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Rezensionen verfasst von
Lothar Müller-Güldemeister "Reißwolf" (Berlin Deutschland)
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Die Gesellschaft der Gesellschaft.(2 Bd.)
Die Gesellschaft der Gesellschaft.(2 Bd.)
von Niklas Luhmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 28,00

19 von 97 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Kaiser ist nackt!, 10. Januar 2011
Ich persönlich finde die hier zu lesenden Rezensionen zu Luhmanns Werk ebenso anmaßend und unergiebig wie Luhmanns Werk selbst.

Die begeisterten Rezensenten überbieten sich sogleich darin, mitzuteilen, dass das Werk "keine leichte Kost" sei. Das Lob gilt dann natürlich erst mal ihnen selbst - klar, ernennen sie sich damit doch zu Mitgliedern jener intellektuellen crème de la crème, die (im Gegensatz zu einfältigen Geistern wir mir) solch schwere Kost verstehen, verdauen und auch noch brilliant paraphrasieren können (wenn auch das Vokabular verdächtig an das Soziologesisch der Phrasen - Dreschmaschine erinnert). Und die zugleich das Herrschafts- und Geheimwissen haben zu beurteilen, dass Luhmann sich vollkommen zu Recht "im Seitentakt" von den Ergebnissen seiner Vor-Soziologen verabschiedet. Klar doch, seine Vordenker der letzten 2500 Jahre haben ja auch eine so unbrauchbare Aftersoziologie abgeliefert, dass ein paar Zeilen des Meisters genügen, sie auf dem Müllhaufen der Geistesgeschichte zu entsorgen. Aber wer sagt mir, das man sich nicht demnächst auch von Luhmanns Thesen wieder verabschieden muss? Und von denen desjenigen, der Luhmanns Thesen verwirft, danach auch wieder? Und wer liefert mit die Kriterien dafür, das zu entscheiden?

Könnte es vielleicht sein, dass stubengelehrte Philosophen und Gesellschaftstheoretiker wie er und vor ihm schon der Evangelist Johannes, wie Hegel, Fichte, Heidegger, Adorno oder Habermas unter einem zwanghaften Drang litten und leiden, die Wirklichkeit zu kategorisieren und auf Phänomene zurückzuführen, die sie sich zuvor selbst ausgedacht haben - wie ein Kartograf, der anfängt, das Gitternetz, das er über die Karte legt, erst für einen Teil der Landschaft zu halten, dann für wichtiger als die Landschaft selbst und schließlich für ein eigenständiges und hochinteressantes Objekt seiner eigenen Erkenntnis?

Soweit es das vor-naturwissenschaftliche Zeitalter angeht, mag es ja noch entschuldbar sein, dass kluge Köpfe versucht haben, die Frustration und den Schmerz über ihre lückenhafte Erkenntnis mit Spekulationspflastern und Begriffskorsetten zu lindern; seit es aber die Teilchenphysik, die Molekularbiologie, die Relativitätstheorie und die Evolutionslehre gibt, gibt es meiner Überzeugung nach keinen Grund mehr, die Welt mit Wortgeklingel statt mit evidenzbasierten und nachprüfbaren Methoden erklären zu wollen. Philosophie und Soziologie erklären nichts, was die Naturwissenschaft nicht besser erklären könnte. Für mich gehört Luhmann in die Grabbelkiste und die Beschäftigung mit ihm in die Kategorie untauglicher Versuch am untauglichen Objekt.
Kommentar Kommentare (43) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 8, 2014 3:51 PM MEST


Nichts: Was im Leben wichtig ist. Roman
Nichts: Was im Leben wichtig ist. Roman
von Janne Teller
  Broschiert
Preis: EUR 12,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Dünn, 8. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nicht, dass ich etwas gegen dünne Bücher hätte. Die sechshundert- bis tausendseitigen Schwarten, die die Bestsellerregale und -listen vollmüllen, sagen viel über das Sitzfleisch ihrer Autoren und Leser aus, aber wenig über deren Geschmack, Geist und Intelligenz. Dennoch ärgert es mich, wenn bereits 110 Seiten marktschreierisch mit dem Epitheton "Roman" prahlen. "Erzählung" oder allenfalls "Novelle" hätte man das früher genannt und in einem Sammelband veröffentlicht.

Dünn ist hier aber nicht nur die Seitenzahl, sondern auch der Inhalt. Pubertäre Mutproben und Schülerstreiche kennt man aus vielen Filmen und Büchern und gegen das Thema wäre nichts einzuwenden, wenn die Autorin es uns glaubhaft rüberbringen, näher begründen oder uns wenigstens das Gruseln lehren würde. Das tut sie leider nicht, und so löst diese Beschreibung nirgendwo den Schauder über das Uferlose oder Unbegreifliche der jugendlichen Existenz aus wie Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Der Abituriententag oder Herr der Fliegen. Nun ist nicht jede(r) ein Musil, Werfel oder Golding, sondern nur ein(e) Rhue, Pausewang oder eben Teller. Aber dann muss man deren asthenische Werklein auch nicht zu literarischen Großereignissen hochstilisieren.


Wenn Kinder um sich schlagen: Trotz, Wut und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen
Wenn Kinder um sich schlagen: Trotz, Wut und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen
von Dr. med. Rüdiger Penthin
  Broschiert
Preis: EUR 15,99

13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Für wen werden solche Bücher bloß geschrieben?, 2. Januar 2011
Ich frage mich wirklich, für wen solche Bücher geschrieben werden.

Dass Kinder verhaltensauffällig werden, wenn schon ihre Eltern es sind; wenn sie keine Zuwendung erhalten, wenn sie geschlagen, überbehütet, vernachlässigt oder mit idiotischen Glotzensendungen ruhig gestellt werden; meine Güte, Eltern oder Erzieher, denen diese Selbstverständlichkeiten unbekannt sind, lesen bestimmt nicht Herrn Rüdiger Penthin, um staunend solche Erkenntnisse zu gewinnen und sie in die Tat umzusetzen.

Das einzige, was mich inmitten Herrn Dr. med. Penthins einschläfernder Ansammlung von moralinsauren Platitüden fast vom Hocker gerissen hat, ist, dass er es völlig in Ordnung findet, kleine Zappelphilippe mit Ritalin vollzupumpen. Was ist das denn? Wie kann man auf der einen Seite die Eltern ermahnen, ihre Kinder nicht seelisch oder körperlich zu misshandeln, aber zwei Seiten weiter empfehlen, mit der chemischen Keule auf sie einzuprügeln?
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 17, 2012 5:14 PM MEST


Der Mann im Schatten: Thriller
Der Mann im Schatten: Thriller
von David Ellis
  Taschenbuch

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen In die Suppe gespuckt, 1. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Mann im Schatten: Thriller (Taschenbuch)
Ein Anwalt soll einen des Mordes angeklagten Jugendfreund verteidigen, den er vor langer Zeit aus den Augen verloren hat.

Das ist der Stoff, aus dem ernsthafte Romane werden können, aber auch fürs Urlaubsgepäck geeignete Thrillerkost.

In der üblich gewordenen Danksagung am Schluss des Buches erwähnt der Autor u.a. seine "brillianten Agenten", die ihm halfen, "den ursprünglichen Plot in etwas viel Bedeutungsvolleres umzuschreiben".

Nun darf man rätseln, wie der ursprüngliche Plot aussah und welches "Bedeutungsvollere" hinzugekommen ist. Vielleicht

- dass nicht der Freund, sondern ein unsympathischer Fremder den Strafverteidiger beauftragt und bezahlt;

- die Melodramatik, die daraus bezogen werden soll, dass der Anwalt kürzlich Frau und Kind bei einem Verkehrsunfall verloren hat, was aber bloß aufgesetzt wirkt und weder zum Charakter noch zur Handlung etwas beiträgt;

- dass der Anwalt zum Erstaunen des Lesers plötzlich nicht nur juristische Kunstgriffe beherrscht, sondern auch mit Faust und Pistole trefflich umgehen kann;

- dass die Ich-Erzählung mehrfach durch Ausflüge in die Höhle der Bösewichter unterbrochen wird, was nicht nur ein unverzeihlicher Bruch der Erzählperspektive ist, sondern auch einen Teil der Spannung nimmt;

- dass die anfangs realistisch erscheinende und gerade daher spannende Handlung am Schluss immer mehr ins Hanebüchene abgleitet?

Ich fürchte, dass der "ursprüngliche Plot" viel besser gewesen ist.

Aber der Autor hat wohl nicht seinem Stoff und seinen Charakteren vertraut, sondern sich von seinen "brillianten Agenten" oder wem auch immer einreden lassen, welche Zutaten unbedingt auch noch in die Suppe gehören.

Laut Camus ist ein Text nicht dann perfekt, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern dann, wenn man nichts mehr wegnehmen kann. Hier ist das Gegenteil passiert. Schade.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 8, 2012 5:11 PM MEST


Auch Deutsche unter den Opfern
Auch Deutsche unter den Opfern
von Benjamin Stuckrad-Barre V
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kein Hallodri, 28. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Auch Deutsche unter den Opfern (Taschenbuch)
Ich muss zugeben, ich hatte Stuckrad-Barre lange Zeit für einen Hallodri gehalten, einen Pop-Literaten, einen intellektuellen Dünnbrettbohrer. Diese Sammlung voller genauer, glasklarer und mit einer, wenn auch nie hochnäsigen, ironischen Distanz vorgetragenen Beobachtungen über die Deutschen, von denen sich jeweils die eine Hälfte als Opfer der jeweils anderen Hälfte fühlt - die Armen als Opfer der Reichen und umgekehrt, die Schuhverkäufer in Mitte als Opfer der Schuhkäufer und umgekehrt usw. - hat mich eines Besseren belehrt. Sie macht Vergnügen und Hoffnung auf mehr. Die literarisch hochwertige geschriebene Reportage ist ein tolles Genre, nur in Deutschland leider unterbesetzt. Stuckrad-Barre wäre jemand, der diese Lücke füllen könnte.


Cobra: Roman
Cobra: Roman
von Frederick Forsyth
  Gebundene Ausgabe

13 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Aus der Klischeefabrik, 28. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Cobra: Roman (Gebundene Ausgabe)
Eine Geheimdienstoperation, bei der mit viel Geld, schwerem Gerät und weit außerhalb rechtsstaatlicher Methoden die Vertriebswege der Koks-Mafia zerschlagen werden. Das ganze ist so spannend wie eine Gebrauchsanweisung und die Protagonisten sind allesamt Karikaturen, keine Charaktere. Wieviel von diesem "Roman" noch aus der Feder von Forsyth selbst stammt und wieviel von bezahlten Zuschreibern aus seiner Klischeefabrik, ist nicht mehr auszumachen. Es ist mir inzwischen auch egal, denn ich werde keinen neuen Forsyth mehr lesen. Wenn als einziges lobenswertes Merkmal eines Romans übrig bleibt, dass es "gut recherchiert" ist, dann greife ich doch lieber zu einer guten Reportage.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 3, 2013 10:40 AM MEST


Sprengkraft
Sprengkraft
von Horst Eckert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

10 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ohne Sprengkraft, 21. Dezember 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sprengkraft (Gebundene Ausgabe)
Die Themen, die der Autor verarbeitet, sind allesamt brisant: dealende Jugendliche mit Migrationshintergrund, die sich zugleich als hasserfüllte Apostel islamistischer Moral aufspielen und die Schweinefleischfresser in die Luft sprengen wollen, eine neue antiislamistische Partei, die sich Freiheit auf die Fahnen schreibt, aber sogleich von Karrieristen, Altnazis, Spinnern und Opportunisten okkupiert wird, korrupte LKA-Beamte, Rivalitäten zwischen Verfassungsschutz und Kripo.

Leider hat hier ein Autor wieder einmal Klasse mit Masse verwechselt. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive von mindestens fünf verschiedenen Protagonisten, schön atemlos in kleingehäckselten Stücken, Parallelmontagen und den üblichen Cliffhangern am Ende der Kapitel. Dabei geht nicht nur die Übersicht flöten, sondern vor allem das, was Spannung eigentlich ausmacht: nämlich Charakter. Die Figuren bleiben Retortenbabies, in ihren Handlungen und Motiven klischeehaft, unerläutert, flach und unglaubwürdig. Die Handlung zerfasert, das Ende wirkt konstruiert und aufgesetzt.

Fazit: eine Deutschislam-, Kripo- und Politräuberpistole ohne Sprengkraft. Den hochlobenden Kommentaren hier kann ich mich absolut nicht anschließen und lese dann lieber zum fünften Mal einen alten Chandler, Ambler oder Collins/LaPierre.


Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose
Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose
von Hamed Abdel-Samad
  Broschiert

29 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wenig Neues oder Originelles, 13. Dezember 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch ist eine etwas fahrige Mischung aus historischen Betrachtungen über die Frühzeit des Islam sowie einer kritischen Darstellung verschiedener Aspekte der islamischen Religion und díverser Regierungen von Staaten mit überwiegend moslemischer Bevölkerung. Neue Tatsachen finden sich darin für den aufmerksamen Zeitungsleser nicht, neue Perspektiven auf bekannte Tatsachen auch nicht.

Die historischen Betrachtungen konnten mich nicht wirklich interessieren, es ist eben das übliche Auf und Ab, Hin und Her von Völkern, Kriegszügen, Unterdrückung und Aufbegehren; Schlussfolgerungen aus tausend Jahre zurückliegenden Ereignissen auf die heutige Situation sind rein spekulativ. Was die Kritik an solchen Regierungen wie denen von Libyen, Iran oder Ägypten angeht, nun ja, autoritäre Herrschaftsformen von altfränkischer Diktatur bis zu faschistoidem Totalitarismus hat es immer und überall gegeben, und die jeweiligen Herrscher haben sich auch schon immer religiöser und pseudoreligiöser (z.B. kommunistischer,nationalistischer oder rassistischer) Ideologien bedient, um ihre Herrschaft zu zementieren. Da macht der Islam keine Ausnahme.

Dass der Islam als Religion dogmatisch, antiaufklärerisch, undemokratisch, intolerant, frauenverachtend und antiliberal ist, ist ebensowenig etwas Neues. Diese Erscheinung teilt er mit anderen Religionen; auch die jüdische Religion und die christlichen Religionen haben ihren Frieden mit Aufklärung, Menschenrechten und Demokratie nur widerwillig gemacht, das hat sie inzwischen weichgespült, aber auch ihre religiöse Substanz weitgehend ausgehöhlt.

Somit ist der Islam die einzig verbliebene autoritäre, antimoderne und zugleich weithin aggressiv und mit staatlicher Rückendeckung auftretende weltweite Bewegung, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus übrig geblieben ist. Ob diese Ideologie derzeit auf dem Vormarsch oder auf dem Rückzug ist, vermochte mir dieses Buch nicht zu belegen. Immerhin scheint es mir eine Gesetzmäßigkeit der Geschichte zu sein, dass alle autoritären Strömungen und Regimes irgendwann an ihren inneren Widersprüchen und Selbstlügen ersticken und untergehen, wenn sie sich als reformunfähig erweisen - leider meist erst, nachdem sie in Blut gewatet sind. Dass dies auch dem Islam so gehen wird, weiß man auch ohne dieses Buch.
Kommentar Kommentare (113) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 11, 2014 7:00 PM MEST


Cowboysommer: Roman
Cowboysommer: Roman
von Hansjörg Schertenleib
  Gebundene Ausgabe

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Für 50somethings, die ihrer Pubertät nachtrauern, 30. November 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Cowboysommer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Spoilerwarnung kann ich mir sparen. Die Handlung wird bereits auf dem Buchumschlag verraten. Sie ist so dünn, dass sie unschwer da draufpasst.

Wenn ich sehe, dass der Ich-Erzähler ein reisender Schriftsteller ist, befürchte ich schon immer den sattsam bekannte Mischmasch aus Autobiographie und Fiktion, dem beides fehlt: die Authentizität der Reportage ebenso wie die Kühnheit und Eleganz, wie sie nur in einer erdachten Geschichte möglich ist. Und genauso kommt es. Da nutzt auch die einleitende Bemerkung nichts, mit der der Autor die Schnittmenge zwischen sich und dem Ich-Erzähler leicht humorig zu verkleinern versucht. Zumal dieser Satz die einzige humorige Textstelle in der ansonsten bierernsten Erzählung bleibt.

Dieser schriftstellernde Ich-Erzähler kommt in seinen Jugendort. Gleich am Hauptbahnhof hängt - rein zufällig natürlich - neben einer Currywurstbude der früher bewunderte, inzwischen ziemlich heruntergekommene Jugendfreund ab. Nun geht die unvermeidliche Rückblende los. Pubertätsblues: Ärger mit Eltern, Schule, Mitschülern und Polizei, frisierte Mopeds, Joints, Sex-Frust, der erst darin besteht, dass man gar keinen Sex hat und später darin, dass er einem nicht das bringt, was man von ihm erhofft hat, die Sehnsucht nach der Ferne, per Anhalter nach Paris und Norwegen, die geile Musik, die man sich selbst reingezogen hat und die der anderen, die natürlich ätzend, verpönt und megaout war. Und für ein bisschen Melodramatik dann eben noch der tödliche Verkehrsunfall der schönen Schwester des Freundes, mit der der Ich-Erzähler doch so gerne noch hätte schlafen wollen. So what? Wortreiche, zum Teil schöne Beschreibungen von Landschaften, Gesichtern, Gefühlen, aber absolut kein Plot, keine Story, kein Dilemma, vor dem der Protagonist steht, kein innerer oder äußerer Zwang, der ihn treibt, alles läppert sich dahin und die einzige Spannung, die bei mir aufkam, bestand darin, dass ich ab Seite 80 bei jedem Umblättern dachte, nach dem nächsten Umblättern muss es doch endlich losgehen. Es passierte nicht. Selbst der Tod blieb beliebig, zufällig, voraussetzungs-, folgen- und pointenlos wie alles in diesem Text. Ein Poesiealbum für sentimentale 50somethings, die ihrer Pubertätszeit in den 70ern nachtrauern - mehr leider nicht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 9, 2013 11:47 AM MEST


Diktatur der Gutmenschen: Was Sie sich nicht gefallen lassen dürfen, wenn Sie etwas bewegen wollen
Diktatur der Gutmenschen: Was Sie sich nicht gefallen lassen dürfen, wenn Sie etwas bewegen wollen
von Boris Grundl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

68 von 90 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Falscher Fuffziger, 23. November 2010
Der Titel verspricht eine Auseinandersetzung mit "Gutmenschen", unter denen der Sprachgebrauch naiv-wohlwollende Menschen versteht, die, in einer Umkehrung von Mephistos Definition, stets das Gute wollen und das Böse schaffen. Wer Das Mephisto-Prinzip oder Die Mitleidsindustrie: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen gelesen hat, weiß, was ich meine. Es ist sicher sehr sinn- und verdienstvoll, sich in seriöser Weise mit dem Phänomen auseinanderzusetzen.

Dies tut Grundl aber überhaupt nicht, sondern sein Titel ist eine schon dreist zu nennende Täuschung über den Inhalt dieses Buches. Seine Definition eines Gutmenschen hat mit dem oben genannten landläufigen Gebrauch dieses Wortes nicht nur nicht das mindeste zu tun, sie ist darüberhinaus völlig verschwommen und beliebig. Gutmenschen sind für ihn u.a. Lenin ("Massenerschießungen sind ein legitimes Mittel der Revolution") und Breschnev ebenso wie überfürsorgliche Muttis, Stammtischschwätzer oder selbstverliebte Unternehmensführer, kurz gesagt, alle möglichen Typen, die dem Autor (zugegebenermaßen oft zu Recht, wenn auch aus den allerunterschiedlichsten Gründen) zuwider sind.

Das hätte er dann aber auch sagen und sein Buch nennen sollen: eine rein subjektive und völlig willkürliche und beliebige Ansammlung von Anekdoten über irgendwelche Menschen, die ich kenne oder über die ich irgendwann mal was aufgeschnappt habe und die ich nicht leiden kann. Nichts anderes ist es, und darum auch nichts anderes als genau das Stammtischgeschwätz, das er anprangert. Eine Typologisierung, die häkelnde Waldorfmütter und angeberische Bürohengste ebenso einschließt wie blutrünstige Tyrannen, kann keinerlei Erkenntniswert für sich beanspruchen.

Fazit: ein ganz und gar läppisches, außerdem humorloses und überdies von Eigenlob triefendes Buch, das weder Erkenntnisse vermittelt noch Lesespaß bereitet. Papier ist geduldig, und so wäre das zwischen diesen Buchdeckeln kaum der Erwähnung wert; was es ärgerlich macht, ist, dass dieses Papier als Falschgeld daherkommt.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 5, 2013 6:59 PM MEST


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