock Ohrwurm, der zwar die ganz große Klasse nicht erreicht, aber dennoch überzeugen kann. Melodisch, stampfend, klassisch und doch nicht altbacken. Das breitbeinige Riff erinnert etwas an das vielzitierte Hauptthema des Led Zeppelin Klassikers "Kashmir". Ein interessanter Song, der bei weitem nicht so finster daherkommt wie Tony Iommi's letzter Output, das ultradüstere 2009er Album "The Devil you know" mit dem inzwischen verstorbenen Meistersänger Ronnie James Dio und der Formation "Heaven & hell", aber trotzdem ordentlich rockt.

Überraschenderweise wurde der zweite Song auf der Single, "Holy water", nicht von der selben Besetzung wie der Titeltrack eingespielt. Neben den Komponisten Iommi und Gillan wirken hier weitgehend unbekannte Musiker mit. An den zusätzlichen Gitarren sind Steve Morris und Michael Lee Jackson (schon auf Ian Gillan's Soloalbum "Gillan's Inn" dabei) zu hören, den Bass spielt Rodney Appleby, am Schlagzeug sitzt Randy Clarke und an der Hammond Orgel ein gewisser Jesse O'Brien. Als Gast ist zudem der armenische Musiker Arshak Sahakyan am Start, der das Songintro auf einem klassischen armenischen Duduk unter musikalischer Leitung von Ara Gevorgyan intoniert. Tatsächlich ist der zweite Track der Single auch der Spannendere. Das melancholische Intro atmet die traurige armenische Seele und leitet über in ein erneut brachiales Tony Iommi Powerriff, das trotz seiner Härte nicht nach klassischem Heavy Metal, sondern eher wie die durchaus modernen letzten Soloalben des Gitarristen klingt. Besonders herausragend ist hier der sehr eingängige, athmosphärische Refrain. Knapp 7 Minuten Gänsehaut, ein leicht experimenteller, melodischer und einfach sehr spannender Song. Erneut kein Überklassiker, aber eine sehr starke Komposition, die insgesamt etwas mehr zu fesseln vermag als das recht traditionelle "Out of my mind".

Als Bonus findet sich im Multimedia Teil der CD das Musikvideo zu "Out of my mind", das die Allstar Band im Studio zeigt, sowie eine rund 30 minütige Kurzdoku über den Besuch von Ian Gillan und Tony Iommi in Armenien. Sie bietet einen Einblick in das Land, dem ein Großteil der Einnahmen des Projektes zukommen und präsentiert dessen Bewohner als herzliche, kulturbegeisterte Musikfans, die den in Würde ergrauten Ian Gillan mit ihrer Art zu berühren vermochten. Die Begeisterung des Publikums beim Konzert des Sängers in Erewan, sowie dessen offensichtliches Vergnügen auf der Bühne lassen einen erahnen, dass es sich bei der gesamten Aktion um eine Herzensangelegenheit für den Engländer handelt.

Alles in allem ist die Single eine lohnenswerte Invesitition, weil man damit erstens eine gute Sache unterstützt und zweitens die ersten gemeinsamen Kompositionen von Gillan und Iommi seit dem einzigen gemeinsamen Black Sabbath Album "Born again" (1983) enthalten sind. Den beiden Altmeistern und langjährigen Freunden merkt man den großen Spaß des gemeinsamen Schreiben und Musikzieren im gereiften Alter (beide sind über 60) deutlich an. Herausgekommen sind zwei qualitativ hochwertige Titel, die bei weitem nicht so wüst und ungestüm klingen wie die gemeinsamen Black Sabbath Songs und auch im beeindruckenden Gesamtkatalog der beiden Ausnahmemusiker nicht besonders herausstechen, aber trotzdem beweisen, dass es auch für Legenden im Jahre 2011 noch durchaus eine musikalische Daseinsberechtigung gibt.

Einziges Manko: Die Single ist sowohl im Vertrieb großer Musikgeschäfte als auch hier bei amazon schwer zu kriegen. Wie da das geplante Geld eingenommen werden soll, ist mir nicht so ganz klar. Hoffen wir das Beste. Die Menschen in Armenien hätten es verdient.


Rhythmeen
Rhythmeen
Preis: EUR 7,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die wohl härteste ZZ Top Scheibe, 9. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Rhythmeen (Audio CD)
Als 1996 das zwölfte ZZ Top Album "Rhythmeen" erscheint, haben die drei Texaner bereits eine bewegte Karriere hinter sich. Billy Gibbons (Gesang, Gitarre), Dusty Hill (Gesang, Bass) und Frank Beard (Schlagzeug) starten ihre gemeinsame Karriere im Jahr 1970 mit der Single "Salt Lick" und dem ein Jahr später folgenden, treffend betitelten Debutwerk "First Album". Seitdem hat sich ihr Sound über die Jahre immer wieder verändert. In den 1970ern spielt die "Lil' ol' Band from Texas" ruppigen Blues und Boogie, veröffentlicht grandiose Alben wie "Tres Hombres" (1973), "Fandango!"(1975) oder "Deguello" (1979) und etabliert sich in der amerikanischen Rockszene. Zu Beginn der 1980er verändern die drei dann ihren Sound und erobern mit den Alben "Eliminator" (1983), "Afterburner" (1985) und "Recycler" (1990) den Mainstream Markt. Nun dominieren hämmernde Synthesizer und teilweise überladene Soundspielereien. Der Stilwechesel bringt ihnen unvergessliche Party Hits wie "Legs", "Gimme all your lovin", "Sleeping Bag" oder "Sharp dressed man" ein, deren Musikvideos zu großen Erfolgen werden und die Band weltweit zum Megasellern machen. ZZ Top erkennen bereits früh die Möglichkeiten, die ihnen ein Musiksender wie MTV bietet. Sie steigern mit ihren witzigen Videos gezielt ihre Popularität und werden - auch dank der charakteristischen Rauschebärte von Billy und Dusty - zu echten Kultfiguren. Nach dem "Greatest Hits" Album (1992) und dem letzten großen Hit "Viva las Vegas" unterzeichnen ZZ Top einen neuen Plattenvertrag bei RCA, der ihnen für 5 Alben satte 40 Millionen Dollar einbringt.

Mit dem Wechsel der Plattenfirma geht auch ein erneuter Stilwechsel einher. Auf "Antenna" (1994) werden die technischen Spielereien deutlich zurückgeschraubt, der erdige Blues und Hard Rock stehen wieder im Vordergrund. Das Album wird besonders in Europa ein Erfolg, die ganz großen Zeiten von ZZ Top sind aber vorbei. Das manifestiert sich vor allem in den Verkaufszahlen ihrer zwölften LP "Rhythmeen". Mit diesem Werk finden die drei Texaner endgültig zurück zu den Wurzeln. Schon der Titelsong macht zum Auftakt deutlich, wo die Reise hingehen wird. Das Schlagzeug groovt, der Bass rumpelt, die Gitarre rotzt und Billy Gibbons' raues Organ bekommt volle Entfaltungsmöglichkeiten. ZZ Top machen wieder das, was sie am Besten können: Grooven.
Der Albumtitel ist ein Neologismus aus dem Begriff "mean rhythm" (fieser Rhythmus) und trifft wie die Faust aufs Auge. Es knarzt und kracht in voller Lautstärke, härter haben ZZ Top nie geklungen. Die federnden "Bang Bang" und "Black Fly", beide von Billy Gibbons komponiert, lassen niemanden still sitzen. Sofort muss die Luftgitarre ausgepackt oder kräftig mitgewippt werden. Auch die Hooklines überzeugen restlos. Genauso hatten sich das die eingefleischten Fans der 70er Ära wohl seit 1983 gewünscht.

Die Single "What's up with that" schunkelt sich im kräftigen Boogie Rhythmus durch die Boxen und bleibt im Gedächtnis hängen. Dennoch ist heute, 14 Jahre nach Erscheinen des Albums, keiner der Songs aus "Rhythmeen" wirklich zum ZZ Top Klassiker avanciert. Das Zeug dazu haben die Titel allemal, allerdings fallen sie in eine schwierige Zeit, in der Blues Rock alles andere als en Vogue ist.

Heutzutage wiederum sehnt man sich regelrecht nach Großtaten wie z.B. dem "Vincent Price Blues". Was für ein dreckiges Riff! Ein urtypischer ZZ Top Blues, der sich staubtrocken in den Gehörgang frisst. Selten haben die drei so dunkel gegroovt. Man fühlt sich in Gedanken in einen zwielichtigen texanischen Nachtclub versetzt, ringsum qualmen die Könige der Unterwelt dicke Zigarren und leicht bekleidete Damen räkeln sich lasziv auf der Bühne. Und aus irgendeiner Ecke grinst einem Vincent Price verwegen entgegen. Ultracool!

"Zipper Job" legt im Anschluss tempomäßig einen Gang zu, die Thematik aber bleibt die Gleiche - es regieren die Zweideutigkeiten, stets verpackt in den coolen Sprachwitz des kauzigen Billy Gibbons. Der Track ist für mich ein echter Höhepunkt, die Band präsentiert sich feurig und spielfreudig.
Das flirrende "Hairdresser" erdrückt einen förmlich mit seiner kochenden Hitze, überzeugt letztlich aber nicht völlig. Die Hook wirkt etwas einfallslos, dennoch handelt es sich hierbei um Kritik auf sehr hohem Niveau.

Und dann das! "She's just killing me" ist wohl der wüsteste Track, den ZZ Top jemals veröffentlicht haben. Ein derart brutales Riff ist man als Fan nicht gewohnt. Trotzdem zündet der Song auf Anhieb. Filmregisseur Robert Rodriguez baut den Titel auf dem Soundtrack zu seinem Streifen "From dusk till dawn" mit Salma Hayek und George Clooney ein und führt höchstselbst Regie beim Videoclip zum Song. Leider ist auch diese Single kein Hit geworden, der Qualität tut das keinen Abbruch. Und dann biegt "Rhythmeen" auf die Zielgerade ein. Zwar ohne Pauken und Trompeten, dafür aber mit ordentlich Power.

"My mind is gone" wirkt auf den ersten Blick recht mittelmäßig, gehört für mich jedoch trotzdem zu den Höhepunkten des Albums, nicht zuletzt wegen seines arschgeilen Einstiegsriffs. Auch "Loaded" groovt amtlich und fügt sich nahtlos ins sehr positive Gesamtbild des Albums ein. Hier darf Bassist Dusty Hill auch mal ans Mikro und macht seine Sache sehr gut. Doch das Beste kommt noch.

"Prettyhead" ist ZZ Top pur. Grooviger kann man Boogie nicht spielen. Der Song schunkelt gemütlich und doch unglaublich kraftvoll daher und zaubert dem Hörer ein breites Grinsen aufs Gesicht. Billy packt die höheren Tonlagen aus und macht dabei eine sehr gute Figur. Der perfekte Soundtrack für einen sommerlichen Grillabend mit Freunden.

Was allerdings der krude und völlig verunglückte Abschlusssong "Hummbucking, Part 2" soll, wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben. Selten gab es einen derart nervigen Titel auf einem ZZ Top Album, weder das Riff noch die Hookline wollen zünden. Dieser schwache letzte Song lässt einen dann doch mit gemischten Gefühlen zurück und trübt den sehr positiven Gesamteindruck des Albums etwas. Hätten sie sich besser sparen sollen.
Trotz dieses Aussetzters lässt sich festhalten, dass es sich bei "Rhythmeen" um ein exzellentes und zu Unrecht vergessenes Juwel in der ZZ Top Discographie handelt. Billy raunzt herrlich dreckig ins Mikro, verblüfft einmal mehr mit grandiosen Riffs und Soli auf seiner Gibson Gitarre, Dustys Bass rollt filigran groovend daher und Frank Beards Drums haben nie wieder so knackig geklungen wie auf diesem Album. Das härteste Album der ZZ Top Geschichte gehört definitiv zu den musikalisch Besten.

"Rhythmeen" ist im Nachhinein gesehen ein verkaufstechnischer Flop gewesen, ZZ Top verschwanden mit diesem Album zunehmend in der Belanglosigkeit. Die großen Zeiten waren vorbei - zumindest was die Albenverkäufe betaf. Mit ihren Konzerten wiederum waren und sind die Texaner bis heute eine Institution. Die "Mean Rhythm Worldtour" führt ZZ Top erstmals auch nach Afrika, wo sich Bassist Dusty Hill eine Hepatitis C Infektion holt, die ihm noch lange gesundheitliche Probleme bringen soll. Daruas resultiert damals das Gerücht, die Band stünde kurz vor der Auflösung. Doch Dusty erholte sich von der Erkrankung und Billy, Dusty und Frank sind bis heute in unveränderter Besetzung im Geschäft. 2011 steht der 40. Geburtstag ihres Debutwerkes an und wer weiß - vielleicht gibt es zu diesem Anlass ja den Nachfolger zum bisher letzten, sehr starken Studioalbum "Mescalero" (2003). Es wäre zu wünschen, denn die "Lil' ol' Band from Texas" gehört nicht nur live in die Rockszene wie der Löffel zur Suppe.


Best of-Anniversary Edition
Best of-Anniversary Edition
Preis: EUR 14,22

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Titel "Best of" nicht unbedingt zutreffend, 23. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Best of-Anniversary Edition (Audio CD)
Best of Alben sind immer eine zwiespältige Sache, besonders im Bereich der (härteren) Rockmusik. Zu oft wird der Anschein erweckt, dass es Plattenfirmen und Künstlern mit einer solchen Veröffentlichung einzig um bloßes Abkassieren geht. Auch Axel Rudi Pell's "Best of - Anniversary Edition" aus dem Jahre 2009 scheint in diese Kategorie zu fallen. Inwiefern der blonde Gitarrist aus Bochum - Wattenscheid bei der Titelzusammenstellung oder generell der Veröffentlichung der CD ein Mitspracherecht besaß oder nicht, ist mir nicht bekannt. Der Gedanke dahinter allerdings ist nachvollziehbar: Zwanzig Jahre nach dem Debutalbum "Wild Obsession" sollte mit einer Zusammenstellung der größten Songs Jubiläum gefeiert werden.

Da mit "The Wizard's Chosen few" 2000 bereits eine Greatest Hits - Sammlung erschienen ist, welche die ersten zehn Schaffensjahre abdeckt, steht nun die Ära um Sänger Johnny Gioeli im Fokus. Alle zwölf Songs werden von ihm gesungen und stammen aus der Zeit ab dem 1998er Werk "Oceans of time".

Die Songauswahl für ein Best of ist eine schwierige Angelegenheit, man wird niemals jeden Fan zufrieden stellen können. Dass die Qualität der ausgewählten Songs im vorliegenden Fall durchweg hoch ist, steht jedoch außer Frage. Titel wie etwa "Carousel", "The Masquerade Ball", "Mystica" oder "Oceans of time" sind absolute Meisterwerke des epischen Melodic Metal. Sie brillieren mit spektakulärer Stimmführung, großen Refrains und nicht zuletzt der beeindruckenden Gitarrenarbeit von Bandkopf Axel Rudi Pell. Ein ums andere Mal gelingt es ihm, mit seiner Formation eine unglaubliche dichte, emotionsgeladene Athmosphäre zu schaffen. Lediglich das schwache "The Edge of the world", als Opener platziert, hätte man weg lassen können. Doch die anderen zupackenden Rocker wie "Strong as a Rock", "Tear down the walls", "Ain't gonna win" oder "Rock the Nation" wissen zu überzeugen. Das Zusammenspiel von Pell's Gitarre mit Gioeli's meisterhafter Stimme ist in dieser Form einzigartig und bescherte dem Blondschopf über die Jahre eine solide Fanbasis auf der ganzen Welt. Er ist mit seiner Band auf den größten Festivals am Start und erzielt sehr passable Verkaufserfolge mit seinen Alben.

Im nun zwanzig Jahre währenden Bandkatalog von Axel Rudi Pell findet sich mit "Diamonds unlocked" (2007) auch ein reines Coveralbum. Dieses wird bis heute kontrovers diskutiert, hat in der Fanszene einen schweren Stand, obwohl es meines Erachtens einige wirklich gute Neuinterpretationen enthält. Daher erscheint es manchem Fan befremdlich, dass mit dem exzellenten U 2 Cover "Beautiful day" und dem Phil Collins Hit "In the air tonight" gleich zwei Nummern aus besagtem Opus den Weg auf das Best of gefunden haben. Ich finde, dass beide Tracks durchaus ihre Berechtigung im mit Klassikern gespickten Songaufgebot haben.

Das Fehlen von komplett neuem Material lässt darauf schließen, dass "Best of - Anniversary Edition" eher das Projekt der Plattenfirma ist. Nicht zuletzt aufgrund des moderaten Preises bietet die Zusammenstellung dennoch einen ordentlichen Überblick über die letzten zehn Pell - Jahre und kann jedem Neueinsteiger durchaus empfohlen werden - trotz der unglücklichen Tracklist, die manche Großtat ignoriert. Deshalb gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.

Wer lieber neue Kompositionen des Gitarrenwizards und seiner Mitstreiter hören möchte, dem sei das im April 2010 erscheinende mittlerweile 14. Album "The Crest" empfohlen. Für alle anderen gibt es das etwas lieblos zusammengestellte, aber musikalisch exzellente "Best of - Anniversary Edition".


The Spirit Never Dies
The Spirit Never Dies
Preis: EUR 18,13

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Geist aus der Maschine, 9. März 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Spirit Never Dies (Audio CD)
Wenn im Dezember 2009 das neue Album eines zu diesem Zeitpunkt bereits 11 Jahre verstorbenen Künstlers erscheint, muss es sich entweder um etwas Besonderes handeln, oder eine Plattenfirma möchte schlicht noch einmal abkassieren. Falco's zehntes Studioalbum "The Spirit never dies" stellt wohl eine Mischung aus beiden Faktoren dar. Von den zwölf enthaltenen Songs sind lediglich fünf bisher gänzlich unbekannt, um sie herum wurde versucht, ein rundes Gesamtwerk zu schaffen.
Die 1987 im Zuge der Sessions zum fünften Falco - Album "Wiener Blut" aufgenommenen Titel wurden damals von der Plattenfirma für nicht tauglich erachtet und verstaubten so über zwanzig Jahre in einem Frankfurter Tonstudio. Erst 2009, als das Studio im Zuge eines Wasserrohrbruches geräumt werden musste und dem damaligen Produzenten Gunther Mende die alten Bänder zugeschickt wurden, erinnerte sich dieser daran und entschied sich zur Veröffentlichung. Hierfür schickte man die analogen Mutterbänder nach London, wo sie in einem Inkubator erhitzt wurden. Dieses Verfahren machte es möglich, sie noch ein paar Mal abzuspielen und die Musik so für die Nachwelt zu konservieren.

Tatsächlich beließ es Mende im großen und ganzen dabei, die Originalaufnahmen inhaltlich nicht zu bearbeiten und lediglich den Sound modernen Standards anzugleichen. Nur Intro und Outro sind Neukompositionen, sollen dem Gesamtprodukt einen Rahmen geben, es stimmig wirken lassen. Doch diese Rechnung geht nicht ganz auf. "The Spirit never dies" wirkt mehr wie eine Bonustrack - Compilation.

Nach dem Mende/Ries Intro "Return to forever" ersteht der Wiener Weltstar Falco mit "Nuevo Africano" zum ersten Mal wieder auf. Und das auf interessante Weise. Der pumpende Beat und der eingängige Refrain machen den Track zu einem durchaus hörenswerten Vermächtnis, das auch für heutige Verhältnisse erstaunlich modern und frisch klingt. Doch gleich im Anschluss beginnt die Best of Show.

Im Vorfeld der Albumveröffentlichung wurde besonders mit dem bisher verschollenen dritten Teil der "Jeanny" - Trilogie, dem Titelsong "The Spirit never dies", als "Musikhistorische Sensation" geworben. Dem Anlass entsprechend drehte Haus - und Hofregisseur Rudi Dolezal dazu ein nostalgisches Musikvideo, in dem auch Falcos Ex - Freundin Caroline Perron zu sehen ist. Ihren Platz auf der LP findet diese erste Single, die dank iTunes zu einem Erfolg wurde, als Abschluss der beiden vorher platzierten ersten "Jeanny" Teile. Diese Geniestreiche waren 1985 und 86 Nummer Eins Hits in den Deutschen und Österreichischen Charts gewesen. Ihrem Anspruch wird der dritte Teil in keiner Weise gerecht.

"The Spirit never dies" ist ein eingängiger, etwas aufgeblasener Popschlager. Von der "Sensation" ist das Liedchen meilenweit entfernt, besonders im direkten Vergleich mit den beiden Bolland - Kompositionen fällt der dritte Teil sowohl musikalisch als auch textlich deutlich ab.

Aus der historischen Perspektive betrachtet ist der Titel dennoch interessant, fiel er doch in eine schwierige Zeit. Falco wollte nach (Welt)Hits wie "Der Kommissar", "Rock me Amadeus", "Vienna Calling", "Jeanny" oder "The Sound of Musik" seinen Sound verändern, weg vom Rap, hin zu mehr Gesang. Doch der Plattenfirma sagte das nicht zu, sie lehnte die Hälfte der Songs, die Falco mit Mende und De Rouge aufgenommen hatte, ab und holte die niederländischen Erfolgsproduzenten Rob und Ferdi Bolland zurück ins Boot. Diese steuerten die ersten sechs Titel zur 1988 erschienenen LP "Wiener Blut" bei, während Mende und De Rouge nur vier Songs auf dem Endprodukt blieben. Ihr Vorhaben, das Album "AYA" zu taufen und als Single das unscheinbare "Sand am Himalaya" zu veröffentlichen, scheiterte kläglich. Am Ende Stand der Titelsong "Wiener Blut" als veritabler Hit, sämtliche weitere Singles stammten aus der Feder von Bolland und Bolland.

23 Jahre nach dieser Schmach ist es Gunther Mende nun also gelungen, der Öffentlichkeit zu zeigen, wie Falco 1988 auch hätte klingen können.
Zum Beispiel wie auf "Que pasa hombre". Eingefleischten Falco - Fans bereits aus dem bisher letzten posthumen Album "Verdammt wir leben noch" aus dem Jahr 1999 in einer überarbeiteten Fassung bekannt, klingt die Urversion dieses Titels etwas weniger technolastig und weiß durchaus zu überzeugen. Ein feuriger Track, der erst in letzter Minute nicht auf "Wiener Blut" berücksichtigt wurde. Ähnlich ging es "Poison". 1999 auf "Verdammt wir leben noch" von Falcos langjährigem Bandleader Thomas Rabitsch als bewegende Ballade inszeniert, ist die Erstfassung eher als hymnischer Midtempo - Track angelegt. Auch in dieser Version ein absoluter Geniestreich, auf dem sich Falco textlich und gesanglich in Topform präsentiert. Hätte sich auch als Single nicht verstecken müssen. Es bleibt mir unverständlich, warum man eine derart starke Komposition 1988 ablehnte.

Anders verhält es sich mit "Sweet Symphony". Dieser Titel, größtenteils von Falco's Ex - Manager Horst Bork ("HoBo") und Gunther Mende geschrieben, kommt über den Status "Mittelmaß" nicht hinaus. Es fehlt das gewisse Etwas. Die wohl schwächste Komposition der LP.

"Kissing in the Kremlin" wiederum zeigt Falco von seiner besten Seite und wurde zurecht als zweite Single mit einem Video bedacht. Es groovt und fetzt an allen Ecken und Enden, der Refrain und das leidenschaftliche "Aya ya" brennen sich in den Gehörgang. Ein echter Klassiker, um den es schade gewesen wäre, wenn er der Nachwelt nicht zu Ohren gekommen wäre. Schon alleine für diesen Track lohnt es sich, das Album zu kaufen.

Auch "Dada love" ist auf hohem Niveau angesiedelt. Die Rap - Parts kommen geschmeidig wie eh und je daher. Ein interessantes textliches Experiment, das voll aufgeht. Es scheint nun endlich loszugehen, die Platte nimmt richtig Fahrt auf. Doch dann ist sie auch schon wieder vorbei. Der "Special Mix" des Titelsongs, der in Verbindung mit dem Outro "Forever" den Abschluss bildet, ist sowas von überhaupt nicht "Special". Es handelt sich um die Originalversion des Songs, lediglich mit einem wenige Sekunden langen Intro versehen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der 1998 bei einem Autounfall tödlich verunglückte Wiener Hans Hölzel, der als "Falco" die Welt eroberte, sowohl als Musiker wie auch als Persönlichkeit einzigartig war und dass dem deutschsprachigen Musiksektor durch seinen Tod weiterhin ein interessanter Farbtupfer fehlt. Es bleibt aber auch die Erkenntnis, dass manche Aufnahmen zurecht bisher nicht veröffentlicht wurden.

Falco's langjähriger Manager Horst Bork, der fast zeitgleich zu "The Spirit never dies" die Biografie "Falco - Die Wahrheit" auf den Markt bringt, brüstet sich darin, über die Jahre als wichtiges Inputorgan für manchen Text fungiert, ja sogar viele Lyrics auf dem vorliegenden Album selbst verfasst zu haben. Das merkt man. Besonders der hochgelobte Titelsong, dessen Text aus Borks Feder stammt, ist sehr Falco - untypisch und macht aus dem Pop - Giganten von einst einen belanglosen Schlagersänger. Umso bemerkenswerter erscheinen in der Rückschau die Texte der Debutalben "Einzelhaft" (1982) und "Junge Römer" (1984), welche Falco in Eigenregie verfasste. Er war ein Genie, das mit gerade einmal vierzig Jahren jäh aus dem Leben gerissen wurde.

Sein bereits drittes posthumes Album "The Spirit never dies" erreicht in Österreich Platz 1, in Deutschland Platz 3 der Charts und hievt Falco dorthin zurück, wo er hingehört: In den Pop Olymp.


The Devil You Know
The Devil You Know
Preis: EUR 4,99

26 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Musik vom Metal Olymp, 23. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: The Devil You Know (Audio CD)
Zu Beginn meiner Rezension wage ich einen Blick zurück ins Jahr 1995. Damals ist die britische Metal - Legende Black Sabbath am Ende. Das bis heute letzte Studioalbum "Forbidden" erscheint, nach der darauffolgenden Tour löst Gitarrist und Gründungsmitglied Tony Iommi die Band auf. Seit 1970 hat man 18 Alben mit 5 verschiedenen Sängern veröffentlicht, welche Musiker aller Generationen beeinflusst und geprägt haben. Zwar erscheint 1998 die Live Doppel - LP "Reunion" mit 2 Studio Bonustracks und Ursänger Ozzy Osbourne am Mikrofon, jedoch ist diese lediglich als Dankeschön an die Fans gedacht. Zu Beginn des neuen Jahrtausends begibt sich die Urformation von Black Sabbath mit Produzent Rick Rubin ins Studio, um eine neue LP einzuspielen. Sämtliche Bemühungen verlaufen allerdings im Sande und so dauert es bis ins Jahr 2007, ehe neues Songmaterial zu hören ist. In der Besetzung der Alben "Heaven and hell" (noch ohne Appice), "Mob rules" und "Dehumanizer" spielen Black Sabbath drei neue, enorm starke Songs für die Compilation "The Dio years" ein. Im Anschluss geht es unter dem neuen Bandnamen "Heaven & hell" auf große Welttour, in deren Rahmen das einst zerstrittene Quartett entscheidet, ein komplettes neues Studioalbum in Angriff zu nehmen.

So wird, was kaum ein Metal - Fan jemals für möglich gehalten hätte, 2009 schließlich Wirklichkeit: Das erste offizielle Studioalbum einer ehemaligen Black Sabbath Formation seit 14 Jahren erscheint. Trotz geändertem Bandnamen wird im Titel des Werks deutlich, wer hier am Werk ist: "The Devil you know". Vier Legenden der Metal Szene geben sich die Ehre. Mit dabei sind die Sabbath - Gründer Tony Iommi (Gitarre) und Geezer Butler (Bass) sowie der charismatische und in Würde gealterte Meistersänger und Ozzy - Nachfolger Ronnie James Dio. Ihnen assistiert, wie schon beim letzten gemeinsamen Werk "Dehumanizer" (1992) Vinny Appice am Schlagzeug. 17 Jahre nach dem großen Streit und der scheinbar endgültigen Trennung der Band liegen 10 neue Songs vor, die an Intensität kaum zu überbieten sind. Die in den "Rockfield Studios" in Wales aufgenommenen Titel atmen auch 40 Jahre nach der Gründung von Black Sabbath deren typische Markenzeichen.

Den Einstieg macht die düstere Elegie "Atom and evil". Ein schwerfälliges und zähes Doom - Stück, welches sich mit der Zeit zu einer eindrucksvollen Hymne steigert und Dio's grandioser Stimme Raum zur Entfaltung gibt. Kaum zu glauben dass dieser Mann bereits stolze 67 Jahre auf dem Buckel hat. Immer noch schafft er es den Hörer vom ersten Moment an zu fesseln, ihn auf eine 54 minütige Reise in tiefschwarze Gefilde voll Schmerz und düsterer Visionen zu locken.
Zwar wirkt "Atom and evil" als Opener zunächst etwas deplatziert, entwickelt aber nach mehrmaligem Hören eine ungeheure Kraft und Stärke. Ein brillanter Auftakt.
Der zweite Titel "Fear" zieht das Tempo etwas an, ohne jedoch wirklich abzuzischen. Insgesamt gesehen solide, aber wenig spektakulär. Auch der ungewöhnlich intonierte Refrain wirkt zunächst nicht stimmig. Doch dieser Titel gewinnt mit jedem Durchlauf, auch aufgrund des Textes.

Dieses Problem besitzt "Bible Black" nicht. Die Vorabsingle ist ein wahres Meisterwerk düsterer Musik und versprüht schon beim ersten Hören eine unglaubliche Magie. Nach dem melancholischen Intro schlägt ein unverkennbares Iommi - Monsterriff auf. In diesem kraftvollen, majestätischen Stück wirken alle vier Musiker auf einzigartige Weise zusammen und kreieren einen modernen Heavy Metal Klassiker. Der poetisch verklärte Text hinterlässt ebenfalls eine nachhaltige Wirkung und erhebt "Bible Black" zum herausragenden Epos der LP. Man wird sofort in den Bann gezogen und treibt die gesamten sechseinhalb Minuten hypnotisiert mit.

Straighter rockt "Double the Pain". Ein fieses Riff, vergleichbar mit dem des 92er Songs "I", trägt diesen Titel. Druckvoll, mächtig und mit interessantem Bass - Intro versehen walzt sich der Titel in den Gehörgang.

Bis zu diesem Punkt klingt das Album recht traditionell, was aber nicht negativ gemeint ist. Der Eindruck ändert sich geringfügig mit "Rock and Roll Angel". Das Einstiegsriff klingt erfrischend melodisch und ungewöhnlich, entlädt sich dann in einen Midtempo Part, ehe schließlich der melodische Chorus die brachiale Spannung aufhebt. Besagter Refrain sticht für mich durch seine einzigartig berührende Melodieführung und Dios eindringlichen Gesang heraus. Eine wahre Hymne und für mich einer der Höhepunkte. Wohl der eingängiste Moment einer ansonsten eher sperrigen LP.

Erstaunlich filigran geht es mit "The Turn of the Screw" weiter. Ein elegant groovender Kopfnicker, der jedoch, wie bereits die fünf Titel vor ihm, das Midtempo nicht verlässt. Eingängig und kompakt.

Als man es nicht mehr erwartet nehmen die Metal Legenden dann doch noch Fahrt auf. "Eating the Cannibals" ist der kürzeste und schnellste der 10 Tracks. Wüst fegt er durch die Boxen, erinnert stark an frühere Heldentaten der Marke "Neon Knights", "The Mob rules" oder "TV Crimes". Ein wahres Kleinod, welches im ansonsten eher schleppenden Gesamteindruck des Albums eine wohltuende Duftmarke setzt. Ungewöhnlich wirkt die Platzierung des ersten wirklichen schnellen Titels an Position 7 dennoch.

Als man sich gerade auf erhöhtes Tempo einstellt, kriecht das pechschwarze "Follow the tears" fies grinsend daher. Eingeleitet von einem gespenstischen Intro mit Orgel und Chorpassagen schlägt ein Riff auf, wie es nur Tony Iommi kreieren kann: tonnenschwer, ultradüster und mit einer beängstigenden Intensität beladen. Diese zweite Single erzeugt Gänsehautmomente und das obwohl der Refrain höchstens mittelmäßig wirkt. Brachialer, dunkler und böser geht es nicht. Ein Meisterwerk.

Auch wenn "Neverwhere" die Handbremse wieder etwas lockert vermag es nicht restlos zu überzeugen. Ein gefälliger Song mit gutem Riff, der im Gesamteindruck allerdings leicht abfällt und seinen stärksten Moment im zweiten Refrain aufweist.

"Das kann noch nicht alles gewesen sein" denke ich mir im Stillen nach 9 beeindruckenden Titeln. Und tatsächlich folgt die Krönung zum Schluss.
Gesangsmagier Dio entführt ein letztes Mal auf eine poetisch-verklärte Reise. Diesmal dient als Schauplatz das Paradies, in welchem Engel einen Aufstand planen. "Breaking into heaven" heißt das längste und intensivste Stück des Albums. Fast statische Lavariffs drücken sich zäh nach vorne und scheinen die Boxen komplett auszufüllen, bis Dio im majestätischen, stolzen Refrain ein Album verdelt, welches einmal mehr eindrucksvoll bezeugt, dass es nur eine wahre Metal - Legende gibt. Eine beeindruckende Gesangsleistung wie man sie nur von Dio zu hören bekommt. Kein anderer Sänger im Metal - Bereich vermag derart zu berühren. Seine stimmliche Kraft ist auch im hohen Alter noch vorhanden und er schafft es, durch Variation und sein dunkler gewordenes Timbre seinem Gesamtklang eine neue, interessante Note zu geben.

"The Devil you know" ist ein Meisterwerk geworden, welches den harten, kalten Stil von "Dehumanizer" mit den melodischen Teilen von "The Mob rules" verbindet. Die Lyrik bewegt sich im Bereich sozialkritisch bis metaphorisch dunkel, gekleidet in die poetische Sprachgewandtheit von Texter Ronnie James Dio. Ihm sind einige seiner stärksten Texte gelungen. Zudem kann auch das finstere Cover überzeugen, welches die enthaltene Lyrik in eine passende Bildsprache transferiert.

Als Fazit bleibt: Wer bereit ist, sich auf eine emotionale Reise in menschliche Abgründe einzulassen, wird mit "The Devil you know" bestens bedient. Die Musik berührt die dunklen Seiten der Seele und erzeugt gerade deshalb ganz besondere Momente.

Im April 2009 meldet sich eine Band zurück, deren musikalische Genialität nicht in Worte zu fassen ist. Nichts desto trotz lässt sich nach dem ersten Hören auch Kritisches anmerken. Das Album wirkt an manchen Stellen zu doomig und schwerfällig und die eine oder andere Hookline zündet nicht auf Anhieb. Doch genau darin liegt seit jeher die Herausforderung bei Black Sabbath Werken: Sie benötigen Zeit. Man muss sich mit ihnen beschäftigen, in das Bandeigene Musikuniversum eintauchen. Erst dann kann man die wahre Tiefe der Songs entdecken.
"The Devil you know" ist nicht das beste Sabbath Werk geworden, kann im Gesamtkatalog der Band allerdings durchaus als Ausrufezeichen herausstechen. Danke an diese vier Grand Segnieurs des Genres. Ein bewegendes Stück Musikgeschichte. Und das 40 Jahre nach Bandgründung. Diese Band steht für den Metal wie keine Zweite, erst recht im Jahre 2009.

Es bleibt zu hoffen, dass Sänger Ronnie James Dio seine Krebserkrankung durchsteht und seine einzigartige Stimme noch das eine oder andere Mal auf einem Album zu hören sein wird. Ich wünsche ihm nur das Beste.
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