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Rezensionen verfasst von
Lothar Müller-Güldemeister "Reißwolf" (Berlin Deutschland)

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Weiskerns Nachlass: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Weiskerns Nachlass: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Christoph Hein
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wer anderen ans Bein pinkeln will..., 19. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Protagonist dieses Romans namens Rüdiger Stolzenburg ist ein hochqualifizierter Gelehrter, der mit 59 Jahren immer noch auf einer prekären halben Stelle in einem geisteswissenschaftlichen Universitätsinstitut sitzt. Eine Beförderung ist nicht in Sicht, die Mittel wurden zusammengestrichen, Alter und Altersarmut dräuen, darüber hinaus eine Steuernachzahlung von elftausend Euro, weil das Finanzamt für die Vortragstätigkeit unseres Helden, mit der dieser sein mickriges Dozentensalär aufbessert, zehn Jahre lang einen falschen Umsatzsteuersatz angewendet hat. Weiter sieht sich Stolzenburg während der Handlung, die sich über einen Zeitraum von etwa drei Wochen erstreckt, u.a. ausgesetzt: dem Drängen seines Betthäschens, einer Friseuse (!), nach einer Dauerbeziehung mit ihm nebst gemeinsamem Tisch und Bett; der Angst vor "Liposomen" (gemeint sind wohl Lipome); dem Desinteresse des Abendlandes an seinem wissenschaftlichen Spezialgebiet, der Forschung über den vergessenen Mozart-Zeitgenossen Weiskern; den Ansinnen von Studenten (gegen Geld) und Studentinnen (gegen Sex), deren Noten für ihre unsäglich mickrigen Studienleistungen aufzuwerten; dem Betrug einer osteuropäischen Bande mit gefälschten Weiskern-Manuskripten; den Pumpversuchen einer zickenden Tochter aus längst vergangener Ehe; einer eisenkettenschwingenden Gang strafunmündiger Lolitas, moralinsauren Forderungen einer ihn zappeln lassenden Herzensdame, zugeparkten Fahrradwegen sowie Panikattacken während eines Flugs nach Basel.

Das erinnert thematisch von Ferne an skurrile Figuren, wie sie den Zoo kulturschaffender Schafsköpfe etwa in Hildesheimers Lieblosen Legenden bevölkern, dort allerdings hat der Zoobesuch nur die erfrischende Dauer von Kurzgeschichten. Doch selbst über die Länge eines Romans hätte mich die, wenn auch wenig sympathische, Hauptfigur durchaus unterhalten können, denn Hein hat - wie ich es schon beim Tangospieler gefunden habe - eine schöne Art zu erzählen, wenn der Autor sie uns hier nicht derart bierernst und distanzlos präsentieren würde oder ihre oben genannten anekdotischen Verwicklungen zu einem Spannungsbogen, einer Gesamthandlung, einer integrierenden Struktur geformt hätte.

Sollte der Autor seine larmoyante Abrechnung mit einem angeblich verkommenen Kulturbetrieb, der so herausragende Themen wie die Weiskern-Forschung und ihre Repräsentanten schändlich vernachlässigt, mit einer ärmelschonerisch-federfuchsenden Steuerbürokratie oder mit Studenten, die ihre Diplomnoten per Anwalt einklagen, allerdings ironisch gemeint haben, so ist ihm leider auch dies misslungen. Dazu trägt vor allem bei, dass der Autor Sachverhalte behauptet, die er offensichtlich falsch oder überhaupt nicht recherchiert hat und bezüglich derer darum jede Ironie ihr Thema verfehlt. Wer sich als Autor sarkastisch über eine mit Verbeamtungen geizende Kultusbürokratie auslässt, weil solche "den Pensionsfonds" belasten, sollte sich vielleicht erst einmal darüber informieren, dass in Deutschland weder Pensionen noch Renten öffentlich Bediensteter aus "Pensionsfonds" gespeist werden. Weiteres Beispiel für miserable Recherche: dass der Dozent persönlich - und nicht die Universität - die Kosten eines Rechtsstreits über eine Examensnote zu tragen hätte. Oder dass Zuschläge für verspätet gezahlte Steuern - sie heißen übrigens "Säumniszuschläge" und nicht "Versäumnisgebühren" - in dem Roman 12 Prozent im Monat betragen statt - wie in Wirklichkeit - 12 Prozent im Jahr. Überhaupt die ganze Steuergeschichte, eines der Hauptthemen des Romans, ist von vorn bis hinten blödsinnig, so dass der Schuss gegen das (an sich ja im Einzelnen durchaus kritikwürdige) deutsche Steuerwesen nach hinten losgeht. Wenn nämlich tatsächlich die Anwendung des falschen Umsatzsteuersatzes zu der hier thematisierten Nachzahlung geführt hätte, dann hätte der Protagonist mit seinen Vorträgen so viel verdient haben müssen, dass die ganzen Behauptungen über seine prekären finanziellen Verhältnisse in sich zusammenfallen. Ebenso ist es mit dem Studienabbrecher, dem sich unser Protagonist in seiner Steueraffaire anvertraut. Dieses arrogante Jüngelchen spekuliert in seiner Loftwohnung Tag und Nacht mit Aktien und ist gleichzeitig angeblich ein erfolgreicher Steuerberater - als könne jedes dahergelaufene unexaminierte Smartass sich als Steuerberater bezeichnen und beim Finanzamt auftreten, ohne von diesem, von der Steuerberaterkammer oder der Staatsanwaltschaft in die Schranken gewiesen zu werden.

Im Klappentext heißt es vollkommen ironiefrei, Hein habe mit Stolzenburg eine Figur geschaffen, in der sich prototypisch die Gefährdungen unserer Gesellschaft spiegelten. Mich erinnerte der Roman eher an Lichtenbergs Aphorismus, die lächerlichste Figur mache jemand, der einem anderen ans Bein pinkeln wolle, aber dabei Harnverhaltung hätte.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 21, 2016 6:12 PM MEST


Harthaus
Harthaus
von Nikolaus Wegener
  Taschenbuch

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kunst der Verschrobenheit, 30. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Harthaus (Taschenbuch)
Der Protagonist, ein Architekt, den seine Beteiligung an einer Filmproduktion ins finanzielle Desaster gestürzt hat, flieht vor dem Gerichtsvollzieher aus seiner Berliner Wohnung und lässt sich von nebulösen Gerüchten über ein Heim für gefallene Menschen in das Niemandsland zwischen Braunschweig und der ehemaligen Zonengrenze treiben. Dort folgt er verrosteten Eisenbahnschienen und findet schließlich das "Harthaus" mitsamt seinen skurril-verrückten Bewohnern. Auch er begibt sich unter die Fuchtel des ins Boxen verliebten Heimleiters, dessen Charisma allerdings ebenso bröckelt wie der Putz seines Armenhauses. Er besiegt ihn wider Erwarten im Boxkampf, verjagt ihn, führt die Bewohner des Heims in den Kampf gegen das Oderhochwasser und wird für sie der neue Anführer sein.

Ein prachtvoller Roman, der die Gesetze dieses Genres unerschrocken fleddert und gerade deshalb als verschrobene Heldenreise funktioniert. Don Quijote und Kafka lassen grüßen. Sicher kein Roman für jeden, aber bestimmt einer für Genießer eines sehr subtilen, ausgefallenen Humors.


Sunset. Roman
Sunset. Roman
von Klaus Modick
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Feinfühlig, kenntnisreich und konzentriert, 1. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Sunset. Roman (Taschenbuch)
Mir haben nicht alle Werke von Klaus Modick gefallen, aber dieses hat mich sehr berührt und eingenommen. Eine schwierige Zeit (die MacCarthy-Ära), ein schwieriger Mensch, ein schwieriges Alter... Lion Feuchtwanger lebt als alter Mann in dem goldenen Käfig einer ausladenden Villa in dem idyllischen, aber abgelegenen Pacific Palisades, kriegt die Nachricht vom Tod seines Freundes Bertolt Brecht und eine Einladung zu seiner Beerdigung. Die hat längst stattgefunden, als die Nachricht ihn erreicht, aber er hätte ohnehin nicht fahren können, denn er musste befürchten, nicht mehr in die USA zurückreisen zu dürfen und in dem Europa bleiben zu müssen, das er auf der Flucht vor den Nazis verlassen hatte. In den Gedanken und Geschehnissen eines einzigen Tages spiegelt sich die Geschichte seiner Freundschaft mit Brecht, die zugleich eine Geschichte seines Lebens ist. Das ist, obwohl sehr kenntnisreich, angenehm unbelehrend, dennoch zugleich ernst und unterhaltsam geschrieben. Noch eindrucksvoller wurde es mir, als ich letztes Jahr die Feuchtwanger-Villa (die heute ein deutsches Kulturinstitut beherbergt) besichtigt habe. Schönes kleines Stück Literatur, danke dafür, Klaus Modick.


Angst
Angst
von Dirk Kurbjuweit
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jeder kann zum Mörder werden, 8. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Angst (Gebundene Ausgabe)
Dass der gerissene Psychopath, der - ohne dass der Ich-Erzähler ihm mit Anwalt und Gericht beikommen konnte - ihn und seine Familie fast in den Wahnsinn getrieben hat, bereits tot ist, erfährt man schon auf den ersten Seiten. Um so beachtlicher, welche psychologische Spannung der Erzähler dennoch zu erzeugen vermag, wenn er in der Rückschau das pathologische seiner eigenen, vermeintlich glücklichen Kindheit im Berlin der sechziger und siebziger Jahre und seiner Ehe aufdröselt und mit dem Geschehen der Jetztzeit verrechnet. Manchmal ufern die offenbar persönlichen Reminiszenzen, Anekdoten und zeitgeschichtlichen Ereignisse, die der Autor in die Familiengeschichte seiner Protagonisten einflicht, etwas zu sehr aus. Sie lenken dann vom eigentlichen Drama ab, in dem der Erzähler verzweifelt versucht, trotz des Terrors seines Wohnungsnachbarn sein eigenes aufklärerisches und rechtsstaatliches Menschenbild aufrechtzuerhalten. Dennoch ein packender, subtiler Roman, den ich in einem Rutsch durchgelesen habe - bis zu der überraschenden Wendung am Ende.


Verteidigung der Missionarsstellung (Literatur-Literatur)
Verteidigung der Missionarsstellung (Literatur-Literatur)
von Wolf Haas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

13 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Rinderwahn?, 15. Januar 2013
Ich hatte in einer Bahnhofsbuchhandlung hektisch nach Lektüre gesucht, denn der ICE stand abfahrbereit am Gleis. Das Buch von Wolf Haas war noch eingeschweißt, aber ich dachte, bereits der Name bürgt für gute Unterhaltung und ich kaufte es, ohne hineinzuschauen. Zumal Rinderwahn mir durchaus ein Stoff zu sein schien, des Autorenschweißes eines Verfassers von "Komm süßer Tod" und "Der Knochenmann" wert. Doch wie der Bauer morgens in den Stall kommt und die wunderbare Kuh, die er sonst mit Vornamen angeredet hat, nicht wiedererkennt, weil sie des Rinderwahnsinns fette Beute geworden ist, so habe ich Wolf Haas, diesen herrlichen Autor der eben genannten Romane, schon nach den ersten Zeilen nicht mehr gekannt, als ich das Buch aufschlug. Ein öder Unfug!! Ein langweiliger Schmarren!! - von der ersten bis zur letzten Seite, wie von einem originalitätssüchtigen 13jährigen geschrieben. Ohne Hirn und Herz, ohne Sinn und Verstand. Keine Geschichte, kein Witz, keine Sprache, kein gar nichts. Nach wenigen Seiten habe ich nur noch verzweifelt weitergeblättert auf der Suche nach Residuen dessen, was ich von Haas zu kennen glaubte. Nichts, nichts, nichts. Wie geht das? Und wie kann es sein, dass die Kritiker von diesem Mumpitz auch noch schwärmen? Kritikerwahnsinn? Ich hab das Buch im Zug liegen lassen.


Unter den Maulbeerbäumen
Unter den Maulbeerbäumen
von Doris Claudia Mandel
  Broschiert
Preis: EUR 12,50

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Immer diese Schnüffler, 26. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Unter den Maulbeerbäumen (Broschiert)
Dass es Autoren immer wieder reizt, dem Privatdetektiv, dieser literarisch total ausgelutschten Gestalt, neues Leben einzuhauchen, ist mir wenig einsichtig. Welche Blumentöpfe glauben sie damit im Schatten der großen Vorbilder Auguste Dupin, Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Philip Marlowe und ihrer unzähligen Nachahmer zu gewinnen? Um sich von denen abzuheben, müssen sie ihre Protagonisten mit immer groteskeren Eigenschaften ausstaffieren, die Schauplätze in die abseitigsten Landstriche verfrachten und ihre Handlung an immer längeren Haaren herbeiziehen. So auch Frau Mandel, die in dem Roman ihren versoffenen und schuppenflechtigen Protagonisten erst mit dem Beruf des Privatdetektivs bestraft, ihn dann in ein von kauzigen Hinterwäldlern, Meckerossis und Besserwessis bevölkertes Absurdistan in der brandenburgischen Walachei landverschickt und dort in einem Fall ermitteln lässt, in dem es außer um Mord auch um gefälschte Barocksinfonien nie existiert habender böhmischer Komponisten und um (***Achtung Spoiler***) Transsexuelle geht. Der Versuch der Autorin, dabei ein bisschen Chandler zu persiflieren (oder von ihm zu profitieren), indem sie den ich-erzählenden Schlapphut in jedem zweiten Satz zu Vergleichen greifen lässt, die wohl cool erscheinen sollen, aber meist nur angeschafft wirken wie z.B. "ich war gezwungen, früher aufzustehen als die Genfer Konvention erlaubt", geht leider ziemlich in die Hose. Die Sprücheklopfereien machen die ohnehin nicht besonders angenehme Hauptperson noch unsympathischer und ihr ständiges Genörgel und Gebrubbel über andere Personen, über die Politik und die Zeitläufte zunehmend nervig, vor allem dort, wo dies nicht die Geschichte voranbringt, sondern sich im allgemeinen Senfdazugeben erschöpft. Da dann auch noch die Handlung und die Dialoge so zähflüssig daherkommen wie der Honig am Frühstücksbüffet des muffigen Landhotels, in dem sich der Privatschnüffler einquartiert hat, hält sich leider das Lesevergnügen in Grenzen. Schade eigentlich. Denn man hat das Gefühl, die Autorin könne mehr, habe aber ihr erzählerisches und reflexives Talent an ein vollkommen untaugliches Sujet vergeudet. Im Übrigen finde ich es grenzwertig, wenn Autoren im Drang nach Originalität die prekären Lebensumstände von Randgruppenangehörigen exploitieren. Nichts dagegen, das Schicksal solcher Menschen zu thematisieren; aber sie zu missbrauchen, um noch einen Gruselkoeffizienten in einen Roman einzubauen, erinnert mich daran, wie man früher Liliputaner und Verkrüppelte auf dem Jahrmarkt gezeigt hat. Es hat mich schon bei Du stirbst nicht: Roman verstimmt und einen Rezensenten dort zu der treffenden Bemerkung veranlasst, die Figur der Transsexuellen werte den Roman etwa so auf wie ein toter Storch eine Stromleitung...


Roman mit Kokain
Roman mit Kokain
von M. Agejew
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

12 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nicht ohne Grund in Vergessenheit geraten, 7. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Roman mit Kokain (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman ist, wie im Klappentext und im Nachwort ausgeführt wird, das einzige Werk eines ansonsten literarisch nicht auffällig gewordenen russischen Abenteurers, der in den Nachrevolutionsjahren auch für Stalins Geheimdienst gearbeitet haben soll. Lange Zeit soll die Autorschaft des Werks unklar gewesen sein, unter anderem wurde es auch Nabokov zugeschrieben; jedenfalls spricht viel dafür, dass der Autor von Nabokov beeinflusst wurde.

Um die Entstehungsgeschichte des Romans wird somit viel Gewese gemacht. Sicher auch mit dem Hintergedanken, ihn aus Marketing-Gründen mit der Aura des Geheimnisumwitterten zu umgeben und dadurch interessanter zu machen als er ist. Denn das Werk selbst hat - neben einigen Qualitäten - doch auch unübersehbare Schwächen. In der Ich-Form geschrieben, besteht es zum überwiegenden Teil aus selbstquälerischen Reflexionen, in denen der Ich-Erzähler das eigene Verhalten, die eigenen Empfindungen, das eigene moralische Versagen in - darin an Proust erinnernd - ausufernder Ausführlichkeit seziert. Dabei gelingen ihm zwar überraschende und interessante Bilder und Formulierungen, auch später bei der Beschreibung der Höhenflüge und Abstürze, die er im Kokain-Rausch erlebt. Bei alledem fehlte es mir aber doch an der Stringenz der Handlung. Letztlich kam mir der Roman vor wie eine nur äußerlich zusammenhängende Kompilation dreier Einzelgeschichten: einer Schülergroteske, einer Liebestragödie und eben der Beschreibung einer Rauschgiftsucht. Aber all dies hat man auch schon anderswo und keinesfalls schlechter gelesen und innerhalb der Einzelgeschichten gibt es wiederum weder Spannungsbogen noch Pointe. Ähnlich wie zuvor schon bei der Lektüre von Gaito Gasdanows Das Phantom des Alexander Wolf fand ich, dass dieses Werk noch von literaturhistorischem Interesse sein mag, aber letztlich nicht ohne Grund in Vergessenheit geraten ist. Dass solche Bücher neu übersetzt und verlegt werden, sagt weniger über ihre Qualität als etwas darüber aus, dass es den Verlagen an verlegenswerter Gegenwartsliteratur zu mangeln scheint.


Recht und Gerechtigkeit: Ein Märchen aus der Provinz
Recht und Gerechtigkeit: Ein Märchen aus der Provinz
von Jörg Kachelmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

14 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Türkische Verhältnisse?, 25. November 2012
Als Marco W. 2008 von der türkischen Justiz wegen eines angeblichen Sexualdelikts inhaftiert, angeklagt und erst nach langem Gezerre freigelassen wurde, nahmen deutsche Politiker, vor allem aber die deutsche Presse, wütend Partei für ihn und gegen das angeblich unfähige und korrupte türkische Justizsystem. Ein Ministerpräsident schickte ihm Karten in den Knast und ein deutscher Medienkonzern schickte einen Learjet, um ihn aus der Türkei abzuholen.

Als Jörg Kachelmann 2010 von der deutschen Justiz wegen eines angeblichen Sexualdelikts inhaftiert und mit Begründungen und unter Begleitumständen angeklagt wurde, die den Verdacht der Rechtsbeugung erwecken, stürzte sich die deutsche Presse in einem an Hexenwahn grenzenden Verfolgungseifer auf den vermeintlichen Täter und wollte ihn im Gefängnis schmoren, seine von der Presse gepamperten Ex-Freundinnen ihn am liebsten tot sehen.

Bei dieser Ausgangslage ist Kachelmanns Abrechnung mit dieser Übermacht unsäglich skrupelloser, rechtsblinder, inkompetenter, geldgeiler oder einfach nur peinlicher Individuen und Institutionen erstaunlich sachlich ausgefallen; denn die Schwächen des deutschen Strafjustizsystems, die die ihm von Seiten des Landgerichts Mannheim und der dortigen Staatsanwaltschaft angetane Willkür aufzeigt, sind skandalös. Jemand, der nicht über die finanziellen Ressourcen Kachelmanns verfügt, wäre von dieser Justiz zermalmt worden. Trotz einiger Schwächen ein wichtiges und gutes Buch, dem viele Leser in Presse-, Justiz- und Regierungskreisen zu wünschen wären. Und zwar in Deutschland, nicht in der Türkei.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 13, 2014 7:06 PM MEST


Nemesis: Roman
Nemesis: Roman
von Philip Roth
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine amerikanische Tragödie, 25. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Nemesis: Roman (Gebundene Ausgabe)
1944. In Europa kämpfen seine Freunde gegen Hitlers Armeen. Der Protagonist fühlt sich schuldig, ohne es zu sein: Er ist wegen seiner Kurzsichtigkeit vom Kriegsdienst ausgeschlossen und bleibt als Sportlehrer zu Hause. Dort wütet nicht der Krieg, aber eine Polio-Epidemie. Und so ungerecht wie der Krieg in der Normandie die Besten seiner ehemaligen Kommilitonen fällt, tut es die Epidemie mit den besten seiner Schüler an der Heimatfront im ärmlichen, staubigen, heißen Newark.

Die griechische Tragödie lässt ihren Helden unschuldig schuldig werden. Indem er sich gegen sein ihm vorbestimmtes Schicksal stemmt, führt es hierdurch eben erst herbei. In seiner amerikanischen Tragödie fügt Philip Roth dieser Konstellation einen weiteren Twist hinzu. Der Protagonist entscheidet sich im Zwiespalt zwischen Liebe und Pflicht für die Liebe und zerstört dadurch, ohne es zu wollen, alles: die Liebe, diejenigen, die ihm durch seine Pflicht anvertraut sind und schließlich auch sich selbst.

Eine düstere Geschichte voll bitterer Ironie gegenüber Gott ebenso wie gegenüber dem Glauben an das Machbare, der das Gute will und das Böse schafft, in klarer, uneitler Prosa. Wortakrobatik, intellektualistisches Geschwurbel oder manieriertes Sprachgetänzel à la Tellkamp oder Lewitscharoff haben einige Rezensenten bei Philip Roth offenbar vergeblich gesucht und ihm darum nur einen Stern gegeben. Aber zu mehr Sternen dürfte es für die dann auch bei Edgar Allan Poe oder Herman Melville nicht langen.


Neukölln ist überall
Neukölln ist überall
von Heinz Buschkowsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eigentlich ist alles gesagt..., 27. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Neukölln ist überall (Gebundene Ausgabe)
Eigentlich ist zu diesem Buch in den Fünf-Sterne-Rezensionen hier alles gesagt.

Und eigentlich ist auch schon alles gesagt, was in diesem Buch steht - zum Beispiel von Thilo Sarrazin oder von Kirsten Heisig.

Aber sollen deswegen Leute, die dem Gründer der Sozialdemokratie darin zustimmen, dass Politik mit dem Betrachten der Wirklichkeit beginnt, die Meinungshoheit nun den anderen überlassen?
Den Wirklichkeitsverweigerern, die unsere Politik und unsere Medien dominieren und die "Verdrängung der Probleme zu einer heimlichen überparteilichen Staatsräson unseres demokratischen Wohlfahrtsstaates" (Herwig Birg) gemacht haben?
Den Abwieglern, den Weichspülern, den Desinteressierten, den Wegschauern, den Ohnemichels?
Denen, die den Armen, die schon zum Erwerb von Plasmafernsehern auf die Fürsorge aus deutschen Steuergeldern angewiesen sind, nicht auch noch den zusätzlichen Tort zumuten wollen, sich an deutsche Gesetze zu halten?
Der Frau Barbara John, die findet, dass jugendliche Serienkriminelle und Totschläger nichtdeutscher Herkunft unsere Kultur ebenso bereichern wie die LKW-Ladungen von Müll, den grillende Großfamilien mit Migrationshintergrund allsonntaglich in Berliner Parks zurücklassen?
Denen, die jeden, der unerfreuliche Wahrheiten ausspricht, als Rassisten abstempeln oder ihn aus der Partei ausschließen wollen?
Den Salonsozis, die Buschkowski mobben, weil er ihre in ihren Wilmersdorfer Altbauwohnungen zu Toskanawein gepflegte Sozialromantik stört?
Den Betonkopf-Ideologen, denen die reine Lehre des Datenschutzes wichtiger ist als die Verhinderung von Rechtsbruch, Sozialmissbrauch, Schulverweigerung, Kindesmisshandlung durch Fernsehverblödung?

Nein. Wollen wir nicht. Und Buschkowski macht es erfreulicherweise auch nicht und weist in der ihm eigenen Direktheit auf die Probleme hin. Probleme, die es woanders auch gibt; die anders als anderswo aber in Berlin mit der dieser Stadt und insbesondere ihrem derzeit regierenden Bürgermeister eigenen Arroganz und Wurstigkeit unter den Tisch gekehrt werden. Und darum: trotz mancher Wiederholungen auch von mir fünf Sterne. Obwohl sie wirklich keine gute Laune macht, diese Betrachtung der Wirklichkeit.

Ich bin gespannt, wann der erste Antrag eines SPD-Ortsvereins kommt, den Genossen Buschkowski aus seiner Partei auszuschließen.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 8, 2013 11:16 AM CET


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