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Rezensionen verfasst von
Mrs. Peel

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Mit Schirm, Charme und Melone - Edition 1 [8 DVDs]
Mit Schirm, Charme und Melone - Edition 1 [8 DVDs]
DVD ~ Patrick Macnee
Wird angeboten von derdvdler
Preis: EUR 54,50

5.0 von 5 Sternen Auf Spurensuche bei den Avengers: Wie nahe standen sich Steed und Peel wirklich?, 23. Januar 2013
Wenn eine schlagkräftige Super-Agentin einen orientalischen Schleiertanz aufführt, in einem Sarg ein Glas Champagner trinkt, auf dem Mittagstisch eines fleischfressenden Löwenzahns landet oder um ein Haar von einer Weinpresse zerquetscht wird und ihr smarter Kollege seine Widersacher mit dem Golfschläger düpiert, eine Zugfahrt unternimmt, die gar keine ist, im Schottenrock durch alte Schlösser geistert beziehungsweise mit Pistolen hantiert, die um die Ecke schießen, kann man sich relativ sicher sein, dass sich John Steed und Emma Peel gerade wieder einmal auf Verbrecherjagd befinden, weil überall spleenige Typen lauern, die mit ihren schizoiden Wahnvorstellungen die Menschheit in den Abgrund stürzen wollen. Entsprungen sind die schmissig-schrägen "Avengers" dem Zeitgeist der 60er Jahre, der stark durch eine atmosphärische Stimmung aus Swinging London, Mods, Minirock, Pop-Art, Eskapismus, Kaltem Krieg, maskulinem Chauvinismus, femininer Selbstverwirklichung, Aufstieg Großbritanniens zur Wohlstandsgesellschaft und der Befreiung vom bürgerlichen Mief beeinflusst wurde. Die Klammer dieses Übergangs in Richtung Moderne bildet das exzentrische Agentenpaar: Während der etwas schlüpfrige Steed mit seinem makellosen britischen Gentleman-Habitus, den jederzeit stilvollen Manieren und seiner überbetonten Freundlichkeit mustergültig die Werte der Vergangenheit verkörpert, steht die selbstbewusste Peel für den emanzipierten Frauentyp der Zukunft. Aus dieser Konstellation zieht die Serie ihren sagenhaften Charme. Natürlich sind auch die Geschichten spannend, aber die eigentlich interessante Frage, die im Unterton ständig mitschwingt, lautet: In welcher Art von Beziehung stehen Steed und Peel eigentlich zueinander? Sie siezen sich, wahren stets die Distanz und scheinen dennoch sehr vertraut zu sein, zumal sie hedonistische Genüsse teilen, wie es der leicht erhöhte Alkoholkonsum so eindrucksvoll belegt. In der Farbstaffel wird sich später in ganz beiläufigen Momenten der dringende Verdacht erhärten, dass sie zwischen ihren Abenteuern eventuell doch ein ziemlich unverbindliches sexuelles Techtelmechtel miteinander pflegen. Gespalten sind da in ihrem Urteil auch die beiden Hauptdarsteller. Patrick Macnee bestätigte in Interviews immer diese These, Diana Rigg wollte davon allerdings nichts wissen. In "Butler sind gefährlich" macht Emma ihren Partner sogar richtig eifersüchtig, indem sie einen Captain der Luftwaffe verführt und der arme Steed als dessen Bediensteter hilflos dabei zusehen muss. Die Dialoge zwischen ihnen klingen manchmal etwas arrogant, wenn nicht gar snobistisch, verfügen aber jederzeit über den nötigen Lipgloss und sind das eigentliche Salz in der Suppe, wobei diese gehobene Form der Konversation gelegentlich durch eine wohldosierte Prise englischen Humor besticht. Richtig kriegen tun sie sich jedoch nie, was auch so gewollt ist, weil es natürlich zu Peels Aufgabe gehört, die Phantasie des Zuschauers anzuregen. Sie wirkt selbst dann sehr sexy, wenn sie einmal nicht alle ihre Reize zeigt (was sie in der Regel auch tut), obszöne Gesten gehören dabei zu ihrem Repertoire. In "Castle Death" sitzt sie in einem hautengen schwarzen Lederanzug auf einer schmalen Kommode, fixiert mit einem stechenden Blick einen ihrer Gegenspieler und massiert nebenbei mit der Hand das Rohr einer Miniaturkanone. Frauen wurden früher in Filmen und Serien immer als demütige Opfer dargestellt. Peels Verdienst ist es, dass sie mit diesen althergebrachten Vorurteilen gründlich aufgeräumt hat, indem sie auf subversive Weise dem weiblichen Rollenbild neue Facetten hinzufügte, die damals wahrscheinlich nicht unbedingt in der Erwartungshaltung des maskulinen Publikums lagen, schließlich zählt der Ungehorsam einer schönen Lady zu den schlimmsten Traumata des anderen Geschlechts. So zu sehen in der Skandalfolge "Nacht der Sünder", wo Emma zunächst im Stile einer pikierten Gouvernante inmitten einer Horde betrunkener Parvenüs hockt, die soeben ein mittelalterliches Ritual zelebrieren, ehe sie nur kurz darauf in Gestalt einer bedrohlichen Domina in Erscheinung tritt, drapiert mit Lackcorsage, Stachelhalsband, hohen Stiefeln, Strassperlen auf den Augenlidern und einer exotischen Schlange im Genick. Als die Männer sie johlend in einen finsteren Winkel des Saals tragen, blendet die Kamera angesichts der subtilen Andeutung eines orgiastischen Gelages verschämt ab. Versteckt Mrs. Peel hinter ihrem gediegenen Benehmen etwa gar ein unstillbares lüsternes Verlangen?

Die Antwort bleibt im Nebulösen verborgen. Zumindest zieht sie permanent die Aufmerksamkeit von Fetischisten und Neurotikern auf sich. In "Gefährliche Tanzstunde" schnüffelt ein testosterongeladener Schuhverkäufer fiebrig an ihren nackten Füßen herum und in "The Girl From Auntie" wird sie in einem mehr als knappen Federkostüm wie ein possierliches Vögelchen in einen überdimensionalen Käfig gesperrt. Steed eilt ihr jedoch immer noch so gerade rechtzeitig ritterlich zu Hilfe, was auch bitter nötig ist, denn die Bösewichte sind nicht zu unterschätzen. Oftmals handelt es sich um Wissenschaftler, die mit seltsamen Experimenten ihre bizarren Allmachtsphantasien ausleben. In "The House That Jack Built" wird gleich mal ein ganzes Anwesen mittels technischer Vorrichtungen in ein auswegloses Labyrinth umfunktioniert. Eine der besten Folgen der gesamten Serie, weil sie über einen äußerst gruseligen, klaustrophobischen Touch verfügt und man sogar etwas über Emmas Vergangenheit erfährt. Aber auch mit durchgeknallten Militärs bekommen es Steed und Peel zu tun, wie beispielsweise in "The Danger Makers", wo sich ranghohe Offiziere anschicken, die Kronjuwelen aus dem Tower zu stehlen. Außerdem spielen Spionage (Two's A Crowd), Science-Fiction (The Cybernauts), Psychologie (Weihnachten ein Alptraum) und Wirtschaftskriminalität (Dial A Deadly Number) eine gewichtige Rolle. Meistens geht es darum, im Dienste Ihrer Majestät das Wohlergehen der Nation zu retten oder zumindest deren Ressourcen, was allerdings im Umkehrschluss unter Umständen auch bedeuten kann, dass der gesellschaftliche Status Quo als solcher bewahrt werden soll. So lässt sich in "Fit für Mord" eine kleine Gruppe von Sekretärinnen von einer sprechenden Handpuppe zu einem geheim operierenden Amazonen-Stoßtrupp umpolen, um die eigenen Bosse mit etwas unlauteren Mitteln aus dem Weg zu räumen und so die Unternehmensführung zu erlangen. Grund genug für Peel, sich konspirativ in diese verschwörerische Organisation einzuschleusen, weil selbst ihr eine derartig rustikale Umsetzung der Frauenquote ein bisschen zu weit geht.

Ein paar Folgen fallen von der Qualität her ein wenig ab, wunderschöne Momente besitzen sie aber eigentlich fast alle. In "Tödlicher Staub" beispielsweise, einer eher etwas langweiligen Episode, sieht man zu Beginn, wie Steed und Peel (gekleidet im legeren 30er Jahre-Look) in einem Holzkahn einen malerischen Fluss entlangschippern, ehe Emma genervt das Ruder beiseite legt und John eine Flasche Wein öffnet. Dabei zitieren sie aus englischsprachigen Literaturklassikern, was eine Hommage an den Dorothy Sayers-Roman "Aufruhr in Oxford" sein soll, in dem es eine ähnliche Szene gibt. Der Running Gag dieser 4. Staffel ist der Rausschmeißer am Ende einer jeden Folge, wo auf witzige Weise bebildert wird, mit welchem obskuren Fortbewegungsmittel Steed und Peel den jeweiligen Ort des Geschehens wieder verlassen. Das kann ein Fahrrad, ein Auto, ein Mofa, aber auch eine Rikscha, ein Heißluftballon oder ein fliegender Teppich sein. Diese Staffel schafft man locker mehrmals, weil es einfach einen Riesenspaß macht, Patrick Macnee und Diana Rigg zuzuschauen, und man immer wieder neue Details, Verweise und Anspielungen entdeckt. So öffnet Steed in "Weihnachten ein Alptraum" eine Grußkarte aus Fort Knox von Riggs Vorgängerin Honor Blackman alias Catherine Gale, die zu dieser Zeit gerade in "Goldfinger" zu sehen war.

Top-5-Lieblingsfolgen: 1. Das Häuschen im Grünen (The House That Jack Built), 2. Fit für Mord (How To Succeed At Murder), 3. Nacht der Sünder (A Touch Of Brimstone) 4. Weihnachten ein Alptraum (Too Many Christmas Trees) 5. Honig für den Prinzen (Honey For The Prince).


Lucía und der Sex
Lucía und der Sex
DVD ~ Paz Vega
Preis: EUR 9,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aphrodisische Wallungen der femininen Libido, 23. Januar 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Lucía und der Sex (DVD)
Ach ist das schön! Auf dieser idyllischen Insel im Mittelmeer könnten Lucia und Lorenzo für immer glücklich werden: der Himmel strahlt in azurblauer Pracht, das Meer schimmert kristallklar unter gleißendem Gestirn, ein leuchtend weißer Sandstrand breitet seinen Teppich vor einer opulenten Naturkulisse aus, während eine laue Brise aus südlicher Richtung im sanften Rhythmus der Wellen geschmeidig durchs Haar weht. Tagsüber etwas arbeiten, entspannen, nichts tun, an milden Sommerabenden den Sonnenuntergang auf der Veranda eines malerischen Ferienhäuschens genießen, Tequila trinken, gemeinsam lachen und zur Krönung des Tages noch ein prickelnder Orgasmus. So sollte es eigentlich sein! Stattdessen verliert sich Lucia nun einsam und allein im betörenden Flair dieses exotischen Ambientes, dessen eindrucksvolle Bilder stark an die entrückte Wirklichkeit eines makellosen Hochglanzwerbespots erinnern. Warum ihre große Liebe Lorenzo nicht mehr an ihrer Seite ist, hat etwas mit dunklen Geheimnissen zu tun, die Lucia auf diesem mediterranen Eiland noch früh genug entdecken wird, und natürlich Sex, diesem kleinen, frechen, einsilbigen Wörtchen, das bereits mit seiner scharf zischenden Artikulation selbst die Libido der prüdesten Spießer-Fantasie angeregt in Wallung bringt. Dieser Konnotation ist sich auch Regisseur Julio Medem vollkommen bewusst, denn nahezu das gesamte erste Drittel des Films ist durchzogen vom unbändigen Heißhunger eines lüstern züngelnden Liebespärchens, der hohen Kunst der zärtlichen Berührung, dem experimentierfreudigen Ausleben wilder Leidenschaft, porträtiert in der ganzen amourösen Bandbreite zwischen sinnlicher Grandezza und anrüchiger Obszönität, wenn die nackten Körper der Protagonisten bebend vor Lust ineinander verschmelzen oder Lucia sich in einem Straßencafe plötzlich gezwungen sieht, ihren Slip mitten in der Öffentlichkeit etwas schlüpfrig und verwegen unter ihrem kurzen, figurbetonten Lederrock hervorzuziehen. Man kann diesen Film auf zwei verschiedene Arten sehen. Einerseits als stimulierenden Aperitif zu qualitativ verbessertem Super-Sex und andererseits als erotisch verspieltes Melodram, denn der Rausch der Gefühle verstellt Lucia zugleich den Blick auf die prekären Schattenseiten dieser nebulösen Beziehung. Lorenzo ist Schriftsteller und leidet seit geraumer Zeit an einer Schreibblockade. Lucia, die von seinem letzten Roman sehr angetan ist und ihm deshalb schwer verliebt nachstellt, will ihm helfen, sein Problem zu überwinden. Doch je länger die Amour fou andauert, desto heftiger meldet sich in Lucia der Gedanke zu Wort, dass sie lediglich eine weitere Fiktion in der Vorstellungskraft ihres neurotischen Liebhabers sein könnte. Als Lorenzo eines Tages spurlos verschwindet, begibt sich Lucia auf jene ominöse Insel, wo ihr Galan sechs Jahre zuvor seinen 25. Geburtstag feierte. Und das nicht ohne bleibende Kollateralschäden bei einer valencianischen Paella-Spezialistin zu hinterlassen. Was einst mit unverbindlichem Sex begann, trägt inzwischen reife Früchte, die fatale Folgen nach sich ziehen. Ausgerechnet hier, wo das Schicksal seinen verhängnisvollen Lauf nahm, versucht Lucia ihren Lorenzo für immer zu vergessen. Doch unter der glühend heißen Sonne treten Wahrheiten zutage, die diese feurige Liaison noch einmal in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen.

"Lucia und der Sex" verfügt über einen sehr poetischen Erzählfaden, der sich allerdings anfangs ein wenig zerklüftet darstellt, weil die Handlung permanent zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität, Schein und Sein, Lüge und Wahrheit hin und her springt und damit streng dem mehrfach betonten Motto des Films folgt, das besagt, dass eine Geschichte nicht aufhört, wenn sie zu Ende ist, sondern nur in ein tiefes Loch fällt und mittendrin wieder auftaucht. Der Plot weckt manchmal Erinnerungen an "Betty Blue - 37,2° am Morgen", ohne jedoch annähernd dessen Intensität zu erreichen, was vornehmlich an den hyperstilisierten Bildern liegt, die von der äußerst erlesenen Optik phasenweise in exzessive Höhen der Künstlichkeit getrieben werden. Dabei gewinnt die visuelle Ästhetik mitunter die Oberhand über den Inhalt, weil das ironische Spiel mit symbolisch aufgeladenen Einstellungen sich derart potenziert, dass man in einigen Momenten tatsächlich glaubt, einem wirkmächtigen Reklamestreifen eines großen Reiseveranstalters beizuwohnen. Dass dieses etwas verrückte, aber stets von tiefem Ernst geprägte Liebesdrama dennoch einen gewissen Charme entfaltet, hat zum einen mit der spannenden Auflösung dieses verwirrenden Vexierspiels zu tun, die ihre emotionale Wirkung sicher nicht verfehlt, und zum anderen mit den sehr charismatisch erscheinenden Darstellerinnen, von denen insbesondere Paz Vega und Elena Anaya es nicht nur kolossal verstehen, Nacktheit als pikant gewürzte Delikatesse zu servieren, sondern diesem Film auch unvergessliche Gesichter verleihen, mit denen sie zu Kultstars des spanischen Kinos aufstiegen. Letztere hat sich inzwischen sogar einen Platz im Universum von Frauenversteher Pedro Almodovar gesichert. Na wenn das nichts ist.


Gilda mit Rita Hayworth - SZ Cinemathek Traumfrauen 21
Gilda mit Rita Hayworth - SZ Cinemathek Traumfrauen 21
DVD ~ Rita Hayworth

4.0 von 5 Sternen Venus, Leinwandgöttin oder Femme fatale?, 23. Januar 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Das Verhängnisvollste am Kino der Vierziger Jahre waren die Frauen. Zumindest ließen sie die Zuschauer in diesem Glauben und Schauspielerinnen wie Rita Hayworth galten als lebender Beweis, dass sie damit auch tatsächlich richtig lagen. Eine Dekade lang zog die Femme fatale Männer in ihren dämonischen Bann, verwickelte sie in lüsternes Verlangen und bizarre Angstphantasien, lockte ihre Opfer mit dem süßlich schmeckenden Glücksversprechen einer heißblütigen Affäre, um sie nur wenig später ins Reich der Sünde zu überführen, wo das vermeintlich starke Geschlecht in der Regel ein bemitleidenswertes Ende in einer besonders tragischen Form von Selbstzerstörung fand. Ähnlich wie Gene Tierney verkörperte Rita Hayworth in ihren Filmen charismatische Schönheiten, die das gewisse Etwas besitzen, die immerfort kleine Wirbel des Wohlgefallens erzeugen, die schlagartig alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sobald sie einen Raum betreten, und das Privileg genießen, sich im triumphalen Überschwang mit den unsichtbaren Skalps besiegter Paladine zu dekorieren. Von einer solchen Venus will fast jeder Mann etwas und sei es auch nur ein flüchtiger Blick, eine sanfte Berührung, ein charmantes Lächeln, ein zärtlicher Kuss oder gar das, was unsere Großeltern früher mit dem relativierenden Begriff des Schäferstündchens so subtil umschrieben. Wenn man Rita Hayworth in Aktion sieht, merkt man ihr an, dass sie mit dem Bewusstsein imprägniert ist, begehrt zu werden, und wahrscheinlich liegt darin auch das Geheimnis ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft verborgen. Ihr Haar hat diesen Glanz, ihre Haut dieses Fluidum, die Augen jenes Funkeln und ihr Puls dieses Vibrieren, das nur Frauen besitzen, denen gerade ganze Heerscharen von Bewunderern aus sicherer Distanz hinterherschmachten. Allerdings soll die Leinwandgöttin privat eher schüchtern und extrem scheu gewesen sein. Es gibt von ihr dieses legendäre Zitat, in dem sie sich beklagt, dass sich ihre Verehrer immer zuerst in Gilda verliebt hätten, um am nächsten Morgen etwas ernüchtert neben ihr aufzuwachen, weil das Feuer der Leidenschaft auf maskuliner Seite eben doch erst dann so richtig ins Lodern gerät, wenn das Objekt der Begierde nicht nur über eine erotische Ausstrahlung verfügt, sondern darüber hinaus auch ein paar dunkle Schatten auf der Seele trägt, die dafür sorgen, dass sich zu dem Sexsymbol stets ein kleiner Hauch von Satansweib gesellt. Denn in Charles Vidors etwas klischeebeladenen Film Noir tritt die Hayworth als vampireskes Biest in Erscheinung, zu dessen Repertoire eine äußerst gefährliche Mischung aus sinnlichem Sexappeal und schlangenhafter Verführungskunst gehört, eindrucksvoll bebildert in der Szene mit dem Striptease, der eigentlich gar keiner ist, aber immerhin in seiner burlesken Darbietung durch eine gewisse obszöne Ungezogenheit besticht: So sieht man die rotblonde Stilikone in einem figurbetonten, schulterfreien Seidenkleid auf der Showbühne eines großen Casinos in Buenos Aires stehen. Nachdem die Bigband im Hintergrund die ersten Takte anstimmt, säuselt die Hayworth "Put A Blame On Mame" in Richtung Zuschauer, eine sarkastische und nicht ganz ernst gemeinte Aufforderung, doch gleich die Schuld an allem Unglück dieser Welt den Frauen in die Schuhe zu schieben. Dabei spielt sie kokett mit ihrem wallenden Haar, lässt noch elegant die wohlgeformten nackten Beine blitzen, ehe sie lasziv einen ihrer schwarzen Samthandschuhe vom Arm streift, um Glenn Ford zum Glühen zu bringen, der sich in Gestalt des schroffen Ganoven Johnny Farrell im Publikum befindet und das pikante Spektakel mit erregtem Interesse verfolgt. Farrell ist die rechte Hand des schizoiden Gangsterbosses Ballin Mundson, der ausgerechnet mit jener abgründigen Gilda in den Hafen der Ehe einlief, ohne zu ahnen, dass seine Angetraute und Farrell vor nicht allzu langer Zeit eine ziemlich heftige Affäre pflegten. Obwohl Farrell alles versucht, seine Ex-Geliebte geflissentlich zu ignorieren, droht er ihr auf’s Neue zu verfallen. Raffiniert setzt sie ihre Reize ein, um ihn am Nasenring durch die Arena zu ziehen; sie lügt und betrügt, demütigt und quält ihn, indem sie vor seinen Augen mit anderen Männern flirtet, bis Mundson von der heiklen Liaison Wind bekommt, was nun in einen erbitterten Kampf mündet, dessen Triebfedern Eifersucht und Hass sind. Mit tödlichem Ausgang natürlich. Wie sollte es bei einer Femme fatale diesen Kalibers auch anders sein, wenngleich Gilda dies nicht im klassischen Sinn ist, denn Vidor lässt nie einen Zweifel daran aufkommen, dass unter der teuflischen Oberfläche seiner Protagonistin letztendlich doch ein sanftmütiger Kern steckt.


Charlie Chaplin - Lichter der Großstadt [Blu-ray]
Charlie Chaplin - Lichter der Großstadt [Blu-ray]
DVD ~ Charlie Chaplin
Wird angeboten von cvcler
Preis: EUR 13,74

5.0 von 5 Sternen Luftschlangen auf dem Spaghetti-Teller: Der Tramp düpiert die Eliten!, 23. Januar 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Übermäßiger Alkoholgenuss als Ausdruck einer exzessiven Lasterhaftigkeit soll schon so manchen Gentleman dazu verführt haben, in einem Anflug von geistiger Umnachtung Dinge zu tun, die er hinterher noch bitterlich bereuen wird. Dieser fatale Mechanismus spielt unter etwas umgekehrten Vorzeichen auch in Chaplins "Lichter der Großstadt" eine zentrale Rolle, wo sich der Tramp diesmal in ein blindes Blumenmädchen verliebt, das er fortan finanziell unterstützt, indem er seiner Angebeteten selbstlos ein paar Dollarscheine zusteckt, die der Vagabund von einem lebensmüden Millionär als Dank dafür bekommt, dass er den Snob in dessen Vollrausch vor dem Suizid bewahrte. Nur gibt es für den Tramp bei der ganzen Sache ein gewaltiges Problem: Während ihn das Mädchen für einen vermögenden Wohltäter hält, erkennt der Millionär seinen neuen Freund nur als solchen, wenn er stark angeheitert ist. Sobald die Nüchternheit wieder die Oberhand gewinnt, will er von seinem mittellosen Retter nichts mehr wissen. Als sich der Gesundheitszustand der jungen Frau rapide verschlechtert und sie deswegen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen kann, droht ihr schließlich ein Räumungsbefehl. Aber keine Sorge, der Tramp wird die Rechnung schon begleichen. Um das Geld für die Mietschulden und die Augenoperation aufzubringen, versucht er sich sogar als Preisboxer, was sich jedoch als aussichtsloses Unterfangen erweist. Doch er hat Glück, noch einmal trifft er den Millionär, der sich erneut in einem feuchtfröhlichen Dauerrausch befindet.

Die Idee mit dem betrunkenen Millionär, der in seiner Schizophrenie nur im alkoholisierten Zustand in der Lage ist, Solidarität mit den Deklassierten der Gesellschaft zu üben, zählt zweifellos zu Chaplins besten Gags, weil diese Nummer neben ihrem originellen Witz auch einen burlesken Charakter besitzt, der zugleich eine ziemlich entlarvende Wirkung entfaltet. "Lichter der Großstadt" stammt aus dem Jahre 1931, als in den USA gerade die Große Depression regierte und man achte mal darauf, wie authentisch es Chaplin gelingt, den Aspekt der sozialen Armut in seinem ganzen prekären Ausmaß darzustellen, das sich nicht nur auf den materiellen Unterschied zwischen Millionär und Bettler erstreckt, sondern auch im zwischenmenschlichen Verhalten einen subtilen Niederschlag findet, indem beispielsweise die Passanten auf den überfüllten Trottoirs stoisch an dem kleinen Tramp vorbeihetzen, ohne ihn auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Und wenn ihn doch jemand im endlosen Strom der urbanen Massen bemerkt, schlägt ihm sogleich die geballte Verachtung der Gesellschaft ins Gesicht, sinnbildlich verkörpert durch die beiden Kinder an der Straßenecke, die den zerlumpten Kerl permanent verhöhnen und auslachen. Dabei erscheinen die sehr schlichten Bilder mit einer unglaublich faszinierenden Aura, deren Ursprung unmittelbar im Medium selbst verborgen liegt, da es der Stummfilm zwangsläufig vermag, den Fokus des Publikums auf die Mimik und Gestik der Schauspieler zu richten. Ein Zuschauer, der die sprachliche Artikulation der Figuren nur über deren Mienenspiel erfassen kann, erfährt mitunter ganz andere Dinge, als jemand, der Worte akustisch hört. Das ist ungefähr so, als ob man in einer Kunstgalerie vor einem großen Gemälde steht, weitgehend umgeben von Stille, sodass man sich ungestört in den Inhalt vertiefen kann, bis schließlich Details ins Auge fallen, die man vorher mit einem oberflächlichen Blick gar nicht wahrgenommen hat. Chaplin muss ein untrügliches Gespür für solche Effekte besessen haben, denn als der Film gedreht wurde, traten die Talkies bereits ihren Siegeszug durch die Kinos an. Mit Ausnahme der Musik und ein paar äußerst prägnanten Geräuschen weigerte er sich jedoch, diese Großstadt-Romanze mit Sprechrollen zu versehen, was sicherlich eine richtige Entscheidung war, weil es durchaus fraglich ist, ob die Bilder über eine ähnlich mächtige Strahlkraft verfügen würden, wenn man sie in Dialoge eingebettet hätte. Damit der Film dennoch funktioniert, müssen allerdings auch die Darsteller entsprechend charismatisch agieren. Insbesondere die unerfahrene Virginia Cherrill, die eigentlich schon gefeuert werden sollte, erwies sich im Nachhinein als wahrer Glücksgriff. Sie verleiht dem blinden Blumenmädchen eine introvertierte Note, ohne in übertrieben affektierte Posen zu verfallen. Die Szenen in ihrer Wohnung bilden einen eklatanten Gegenkontrast zu dem parallel verlaufenden Handlungsstrang mit dem Millionär, der den Tramp in die dekadente Scheinwelt einer hedonistischen Oberschicht einführt, die sich selbst abfeiert, als gäbe es kein Morgen und dabei den Blick für die Sorgen und Nöte des Prekariats verliert. Da erscheint es nur als logisch, dass sich Chaplins doppelbödige Slapstickeinlagen ausschließlich auf diesen Teil der Geschichte konzentrieren. Grandios ist neben der famosen Eröffnungssequenz die Szene in dem Nobel-Restaurant, das der Tramp mit einem absurden pantomimischen Ballett sukzessive in ein halsbrecherisches Chaos stürzt.

Obwohl "Lichter der Großstadt" bei weitem nicht eine derart gesellschaftskritische Ausformung besitzt wie vielleicht "Moderne Zeiten", markiert der Film dennoch den Punkt, an dem der Tramp erstmals ins Fadenkreuz konservativer Kräfte geriet. Zuschauer, die Chaplin nicht gerade wohlgesonnen gegenübertreten, werden ihm dieses Werk als sentimentalen Kitsch, heillos naive Sozialromantik, preziöses Ausleben einer neurotischen Robin-Hood-Mentalität oder gar penetrant zur Schau gestelltes Gutmenschentum auslegen. Objektiv betrachtet ist es jedoch sein bester Streifen, weil die Gags einfach brillant sind, die Bilder eindrucksvoll den damaligen Zeitgeist widerspiegeln, der Plot eine gewisse Stringenz aufweist und die Botschaft bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Am Ende steht das, was Chaplins Mythos auf ewig definiert: eine kleine Geste, die zu großen Tränen rührt.


Die rote Wüste - Arthaus Collection
Die rote Wüste - Arthaus Collection
DVD ~ Monica Vitti
Wird angeboten von 8mm
Preis: EUR 8,63

4.0 von 5 Sternen Sinnbilder existenzieller Verzweiflung, 21. Januar 2013
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Rezension bezieht sich auf: Die rote Wüste - Arthaus Collection (DVD)
Wenn in Michelangelo Antonionis vorhergehendem Film "Liebe 1962" die Krankheit der Gefühle noch aus einem gestörten Bezug der Akteure zum eigenen Ich entspringt, so infiziert sie in "Die rote Wüste" bereits die komplette Wahrnehmung der Protagonistin, die hier erneut von Monica Vitti gespielt wird, über die der Kritiker Fritz Göttler einst sehr treffend schrieb, sie sei so schön, dass sich vor ihr sogar die Sonne verfinstern müsste. Und in der Tat, kaum ein Lichtstrahl wagt es einmal in den folgenden 112 Minuten durch die dunklen Wolken am Himmel zu dringen, unter denen sich die triste Architektur eines hoch entwickelten Industriegebietes am Rande der Hafenstadt Ravenna verborgen hält. Eigentlich entspricht Monica Vitti überhaupt nicht dem femininen Phänotyp des italienischen Kinos der 60er Jahre, erscheint sie doch mit ihrer dünnen Statur, den rotblonden Haaren, der wilden Frisur und den Sommersprossen im Gesicht wie ein verstörender Gegenentwurf zu den kurvigen Diven vom Schlage einer Sophia Loren. Der nervöse Stil, mit dem sie ziellos durch die Szenerie irrt, die unglaubliche Aufrichtigkeit, mit der sie ihre Figuren verkörpert, und der Umstand, dass sie ihrer Zeit damals offensichtlich sehr weit voraus war, macht sie jedoch zu einer Idealbesetzung der weiblichen Hauptrolle in Antonionis akribischen Studien über das moderne Leben. Gleich zu Beginn von Die rote Wüste" kämpft sie sich in einem knielangen, zartgrünen Mantel durch den schmutzigen Schlamm einer toten Landschaft, deren karge Oberfläche sich vor der beklemmenden Kulisse eines gigantischen Kraftwerkskomplexes ausbreitet, der dermaßen dominant die Leinwand ausfüllt, dass man meinen könnte, die Anlage hätte die Funktion der Natur übernommen. Bei der Frau handelt es sich um Giuliana, eine zerbrechliche, junge Mutter, die nach einem Suizidversuch unter starken Angstzuständen leidet und sich in einer schweren Identitätskrise befindet. Am Arbeitsplatz ihres Ehemannes Ugo lernt sie zufällig dessen Studienfreund Corrado kennen, der gerade in Ravenna verweilt, um Ingenieure für ein Projekt in Patagonien anzuwerben. Corrado erahnt Giulianas Krankheit, tröstet sie und baut zu ihr eine enge Bindung auf. Ausgerechnet als sie mit ihren Neurosen die Schwelle zur Schizophrenie übertritt, beginnt er mit ihr eine Affäre.

"Die rote Wüste" (gedreht 1964) sollte Antonionis erster Film in Farbe sein, eine neue Möglichkeit der Darstellung, von der er hier auch ausgiebig Gebrauch macht. Manchmal artet diese Experimentierfreudigkeit in ein plakatives Formspiel aus, wenn beispielsweise die Wände in Corrados Hotelzimmer nach dem Geschlechtsakt mit Giuliana in ein knalliges Rosa wechseln, während die kühlen weißen Flure vor der Tür eventuell ein Zeichen dafür sind, dass seine Liebe doch nicht echt ist. Für eine Szene, in der sich Giuliana in einem Schuppen in ausgelassener Runde mit Freunden über erotisches Verlangen und die Wirkung verschiedener Aphrodisiaka unterhält, wurden die Bretter im Hintergrund von Antonioni extra in ein leidenschaftliches Rot getränkt. Farbe fungiert somit als Ersatz für bombastische Stimmungsmusik, deren Verwendung er überwiegend ablehnte. Seine Filme sind immer sehr still, glänzen stattdessen durch eine unbändige Bildsprache, die in diesem Fall durch Maschinenlärm und elektronische Geräusche noch verstärkt wird. Das industrielle Ambiente von Ravenna sieht die Kamera durch die Augen von Giulianas subjektiv verzerrter Sichtweise. Auch dabei spielen gesättigte Farbtöne wieder eine entscheidende Rolle, indem Antonioni ganze Szenerien vor den Aufnahmen grell kolorierte, mit dem Zweck, beim Zuschauer den Eindruck einer sich verfremdenden Welt zu erzielen, deren Anblick in Giuliana zunehmend das Gefühl der Isolation befördert. So färbt er Wasser mitunter gelb, Bäume lila und Gras schwarz als Synonym für die Künstlichkeit einer artifiziellen Umgebung, in der das Natürliche zusehends verschwindet und entwurzelte Menschen wie Giuliana noch keinen Mechanismus gefunden haben, sich mit der Veränderung besser arrangieren zu können. Die vermeintlich Kranke spürt intuitiv das, was die Gesunden noch verdrängen, nämlich dass mit dem Verlust an Natur auch das Realitätsprinzip in Gefahr gerät und eine damit verbundene Abkehr vom Humanismus einsetzt, was als finaler Auslöser ihrer Paranoia dient. Doch es greift etwas zu kurz, diesen ästhetisierten Bilderrausch als anklagenden Schrei gegen eine technikgläubige Gesellschaft zu werten. Es ist eher ein Plädoyer dafür, eine immer sterilere Atmosphäre etwas menschlicher zu gestalten, ohne dass man sich dabei unbedingt auf eine archaische Entwicklungsstufe zurückbegibt. Am Ende steht Giulianas zynische Metapher: Erst wenn die Vögel gelernt haben, dass der Rauch der Schlote sie tötet, fliegen sie nicht mehr durch ihn hindurch.


Winter's Bone [Blu-ray]
Winter's Bone [Blu-ray]
DVD ~ Jennifer Lawrence
Preis: EUR 13,99

4.0 von 5 Sternen Die dunkle Seite des amerikanischen Traums, 21. Januar 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Winter's Bone [Blu-ray] (Blu-ray)
Mit einem sanften Wimpernschlag öffnet die Kamera ihr Auge und starrt auf eine karge Hügellandschaft inmitten der Ozark Mountains im Süden von Missouri. Dann erfolgt ein Umschnitt. Zwei kleine Kinder hüpfen auf einem Trampolin. Im Hintergrund ist eine heruntergekommene Blockhütte zu sehen, an deren Holzwänden sich der Unrat stapelt. Dazu ertönt im Soundtrack ein nostalgisches Wiegenlied, gesungen von einer sentimentalen Frauenstimme, die in Erinnerungen an bessere Tage schwelgt und den Abglanz ihrer verloren gegangenen Kindheit beweint. Dies soll der Auftakt zu Debra Graniks desillusionierendem Spaziergang durch die trostlosen Ecken Amerikas sein, wo der viel beschworene Traum vom großen Glück längst in Einzelteile zerbrochen ist und man Menschen begegnet, die erbarmungslos an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, allein gelassen vom Rest der Welt, gefangen im Strudel einer sozialen Abwärtsspirale, aus der es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt. Wer in diesem prekären Paralleluniversum an Türen klopft, um in der Not die eigenen Nachbarn um Hilfe zu bitten, bekommt die geballte Feindseligkeit gescheiterter Existenzen zu spüren, die innerlich wie äußerlich ebenso rau und kalt wirken wie die Natur, von der sie umgeben sind. Dieses Schicksal erfährt auch die 17jährige Ree Dolly. Gemeinsam mit ihrer psychisch kranken Mutter sowie den beiden jüngeren Geschwistern bewohnt Ree jenes archaisch eingerichtete Haus aus der Eröffnungssequenz, das nun kurz vor der Beschlagnahmung durch die Behörden steht, sollte ihr zwielichtiger Vater Jessup nicht doch noch rechtzeitig zu einem Verhandlungstermin bei Gericht erscheinen. Er hat nämlich das Grundstück als Kaution versetzt und ist seitdem spurlos irgendwo in der Wildnis verschwunden. Entschlossen begibt sich Ree auf die Suche nach ihm, doch egal wo sie auch auftaucht, überall trifft sie auf eine undurchdringbare Mauer des Schweigens. Verwandte und Freunde weisen sie schroff ab, legen sogar falsche Fährten, versuchen sie einzuschüchtern und mundtot zu machen, indem sie Ree verprügeln und dem Mädchen damit drohen, ihr die Geschwister wegzunehmen, für die sie inzwischen zu einer Art Ersatzmutter geworden ist. Doch Ree zeigt Rückgrat und lässt sich nicht unterkriegen. Ihre Wollmütze stülpt sie sich wie einen Helm über, der sie bei ihrem Spießrutenlauf durch dieses dicke Geflecht aus Lügen und Repressionen vor allen Gefahren schützen soll. Als Jessups Bruder Teardrop am Esstisch plötzlich die Pistole auf sie richtet, könnte man meinen, dass die Gewalt in Form eines bloßen Reflexes direkt aus der Monotonie des Alltags entspringt. Aber spätestens wenn man Sheryl Lee (die Laura Palmer aus Twin Peaks) mit ihrem typisch unschuldigen Blick inmitten einer musizierenden Countryband sitzen sieht, ahnt man, dass sich hinter dem Alptraum ein dunkles Geheimnis verbirgt, dessen Wahrheiten so bitter sind, dass man sie Ree eigentlich gar nicht eingestehen möchte. Denn die ganze abgeschottete Gegend lebt vom Handel mit der Designerdroge Crystal Meth. Das traurige Drama besteht darin, dass diese emotional abgestumpften Gestalten nicht mehr anders können, um zu existieren. Auf schockierende Weise lässt "Winter's Bone" das Publikum daran teilhaben, wie die Armut Menschen zersetzt, sie in die Kriminalität treibt und dort neue Opfer, Täter und Dulder produziert. Rees Vater ist einer der Dealer. Ein abgebranntes Labor verweist beizeiten auf die grausame Auflösung dieses morbiden Versteckspiels, in dem es lange Zeit so aussieht, als würde man vergeblich nach einem kleinen Funken an Mitmenschlichkeit suchen, wenn man an der Seite der brillant agierenden Jennifer Lawrence durch abgeholzte Wälder wandert, über kaputte Drahtzäune steigt oder zwischen schäbigen Müllbergen und demolierten Autowracks entlangflaniert, fotografiert in schonungslosen, aber dennoch grazil schimmernden Bildern, die den Plot von der Atmosphäre her stets in der Schwebe zwischen postapokalyptisch anmutenden Zuständen und bizarrer White Trash-Kultur halten. Ihr überschaubares Maß an emotionaler Wärme zieht die herbe Schönheit dieses Films fast ausschließlich aus den elegischen Country-Einlagen, die einen sanften Hauch von Western-Mythos entfachen. Was auch bitter nötig ist, da die seelisch gebrochenen Nebenfiguren über weite Strecken nicht mehr dazu in der Lage sind, Empathie für die hilflose Protagonistin zu empfinden, ehe sie sich doch eines Besseren besinnen, ihren weichen Kern unter der harten Schale entdecken und die tapfere Ree vor dem endgültigen Sturz in den Abgrund bewahren.


Liebe 1962 mit Monica Vitti - SZ Cinemathek Traumfrauen
Liebe 1962 mit Monica Vitti - SZ Cinemathek Traumfrauen
DVD ~ Michelangelo Antonioni
Wird angeboten von secondmusic
Preis: EUR 14,90

4.0 von 5 Sternen Sinnbilder emotionaler Leere, 15. Januar 2013
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In den Filmen von Michelangelo Antonioni gibt es immer wieder diese Momente, in denen alles gesagt zu sein scheint, die Protagonisten sich in der atmosphärischen Kälte der Inszenierung auflösen und die Kamera das zeigt, was danach kommt: Schweigen und Stille. Gleich zu Beginn von "Liebe 1962" konfrontiert er den Zuschauer mit der Visualisierung einer solchen beklemmenden Stimmung. Steif sitzt Riccardo in seinem Appartement und starrt ängstlich auf Vittoria, die mit den Fingern verlegen an einer Vase spielt. Ein Ventilator rotiert im Hintergrund. Auf dem Tisch steht ein überfüllter Aschenbecher. Sie haben die ganze Nacht geredet. Alles ist entschieden. Oder doch nicht? Noch einmal schaut sie ihn müde an, bewegt sich langsam auf ihn zu und weicht wieder zurück. Zufällig sieht sie ihr Gesicht in einem Spiegel und erschrickt. Es ist aus. Für immer. Endgültig. Dann geht sie ans Fenster und öffnet die Vorhänge. Der Morgen dämmert. Ein Wasserturm baut sich auf. Riccardo nähert sich ihr von hinten und fleht sie verzweifelt an. Er fragt sie, ob sie ihn noch lieben würde. Sie antwortet, dass sie es nicht wüsste. Es sind diese sinnträchtigen Pausen zwischen den Sätzen, in denen die unterdrückten Empfindungen nach einem Ausdruck suchen, der doch nie adäquat genug erscheint. Ein letztes Mal reißt er sie an sich, umarmt sie, ehe Vittoria ihre Sachen nimmt und verschwindet. Nervös taumelt sie die Straße entlang. Riccardo fährt ihr mit dem Auto nach und begleitet sie zu ihrer Wohnung. Ein trostloser Abschied folgt. Spätestens hier wird sich der Zuschauer bewusst, dass er soeben Zeuge einer Trennung wurde, deren Grund er jedoch nie erfahren wird. In dieser knapp 17-minütigen Eröffnungssequenz ist alles enthalten, was Antonionis verstörende Ästhetik definiert: die Fragilität der Gefühle; das Unverständnis, warum Beziehungen beginnen und wieder enden; die Verlorenheit des Individuums in einer immer komplexeren Welt; die ornamentale Struktur der Bildkompositionen; seltsame Kameraeinstellungen, die pedantisch genau die Oberfläche der stets abstrakt ausgestatteten Handlungsräume aus mitunter ungewöhnlichen Positionen abtasten; und natürlich die in sämtliche Richtungen offene, fragmentarische Erzählweise, die permanent gegen die Wahrnehmung des Publikums gerichtet ist. "Liebe 1962" sollte der letzte Teil einer losen Trilogie sein (zu der auch noch "Die mit der Liebe spielen" und "Die Nacht" gehören), mit der Antonioni das Kino in radikaler Form revolutionierte. Es sind keine Geschichten, die er bebildert, sondern präzise Registraturen des modernen Lebens. Dabei nimmt er meistens die Perspektive eigenwilliger, verletzlicher Frauen ein, die gezwungen sind, sich neu zu orientieren, weil sie eine innere Leere verspüren, die aus der Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und einer tristen urbanen Wirklichkeit resultiert, perfekt verkörpert durch Antonionis damalige Lebensgefährtin und Muse Monica Vitti, die sich hier mehr oder weniger selbst spielt. Mit ihren großen Augen, den vollen Lippen, dem blassen Teint und der markanten Nase erscheint sie in der kryptischen Schönheit einer griechischen Göttin, die sich auf der Suche nach ihrer eigentlichen Bestimmung befindet.

Ort des Geschehens ist Rom, was allerdings keine gewichtige Rolle spielt, es könnte auch jede andere Metropole mit ihrer Geschäftigkeit und Anonymität sein. In der zweiten Sequenz besucht Vittoria ihre Mutter an der Börse, die zum Inbegriff des sozialen Aufstiegs wird, aber auch als Synonym für eine im Statusdenken gefangene Scheinwelt dient, die sich lediglich in sich selbst spiegelt. Lange Kamerafahrten zeigen eine hektische Meute von Händlern, die wild gestikulierend durcheinander schreien, Insiderinformationen tauschen und mit bloßen Handzeichen Papiere handeln, wobei sich Antonioni jeglicher moralischer Bewertung entzieht. In "Liebe 1962" schildert er lediglich den Status Quo einer prosperierenden Konsumgesellschaft, die Menschen in Neurosen treibt und ihnen einen Impuls verleiht, der wenig sinnstiftend ist, zum Verlust der eigenen Identität führt und tiefer gehende Beziehungen scheinbar unmöglich macht, weil das Geld sogar die Gefühle domestiziert. Auf dem Börsenparkett trifft Vittoria auf Piero, den smarten Makler ihrer Mutter. Ausgerechnet an einem Tag, an dem die Kurse massiv einbrechen, kommen sich die beiden näher. Nach einer amourösen Liebelei in Pieros Büro verabreden sie sich für den nächsten Abend. Noch im Treppenhaus hört Vittoria das penetrante Klingeln der Telefone, deren Hörer Piero für die Zeit ihrer Anwesenheit neben die Apparate gelegt hat, um nicht gestört zu werden. Entsetzt starrt Vittoria auf die Bürotür. Erneut spürt sie die Einsamkeit. Entfremdung stellt sich ein. Zu dem vereinbarten Treffpunkt werden beide nie gelangen. Stattdessen löst sich wieder alles im Nichts auf. Ein Sulkyfahrer passiert eine Kreuzung, ein Fußgänger überquert einen Zebrastreifen. Bäume rauschen im Wind. Menschen warten an einer Haltestelle. Ein Bus biegt um die Ecke. Die Dunkelheit bricht herein. Straßenlaternen gehen an. Die Welt nimmt ihren Lauf, als sei nie etwas gewesen.


Die Milchstraße
Die Milchstraße
DVD ~ Laurent Terzieff
Preis: EUR 13,49

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwei Pilger in Not, eine Nonne am Kreuz und ein besonders schwerer Fall von Pasteten-Ketzerei: Bunuel erschießt den Papst!, 15. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Milchstraße (DVD)
"Wenn es einen Gott gibt, dann soll mich auf der Stelle der Blitz treffen!" Ausgerechnet ein zweifelnder Pilger stellt in "Die Milchstraße" die Existenz des Allmächtigen mit jenen markigen Worten auf eine harte Probe. Und was passiert? Natürlich schlägt es nicht bei ihm ein. Dafür aber ein paar Meter weiter hinten, in einem klapprigen Schuppen, während eines fürchterlich tobenden Gewitters. Zufall oder göttliches Zeichen? Weder noch. Das ist das Werk von Luis Bunuel, denn diesmal knöpft sich das alte Lästermaul die Clochards Jean und Pierre vor, die sich gerade auf dem St. Jakobsweg zwischen Paris und Santiago de Compostela befinden, auch genannt die Milchstraße, entsprechend der Legende, wonach angeblich einst im 7. Jahrhundert die Sterne einen Hirten zum Grab des heiligen Jakobus geleiteten. Doch ehe die beiden Pilger das Ziel ihrer Wallfahrt erreichen, müssen sie zunächst noch einige Abenteuer bestehen, in denen die Festigkeit ihres Glaubens ziemlich heftig ins Wanken geraten wird.

So begegnen sie als erstes einem obskuren Seher, der ihnen prophezeit, dass am Ende ihrer beschwerlichen Reise ein hübsches Freudenmädchen als Belohnung auf sie wartet, um mit ihnen (so wörtlich) zwei Kinder der Prostitution zu zeugen. Ein Polizist und ein Pfarrer streiten wenig später in einem Wirtshaus über das Phänomen der Transsubstantiation. Ohne Lösung. Woraufhin sich ein Kellner einmischt, der meint, dass der Leib Christi in der Hostie enthalten ist wie der Hase in der Pastete. Das klingt zunächst nach Bauernweisheit. Wenn allerdings ein solcher Schelm wie Bunuel so etwas in die Welt posaunen lässt, handelt es sich natürlich eher um einen besonders schweren Fall von Pasteten-Ketzerei! Von allen Seiten piesackt er in diesen rabenschwarzen 97 Minuten die Religion, kehrt ihre Widersprüche an die Oberfläche und wirft Fragen auf, die manchmal dadaistische Züge annehmen. Besitzen Wunder wirklich etwas Wunderliches? Wie kann sich ein Gott in drei Teile teilen? In den Vater, den Sohn und den heiligen Geist? Ist es möglich, noch Jungfrau zu sein, obwohl die Geburt Christi unmittelbar bevorsteht? Der Marquis de Sade philosophiert selbstgefällig, dass es kein Verbrechen ist, den natürlichen Neigungen zu folgen, und die Welt weniger böse wäre, wenn es keinen Gott gäbe. Woraufhin seine in Ketten gelegte Mätresse ihn verdutzt anschaut, leicht blutend aus dem Ohr. So etwas aus diesem Mund! Unerhört! Dieser pointierte Sarkasmus durchzieht den ganzen Film, dessen einzelne Episoden sich aus einem surrealen Sammelsurium an Visionen, Halluzinationen, Sagen und Schauergeschichten speisen, erzählt mit einem äußerst süffisanten Zungenschlag, der es durchaus versteht, in beide Richtungen auszuteilen, Religion und Atheismus. Denn es geht hier nicht darum, unterschiedliche Weltauffassungen gegeneinander auszuspielen, stattdessen wird exemplarisch durchexerziert, wie subtil Fanatiker aus allen Lagern Nonkonformisten auf ihre Linie trimmen. Eine Nonne will leiden wie ihr Heiland und lässt sich in einer Kapelle ans Kreuz nageln, während sich ein Jesuit und ein Jansenist draußen vor dem Gebäude mit dem Degen duellieren. Mitten im Gefecht strecken sie die Waffen nieder, weil sie merken, dass sie auf derselben Seite stehen. Marxisten schreiten zur Tat und erschießen den Papst, gespielt von Bunuel höchstpersönlich, den man allerdings kaum erkennt, weil es die Kamera vor lauter Scham nicht wagt, ihm bei diesem Lausbubenstreich von Nahem ins Gesicht zu blicken. Doch es ist sowieso nur ein Tagtraum, den einer der beiden Pilger gerade genervt fantasiert, als indoktrinierte Mädchen auf einem Schulfest eine Reihe von christlichen Dogmen rezitieren, unterlegt mit dem Verdikt eines Bannfluchs, falls jemand im Publikum doch tatsächlich den Frevel besitzt, von der absoluten Wahrheit abzuweichen. Und schon springt die Handlung zurück ins Mittelalter, wo ein Häretiker vor einem Inquisitionsgericht seinen blasphemischen Thesen abschwören soll. Eine typische Szene für diese subversive Spöttelei, weil permanent die verschiedenen Ebenen von Traum, Wirklichkeit, Zeit und Raum simultan in einem Punkt zusammenfallen, nämlich auf diesem Pilgerweg, dem roten Faden dieses anekdotenartigen Reigens, dessen Verlauf mitten durch die Botanik geht, ohne Rücksicht auf Verluste, abgelichtet in grotesken Bildsequenzen, virtuos verwoben durch den Schnitt.

"Die Milchstraße" steht irgendwo zwischen Bergman und Monty Python, zwischen "Das siebente Siegel" und "Das Leben des Brian", Sinnsuche und Provokation. Bunuel killt die Dogmen seiner katholischen Herkunft, um im selben Atemzug zu bedauern, dass das Mysterium seinen Zauber verloren hat. Es ist nicht mehr dieser reine Antiklerikalismus, den er in früheren Filmen noch mit aragonesischer Sturheit bebilderte, sondern eher eine altersmilde Form eines differenzierten aber jederzeit humorvollen Glaubensdiskurses. Ein Jäger schießt als Zeichen seiner Verachtung auf einen Rosenkranz, der irgendwo oben in den Bäumen hängt. Da offenbart sich ihm die Jungfrau Maria, die ihm die Kette mit einer sanften Geste der Vergebung zurückgibt. Ergriffen von der Erscheinung bricht der Jäger in Tränen aus, während in dem kargen Zimmer einer notdürftigen Spelunke ein Mann konsterniert auf einem Bett sitzt und sich bitterlich beklagt, dass sein Hass gegen die Wissenschaft ihn noch in diesen absurden Glauben an Gott treiben wird. Ehe am Ende doch die irdischen Gelüste die Oberhand gewinnen und die Pilger in Santiago de Compostela auf das versprochene Freudenmädchen treffen, das ihnen mitteilt, dass die Gebeine des heiligen Jakobus längst durch eine Attrappe ausgetauscht wurden. Dann verschwinden sie mit ihr in den Büschen, um ihre eigentliche Mission zu erfüllen und zwei Kinder der Prostitution zu zeugen. Das eine soll heißen "Du bist nicht mein Volk" und das andere "Keine Barmherzigkeit mehr". Amen.


Laura mit Gene Tierney - SZ Cinemathek Traumfrauen
Laura mit Gene Tierney - SZ Cinemathek Traumfrauen
DVD ~ Otto Preminger
Wird angeboten von Movieklassiker
Preis: EUR 28,00

5.0 von 5 Sternen Aus dem Reich der Toten, 3. Januar 2013
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Über welche Qualitäten muss eine Frau eigentlich verfügen, damit sie von einem Mann am meisten begehrt wird? Eindeutig beantworten lässt sich diese Frage nicht, weil zum einen das Resultat dieses Gedankenspiels natürlich stark vom subjektiven Geschmack des jeweiligen Betrachters abhängt und zum anderen das Schönheitsideal mit dem Wechsel der Generationen auch extreme Wandlungen vollzieht, indem sich alte Vorstellungen auflösen, während neue Moden entstehen. Bis in den Fin de Siecle hinein verharrte die demütige Eva als Inbegriff altruistischer Liebe samt ihren barocken Rundungen weitgehend unangefochten auf dem Thron der Begierde, ehe in den 1910er Jahren der Vamp in Gestalt einer verruchten Verführerin das Zepter übernahm. Drapiert mit Fächer, Federboa, Zigarettenspitze, verschatteten Augen und explizit betonter Weiblichkeit trat der Vamp als sexuell aggressives Biest in Erscheinung, in dessen Absicht es lag, Männer zu betören, um sie hinterher gnadenlos wirtschaftlich auszubeuten. Wesentlich selbstständiger agierte da schon das Flapper-Girl, die jüngere Schwester des Vamp, ein fluchtfähiges Geschöpf im kurzen, rückenfreien Kleid, das in den rauschhaften 20er Jahren ihren Verehrern deren Begehren mit einer Friß-oder-stirb-Haltung etwas frech vor die Füße warf, getrieben von der Lust, ausgesprochen hedonistischen Beschäftigungen auf den allabendlichen Partys nachzugehen. Allerdings zahlten diese Damen für ihre sklavische Vergnügungssucht einen hohen Preis, da das Flapper-Girl letztendlich an ihrem chronischen Überdruss zugrunde ging. Weshalb in der nächsten Dekade der androgynere Typ einer vergeistigten Frau folgte, die es verstand, in die Phalanx maskuliner Herrschaftsgebiete vorzustoßen, indem sie sich bewusst das subversive Ausreizen geschlechtlicher Grenzen auf die Fahnen schrieb, statuarisch verkörpert durch Marlene Dietrich als ikonografische Galionsfigur eines hybriden Geschlechts. In den düsteren Vierzigern hatte dann die Femme fatale Hochkonjunktur, eine geheimnisvolle Schöne, deren bizarrer Sex-Appeal zum Gegenstand unerfüllter Männerphantasien wurde. Eine Femme fatale besitzt die komfortable Eigenschaft, außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen zu stehen, weil sie mit Verlobung, Ehe und Zweikindsystem nun mal rein gar nichts anzufangen weiß. Stattdessen ist sie sich der Tatsache bewusst, dass gewisse Laster und Schwächen sie nur noch attraktiver machen, puritanische Vollkommenheit dagegen abschreckt, sodass das Streben nach reiner Tugend sie rettungslos ins Verderben der Einsamkeit stürzen würde. So eine gefährliche Frau möchte ein Mann eigentlich gar nicht lieben, doch ist es gerade dieses Verbot, welches das sexuelle Verlangen ins Exzessive potenziert. Was die spannende Frage aufwirft, ob eine Frau nicht dann am stärksten von einem Mann begehrt wird, wenn sie einen kleinen Schuss des Bösen in sich trägt, der kühl einkalkuliert, dass jede noch so heißblütige Affäre ohne diese wohl dosierte Schärfe für das andere Geschlecht recht schnell zur Langeweile verkommt. Die hohe Kunst der Femme fatale besteht nun eben darin, einen Liebhaber allein mit der Strahlkraft ihrer Anwesenheit erotisch an sich zu binden, um ihn nur wenig später in den dämonischen Abgrund des Ungemachs zu treiben.

Womit wir endlich bei Gene Tierney angelangt wären, dem Prototyp der Femme fatale des Kinos der 40er Jahre. Dunkle Haare, halboffene Augen, ein stechender Blick, intelligent, unabhängig, verschwistert mit dem Tod. Mit dieser charismatischen Aura bringt sie in Otto Premingers doppelbödigen Film Noir die Männer reihenweise um den Verstand und liefert zugleich 14 Jahre vor "Vertigo" die Blaupause für James Stewarts Psychose in Hitchcocks Klassiker. Denn ebenso wie Scotties große Liebe Madeleine befindet sich Laura Hunt eigentlich schon längst nicht mehr unter den Lebenden. Der Polizist Mark McPherson soll den mysteriösen Mord an der erfolgreichen Designerin aufklären. Doch je tiefer der abgebrühte Cop in die Intimsphäre der Toten eindringt, desto mehr verfällt er ihrer Faszination, und mit ihm versinkt auch die Handlung in einem Strudel aus unwirklichen Flashbacks, surrealen Spiegelungen und falschen Fährten. Es ist Lauras Wohnung, der Ort des Verbrechens, wo McPhersons Obsession ihren verhängnisvollen Lauf nimmt. Hier durchwühlt er ihre Sachen, riecht an ihrem Parfüm, schnüffelt neugierig in ihrer Unterwäsche und starrt auf ein Porträt der unnahbaren Schönen, das in Form eines prätentiösen Ölgemäldes über dem lodernden Kamin die Wand ziert. Dann setzt er sich benommen vom Alkohol in einen Sessel und schläft ein, ehe sich plötzlich die Tür öffnet und Laura leibhaftig vor ihm steht. Wie ein fotografischer Beweis seiner Imagination. Der Traum springt auf die Realität über, was eine bedrohliche Wirkung entfaltet. Mit einem Schlag wird die Suggestion zu einer greifbaren Frau aus Fleisch und Blut. Sie hat einen Regenschirm in der Hand, den sie wie ein Messer hält. Das ist nicht das Ende dieses teuflischen Vexierspiels. Nur eine weitere Wendung.


Charlie Chaplin - Goldrausch [Blu-ray]
Charlie Chaplin - Goldrausch [Blu-ray]
DVD ~ Charlie Chaplin
Preis: EUR 12,44

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Brötchentanz in der Eiswüste: Der Tramp steckt im Goldfieber!, 3. Januar 2013
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Skurrile Situationen gibt es in "Goldrausch" zu Genüge, seine Berühmtheit erlangte der Film allerdings aufgrund einer ganz speziellen Szene: Vier elegant gekleidete Flapper-Girls, die mit ihrem schrillen Kopfputz locker als hedonistisch veranlagte Leerlaufexistenzen einer auf Pump finanzierten Spaßgeneration durchgehen, sitzen hoch oben im eisigen Alaska in einer schlichten Holzhütte an einem festlich geschmückten Tisch. Mittendrin der kleine Tramp, der sein seltenes Glück kaum fassen kann, weil eine der vergnügungssüchtigen Damen seine große Liebe Georgia ist, die an diesem Silvesterabend sein sonst so einsames Dasein mit einem zärtlichen Lächeln füllt. Die illustre Runde bittet ihn schließlich zur Feier des Tages eine Rede zu halten, doch der Tramp findet in seiner Verlegenheit einfach keine Worte, sodass er kurzerhand zwei Gabeln zweckentfremdet, die er jeweils senkrecht in ein Brötchen steckt, um sie wie grazile Tanzbeine im Rhythmus der Hintergrundmusik virtuos über den Tisch wirbeln zu lassen. Als die Mädchen amüsiert applaudieren, schiebt Chaplin noch dieses unschuldige, kindlich naive Lächeln eines ewig Gescheiterten hinterher, das in seiner kokettierenden Schüchternheit leise andeutet, warum ihn gerade jüngere Frauen damals so innig begehrten. Die Rolle der Georgia war eigentlich zunächst für Chaplins 16jährige Geliebte Lita Grey vorgesehen, die aber plötzlich schwanger wurde und deshalb durch die zuvor noch unbekannte Schauspielerin Georgia Hale ersetzt werden musste. Mal abgesehen davon, dass sich die Tür zum Herzen einer Frau mit so einem originellen Transpositionsgag natürlich wesentlich leichter öffnen lässt, verfügt dieser sogenannte Brötchentanz über einen derart zauberhaften Charme, dass selbst Johnny Depp fast 70 Jahre später in "Benny & Joon" nicht umhin kam, diese Nummer noch einmal als Hommage auf der Leinwand zu zelebrieren.

Doch bei Chaplin ist alles nur eine geträumte Illusion, denn in Wahrheit hat die etwas oberflächliche Georgia, eine Animierdame, den armen Tramp an besagtem Abend fürchterlich versetzt. Anstatt der versprochenen Verabredung zu folgen, blieb sie nämlich in der überfüllten Tanzhalle dieses beschaulichen Goldsucher-Städtchens hängen, ausgerechnet an der Seite des arroganten Jack, der Georgia schon seit längerem nachstellt, dessen rustikale Liebesbekundungen sie allerdings nur ohrfeigend erwidert. In der schillernden Halbwelt dieses vital pulsierenden Freudentempels lief ihr auch der Tramp erstmals über den Weg, der seitdem schwärmerische Gefühle für Georgia hegt, die jedoch die Angebetete mit einem spöttischen Blick in den Augen geflissentlich übersieht. Georgias Läuterung setzt erst ein, als sie das liebevoll zubereitete Silvester-Festmahl ihres selbstlosen Verehrers entdeckt, der sein trauriges Gemüt aber bereits in Richtung Saloon trägt, sodass sich die beiden unglücklicherweise verpassen. Dort trifft der Tramp wenig später auf seinen alten Goldgräber-Kompagnon Big Jim McKay, der inzwischen sein Gedächtnis verloren hat und deshalb nicht mehr weiß, wo genau sich die Mine befindet, die er vor einigen Tagen draußen in der Einöde entdeckte, kurz bevor der Tramp und Big Jim zufällig vom Schicksal aneinandergekettet wurden, als sie in der Blockhütte des berüchtigten Schurken Black Larsen Schutz vor einem Unwetter suchten. Ein erzwungener Aufenthalt, der nicht ganz ohne turbulente Reibereien über die Bühne ging, weil die raue Natur die drei ungleichen Glückssucher schreckliche Hungerqualen erleiden ließ, die zugleich animalische Halluzinationen nach sich zogen. Big Jim stellt dem Tramp nun eine lukrative Beteiligung an der Mine in Aussicht, wenn er ihn noch einmal zu Black Larsens Hütte in der Nähe der Goldader führt. Doch nachdem die beiden dort angekommen sind, bläst ein unbarmherzig tobender Schneesturm die Behausung zur Hälfte über den Abgrund einer Felsklippe.

"Goldrausch" ist mittlerweile kein lupenreiner Stummfilm mehr, denn Chaplin entschied sich im Jahre 1942 in einer Nachbearbeitung zu einer Tonfassung, indem er einerseits begleitende Kommentare einer selbst gesprochenen Erzählstimme einfügte und andererseits die Bilder mit eigenhändig komponierten Musikstücken unterlegte, die in ihrem Klang stark zwischen verträumten Spielereien und sentimentalem Pathos schwanken. Zudem wurde der ursprünglichen Handlung eine Eröffnungssequenz vorangestellt, in der man einen schier endlosen Strom an Menschen über den verschneiten Chilkoot-Pass am Klondike ziehen sieht. Damals gab es noch genügend Verrückte, die an die Selbstheilungskräfte des amerikanischen Traums glaubten. Etwas kümmerlich fällt dagegen der Schluss aus, weil die finale Sequenz aus bis heute ungeklärten Gründen der Schere zum Opfer fiel und das Happyend somit durch eine neutralere Auflösung ersetzt wurde. Trotz dieser Veränderungen hat der Film dennoch kaum etwas von seiner Faszination eingebüßt, was nicht nur an Chaplins sagenhaft sicherem Gespür für Slapstickeinlagen und seinem pantomimischen Talent liegt, sondern auch an der frappierenden Authentizität, die einige Aufnahmen immer noch ausstrahlen. So wurde die waghalsige Szene auf der Gletscherspitze mit dem Miniaturmodell einer Blockhütte nachgestellt, ohne dass die Bilder etwas an ihrer raffiniert suggerierten Echtheit einbüßen.

Für einen Film, der inzwischen 88 Jahre auf dem Buckel hat, verfügt diese Blu-Ray über ein nahezu perfektes Bild. Schmutzspuren wurden weitgehend entfernt, die Konturen sind scharf und ein Schlieren ist kaum zu erkennen. Üppig fällt das Bonusmaterial aus. Zusätzlich verfügbar sind: die restaurierte Original-Stummfilmfassung von 1925, das Chaplin-ABC (30 Min.), die Dokumentation "Chaplin Heute – Goldrausch" (26 Min.) und Fotogalerien.


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