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Rezensionen verfasst von
Max Doerfer (Berlin)
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Vor den Richtern Roms: Berühmte Prozesse der Antike
Vor den Richtern Roms: Berühmte Prozesse der Antike
von Detlef Liebs
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 16 Prozesse im alten Rom..., 15. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Aus einer Vorlesung über bahnbrechende Prozesse im römischen Recht entwickelte Liebs dieses Buch. Dabei geht es um so unterschiedliche Strafprozesse wie etwa den Prozess gegen Jesu, die Verbannung Ovids nach Constanza durch Kaiser Augustus, brutale Sklavenhaltung, den Ehrenmord eines Bruders an seiner Schwester, die Christenverfolgung durch Nero oder eine der ersten Anklagen gegen christliche Ketzer durch eine Bischofssynode.

Zum anderen geht es in einem Drittel der Prozesse aber auch um Zivilklagen. So erwirbt ein freigelassener Sklave ein Landgut und bestellt es so gut, dass seine Nachbarn ihm vorwerfen, dass er durch Schadenzauber die Ernte von den Nachbargütern auf das seinige zauberte. Oder Titus Claudius Centumalis ist Eigentümer einer Mietskaserne und die Priesterschaft der Auguren befiehlt ihm die obersten Stockwerke seines Hauses abzutragen damit sie besser den Flug der Vögel beobachten können. Daraufhin verkauft Titus Claudius Centumalis seine Mietskaserne an einen Dritten, verschweigt diesem aber den Befehl der Auguren. Darauf hin klagt der Käufer wegen Täuschung.

Mit der Auswahl seiner Fälle zeigt Liebs sehr gut wie sich im Lauf der Zeit das römische Recht weiter entwickelte und zunehmend versuchte Prozesse für alle Beteiligten gerecht zu gestalten. Das Buch ist hervorragend recherchiert, Originalquellen wurden nicht einfach unkritisch übernommen und die Kapitel können unabhängig voneinander gelesen werden.

Trotz seines akademischen Hintergrunds ist das Buch nicht nur für Juristen oder an der römischen Geschichte Interessierte einen Blick wert.


For and Against Method: Including Lakatos's Lectures on Scientific Method and the Lakatos-Feyerabend Correspondence
For and Against Method: Including Lakatos's Lectures on Scientific Method and the Lakatos-Feyerabend Correspondence
von Imre Lakatos
  Taschenbuch
Preis: EUR 33,17

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ergänzung zu Against Method, 29. August 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch richtet sich in erster Linie an Leser von Feyerabends 'Against Method' (Wider den Methodenzwang), und natürlich genauso an Leser von Imre Lakatos. Against Method war geplant als Gemeinschaftsprojekt von Feyerabend und Lakatos, dessen Fertigstellung durch Lakatos' frühen Tod leider ausblieb. Against Method blieb ein Bruchstück: Ein Angriff auf Poppers Kritischen Rationalismus und dessen Verbindung mit Kuhns Gedanken durch Lakatos. Diese Lücke von Against Method will dieses Buch schließen. Als Einleitung wählte Motterlini einen fiktiven Dialog zwischen Feyerabend und Lakatos. Dies trifft die ursprüngliche Intention des Werkes und hat auch in der Philosophie eine lange Tradition. Ob es jedem als Einleitung hilfreich ist, weiß ich nicht. Anschließend folgen Aufzeichnungen von Lakatos' Vorlesungen an der LSE von 1973. Also ein Jahr vor seinem Tod. Auf diese 100 Seiten Vorlesung folgt ein kurzes Essay von Feyerabend über den Anarchismus und etwa 250 Seiten Briefwechsel zwischen Lakatos und Feyerabend. Das Taschenbuch hat eine hohe Qualität wie man sie bei der University of Chicago kennt. Außerdem gibt es noch einen umfangreichen Anhang. Meines Wissens ist das Buch die beste Ergänzung, die man zu Against Method finden kann, um den ursprünglichen Gedanken der Schrift nahe zu kommen. Einen Blick wert ist es sicher auch für alle die sich mit Wissenschaftstheorie beschäftigen.


Die Seele im technischen Zeitalter: Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft
Die Seele im technischen Zeitalter: Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft
von Karl Siegbert Rehberg
  Broschiert
Preis: EUR 19,80

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Seele im technischen Zeitalter, 9. März 2010
Mit immerhin 106 000 verkauften Exemplaren war 'Die Seele im technischen Zeitalter' Gehlens erfolgreichstes Buch und trug auch Einiges zu der Medienpräsenz bei, die er in den ersten Jahrzehnten der BRD erhielt. So fügte er sich gerne in die Rolle des Konservativen und diskutierte mal mit Adorno im Fernsehen oder mal zum Thema 'Kunst und Antikunst' im ZDF mit Joseph Beuys und anderen.

Aber zurück zum Buch, die vorliegende Ausgabe wurde von Karl-Siegbert Rehberg bearbeitet: der vermutlich beste Kenner von Gehlens Werk. Er steuerte stolze 74 Seiten Anhang bei. In ihnen findet man neben einem Inhaltsverzeichnis, einer Seitenkonkordanz und editorischen Hinweisen, Anmerkungen usw. auch ein informatives Nachwort. Siegbert ist es zu verdanken, dass viele von Gehlens Zitaten nachvollziehbar sind, denn Gehlen nahm es mit Zitaten nicht sehr genau oder zitierte, wie er sich ausdrückte, strategisch, d.h. er zitierte aus dem Zusammenhang heraus, so dass sich das Zitierte in seine Argumentation gut einfügte.

Das eigentliche Buch umfasst nur knappe 140 Seiten, die im Wesentlichen schon in der Endfassung von 1949 enthalten waren. Es geht also um die sozialpsychologischen Probleme der wirklich sehr jungen BRD. Wenn man überhaupt zu diesem Zeitpunkt von einer BRD reden kann. Dennoch galt das Buch vielen als ein Deutungsversuch der jungen Republik, der noch heute erhellend sein kann, aber an anderen Stellen gnadenlos falsch ist. Am ehesten wird man dem Buch gerecht, wenn man einige noch heute aktuelle Gedanken herausgreift und aufzählt. So schreibt er z.B. von der Reizüberflütung in der modernen Gesellschaft (im Buch ist die Rede von der Überschwemmung mit Reizen, Gehlen prägte meines Wissens aber auch den Begriff der Reizüberflutung); der Ambivalenz, die der Technik inne wohnt (schon der Feuerstein war wie die Atomenergie Werkzeug und Waffe); der Zersplitterung der Wissenschaft in immer mehr Fachdisziplinen, so würden 'die Frontstellen wissenschaftlicher und künstlerischer Natur Virtuosenreservat'; die zunehmende Spezialisierung in der Wirtschaft (die meines Wissens sich erst in den 70ern wieder etwas drehte); der Entwicklung in der modernen Kunst; der Anwendung von mathematischen Methoden, die man vorher in der Physik gebrauchte, auf die Sozialwissenschaften; der Anpassung, zu der der Mensch durch äußere Einflüsse gezwungen wird; der steigenden Überdramatisierung von Geschehnissen in den Medien usw. usf..


Der Zweiklassenstaat
Der Zweiklassenstaat
von Karl Lauterbach
  Broschiert

21 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zweiklassenstaat?, 30. September 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Zweiklassenstaat (Broschiert)
Eigentlich stand ich Lauterbachs Positionen eher skeptisch gegenüber. Für das Buch habe ich mich dennoch entschieden, weil ich den Eindruck habe, dass Lauterbach es sich herausnimmt ehrlich zu sein. Außerdem kann er in seinem Spezialgebiet viel Erfahrung vorweisen. Ich halte es zwar für übertrieben von Klassen und Privilegierten zu sprechen, das Buch macht aber dennoch auf gravierende Ungerechtigkeiten aufmerksam.

Wirklich fest verankerte Klassen gibt es in Deutschland natürlich nicht. Für Lauterbach zählt wie für viele Linke nicht die theoretische Chancengleichheit, sondern ob die deutschen Bürger unterschiedlicher sozialer Milieus de facto gleichermaßen in der sozialen Hierarchie aufsteigen, indem sie z.B. ein Studium abschließen. Berechtigterweise befürchtet man daher zuerst schwer finanzierbare staatliche Gleichschaltungsaktionen, die am Ende nur das Niveau aller herunterziehen. Diese Befürchtungen haben sich bei mir aber längst nicht so stark erfüllt wie zuerst erwartet. Viele von Lauterbachs Vorschlägen zielen nämlich darauf ab, organisatorische Mängel zu beheben, die zu viel Verschwendung führen oder die eine erhebliche qualitative Verbesserung bringen. Ich möchte nur ein paar Beispiele aus dem Buch bringen.

So ist es z.B. eine Schande, dass Daten über die Qualität der Pflegeheime mit Steuergeldern erhoben werden, der Bürger sie aber nicht zu Gesicht bekommt. In ähnlicher Weise gilt dies für die Krankenhäuser. Während in der Wirtschaft Benchmarking seit Jahren erfolgreich angewendet wird und erhebliche Potentiale freisetzen kann, verzichtet man im Gesundheitssystem darauf. Und das obwohl die Daten sogar verfügbar sind. Konkret kostet diese Zurückhaltung von Daten Menschenleben und viel Geld. Zu Recht werden auch die international überdurchschnittlich vielen und langen stationären Aufenthalte von Patienten in Deutschland bemängelt, obwohl Deutschland obendrein eine sehr hohe Facharztdichte hat. Auch die Spezialisierung in den Kliniken für besonders schwierige Operationen wird nur unzureichend genutzt. Auch wurde bisher nicht der Dokumentationswahn in Pflegeheimen beendet, der hochgerechnet ungefähr 80 000 Personen innerhalb dieses Bereiches von der Arbeit abhält. Zudem sollen die kassenärztlichen Vereinigungen als Blockierer abgeschafft und Anwendungsbeobachtungen verboten werden.

Den Vorschlägen Lauterbachs zum Bildungssystem kann man auch nur zustimmen, wenn man über die neurobiologischen Erkenntnisse der letzten Jahre auf dem Laufenden ist. Es gibt zu diesem Thema zwar bedeutend Besseres und Überzeugenderes als Lauterbachs Ausführungen, aber seine Vorschläge gehen, soweit ich das sehe, alle in die richtige Richtung (Auch wenn sie nicht hinreichend für ein sehr gutes Bildungssystem sind). Vor allem wird in der Öffentlichkeit immer noch der frühkindlichen Entwicklung zu wenig Beachtung geschenkt, obwohl diese Phase einen erheblichen Einfluss auf die spätere Entwicklung des Kindes hat. Deshalb sind verpflichtende ganztägige Vorschulen ab dem dritten Lebensjahr, die von gut ausgebildeten Pädagogen geleitet werden, durchaus wünschenswert. Auch der Abschaffung der Hauptschulen kann man nur beipflichten. Und eine konsequente Ausrichtung des Bildungssystems nach neuen organisatorischen, neurobiologischen und pädagogischen Kenntnissen wäre mehr als wünschenswert. Hierauf hätte Lauterbach mehr eingehen können. Wenn man z.B. bedenkt, dass Kinder die in den sog. Mehlhornschulen in die Grundschule gehen einen höheren IQ in Tests erzielen und teilweise fast ein ganzer Jahrgang die Empfehlung für das Gymnasium erhält, dann ist es ein Skandal, dass solche neuen Bildungskonzepte nicht auf breiterer Basis eingeführt werden. Von dem Potential was in den ersten sechs Lebensjahren verschenkt wird, ganz zu schweigen. Gerade Kinder aus schwierigen sozialen Milieus verpassen in der Grundschule durch das Fehlen einer guten Vorschule später den Anschluss. Das Problem dürfte hier darin liegen, dass sich Investitionen im Bildungsbereich bestenfalls erst in 15 bis 20 Jahren spürbar auf die Wirtschaft auswirken (nach Sinn). Dies ist vermutlich kein Zeitrahmen, in dem ein Politiker denkt.

Bei Lauterbachs Vorschlägen zur Pflegereform hätte ich mehr erwartet, da ich hier die z.B. von Oswald Metzger oder Henning Scherf so gelobten Senioren WGs für menschenwürdiger und kostengünstiger halte. Hier sollte der Staat bessere Anreize schaffen. Dass es jetzt im Gesundheitssystem erhebliche qualitative Unterschiede zwischen privat und gesetzlich Versicherten gibt, ist natürlich richtig. Lauterbach moniert, dass die gesetzlichen Krankenkassen auch die besonders schwierigen und teuren Fälle aufnehmen müssen, während die privaten Krankenkassen sich die gesunden Patienten herausgreifen können und nicht einen Pfennig für die sozial Schwachen zahlen müssen und dennoch auf die Infrastruktur der Krankenhäuser und Ärzte zurückgreifen können. Diese Infrastruktur wird aber vom Steuerzahler gezahlt, aber z.B. bei den Universitätskliniken teilweise zu 90% von privat Versicherten genutzt. Interessant finde ich hier auch den Einwurf, dass das System der privaten Krankenkassen wohl nicht selbstständig existieren könnte.

Alles in allem ist das Buch sehr flüssig und einfach geschrieben. Die Statistiken könnten ausführlicher sein und sind nur selektiv ausgewählt. Dafür gibt es von mir vier Sterne. Generell würde ich mir mehr Politiker wie Lauterbach wünschen, die zum einen durch die Forschung etwas von ihrer Sache verstehen, aber auch versuchen ihre Unabhängigkeit gegenüber den Lobbyisten zu bewahren und sachlich argumentieren. Als eher Liberaler unterstütze ich längst nicht alle Vorschläge Lauterbachs, finde aber, dass er unter den ganzen Juristen und Lehrern im Bundestag eine echte Bereicherung darstellt und dafür vom Wähler auch belohnt werden sollte.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 8, 2008 2:48 AM MEST


Die Chancen der Globalisierung
Die Chancen der Globalisierung
von Joseph Stiglitz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Erwartungen nur teilweise erfüllt..., 16. Juni 2007
Es fällt schwer, Stiglitzs Vorschläge ausgewogen zu beurteilen. Der Autor liefert keinen allgemeinen Überblick über die Globalisierung. Auch Tabellen und Schaubilder fehlen; konkrete Zahlen gibt es nur für ausgewählte Beispiele, die immer in die Argumentation hineinpassen. Und dass Beispiele keine Beweiskraft besitzen, sollte allgemein bekannt sein (im besten Falle sind sie bei deterministischen Hypothesen widerlegend). Dennoch sind viele der Einzelbeispiele (Kreditvergabepolitik des IWF, Währungsreserven, Patente, Schutzzölle, Subventionen usw.) interessant und zeigen, weshalb einige Länder nicht von der Globalisierung im konkreten Fall profitieren. Negativ ankreiden muss man, dass so getan wird als ob eine nachfrageorientierte Politik die Lösung aller Probleme sei. So kritisch er mit den Auflagen des IWFs oder der Weltbank teilweise zu Recht ins Gericht zieht, so unkritisch tut er dies mit der keynesianischen Lehre. Auch dürfte sich eine antizyklische Konjunkturpolitik kaum in der Realität so einfach gestalten wie von Stiglitz dargestellt. Seine Reformvorschläge für einen faireren Handel zeigen sicherlich in einigen Punkten in die richtige Richtung, sind in anderen aber utopisch oder sehr vage.

So ist es sicherlich besser, wenn die Industrieländer mit Entwicklungsländern mehr und fair handeln würden, anstatt z.B. leichtfertig Kredite zu vergeben. Die instabile institutionelle Situation vieler Entwicklungsländer blendet Stiglitz aber fast vollkommen aus. Ansätze des Nationbuildings fehlen komplett. Dabei betont Stiglitz selbst, dass ohne ein sicheres Rechtssystem und starke Institutionen eine ruckartige Umsetzung des Washington Consensus in der Vergangenheit oftmals eine Wirtschaftskrise zusätzlich verschärfte. Viele weitere Vorschläge Stiglitzs gehen dahin, dass internationale Behörden geschaffen werden sollten, die auf demokratischen Prinzipien beruhen und so für einen fairen Handel sorgen sollen. Die zusätzlichen Bedingungen, die er daran knüpft, klingen oft wie aus Utopia. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Stiglitz einige Vorschläge mit Moral begründet.


Wider den Methodenzwang (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Wider den Methodenzwang (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Paul Feyerabend
  Taschenbuch
Preis: EUR 20,00

45 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alles geht, 16. März 2007
Es ist schade, dass das ganze Potential dieses Buches nie ausgeschöpft werden konnte, da Imre Lakatos leider zu früh verstarb. Das Buch war eigentlich als ein Schlagabtausch zwischen Feyerabend und Lakatos geplant, wobei Feyerabend die Seite des Methodenpluralismus und des Anarchisten einnehmen sollte und Lakatos, als Schüler Poppers, die des kritischen Rationalismus (auch wenn er sich von Popper entfernt hatte). Da sich Lakatos Part nicht mehr aufnehmen ließ, werden vielleicht viele Leser nicht mehr die Seitenhiebe gegen den kritischen Rationalismus in Poppers Fassung oder in Lakatos Abwandlung wahrnehmen. Das trübt trotz des vorbildlichen Stils Feyerabends den Lesegenuss in meinen Augen doch ein. Ich kann daher nur empfehlen, wenigstens die ersten 100 Seiten von Poppers "Logik der Forschung" zu lesen, um das Buch noch besser nachzuvollziehen. Um Feyerabends Pluralismus zu verstehen, bzw. seine Position zum Pluralismus, ist das aber nicht nötig. Ein weiteres Highlight ist für mich auch das Kapitel über die Position der Kirche zu Galilei. Hier ist Feyerabend eine Entmystifizierung des empirischen Helden Galileis der modernen Naturwissenschaften gelungen, ohne Galileis Leistung auch nur im Geringsten Herabzuwürdigen. So war mir z.B. nicht klar, dass die Berechnungen der Kirche auf Basis des ptolemäischen Weltbildes wesentlich genauere Prognosen erlaubten als Galileis Berechnungen, da sie ein paar Rechenfehler enthielten. Nachahmenswert finde ich auch Feyerabends Inhaltsverzeichnis: Auf Überschriften verzichtet er gänzlich, stattdessen findet man nur ein kleines Abstract über jedes Kapitel, dass die Kernaussagen griffig zusammenfasst. Wissenschaftstheoretiker wie Ernest Nagel haben Feyerabend zwar schon einige Jahre vor dem Erscheinen dieses Buches die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen, für mich bleibt Feyerabend aber dennoch einer der einfallsreichsten Theoretiker, der sich ' meiner Meinung nach - gar nicht einmal soweit vom kritischen Rationalismus entfernte: Denn mit seinem provokativen und leicht lesbaren Schreibstil wird er sowohl der Forderung nach Einfachheit als auch nach provozierenden Hypothesen sehr wohl gerecht.

Trotz des vielen Lobes hat das Buch auch seine Schwächen. Erstens hatte Feyerabend eine chaotische Arbeitsweise, sodass das Buch eher ein Bündel verschiedener Essays mit stellenweise wissenschaftshistorischen Exkursen ist. Zweitens gibt es ungefähr in der Mitte des Buches einige dieser historischen Exkurse, die doch sehr langatmig sein können. Drittens fehlt Lakatos Teil, weshalb der Leser evtl. zu stark in eine Richtung beeinflusst werden könnte. Feyerabend hat stellenweise bewusst seine Rolle des Anarchisten in diesem Buch sehr stark betont, obwohl er es mit der Anarchie in der Wissenschaft, bzw. einen Methodenpluralismus genauso hält wie mit dem Schweinebraten und der Vernunft: "Gegen die Vernunft habe ich nichts, ebenso wenig wie gegen Schweinebraten. Aber ich möchte nicht ein Leben leben, indem es tagaus tagein nichts anderes gibt als Schweinebraten". Das gleiche betont er an einer Stelle in "Wider den Methodenzwang" auch für das Schlagwort "Anything Goes". Wenn es nur noch ein "Anything Goes" gäbe, wäre Feyerabend auch dagegen gewesen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 14, 2012 1:57 AM MEST


Logik der Sozialwissenschaften
Logik der Sozialwissenschaften
von Ernst Topitsch
  Broschiert

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Klassiker..., 16. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Logik der Sozialwissenschaften (Broschiert)
Ich finde es schade, dass dieses Sammelwerk etwas in Vergessenheit geraten ist. Für mich ist es eines der besten zur Einführung in die Wissenschaftstheorie im deutschsprachigen Raum – trotz seines Alters. Bemerkenswert sind vor allem die Vielfalt und die hohe Bandbreite renommierter Autoren. Sie reicht von Carl G. Hempel, Karl R. Popper, Ernest Nagel, Hans Albert, Moritz Schlick, Ernst Topitsch und Victor Kraft bis hin zu eher linken Philosophen der neuen und der Frankfurter Schule wie Jürgen Habermas und Theodor W. Adorno. Eine solche Zusammenstellung ist im dt. Raum sicherlich einmalig. So findet man hier z.B. Alberts Aufsatz: "Modell-Platonismus. Der neoklassische Stil des ökonomischen Denkens in kritischer Beleuchtung", man findet aber auch Aufsätze zum Positivismusstreit oder zur Anwendung der Logik in den Sozialwissenschaften. Überhaupt liegt der Schwerpunkt der Aufsätze bei methodischen Problemen der Sozialwissenschaften, dabei liegt der Fokus besonders auf der Soziologie, aber auch die Volkswirtschaft wird behandelt (Zur Volkswirtschaft, bzw. Nationalökonomie, ist in dieser Serie ein extra Band erschienen!). Das Verhältnis der Aufsätze ist dabei nicht ganz ausgewogen, da Logiker, Empiristen und kritische Rationalisten doch ein Übergewicht haben, was mich aber nicht störte – ganz im Gegenteil, es macht das Buch auch noch heute lesbar. Wissenschaftstheoretiker wie Kuhn, Feyerabend oder Knorr-Cetina, die mittlerweile einen teils recht großen Einfluss haben, fehlen aber. Man sollte aber bedenken, dass die erste Auflage dieses Buches bereits 1965 erschien und die achte Auflage, auf die sich die Rezension bezieht, 1972.


Gesammelte Werke / Logik der Forschung (Karl R. Popper-Gesammelte Werke)
Gesammelte Werke / Logik der Forschung (Karl R. Popper-Gesammelte Werke)
von Herbert Keuth
  Taschenbuch
Preis: EUR 39,00

20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Poppers wichtigstes wissenschaftstheoretische Werk, 3. Februar 2007
Als die Logik der Forschung im Herbst 1934 beim Julius Springer Verlag erschien, war sie eine zusammengestrichene Version von Poppers 'Grundprobleme der Erkenntistheorie'. Der Verlag bestand damals auf maximal 15 Bögen (240 Seiten), sodass Popper eine Kürzung seines Textes vornehmen musste, die er nicht übers Herz brachte. Diese Arbeit erledigte daher sein Onkel, der ungefähr die Hälfte der 'Grundprobleme der Erkenntnistheorie' zusammenstrich. Darüber hinaus arbeitete Popper viele Passagen um oder erweiterte sie, sodass am Ende ein neues Buch heraus kam. Bemerkenswert ist, dass Popper immer wieder Kritik an diesem 1934 erschienen Buch aufnahm und es in den folgenden 60 Jahren ständig überarbeiten und erweitern sollte.

Wie von Mohr Siebeck gewohnt, hat das Buch eine hervorragende Qualität in der Verarbeitung und ist sehr angenehm zu lesen. Auch der Preis ist für Mohr Siebeck günstig; was nicht heißen soll, dass das Buch günstig ist. Der Preis ist dennoch fair. Mit Herbert Keuth als Herausgeber hätte Mohr Siebeck wohl kaum eine bessere Wahl treffen können. Keuth hat noch weitere Zusätze der englischen Ausgabe, die bisher in der dt. Ausgabe fehlten, übersetzt, sodass nun auch die dt. Ausgabe vollständig ist. Auch sonst ist der behutsame editorische Aufwand bemerkenswert. Praktisch ist auch die von Piecha erstellte Seitenkonkordanz, die Vergleiche mit früheren Ausgaben und der englischen Ausgabe ermöglicht. Man sollte daher beim Kauf darauf achten, dass man die 11. und damit neuste Auflage erwirbt.

Gerade die ersten sieben Kapitel und einige Anhänge dürften für Einsteiger in Poppers Werk interessant sein. Die späteren Kapitel der Forschung werden aber teilweise sehr speziell, sodass Kenntnisse der Wahrscheinlichkeitstheorie, der Quantenmechanik und der formalen Logik von Vorteil sind. Wer einen Einstieg in die Wissenschaftstheorie von Popper möchte, kann dennoch zugreifen. Wer sich darüber hinaus auch für seine politischen Ansichten interessiert und einen günstigeren und leichteren Einstieg bevorzugt, der sollte zu 'Alles Leben ist Problemlösen' greifen, das m.E. eine noch bessere Einführung als 'Ausgangspunkte' ist.


Organisation: Theorie und Gestaltung
Organisation: Theorie und Gestaltung
von Franz Xaver Bea
  Taschenbuch
Preis: EUR 29,90

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gute Einführung, 24. Juli 2006
Das Buch bietet einen knappen, aber gut lesbaren Überblick über den Stand der jetzigen Organisationsforschung. Besonders gelungen sind die sehr griffigen Kapitel mit den unterschiedlichen organisationstheoretischen Ansätzen. Ein wenig fehlte mir noch die Betrachtung der Organisationspsychologie, sowie die Herausstellung, dass Porters Wertkette nicht isoliert betrachtet werden sollte, sondern immer zusammen mit der Umgebung und der Industrie, in der ein Unternehmen beheimatet ist (Porter hat allein diesem Thema ja ein ganzes Buch gewidmet).

Einen Stern Abzug gibt es für die falsche Beschreibung der "Hypothetisch deduktiven Methode", die sich überwiegend aus Sekundärliteratur und nicht aus den Originalen zusammensetzt. Poppers "Logik der Forschung" oder Alberts "Traktat über die kritische Vernunft" werden nicht einmal erwähnt. Und das obwohl die Autoren in Tübingen mit Herbert Keuth wohl einen der größten Popper-Kenner in Deutschland haben, der sich auch speziell mit den formalen Problemen der Logik bei Popper auskennt und bei dem man ja nur mal "Anklopfen" muss. So wird z.B. geschrieben, dass bei der "Hypothetisch deduktiven Methode" zuerst "vorläufig unbegründete, empirisch gehaltvolle Hypothesen" aufgestellt werden und dass dies über die "Beobachtung objektiver Daten" und durch anschließende Induktion geschehe. Solch ein Schnitzer darf eigentlich nicht passieren, da ja gerade der Sinn der vorläufig unbegründeten Hypothese ist, dass man sie auch ohne jegliche Beobachtung aufstellen kann. Andernfalls hätte man es bei der Konstruktion von Theorien recht schnell mit dem humeschen Induktionsproblem zu tun, was ja gerade durch das Zulassen der vorläufig unbegründeten Hypothese aufgehoben werden soll. Auch die nähere Erklärung der Hypothesenprüfung mit der Operationalisierung ist ein Fehlgriff. Popper lehnt ja gerade einige Vorgehensweisen des Operationalismus (vgl. S. 470 ff. L.d.F., Popper, 10.Aufl.) ab, die auch die Autoren als problematisch empfinden. Schwerer wiegt noch, dass die Hypothesenprüfung mit dem Beweisen einer Hypothese verwechselt wird. Man wird keinen Anhänger des kritischen Rationalismus finden, der an die Beweisbarkeit von Theorien glaubt. Dem kritischen Rationalismus hingegen geht es in erster Linie um die "Offenhaltung von Problemlösungen aller Art für eine relevante kritische Durchleuchtung" wie es Albert einmal schön formulierte. Ich würde mir wünschen, dass dieses Kapitel in der 3. oder in der nächsten Auflage noch einmal von den Autoren durchgesehen wird (Ich beziehe mich auf die 2. Auflage). Ein Autorenverzeichnis wäre ebenfalls hilfreich.


Friedrich der Große. Die Biographie
Friedrich der Große. Die Biographie
von Christopher Duffy
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Günstige Ausgabe!, 25. Mai 2006
Auf über 500 Seiten wird dem Leser der Feldheer Friedrich II. näher gebracht. Die schwere Kindheit Friedrichs II. oder seine Rolle als Philosoph und Staatsmann spielen bei Duffy eine eher untergeordnete Rolle. Dafür werden der Schlesische und Siebenjährige Krieg mit viel Liebe zum Detail beschrieben (Allein 51 Karten!). Dass man die Organisation des Heeres, das Planen der Schlachten, die persönlichen Konflikte, das Sichern der Nachschubslinien, die Widrigkeiten des Geländes usw. so gut nachvollziehen kann, ist vermutlich der Tatsache zu verdanken, dass Duffy, neben dem ausführlichen Quellenstudium, selbst viele der Kriegsschauplätze besichtigte. Das Buch ist übrigens eine Übersetzung von dem 1985 erschienenen „Frederick the Great. A Military Life“, ein Titel, der vielleicht treffender gewesen wäre als der etwas anmaßende dt. Titel „Friedrich der Große. Die Biographie“.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 24, 2010 1:11 PM CET


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