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Rezensionen verfasst von
Peter Eisenburger (Merenberg, Hessen)
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Moonmadness
Moonmadness
Preis: EUR 8,50

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mondsüchtig..., 15. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Moonmadness (Audio CD)
"Moonmadness" von 1976 war nach meinem Dafürhalten das letzte insgesamt sehr gute Album von Camel. Um das Thema "Mondsüchtig" herum wurden bereits ein Jahr nach dem riesigen Erfolg von "The Snow Goose" sieben neue Songs aufgenommen.

Die besten davon sind das kurze, lyrische und ganz berückende Stück "Spirit of the Water" (komponiert von Peter Bardens und immer eines meiner absoluten Lieblingslieder), weiterhin das darauf folgende, fulminante "Another Night", in dem die Band röhrt und kracht, dass es eine wahre Freude ist, und mit Einschränkungen das abschließende, in eine phantastische (Mond-)Traumwelt entführende "Lunar Sea", das stellenweise an die spannenden Klangeffekte von "The Snow Goose" erinnert. Überzeugend und typisch für Camel ist der dritte Teil von "Lunar Sea", in dem sich Peter Bardens an der Hammond Orgel und Andy Latimer an einer schmutzig-bluesigen Leadgitarre wie in alten Zeiten wunderbar ergänzen.

Dann ist da aber das längere "A Song within a Song", das nur noch im mittleren Teil an Camel erinnert, wie man die Gruppe kannte. In dieser Passage führt Peter Bardens am Synthesizer mit einer beschwingten Melodie, die er schön paraphrasiert, unterlegt von Andy Latimers leicht mit dem Wah-Wah bearbeiteten Rhythmusgitarre, geerdet von einem weichen Bass und flockig umspielt vom Schlagzeug. Der längere Teil dieses Tracks sowie das komplette "Air Born" und die restlichen Songs reißen aber nicht gerade vom Hocker.

Die Gründe, warum dieses Album nicht durchgängig an die hohe Qualität von "Mirage" und insbesondere von "The Snow Goose" anknüpfen konnte, sind im der remasterten Ausgabe (2002) beiliegenden Booklet nachzulesen.

Zum einen baute die Plattenfirma Druck auf, ein konventionelleres Album als "Snow Goose" zu machen. Und zum anderen war da ein neuer Produzent, der Camel "more spatial" klingen ließ. Dieses "räumlicher" würde ich hier mit "sphärisch" übersetzen. Konventionell war das zwar immer noch nicht, aber in mehreren, längeren Passagen erklingt nun sphärische, elegische Musik mit langgezogenen Riffs und viel Synthesizer-Untermalung. Peter Bardens entlockt hier seinem Synthesizer, der wohl um neue Klangvariationen erweitert wurde, orchestrale Klänge und insbesondere die simulierte Geigenunterlegung hat etwas Süßliches abbekommen. Die Gruppe dringt gelegentlich in Regionen vor, in denen die Gefahr besteht, dass Monotonie kein Fremdwort bleibt. Zum sphärischen Sound passt, dass auf mehreren Songs das Schlagzeug stark herunter gemischt wurde und der Bass sehr warm und weich klingt.

Vielleicht liegen die von mir empfundenen punktuellen Schwächen auch an einer nicht mehr optimal funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Andy Latimer und Peter Bardens. Mehrmals hatte ich den Eindruck, als seien die Songs nun mehr Solo-Arbeiten von einem der beiden.

Tatsächlich kam es nach "Moonmadness" in der Gruppe zu Auseinandersetzungen über die musikalische Richtung und zu ersten personellen Veränderungen. Peter Bardens verließ Camel nach dem nächsten Album "Rain Dances".

Dennoch ist "Moonmadness" meisterlich eingespielt und hat Melodiebögen, die einen lange im Kopf herumgehen – vor allem, wenn man das Album mehrmals hört, und in der "Gefahr" bewegt man sich ständig.

Die remasterte Version von 2002 wurde unter der fachkundigen Leitung von Paschal Byrne vorgenommen, der das ursprüngliche Klangbild nicht durch eine Neuabmischung zerstörte, sondern erhielt und in neuer Klarheit erstrahlen ließ (anders sollte es auch niemals sein!).

Die CD enthält umfangreiches und qualitativ hochwertiges Zusatzmaterial, das meiste davon Live-Aufnahmen sowie eine als Demo aufgenommene Instrumentalversion von "Spirit of the Water", die noch schöner als die 1974 veröffentlichte ist.

Das kleine Booklet informiert sehr instruktiv und sachlich über die Entstehungsgeschichte des Albums und den weiteren Weg von Camel. –

Und dies könnte die Inspiration für "Moonmadness" gewesen sein:

Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammerfenster gerade gegenüber, er betrachtete ihn mit sehnsüchtigen Augen, er suchte auf dem glänzenden Runde und in den Flecken Berge und Wälder, wunderbare Schlösser und zauberische Gärten voll fremder Blumen und duftender Bäume; er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen und ziehenden Schiffen wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug, und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln Lieder bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. "Ach! dort! dort!" rief er aus, "ist vielleicht die Heimat aller Sehnsucht, aller Wünsche: darum fällt auch wohl so süße Schwermut, so sanftes Entzücken auf uns herab, wenn das stille Licht voll und golden den Himmel heraufschwebt, und seinen silbernen Glanz auf uns herniedergießt. Ja, er erwartet uns, er bereitet uns unser Glück, und darum sein wehmütiges Herunterblicken, daß wir noch in dieser Dämmerung der Erde verharren müssen." (Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen.)


Rosa, meine Schwester Rosa
Rosa, meine Schwester Rosa
von Alice Vieira
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Rosa, ein neugeborenes Schwesterchen..., 6. April 2014
... bringt alles ganz schön durcheinander in Marianas Familie. Und dann wird es auch noch krank und muss in die Klinik. Ob es wohl wieder gesund wird? -

Wahrheit, Weisheit und Schönheit leuchten durch die Gedankengänge eines 10jährigen portugiesischen Mädchens. Die Welt des Mädchens Mariana, das ist die Geburt eines Töchterchens, die Schule, der Lehrer, die Freundin, die Eltern und Verwandten, die soziale Realität Portugals im Jahre 1980. Es ist eine Welt mit einer heiter-melancholischen Stimmung, unspektakulär, aber mit stiller Dramatik, mit Poesie und Witz.

In einer völlig ungekünstelten und unverfälschten Art, mit ganz klaren und einfachen Worten ist hier ein in jeder Einsicht vorbildliches Kinderbuch entstanden. Wären sie doch alle so.


Im Sommerlicht
Im Sommerlicht
von Zibby Oneal
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Außerordentlich kluger und sensibler Entwicklungsroman, 1. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Im Sommerlicht (Broschiert)
Kate ist 17. Sie verbringt die Sommerferien bei ihren Eltern auf einer Insel vor der Küste von Massachusetts. In diesem Sommer wird sie erwachsen und Zibby Oneal, amerikanische Jugendbuchautorin, lässt den Leser wie beiläufig teilhaben an diesem widerspruchsvollen und schmerzhaften Prozess.

Kate hatte das Malen aufgegeben, psychologisch gesehen eine Rache an ihrem Vater, dem erfolgreichen Künstler. Mit Unterstützung durch Ian, einem Kunststudenten und Bewunderer ihres Vaters, gelingt es ihr, wieder anzufangen. Dies kann sie nur, indem sie zu ihrem eigenen Stil findet. Kate hört auf, ihren Vater in den Mittelpunkt ihres Lebens zu rücken. Deshalb muss sie euch keinen Beruf mehr anstreben, den sie eigentlich gar nicht mag und nicht so gut kann, nur um etwas anderes zu tun als ihr Vater.

Zibby Oneal ist ein Jugendroman vom Leben, vom Sich-Entwickeln, vom Sich-Auseinandersetzen und vom Lernen gelungen. Ganz unaufdringlich und immer in die Handlung eingebunden vermittelt sie wichtige Einsichten. Viele Farben kommen in diesem "Sommerlicht" vor, auch gebrochene. Am Schluss ist jemand weitergekommen. Aber vieles bleibt offen, und das ist gut so. Widersprüche werden nicht untergebügelt, sondern bewusst gemacht. Was man auch lernen kann: Eltern, auch wenn sie berühmt sind, sind Menschen und machen Fehler, sogar schwere. Das entbindet einen nicht, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Überzeugend und einnehmend auch die Zeichnung einer jahreszeitlichen Stimmung, die dem ganzen Geschehen den Rahmen gibt.

Ein außerordentlich kluges und sensibles Buch, dem der Verlag auch das passende aparte Titelbild gegönnt hat, wenngleich mir das der amerikanischen Originalausgabe noch etwas besser gefällt.

(Habe ich recht, daß Virginia Woolfs großer Roman "Die Fahrt zum Leuchtturm" das Vorbild ist?)
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Die Schwarzfüße
Die Schwarzfüße
von Jo Pestum
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Der Sommer 1946 im Ruhrgebiet aus der Sicht einer Jugendbande, 21. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Schwarzfüße (Gebundene Ausgabe)
Der Sommer 1946 ist ein ganz besonderer Sommer des Übergangs, eine Zwischenzeit. So plastisch beschreibt Jo Pestum in seinem halb fiktiven, halb autobiographischen Jugendroman "Die Schwarzfüße" diesen Sommer, dass wir meinen, wir wären dabei, als eine Bande von Heranwachsenden ihr eigenes Abenteuer in den Trümmerfeldern des Ruhrgebietes sucht.

Alles wirkt sehr authentisch und glaubwürdig, die Beschreibung der alltäglichen Lehensumstände mit viel Lokalkolorit, die Menschen, die Sprache, die Ängste und Wünsche.

Die Perspektive der Heranwachsenden wird auf eine wenig betuliche Weise eingehalten. Sehr überzeugend gelingt es Pestum hierbei, die Stärken dieses Alters, aber auch seine unvermeidlich begrenzte und naive Vorstellungswelt aufzuzeigen. Und das verbindet er noch harmonisch mit nicht aufdringlicher Zeitkritik an der verlogenen "Entnazifizierung" und dem wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Regel "reich gegen arm". Hätte 1990 an für sich auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis gehört.


Monica Hughes: Hinter dem Dunklen Fluß
Monica Hughes: Hinter dem Dunklen Fluß
von Monica Hughes
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Hutterischer Junge und Indianermädchen geraten in tödliche Gefahr. Packender Fantasy-Roman für Jugendliche., 11. Februar 2014
Packender, handlungsreicher Fantasy-Roman aus dem Beginn des 3. Jahrtausends - erstveröffentlicht 1979 und geschrieben für Kinder und Jugendliche ab 12.

Im Westen Kanadas überleben eine Gemeinschaft der Hutterischen Brüder und ein Indianerstamm unversehrt den Untergang der Zivilisation. Als die Kinder der Hutterischen "Leut" von einer rätselhaften Krankheit befallen werden, machen sich Benjamin und das Indianermädchen Tochter-der-Nachfolgenden auf den Weg in die zerstörte Stadt (Edmonton), um nach Hilfe zu suchen. Dort geraten sie in eine tödliche Gefahr.

Eindrucksvoll, wie die verschiedenen Lebensweisen und -auffassungen der "Leut" und der Indianer, immer konkret eingebettet in die Handlung, beschrieben werden. Wohltuend, wie ihre jeweiligen Stärken und Schwächen aufgezeigt und somit die mitschwingende Zivilisationskritik etwas abgemildert wird.

Die Handlung ist immer spannend, entwickelt sich stringent und mit ständig unverhofften Wendungen. Sprachlich überzeugend, sehr gut von Cornelia Krutz-Arnold aus dem Englischen übersetzt. Für Jugendliche bieten die beiden Hauptfiguren, die sich überlieferten Normen ihrer Gemeinschaften widersetzen, positive Identifikationsmöglichkeiten. Bei allem Mut behalten die Helden aber noch Angst und Schwächen. Der philosophisch-optimistische Schluss wirkt jedoch etwas aufgesetzt. Nicht unproblematisch auch, die Stadtbewohner zu menschenfressenden Monstern entarten zu lassen. Und schließlich hätte man sich auch eine Lösung des Katastrophenrätsels gewünscht.
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Schwester des Meeres.
Schwester des Meeres.
von Ruth Park
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Aufrüttelnder Fantasy-Roman (nicht nur) für Jugendliche, 3. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Schwester des Meeres. (Gebundene Ausgabe)
In diesem Fantasy-Roman werden aus der Perspektive der 14-jährigen Riko Ereignisse am Ende des 20. Jahrhunderts geschildert, als Bewohner einer kleinen Pazifik-Insel und dort ebenfalls lebende Meermenschen mit den Anzeichen einer drohenden Öko-Katastrophe konfrontiert werden.

Nicht nur das, Riko muss sich auch noch damit auseinandersetzen, daß ihre innig geliebte ältere Schwester Siv sich mit einem jungen Meeresbiologen anfreundet. Eindringlich werden auftauchende Verlustängste, Eifersucht, Hass, Ohnmachtsgefühle sowie die lange andauernde Unfähigkeit Rikos beschrieben, einen geliebten Menschen zu teilen.

Die Sprache vermittelt gekonnt die heitere Stimmung einer Pazifik-Insel, vermag Umweltgefahren realistisch darzustellen und überzeugt in der sensiblen und differenzierten Beschreibung der Gefühlswelt eines 14-jährigen Mädchens. In Sprache, Handlung und Aufbau rundum gelungen, unterhaltsam, spannend, ergreifend und aufrüttelnd, aber immer in der Tonlage angemessen und nicht zu dick auftragend. Die Fantasy-Elemente werden nicht eingesetzt, um zu entführen oder zu vernebeln, sondern um die Umwelt-Problematik zugänglich zu machen. Auch in der äußeren Aufmachung sehr ansprechend.


HEIMAT 4 Fragmente - Die Frauen  Import mit deutscher Tonspur
HEIMAT 4 Fragmente - Die Frauen Import mit deutscher Tonspur
DVD ~ Gudrun Landgrebe
Wird angeboten von Topbilliger2
Preis: EUR 24,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fragmente – aber keine Zweitverwertung. Empfehlenswerte belgische Edition., 24. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zur Überbrückung der Wartezeit auf das Erscheinen der „anderen Heimat” ist anzuraten, „Heimat 4 Fragmente – Die Frauen" zu sehen. Denn so wird man wieder in die von Edgar Reitz verfilmte Welt des Hunsrück-Dorfes Schabbach mitsamt seinen Ausläufern nach München und ins gelbe Haus am Rhein hineingezogen.

Und tatsächlich, da sind sie alle wieder – das Hermännche, das Klärche, das Ernstche, et Maria, natürlich auch der Glasisch, und all die anderen. Wie der Titel „Fragmente” sagt, sind es Bruchstücke, die nur für denjenigen sinnvoll sind, der die kompletten Folgen bereits gesehen hat. Allerdings bieten sie mehr als nur eine Zweitverwertung oder nur eine Einstimmung auf „Die andere Heimat”.

Den Untertitel „Die Frauen” darf man nicht falsch verstehen. Lulu Simon, die Tochter von Hermann und „Schnüsschen”, führt als Leitfigur durch die Geschichten der Heimat, ganz überwiegend des 1. und 2. Teils, und es ist auch eine gewisse Fokussierung auf die weiblichen Personen der Heimat-Trilogie festzustellen. Jedoch bleiben die bekannten männlichen Hauptpersonen immer ihre Gegenüber, vor allem Hermann.

In geschickt und gekonnt gemachter Weise lässt Edgar Reitz seine Protagonistin Lulu Simon diese Fragmente zu einem fortlaufenden Gedankenstrom verbinden. Die Themen, um die es sich immer wieder dreht, sind: sich Erinnern, Zeit, Leben und Tod.

Dabei werden nicht gesendete und – wie ich meine – auch bereits gesendete Ausschnitte mit Gängen durch die Szenerie der Drehorte verknüpft, wo Lulu vor sich hin sinnierend wandelt, wo sie tatsächlich und nicht nur sinnbildlich gräbt und dreht und schraubt und bohrt – sogar an den Marmorsäulen der Münchener Universität!

Der entstehende Bilderbogen der Original-Szenen und vermittelnden Jetztzeit-Einschübe ist überwiegend chronologisch aufgebaut. Auf Szenen, die der ersten Heimat zuzuordnen sind, folgen die aus der Zweiten Heimat, aus den Münchener Jahren, wo Hermann und Schnüsschen für meine Begriffe immer noch als Fremdkörper wirken und wo Hannelore Hoger als Frau Cerphal eine ihrer besten Rollen hatte. Man stellt auch erneut fest, welche starke Besetzung Salome Kammer als Sängerin und Cellistin war. (So etwas authentisches gibt es in der heutigen TV-Scheinwelt der Celebrities, der Casting Shows, der sinnentleerten Talk-Shows und der computergenerierten Filme gar nicht mehr.)

Neue Einblicke. Denn Schnüsschen war natürlich eine bildschöne Frau, sprach stark dialektgefärbt und war soo natürlich. Was für ein Gegensatz zu Helga, auch eine der vielen Frauen, die um Hermann herum schwirrten, und die – wie ich jetzt erst bemerke – meine heimliche Heldin war.

Edgar Reitz treibt sein bewährtes Spiel der Schwarz-Weiß- und Farbmontagen, erweitert um farbreduzierte oder farbverfremdete Szenen. Im Filmarchiv, durch das Lulu sich hindurch tastet, lässt er Szenen auf Wände, Oberlichter von Türen oder auf Böden von Filmrollenaufbewahrdosen hineinblenden.

Im Abspann ziehen in melancholischer und ganz berückender Art die heutigen Kulturlandschaften des Hunsrücks am Betrachter vorüber: weite Felder mit Löwenzahn, Gerste, Raps. Kirschbaumwiesen. Eine hinter einem sanften Hügel halb eingesunkene kleine Dorfkirche. Wie ein sich ständig bewegender Schleier sind Fotos aus über 100 Jahren Hunsrücker Geschichte und 60 Stunden gesendetem Filmmaterial darüber gelegt.

Zur Zeit (2014) ist von „Heimat 4" nur die belgische Edition des Verlages Lumière zu erhalten, die aber unbedingt empfehlenswert ist. Der Text des berauschend schönen Booklets ist zwar nur in niederländischer Sprache. Beim Film können aber die Untertitel zum deutschen Originalton mit der Subtitle-Taste der Fernbedienung problemlos ausgestellt werden. Die hochwertige DVD-Box enthält neben fast zweieinhalb Stunden „Heimat 4" noch eine einstündige Dokumentation über die Filmreihe und den Hunsrück.

Ein Muss für alle Heimat-Freunde.

„Eines Tages wendet man den Blick zurück. An diesem Tag endet die Jugend, heißt es.”


Eine Liebe von Swann - Zweitausendeins Edition Deutscher Film 2/1984
Eine Liebe von Swann - Zweitausendeins Edition Deutscher Film 2/1984
Wird angeboten von Zweitausendeins
Preis: EUR 7,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Un amour de Swann - de la vue idiosyncrasique de M. Schlöndorff, 3. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie verfilmt man einen unverfilmbaren Stoff?

Man kann die Handlung raffen, Schwerpunkte bilden, Dialoge kürzen. Wichtiges von Unwichtigem trennen. Das ist alles klar.

Fragwürdig wird es aber schon, wenn Regisseur Schlöndorff Passagen, die an anderer Stelle des Gesamtwerks "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" vorkommen, in die Handlung von "Eine Liebe von Swann" einbezieht. Klar will der Regisseur hier etwas abrunden bzw. vielleicht ganz einfach filmbare Handlung einbauen, er verändert aber den Aufbau des Romans, bei dem sich Marcel Proust sicher was gedacht hat.

Dies alles mag man noch mit der künstlerischen Freiheit des Regisseurs erklären. Auch, dass er Charles Swann zum Ich-Erzähler macht, geht vielleicht noch an. Der viel schnellere Erzähl-Rhythmus – vieles kann man verstehen.

Und einiges ist ja auch gelungen. Insbesondere die Interieurs, die ganze Ausstattung, die Bildführung, die wunderbaren Farben und einige Szenen, in der in sensibler Weise eine Stimmung eingefangen wird, die der des Romans nahe kommt.

Ja, der Film hat seine Momente...

Aber sollte man die ganze Architektur des Romans umbauen? Das macht Volker Schlöndorff (auch am Drehbuch beteiligt), indem er nicht nur in Einzelfällen "umarrangiert", sondern den zeitlichen Ablauf der Liebesgeschichte zwischen Charles Swann und Odette de Crécy massiv verändert.

Mehrmals plaziert Schlöndorff Szenen, die eigentlich Jahre auseinander liegen, auf denselben Abend. Madame Cottard, die Charles Swann den wahren Charakter von Odette de Crécys Beziehung zu ihm eröffnet, tut dies eben erst zum Abschluss des Romans und nicht an dem Opernabend, nachdem Odette Charles versetzt hat.

Und wenn eine entscheidende Szene (Odette wird als "Kokotte" decouvriert, die es auch mit Frauen treibt) an den Anfang gezogen wird, diese Konversation im Roman aber gegen Ende hin steht und der Geschichte zwischen den beiden erst dann die entscheidende Wende und den (vorläufigen!) Abschluss gibt und Protagonist Charles Swann ins Bodenlose stürzen lässt, dann hat der Regisseur den Stoff doch mehr als nur interpretiert. Er hat den Ablauf von Handlungssträngen verändert und dadurch die Aussage, wie ich meine, verfälscht. Die ganze Entwicklung einer Liebe, die Beschreibung der sich ständig verändernden und unaufhaltsam entwickelnden Gefühlswelt seines Helden, von Marcel Proust so unnachahmlich dargestellt und die Substanz des Romans "Un amour de Swann" bildend, kann überhaupt nicht zum Thema gemacht werden, soll es auch nicht, weil es Schlöndorff um andere Sachen geht.

Kann dann noch die Zeichnung der Charaktere und ihrer Beziehung zueinander gelingen?

Odette de Crécy habe ich mir zwar anders vorgestellt, jedoch ist diese Rolle nach meinem Dafürhalten mit der italienischen Schauspielerin Ornella Muti grandios besetzt, wobei mir die deutsche Synchronstimme mit ihrer heiser-brüchigen Anmutung besser gefällt als die französische.

Die Portraitierung von Charles Swann, besetzt mit dem britischen Schauspieler Jeremey Irons, ist hingegen nicht gelungen, was wohl am wenigstens an Irons selbst liegt. Zunächst ein guter Einstieg. Die Szene im Konzert, Charles erschüttert beim Klang der Violine, die erlöschende Flamme – das ist der Charles Swann von Marcel Proust.

Leider wird der Ansatz nicht durchgehalten. Charles, bei Marcel Proust ein melancholisch-sensibler und nachdenklicher Mensch, mutiert in Schlöndorffs Film zum ständig nach Ausschweifungen suchenden und teils linkischen, teils steifen Griesgram. Der Tiefe und Sensibilität, v.a. der Entwicklung des Charakters durch die Beziehung zu Odette, wird dies nicht gerecht.

Völlig vergriffen hat sich Schlöndorff bei der Darstellung der Sexualität der beiden Protagonisten.

Auch hier fing es so gut an. Die bebende Brust von Odette, das sinnliche Cattleya-Spiel ("faire cattleya").... Dass aber Charles zwar nachts, doch in offener Kutsche auf einer beleuchteten Avenue im Paris des 19. Jahrhunderts die Brust einer Dame entblößen und liebkosen würde? Wohl kaum! Schon gar nicht in der Vorlage.

Dann gibt es eine für die Verhältnisse der 1980er Jahre äußerst freizügig dargestelle Szene im Bordell, wo Charles zynisch-gefühllos, lässig mit Zigarette im Mundwinkel eine Prostituierte von hinten nimmt. Auf dem Gesicht der Dirne zunächst der Anflug eines Schmerzes, dann Routine – das ist natürlich nicht der Charles Swann von Marcel Proust.

Im Original steht hier: "Und dann verbrachte er eine Stunde in melancholischem Gespräch mit einem armen Mädchen, das sich wunderte, daß er weiter nichts wollte". Was für eine Entstellung, Herr Schlöndorff.

Auch da, wo eine Bettszene gelungen, glaubhaft und an sich wunderbar gespielt (?) ist, hat es doch wiederum mit dem Roman herzlich wenig zu tun. So geht es in einem fort.

Und da Schlöndorff sich entschieden hat, in seinem Werk an Marcel Proust vorbei dem Sex in einer bestimmten Art eine prominente Rolle zuzuweisen, bezieht er dann noch völlig unpassenderweise Charles' Freund Charlus und dessen homosexuelle Abenteuer ein.

Und so bleibt aus dieser ganzen romantischen Proust'schen Welt, dieser Illustration, wie alles seine Bedeutung erhält durch Liebe und durch Beziehungen, dieser Beschreibung, was das eigentlich Menschliche an den Menschen ist, nicht viel vom ursprünglichen Sinn übrig. Aus Sensibilität und zarten Andeutungen werden Sex, Rohheit und platte Vordergründigkeit.

Auch in der Gesamtschau bleibt viel zu wünschen übrig. Wo Marcel Proust ein Sittengemälde mit all seinen Facetten und feinsten Schattierungen zeigt, geht es Volker Schlöndorff offenbar darum, in erster Linie Dekadenz, Verruchtheit und Zynismus der Pariser Oberschicht im fin de siècle darzustellen. Allzu sehr gehen die Zwischentöne verloren.

Sehr deutlich wird das zum Beispiel auch daran, wie Schlöndorff die Salongesellschaft der Verdurins in einer Weise lächerlich, boshaft und grotesk vorführt, wie Proust das in seiner feinen und ironischen Art gerade nicht tut (im Nachwort der Suhrkamp-Ausgabe von 1994 werden diese Passagen als "hinreißend komische Satire" bezeichnet). Bei Volker Schlöndorff bleiben davon nur noch Plumpheit und Abartigkeit übrig.

Ein übriges tut die düstere und unheilvolle Filmmusik, die sich ebenfalls in keiner Weise zu der zwar melancholisch gefärbten, aber doch auch immer wieder sinnlichen, heiteren und romantischen Vorlage fügen will.

Ich habe den Film bereits im Erscheinungsjahr 1984 gesehen und mochte ihn schon damals nicht. Heute weiß ich, dass das nicht Proust ist. Leider habe ich dafür fast 30 Jahre gebraucht.


Vom Reich zur Republik - Europas letzter Sommer (inkl. Booklet)
Vom Reich zur Republik - Europas letzter Sommer (inkl. Booklet)
DVD ~ Bernd Fischerauer
Preis: EUR 10,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessant, aber nicht ganz unproblematisch, 16. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Bernd Fischerauer legt mit dem Dokumentarspiel "Europas letzter Sommer" eine weitere Episode der bislang aus 9 Folgen bestehenden Reihe "Vom Reich zur Republik" vor. Die hier besprochene Folge behandelt die Juli-Krise 1914, die zum Ausbruch des 1. Weltkrieges führte. Der Film lief am 30. Juni 2012 auf BR-alpha.

Das Ergebnis ist ein wenig zwiespältig. Für den historisch gebildeten Zuschauer, der mit den Vorgängen und Akteuren einigermaßen vertraut ist, sicher hochinteressant. Man wird zur Kenntnis nehmen, wie die Rollen besetzt wurden, wie das Szenenbild komponiert, wie die (opulente) Ausstattung gewählt wurde, welcher historischen Fachrichtung Fischerauer folgt (mehr dazu unten).

Für den Laien wie auch für den geneigten Zuschauer, dessen Wissen über diese Epoche erst wieder aufgefrischt werden müsste, dürfte indessen die Dramaturgie leicht unübersichtlich werden. Obwohl sich Fischerauer bewusst auf die Schauplätze Wien und Berlin beschränkt, könnte die große Vielzahl von auftretenden Personen, die in den unterschiedlichsten Räumen aufeinander treffen, verwirrend sein. Das Produktionsteam verzichtete auf eingeblendete Untertitel zur Identifizierung der Personen, wie sie beispielsweise die BBC in der Reihe "Rom und seine großen Herrscher" einsetzt. Es gibt auch keine Experteninterviews oder Off-Sprecher, die das Geschehen erläutern, wie in der verdienstvollen Reihe "Die Deutschen". Damit soll wohl eine größere Nähe zum Genre "Fernsehfilm" als zu einer Dokumentation erreicht werden.

Der ständige Szenenwechsel ist nach meinem Dafürhalten bei der vorliegenden Materie aber erforderlich, gelingt es doch auch, zum Ende der 90-minütigen Sendung gerade durch dieses wahre Stakkato an Schauplatzwechseln die zunehmende Spannung und die schließlich für die politischen Führungen der Mittelmächte außer Kontrolle geratenden Ereignisse abzubilden.

Sehr eindrucksvoll und nach meinem Dafürhalten historisch authentisch ist die Atmosphäre, in die der Zuschauer getaucht wird. Beklemmend bis gespenstisch, wie Vertreter des europäischen Hochadels zwischen Champagner, Nusskipferln und Cancan-Mädchen einen Weltkrieg vom Zaun brechen. Und erschütternd die einzige Kriegsszene, die der Film am Schluss zeigt.

Die Rollenbesetzung und Zeichnung der Akteure sind teils gelungen, teils weniger gut geraten. Am überzeugendsten spielen Hubertus Hartmann als teils bockiger, teils fröhlich naiver Kaiser Wilhelm II. und Regisseur Bernd Fischerauer selbst (erstaunliche äußere Ähnlichkeit!) als österreichischer Kaiser Franz Joseph, der am Rande der Demenz dahindämmernd einen Weltkrieg auslöst.

Völlig überzeichnet (da gebe ich FAZ-Rezensent Lorenz Jäger recht) wird Kanzlerberater Kurt Riezler, der hier diabolisch wirkt und Sätze von sich gibt, die er schriftlich seinem Tagebuch anvertraut haben mag, aber kaum wörtlich so in die Konversationen mit Bethmann-Hollweg eingebracht haben wird. Immerhin registriert der Zuschauer betreten deutliche Anklänge an die kommende völkische Propaganda von "Volk und Raum". Die Idee jedoch, dass der, dessen Wirken dämonische Folgen hatte, auch dämonisch gespielt wird, ist etwas zweifelhaft.

Gleichermaßen problematisch ist die Darstellung der Mehrheit der sozialdemokratischen Parteiführung als Gruppe von Tölpeln, die sich anerkennungsheischend in Nullkommanichts von der Reichsführung überrumpeln lässt, sich noch artig dafür bedankt und hauptsächlich die Sicherung des Parteivermögens im Auge hat. Derselbe Grundsatz: eine historische Wahrheit quasi "eins zu eins" in die Zeichnung der Personen zu übertragen – Herr Fischerauer, das muss nicht sein.

Bleibt die auch von Lorenz Jäger in der FAZ vom 30. Juni 2012 aufgeworfene Frage nach der historischen Genauigkeit von "Europas letzter Sommer".

Zweifelsohne ist es Fritz Fischers bahnbrechendes Werk "Griff nach der Weltmacht", das Film und Booklet als Vorlage diente. Nicht umsonst fungierte Fischers früherer Assistent Imanuel Geiss, der Fischer das Kapitel über die Juli-Krise "in die Schreibmaschine diktiert" haben soll, als wissenschaftlicher Berater.

Die Fischer-Thesen werden bekanntermaßen bis heute heftig diskutiert, wie auch 2011 auf einem Kongress zum 50. Erscheinungsjubiläum deutlich wurde. Aber zu verlangen, dass der Film noch divergierende historische Schulen (etwa "geplanter Angriffskrieg" vs. "kalkuliertes Risiko") mit einbeziehen solle, wäre verfehlt.

Immerhin hat es mich gewundert, dass der CSU-lastige Bayerische Rundfunk Booklet- und Drehbuch-Autor Klaus Gietinger den strikten Fischer-Kurs durchgehen ließ.

Noch überraschender war es aber, wie der für seine (wenn auch mittlerweile aufgekündigte) Nähe zur "Neuen Rechten" bekannte Journalist Lorenz Jäger seine FAZ-Rezension untertitelt: "Akkurat nach alliierten Vorgaben erzählt". Das erinnert unangenehm an die Zeiten zu Beginn der 60er Jahre, als Fritz Fischer von der historischen Zunft wie ein Landesverräter behandelt wurde.

Insgesamt handelt es sich um eine durchaus verdienstvolle und aufwendige Produktion von BR alpha, in die ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zwangsgebühren geflossen sein muss. Im Gegensatz zu dem Ramsch, den die Öffentlichen sonst so bringen, geradezu eine löbliche Investition.


Doctor Who - Die komplette erste Staffel [5 DVDs]
Doctor Who - Die komplette erste Staffel [5 DVDs]
DVD ~ Christopher Eccleston
Preis: EUR 34,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spektakulär, 26. Februar 2013
Mit der Neuaufnahme der Science-Fiction-Serie "Doctor Who" ist der BBC ein großer Wurf gelungen. Ich bespreche im Folgenden die "Series 1" aus dem Jahre 2005. Man sollte sich den Gefallen tun, die Serie im Originalton sehen.

Genau genommen handelt es sich um die 27. (!) Staffel der ältesten und (natürlich neben der deutschen "Raumpatrouille") der besten SF-Serie der Welt. Premiere hatte "Doctor Who" 1963 mit der legendären ersten Folge "Un Unearthly Child". Die vorläufig letzte Staffel ging dann zunächst 1989 auf Sendung, denn nachdem sich erhebliche Ermüdungserscheinungen in den Stories, der Dramaturgie und den darstellerischen Leistungen sowie im Vergleich mit den amerikanischen Serien der 80er Jahre eine gewisse Altbackenheit gezeigt hatten, beschloss die BBC, den Doktor in den Ruhestand zu schicken – damals eine weise Entscheidung. Umso klüger war es, zu erkennen, welches Pfund man immer noch mit der Idee und der Anlage der Serie hatte und diese reif zu machen für das 21. Jahrhundert. Den aktuellen amerikanischen, vor Kitsch triefenden Serien (post Battlestar Galactica re-imagined) ist der Doktor mit den neuen Staffeln geradezu um Lichtjahre voraus.

Neuen Schwung hatte schon der Spielfilm "Doctor Who" aus dem Jahre 1996 gebracht, der, wie sich nun zeigt, als eine Art Brücke zu der Neuauflage fungierte.

Was sind die Ingredienzen des neuen Doktors? Geschwindigkeit, Drama, frische und unverbrauchte Darsteller, State-of-the-Art Computer-Animationen (die Produktion muss Unsummen an Pfund verschlungen haben), fetzige bis dramatische Musik nach dem Stand der Zeit, neue Handlungsorte, intelligenter Plot, um nur einige Punkte zu nennen.

Sehr gut war man aber beraten, nicht alles neu zu machen, sondern genau die richtige Mischung von "re-imagining" und Wiedererkennung zu finden: das Tardis ("Time and Relative Dimensions in Space") gibt es immer noch, von außen ist es noch dieselbe blaue Police Box, aber im Inneren: oho! Aus einem Leitstand eines besseren Wärterhäuschens ist eine futuristische Kommandozentrale geworden. Und immer noch hat der Doktor eine Gefährtin: aber was für eine! Wenn eine grandiose Billie Piper in einer Mischung aus warmherzig, sexy, schutzbedürftig und frech/herausfordernd in der Rolle der Rose Tyler auftritt, wäre wohl jeder Mann gerne am Steuer des Tardis. Und phänomenal, was für eine mimische und stimmliche Bandbreite diese junge Schauspielerin drauf hat!

Genial ist es natürlich auch, neue Bedrohungen der Erde entstehen zu lassen. Da sind zum Beispiel die gemeinen, wirklich ganz fürchterlich aussehenden Slitheens (der fiese Name schon!). Ganz nebenbei wird in den Folgen, in denen sie auftreten, die britische Politik köstlich auf die Schippe genommen.

Aber der Doktor trifft auch auf Gestalten, die seit jeher zu seinen Erzfeinden gehörten und die sich in erschreckender Weise weiterentwickelt haben... (Es kommt kein Spoiler!) Jeder glaubt, sie sind ein für alle Mal ausgerottet, auch der Zuschauer. Und dann sieht man in der vorletzten Folge (dem ersten Teil der abschließenden Doppelfolge) im Mutterraumschiff der die ganze Zivilisation bedrohenden Flotte von Kriegsschiffen eines dieser Wesen sich völlig unerwartet auf einer Oberfläche spiegeln. Wenn der Zuschauer vor Schreck die Augen aufreißt, muss man schon sagen: genial inszeniert.

Typischerweise für die Serie gibt es auch wieder (einige wenige) Rückblenden in die Menschheits- bzw. britische Geschichte. Während die Gothic-Anwandlung im viktorianischen Cardiff die einzige nicht so starke Folge war, sind die im London des Zweiten Weltkrieges während der deutschen Angriffe mit Gasmaske auftretenden und mit Kinderstimme zum Herzerbarmen "Mummy..." sagenden Soldaten eine einmaliger Einfall. Genauso unglaublich, wie das Wesen, das am Steuer des havarierten und in der Themse gelandeten extraterrrestrischen Raumschiffs sitzt... (wiederum kein Spoiler!).

Und dann! Da haben wir natürlich jetzt mit Christopher Eccleston einen famosen Doctor, am ehesten an Tom Baker ("Jelly, Baby?") aus den 70er Jahren erinnernd. (Mein Lieblings-Doktor war allerdings Peter Davison aus den frühen 80ern). Mit dem ungemein präsenten Christopher Eccleston ist diese Verkörperung des Doktors ist eine überzeugende Mischung aus Charme, Humor, Stärke, Unnachgiebigkeit und gelegentlich aufblitzender Brutalität – also ein Doktor, dem man seine Rolle auch glaubt und dem man die Erfüllung seiner Aufgaben auch zutraut.

Alles, was eine Science-Fiction-Serie nach den Regeln des Genres braucht, hat dieser "Doctor Who": schleimige, grauenhafte Monster, bei deren schierem Anblick man schon zu Tode erstarrt, hyperrealistisch aussehende Weltraumstationen, kreativ und phantasievoll gestaltete Aliens, gnadenlose Androiden, DNA-Manipulationen, intelligente, visionäre Spekulationen, wie die Menschheit in 200.000 Jahren aussehen könnte, Endzeit-Stimmung und auch am Schluss ein bisschen Metaphysik (Geschmackssache). Diese Staffel bietet mehr als je zuvor Hardcore Science Fiction.

Dass sich "Doctor Who" hier und da einige kleine Anspielungen auf klassische und moderne utopische Filme erlaubt (von Dr. Strangelove bis Matrix), fällt auf, stört aber nicht weiter und ist vielleicht auch so gewollt (ganz sicher beim Ritt von Captain Jack auf der Bombe). Oft genug hat die englische Serie Neuland betreten, auch in dieser Staffel.

"Doctor Who" wäre aber keine englische Serie ohne diesen speziellen und typischen Humor. Insbesondere die Medien werden in unnachahmlicher Weise durch den Kakao gezogen. Wie hier "Big Brother" und die wohl auch in England grassierenden Rate- und Gewinnspiele in bis zum Äußersten getriebenem schwarzen Humor persifliert und an den Pranger gestellt werden, ist wohl wirklich nur in England möglich.

Noch ein Wort zur Verpackung. Die Box ist sehr schön, aufwendig und liebevoll gestaltet. Die Anbringung einer weiteren, äußeren Hülle um die Police Box herum ermöglicht einen tollen 3D-Effekt: der Doktor und Rose scheinen geradewegs auf einen zuzukommen. - Allerdings wäre es eine gute Idee gewesen, irgendwo eine Liste der Schauspieler und anderer Beteiligter unterzubringen...

Mein Fazit: Wenn man wie ich fast alle Folgen der seit 1963 laufenden Serie gesehen hat, wird man mit dieser Neuauflage fürwahr teils schockartig, teils fassungslos und ungläubig ins 21. Jahrhundert katapultiert.

Das Resumée des Guardian: "TV really doesn’t get better than this, ever."
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 10, 2013 5:20 PM CET


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