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STB "Ozzy-Freak"

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Purpendicular
Purpendicular
Preis: EUR 11,41

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Frischzellenkur eines Hard Rock Giganten, 28. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Purpendicular (Audio CD)
Als Deep Purple 1996 mit ihrem fünfzehnten Studio-Album "Purpendicular" aufschlagen, sorgen sie für einigen Wirbel in der Hard Rock Szene. Es ist der erste Studio-Einsatz für Steve Morse, den Nachfolger des drei Jahre zuvor gefeuerten Ausnahme-Gitarristen Ritchie Blackmore. Der neue Mann, ein Amerikaner, ist weitaus weniger extrovertiert, dafür aber mindestens genauso technisch versiert wie sein Vorgänger. Er hat Gitarre studiert, früher bei Dixie Dregs und Kansas gespielt und passt somit fachlich perfekt in die Band. Dennoch hat er bei den Fans zunächst einen schweren Stand. Bereits seit 1994 ist er festes Mitglied, doch erst mit "Purpendicular" gelingt es ihm, den Großteil der Anhänger zu überzeugen. Das liegt vor allem an seiner beeindruckenden, funkensprühenden Spielfreude. Die bewirkt bei den alten Recken Ian Gillan (Gesang), Jon Lord (Keyboard), Roger Glover (Bass) und Ian Paice (Schlagzeug) nach deren letztem, gutklassigen aber vorhersehbaren Album "The battle rages on" (1993) eine wohltuende Frischzellenkur. "Purpendicular" groovt an allen Ecken und Enden und wartet mit vielen hörenswerten Ideen auf.

Der "neue" Sound bewegt sich deutlich in Richtung Blues Rock, bietet aber auch herrlich melodische Elemente. Zum Einstieg schwingt Morse in "Ted the Mechanic" gleich mal die Axt. Ultraschnelle Poser-Passagen sind seine Sache nicht. Er spielt vom ersten Ton an songdienlich. Und wie! Was für ein trockenes Stakkato-Riff! Über die Jahre hat sich der breitbeinige Heavy Blues um den Mechaniker Ted zu einem unverzichtbaren Live-Klassiker entwickelt. Es ist kaum zu glauben, aber nach fast 30 Jahren im Geschäft gelingt es einer Legende noch einmal zu überraschen. Besitzstandsverwaltung klingt anders. Das hier ist deutlich hörbare, ungezügelte Experimentier- und Spielfreude. Verleitet sofort zum energischen mitgrooven. Ganz nebenbei schüttelt sich der neue Gitarrist ein wirklich geschmeidiges Solo aus dem Ärmel. Besser kann man kaum in ein Album einsteigen.

"Loosen my Strings" hält im Anschluss das vorgelegte Top-Niveau. Es strotzt nur so vor eleganten Melodiebögen und beinhaltet ein unvergesslich gefühlvolles Solo. Das ist Rockmusik in absoluter Perfektion, wie sie nur ganz, ganz wenige Bands auf diesem Planeten erreichen. Ian Gillan präsentiert sich in den Strofen druckvoll und kräftig, ehe er im Refrain in höhere Stimmlagen wechselt. Die sechs Minuten werden nie langweilig und fesseln stets aufs Neue. Meisterhaft inszenierter Gefühls-Rock, der sofort in seinen Bann zieht. Die stärkste Nummer der gesamten Platte.

Mit dem satten "Soon Forgotten" leben Deep Purple dann ihre etwas progressivere Seite aus. Der Refrain ist spannend aufgebaut, das Keyboard knarzt heftig, aber so richtig will mich das ganze nicht packen. Ein guter Song - mehr aber nicht.

Außergewöhnlich wird es dann mit der Halb-Ballade "Sometimes I feel like screaming". Ian Gillan brilliert einmal mehr mit seiner unvergleichlich charismatischen Stimme und Steve Morse umgarnt diese mit einem erneut herrlich melodischen Gitarrenthema. Im Chorus schraubt sich dann die gesamte Truppe empor zu einem eingängigen Höhepunkt des Albums. Richtig stark.

Im Vergleich dazu wirkt "Cascades: I'm not your lover" vom Aufbau her recht klassisch. Nach verträumtem Intro schiebt sich ein sattes Riff in den Vordergrund. Eindeutige Reminiszenz an alte Tage inklusive eines entfesselten Jon Lord. Das krawalligste der zwölf Stücke auf "Purpendicular" macht ebenso viel Spaß wie alle anderen.

Mit dem eskapistischen Hilfeschrei "The Aviator" überraschen Deep Purple im Anschluss erneut. Ein derartiges Soundgewand würde man eher vom mittlerweile im BaRock angekommenden Richtie Blackmore erwarten. Das hier klingt wie ein keltischer Folklore-Song, bloß ohne Dudelsäcke. Glasige Akustik-Gitarren und ein eingängiger Chorus, der nie kommerziell überladen wirkt. Ein weiteres Highlight und ein angenehmer, andersartiger Farbtupfer.

"Rosa's Cantina" bietet im Anschluss fünf Minuten puren Groove. Sagenhaft. Zu keinem anderen Purple-Stück lassen sich vortrefflicher die Glieder schütteln. Nicht einmal 70er Hits der Marke "Hush" und "Black Night" können diesbezüglich mithalten. Für den Südstaaten-Einschlag ist Steve Morse verantwortlich. Seine britischen Mitstreiter zeigen, dass sie sich auch in diesem Metier gekonnt zu bewegen wissen. Einfach nur geil.

Der stampfe Heavy-Blues "A castle full of Rascals" bietet Schlagzeuger Ian Paice einmal mehr die perfekte Bühne. Seine Leistung auf dem Album ist eindrucksvoll. Obwohl seine Parts nicht besonders anspruchsvoll sind und er sicherlich deutlich mehr kann, legt er große Spielfreude an den Tag. An einigen Stellen hätte die etwas klatschige Snare allerdings voluminöser sein dürfen. Das mindert die Leistung aber nur marginal.

In "A touch away" tritt dann wieder das Kollektiv in den Vordergrund. Die Halb-Ballade tänzelt grazil vor sich hin und die Band gibt sich entspannt und selbstsicher. "Light as a feather" eben. Perfektes Timing in Verbindung mit leichtfüßiger Ruhe, die beim Zuhörer ein Gefühl tiefer Zufriedenheit erzeugt. Besonders geeignet für sommerliche Cabrio-Fahrten. Stark.

Mit "Hey Cisco" geht es deutlich rabiater weiter. Krachende Double Bass und ein gefährlicher Basslauf von Roger Glover.

Leidiglich "Somebody stole my guitar" lässt die ganz großen Ideen etwas vermissen. Solider Hard Rock, mehr nicht.

Gleiches gilt auch für den abschließenden "Purpendicular Waltz".

Trotz des etwas durchschnittlichen Endes ist "Purpendicular" alles in allem ein richtig starkes Album. Vielleicht der bislang letzte echte Klassiker der Rock-Dinos. Die nachfolgenden "Abandon" (1998), "Bananas" (2003) und "Rapture of the deep" (2005) erreichen nur in Ansätzen eine ähnliche Dichte an Klassesongs. Mitte der 90er beweisen Deep Purple, dass sie inmitten eines veränderten Rock-Umfeldes bestens bestehen können. Das verdanken sie vor allem dem Einstieg von Steve Morse. Mittlerweile ist er nicht mehr wegzudenken und beeinflusst den Band-Sound maßgeblich.

Nach dem Tod von Jon Lord gehen die verbliebenen Mitglieder (mit Ausnahme von Morse) stramm auf die 70 zu. Wenn die Gerüchte stimmen, werden Fans noch 2013 ein letztes Studio-Lebenszeichen der Hard Rock Legenden zu hören bekommen. Man darf gespannt sein, was sie im 21. Jahrhundert nach dann über 45 Jahren im Geschäft musikalisch zu sagen haben. Vielleicht springt ja noch einmal eine ähnliche Heldentat wie anno 1996 dabei heraus.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 5, 2013 8:39 PM MEST


Seventh Star (Deluxe Edition)
Seventh Star (Deluxe Edition)
Preis: EUR 19,98

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen In Vergessenheit geratenes Tony Iommi Solo-Intermezzo, 18. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Seventh Star (Deluxe Edition) (Audio CD)
Genau genommen ist "Seventh Star" gar kein Black Sabbath-Album. Ursprünglich plant Gitarrist und Gründungsmitglied Tony Iommi nämlich, nach dem 1983 mit Ian Gillan am Mikro veröffentlichen "Born again" einen musikalischen Kurswechsel vorzunehmen. Er will die seit dem Rausschmiss von Ursänger Ozzy Osbourne im Jahre 1978 mit zwei sehr verschiedenen Sängern angetretene Band zunächst auf Eis legen und eine Solo-LP herausbringen. Erst in letzter Sekunde interveniert der damalige Manager Don Arden (Vater von Ozzy Osbournes Frau Sharon) und erreicht, dass das Werk im Januar 1986 als "Black Sabbath featuring Tony Iommi" erscheint. Den Absatzzahlen ist dieser Schachzug nicht nachhaltig zuträglich. "Seventh Star" erreicht gerade einmal Platz 27 der UK-Charts und gilt heute als vergessenes Kommerz-Experiment. Tatsächlich legt Tony Iommi, der den Großteil der Texte und die Musik komponiert, sehr viel Wert auf eingängige, griffige Arrangements. Ihm zur Seite stehen der frühere Deep Purple Sänger- und Bassist Glenn Hughes am Mikrofon, Dave Spitz am Bass, Kiss-Drummer Eric Singer, sowie Geoff Nicholls an den Keyboards. Gerade einmal 35 Minuten beträgt die Laufzeit des (wenn man denn so zählen will) 12. Black Sabbath Longplayers.

Wenn zum Auftakt "In for the kill" losbrettert, ist von Hair Metal oder dergleichen jedoch nichts zu spüren. Die Double Bass pflügt gewaltig und Hughes' Organ röhrt im klassischen NWOBHM-Stil à la Saxon oder Iron Maiden. Abgesehen vom hirnrissigen Kriegstext geht die Nummer musikalisch absolut in Ordnung, auch wenn sie trotz aller Wildheit bei genauerer Betrachtung ziemlich lahmarschig daherkommt. Dieser Eindruck wird besonders durch das langweilige Drumming von Eric Singer verursacht. Kleine Entschädigung: das fulminante Solo von Iommi.

Mit der Single "No Stranger to love" geht es anschließend aber in deutlich kommerziellere Gefilde. Im edlen schwarz-weiß Video unter Teilnahme von Bing Crosbys Enkelin Denise wandelt Tony Iommi mit starrem Blick in Lederjacke und modisch tödlichem, aber damals angesagtem Schnauzbart, an der bitterkalten Birminghamer Hafenzeile entlang und macht dabei keine wirklich glückliche Figur. Doch an sich ist die Ballade gar nicht schlecht. Klar, die Keyboardteppiche wabern etwas zu aufdringlich und auch Hughes' theatralischer Gesang mag manchen nerven, aber die Hookline ist hübsch und das Solo gefühlvoll. Kann man sich auch heute noch gut anhören. Für die beinharten Fans der ersten Stunde läutet diese Nummer freilich den endgültigen künstlerischen Verfall der Band ein. Diese Bewertung ist leider ungerechtfertigterweise erhalten geblieben. Denn "Seventh Star" hat durchaus solides Material zu bieten.

Beispielsweise den ungestümen Headbanger "Turn to Stone". Das mit einem netten Effekt belegte Riff treibt den knackigsten und härtesten Track des Albums nach vorne. Ungezügelter Metal wie er typisch ist für die Post-Ozzy Ära von Black Sabbath. Stark!

Anschließend leitet das kurze Elektro-Instrumental "Sphinx (The Guardian)" in den stampfenden Titelsong "Seventh Star" über.
Ein wuchtiges Riff, bombastische Chöre und düstere Grundstimmung - das übliche Muster eben. Und doch ist der Titel kein Klassiker. Die entscheidende Portion Genialität fehlt, obwohl hier keinesfalls schlechte Arbeit geleistet wurde.

Das lässt sich auch für die restlichen Titel sagen. Gute Musik, der berühmte Funke will aber nicht so recht überspringen. "Danger Zone" ist ein melodischer Midtempo Power Rocker mit schlecht abgemischter Singstimme im Refrain, der vertrackte Blues "Heart like a wheel" gibt Glenn Hughes einigen Raum zur Entfaltung und "Angry heart" huldigt mit seinem glatten, aber dennoch engängigen Chorus dem damals angesagten AOR. Den Abschluss bildet die kurze, aber beeindruckende Elegie "In memory...". Tatsächlich kann der auf den ersten Blick unauffällige Abschlusstitel zu den emotionalen Höhepunkten der Platte gezählt werden, was vor allem am leidenschaftlichen Vortrag des Sängers liegt.

Leider muss Glenn Hughes auf der Tour zum Album nach gerade einmal fünf Gigs ersetzt werden. Seine Alkoholsucht lässt ein weiteres Engagement nicht zu und so übernimmt der junge Ray Gillen das Mikrofon. Ein Mitschnitt des Hammersmith Odeon-Auftrittes vom Juni 1986 mit dem neuen Sänger ist der 2010 erschienenen Deluxe-Version von "Seventh Star" als Bonus CD beigefügt. Dort kann man den Mann hören, der zunächst zwar das Nachfolgealbum "The Eternal Idol" einsingt, letztlich aber durch den kurzfristig angeheuerten Tony Martin abgelöst wird.

Vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen ist "Seventh Star" nichts besonderes. Neun nette Nummern, die den Weltklassealben "Heaven and hell" (1980), "Mob rules" (1981) und "Born again" (1983) allerdings nicht einmal annähernd das Wasser reichen können. Es wäre wohl wirklich besser gewesen, die Platte als Soloalbum zu deklarieren, um sie dieser vernichtenden Konkurrenz zu entziehen. Da darauf aber aus den bekannten Gründen verzichtet wurde, muss die Scheibe neben dem noch einen Tick schlechteren "Forbidden" (1995) als schwächstes Black Sabbath Werk gelten. Es wirkt, als habe Tony Iommi Mitte der 1980er Jahre zu sehr auf den kommerziellen Erfolg geschielt, ohne wirklich fesselnde Kompositionen vorweisen zu können. Richtig grottige Musik wird hier dennoch nicht angeboten. Für Fans und Sammler sicherlich ein Muss, ansonsten aber eher eine verzichtbare Zwischenepisode im langen Schaffen von Black Sabbath.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 10, 2014 4:56 PM MEST


Diary of a Madman
Diary of a Madman
Preis: EUR 6,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ozzys zweiter und letzter Geniestreich mit Randy Rhoads, 14. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Diary of a Madman (Audio CD)
Lange glaubt kaum jemand daran, aber 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist dann doch noch die Ursprungsversion des zweiten Ozzy Osbourne Soloalbums "Diary of a Madman" auf CD erhältlich. Aufgrund eines Rechtsstreites mit Bob Daisley (Bass) und Lee Kerslake (Schlagzeug) lässt Ozzy's Ehefrau und Managerin Sharon im Jahre 2002 sowohl beim Debut "Blizzard of Ozz" (1980), als auch beim Nachfolger deren Tonspuren entfernen und durch die damaligen Ozzy Bandmitglieder Robert Trujillo und Mike Bordin neu einspielen. Neun Jahre später sind die Streitigkeiten endlich beigelegt und die beiden Meilensteine des Heavy Metal erscheinen in remastertem, ursprünglichem Glanz. Keine Neueinspielungen, alles im Originalzustand.

"Diary of a Madman" gilt in Fankreisen nicht selten als die bessere der beiden herausragenden Kooperationen zwischen Ozzy und dem jungen Meistergitarristen Randy Rhoads. Manchem ist das Debutalbum eine Spur zu kommerziell geraten. Tatsächlich hat der Zweitling mehr Dampf, lässt allerdings auch etwas den spritzigen Einfallsreichtum des Vorgängers vermissen. Für mich reicht er nicht ganz heran an die durchgängige Magie von "Blizzard of Ozz". Die ganz großen Jahrhundertkompositionen fehlen. Dennoch handelt es sich um eines der bis dato größten und bekanntesten Alben der Heavy Metal Geschichte, das sich damals wie heute prächtig verkauft (bisher rund 3 Mio. Mal). Vor allem das witzig-trashige Cover erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Maßgeblich für den Erfolg zeichnet einmal mehr Randy Rhoads verantwortlich. Ohne den zum Zeitpunkt der Aufnahmen 24-jährigen Gitarristen hätte Ozzy die musikalische Kurve wohl nicht mehr bekommen.

Nach seinem Rauswurf bei Black Sabbath im Jahre 1978 vergräbt sich der Sänger, eingedeckt mit Massen von Fertigprodukten und jeder Menge Drogen, monatelang in einem Hotelzimmer und wartet auf sein Ende. Als er durch seine spätere Frau Sharon doch noch dazu ermutigt werden kann, mit einer Soloband weiter zu machen, begegnet ihm Randy zum ersten Mal. Beide verbindet sofort mehr als nur blindes künstlerisches Verständnis. Bis heute bezeichnet der "Prince of Darkness" seinen jungen Kreativpartner als geistigen "Bruder". Wer weiß welche Meilensteine die Fans noch erwartet hätten, wenn Randy 1982 nicht bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen wäre.

Anno 1981 hat Ozzy seinen Weg gefunden. Die Band ist eine eingespielte Gemeinschaft und zeigt mehr Mut zum Risiko. Da wirkt der recht konventionelle Opener, die Single "Over the Mountain", zunächst noch etwas zurückhaltend. Die Gitarre sägt zwar angenehm heavy und auch die Gesangsmelodien überzeugen, aber so richtig unterscheidet sich das Ganze noch nicht vom Erstling. Auch wenn der Sound insgesamt recht krawallig rüberkommt.

Selbiges gilt auch für die andere Single "Flying high again". Laut eigener Aussage verpasst Ozzy bei der Aufnahme des Titels seinen Einsatz. Weil aber das spontan improvisierte "Oh no...here we go now" hervorragend in den Rhythmus passt, schneidet man es am Ende nicht raus - ein Klassiker ist geboren. Herrlich durchgedrehte Nummer, die aber leider den letzten Punch vermissen lässt. Lee Kerslake spielt ehrlich gesagt sogar ziemlich langweilig, weil wenig abwechslungsreich. Eigentliches Highlight ist Randy Rhoads' "fliegende" Gitarre. Was für ein malerisches Solo. Der starke Barock-Einschlag des klassisch ausgebildeten Jünglings passt perfekt zu Ozzys gereifter Stimme.

Das ist erst Recht bei der ausladenden Ballade "You can't kill Rock'n'Roll" zu hören. Angeblich verfasst Ozzy den Text zu diesem Stück aus Hass auf Sharon's Vater Don Arden, den langjährigen Black Sabbath Manager. Dieser soll behauptet haben, der klassische Rock and Roll sei am Ende und Ozzy ein Relikt längst vergangener Tage. Also reckt der Sänger seinem Schwiegervater gewaltig den Mittelfinger entgegen. Die knapp 7 Minütige Nummer balanciert gekonnt zwischen kraftvollem Midtempo und lieblichen Balladenparts. Hier zeigt der einst als durchgedrehter Clown verschriene Birminghamer, dass er weit mehr ist als das. Was für eine unvergessliche Melodie! Fast meint man, der Titel stamme aus der Feder der Beatles. Sein untrügliches Gespür für emotionale Harmonien und Hooks hat Ozzy bis heute nicht verloren und "You can't kill Rock'n'Roll" ist ein früher Beweis für sein Können. Extraklasse.

Soweit so gut. Business as usual. Kein Unterschied zum ersten Album. Dann aber wagt sich die Band zurück in die Black Sabbath Vergangenheit ihres Sängers. Düster stampft Bob Daisley's Bass in "Believer" los und es knarrt und fiept gespenstisch im Hintergrund. Düsterer Spuk mit gewaltigem Riff und herrlich eingängigem Zwischenpart. Hier tritt Keyboarder Johnny Cook erstmals nachhaltig in Erscheinung.

Mit dem breitbeinigen "Little Dolls" geht es in ähnlichem Tenor weiter. Der "rollende" Refrain gehört zwar nicht zum kreativsten, was je aus Ozzys Feder entsprungen ist. Insgesamt geht der Song aber in Ordnung.

Mit "Tonight" findet sich anschließend eine weitere klassische Barock-Ballade des Duos Osbourne/Rhoads. Erinnert vom Klang etwas an "Goodbye to Romance", den allerersten Titel, den die beiden gemeinsam geschrieben haben. Bombastischer 80er Jahre Gefühlsrock für die Massen, der sofort mitreisst. "Kommerziell" bedeutet bei Ozzy zum Glück nicht automatisch künstlerisch schwach. Mein persönliches Lieblingslied der Platte.

In "S.A.T.O." brettet Randy Rhoads ordentlich los und die Band scheint mühevoll hinterher zu stolpern. Progressive Schlagseite zwar, aber nicht wirklich überragend. Das Beste sind in der Tat die entfesselten Gitarrenparts. Unglaublich, wie man mit Mitte 20 derart gekonnt durch so ein vertracktes Arrangement fegen kann. Die Funken sprühen in alle Richtungen und überdecken kleine Songwriterische Mängel.

Zum Abschluss wird es dann disharmonisch. Das abwechslungsreiche Titelstück "Diary of a Madman" atmet ein letztes Mal den typischen Barock-Spirit, der die gesamte Platte durchzieht. Vor allem aber ist es trauriges Portrait und verzweifelter Hilfeschrei eines manisch Depressiven, den Ozzy mit großem Nachdruck gibt. Neben Geigen kommt gegen Ende gar ein Chor zum Einsatz. Wenn man so will ist das hier die Eins-zu-Eins Vertonung geistiger Verzweiflung. Richtig, richtig stark und fesselnd - trotz oder vielleicht gerade aufgrund des nicht gerade stromlinienförmigen Arrangements.

Unmittelbar nach den Aufnahmen werden Daisley und Kerslake durch Rudy Sarzo und Tommy Aldridge ersetzt, die sowohl im Booklet der LP, als auch bei den folgenden Live-Auftritten dabei sind. Im Zuge der Tour geschieht am 19. März 1982 ein tragisches Unglück. In der Nähe des Auftrittsortes Leesburg in Florida nimmt der Fahrer des Bandbusses, Andrew Aycock, der in der Nähe wohnt, die Stylistin Rachel Youngblood und Randy Rhoads in den frühen Morgenstunden mit zu einem Rundflug in einer entwendeten Propellermaschine. Unter starkem Kokaineinfluss verliert er im Tiefflug über dem Bandbus die Kontrolle. Die Tragfläche reißt ab und das Flugzeug rast in eine naheliegende Garage, wo es explodiert. Alle drei Insassen sterben. Ozzy Osbourne hat diesen Schock bis heute nicht richtig verdaut. Randy Rhoads wurde gerade einmal 26 Jahre alt.

Sein musikalisches Vermächtnis umfasst lediglich fünf Studioalben. Drei davon mit seiner früheren Band Quiet Riot, zwei mit Ozzy. Besonders mit den beiden Letzteren schafft sich der Gitarrist ein Denkmal für die Ewigkeit, das unzählige Musiker nachhaltig beeinflusst hat. Seine feinfühlige Art zu spielen und vor allem seine herausragende Musikalität bleiben unvergessen.

Ozzy muss trotz des Schicksalsschlages wegen vertraglicher Verpflichtungen die Tournee zu Ende spielen und schuldet der Plattenfirma zudem noch ein Album. Also liefert er 1982 ein Live-Set alter Sabbath-Titel, das als "Speak of the Devil" veröffentlicht wird. Die Platte hasst er bis heute. Ein Jahr später erscheint seine dritte LP "Bark at the Moon" mit Jake E. Lee an der Gitarre. Ozzy muss seinen Karriereweg alleine weiter gehen und avanciert zu einem der größten Rockstars unserer Zeit. Randy Rhoads hat einen gehörigen Teil dazu beigetragen.


III
III
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Muskulöser Power-Rock für Erwachsene, 7. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: III (Audio CD)
Wenn sich altgediente Rockgrößen zu einer "Supergroup" zusammen schließen, dann gibt es meistens nur zwei Möglichkeiten: entweder es kommt ziemlich lauwarmes Gedudel dabei heraus, oder es sprühen die Kreativ-Funken, dass es nur so kracht. Glücklicherweise gehören Chickenfoot in die zweite Kategorie. Die 2008 gegründete Truppe besteht aus den Ex-Van Halen Mitgliedern Sammy Hagar (Gesang) und Michael Anthony (Bass), sowie Gitarrenvirtuose Joe Satriani und Red Hot Chili Peppers-Schlagzeuger Chad Smith. Mit ihrem selbsbetitelten Debutalbum räumen sie 2009 gewaltig ab und schaffen es gar bis auf Platz 4 der US Billboard-Charts. Eine amtliche Hausnummer also, die gewisse Erwartungen an den zwei Jahre danach veröffentlichten Nachfolger stellt. Ironischerweise trägt der den Titel "Chickenfoot III". Ob da bei den Traveling Wilburys abgeguckt wurde? Die Supergroup um George Harrison, Tom Petty und Bob Dylan, die von 1988-1990 bestand, nannte nämlich ihr zweites gemeinsames Album ebenfalls "Vol. III". Könnte angesichts der anhaltenden Popularität dieser Kollaboration gut sein. Musikalisch bestehen zwischen der Folk-Truppe und dem pumpenden Rock-Fünfer allerdings gewaltige Unterschiede.

Das macht gleich der eingängige Opener "Last Tempation" deutlich. Ohne Vorwarnung stürzen sich die Hühnerfüße ins Getümmel und rocken was das Zeug hält drauf los. Sofort fällt auf: die hier und da zu hörende Sperrigkeit des Erstlings wird beim Nachfolger deutlich reduziert. Man will schließlich die gerade erst gewonnenen Fans nicht zu sehr vor den Kopf stoßen und neue dazugewinnen. Das geht am Besten, wenn man nicht allzu progressiv zu Werke geht. Mit weichgespültem Radio-Rock hat das aber nichts zu tun. Chickenfoot klingen nach wie vor ungeschliffen und authentisch, auch wenn sich die Melodien recht rasch einprägen. Mancher zieht gerne Parallelen zum Sound von Led Zeppelin, was aber wohl eher auf die andere, kurz nach Chickenfoot gegründete Supergroup "Black Country Communion" um Glenn Hughes und Joe Bonamassa zutrifft.

"Alright Alright" rockt amtlich, lässt jedoch im Refrain etwas Einfallsreichtum vermissen. Dafür schüttelt sich Joe Satriani ein funkalicious Solo aus dem Ärmel. Hell, yeah.

Mit "Different Devil" trumpft die Band dann so richtig auf. Unverschämt melodischer, aber gleichzeitig kraftvoller Cabrio-Rock mit gewaltiger 80er Schlagseite, der vor 25 Jahren sicherlich ein internationaler Hit geworden wäre. Kaum zu fassen, dass es im 21. Jahrhundert noch möglich ist den alten Zeiten zu huldigen, ohne gängige Klischees aufzukochen oder altbacken zu wirken. Dieser Titel strotzt nur so vor Spielfreude. Einfach klasse!

Das groovende "Up next" schraubt dann den Härtegrad wieder nach oben. Satriani treibt seine Gitarre breitbeinig durch die dreckige Blues-Nummer und beamt den Hörer mit einem abgedrehten Solo in eine andere Galaxie. Im Refrain pumpt das Quintett dann so richtig fett. Die Wände wackeln gewaltig und wer jetzt nicht ausflippt, der kann ohnehin mit Rockmusik nichts anfangen.

"Lighten up" pflügt ähnlich ungestüm. Wieder einmal besteht Sammy Hagars auch mit über 60 noch unglaublich kräftige Stimme gekonnt zwischen all dem herrlich dynamischen Krach.

Mit "Come Closer" zeigen die gereiften Herren anschließend, dass sie auch die leisen Töne beherrschen. Ob man das Stück als Ballade bezeichnen möchte, bleibt jedem freigestellt. Eines aber steht fest: zuckrige Streicher oder schnulzige Piano-Parts gibt es bei Chickenfoot nicht. Man huldigt der Liebe ohne überflüssigen Firlefanz. Chad Smith beweist hier besonders, dass er wie kaum ein anderer Schlagzeuger den Groove gepachtet hat. Im mehrstimmigen Chorus kommen große Gefühle auf, ohne dass die Kitschgrenze auch nur annähernd erreicht wird. Die stärkste Nummer des Albums.

"Three and a half letters" ist musikalisch und textlich das komplexteste der 10 Stücke. Hagar erzählt im Sprech-Gesang die Geschichte eines vom Schicksal gebeutelten, arbeitslosen 51 Jährigen aus der amerikanischen Unterschicht.

Die Vorab-Single "Big Foot" weist zwar ein drückendes Riff auf, gehört aber nicht zu den herausragenden Songs. Ganz netter Blues-Rock. Der fiebrige "Dubai Blues" mit seinem leichtfüßigen Bass überzeugt da schon eher.

Zum Abschluss geht es mit "Something going wrong" etwas gediegener zu. Sammy Hagar legt sich gefühlvoll in die fluffig-leichte Nummer mit sensationellem Refrain, der jede Wolkendecke umgehend aufreißt. Wieso der Sänger das Gefühl hat, dass irgendwas schief läuft? Keine Ahnung. Nicht zuletzt dank des überzeugenden Schlusstitels ist "Chickenfoot III" nämlich ein voller Erfolg.

Das schlägt sich auch in den Chartplatzierungen nieder. Platz 9 in den USA und Platz 13 in Deutschland sind aller Ehren Wert. Leider fehlt auf der CD-Version des Albums der geniale Bonustrack "No Change". Dafür ist das Digipack mit einer 3 D Brille, freakigen Fotos der Band aus dem Studio und kurzen Einzelinfos zu den Mitgliedern ausgestattet. Nettes, aber letztlich überflüssiges Gimmick. Produziert hat das ganze der erfahrene Mike Fraser, der schon mit Leuten wie AC/DC oder Metallica gearbeitet hat.

"Chickenfoot III" steht dem Vorgänger in nichts nach und bietet erneut ungestümen, muskulösen Power-Rock für Erwachsene. Hagar, Satriani, Anthony und Smith sind perfekt aufeinander abgestimmt, ohne zu routiniert zu klingen. Klar haben sie den Rock nicht neu erfunden. Aber es ist ihnen gelungen, ihn entspannt und angenehm zeitgemäß zu inszenieren. Ob sie Ideen für ein weiteres gemeinsames Album haben, wird sich zeigen. Angesichts der hohen Qualität der beiden bisherigen Werke wäre das eine feine Sache.


Live at River Plate (Dieser Artikel wird in unterschiedlichen Covervarianten ausgeliefert)
Live at River Plate (Dieser Artikel wird in unterschiedlichen Covervarianten ausgeliefert)
Preis: EUR 16,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf CD verewigter, purer Enthusiasmus, 7. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Meine Güte, was für eine perfekte Kombination! Im Dezember 2009 spielen AC/DC, die energiegeladenste Hard Rock Band des Planeten, im Zuge ihrer "Black Ice"-Welttournee in Buenos Aires vor einem unglaublich frenetischen Publikum eines ihrer denkwürdigsten Konzerte. Das bis zum Anschlag gefüllte Stadion "El Monumental", sonst Heimstätte des Fußball-Traditionsvereins CA River Plate, ist Schauplatz dieses einmaligen Aufeinandertreffens. Die Australisch-englische Formation um Angus Young (Leadgitarre) und seinen Bruder Malcolm (Rhythmusgitarre und Gebell im Hintergrund) liefert eine zweistündige Show, die an Power kaum zu überbieten ist. Wer glaubt, die fünf Oldies würden routiniert und abgeklärt ihr Pensum abspulen, der täuscht sich gewaltig. Auch im hohen Rockalter lassen sie sich noch mitreissen von solch einer Stimmung. Warum die Audioversion dieses jetzt schon legendären Konzertes erst ein Jahr nach der DVD erscheint, erschließt sich mir nicht. Seis drum. Das Warten hat sich mehr als gelohnt.

20 Jahre nach ihrem letzten Live-Album "Live" kredenzen AC/DC anno 2012 eine angenehm raue Doppel-CD. Die Instrumente sind gut austariert zu hören und machen ordentlich Druck. Lediglich Brian Johnsons Stimme wirkt hier und da nachbearbeitet. Kein Wunder, schließlich ist der über 60-jährige Shouter mittlerweile spätestens ab der Hälfte eines Konzertes derart heiser, dass man kaum noch etwas versteht. Egal, was zählt ist das Ereignis AC/DC.

Neben zahlreichen Klassikern der Band- und Rockgeschichte wie "Dirty deeds done dirt cheap", "Thunderstruck", "Hells Bells", "Let there be Rock" oder dem unverwüstlichen "Highway to hell" und nicht so oft live gehörten Stücken wie "Shot down in flames" oder "Dog eat Dog" sind auch vier Songs des 2008 erschienenen Albums "Black Ice" mit dabei. Die eingängige Single "Rock'n'Roll train", das knochentrocken groovende "War Machine", der drückende Stampfer "Black Ice" und die Mitsing-Hymne "Big Jack" bestehen tadellos in der monumentalen Setlist. Eigentliches Highlight des Konzertes sind aber die argentinischen Fans. Lauthals singen sie selbst Instrumentalpassagen aus voller Kehle mit, dass einem das Herz aufgeht. Ein enthusiastischeres Publikum wird sich schwerlich finden lassen. Die perfekte Symbiose aus kickendem Hard Rock und ungebremster Zuschauer-Euphorie. So macht Livemusik Spaß! Trotzdem lässt sich auch in diesem Fall festhalten, was für Live-Alben generell gilt: für Fans besitzt das Ganze höchstens Sammlerwert. Die Aufnahmen hat man eh schon alle zu Hause. Wer sich aber treiben lassen will im Enthusiasmus-Ozean, für den ist diese Doppel-CD genau das Richtige.

Zugegeben, mit Bild wirkt der Auftritt noch spektakulärer, denn die gigantische Bühne und das hüpfende Menschenmeer sind einfach wahnsinnig beeindruckend. Doch auch die CD-Version bringt die einzigartige Stimmung der insgesamt drei Abende in Buenos Aires, von denen die Aufnahmen stammen, authentisch rüber. Etwas peinliches Detail am Rande: als Brian Johnson nach dem Opener die erste Ansage macht, entschuldigt er sich mit dem italienischen "Scusi" dafür, dass die Band nicht besonders gut Spanisch spricht. Da hat er sich leider etwas in der Sprache vertan. Aufgefallen scheint es kaum jemandem zu sein.

Die Rock-Maschine AC/DC groovt auch im neuen Jahrtausend unbeirrt durch die Welt und man wünscht sich angesichts eines solch überzeugenden Live-Dokuments wie "Live at River Plate", dass sie es noch viele, viele Jahre tun wird. Die Realität aber sieht anders aus. Aktuell befindet sich die Band im Studio, um ihr Abschiedsalbum aufzunehmen. Vielleicht schenken sie uns dann einen ähnlich starken Mitschnitt ihrer finalen Tournee. Oder sie machen doch noch weiter. Man sollte die Hoffnung nie aufgeben.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 14, 2012 8:34 AM CET


Hitchcock-Collection: Das Fenster zum Hof / Vertigo [2 DVDs]
Hitchcock-Collection: Das Fenster zum Hof / Vertigo [2 DVDs]
DVD ~ Alfred Hitchcock
Wird angeboten von Celynox
Preis: EUR 9,50

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwei unsterbliche Klassiker der Filmgeschichte in einem Set, 30. Oktober 2012
Dieses DVD-Set ist unschlagbar. Es beinhaltet zwei der größten Klassiker der Filmgeschichte von einem der bekanntesten und einflussreichsten Regisseure aller Zeiten. "Das Fenster zum Hof" (1954) und "Vertigo - aus dem Reich der Toten" (1958), die Filme Nr. 40 bzw. 45 im insgesamt 53 Werke umfassenden Schaffen von Alfred Hitchcock (1899-1980), gehören nicht nur zu den Meistbesprochenen in den Film- und Medienwissenschaften, sondern erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit beim Publikum.

Der Engländer Hitchcock dreht von 1925-1939 fast ausschließlich in seiner Heimat. Erst 1940 erscheinen seine ersten beiden Filme in Hollywood. "Rebecca" wird für 11 Oscars nominiert und gilt als eines der beeindruckendsten Filmdramen überhaupt. Der straighte Agententhriller "Der Auslandskorrespondent" erhält 6 Nominierungen.

Der "Master of Suspense" kommt also schnell an in Hollywood. Seine Werke sind beliebte Kassenschlager. Doch Ende der 1940er erlebt er eine kleine kommerzielle Durststrecke. Seine eigene Produktionsfirma "Transatlantic Pictures" geht nach nur 2 Filmen 1949 pleite. Erst 1953 kann er mit "Bei Anruf Mord", dem ersten Einsatz von Grace Kelly als Hauptdarstellerin, wieder einen Hit verbuchen. Ein Jahr später gelingt ihm dann im Alter von 54 Jahren ein weiterer Meilenstein: "Das Fenster zum Hof".

Sein erster von 5 Filmen für Paramount Pictures erzählt die Geschichte des Fotografen L.B. Jefferies (James Stewart), der aufgrund eines Gipsbeins vorübergehend an den Rollstuhl gefesselt ist. Er langweilt sich fürchterlich und seine einzige Beschäftigung besteht darin, durch ein Fenster seine Nachbarn im Innenhof und gegenüber zu beobachten. Da gibt es neben anderen die unglückliche Miss Lonely Hearts, einen feierfreudigen Musiker, ein frisch vermähltes Ehepaar und Mr. Thorwald (Raymond Burr). Der gewichtige Brillenträger kommt Jeff gleich verdächtig vor. Als er eines Tages beobachtet, wie Thorwald vermeintlich seine Frau ermordet und das zu vertuschen versucht, steigert er sich gemeinsam mit seiner attraktiven Freundin Lisa (Grace Kelly) in den Wahn, die Tat zu beweisen...

"Das Fenster zum Hof" erhält 4 Oscar-Nominierungen (unter anderem als "Bester Film"), bleibt aber, wie so oft bei Hitchcock, ohne Auszeichnung. Der Film ist eine Mischung aus beklemmendem Kammerspiel, Beziehungsromanze und spannungsgeladenem Thriller. Er spielt fast ausschließlich in der Wohnung des Protagonisten und der Zuschauer erlebt die Geschehnisse bis auf eine entscheidende Ausnahme ausschließlich aus seiner Sicht. Besonders das auch für heutige Verhältnisse liebevoll und aufwändig gestaltete Szenen- und Bühnenbild ist ein Augenschmaus. Auf der psychologischen Ebene beschäftigt sich Hitchcock durchaus ironisch mit den Themen Voyeurismus und Schaulust, sowie der vermeintlich "perfekten" Beziehung zwischen Mann und Frau. Meisterhaft inszeniertes Hollywoodkino, das im Vergleich zu D. J. Caruso's Remake "Disturbia" (2007) natürlich altbacken wirkt. Wenn man aber bedenkt, welche Möglichkeiten 1954 Normalität sind in der Filmindustrie, so muss "Das Fenster zum Hof" als herausragendes Meisterwerk gelten. Zwar durchschaut der geneigte Cineast heute viele Plotstrukturen, technisch aber macht Hitchcock keiner was vor. Sein 40. Film ist ein farbenprächtiges, (vor allem von James Stewart) brillant gespieltes, witziges und grandios montiertes Fest für die Sinne mit einem witzigen Cameo-Auftritt des Meisters höchstselbst. Ein besonderer Hingucker ist die bildschöne Grace Kelly, die später Fürstin Grazia Patrizia von Monaco wird. Ein Jahr darauf landet sie in ihrem dritten und letzten Einsatz für Hitchcock an der Seite von Cary Grant in "Über den Dächern von Nizza" einen weiteren Erfolg.

Der zweite Film dieses Sets wird 1958 veröffentlicht. "Vertigo - aus dem Reich der Toten" ist wie "Das Fenster zum Hof" 25 Jahre lang einer von 5 verschollenen Hitchcocks, da der Regisseur die Rechte nach seinem Tod an Tochter Patricia weitergibt. Erst Mitte der 90er erfährt "Vertigo" eine umfassende Restaurierung und eine neue deutsche Synchronisation. Leider spricht diesmal nicht wie gewohnt Sigmar Schneider den Hauptdarsteller James Stewart. Das ist schade, aber kein entscheidender Minuspunkt.

Das 45. Opus im Hitchcock-Oeuvre handelt von dem pensionierten Polizisten John "Scottie" Ferguson (James Stewart). Bei einem Einsatz verschuldet er aufgrund seiner Höhenangst den Tod eines Kollegen und quittiert daraufhin vorzeitig den Dienst. Als sein alter Collegefreund Gavin Elster (Tom Helmore) ihn bittet, seine geistig verwirrte Frau Madeleine (Kim Novak), die sich für die Reinkarnation einer Vorfahrin aus dem 17. Jahrhundert hält, auf ihren schlafwandlerischen Wegen durch San Francisco zu beschatten, verfällt Scottie der kühlen Blondine. Er gerät in einen düsteren Strudel...

"Vertigo" ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwar ein Erfolg und wird auch für 2 Oscars nominiert. Der wahre Wert dieses Meisterwerkes wird jedoch erst Jahrzehnte später erkannt. Die betörende Farbgebung, die geschmeidige Eleganz und technische Perfektion der Inszenierung, die düstere Atmosphäre und die überraschende Wendung in der Mitte sind in dieser Form in der Filmgeschichte einzigartig. Der versierte Techniker Alfred Hitchcock präsentiert sich hier auch inhaltlich auf dem absoluten Höhepunkt seiner Kreativität. Nie zuvor und nie danach erreicht er eine derartige Brillanz. Die letzte von insgesamt 4 Kooperationen mit seinem Freund James Stewart ist die Beste. Der alternde Oscar-Preisträger zeigt noch einmal all seine Facetten. Die blonde Schönheit an seiner Seite soll ursprünglich Vera Miles heißen. Doch als sie schwanger wird, muss Hitch umdisponieren. Er holt die damals relativ unbekannte Kim Novak ins Boot, die sich ein unvergessliches Denkmal setzt.

Kaum ein Film wird von anderen Regisseuren so oft zitiert wie dieser. Martin Scorsese zählt ihn zu seinen Lieblingen und die Zeitschrift "Sight and Sound" wählt ihn 2012 gar zum besten Film aller Zeiten. Das American Film Institute führt ihn auf Platz 1 der besten Mysterythriller, obwohl diese Kategorisierung fragwürdig erscheint.

Abseits solcher Bewertungen ist "Vertigo" schlicht und einfach ein vielschichtiges Meisterwerk, das man gesehen haben muss. Auch und vor allem wegen der sensationellen Musik des großen Bernd Herrmann. Hier und da hat der Film zwar seine Längen (außer man mag ausgiebige Autofahrten durch San Francisco). Insgesamt aber gehört er fast 55 Jahre nach seiner Veröffentlichung zu den wirklich unverzichtbaren Evergreens. Außerdem setzt Hitchcock mit dem seinerzeit erstmals eingesetzten und nach dem Film benannten "Vertigo-Effekt" Maßstäbe. Dabei handelt es sich um die Visualisierung von Scotties Schwindelgefühls. Es wird erzeugt, indem die Kamera nach vorne fällt, während sie gleichzeitig nach hinten zoomt. Heute ein Standard, damals innovative Neuerung.

Das 2 DVD Set "Das Fenster zum Hof/Vertigo - aus dem Reich der Toten" ist für jeden Filmfan eine lohnenswerte, ja unverzichtbare Anschaffung. Als Bonus gibt es pro DVD je eine ausführliche Reportage, die interessante Einblicke in die Entstehungsumstände der wohl besten Hitchcock-Filme gewährt. Jeder, der nicht nur neueren Produktionen zugetan ist, findet hier zwei Diamanten, die er so schnell nicht vergessen wird.


Rising (Rmst)
Rising (Rmst)
Preis: EUR 11,98

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der größte Geniestreich von Ritchie Blackmore und Ronnie James Dio, 29. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Rising (Rmst) (Audio CD)
Etwa seit 1970 existiert er nun, der Begriff "Heavy Metal" als Bezeichnung für die schwere, Gitarrenlastige Rockmusik und das dazugehörige Genre hat über die Jahre etliche exzellente Künstler und Alben hervorgebracht. Es dividiert sich in mehr als 40 Jahren in die verschiedensten Untersparten von Thrash-, über Black- bis Nu Metal aus (um nur einen geringen Bruchteil der Spielarten zu nennen). Starke Stimmen, überragende Gitarristen und atemberaubende Rhythmus-Fraktionen haben unvergessliche Kunstwerke von nachhaltigem Wert geschaffen. Doch es gibt zwischen all diesen Topleistungen nur eine handvoll Alben, die dermaßen herausragen, dass man sie auch in Jahrzehnten noch hören wird. Sie haben Generationen von Musikern beeinflusst und beinhalten Songs für die Ewigkeit. Eines dieser zeitlosen Überalben ist das 1976 erschienene "Rainbow Rising".

Ex-Deep Purple Gitarrist Ritchie Blackmore trommelt nach seinem Ausstieg 1975 eine neue, eigene Band zusammen, die er Rainbow nennt und die im selben Jahr ihr Debut "Ritchie Blackmore's Rainbow" veröffentlicht. Die LP erregt internationales Aufsehen, kommt im UK auf Platz 11, in den USA immerhin auf Rang 30. Nach diesem Achtungserfolg entlässt der herrische Bandleader alle Musiker bis auf Sänger Ronnie James Dio. Der bildet mit seiner Band "Elf" zunächst das Gerüst von Rainbow. Doch Blackmore will größeren Erfolg und dafür sind die Mitmusiker seiner Meinung nach nicht gut genug. Also werden Drummer Cozy Powell, Bassist Jimmy Bain und Keyboarder Tony Carey dazu geholt für die Aufnahmen zum Zweitling "Rainbow Rising" im Februar 1976 in München. Diese Besetzung spielt ein Album ein, das für viele Fans und Musiker bis heute ein Erweckungserlebnis darstellt. Neben den spritzig-dynamischen Songs trägt Produzentenlegende Martin Birch ganz wesentlich zum die Jahre überdauernden Klassikerstatus des Werkes bei. Er zaubert in Zeiten von schwachbrüstigen Schlagzeugen und dünnen Gitarren ein unvergleichliches Volumen, das die Titel auch im 21. Jahrhundert hell und klar erstrahlen lässt. Birch ist zuvor schon als Produzent von Deep Purple in Erscheinung getreten und arbeitet in den Folgejahren mit Bands wie Whitesnake, Black Sabbath und vor allem Iron Maiden zusammen, ehe er 1992 in den Ruhestand geht.

Im Prinzip ist "Rainbow Rising" gar kein Album. Es beinhaltet nur 6 Lieder und müsste somit eher als EP bezeichnet werden. Wenn man so will, ist das Werk somit wohl die bedeutendste EP aller Zeiten. Sie beginnt mit einem futuristischen Keyboard-Intro von Tony Carey. Der später vor allem in Deutschland durch seine Zusammenarbeit mit Peter Maffay (!!!) bekannt gewordene Tastenmann stellt eines der ganz wichtigen Elemente des klassischen Rainbow-Sounds dar. Nach etwas über einer Minute gesellen sich zu seinen freakigen Tönen die Stakkato-Gitarre von Ritchie Blackmore und die stahlharten Drums von Cozy Powell dazu. Wenn dann auch noch der zum Zeitpunkt der Aufnahme 33 Jährige Übersänger Ronnie James Dio beginnt, gibt es kein Halten mehr. "Tarot Woman" heißt die fett groovende Einstiegsnummer, die heute zu den unvergesslichen Heldentaten des Melodic Metal Genres zählt. Die Truppe zeigt von Beginn an einen Biss, der vielen Produktionen der damaligen Zeit abgeht. Die Gitarrenarbeit ist innovativ, das Keyboard flitzt frech und Funkensprühend, das Schlagzeug donnert gewaltig und Dio singt sprichwörtlich wie ein (damals noch junger) Gott. Zudem kommt Ritchie Blackmore's Vorliebe für barocke Arrangements deutlich zum Tragen. Was für ein unvergesslicher Einstieg!

Nach den 6 atemberaubenden Minuten folgt mit "Run with the Wolf" ein kompakteres Stück. Rainbow zeigen, dass sie auch heavy Rock'n'Roll können. Erinnert an Songs wie "Country Girl" oder "Slipping away", die Dio später mit Black Sabbath aufgenommen hat. Stampfender Hard Rock mit majestätischer Stimme, der sofort fesselt. Richtig stark.

Die zackige erste Single "Starstruck" schlägt in eine ähnliche Kerbe, hat aber noch eine Spur mehr Drive. Der Blues fungiert hier als Grundlage. Rainbow grooven wie die Hölle und zu der knackigen Nummer lässt sich sogar vortrefflich tanzen. Das ist authentischer und gleichzitig unverschämt eingängiger Hard Rock. Ausflippen garantiert.

"Do you close your eyes" ist das kommerziellste Stück der EP, ohne sich an den Mainstream anzubiedern. Die Gitarre brät angenehm kraftvoll und das Arrangement verweist auf Dios frühere Band Elf. Geht absolut in Ordnung.

Und dann kommt er. Einer der größten und besten Songs, die der Heavy Metal jemals hervorgebracht hat. Eigentlich kann man "Stargazer" nicht in Worte fassen, ich versuche es aber trotzdem. Rainbow kreieren eine 8.32 Minuten lange, dramatische Rock-Oper, die ihresgleichen sucht. Man ringt mit den Worten und nicht selten auch mit den Tränen der Glücksseeligkeit ob dieses Meistertücks. Blackmore spielt eines seiner unsterblichsten Riffs. Es ist melodisch und hypnotisch zugleich und erzeugt sofort eine mystische Anziehungskraft. Seine Majestät Dio liefert nicht nur den kryptischen Text der Übernummer, sondern vor allem eine Gesangsleistung, die einen fassungslos staunend zurücklässt. Gab es je einen besseren Rocksänger? Angesichts so eines Geniestreichs darf das angezweifelt werden. "Stargazer" ist einfach vom ersten bis zum letzten Ton perfekt. Unterstützt von den Münchner Phillharmonikern erzeugen Rainbow einen mächtigen Gefühlsrausch. Das ist Musik am obersten Limit der Genialität. Ich verneige mich in allerhöchster Ehrfurcht.

Wie kann es nach so einem Meisterwerk angemessen weitergehen? Ganz einfach, mit der ungehobelten Double-Bass Granate "A light in the black". Wieder knacken Rainbow die 8 Minuten Marke, diesmal aber im wüsten Uptempo. Cozy Powell dominiert diesen Track mit seinem unvergleichlichen Schlagzeugspiel und der dampfenden Double-Bass. Damals etwas verpönt kann der Titel heute als Blaupause späterer Speed- und Thrash-Kompositionen gelten. Dio zeigt noch ein letztes Mal seine stimmliche Extraklasse, Carey soliert inspiriert und spielfreudig, Bain groovt dunkel und Blackmore schüttelt sich eines seiner filigranen Tänzelriffs aus dem Ärmel. Im Soloteil machen Tony Carey und Ritchie Blackmore Deep Purple gewaltig Konkurrenz. Eine ähnliche Harmonie wie mit Jon Lord hat der eingenwillige Meistergitarrist in seiner Karriere wohl nur mit Carey gefunden.

Und dann ist es auch schon zu Ende, eines der größten Alben der Rockgeschichte. Es dauert nur knapp über 30 Minuten. Die haben es aber in sich. Auf "Rainbow Rising" präsentiert sich eine Band aus herausragenden Musikern im besten Zusammenspiel ihrer Karriere. Eine derartige Perfektion erreichen alle beteiligten nie wieder, obwohl sie in den unterschiedlichsten Konstellationen an weiteren unsterblichen Klassikeralben beteiligt sind. Der Nachfolger "Long live Rock'n'Roll" wird zwei Jahre später ihre letzte gemeinsame Arbeit. Dio steigt aus und geht zu Black Sabbath und Blackmore macht mit Graham Bonnet als Sänger weiter.

Obwohl im Nachhinein klar wird, wie stark die Spannungen zwischen den Bandmitgliedern und ihrem egomanischen, tyrannischen Chef Ritchie Blackmore wirklich sind, ist es ihr gemeinsames musikalisches Endergebnis, das in Erinnerung bleibt. Es zeigt wie kaum ein anderes Werk der Rockgeschichte, was passieren kann, wenn für einen klitzekleinen Moment alles passt, wenn alle Rädchen wie vorherbestimmt ineinander greifen: Pure Magie.


On The 13th Day Ltd.Digi
On The 13th Day Ltd.Digi
Preis: EUR 20,27

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die beste Magnum Platte seit der Reunion, 23. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: On The 13th Day Ltd.Digi (Audio CD)
Tony Clarkin ist ein Phänomen. Der glatzköpfige Mittsechziger ist nicht nur ein begnadeter Gitarrist. Mit zunehmendem Alter werden seine Kompositionen immer noch einen Tick genialer und seine Produktivität erreicht ihren Höhepunkt (ab 2007 gibt es fast jedes Jahr eine neue Veröffentlichung). Seit Mitte der 70er Jahre ist er das kreative Mastermind hinter der englischen Melodic Rock Legende Magnum und schneidert Meistersänger Bob Catley ein ums andere Mal sensationell anschmiegsame, warme Hymnen auf den Leib. Gemeinsam mit Keyboarder Mark Stanway und wechselnden Rhythmusfraktionen (ab 2002 Al Barrow am Bass und 2009 stieg Harry James fest am Schlagzeug ein) zelebrieren sie seit ihrem Debut "Kingdom of Madness" (1978) wie keine andere Band den feierlichen, großflächigen Gefühlsrock. 2012, fast 35 Jahre später, haben sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt.

Im Gegenteil, ihr mittlerweile 16. Opus "On the 13th day" strotzt nur so vor Vitalität und Eingängigkeit. Und es ist das mit weitem Abstand härteste Album ihrer Geschichte. Die Gitarren braten, dass es eine Freude ist. Metal ist das nicht, aber sehr knackiger Hard Rock. Steht Magnum hervorragend. Die letzte LP "The Visitation" und das Best of "Evolution" (beide von 2011) hatten ja schon mächtig Druck, aber die neue Platte ist noch einen Tick schwerer. Der Vorgänger hatte vielleicht hier und da die besseren Einzelsongs, der Gesamteindruck beim Nachfolger ist aber stimmiger und runder.

Der Opener "All the Dreamers" beginnt mit verträumtem "Huhu" und Keyboard. Nach knapp 1.20 stampft dann aber ein breitbeiniges Riff los, das sofort mitreisst. Magnum liefern den Soundtrack für all ihre Fans: "All the Dreamers will come, and they bring heart and soul, 'cause they're all here to Rock and Roll". Sie kriechen aus ihren Löchern, die ganzen Träumer und hüpfen enthusiastisch herum. Ein satter, angenehm deftiger Einstieg.

Gleiches gilt auch für "Blood Red Laughter". In den Strofen schunkelt sich die Nummer etwas dahin, aber im Refrain gibt sie richtig Power. Bemerkenswert ist auch das endgeile Solo gegen Ende. Clarkin fliegt förmlich durch den Song. Was für ein Gefühlsrausch. Bärenstark!

"Didn't like you anyway" nimmt dann etwas Härte raus. Die gemächliche Midtempo-Ballade wirkt zunächst etwas unspektakulär, gewinnt aber nach und nach an Qualität. Exakt solche Songs nehmen sich missgestimmte Kritiker oft zur Brust, wenn sie die angebliche Biederkeit und Vorhersehbarkeit von Magnum beweisen wollen. Sollen sie doch. Mir gefällt's.

Mein absoluter Favorit des Albums ist der Titelsong "On the 13th Day". Tony Clarkin setzt sich im Text kritisch mit der fortwährenden Sinnsuche der Menschheit auseinander. Musikalisch ist das Ganze einfach nur sensationell. Satter Rock im mittleren Tempo und ein dynamischer, spritziger Refrain zum Niederknien. Dieser Titel hat erhöhtes Suchtpotenzial.

Selbiges lässt sich auch der Single "So let it rain" zuschreiben. Nach vielen Jahren erscheint im Vorfeld des Albums endlich mal wieder eine Magnum-Single, die allerdings hier und da kritisiert wird. Man unterstellt Tony Clarkin kommerzielles Kalkül. Solche Vorwürfe können nur von Nicht-Fans stammen, denn echte Anhänger der Band wissen, dass derartige Kompositionen sehr typisch für den gewichtigen Bartträger sind. Klar, es gibt etwas mehr Streicher zu hören als sonst, aber das tut dem rockigen Charakter des Titels keinen Abbruch. Die Boxen bersten fast im mitreissenden Gefühlssturm. Richtig packend.

"Dance of the Black Tattoo" ist textlich die härteste Nummer der CD. Die stillen Toten folgen einem auf Schritt und Tritt und das wüste Riff grinst einen fies an. Die Parallelen zu Led Zeppelins "Kashmir" sind mehr als offensichtlich, aber Magnum fügen dem Ganzen ihre eigene Note durch das hörenswerte Frage- und Antwortspiel zwischen Gitarre und Keyboard hinzu. So wird ein etwas gewöhnlicher Song doch noch zum Hinhörer.

"Shadow town" gehört zu den überzeugendsten Kompositionen, die Tony Clarkin jemals getätigt hat. Anfangs wie fast jedes Stück der neuen LP im mittleren "Mitwipp-Tempo" angesiedelt, explodiert sie im funkensprühenden, filigranen Refrain. Das ist kraftvoller Melodic Rock in edelster Vollendung. Besser macht es keiner.

Die einzige verzichtbare Nummer auf "On the 13th Day" heißt "Putting things in place". Nicht unbedingt schlecht, aber etwas zu gewöhnlich. Auch wenn der dramatische Refrain ganz nett ist.

Nach der kurzen Ausruh-Phase geben Magnum kurz vor Schluss noch einmal richtig Stoff. "Broken Promises" ist eine unfassbar druckvolle, treibende Rockgranate. Die Gitarre brät was das Zeug hält und Bob Catley thront kraftvoll über allem. Für solche Songs liebe ich diese Band. Besonders auf Autobahnen ohne Tempolimit empfehlenswert. Zischt einfach herrlich ab, das Teil. Yes!

"See how they fall" klingt ähnlich heavy, ist jedoch vom Arrangement her eher ein klassischer Melodic Metal Song. Das Keyboard bläst eine Fanfare, Catley tänzelt geschmeidig durch die Strofen und der bombastische Refrain lässt sämtliche andere Genregrößen alt aussehen. Neben dem Titelsong mein Liebling auf dem Album. So geht unverkrampfte, wuchtige Rockmusik.

Zum Abschluss folgt dann die, wie Bob Catley es nannte, "wavy arms ballad" mit dem Titel "From within". In diesem Segment macht Magnum keiner was vor. Gekonnt inszenieren sie den feierlichen Chorgesang und zaubern jedem Fan ein fröhliches Lächeln ins Gesicht. Da ist er wieder, der Wohlfühlfaktor, der in den letzten Jahren etwas der wütenden Resignation gewichen ist. Gemächlicher und einfach nur schöner Ausklang.

In der Limited Edition gibt es noch eine Bonus-CD. "Those were the days" ist ein Demo aus der Zeit zwischen 1989/1990. Dieser Titel schafft es auf kein Album, liefert jedoch eine Textzeile für den Song "Heartbroke and busted" von der "Goodnight L.A."-LP von 1990. Nettes Stück.

"Eyes like fire" ist Fans bereits von der Limited Edition des letzten Albums "The Visitation" (2011) bekannt. Er wurde damals mit einem Video bedacht, fand jedoch nicht den Weg auf die reguläre Platte. Während der Aufnahmesessions zu "On the 13th Day" stand er dann aber als Gratis-Download auf der Band-Homepage zur Verfügung. Dennoch sehr schön, dass man diesen überzeugenden, Magnumtypischen Song endlich auch in der Audioversion auf CD veröffentlicht hat.

Ansonsten dabei: die Akustik Versionen von "Blood Red Laughter" und "Shadow town", sowie Live-Mitschnitte der Songs "We all need to be loved" und "The Moonking" von der letzten Tour. Magnum bieten den Fans seit 2007 stets eine Zusatz-CD oder DVD. Das ist value for money.

"On the 13th day" ist ein beeindruckendes Spätwerk. Wieder einmal hat der Haus- und Hofkünstler Rodney Matthews eines seiner vielgeliebten Fantasy-Cover beigesteuert, das dem Gesamtpaket die letzte Note hinzufügt und die Musik angemessen verbildlicht. Der einzige kleine Wehrmutstropfen der LP ist der etwas hölzerne Schlagzeugsound von Harry James. Man wünscht sich hier und da etwas mehr Volumen und Druck. Ansonsten ist das Ganze aber top.

Ach, wie sehr ich diese Band liebe. Sie machen Musik, die weder cool, noch modern ist und trotzdem erzielen sie auf ihre alten Tage noch respektable Chartpositionen. Das letzte Werk "The Visitation" knackte mit Platz 19 gar die Top 20 in Deutschland. "On the 13th Day" schaffte es immerhin auf Rang 28.

Hoffen wir, dass Magnum noch das eine oder andere neue Album auf den Markt bringen werden. Allzu viele dürften es leider nicht mehr sein, da Clarkin und Catley stramm auf die 70 zugehen und sie immer wieder gesundheitliche Probleme plagen. So erklärt sich vielleicht auch die hohe Produktivität des Gitarristen. So lange sie da sind heißt es also genießen. Sie geben einem allen Grund dazu.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 31, 2013 10:53 PM MEST


The Very Beast of Dio, Vol.2
The Very Beast of Dio, Vol.2
Preis: EUR 19,99

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Beste aus einer schwierigen Zeit, 14. Oktober 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Very Beast of Dio, Vol.2 (Audio CD)
Ronnie James Dio ist immer noch einer der bedeutendsten Sänger des Heavy Metal. Der 2010 im Alter von 67 Jahren an Krebs verstorbene US-Amerikaner schreibt mit Bands wie Rainbow, Black Sabbath und seiner Solo-Formation DIO Rockgeschichte und gilt auch zwei Jahre nach seinem Tod als das gesangliche Maß aller Dinge. Kein anderer beherrschte den dramatischen, wuchtigen Wehgesang besser als er. Seit seinem Ableben verwaltet Witwe Wendy Dio das musikalische Erbe über die gemeinsam gegründete Plattenfirma Niji Records. Bisher sind eine Live Doppel-CD namens "Live at Donington" und eine Zusammenstellung bisher unveröffentlichter früher Tracks seiner ersten Rockband Elf mit dem Titel "And before Elf there were Elves" erschienen. Sicherlich lagert in einigen Archiven noch mehr Material, das in den nächsten Jahren das Licht der Welt erblicken wird - schließlich stehen noch einige Geburts- und Todestage an. Einstweilen gibt es den zweiten Teil des "Very Beast of Dio"-Albums, ein Best of, das sich mit der Phase von 1996-2010 beschäftigt.

In diesen Jahren durchlebt Dio eine schwere Zeit. 1992 steigt er zum zweiten Mal bei Black Sabbath aus und muss, wie viele andere klassische Metalbands Mitte des Jahrzehnts die ernüchternde Erfahrung machen, dass ihre Musikrichtung völlig out ist. So geht das sehr sperrige 96er Album "Angry Machines" dementsprechend unter. Erst 2000 mit seinem "Magica"-Konzeptalbum und den nachfolgenden LPs "Killing the Dragon" (2002) und "Master of the Moon" (2004) findet Dio wieder einigermaßen in die Erfolgsspur. Der lange Weg aus der Krise mündet 2006 in eine erneute Zusammenarbeit mit seinen alten Black Sabbath-Kollegen, diesmal unter dem Bandnamen "Heaven & Hell". Sie bringen 2009 das vielbeachtete und sehr erfolgreiche Album "The Devil you know" auf den Markt. Späte Ehren für einen ehemaligen Weltstar, der ein gutes Jahr später stirbt.

Die hier vorliegende Compilation beschäftigt sich allerdings ausschließlich mit Dio's Solo Aktivitäten. Es gibt Highlights wie das zackige "One more for the road", die düsteren Stampfer "The eyes" und "Lord of the last day", das kommerzielle "Push", oder den heftigen Kopfnicker "Hunter of the heart" in einer Liveversion zu hören. Höhepunkt ist aber die wunderbar gefühlvolle Ballade "As long as it's not about love" aus dem "Magica"-Album, die zweifellos zu den größten Gesangsleistungen einer langen Karriere zu zählen ist.

Das wirklich Interessante an "The Very Beast of Dio Vol. 2" aber sind die drei Bonustracks, weil es sich dabei gefühlt um "neues" Material handelt. "Prisoner of Paradise" ist der nur in Japan veröffentlichte Zusatzsong aus "Master of the Moon". Ein ganz gutes Rockstück mit nettem Riff, insgesamt aber nichts besonderes.

Anders "Metal will never die". Dabei handelt es sich um den letzten Song, den Dio vor seinem Tod eingesungen hat. Fans werden ihn bereits vom Album "Bitten by the beast" (2010) des alten "The Rods"-Gitarristen und Dio-Cousin David Feinstein kennen. Ronnie liefert trotz deutlich gebrochener und etwas heiser klingender Stimme, sowie mangelhaftem Soundmix ein letztes Mal einen Beweis für seine Power. Es ist beeindruckend, dass Dio in seiner gesamten Karriere nie einen stimmtechnischen Einbruch erlebt und bis zu seinem Tod konstant starke Leistungen abgeliefert hat.

Nachzuhören auch und besonders im Song "Electra". Er wurde mit drei anderen, bisher nicht erschienen Nummern für das "Magica II + III" Projekt aufgenommen, welches Ende 2009 aufgrund der immer schlimmer werdenden Schmerzen des Sängers abgebrochen werden muss. Dieses Doppelalbum war Dio's letzter Herzenswunsch. Leider schafft er es nicht mehr, die Fertigstellung zu realisieren. So erscheint "Electra" wenige Wochen vor seinem Tod als streng limitierte Sammlersingle. Nun ist der Titel erstmals auf einer offiziellen Platte zu hören. Zwar treten hier und da (wohl einem Gebiss geschuldete) zischende S-Laute zu Tage, alles in allem ist die Nummer aber richtig stark. Wuchtiges Midtempo, ein dramatischer Stimmvortrag und der düstere Text verdeutlichen ein letztes Mal die Genialität eines Ausnahmekünstlers. Hoffentlich wird Wendy Dio auch die übrigen Songs aus dieser Session bald veröffentlichen.

"The Very Beast of Dio Vol. 2" ist jedoch nicht nur wegen der Bonustracks eine lohenswerte Anschaffung. Es zeigt den Ausnahmesänger in seiner musikalisch nicht unbedingt anspruchsvollsten, aber experimentellsten Phase, die einige lohnenswerte Kompositionen hervorgebracht hat. Vor allem aber ist es das letzte Lebenszeichen einer Legende. Ruhe in Frieden, Ronnie James Dio. Metal will never die!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 2, 2013 12:01 PM MEST


Dom
Dom
Preis: EUR 8,97

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Elektro-Comeback des Joachim Witt, 1. Oktober 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dom (Audio CD)
Im September 2012 beginnt für den einstigen NDW-Star Joachim Witt aus Hamburg der dritte Frühling seiner Karriere. Mit 63 veröffentlicht er sein mittlerweile 13. Studioalbum "DOM" und macht deutlich, dass die 1998 nach 6 Jahren Pause begonnene "Werkreihe Bayreuth" endgültig abgeschlossen ist. Wiederum 6 Jahre nach seinem letzten Werk "Bayreuth 3" und dem ein Jahr später folgenden Best of "Auf ewig" präsentiert sich Witt soundtechnisch und inhaltlich erneut verändert. Er hat bewusst eine Pause eingelegt, unter anderem in London gelebt, und sich musikalisch neu ausgerichtet. Dazu gehört nicht nur der Wechsel der Plattenfirma sowie der Verzicht auf die seit einigen Jahren so dominanten E-Gitarren, sondern auch die Abkehr von seiner früheren Stammband, bestehend aus Uwe Hassbecker, Richie Barton und Jäckie Reznicek von der Band Silly. Die machen mittlerweile ihr eigenes Ding und Witt hat sich neue Kompositionspartner besorgt. "Zentrale Figur", wie er es nennt, ist dabei die englische Songwriterin Michelle Leonard. Weitere kompositorische Unterstützung stammt von Produzent Mirko Schaffer und seinem Team.

In dieser neuen Konstellation entstehen insgesamt 14 Lieder, die sich auf der Doppel-CD der Limited Edition von "DOM" wiederfinden. Wie immer ist die Marke Witt dabei nicht nur musikalisch auf höchstem Niveau unterwegs, auch die Aufmachung ist erstklassig: neben allen Texten gibt es stilvolle Bilder des Künstlers, ein umfassendes Impressum und hochwertiges Cover Artwork von Ronald Reinsberg. Ein derart ausführliches Package ist man von der in diesen Belangen oft recht lieblosen Sony nicht gewohnt.

Zudem produziert die neue Plattenfirma ein sehr aufwändiges und kunstvolles Musikvideo zur ersten Single "Gloria", welche das Album einleitet. Für Joachim Witt ist dieser Titel nach seinen größten Hits "Der Goldene Reiter" (1982) und "Die Flut" (1998) der wichtigste, weil persönlichste seiner Karriere. Tatsächlich ist die Nummer eine wehmütige Ode an die verflossene Liebe im bombastischen Elektro-Gewand und mit kräftiger Streicher-Unterstützung. Textlich ist das nicht weit entfernt von der "Werkreihe Bayreuth" mit ihren grollenden, depressiv-pessimistischen Gefühlsbeschreibungen. Und auch musikalisch geht es weiterhin bombastisch und emotional zu, doch die schneidenden Gitarren und die Barock-Reminiszensen fehlen vollständig. Das gibt der Musik einen anderen, nicht ganz so düsteren Charakter. Das Video zum Song löst dennoch eine Kontroverse aus. Die Bundeswehr fühlt sich offensichtlich durch die Darstellung der Soldaten auf den Schlips getreten. Reichlich albern, wenn man die Meinungsfreheit mit Füßen tritt.
"Gloria" ist sicher eine beeindruckende Komposition. Beim ersten Hören aber hat sie mich etwas enttäuscht. Ich weiß nicht genau was mir daran fehlt, aber sie reißt mich nicht vollends mit. Der Charteinstieg auf Position 84 zeigt aber, dass sich offenbar ein Markt dafür findet. Gut so.

"Jetzt geh" hingegen ist der Wahnsinn. Was für ein sensationelles Stück! Angetrieben von pumpender Bassdrum und energetischem Schlagzeug entwickelt sich ein echter Hit. Der Refrain packt sofort, das Keyboard tänzelt leichtfüßig, überall sprühen die bunten Funken und man fühlt sich einfach gut. Textlich könnte es sich um eine Hymne für sämtliche Fußballstars der Welt handeln, die kurz davor stehen, Geschichte zu schreiben. Dieses Lied symbolisiert genau das, was Witt am Besten kann: Emotion. Es breitet einen gewaltigen Klangteppich aus, in den man sich sanft fallen lassen kann. Dass es sich im Prinzip um ein klassisches Schlager-Arrangement handelt, spielt dabei keine Rolle. Das ist einfach nur Musik mit Tiefgang. Wer nicht auf Emotionen steht, sollte von Witt ohnehin die Finger lassen.

Das gilt auch für die traurige Ballade "Tränen". Begleitet von Akustik-Gitarre und Streichern wiegt sich Witt im Schmerz. Zunächst plätschtert die Nummer etwas vor sich hin, je mehr man sie aber hört, desto stärker wird sie. Hätte auch gut auf die Werkreihe Bayreuth gepasst.

"Blut" ist der einzige Song, auf dem Witts jahrelange Background-Sängerin Nadja-Marie Saeger zu hören ist. Die Strofen sind interessant und abwechslungsreich gehalten, der Refrain aber klingt dann doch etwas zäh und langatmig. Nicht die stärkste Nummer der CD.

"Königreich" dagegen vermag sofort zu fesseln. Trotz der nervig klatschenden Elektro-Snare gefallen der gebrochene Gesang und ganz besonders der wuchtige Refrain. Man stelle sich jetzt noch fette Gitarren dazu vor und schon wäre man wieder in den Jahren 1998-2006. Die Zeile "Wir sind alle mehr als nur ein Gesicht im Datensturm" sticht besonders hervor. Stark.

Das Klavierbegleitete "Beben" ist trotz seiners Schlager-Refrains ziemlich bewegend. Witt lässt wieder mal große Gefühle zu und zeigt, dass ihm auf diesem Gebiet in Deutschland keiner voraus ist. So herzergreifend emotionale Musik kann nur er.

Die beiden folgenden Nummern sind für mich die stärksten der Platte. Zunächst ist da "Mut eines Kriegers". Die klatschende Elektro-Snare ist zwar wieder zurück, aber das straighte Arrangement und vor allem der dynamische Chorus erzeugen Gänsehaut. Erinnert an hymnische Großtaten wie "Krieger des Lichts" oder "Eisenherz".

Mein ganz großer Favorit aber heißt "Licht im Ozean". Was für ein sensationeller Refrain. Das ist Witt wie ich ihn liebe: traurig, mit tiefer Stimme und in dramatischem Soundgewand. An diesem Titel kann ich mich gar nicht satthören, er reisst von der ersten Sekunde an mit. Ganz, ganz große Gefühls-Kunst! Das ist Joachims persönliche "Grosse Freiheit". Erinnert von der Intensität her an "Über den Ozean" aus "Bayreuth 2" (2000). Einfach Wahnsinn.

"Komm nie wieder zurück" bewegt sich dann verdächtig nahe an der Grenze zum Kitsch, kriegt aber gerade noch die Kurve. Fast hätte es Witt übertrieben mit seinem Gefühlssturm. Doch nur fast. Geht durchaus in Ordnung, ist aber hauptsächlich was für besonders gefühlige Stunden.

"Leichtsinn" kommt zunächst noch spannend im Tango-Rhythmus daher, überschreitet dann aber endgültig die Kitsch-Grenze im Refrain. Nicht nur, dass er inszenatorisch nicht zum Rest des Titels passt. Er ist zudem viel zu überladen und aufgeblasen. Klingt fast wie die eins zu eins Kopie des schlimmen Kitschbolzens "Tief in der Tiefe" von "Bayreuth 3" (2006). Das ist ganz einfach ein Ausfall, der nicht hätte sein müssen.

Das Abschlusstück "Untergehen" soll wohl den melancholischen Rausschmeisser geben, nervt aber ziemlich. Das liegt besonders an der übertriebenen Art, wie Michelle Leonard die weibliche Stimme im Refrain singt. Leider auch ein Ausfall.

In der regulären Version ist das Album hier zu Ende. Die Limited Edition bietet auf einer zweiten CD noch zusätzliche Tracks. Den Auftakt macht "DOM", eine knapp zweieinhalb-minütige dramatische Hymne. Richtig stark und interessant gestaltet ist es, das Titelstück, das leider nicht den Weg auf die erste Seite gefunden hat.

Das gilt auch für "Mädchen", den Bonustrack der "Gloria"-Single. Dabei ist genau dieser Titel einer der stärksten neuen Kompositionen. Könnte direkt aus einem der Bayreuth-Alben stammen, nur dass eben die Gitarren fehlen. Es stimmt wirklich alles und man hätte damit einen der beiden letzten Kitschklumpen von Seite 1 ersetzen können.

Die tieftraurige Klavier-Ballade "Rose-Marie" klingt, als entstamme sie unmittelbar aus Schuberts Vertonung des Liedzyklus "Winterreise". Gerade wegen der reduzierten Instrumentierung ein überzeugendes, andersartiges Stück.

"Shut the F*** up" setzt anschließend den Gegenpart mit seinen hämmernden Elektro-Beats und dem "Herbergsvater" Stakkato-Rhythmus. Witt übt mächtig Gesellschaftskritik und haut nochmal auf die Kacke. Ein bisschen peinlich, aber trotzdem irgendwie spaßig.

Außerdem finden sich auf der zweiten CD noch die bisher unveröffentlichte englische Version von "Goldener Reiter" und "Hundert Leiber" aus "Bayreuth 3", "Das geht tief" aus "Bayreuth 1", sowie der Radio Mix von "Gloria". Hätte alles nicht unbedingt sein müssen, weil man als Fan die Titel schon hat und es keinen spezifischen Grund dafür gibt, weshalb Neuhörer ausgerechnet diese Nummern kennen lernen müssten. Irgendwie musste man die Bonus-Section ja füllen.

Wäre die zweite Seite mit ihren drei bärenstarken Nummern nicht, "DOM" würde einen ziemlich zwiegespaltenen Eindruck hinterlassen. Einerseits findet sich herausragendes, andererseits auch recht durchschnittliches und sogar schwaches Material. Der Sound hingegen ist angenehm modern gehalten und kann mit anderen aktuellen Produktionen unserer Zeit mithalten. Das ist definitiv ein Pluspunkt. Außerdem hat Joachim Witt (bis auf eine Ausnahme) von den zuletzt sehr (Links-)politischen Statements abgelassen, was ebenfalls angenehm ist. Des Weiteren muss man ihm zu Gute halten, dass er nicht sein altes Muster reproduziert, sondern einen neuen Weg eingeschlagen hat. Der komplette Verzicht auf die harten Gitarren ist mir aber etwas zu rigoros. An manchen Stellen hätten sie den Songs das entscheidende Quäntchen Power hinzufügen können.

Letztlich überwiegt die Freude über ein neues Witt-Album die eine oder andere Schwachstelle. Endlich ist er zurück und das mit einem guten, aber nicht überragenden Werk. Gäbe es 3,5 Sterne - diese Platte hätte sie verdient. Witt schafft das lang ersehnte Comeback mit Pauken und Trompeten, die Platte geht bis auf Platz 8 der deutschen Charts. Und das völlig zu recht, denn ein derart intelligenter und sprachgewandter Künstler wie Joachim Witt tut der eindimensionalen deutschen Popszene sehr, sehr gut.


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