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STB

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Decadent (Ltd.Digipak)
Decadent (Ltd.Digipak)
Preis: EUR 17,99

7 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kreativer Engpass - U.D.O. treten auf der Stelle, 31. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Decadent (Ltd.Digipak) (Audio CD)
Etwa zwei Jahre nach seinem Chartbreaker "Steelhammer" (Platz 21 in Deutschland) meldet sich Metal-Urgestein Udo Dirkschneider im Januar 2015 zurück. "Decadent" heißt sein mittlerweile 15. Soloalbum. Es ist das Zweite nach der Ära Stefan Kaufmann und wie auch schon der Vorgänger lässt es einen etwas ratlos zurück.

Sicher, die üblichen Kennzeichen einer U.D.O.-Platte sind vorhanden, dennoch fehlt dem Ganzen das Außergewöhnliche. Routinierte Songs, denen man anmerkt dass hier bei weitem keine Dilletanten am Werk sind, die aber auf der anderen Seite nicht gerade Anlass zu Freudentänzen geben. Exemplarisch sei die Single "Decadent" angeführt. Absolut brauchbares Teutonen-Stampfriff, doch der Refrain ist zu durchschaubar. Ohne Feuer vorgetragen und zudem mit seltsamer, digital abgeschnittener Hi-Hat versehen. Beunruhigte mich zunächst nicht weiter, da U.D.O.-Singles öfter mal keine Glanztaten sind (siehe vor allem "Leatherhead"). Leider ist der Rest des Albums ebenfalls nur mittelprächtig geraten.

Die ganz großen Einfälle sucht man vergebens. Kaum ein Song bleibt beim ersten Durchlauf hängen. Eigentlich, wenn ich ganz ehrlich bin, nur das sehr traditionelle "Untouchable" mit seinem fetten Gang-Chorus und der groovige Bonustrack "Let me out" (mein Favorit) im melodieorientierten 80er Stil. "Faceless World" (1990) lässt grüßen.

Die beiden jungen Gitarristen Andrey Smirnov und Kasperi Heikkinen machen ihre Sache immerhin gut, hauen druckvolle Riffs und einfallsreiche Soli raus. Man merkt dass sie heiß sind und gerne für U.D.O. spielen. Schade, dass ihre ansprechende Leistung in einigen arg biederen Tracks versinkt.

"Under your Skin" zum Beispiel sägt gewaltig, doch der Refrain ist höchstens lauwarm. Wenigstens textlich gelingt die Abrechnung mit Dirkschneiders ehemaligen Accept-Kollegen. Der mega langweilige zweite Bonustrack "Shadow Eyes" hinterlässt Schulterzucken. "Rebels of the Night" überzeugt einzig durch sein ungezügeltes musikalisches Grundgerüst und unheilsschwangere Chöre. Den Refrain kann man getrost vergessen. "Speeder" verhöhnt sich selbst, kommt nur pseudo-schnell daher.

Ein hartes Urteil, das auch schon für viele Titel von "Steelhammer" gelten musste. "Decadent" ist zumindest eine Spur einfallsreicher und härter. Letztlich glänzen aber vor allem die kommerzielleren Titel wie "Breathless", "Pain" oder "Words in Flame".

Ein Missgeschick ist hingegen die einzige Ballade "Secrets in Paradise". Eigentlich sind ruhigere Songs eine große Stärke von Udo, sowohl in Bezug auf Gesang als auch Arrangement. Bei besagtem Titel stimmt nur Letzteres. Ich weiß nicht weshalb Dirkschneider den Refrain so krächzen muss. Ja, seine Reibeisenstimme ist sein Markenzeichen, aber gerade in Balladen klingt er dann am Eindrucksvollsten, wenn er seinen cleanen Gesang einsetzt. Siehe etwa das stimmungsvolle "I give as good as I get" (2011) oder das traurige "Blind Eyes" (2004). Selbst der Accept-Evergreen "Winterdreams" von 1983 fasziniert gerade deshalb. Ohne das Geraspel wäre "Secrets in Paradise" ein richtiger Kracher.

Bei aller Kritik - nur zwei Sterne zu vergeben wäre ungerecht, schon alleine deshalb weil das etwas schwächere "Steelhammer" auch schon drei von mir bekommen hat. Das kontrovers diskutiere Cover ist für mich übrigens kein Minuspunkt. Man muss es nicht mögen, aber es passt zum Albumtitel.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass U.D.O. der Verlust von Rhythmusgitarrist und Kompositionspartner Stefan Kaufmann weiterhin deutlich anzumerken ist. Die Produktion klingt zwar erfreulicherweise natürlicher, doch die Melodien haben ihre Schwächen. Wenn man ganz böse sein will, kann man bei vielem sogar von B-Seiten-Qualität sprechen. Denn selbst wenn man die besten Lieder aus "Steelhammer" und "Decadent" auf eine CD packen würde, käme kein Meisterwerk dabei heraus. Glücklicherweise erfreut sich der 62-Jährige Udo Dirkschneider bester Gesundheit und wird noch das eine oder andere Album nachlegen. Er kann also alles besser machen. Dass er dazu nach wie vor in der Lage ist, bleibt unstrittig.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 10, 2015 11:49 AM MEST


Rock Or Bust
Rock Or Bust
Preis: EUR 14,99

34 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Vier-Viertel-Takt in den Rock-Himmel, 28. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Rock Or Bust (Audio CD)
Widriger hätten die Umstände im Zuge der Veröffentlichung des 16. AC/DC-Albums "Rock or Bust" kaum sein können. Gründungsmitglied und Rhythmus-Gitarrist Malcolm Young muss die Band wegen einer unaufhaltsam fortschreitenden Demenz-Erkrankung mit gerade mal 61 Jahren verlassen. Dann wird auch noch Anklage gegen Drummer Phil Rudd erhoben, der angeblich einen Doppelmord in Auftrag gegeben haben soll. Zwar wird die Anklage schnell wieder fallen gelassen, doch das alte Rock and Roll Schlachtross AC/DC wirkt merklich angeschlagen. Eine bange Frage drängt sich sofort auf: Leiden die neuen Songs darunter? Kein Stück! Ganz im Gegenteil. Unverbrauchter und enthemmter hätte man sich die australisch-britische Combo im November 2014 kaum wünschen können.

Angus Youngs Neffe Stevie, der neue Rhythmus-Gitarrist, fügt sich mit seinen präzisen Läufen und Riffs perfekt ins Ensemble ein. Authentischer geht es nicht, obwohl Malcolm fehlt. Liegt vor allem daran, dass man sich ausschließlich auf das beschränkt, was man am Besten kann - schnörkellosen Blues-Rock mit erinnerungswürdigen Refrains. Gerade mal 35 Minuten Spielzeit, aber immerhin 11 Songs bietet "Rock or Bust". Vier weniger als auf dem wesentlich ausladenderen Vorgänger "Black Ice" (2008). All Killers, no fillers, um mal eine alte Floskel zu bemühen. Auffällig auch: Kein einziger Titel knackt die Vier-Minuten-Marke. Stilistisch erinnert mich vieles an das von mir ebenfalls sehr geschätzte "Stiff upper Lip"-Album von 2000. Auch damals standen vor allem gute Laune und überzeugende Melodien im Vordergrund.

Der Titelsong vereint beide Elemente. Brian Johnsons Reibeisenstimme ist auf den Punkt da, dazu tightes Drumming und perfekt getimte Riffs. So kennt man das als Fan seit Jahrzehnten und genauso will man es auch hören. Obwohl die altbekannten Ingredienzen serviert werden, klingt hier nichts abgehalftert oder wie ein Klischee seiner Selbst. Sofort lässt sich der Refrain mitgrölen, die Struktur ist simpel wie eh und je. Und doch entfaltet es sich sofort, dieses unvergleichliche Charisma, das AC/DC regelmäßig bombastische Verkaufszahlen beschert. They know how to do it.

Noch eine Spur prägnanter gerät die erste Single "Play Ball". Gerade mal 2.47 lang und vom ersten Ton an unwiderstehlich. Keine andere Band kann mit solch geringen Mitteln einen größeren Effekt erzielen. Nicht eine Note zu viel, kein angeberisches Gitarren-Gedudel, einfach nur spaßiger Rock and Roll ohne Firlefanz. Diese Musik klingt wie ein Anachronismus und genau das ist so wohltuend. Im schnelllebigen Digital-Zeitalter wirken Angus und seine Jungs wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen, wie ein Hard-Rock-Dinosaurier, der eindrucksvoll seine Stärke demonstriert. Ach ja und auch die beiden Musikvideos zu "Play Ball" und "Rock or Bust" untermauern diesen Eindruck. Hochglanz-Produktionen sehen definitiv anders aus.

Man kommt aus dem Jubilieren gar nicht mehr heraus. Das kerzengerade "Rock the Blues away" ist eine Wohlfühl-Nummer erster Güte. Sommer, Sonne und ein hübsches Mädchen - mehr braucht der gemeine AC/DC-Fan nicht zum Glücklichsein (wenn man den Alkohol mal weglässt). Wo zur Hölle kommt dieser sagenhafte Chorus her? Ich schließe die Augen und verdrücke ein sentimentales Freudentränchen.

Der Partymodus bleibt an. "Miss Adventure" mit seinem adrenalingetränkten Power-Riff und den fetten Gangshouts rult gewaltig. Da braucht man keine Highspeed-Granaten um glücklich zu sein. Es fällt auf, dass beim gesamten neuen Material extrem viel Wert auf einen hohen Wiedererkennungswert gelegt wurde. Dementsprechend melodieorientiert ist das gesamte Album. Man könnte sagen: 80er Rock mit etwas mehr Kante.

Das gefährliche "Dogs of War" klingt wie der räudige Bruder von "War Machine". Satter Groove, unvergesslicher Refrain. Nicht zu fassen, was hier für ein Niveau geboten wird. Wird auf Tour mächtig knallen.

Selbst Handclaps wirken auf "Got some Rock and Roll thunder" keinesfalls deplatziert. Erlaubt ist, was Freude bereitet und wer hier nicht fröhlich mitklatscht, dem ist nicht mehr zu helfen. Das muss der Rock-Himmel sein.

Nach dem etwas konventionellen "Hard times" sprintet mein persönlicher Liebling los. "Baptism by fire" ist der einzige wirkliche Uptempo-Song der LP. Randvoll mit Testosteron und sämtlichen Rock-Floskeln. Ein Killer. Mit Schaum vor dem Mund schreie ich mich ins Nirvana. Ungezügelte Energie. Ein Refrain zum niederknien. Danke, danke, danke!!!!

"Rock the House", "Sweet Candy" und "Emission Control" sind einen Tick schwächer geraten, aber das macht überhaupt nichts. Sieben Kracher und vier sehr gute Nummern - was will man mehr?

Angesichts des schmerzlichen Ausstiegs von Malcolm Young, der bisher an jedem Album beteiligt war, muss die Leistung auf "Rock or Bust" umso höher eingeschätzt werden. Es wirkt zwar alles so locker flockig und unbeschwert, als habe man sich mal eben einen Nachmittag zusammen gesetzt und drauf los gejammt. Aber so war es gewiss nicht. AC/DC wollten ihren Fans noch einmal einen Meilenstein liefern und das ist ihnen ohne Einschränkungen geglückt. "Black Ice" war okay, aber jetzt könnte man ruhigen Gewissens auf einem letzten Höhepunkt abtreten.
Außerdem fällt die Produktion von Brendan O'Brien angenehm oldschool aus, auch wenn sie manchem etwas zu stromlinienförmig (sprich "kommerziell") erscheinen dürfte. Reduziert aufs Wesentliche und dennoch mit dem Blick für die Bedürfnisse des Marktes. Zwei Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug, dazu Brian Johnsons unverwechselbar geiles Geschreie - meine Damen und Herren, so wird Geschichte geschrieben! Dass hier die Musik ohne mit der Wimper zu zucken von jeglichem Innovationsanspruch befreit wird, gehört zur DNA der Band. Wer anspruchsvolle Kompositionen hören will, muss sich anderweitig umsehen.

Man mag sich keine Gedanken darüber machen, dass dies wohl das letzte AC/DC-Album überhaupt ist. Stattdessen lieber wieder und wieder die Repeat-Taste drücken. Das Leben kann so schön sein.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 28, 2014 10:29 PM CET


Delivering the Black
Delivering the Black
Preis: EUR 14,99

4.0 von 5 Sternen Hochklassiger Power Metal aus dem Schwabenland, 11. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Delivering the Black (Audio CD)
Jawoll, das knallt! Mit "Delivering the Black" gelingt Primal Fear Ende Januar 2014 ein echter Hochkaräter. Das zehnte Album der schwäbischen Fünfercombo ist wesentlich härter geraten als der Vorgänger "Unbreakable" (2012). Power Metal mit Eiern, sozusagen. Kitsch gibt es hier nicht, stattdessen jede Menge Aggression, ohne dass die melodischen Aspekte vernachlässigt werden. Peitschende Riffs in Verbindung mit ausgefeilten Refrains - diese Rechnung geht bestens auf.

Die beiden erbarmungslosen Doublebass-Kracher "King for a Day" und "Rebel Faction" eröffnen die Platte. Testosterongetränkt, dunkel, voller Energie. Keine Kompromisse. Wer nicht headbangt, verliert. Angetrieben von Ralf Scheepers' rauem Schreigesang brennen sich beide Songs sofort ein. In der Vergangenheit nervte der Frontmann ja des Öfteren mit zu viel Gejaule, diesmal erwischt er die richtige Mischung zwischen höherer und tieferer Stimmlage. Es dürfte manchem Primal-Fear-Einsteiger trotzdem noch too much sein. Ich finde es okay.

Die (etwas zu lange) erste Single "When death comes knocking" entpuppt sich als schwerer Kopfnicker mit gewaltigem Riff, der einen Sog erzeugt. Teutonischer Stampf-Metal, dem das gewisse Etwas jedoch in meinen Augen fehlt.

Ich bevorzuge das kompaktere "Alive & On Fire". Muskulöser Hard Rock mit absolut mitreissendem Refrain. Bestens geeignet für Hochgeschwindigkeitsfahrten auf der Autobahn. Verwurzelt im Geiste der 80er und dennoch angenehm heavy. Mein Favorit.

Der schneidige Uptempo-Banger "Delivering the Black" gerät nicht minder stark. Die Gitarren sägen als gäbe es kein Morgen und der mehrstimmige Chorus in bester Accept-Manier vernichtet gnadenlos alles was sich ihm in den Weg stellt. Fett, fett, fett!

Auch "Road to Asylum" macht keine Anstalten die Doublebass-Anteile zu reduzieren. Flutscht gut ins Öhrchen und ballert schön heftig.

Das über neun Minuten lange "One Night in December" besticht durch verschiedene Tempi und einen hypnotischen Refrain. Die Nummer trägt über die gesamte Spielzeit und gilt für viele Rezensenten und Fans als Aushängeschild der Platte.

"Never pray for Justice" ist wieder eher im Hard Rock anzusiedeln und überzeugt mit einer explosiven Hook.

Die einzige Ballade des Albums trägt den Titel "Born with a broken heart". Sicher nicht jedermanns Sache, weil durchaus bombastisch arrangiert und mit Streichern garniert. Mir gefällt sie ganz gut.

Bezeichnenderweise entlassen Primal Fear den Hörer nicht mit einem langsamen Song, sondern bieten zum Abschluss das brettharte "Inseminoid" auf. Schweißtreibender Geschwindigkeitsmetal bei dem Scheepers seine Stimmbänder aufs Äußerste strapaziert. Nicht der kreativste Titel der LP, aber darum geht es ja auch gar nicht. Es fetzt und darauf kommt es an.

Dass "Delivering the Black" ein Volltreffer geworden ist (Platz 13 der deutschen Charts), dürfte vor allem an der geballten Songwriter-Kompetenz der Band liegen. Bassist Mat Sinner und Gitarrist Magnus Karlsson veröffentlichen seit Jahren massenweise Soloalben und Arbeiten für Fremdkünstler und Bands und auch Axel Beyrodt (Gitarre) und Ralf Scheepers sind diesbezüglich wahrlich keine unbeschriebenen Blätter. Dieses Team bündelt all seine Stärken zum stimmigsten Album der Geschichte von Primal Fear, das ohne jeglichen Ausfall daherkommt. Zudem ist der extrem kraftvolle Sound ein gewaltiger Pluspunkt. In Zeiten durchgestylter, seelenloser Massenproduktionen ein lang ersehnter Lichtblick. Besonders das satte Schlagzeug des mittlerweile ausgestiegenen Randy Black sticht positiv heraus.

Sicher, das Rad haben Sinner und Co. nicht gerade neu erfunden, Unberechenbarkeit geht anders. Durch das beherzte Bekenntnis zu den ureigenen Tugenden des Power Metal sowie den weitgehenden Verzicht auf zu viel Pathos gewinnen die Kompositionen aber an Mehrwert und machen ganz einfach viel Spaß. Bedeutet im Endergebnis verdiente vier Sterne.


Light Of Dawn (Deluxe Edition - 13 Tracks)
Light Of Dawn (Deluxe Edition - 13 Tracks)
Preis: EUR 16,99

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überraschend emotionsloses Zweitwerk, 20. September 2014
Verdammt bin ich aufgeregt als Mitte 2014 das zweite Unisonic-Album "Light of dawn" angekündigt wird. Generell versprechen alle Platten, auf denen Michael Kiske als Sänger zu hören ist, besondere Leckerbissen zu werden. Nachdem mich das selbstbetitelte Debüt zwei Jahre zuvor schon überzeugt hat, stürze ich mich Ende Mai voller Vorfreude auf die Vorab-Single "For the Kingdom". Die lässt mich allerdings etwas ratlos zurück.

Ja, da ballert tatsächlich eine Doublebass los, aber ein echter Kracher hört sich anders an. Irgendwie abgeklärt und ohne Esprit rotzen einem die fünf Melodic Rock-Profis diese Nummer hin, so als wollten sie mit möglichst wenig Aufwand all ihre Kritiker besänftigen. Nach dem Motto: Seht her, wir können doch hart und jetzt haltet den Mund. Diese Attitüde zieht sich durch das gesamte Album. Wenn man das Gros der Rezensionen und die Chartplatzierung (Rang 13) zu Rate zieht, hat das auch blendend funktioniert. Die zupackendere Art kommt im Gegensatz zu den vergleichsweise harmlosen Kompositionen des Erstlings gut an. Begeisterung überall. Es fällt mir schwer die zu teilen, obwohl ich es so gerne will.

Mir fehlt ganz einfach die Frische, der leidenschaftliche Kampf für ausgefeilte Melodien, wie ihn der Erstling noch geboten hat. Auf dem schließlich im August veröffentlichten "Light of dawn" bliebt vieles Stückwerk. Ein gelungenes Riff hier, ein starker Refrain dort. Nach dem ersten Durchlauf war ich sogar schockiert und dachte die LP sei total für die Tonne. Ganz so schlimm ist es immerhin nicht.

Denn der Auftakt gerät zum Triumph. Nach dem erhebenden Klassik-Intro "Venite 2.0" bereiten Mandy Meyer und Kai Hansen mit ihrem Gitarrenduell den Weg für ein melodisches Speedgranätchen. In bester Helloween-Tradition rattert die Doublebass und Michael Kiske zieht mit seinem einmal mehr anbetungswürdigen Gesang in den Bann. "Your time has come" heißt das Stück und dürfte manchem Fan vergangener Tage ein fassungsloses Staunen abringen. Sie können es tatsächlich noch. Kein AOR oder Melodic Rock. Das hier ist eine Spur schärfer, aggressiver. Ja, es ist Metal, gerade wegen der übermäßig positiven textlichen Message. Sonst hört man Kiske ausschließlich im Kontext der Metal-Oper Avantasia in derartigen Härteregionen.

Einziger Wehrmutstropfen: Wie schon auf dem letzten Place Vendome Album "Thunder in the Distance" (2013) mutet sich der Hamburger erneut eine zu hohe Stimmlage zu. Das klingt dann öfter wie der verzweifelte Versuch, ehemalige Fans zurückzugewinnen und krampfhaft zu beweisen, dass man mit Mitte 40 noch nicht zum alten Eisen gehört. Dieser Typ ist halt nicht mehr 19 wie zu "Keeper of the Seven Keys"-Zeiten und ehrlich gesagt bin ich froh drum. Das Gequieke von damals finde ich schon immer unerträglich. Ich bevorzuge sein tieferes, reiferes Timbre. Damit fesselt er mich so richtig.

Auf der zweiten Single "Exceptional" treibt Kiske besagtes Organ im Refrain ebenfalls in schwindelerregende Höhen, doch diesmal passt es perfekt. Edler Song mit absolut brillantem Chorus. Wesentlich softer als der Einstieg. Altbewährter Melodic Rock im druckvollen Midtempo, der zu keiner Sekunde ranzig oder bieder klingt. Hier glänzt die gesamte Truppe. Schön, dass es dazu auch einen Videoclip gibt.

Eigentliches Aushängeschild der Platte soll allerdings das flotte "For the Kingdom" sein. Die in den Strophen mehr als augenscheinlichen Parallelen zum Scorpions-Klassiker "Is there anybody there?" sind nicht nur von mir bereits ausführlich dargelegt worden. Außerdem gerät der Refrain zum lieblos zusammengepappten Happy-Metal-Allerweltsgebäck, wie es millionenfach in der Auslage anderer Durchschnitts-Konditoren (äääh Bands) zu hören ist. Viel Lärm um nichts. Da hilft keine Doublebass, das hier ist nicht stark genug.

Auch mit dem kräftigen Stampfer "Not gonna take anymore" kann ich mich nicht recht anfreunden. Die Strophen begeistern, der Refrain lahmt abermals. Wo sind die bezaubernden Aha-Momente, die das Debüt ausgezeichnet hatten? Es bleibt das Gefühl, dass sich die Band nicht lange genug Zeit genommen hat, um bis ins kleinste Detail an dem Stück zu feilen. Wenn man weiß wie lange sich die Arbeiten an "Unisonic" hingezogen haben, mag das Verständnis hervorrufen. Und trotzdem ist es bedauerlich. Die Spontaneität mit der man diesmal an die Produktion herangegangen ist hat leider bloß einen weiteren Chorus von der Stange hervorgebracht.

An "Night of the long Knives" gibt es hingegen rein gar nichts auszusetzen. Sagenhafte Melodien und ein sensationeller Auftaktschrei. DAS ist Kiske! Endlich zeigt er all seine Facetten. Genau solche Lieder machen diesen Mann zu einem Giganten, dessen Stimme in einer Reihe steht mit Legenden wie Ronnie James Dio, Rob Halford, Ian Gillan oder Bruce Dickinson. Der Top-Liga des Rock also. Leidenschaftlich und bewegend.

Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk - einige der schnelleren Songs haben ihre Schwächen. "Find Shelter" umgibt so gar nichts betörendes. Der Refrain geht einem einfach nur auf den Geist und Kiske kreischt sich unmotiviert und überanstrengt dem Ende entgegen. Schwach.

Die erste Ballade "Blood" ist zwar etwas einfach gestrickt, verleitet aber wenigstens zum zufriedenen Mitschunkeln. Nettes Teil, auch wenn ich lieber beim übergenialen "Over the Rainbow" von vor zwei Jahren bleibe.

Mit "When the deed is done" kehren Unisonic vollständig zurück zum Sound des Debüts. Tut ihnen gut. Angenehmes, packendes Stück im AOR-Stil. Etwas melancholisch und dennoch erhaben. Wird das Album etwa doch noch zum Brecher?

"Throne of the dawn" verstärkt diese Hoffnung zunächst. Endlich gefällt auch mal ein Uptempo-Track. Was für ein königlicher Chorus! Da stellen sich die Nackenhaare auf vor Begeisterung. Derartige Diamanten hätte man sich zuvor in größerer Dichte gewünscht. Sie können es ja eigentlich und das richtig, richtig gut! So gut wie sonst nur wenige andere.

Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass an manchen Stellen Ausschussware aus irgendwelchen Archiven aufgekocht wurde. "Manhunter" zieht das gerade so gestiegene Niveau nämlich mit einem Schlag wieder in den Keller. Durch und durch langweilig. Emotionslos abgespulte Pflichterfüllung. Der schwächste Song des Albums.

Zumindest rettet die stimmungsvolle Ballade "You and I" noch einiges. Erinnert irgendwie an das Allen/Lande-Projekt, auch wenn Kiske erheblich sanfter und einfühlsamer singt. Tolle Nummer voller Herz.

Und auch den Bonustrack "Judgement Day" kann man sich bedenkenlos reinziehen.

Alles in allem reicht es nicht zum großen Wurf. Im Gegenteil, "Light of dawn" beinhaltet einige ungewohnt heftige Patzer. Höhen und Tiefen halten sich die Waage. Der Versuch wieder härter zu werden misslingt weitgehend. Es bleibt der Eindruck eines hektisch produzierten Schnellschusses ohne Herzblut. Irgendwie leer und seelenlos kommt einem die Angelegenheit vor. Dazu trägt auch der etwas klinische Sound bei. Es fehlt am nötigen Unterbau. Gerade die Snare von Kosta Zafiriou verkommt so zur knallenden High-Tech-Farce. Da hat Bassist und Produzent Dennis Ward auf "Unisonic" wesentlich überzeugender gearbeitet.

Immerhin finden sich ein paar wirklich überragende Titel auf der CD, aber das war bei dieser vielversprechenden Bandkonstellation auch erwartbar. Und so blitzt sie bedauerlicherweise viel zu selten auf, diese einmalige Gabe den Hörer restlos in seinen Bann zu ziehen und festzuhalten im eigenen Sounduniversum. Letztlich bleibt der Eindruck, dass alle Beteiligten es hätten besser machen können. Drei Sterne sind da noch wohlwollend. Hoffentlich geht es nicht so weiter.


Blind Rage
Blind Rage
Preis: EUR 16,81

2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gebändigte Urkraft, 5. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Blind Rage (Audio CD)
"Blind Rage" - ein Albumtitel, der die Münder der Accept-Fans sofort wässrig werden lässt. Genau dafür stehen ihre Helden. Man erwartet furiose Power und ungezügelte Highspeed-Granaten von Deutschlands bekanntester Metalband. Doch der ausrastende Bulle auf dem Cover verspricht etwas zu viel. In Wahrheit kommt die blinde Wut eher einem schlechtgelaunten Grummeln gleich. Thema verfehlt könnte man das nennen. Nichts desto trotz - kompletter Etikettenschwindel sieht anders aus. Das Material weist schon eine gewisse Grundhärte auf. Wer aber auf ausgefeilte Melodien und einen kommerzielleren Touch steht, wird hier besser bedient als bei Accept gewohnt.

Vier Jahre nach ihrem hochgelobten Comeback-Album "Blood of the Nations" (2010) und zwei Jahre nach dem nicht minder starken Nachfolger "Stalingrad" (2012) gehen Gitarrist Wolf Hoffmann, Bassist Peter Baltes und Co. den nächsten Entwicklungsschritt. Man ist zum Megaseller avanciert und dementsprechend macht es Sinn, auch künftig breite Käuferschichten anzusprechen. Logische Konsequenz: Weniger Doublebass, mehr Mitsing-Refrains. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, so lange man voll dahinter steht. Das Cover von "Blind Rage" (2014) signalisiert jedoch wie erwähnt anderes.

Einzig der Opener "Stampede" passt perfekt ins Konzept. Nach pompösem Intro rast der blindwütige Bulle los. Das ist Accept in Vollendung. Wuchtige Powerriffs und ein donnernder Gangshout-Refrain. Man spürt sie direkt in sich, die unbändige Energie. Glühender Stahl par excellence. Ohne Kompromisse, erbarmungslos in your face. Zurecht erste Single und Aushängeschild der Platte. Wird auch in Zukunft DER Referenzsong bleiben.

Mit "Dying Breed" geht es sogleich in gemäßigtere Gefilde. Galoppierendes Midtempo und mehr kerniger Hard Rock denn Metal, aber dennoch stark. Nach dem Ansturm zu Beginn mag der Titel zunächst etwas schwächer erscheinen. Je öfter man ihn sich jedoch zu Gemüte führt, desto mehr entpuppt er sich als überzeugender Teutonen-Stampfer. Diese Art von Riffs bekommt man wirklich nur von deutschen Bands serviert.

"Dark side of my heart" war für mich nach dem ersten Durchlauf der LP ein Megaflop. Abgestandener 80er Glam Rock mit glöckchenklingelndem Softie-Chorus - dachte ich zunächst. Doch mittlerweile gefällt mir das Stück sehr gut. Auch ich musste mich zunächst an die engängigeren Songstrukturen gewöhnen. Das ist geschehen und das erste Urteil somit revidiert. Richtig starke Hook und sehr emotionaler Gesangsvortrag von Mark Tornillo. Der wohl vielseitigste Sänger der Accept-Geschichte steht diesmal deutlich im Mittelpunkt und glänzt nicht nur hier, sondern auf allen elf Tracks.

Auch zum Gelingen der Weltuntergangs-Fantasie "Fall of the Empire" trägt er maßgeblich bei. Wieder mittleres Tempo, wieder ein sattes Riff, wieder viel Melodie. Dramatisch und dicht mit gewaltigen Chören.

Überraschend erbarmungslos präsentiert sich "Trail of tears". Plötzlich Doublebass, plötzlich mehr Speed. Leider ist der Refrain kaum der Rede wert. Verpasste Chance, wenngleich der Tritt aufs Gaspedal immerhin der Abwechslung zuträglich ist. Auf den letzten beiden Alben haben Accept mit ihren schnellen Songs mehr überzeugt.

Vielleicht sind ihnen diesbezüglich tatsächlich die Ideen ausgegangen und es war schlichtweg unumgänglich, sich mehr der Eingängigkeit zu verschreiben. Bester Beweis: "Wanna be free". So geht authentischer Melodic Metal ohne übertrieben viel Zucker. Packend und herzzerreissend und dennoch keine Ballade. Im Fahrwasser der kommerzielleren 80er Titel wie "Midnight Mover" oder "Generation Clash". Hier stimmt alles.

Die Inspiration zum deutlich aggressiveren "200 Years" gewinnt Gitarrist Wolf Hoffmann aus einer TV-Doku über die potenziellen ökologischen Entwicklungen nach dem Aussterben der Menschheit. Fette Hook, starkes Teil.

"Bloodbath Mastermind" erhöht anschließend das Tempo wieder etwas, ohne sich vollends gehen zu lassen. Überragender Pre-Chorus, starker Albumtrack.

Mein persönlicher Liebling ist aber bisher "From the Ashes we rise". Perfekte Kombination aus Melodie und Power. Man verliert sich regelrecht in dieser unwiderstehlich geschmeidigen Nummer. Leicht melancholischer Touch und ein Hammer-Refrain. Hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Ein echter Hit.

Bedauerlicherweise stinkt "The Curse" ziemlich ab. Die Strophen sind noch recht stark, aber was soll bitte dieser Chorus? Abgehalftert und schon zigfach von zahlreichen anderen Bands besser gehört. Zerstört eine eigentlich gelungene Komposition. Hier passt das kommerzielle Soundgewand überhaupt nicht.

Als Art Wiedergutmachung folgt zum Ausklang mit "Final Journey" ein letzter Uptempo-Kracher. Schneidende Riffs und die Doublebass ist auch zurück. Geht klar.

Irgendwie ist "Blind Rage" ein seltames Album. Einerseits ragen manche Titel übermäßig heraus, andererseits wirkt das Gesamtbild trotzdem nicht stimmig. Obwohl die Arrangements vielseitiger ausgefallen sind als auf dem relativ berechenbaren Vorgänger "Stalingrad", fehlt das Bindeglied zwischen Härte und Harmonie. Es gibt ein paar weichere und ein paar aggressivere Songs, zu denen ein anderer Albumtitel besser gepasst hätte. Vielleicht irgendwas in die Science Fiction- oder Dystopie-Ecke.

Allerdings gibt es auch Positives zu vermerken. Die teils dümmlichen Kriegstexte der letzten Zeit sind vielschichtigeren Themen gewichen. Liegt wohl daran, dass erstmals nicht mehr Wolf Hoffmans Frau Gaby, sondern Native-Speaker Mark Tornillo die Lyrics besteuert. Zudem gewinnt das Album bei jedem Durchlauf etwas mehr. Vielleicht werde ich in einem halben Jahr vier Sterne vergeben. Auf jeden Fall zeigen Accept, dass sie nicht irgendeine dahergelaufene Dorftruppe sind, sondern zum Besten gehören was der Metal-Sektor weltweit zu bieten hat. Völlig zurecht ist ihnen mit "Blind Rage" die erste Nummer 1 ihrer Bandgeschichte in den deutschen Charts gelungen. Man darf gespannt sein auf das nächste Werk dieser außergewöhnlichen Truppe, die gerade ihren zweiten (oder dritten?) Frühling erlebt.


Falco - Verdammt, wir leben noch!
Falco - Verdammt, wir leben noch!
DVD ~ Manuel Rubey
Preis: EUR 7,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verpatztes Biopic über einen Musikgiganten, 23. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Falco - Verdammt, wir leben noch! (DVD)
Dem größten österreichischen Popstar der Musikgeschichte ein angemessenes filmisches Denkmal zu setzen ist nahezu unmöglich. Zu vielschichtig, zu widersprüchlich und zu sensibel war er, der Hans Hölzel aus Wien, der als Falco Weltkarriere machte. Man hat ihm zu Lebzeiten immer vorgeworfen eine reine Kunstfigur zu sein, doch es steckte mehr Hölzel in Falco als viele wahrhaben wollten. Genau das versucht der Film "Verdammt wir leben noch" von Thomas Roth aufzugreifen. 2008 erschienen, rund um den 10. Todestag des Falken, steht das Werk heute unter den 15 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten in Österreich. In Deutschland hingegen weckt die sehr freie Interpretation eines wilden Lebens weit weniger Interesse. Und das liegt leider an der misslungenen Machart.

Die Bilder sind üppig, farbenfroh, intensiv. Definitiv internationaler Standard. Das Problem sind eher Drehbuch und Darsteller. Manuel Rubey, damals hauptberuflich Sänger der (inzwischen aufgelösten) Wiener Band "Mondscheiner", legt all sein Herzblut in die möglichst authentische Verkörperung Falcos. Man merkt ihm an, wie akribisch und sorgfältig er sämtliche Gesten und Bewegungsabläufe studiert hat. Leider gerät die Umsetzung viel zu oft zur Farce, wirkt aufgesetzt und übertrieben. Sicher, Falco war selbstverliebt und hatte auch eine gewisse Künstlichkeit in seinem Sprachduktus. Rubey überzieht diese zugegebenermaßen extrem schwierig zu spielenden Eigenschaften jedoch maßlos und so bleibt letztlich wenig übrig vom präpotenten Schmäh des Hölzel Hans. Es ist ein schmaler Grat zwischen arroganter Coolness und platter Karikatur und es gelingt dem dennoch talentierten Hauptdarsteller nicht, Ersteres glaubwürdig umzusetzen. Dass seine musikalischen Interpretationen der Songs nicht an die Originale heranreichen werden, war klar und ist verzeihlich. Er gibt sein Bestes und man hat wahrlich schon schlechtere Falco-Imitatoren gesehen.

Der restliche Cast geht in Ordnung. Christian Tramitz gibt den Manager Horst Bork glaubwürdig und (vielleicht etwas zu) ehrenhaft. Auch Nicholas Ofczarek als cleverer Plattenboss Markus Spiegel und Martin Loos als geradliniger (und einziger) Falco-Freund Billy Filanowski wissen zu gefallen. Lediglich die Frauenrollen fallen etwas ab. Susi Stach wirkt als Maria Hölzel steif und zu sehr maskiert, sie kann beim Sprechen kaum die Lippen aufeinanderlegen. Patricia Aulitzky gibt die Jaqueline (bzw. Isabella Vitkovic) zwar leidenschaftlich, aber letztlich zu eindimensional.

Überhaupt ein Problem des gesamten Films - es fehlt an Tiefe. Falco wird auch im Privaten als streitsüchtiger Macho dargestellt, der sich in seinen schwachen Momenten in Selbstmitleid und Alkohol- und Drogenexzesse flüchtet. Das war auf jeden Fall ein Teil seiner Persönlichkeit, aber nicht alles. Dieser Mann hatte so viele unterschiedliche Facetten. Dass das schwer zu greifen und darzustellen ist, versteht sich von selbst. Ein bisschen mehr Reflexion hätte es dann aber doch sein dürfen. Es macht Sinn, die definitiv vorhandene dunklere Seite des Stars zu zeigen, doch wenn man das ausschließlich in den Vordergrund stellt, bleibt am Ende beim nicht in der Materie befindlichen Zuschauer das Gefühl, dass der Autounfall vielleicht das Beste war für das gesamte Umfeld Falcos. Man identifiziert sich nicht mit der Figur, die bereits zu Lebzeiten polarisierte und dennoch eine gewisse Anziehungskraft besaß - auch bei ihren Kritikern.

Außerdem fällt auf, dass einige legendäre Zitate an völlig unpassenden Stellen eingefügt wurden ("Mich werden sie erst wieder ganz lieb haben wenn ich ganz tot bin", "Definite A**hole", "Grenzgänger der mit seinem Leben spielt" - wer sagt sowas zu seiner Frau???). So verkommt "Falco - Verdammt wir leben noch" letztlich zur platten Sprücherevue und boulevardesk-oberflächlichen Aufarbeitung eines schillernden Lebens, das so viel mehr zu bieten gehabt hätte. Thomas Roth nutzt beste Steilvorlagen und spannende Lebensumstände nicht oder nicht ausreichend.

Immerhin sind einige Nebenrollen gut besetzt und es ist ein Pluspunkt, dass die Bollands am Soundtrack beteiligt waren. Einmal hört man sogar Robs Originalstimme am Telefon. Was allerdings Grace Jones als verwirrte Kellnerin mit Esoterik-Touch soll, weiß wohl niemand so recht.

So bleibt letztlich der Eindruck, dass zu vieles besser hätte gemacht werden können. Inhaltlich mehr Fernseh- denn Kinofilm, dramaturgische Lücken, zu viel Streit und Versöhnung. Selbst die Wiener Musikszene wird nicht gerade authentisch dargestellt. Natürlich wusste schon der große Alfred Hitchcock, dass der Realismus-Anspruch in Filmen außen vor sein sollte. Ein bisschen mehr Authentizität wäre allerdings wünschenswert gewesen. Ich wünsche mir, dass in Zukunft ein weiterer Biografiefilm erscheint, der dieser faszinierenden Persönlichkeit umfassender gerecht wird.


Redeemer of Souls (Deluxe)
Redeemer of Souls (Deluxe)
Preis: EUR 14,99

11 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Oldschool Metal aus dem Lehrbuch, 22. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Redeemer of Souls (Deluxe) (Audio CD)
Seit der Rückkehr von Sänger Rob Halford im Jahr 2003 haben Judas Priest nicht gerade durch ununterbrochenen Materialauswurf geglänzt. Im Gegenteil, lediglich zwei Alben sind in diesem Zeitraum erschienen - das bei den Fans weitgehend akzeptierte "Angel of Retribution" (2005) und das kontrovers diskutierte "Nostradamus" (2008). Seitdem ist es etwas ruhiger geworden um die NWOBHM-Legende. Zumindest was Studioaktivitäten angeht. Denn 2011 gibt es einen Bandinternen Paukenschlag: Gitarrist K.K. Downing steigt aus. Ausgerechnet der Mann, der so maßgeblich mitverantwortlich ist für den filigranen Sound von Priest. Sein Nachfolger wird der damals 31-Jährige Richie Faulkner. Ein Greenhorn, das allerdings auf der finalen "Epitaph"-Welttournee sofort überzeugt. Folgerichtig ist der Londoner auch dabei, als man sich 2014 an die Aufnahmen zum 17. Album "Redeemer of Souls" macht.

Nach sechs Jahren also endlich wieder neue Songs der vermeintlichen Metal-Opas. Und zwar (in der Deluxe-Edition) gleich 18 davon. Faulkner verleiht der Truppe einen Kreativitätsschub und brilliert mit intelligenten Riffs und Soli. Und was Rob Halford betrifft - gibt der von extremen Rückenproblemen geplagte Ausnahmesänger in den letzten Jahren immer wieder Grund zur Sorge (teilweise wird er sogar im Rollstuhl durch die Gegend gefahren), so klingt er auf "Redeemer of Souls" umso vitaler und lebendiger.

Wird direkt deutlich im knackigen Opener "Dragonaut". Zwar bemüht man umgehend sämtliche Metal-Klischees, aber immerhin rockt er amtlich und bietet alles, was von Priest erwartet wird. "Father of Sin, I'll drag you all in". Mehr bleibt nicht zu sagen.

Die Vorab-Single "Redeemer of Souls" kommt im Vergleich dazu recht harmlos daher, die Doublebass rollt etwas zu dezent. Der Chorus bleibt durchaus hängen, so richtig zünden will die Nummer jedoch nicht. Liegt vor allem am gewöhnungsbedürftigen Sound. Obwohl nach modernen Standards produziert klingt die gesamte Platte dünn und zahnlos. Die Drums rasseln ohne jeglichen Druck im Hintergrund und bleiben seltsam Identitätslos, Ian Hill's Bass ist kaum zu hören und auch die Gitarren wirken eingepfercht, ohne Luft zum atmen, nahezu stromlinienförmig. Bedauerlich, sogar fast ein Fiasko. Auf diese Weise nimmt man den Kompositionen die Seele. Hört sich an wie Musik, die am Computer zusammen gesetzt wurde, ohne dass jemals ein echter Mensch ein Instrument gespielt hat. Verdammt schade, das.

Denn die Stücke an sich sind weitgehend überzeugend, wenngleich größtenteils aus dem traditionellen Melodic (Power-) Metal-Lehrbuch entlehnt. Zum Beispiel die Mythologie-Hymne "Halls of Valhalla". Wenn man den erneut klischeetriefenden Text ausblenden kann (Manowar hätten ihre helle Freude), zeigt sich hier die brachialste Nummer der CD. Hat ordentlich Power im Allerwertesten und einen fetten Refrain. So muss das sein.

Auch "Sword of Damocles" ist gelungen. Die Gitarren wiegen sich im Takt hin und her, die Hook ist ultratrue und Halford singt wie in seinen besten Tagen. Diese außergewöhnliche Mischung aus Melancholie, Wut und Selbstbewusstsein bekommt nur er hin. Der Metal-God steht in einer Reihe mit den ganz großen wie Ronnie James Dio, Ian Gillan oder Bruce Dickinson. Ausdruck und Technik gepaart mit Emotion und Charakter - hier erklingt eine der unwiderstehlichsten Metal-Stimmen aller Zeiten. Auch mit fast 63 immer noch ein Garant für allerhöchste Qualität.

Im vergleichsweise simplen Stampfer "March of the damned" präsentiert sich Halford als näselnder Ozzy-Klon. Nicht spektakulär, funktioniert live wohl besser. Die Verdammten können hier einerseits eine Horde Zombies, oder eben die eigenen Fans sein, die sich zu einem Konzert zusammenrotten. Ähm, ja. Grenzt fast an lyrische Hilflosigkeit.

Bevor es zu einfältig wird, lässt "Down in Flames" aufhorchen. Hübsches Oldschool-Riff im Hardrock-Stil und ein extrem dynamischer Refrain. Ein echtes Juwel, das man wieder und wieder hören will. Es wirkt, als fange die LP jetzt erst so richtig an.

"Hell & Back" bietet nämlich anschließend schweren Stampf-Metal mit einer gehörigen Portion Dramatik - klassische Trademarks, die nun endlich vollumfänglich zur Geltung kommen. Zudem sticht das Solo hervor.

"Cold Blooded" beginnt mit verträumt-glasigen Gitarren und entwickelt sich anschließend zur pathetischen Hymne im Sile von "Out in the Cold" oder "A touch of Evil". Zwischenzeitlich wird das Tempo sogar richtig angezogen. Gefällt mir wahnsinnig gut. Hier glänzt die gesamte Band. Hochemotional und packend. Spätestens jetzt dürften auch Nicht-Fans die Faszination, die von dieser Truppe ausgeht, verstehen können.

"Metalizer" liefert hingegen gewohnte Power-Kost. Peitschendes Stakkato und ein schreiender Halford. Wirkt etwas gezwungen und aufgesetzt.

Das bluesige "Crossfire" ist ebenfalls kein Meisterwerk, besteht aber problemlos als Albumtrack.

"Secrets of the dead" entpuppt sich als hypnotisches Epos mit leicht orientalischem Touch. Mit Atmosphäre kennt sich diese Band bestens aus. Ein wundervolles Solo obendrauf und ein Spoken Word-Teil - beeindruckend!

Wem bis dahin die Härte etwas zu kurz gekommen ist, der wird mit "Battle Cry" bestens bedient. Wildes Riff und ein schweißtreibender Refrain - wird auf der Bühne bestens zur Geltung kommen. Der unfassbar dämliche Kriegsheldentext erzeugt bei mir nichts als verständnisloses Kopfschütteln. Meine Herren, das muss nun wirklich nicht sein. Klar sollte beim Metal nicht über legendäre Halmasiege oder Mikado-Großtaten gesungen werden. Aber das hier ist dann doch eine Spur zu unreflektiert. So nicht!

Immerhin entschädigt die Abschlussballade "Beginning of the end" für alles. Ich als Priest-Interessierter aber nicht unbedingt Fan finde seit jeher, dass Rob Halfords Stimme in den ruhigeren Momenten ihre volle Pracht am besten entfalten kann. Und wie sie das hier tut! Tieftraurig, optimistisch und gleichzeitig zerrissen - eine solche Bandbreite bekommt nur dieser einzigartige Sänger hin. Für mich einer der besten Songs des Jahres. Kommt fast an das übergeniale "Angel" (2005) heran. Bewegend.

Die fünf Bonustracks der Deluxe Edition hätten tatsächlich alle nicht in den Kontext des regulären Albums gepasst. Als stringente EP sind sie aber bestens geeignet. Keine Ausschussware, sondern durchgehend starkes Material. Besonders die druckvolle Hardrock-Nummer "Snakebite" hat es mir angetan. Die Ballade "Never forget" sorgt ein letztes Mal für ein Aha-Erlebnis. Verabschieden sich Judas Priest hier etwa für immer? Die Zeile "We thank you for it all - we will never forget" lässt diesbezüglich kaum Spielraum. Vielleicht ist es tatsächlich Zeit, so langsam tschüß zu sagen. Immerhin hat man die Fans nach dem vielkritisierten (aber meines Erachtens bärenstarken) Konzeptwerk "Nostradamus" mit "Redeemer of Souls" wieder etwas versöhnt.

Die Interviews auf youtube machen klar, dass die Band ein klassisches Metalalbum schreiben wollte und das ist ihr auch gelungen. Manches klingt etwas zu souverän und nach Schema-F, der Gesamteindruck gerät aber durchaus positiv. Allerdings raubt der hochtechnisierte, seelenlose Klang vielen Titeln ihr Charisma und die meisten Texte sind kruder Krampf. Stellt man dem die abwechslungsreiche Gitarrenarbeit, Halfords erstaunlich gute Stimmperformance und das gelungene Cover entgegen, kommt man am Ende auf verdiente drei Sterne. Der große Wurf sieht anders aus, jedoch hatten viele das Ganze im Vorfeld wesentlich schlechter erwartet. Rob Halford (Gesang), Glenn Tipton (Gitarre), Richie Faulkner (Gitarre), Ian Hill (Bass) und Scott Travis (Schlagzeug) holen das Maximum aus sich heraus. Resultat: Ein mittelprächtiges Album mit einigen Höhepunkten. Das ist für eine Band diesen Kalibers und Alters durchaus ein Kompliment.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 29, 2014 4:15 PM MEST


For the Kingdom (Ep)
For the Kingdom (Ep)
Preis: EUR 7,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Lässt den Überraschungseffekt vermissen, 10. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: For the Kingdom (Ep) (Audio CD)
Das ging fix! Erstaunlicherweise haben Unisonic gerade mal zwei Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debutalbum schon den Nachfolger "Light of Dawn" in der Pipeline. Wenn man weiß wie schleppend die Arbeit am Erstling vonstatten ging, muss diese verhältnismäßig kurze Zeitspanne verwundern. Offensichtlich haben sie richtig Bock auf eine Fortsetzung gehabt. Die LP erscheint am ersten August 2014 und als Vorgeschmack gibt es bereits die EP "For the Kingdom". Darin enthalten sind zwei komplett neue Studiotracks plus vier Live-Aufnahmen. Kann man so machen. Allerdings haut mich das Material ehrlich gesagt nicht wirklich vom Hocker. Wo das Debut noch frisch und unverbraucht klingt, gibt es hier eher routiniert-abgeklärte Kost aus dem Melodic (Hard) Rock Baukasten. Berechenbar und ohne Überraschungseffekt.

"For the Kingdom" ballert zwar schön los mit Doublebass und ordentlich Hummeln im Arsch, aber in den Strophen entsteht ein fader Beigeschmack - die Melodie ist augenscheinlich dem Scorpions-Klassiker "Is there anybody there?" entlehnt. Und der Refrain mit seiner lahmen "Lala"-Struktur geht einem mit der Zeit doch gewaltig auf den Geist. Sehr bedauerlich angesichts der brillanten stimmlichen Fähigkeiten von Michael Kiske. Er müht sich nach Kräften, doch die Nummer will einfach nicht recht zünden.

"You come undone" wird sich nicht auf dem Album finden, ist ein exklusiver EP-Bonustrack. Sehr nah am Material der ersten CD und mehr AOR denn Metal. Durchaus ein nettes Stück, außergewöhnlich kunstvoll ist das jedoch nicht gerade. Erwartet aber auch keiner. Geht in Ordnung und gefällt mir persönlich sogar besser als das Titellied. Minuspunkt: Erneut fällt der reichlich Schlagzeugorientiere Sound auf. Hab ich prinzipiell nichts dagegen, jedoch geht dadurch (wie bereits auf "Unisonic") den Songs etwas die Dynamik flöten, weil die überpräsente Bassdrum und die harte Snare alles zuklatschen.

Bei den Live-Aufnahmen geht es. "Unisonic","Never too late", "Star Rider" und "Souls Alive" geben einen detailgetreuen Einblick in die vergangene Tour und verdeutlichen wie sehr diese Band Spaß daran hat Musik zu machen und gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Michael Kiske (Gesang), Kai Hansen (Gitarre), Mandy Meyer (Gitarre), Dennis Ward (Bass + Produktion) und Kosta Zafiriou (Schlagzeug) funktionieren bestens als spielfreudige Spaßfraktion, die nichts als positive Stimmung im Sinn hat.

Bleibt zu hoffen, dass das neue Album ein bisschen unkonventioneller und feuriger werden wird als "For the Kingdom" und "You come Undone". Die Substanz für ein Meisterwerk ist bei einer derartigen Übertruppe zweifellos vorhanden. Ich wünsche mir, dass sie mich ähnlich überraschen können wie mit ihrem Debut und erneut hochklassigen AOR mit Metal-Schlagseite auftischen. Noch ist nichts verloren.


Neumond Ltd. Edition 2CD
Neumond Ltd. Edition 2CD
Preis: EUR 17,99

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Opulenter Dancefloor-Kracher eines Altstars, 14. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Neumond Ltd. Edition 2CD (Audio CD)
Nicht einmal zwei Jahre nach seinem etwas unspektakulären Elektro-Comeback "DOM" kommt Joachim Witt im April 2014 mit neuem Material um die Ecke. Doch nicht nur das. Auch Label und Personal haben sich geändert. Oblivion veröffentlicht das Ganze, Michelle Leonhard ist nur noch am Rande vertreten und als Produzent und Co-Songwriter fungiert jetzt Mono Inc.-Kreativkopf Martin Engler. Der liefert hochmoderne Soundteppiche für die wie gewohnt sehr melancholischen Texte des mittlerweile 65-Jährigen Witt. Auffällig: Die Arrangements fallen wieder deutlich opulenter aus als zuletzt, der strikte Gitarrenverzicht des Vorgängers ist aufgehoben. Und dennoch klingt das alles nicht wirklich nach alten "Bayreuth"-Tagen, sondern eigenständig und irgendwie neu, obwohl die bekannten Merkmale natürlich rauszuhören sind.

"Aufstehen" beginnt beispielsweise mit einem traurigen Chor, der die Brücke zum theatralischen "DOM" schlägt und entwickelt sich dann zur pulsierenden Elektro-Hymne. Die Sounds sind großflächig und frei von jeglicher Angst zu kitschig zu werden. Wer ein Album des Hamburgers kauft, muss ohnehin mit überbordenden Emotionen rechnen. Extrem gelungener Auftakt im mittleren Tempo. Hier wird der düstere Schimmelreiter noch nicht von der Leine gelassen, stattdessen setzt man auf einen sich nach und nach steigernden Gefühlsrausch.

"Die Erde brennt" ist hingegen eine astreine Dance-Nummer für die Charts. Fette Synthesizer, wie sie auch Scooter nicht fremd sein dürften (was nicht als Beleidigung aufgefasst werden sollte) und ein Gitarrengetriebener Refrain. Das ist Joachim Witt in Vollendung. Ungezügelt, leidenschaftlich und voller Verzweiflung. Eigentlich die perfekte erste Single. Vielleicht ist der Plattenfirma die Schlager-Affinität dann doch etwas zu hoch gewesen. Sei's drum. Ein bärenstarkes Lebenszeichen des einstigen NDW-Stars.

Das deutlich langsamere "Bis ans Ende der Zeit" sorgt für nicht ganz so viel Aufsehen. Traurige Ballade, der aber das gewisse Etwas fehlt. Plätschert ein wenig vor sich hin.

Die Single "Mein Herz", komplett aus der Feder von Martin Engler, überzeugt allerdings restlos. Wuchtiger, emotionaler Refrain und ein spannendes Video. Joachim Witt gibt den hadernden Ehemann, der seine behinderte Partnerin, gespielt von Nadja-Marie Saeger, beinahe nicht vom Selbstmord abhalten kann. Weit entfernt von großen Budgets à la "Die Flut" oder "Eisenherz" ist das Video ein hübscher kleiner Autorenfilm geworden, der abseits des Mainstream sicher viele Freunde finden wird.

"Es regnet in mir" stampft ungezügelt los und reißt sofort mit. Anspruchsvolle Dancemusik, geht das überhaupt? Hier ist der Beweis. Besteht zweifellos auf jeder Tanzfläche der Republik und hat textlich dennoch eine gewisse Tiefe. Stark!

Das gebremstere "Strandgut" entführt ins Innerste des Künstlers, der "hinterm Deich weint", weil er so unsicher ist wie es wohl weitergehen mag. Sehr ernsthaftes, erwachsenes Portrait mit letztlich versöhnlichem Charakter. Charismatisch und bewegend.

Die druckvollen Synthesizer-Salven von "Ohne dich" lassen die Boxen fast zerbersten. Enthusiastische, raumgreifende Tanznummer, die den "Bayreuth"-Witt ins neue Jahrzehnt transferiert und doch traditionelle Elemente beibehält. Der einzige Titel, beim dem Nadja-Marie Saeger im Background zu hören ist. Das fesselndste Stück der Platte und gleichsam ihr Höhepunkt, denn im Anschluss nimmt das Niveau etwas ab.

"Neumond" ist ein von selbstzweifeln zerfressenes Gedicht mit musikalischer Untermalung. Regt zum nachdenken an, ohne dass es musikalisch umhaut.

Das gilt auch für die durchschnittlichen "Spät" und "Frühlingskind". Die Beats knallen und die Texte sind hochwertig, aber irgendwas fehlt.

Das etwas hölzern hämmernde "Dein Lied" umgarnt einen dafür mit seinem hochmelodischen Refrain und auch die "Aufstehen"-Instrumentalvariation "Fahnenmeer" gefällt. Es wird noch einmal opulent und bombastisch, wie in einem Filmsoundtrack. Epischer, fast majestätischer Ausklang eines erstaunlich starken Albums.

Leider trübt die Bonus-CD die Freude etwas. "Hoping" (mit Lisa Gerrard von Dead can dance), "Der Herbst" und "96 Tage" klingen höchstens wie ambitionierte B-Seiten. Hier gibt es vermehrt verträumte Klavier- und Streicherpassagen in sehr organischem Klangbild. Etwas anderer Charakter als das Hauptalbum, aber bedauerlicherweise deutlich langweiliger. Klingt wie das Werk eines talentierten Anfängers, bei dem es halt nicht ganz gereicht hat für die erste Garde. Immerhin sind die Remixe gelungen, vor allem der energische "Rimshot-Mix" von "Aufstehen". Und auch die rührende "Mein Herz"-Unplugged-Version hat ihre Daseinsberechtigung.

Abgesehen von der missglückten zweiten CD zeigt "Neumond" einen alternden Popstar am Puls der Zeit, der immer noch viel zu sagen hat. Die Kompositionen sind zwar deutlich weniger sperrig als in den letzten Jahren geworden und klingen des öfteren stark nach Wolfsheim. Das tut ihrer Überzeugungskraft jedoch keinen Abbruch. Schön, dass Joachim Witt außerdem wieder etwas mehr auf Gitarren setzt. Das verleiht den Songs noch mehr Durchschlagskraft und unterstreicht die sehr emotionalen Texte. Der unbequeme Kulturschaffende von einst verzichtet diesmal erfreulicherweise auf zu politische Statements und entsagt der Avantgarde fast vollständig. Einen Skandalsong wie "Gloria" gibt es hier nicht. Die Verbindung mit Hit-Refrain-Maschine Martin Engler bereichert die Lieder zudem enorm. Und mit der hochwertigen Deluxe-Edition inklusive aufwendigem Booklet bekommt der Hörer einmal mehr ein stimmiges Gesamtkunstwerk.

"Neumond" ist ein straightes, faszinierendes und nachhaltiges Dance-Album geworden, das einen angenehm intellektuellen Kontrapunkt zu den teilweise lieblosen Mainstream-Produktionen unserer Zeit darstellt, auch wenn es sich ihrer kennzeichnenden Sounds bedient. Platz acht in den Charts unterstreicht das. Die Menschen wollen substanzielle Musik mit Tiefgang. Keiner könnte sie dabei besser bedienen als Joachim Witt.


The Razor's Edge (Special Edition Digipack)
The Razor's Edge (Special Edition Digipack)
Preis: EUR 6,66

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Rückkehr ins Rock-Rampenlicht, 9. Mai 2014
1990 gelingt AC/DC ein kommerzielles Comeback, mit dem keiner so richtig gerechnet hatte. Nach dem letzten Verkaufserfolg "For those about to Rock (We Salute you)" neun Jahre zuvor versinken die Riffrocker mit "Flick of the Switch" (1983), "Fly on the Wall (1985), "Who made Who" (1986) und "Blow up your Video" (1988) zunehmend in der Bedeutungslosigkeit eines übersättigten Marktes. Die grundehrlichen, simplen Vier-Viertel-Songs der australisch-britischen Formation finden in Zeiten auftoupierter Poser und spektakulärer Gigantenproduktionen weit entfernt von den vordersten Chartplätzen statt. Bis sich Angus Young und seine Mannen mit "Thunderstruck" wie Phönix aus der Asche erheben und massenhaft neue Anhänger dazugewinnen. Platz 13 in der englischen Hitparade - plötzlich sind die vermeintlichen alten Herren wieder in aller Munde.

Das dazugehörige elfte Studioalbum "The Razors Edge" wird ein Megaseller. Top 10 in Deutschland, England und den USA sowie unzähligen weiteren Ländern. AC/DC beweisen nach langer Durststrecke ihre Unverwüstlichkeit. Die Formel ist dabei die gleiche wie immer - keep it simple. Diesmal allerdings mit einem zusätzlichen Schuss Experimentierfreude.

Denn "Thunderstruck" beginnt mit seinem fiebrigen Riff fast progressiv und explodiert erst ab etwas mehr als der Hälfte der Spielzeit so richtig. Ein Hit für die Ewigkeit, den auch fast 25 Jahre später noch jedes Kind mitsingen kann. Das erstaunt, ist er doch eigentlich musikalische Durchschnittskost und weiß eher durch seinen ungewöhnlichen Aufbau als durch wirklich fesselnde Melodien zu bestechen. Soundtechnisch klingt das ganze außerdem ziemlich saftlos. Wie überhaupt die gesamte Produktion des Albums. Bruce Fairbairn, eigentlich ein Meister seines Fachs und damals bereits durch Arbeiten u.a. für Bon Jovi oder Aerosmith ein großer Name, verleiht den Drums viel zu wenig Druck und auch die Gitarren klingen erschreckend dünn. Zudem spielt Neu-Schlagzeuger Chris Slade (Ex-Manfred Mann) dermaßen einfallslos, dass einem die Worte fehlen. Klar, keiner bekommt das einfache bum-tschak-bum-tschak derart groovend hin wie Urdrummer Phil Rudd. Aber was Slade hier abliefert, grenzt an Arbeitsverweigerung. Keiner verlangt wilde Fills oder übertriebende Soloeinlagen, ein bisschen mehr Enthusiasmus wäre jedoch angebracht gewesen. Bandkopf Angus Young lobt ihn als den versiertesten Musiker der Band - traurig, wenn dann rein garnichts davon zu hören ist.

Immerhin macht es Slade in "Fire your Guns" besser. Der stärkste, weil schweißtreibendste Titel der LP. Da ist sie wieder, diese ungezügelte AC/DC-Energie, die einen sofort in ihren Bann zieht. Perfekt getimete Gangshouts und ein Riff zum Niederknien - geil, geil, geil. Meines Erachtens einer der zehn besten Songs der Bandhistorie. Bestens geeignet um aufgestaute Energien loszuwerden.

"Moneytalks", die zweite Singe, wirkt dagegen fast brav, aber nicht minder charismatisch. AC/DC goes AOR? Fast. Der Refrain ist derart hymnisch, dass er einem schon beim ersten Hören in Gedanken von tausendenen Kehlen aus den Stadien dieser Welt entgegengebrüllt wird. Abgesehen vom erneut ultralangweiligen Drumming ein weiterer Hit - auch in den Charts (Top 40 in England). Der wohl kommerziellste Song, den AC/DC jemals herausgebracht haben (noch vor "Anything goes" und "Who made Who") und trotzdem funktioniert er bestens.

Das schwere "The Razors Edge" lässt aufhorchen. Ähnlich aufgebaut wie "Thunderstruck". Unruhig pulsierend, aber eine ganze Spur düsterer. Nicht mein Lieblingssong und dennoch ein interessantes Arrangement.

Der "Bedlam in Belgium"-Clon "Mistress for Christmas" hingegen ist Arena-Rock wie er im Buche steht. Mehrstimmiger Chorus, fette Riffs und ein pumpender Bass. Trotz seiner Durchschaubarkeit richtig gut.

So richtig heavy will das bis auf eine Ausnahme nicht wirklich klingen bisher. Zum Glück gibt es ja noch "Rock your heart out". Gnadenlose Gitarrenarbeit der Young-Brüder und eine wahnsinnig groovende Basslinie von Cliff Williams. Da fällt der schwache Refrain getrost unter den Tisch. Wäre auf den Alben der 70er mit übersteuertem Rotzsound sicherlich ein raues Highlight geworden, durch die glattgebügelte Produktion fehlt allerdings auch hier etwas die Power.

Wer aufgrund der lächerlich platten Patsch-Snare bei der dritten Single "Are you Ready?" zu Beginn nicht augenblicklich weggepennt ist, der bekommt als Entschädung einen recht satten Stampfer zu hören. Auch diese Nummer platziert sich in den Top 40 im UK. Einer der Referenzsongs des Albums.

Die restlichen Titel "Got you by the Balls", "Shot of love", "Let's make it", "Goodbye & Good Riddance to bad Luck" und "If you dare" sind keine Ausfälle, reißen aber nur hier und da mal mit. Alles ganz nett mit einigen starken Momenten, letztlich jedoch kaum bedeutend besser als das Material der späten 80er. Und es hört sich an manchen Stellen sogar verdächtig nach Drumcomputer an, so farblos präsentiert sich das Klangbild.

Wieso sich das Album trotz teilweise unspektakulärer Songs wie geschnitten Brot verkauft, bleibt für mich ein Rätsel. Vielleicht werden die Massen tatsächlich durch den für AC/DC-Verhältnisse recht experimentellen Aufbau von "Thunderstruck" und die leichte Verdaulichkeit der Kompositionen angezogen. Ich persönlich habe nie wirklich Zugang zu dieser Platte gefunden. Bis auf besagten Titelsong, "Fire your Guns" und "Moneytalks" mag mir keine Nummer so richtig im Gedächtnis bleiben. Sicher liegt das mit an der geschliffenen Produktion, die jegliche Urwüchsigkeit bereits im Keim erstickt. Hauptverantwortlich ist für mich allerdings - ich muss es nochmals betonen - Chris Slade. Glücklicherweise ist für ihn nach der Tour zum Album und der anschließenden Single "Big Gun" (1993) Schluss mit dem Kapitel AC/DC. Für den Nachfolger "Ballbreaker" (1995) kehrt Phil Rudd wieder ans Kit zurück.

"The Razors Edge" gehört heute zusammen mit "Back in Black" (1980) und "Highway to hell" (1979) zu den bekanntesten Werken der Band und bringt ihr endlich die Aufmerksamkeit zurück, die sie so lange vermisst hat. Seither liegt ihr das Publikum, ob alt oder jung, bedingungslos zu Füßen. Trotz des krankheitsbedingten Ausstiegs von Rhythmusgitarrist Malcolm Young im April 2014 soll es weitergehen bei AC/DC. Ein finales Album ist in der Mache. Es wäre der würdige Abgang einer Rocklegende.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 2, 2015 6:18 PM MEST


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