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Rezensionen verfasst von
Lothar Müller-Güldemeister "Reißwolf" (Berlin Deutschland)
(TOP 1000 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Target (Tina Boyd, Band 4)
Target (Tina Boyd, Band 4)
von Simon Kernick
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,40

3 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ärgerlich, 18. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Target (Tina Boyd, Band 4) (Taschenbuch)
Ab und zu kaufe ich mir englischsprachige Thriller als Konditionstraining für mein Englisch. Leider fällt das meiste, was man davon in deutschen Flughafen- und Bahnhofsbuchhandlungen findet, bereits beim Durchlesen der Klappentexte durch den Rost. Und auch das, was nach der Subtraktionsmethode als halbwegs lesbar übrig bleibt, hält, fast nie, was es auf den allerersten Seiten verspricht. So auch dieser Roman: eine an den Haaren herbeigezogene hanebüchene Geschichte, in der, um mit Goethe zu reden, "der Menschheit Schnitzel gekräuselt werden", m.a.W. alle überhaupt nur denkbaren Zutaten verwurstet werden, Entführung, Mord, Verschwörung, Sex, unfähige Polizei, kriminelle Investmentbanker, dazwischen absurdeste Cliffhanger, in denen der unbewaffnete und unsportliche Protagonist stets in letzter Sekunde gegen jede Wahrscheinlichkeit dem Tod entgeht, der an jeder Ecke in Form muskelbepackter schwerbewaffneter Auftragskiller auf ihn wartet. Völlig grotesk wird das ganze dadurch, dass der Autor zwischen Ich-Erzählung und auktorialer Erzählperspektive hin und her oszilliert, ohne dass hierfür irgendein erzählerischer Grund auch nur ansatzweise erkennbar wird. Dass es so schwer ist, spannende Literatur anspruchsvoll und anspruchsvolle spannend zu schreiben - Shakespeare konnte es doch auch! Nur den inmitten des Mobilfunkgebrabbels der Mitreisenden und "Senk ju for träwelling"-Terrors der Zugführer zu lesen...


Verbrechen: Stories
Verbrechen: Stories
von Ferdinand von Schirach
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Was ist die Wahrheit?, 15. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Verbrechen: Stories (Gebundene Ausgabe)
Wer als Strafverteidiger über die von ihm vertretenen Fälle schreiben will, steht vor einer Reihe von Hürden. Die größte ist die anwaltliche Pflicht zur Verschwiegenheit. Zwar wird über Anklagen öffentlich verhandelt und oft auch in der Presse berichtet. Aber nach einer Verurteilung verbietet es der Resozialisierungsgedanke, die Tat weiter in der Öffentlichkeit breitzutreten. Außerdem kommt es in vielen Fällen gar nicht erst zur Hauptverhandlung, weil das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt oder im Strafbefehlsverfahren erledigt wird. In anderen ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen, und im Übrigen weiß der Verteidiger in der Regel mehr als verhandelt wird. Manches wiederum darf er gerade nicht wissen wollen, wie Schirach selbst schreibt. Über all diese Dinge muss er schweigen, er darf nicht einmal Vermutungen äußern. Zwar könnte sein Mandant ihn von seiner Schweigepflicht befreien. Daran kann der aber in den seltensten Fällen ein Interesse haben. Ein taktvoller und professioneller Anwalt wird daher seinen Mandanten gar nicht erst danach fragen. Somit kann er über seine Fälle nur dann schreiben, wenn er Daten und Fakten so weit verfremdet, dass der beschriebene Fall vom Leser unter keinen Umständen mehr identifiziert werden kann. Dafür reichen Veränderungen von Namen und Orten nicht aus; gerade spektakuläre Kriminalfälle sind nicht so häufig, dass im Zeitalter von Google nicht aus den Berufen von Täter oder Opfer, vom Tatmotiv oder -werkzeug auf den konkreten Fall zurückgeschlossen werden könnte. Das ist bei keiner von Schirachs Geschichten möglich.

Eine weitere Schwierigkeit: Im Berufsleben eines jeden Anwalts gibt es Höhe- wie Tiefpunkte. Manchmal läuft man zu großer Form auf und erreicht, was zuvor unmöglich erschien; manchmal führen Fehler oder Formtiefs zu nicht optimalen Ergebnissen. Schildert der Anwalt jedoch seine Erfolge in den leuchtendsten Farben, wirkt er angeberisch und unseriös, lässt er sich auch einmal Fehler anmerken, schadet er seinem Renommee oder geht sogar Haftungsrisiken ein.

Der Umschlagtext "Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit", und mehr noch die Ich-Form der Erzählung suggerieren jedoch, es handele sich bei den von Schirach beschriebenen Fällen um wahres oder realitätsnahes Geschehen. Dies führt in die Irre. Wenn überhaupt, hat der Autor einzelne Elemente, Komponenten, Charaktere, Konstellationen tatsächlicher Strafrechtsfälle genommen, neu gemischt, anders wieder zusammengesetzt und bei der Gelegenheit auch noch dramaturgisch aufgepeppt. Den Geschichten mangelt es dadurch leider oft an Glaubwürdigkeit. Nur ein Beispiel: dass die meisten Menschen nicht wissen, ob im Sommer die Uhr vor- oder zurückgestellt wird, mag sein. Dass Staatsanwaltschaft und Gericht sich in diesem Punkt irren und es dadurch zu einem Fehlurteil kommt, erscheint jedenfalls in einem Mordprozess nicht vorstellbar.

Wenn man hiervon einmal absieht, bleiben flott zu lesende Kurzkrimis mit sachkundigen Abschweifungen in Unterwelt der Prostituierten, der Kleinkriminellen, der verkorksten Familien, ob arm oder reich, und die Oberwelt der Gerichte, Staatsanwälte und Verteidiger. Diese Sachkunde - die man in vielen Tatort-Krimis leider vermisst - nimmt man dem Verfasser selbstverständlich ab. Dann wäre es aber auch ehrlicher von ihm gewesen, dem Leser zu sagen, dass er fiction liest und keine Tatsachenberichte.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 25, 2012 2:36 PM MEST


Gestatten: Elite: Auf den Spuren der Mächtigen von morgen
Gestatten: Elite: Auf den Spuren der Mächtigen von morgen
von Julia Friedrichs
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die sich selbst auslesende Elite, 6. November 2009
Die Eliten, die Frau Friedrichs in ihrer flott geschriebenen Reportage beschreibt, sind keine - es sei denn, Elite wäre dadurch definiert, dass jemand Elite ist, der sich dafür hält. Stattdessen sind es überwiegend verwöhnte Unternehmerssöhnchen, deren Lebensträume so armselig sind, dass sie sich auf sechsstellige Anfangsgehälter und Karrieren bei McKinsey oder als Investmentbanker beschränken - die sie dann häufig dank eines an Korruption grenzenden Alumni-Netzwerk-Systems auch kriegen (mit allseits bekannten Ergebnissen). Oder eingebildete Selbstverkäufer mit gegelten Haaren, die Zeugnisse von internationalen Unternehmen sammeln wie andere Leute früher Briefmarken. Auf solche Eliten können wir in der Tat ebenso verzichten wie auf eine selbsternannte "Vorhut der Arbeiterklasse" auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Großartige Lebensleistungen lassen sich erst im Nachhinein bewerten - und da sind Schulversager ebenso anzutreffen wie Einser-Abiturienten. Gottseidank gibt es viele tüchtige Menschen aller Bildungsschichten in diesem Land, die keine teuren Privatschulen und keine fragwürdigen Beziehungen brauchten, um etwas aus sich zu machen, die keinen Bohey um ihre Verdienste machen müssen, und auf die George Elliots Worte am Schluss ihres Romans "Middlemarch" zutreffen: "...for the growing good of the world is partly dependent on unhistoric acts; and that things are not so ill with you and me as they might have been, is half owing to the number who lived faithfully a hidden life, and rest in unvisited tombs."
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 11, 2010 12:22 PM MEST


Der Fürst (insel taschenbuch)
Der Fürst (insel taschenbuch)
von Niccolò Machiavelli
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 8,00

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Übersetzung veraltet, 28. Oktober 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In der Tat, diese Ausgabe des Meisterwerkes von Machiavelli sollte nicht mehr aufgelegt werden; die Sprache des Übersetzers Friedrich von Oppeln-Bronikowski (1863-1936) aus den zwanziger Jahren ist umständlich und veraltet. Zeitgemäßer - wenn auch für meinen Geschmack nicht optimal - ist die Ausgabe in der Übersetzung von Löffler Der Fürst. Die nach meiner Auffassung nach wie vor beste Übersetzung ins Deutsche ist die von Blaschke, leider nur noch antiquarisch erhältlich.


Produkterpressung: Ein Kriminalphänomen unter kriminologischer, straf- und haftungsrechtlicher sowie taktischer Betrachtungsweise
Produkterpressung: Ein Kriminalphänomen unter kriminologischer, straf- und haftungsrechtlicher sowie taktischer Betrachtungsweise
von Alexander M Moseschus
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zur Lektüre empfohlen - nicht zur Nachahmung, 9. Oktober 2009
Ich finde es immer eine runde Sache, eine literarische oder wissenschaftliche Arbeit zu lesen, die ihr Thema erschöpfend behandelt, und das Gefühl zu haben, dass nichts Wesentliches ungesagt blieb - aber auch nichts Unwesentliches gesagt wurde. Diese Dissertation über das Thema Produkterpressung gehört dazu. Wer sie gelesen hat, kennt alle Aspekte dieses Phänomens - kriminologische, rechtliche und kriminalistische, wobei der letztere sicher der interessanteste ist. Vor allem der, dass dieses Verbrechen sich noch weniger lohnt als die meisten anderen. Spätestens bei der Geldübergabe scheitern praktisch alle.

Die Schäden, die ein Produkterpresser verursacht, können dennoch immens sein, selbst wenn der Täter - wie häufig - sein Vorhaben unterwegs aufgibt. Moseschus arbeitet heraus, dass Handels- und Produktionsunternehmen solcher Güter, die typische Ziele von Produkterpressern sind, fahrlässig handeln, wenn sie keine Vorsorge- und Maßnahmepläne für den Fall der Fälle getroffen haben. Dazu dürfte gehören, dieses Buch zu kaufen, was wohl auch seinen horrenden Preis erklärt (ich habe es mir in der Staatsbibliothek besorgt).

Auf jeden Fall ist dieses Werk interessanter - und selbst stilistisch gelungener - als Alfred Hellmanns Kriminalroman Vor den Hymnen, der sich anscheinend aus Moseschus' Arbeit seine Ideen geholt hat. Die Realität schreibt eben immer noch die besten Krimis.


Vor den Hymnen
Vor den Hymnen
von Alfred Hellmann
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Lustlos und oberflächlich, 5. Oktober 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vor den Hymnen (Broschiert)
Ich habe mir das Buch aufgrund der positiven Rezension in diesem Board gekauft und wurde enttäuscht. Es ist ein konventionell gestrickter "roman policier" in der multiperspektivischen Erzählweise eines allwissenden Autors. Die ärgert mich bei den meisten Thrillern. Sie ist zwar ein billiges Mittel, eine vordergründige Spannung aufzubauen, aber sie ist auch schnell durchschaut, altmodisch, unoriginell, manipulativ und verleitet den Autor dazu, zu schludern und seine Story nach allen möglichen Seiten ausfransen zu lassen, statt sie geradlinig aus den Charakteren und dem Grundthema zu entwickeln.

Der Titel hat mit der Handlung übrigens rein gar nichts zu tun und ist nur ein Gimmick. Es geht um Produkterpressung - eigentlich ein dankbares Thema (siehe die aufschlussreiche Arbeit von Alexander M. Moseschus: Produkterpressung - Ein Kriminalphänomen unter kriminologischer, straf- und haftungsrechtlicher sowie taktischer Betrachtungsweise); doch der Autor des vorliegenden Krimis hat es leider so lange mit den aus "Tatort" sattsam bekannten Polizeiintrigen, mit ausgeflippten Ex-SEK-Leuten, mit schwulen Ministerialbeamten, der großen Politik, der Versicherungsindustrie, dem Bonn-Berlin- und dem Ost-West-Konflikt angereichert, dass am Ende ein kaum mehr genießbarer Eintopf dabei herausgekommen ist. Abgesehen davon verläuft die Aufklärung und Auflösung des Verbrechens dann doch reichlich läppisch und unspektakulär-enttäuschend, gemessen an den Erwartungen, die der Verfasser zuvor aufgetürmt hat. Sprachlich gelingen ihm manche guten Formulierungen und Bilder, an anderen Stellen wiederum holpert es vernehmlich. Insgesamt leider ein unorigineller, wie lustlos runtergeschriebener Krimi, den man nicht gelesen haben muss.


Vorwärts und Vergessen!: Kader, Spitzel und Komplizen: das gefährliche Erbe der SED-Diktatur
Vorwärts und Vergessen!: Kader, Spitzel und Komplizen: das gefährliche Erbe der SED-Diktatur
von Uwe Müller
  Broschiert
Preis: EUR 16,90

16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Polemik, aber eine notwendige, 19. September 2009
Die Autoren befassen sich in diesem Buch mit vier großen Themenkreisen: der zögerlichen Aufklärung und extrem milden Bestrafung übelsten staatlichen Unrechts in der DDR bei gleichzeitig äußerst schäbiger Behandlung der Regimeopfer; der befremdlichen Wiederauferstehung der Blockparteien, die für dieses Unrecht verantwortlich waren, mit im Schnellgang weißgewaschener Weste; der schnellen Karriere linientreuer Ex-Kader in Wirtschaft und Medien der gewendeten Republik; und der schnellen Verdrängung, dem Nicht-mehr-hören-wollen von Diktatur und Unrechtsstaat bei den Zeitgenossen und die skandalöse Unkenntnis über die nur zwanzig Jahre zurückliegenden Vorgänge bei der Generation der Nachgeborenen.

Sie tun dies mit berechtigter Wut. Die Wut kann jeder nachempfinden, der beispielsweise die Dokumentation über Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch liest oder die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen besucht und dann sehen muss, dass für das gesamte Unrecht in vierzig Jahren Unrechtsstaat DDR, darunter Mord, Totschlag, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Gefangenenmisshandlung und Rechtsbeugung mit Todesfolge weniger Geld- und Freiheitsstrafen verhängt wurden als in einem einzigen Jahr in Deutschland für schlichte Sachbeschädigung ausgeurteilt wird. Und wer die große Koalition des Wegschauens und unter-den-Teppich-Kehrens übelster Verbrechen bereits vor der Wende betrachtet, als Politiker aller Parteien mit schäbigsten Begründungen selbst die Erfassungsstelle Salzgitter schließen wollten, die diese Verbrechen dokumentieren sollte.

Dieser erste Teil des Buches ist am eindrücklichsten begründet und mit Zahlen und Fakten untermauert. Aber auch die Polemik der Autoren zu den anderen drei Hauptthemen ist geeignet, den Leser, je nach Einstellung, mit Wut oder Scham oder beidem zu erfüllen. Wie Marx in seinem Werk Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte sagt, wiederholen sich die Tragödien der Geschichte als Farce. So stellt sich die Bewältigung der DDR-Diktatur durch Politik und Öffentlichkeit auch nach diesem Buch dar: als ein homunculusartiger Wiedergänger der Aufarbeitung des Dritten Reiches in der Nachkriegszeit. Allerdings mit einem Unterschied: erfreulicherweise durften die Nazis nicht als erst in "Partei des demokratischen Nationalsozialismus (PDN)" und dann in "Die Rechte" umbenannte Partei mit der Mär auf Wählerfang gehen, es sei 1933-1945 doch, vielleicht von einigen vereinzelten Exzessen abgesehen, alles ganz wunderbar gewesen und die Bezeichnung des Dritten Reiches als Unrechtsstaat beleidige die Deutschen, die in diesem Staat gelebt hätten.


Abschied von den Eltern: Erzählung (edition suhrkamp)
Abschied von den Eltern: Erzählung (edition suhrkamp)
von Peter Weiss
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,50

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Hölle entronnen, 12. September 2009
Die Hölle ist die Familie - aber sie ist keine, die nur quält und straft, sondern eine, die den Sensiblen in einem prekären, angstvollen Schwebezustand zwischen "Aufruhr und Unterwerfung", zwischen Anziehung und Abstoßung, peinigender Nähe und unendlicher Distanz lässt. Die Nüchternheit der kurzen Sätze, in denen Weiss schreibt, kontrastiert mit den Verwirrungen, in die seine Versuche ihn treiben, aus der familiären Enge auszubrechen und schafft so ein einmaliges pointillistisches Gemälde. Ich habe den Roman als 18jähriger gelesen und war jetzt, über vierzig Jahre danach, von der erneuten Lektüre ebenso fasziniert wie damals. Für mich - neben "Marat" - das beste Werk von Peter Weiss.


Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch
Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch
von Hans-Hermann Hertle
  Broschiert
Preis: EUR 24,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die nüchterne Wahrheit ist das beste Denkmal, 11. September 2009
Mit historischer, ja juristischer Akribie und Nüchternheit werden Beweise aufgezählt, Daten und Fakten genannt, Biographien geschrieben, die alle ein jähes Ende nahmen: als Opfer der Gewissheit der DDR-Machthaber, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein (Rödder, in:Deutschland einig Vaterland: Die Geschichte der Wiedervereinigung, S. 94), die die Lebensgrundlage des SED-Staates war und Todesfalle für alle, die deren Wahn nicht teilten. Und gerade diese nüchterne Aufzählung macht dieses Buch zu einem Mahnmal, das eindrucksvoller als jede Polemik die Schrecken jedweder Willkür, jedwedes Fundamentalismus an die Wand malt. Die Beschränkung auf die 136 Toten an der Berliner Mauer gibt dem Werk zugleich etwas Vollständiges, in sich geschlossenes Ganzes, etwas, dem nichts mehr hinzuzufügen ist. Die Authentizität des Geschehens macht jedes einzelne Schicksal zu einer Lektüre, der man sich kaum entziehen kann. Eine der wichtigsten und entlarvendsten Veröffentlichungen über die DDR in der Flut der zigtausenden von Büchern und Artikeln, die in den letzten 20 Jahren verfasst worden sind.


Deutschland einig Vaterland: Die Geschichte der Wiedervereinigung
Deutschland einig Vaterland: Die Geschichte der Wiedervereinigung
von Andreas Rödder
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung, 14. August 2009
Als ich Rödder las, zogen noch einmal die Ereignisse vor zwanzig Jahren wie ein Film an mir vorbei. In Rödders Rückschau wird fast noch klarer als unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse deutlich, in welchem abenteuerlichen Tempo sich "die Wende" vollzog und zur deutschen Wiedervereinigung führte, wie schwierig diese war und wie einmalig die historische Grundkonstellation, in der der zuvor glücklose und wenig beliebte Helmut Kohl mit nachtwandlerischer Sicherheit fast alles richtig machte und zugleich seine Kanzlerschaft für weitere 9 Jahre sicherte. Rödder versteht es meisterlich, die Balance zwischen akribischer Quellenauswertung, dem Einfangen politischer Stimmungen und kühler Analyse historischer Gegebenheiten zu halten. Bei alledem liest sich das Buch spannender als jeder historische Roman, den ich kenne. Ein Kompendium, an dem sicher für lange Zeit keiner vorbeikommen wird, der sich mit der deutschen Wiedervereinigung befasst und als Diskussionsgrundlage auch stets dort wertvoll, wo man mit Rödders Auffassungen nicht vollständig übereinstimmt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 21, 2009 8:59 PM MEST


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