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Rezensionen verfasst von
Wortmagie (Berlin, Deutschland)

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Nightshifted: Visite bei Vollmond (Nightshifted 2)
Nightshifted: Visite bei Vollmond (Nightshifted 2)
von Cassie Alexander
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Das nette Mädel von nebenan und die Werwölfe, 18. Juni 2014
Meine Lektüre des ersten Bands der „Nightshifted“ – Serie („Medizin um Mitternacht“) rund um die Krankenschwester Edie Spence liegt schon ziemlich lange zurück, um genau zu sein, über ein Jahr. Dem Auftakt dieser Reihe gab ich bei amazon im November 2012 4 Sterne. „Medizin um Mitternacht“ empfand ich als soliden Erstlingsroman, der vor allem durch die äußerst kreative Idee überzeugt, Übernatürliches und die Medizin zu verbinden. Trotz dessen hatte ich unter anderem zu bemängeln, dass Cassie Alexander den Spannungsbogen nicht durchgängig aufrechterhalten konnte. Im zweiten Band „Visite bei Vollmond“ gelang ihr dies erfreulicherweise besser.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, stehen dieses Mal die Gestaltwandler im Mittelpunkt der Ereignisse. Nachdem Edie Zeugin eines schrecklichen Autounfalls wird, dem ein Werwolf zum Opfer fällt, wird dieser auf Station Y4 eingeliefert und dort behandelt. Schnell stellt sich heraus, dass dieser Werwolf kein Niemand ist, sondern der König des ansässigen Rudels „Harscher Schnee“. Während dessen Prognose denkbar schlecht ist, muss sich Edie mit seiner Familie und dem Rudel auseinandersetzen, welche genauso von Intrigen und politischen Ränkespielen geschüttelt werden wie die Gemeinschaft der Vampire. Diese spielt in „Visite bei Vollmond“ auch wieder eine Rolle; in Form von Anna, die Edie bittet, bei einer Vampirzeremonie ihre „Gesandte der Sonne“ zu sein. Edie stimmt widerwillig zu, womit die Probleme ihren Lauf nehmen. Edie wird Opfer mehrerer erfolgloser Attentate, die allesamt von Werwölfen verübt werden, doch scheinbar besteht ein Zusammenhang mit Annas Zeremonie und der Welt der Vampire. Kann Edie all die losen Fäden entwirren, zu einem Gesamtbild zusammensetzen und dadurch ihr Leben retten?

In „Visite bei Vollmond“ wird der Leser erneut in eine actiongeladene und rasante Handlung geworfen. Cassie Alexander schließt darin einige Konstruktionslücken aus dem ersten Band, indem sie sowohl auf die Gemeinschaft der Vampire als auch auf das Werwolf-Rudel eingeht und deren Verbindungen und Strukturen ausführlicher erklärt. Ich habe mich vor dem Lesen bewusst dagegen entschieden, „Medizin um Mitternacht“ noch einmal zu rekapitulieren, weil ich sehen wollte, wie viel ich von Alexanders Welt ohne eine Erinnerungshilfe verstehe. Für mich funktionierte „Visite bei Vollmond“ als Geschichte gut; wirkliche Erinnerungsstützen bietet die Autorin ihren Lesern jedoch nicht, was es einem Quereinsteiger vermutlich erschwert, sich in Edies Universum zurecht zu finden. Des Weiteren ist auch der Zugang zu Edie selbst weiterhin etwas schwierig. Zwar ist eine Identifikation mit ihr weitestgehend problemlos möglich, unter anderem auch, weil sie selbst als Erzählerin fungiert, aber teilweise sind ihre Reaktionen für mich nicht nachvollziehbar. Ich finde, diese sind merkwürdig verschoben; in Momenten, in denen ich eine aktive Reaktion erwartet hätte, ist Edie zu passiv, während sie in anderen Momenten eine unüberlegte Impulsivität an den Tag legt, die ich für nicht angemessen halte. Darüber hinaus empfinde ich Edies Promiskuität als übertrieben und aufgesetzt. Die Darstellung ihres Charakters vermittelt mir, dass sie eine verantwortungsbewusste, fürsorgliche, gutmütige und etwas naive junge Frau ist; der männerfressende Vamp will da so gar nicht ins Bild passen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Frau wie Edie, die sich schnell für alles verantwortlich fühlt und ebenso schnell emotionale Bindungen aufbaut, ein Sexualleben pflegt, das von unpersönlichen One-Night-Stands geprägt ist. Ganz davon abgesehen, dass Edie anscheinend noch nie etwas von Verhütung gehört hat. Sie ist Krankenschwester, besteht aber nicht auf die Verwendung eines Kondoms, wenn sie Sex mit einem Mann haben möchte, den sie im Grunde nicht kennt? Leider sind Präservative nicht sexy; Cassie Alexander dachte offenbar, zugunsten der erotischen Momente könne man darauf verzichten. Das Thema Atmosphäre, das für mich schon im ersten Band problematisch war, bleibt unglücklicherweise auch in „Visite bei Vollmond“ aktuell. Alexander ist selbst Krankenschwester; die Szenen, die im Krankenhaus spielen, sind dementsprechend gut ausgearbeitet. Es ist sehr schade, dass sie diese Tiefe nicht völlig auf die Welt außerhalb der Klinik übertragen konnte. Immer wieder tauchten Momente auf, die ich mir nur schwer vorstellen konnte, da die Umgebungsbeschreibung nicht detailliert genug war.

Abschließend muss ich wieder darauf zurückkommen, dass ich die Idee der Serie einfach großartig finde und daher alle Kritikpunkte an „Visite bei Vollmond“ verzeihen kann. Ich werde „Nightshifted“ weiter verfolgen und mir den dritten Band „Diagnose zur Dämmerung“ definitiv noch zulegen. Bisher sind Band 4 und 5 nicht auf dem deutschen Markt erhältlich, es wird sich zeigen, ob der Verlag diese auch noch übersetzt. Der zweite Band „Visite bei Vollmond“ ist eine Lektüre für diejenigen, die bereits „Medizin um Mitternacht“ gelesen haben und die Verknüpfung von Medizin und Übernatürlichem mochten. Wer eine waffenschwingende Heldin erwartet, wird in „Nightshifted“ enttäuscht; wer jedoch Lust hat, das nette Mädchen von nebenan bei ihren Abenteuern zu begleiten, liegt mit dieser Wahl genau richtig.


Blonde: A Novel (P.S.)
Blonde: A Novel (P.S.)
von Joyce Carol Oates
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

5.0 von 5 Sternen Eine immerwährende Suche nach Liebe, 12. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Blonde: A Novel (P.S.) (Taschenbuch)
Ich legte mir Joyce Carol Oates Roman „Blonde“ aus zwei Gründen zu: die Faszination, die das Leben von Marilyn Monroe auf mich ausübte, gepaart mit meiner allumfassenden Bewunderung für Oates‘ beeindruckenden Schreibstil. Nun habe ich die Lektüre beendet und habe in dieser nur Bestätigung für meine Entscheidung gefunden. Dieses Buch ist eines der besten, die ich je gelesen habe. Meine emotionale Bindung an Handlung und Charaktere war so groß, dass es mir schwer fällt, überhaupt eine Rezension zu verfassen, die all die komplizierten psychologischen Prozesse während des Lesens angemessen beschreibt.

„Blonde“ von Joyce Carol Oates ist keine verlässliche Biografie, das stellt die Autorin bereits im Vorwort klar. Natürlich nutzte Oates harte Fakten aus dem Leben von Norma Jeane Baker als Gerüst, hauptsächlich ist „Blonde“ jedoch eine fiktive Interpretation der Geschehnisse. Der Leser begegnet Norma Jeane 1932, im Alter von 6 Jahren und begleitet sie 30 Jahre lang, bis zu ihrem tragischen Tod am 5. August 1962. 30 Jahre, die geprägt wurden von der immerwährenden Suche nach Liebe und Anerkennung; von Selbstzweifeln, Zurückweisung und Schmerz. Oates präsentiert in dem ihr ganz eigenen Stil des psychologischen Realismus das Mädchen hinter der Fassade der blonden Sexbombe Marilyn Monroe. Hierfür vereint sie ausgewogen zahllose Perspektivwechsel; primär agiert für den Leser ein auktorialer Erzähler, es kommen jedoch auch Zeitgenossen, Freunde und Liebschaften zu Wort. Nur in den seltensten Fällen übernimmt Norma Jeane selbst das Erzählen; ab und zu erfolgen kurze, äußerst persönliche Einwürfe ihrerseits, die eine sehr intime Situation vermitteln. So entsteht über den Großteil des Buches eine unfassbar starke Bindung an die Protagonistin, der Identifikationsgrad ist angesichts des Verlaufs ihres Lebens fast schon schmerzhaft hoch. Gegen Ende verliert sich diese enge Beziehung, was meines Erachtens nach von Oates durchaus beabsichtigt war. Je mehr Norma Jeanes Distanz zu sich selbst und zu ihrem Leben inklusive der Figur Marilyn Monroe wächst, desto mehr entfernt sie sich vom Leser und der Leser automatisch auch von ihr. Von einer nach Liebe suchenden Perfektionistin entwickelt sie sich zu einem verlorenen, anstrengenden Schatten ihres ursprünglichen Ichs, der beinahe paranoide Angst davor hat, ausgelacht und abgewiesen zu werden. Begünstigst wird diese Entwicklung sicherlich durch ihren extrem widersprüchlichen Charakter. Selten habe ich einen Protagonisten erlebt, der so innerlich zerrissen und unausgeglichen war. Es sticht hervor, dass ihre Verletzlichkeit dabei immer wieder im Fokus steht; eine Eigenschaft, die in der Regel von den Männern in Norma Jeanes Leben genannt wird. Hier zeigt sich, wie die junge Schauspielerin von der männerdominierten Welt Hollywoods gesehen wurde: als naives Fohlen, das entweder beschützt oder kinderleicht missbraucht und ausgenutzt werden konnte. Ich hatte den Eindruck, dass Norma Jeane mit dieser Sichtweise niemals zurechtkam; sie verstand nicht, wieso sie nie oder nur sehr selten für ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten geschätzt wurde. Ihre Gier nach Anerkennung hinderte sie allerdings daran, sich zu wehren. Demzufolge wurde sie von Männern erschaffen und verbraucht, die sie nie davon überzeugen konnte, dass sie weit mehr war als nur ein Sexobjekt oder eine Geldmaschine. Aus feministischer Sicht ist „Blonde“ daher die Geschichte einer Frau, die versuchte, sich in der Welt der Männer zu behaupten, aber nicht gegen die bestehenden Vorurteile ankam und deswegen unterging. Die stereotype Rolle der Marilyn Monroe wurde Norma Jeane aufgezwungen; ihr Leben lang verband sie mit dieser eine ausgeprägte Hass-Liebe. Sie hasste das Image der dummen aber kurvenreichen Blondine, die niemals ernst genommen wurde; doch sie liebte die Aufmerksamkeit, die Anerkennung und die Möglichkeiten, denn Marilyn bekam so gut wie immer das, worum sie bat. Leider war Norma Jeane nie in der Lage, das Potential dieser Rolle zu erkennen. In meinen Augen hätte Marilyn als ihr Panzer fungieren können, der ihr ein gewisses Maß an Privatsphäre sowie den Schutz ihrer Identität und ihrer wahren Persönlichkeit hätte bieten können.

Zusammenfassend kann ich von mir behaupten, dass sich mein Blick auf Marilyn Monroe durch das Buch grundlegend geändert hat. Vor allem habe ich begriffen, dass Marilyn Monroe eine Illusion war; eine Kunstfigur, die getrennt von der echten Norma Jeane Baker zu betrachten ist. Mir war bereits vor dem Lesen bewusst, dass Norma Jeanes Leben eine Tragödie war; ich war jedoch nicht darauf vorbereitet, dass mir Oates‘ biografische Interpretation so ans Herz gehen würde. Ihre Verwendung von wundervollen Metaphern und Gleichnissen verdeutlichte mir, was für eine getriebene, zutiefst traurige Frau die Ikone Monroe neben all ihrem Witz und Charme eigentlich war. Die Autorin geht so umfassend, tiefgründig und verständnisvoll auf die Psyche Norma Jeanes ein, dass es mir an einigen Stellen buchstäblich die Tränen in die Augen trieb. Ich wünschte, sie hätte gerettet werden können. Ich wünschte, sie hätte eines Tages den sicheren Hafen erreicht, den sie verdient hatte. Ich wünschte, ich hätte die Worte, um „Blonde“ so zu beschreiben, wie der Roman es eigentlich verdient.

Ich ziehe meinen Hut vor Joyce Carol Oates und Norma Jeane Baker. Lest dieses Buch, wenn ihr kein Herz aus Stein habt.


Blutkind (Die Rachel-Morgan, Band 7)
Blutkind (Die Rachel-Morgan, Band 7)
von Kim Harrison
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

4.0 von 5 Sternen Eine Banshee geht um in den Hollows, 12. Mai 2014
Als ich 2012 mit dem ersten Band der Rachel-Morgen-Serie „Blutspur“ begann, hatte ich noch ein paar Probleme mit Rachel, weil sie eine vergleichsweise anstrengende Protagonistin ist, doch ich las weiter und das zahlte sich aus. Trotzdem konnte ich die Reihe nicht am Stück lesen, da ich nach sechs Bänden erst einmal genug von Rachel und ihrem Universum hatte. Nun stieg ich nach einer kurzen Rekapitulation der vergangenen Handlungsstränge bei Band 7 „Blutkind“ wieder ein.

In diesem schlittert Rachel wie üblich an der Seite ihrer Mitbewohner Ivy und Jenks von einer Katastrophe zur nächsten. Glenn, der Sohn des FIB – Captains, wurde Opfer eines brutalen Angriffs; nach der Untersuchung des Tatorts deutet alles darauf hin, dass eine Banshee in die Tat verwickelt ist; eine Inderlander – Spezies, die sogar der abgebrühten Hexe Rachel eine gehörige Portion Angst einjagt. Trotz dessen macht sie sich auf die Suche nach ihr, denn eine außer Kontrolle geratene Banshee bedeutet eine Gefahr für Cincinnatis gesamte Bevölkerung. Darüber hinaus kämpft Rachel noch immer mit dem Tod ihres Freundes Kisten, dessen Mörder auch nach sechs Monaten unauffindbar bleibt. So muss die taffe Hexe wieder einmal mit vielen Bällen gleichzeitig jonglieren und riskiert damit ein ums andere Mal ihr Leben.

Eins möchte ich direkt klarstellen: ich mag die Rachel – Morgan – Serie. Wirklich. Obwohl Rachel ein schwieriger Charakter ist; ungeduldig, aufbrausend und unheimlich leicht reizbar. Sie verliert extrem schnell die Fassung und kann selten über etwas hinwegsehen, ihr fehlt Gelassenheit. Aber genau diese Eigenschaften sind es auch, die ich an ihr mag. Urban Fantasy Heldinnen neigen oft dazu, sich auch in Extremsituationen gut unter Kontrolle zu haben, doch auf Rachel trifft das nicht zu. Wenn sie wütend wird, wird sie regelrecht fuchsteufelswild und verhält sich dann auch mal unüberlegt und emotionsgeladen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und ich finde, dadurch wirkt sie real und echt.
Doch leider ist mir in „Blutkind“ ein gravierendes Problem aufgefallen: meines Erachtens nach sind Kim Harrisons wunderbare Ideen mittlerweile größer als ihr Können. Ihre Fantasie übersteigt ihre Fähigkeiten. Ich konnte erkennen, was Harrison erreichen wollte, doch aufgrund der mangelhaften sprachlichen Umsetzung wirkte ihre Handlungslinie teilweise ungelenk und wirr, obwohl diese in der Basis spannend und actiongeladen ist. Es war, als würde ich einer Freundin zuhören, die mir eine komplizierte Geschichte von Menschen erzählt, die ich nicht kenne; ich versuchte zu folgen, hatte aber Schwierigkeiten, da Harrison ab und zu Gedankensprünge macht und mir das Gefühl vermittelte, nicht zu wissen, worauf sie sich bezieht. Sie versuchte, elegant Erklärungen einfließen zu lassen, doch das gelingt ihr einfach nicht problemlos. Ich musste für „Blutkind“ Geduld aufbringen und mir bestimmte Zusammenhänge selbst zusammenreimen. Ich möchte nicht ausschließen, dass dies auch der deutschen Übersetzung geschuldet ist, aber ich bezweifle, dass das der einzige Grund ist.
Interessant fand ich hingegen, dass Kim Harrison nicht auf die traditionelle Beschreibung einer Banshee zurückgegriffen hat. Sie gab der Spezies eine ganz eigene Interpretation; in ihrer Vorstellung sind Banshees keine Todesomen, sondern eine Art Gefühlsvampire. Es gibt aus Harrisons Feder eine Kurzgeschichte namens „Schmutzige Magie“ (in meiner Ausgabe von „Blutkind“ als Bonusmaterial enthalten), die einen intensivieren Einblick in das Leben einer Banshee bietet und die ich interessierten LeserInnen wirklich an Herz legen möchte, da sie die etwas einseitige Betrachtung der Antagonistin aus „Blutkind“ relativiert.

Der siebte Band der Rachel – Morgan – Reihe wird mich trotz meiner Kritik bezüglich der Erzählweise nicht davon abhalten, weiterhin Abenteuer mit Rachel zu erleben. Dafür finde ich sie einfach zu erfrischend. Allerdings werde ich meine Erwartungen hinsichtlich sprachlicher Eleganz definitiv herunter schrauben. Ich kann interessierten LeserInnen nur raten, es mir gleich zu tun, denn die Romane rund um die Hexe sind wirklich aufregend und stellen solide Unterhaltungsliteratur dar, die (zumindest bei mir) durchaus eine emotionale Resonanz erzeugen. Es wäre einfach zu schade, auf die Welt der Hollows zu verzichten und Kim Harrisons Ideen keine weitere Chance zu geben.


Little Brother - Homeland: Roman (Heyne fliegt)
Little Brother - Homeland: Roman (Heyne fliegt)
von Cory Doctorow
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen Wehrt euch!, 12. Mai 2014
Meine erste literarische Begegnung mit dem Autor Cory Doctorow war einer dieser Zufälle im Leben, für die man im Nachhinein sehr dankbar ist. Sein Roman „Little Brother“ fiel mir auf einem Grabbeltisch einer großen deutschen Buchhandlungskette in die Hände; ich klopfe mir bis heute selbst dafür auf die Schulter, dass ich mir ab und zu die Zeit nehme, solche Tische mit preisreduzierten Büchern systematisch stapelweise durchzusehen.
Cory Doctorow schreibt sehr moderne Romane, die sich eingängig und nachvollziehbar mit Themen wie Datenschutz, Netzsicherheit und Privatsphäre beschäftigen. In „Little Brother“ zeigt er, wie schnell sich eine Stadt in einen Überwachungsstaat verwandeln kann und dass es nur beherzte Individuen wie Marcus Yallow braucht, um sich dagegen zu wehren. „Little Brother: Homeland“ ist nun die Fortsetzung von Marcus‘ Geschichte.

Zwei Jahre nach den Ereignissen in San Francisco, die Marcus Yallow zu einer Berühmtheit in der Hackerszene gemacht haben, sieht das Leben des jungen Computerspezialisten weniger rosig aus als erwartet: er musste sein Studium abbrechen, findet einfach keinen Job und auch seine Eltern sind arbeitslos geworden. Trotzdem fährt er gemeinsam mit seiner Freundin Ange auf das Burning Man Festival. Es ist dieses Festival mitten in der Wüste, das seine Existenz sogleich verbessert als auch verkompliziert: zwar wird ihm endlich ein Job als Webmaster bei einem unabhängigen Kandidaten für die Senatorenwahl anboten; doch trifft er dort auch Masha wieder, die ihm einen USB – Stick mit hochsensiblen Regierungsdaten übergibt. Marcus muss nun entscheiden, was er mit den Daten anstellt; veröffentlicht er sie, riskiert er damit erneut seine Sicherheit und gleichzeitig seine neue Anstellung. Während er noch darüber grübelt, wie er die Wahrheit ans Licht bringen kann, ohne selbst abermals ins Fadenkreuz der Regierung zu geraten, wird ihm die Entscheidung abgenommen: sein Laptop und das Netzwerk, in dem er die Daten aufarbeiten wollte, werden gehackt und Unbekannte stellen die Informationen für jeden sichtbar ins Internet. Die Lage spitzt sich dramatisch zu und Marcus muss wieder einmal einen Ausweg aus einer Situation finden, in der ihm sowohl die Regierung als auch wirtschaftliche Unternehmen auf den Fersen sind.

Ich bewundere Cory Doctorow zutiefst für seine Fähigkeit, komplizierte technische Vorgänge so zu erklären, dass sie im Grunde auch ein Laie verstehen kann. Er weckt in mir das Interesse und die Neugier für Programmierung und Hacking; er macht mich darauf aufmerksam, dass ich noch viel mehr für meine eigene Sicherheit im Netz tun kann und er vermittelt mir eine Ahnung davon, wie und wo ich anfangen kann, meine Kenntnisse zu erweitern. „Homeland“ führt den Aufruf des ersten Bandes „Little Brother“ nahtlos fort, sich für ein freies und offenes Netz einzusetzen. Der gesamte Roman strotzt nur so vor intelligenter Kritik an Regierung und Wirtschaft und demaskiert das amerikanische System schonungslos. In einer Zeit, in der wir uns in Deutschland mit den Veröffentlichungen des Whistleblowers Edward Snowden und dem daraus resultierenden NSA – Skandal auseinander setzen müssen, verdeutlicht Cory Doctorow scharfsinnig, dass die Datensammelwut von Regierungen und Unternehmen das Symptom eines wesentlich größeren Problems ist. Wir müssen Einschnitte in unsere Privatsphäre nicht kommentarlos hinnehmen, wir können uns wehren. Diese Botschaft wird durch Doctorows äußerst sympathischen und lebensechten Protagonisten übertragen; Marcus ist eine wunderbar ausgearbeitete, runde Figur. Glaubhaft lässt der Autor ihn zwischen seinem Gewissen und seinen Ängsten stehen; er hadert mit der immensen Verantwortung, die er unfreiwillig trägt.
Darüber hinaus haben mich die Ausmaße der beschriebenen Demonstrationen regelrecht mitgerissen; ich bekam eine Gänsehaut, als ich mir vorstellte, wie es sein muss, mit hunderttausenden von Menschen gemeinsam für das gleiche Ziel auf die Straße zu gehen. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ich das eines Tages selbst erleben darf.

„Little Brother: Homeland“ bekommt von mir ohne zu zögern fünf Sterne, weil der Roman mich wirklich berührt und auch beeinflusst hat. Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch bleibende Spuren bei mir hinterlässt, die über simplen Unterhaltungswert hinausgehen, doch Cory Doctorows Thriller hat es geschafft. In meinen Augen ist es ein wichtiges Werk, das den Zeitgeist zielsicher erfasst und für die aktuellen Problematiken unserer modernen Gesellschaft sensibilisiert.
Ich möchte sowohl „Homeland“ als auch den Vorgänger „Little Brother“ allen LeserInnen ans Herz legen, auch denjenigen, die mit Hardware und Software eigentlich nichts am Hut haben. Beide Romane sind tolle Einsteigerwerke in die faszinierende Welt der Programmierung, die von Cory Doctorow anhand einer spannenden und mitreißenden Handlung leicht verständlich dargestellt wird.


Rot & Ruin
Rot & Ruin
von Jonathan Maberry
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,30

4.0 von 5 Sternen Ein Buch voller Herz... auch wenn es nicht mehr schlägt, 12. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rot & Ruin (Taschenbuch)
Ich tue mich mit Zombies in der Literatur ein wenig schwer. Ich finde Handlungen im Umfeld einer solchen Apokalypse oft unlogisch und langweilig, denn die Figuren stellen sich teilweise einfach richtig blöd an. Die Zombies sind in der Regel langsam und dumm, da sollte es intelligenten, zu schneller Bewegung fähigen Lebewesen eigentlich nicht schwer fallen, sich einen Plan zu überlegen, wie man das Ganze denn überleben könnte, ohne aufgefressen zu werden.
Dem ersten Band der Benny – Imura – Reihe „Rot & Ruin“ wollte ich trotz meiner Skepsis eine Chance geben, weil ich die Idee, dem Protagonisten Benny eine Lektion über Menschlichkeit anhand der Zombies zu erteilen, originell und interessant fand.

14 Jahre sind vergangen seit der Nacht, in der sich die lebenden Toten das erste Mal erhoben. Benny Imura war damals noch ein Baby, doch er hütet seine Erinnerung an die Erste Nacht wie einen Schatz. Die Nacht, in der seine Eltern starben und seine Mutter ihn in die Obhut seines großen Halbbruders Tom übergab. Benny ist fest überzeugt, dass Tom ein elender Feigling ist, weil er Bennys Mutter sterben ließ und weglief, statt ihr zu helfen.
Als Benny sich gezwungenermaßen einen Job suchen muss, damit seine Rationen nicht gekürzt werden, ist er alles andere als begeistert, dass ihm keine andere Wahl bleibt, als in das Familiengeschäft einzusteigen, denn das bedeutet, mit Tom arbeiten zu müssen. Außerdem kann Tom wohl kaum ein so cooler Zombiejäger sein wie Charlie Matthias. Oder?
Benny begleitet Tom in die Wildnis, hinaus in das „Rot & Ruin“ hinter dem Zaun, der ihre Stadt vor den Zombies schützen soll. Was er dort erlebt, ändert seine Meinung und Sichtweise radikal. Er muss einsehen, dass er seinen eigenen Bruder nicht kennt und was es wirklich bedeutet, ein Mensch zu sein.

„Rot & Ruin“ hat mich von Beginn an absolut begeistert. Jonathan Maberry hat eine sehr elegante Methode gewählt, um seine LeserInnen in die Gesellschaft seiner Zombie – Postapokalypse einzuführen: er lässt Benny verschiedene Jobs ausprobieren, bevor er in das Familiengeschäft einsteigt. So erklärt er wesentliche Aspekte von Bennys Umfeld, ohne langatmig zu sein oder sich von der Handlung zu distanzieren. Diese baut er feinfühlig mit mehreren Spannungskicks auf, er scheint ein Faible für Geheimnisse zu haben und konnte meine Neugier zielsicher immer wieder neu entfachten. Darüber hinaus fühlte ich mich in der von Maberry geschaffenen Atmosphäre sofort wohl; ich hatte keinerlei Probleme, mir Bennys Heimat Mountainside oder das „Rot & Ruin“ vorzustellen.
Dies trifft auch auf die Figuren des Romans zu, besonders Benny fand ich extrem realistisch. Ich hatte keine Zweifel an der Angemessenheit von Bennys Reaktionen und Handlungen. Er ist überaus glaubwürdig und durchlebt eine sehr deutliche Entwicklung, die, obwohl vielleicht etwas vorhersehbar, überzeugend ist. Dementsprechend sind natürlich auch Bennys Beziehungen nicht statisch, sondern entwickeln sich ebenso wie er selbst. Mir gefiel es sehr gut, wie weit seine Erfahrungen im „Rot & Ruin“ die Natur seiner Verbindungen beeinflussen, dass er von selbst hinterfragt und reflektiert und auch in der Lage ist, seine Meinung bezüglich Personen zu ändern.
Die Botschaft des Buches ist so deutlich wahrzunehmen, dass sie genauso gut in roten Leuchtlettern auf dem Cover stehen könnte. Bei manchen Büchern fällt es den LeserInnen vielleicht schwer, herauszufinden, was der Autor oder die Autorin eigentlich erreichen wollte, doch nicht so im Fall von Jonathan Maberry. Der gesamte Roman widmet sich der Tatsache, dass Menschen in der Lage sind, wirklich furchtbare Dinge zu tun und hierbei weitaus grausamer sind, als es ein Zombie je sein könnte. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, doch ich mochte deren Umsetzung und Einarbeitung sehr, daher ist das für mich kein Kritikpunkt.

Der Auftakt der Benny – Imura – Reihe hat mich komplett abgeholt und überzeugt. Für mich war es die richtige Entscheidung, es mit „Rot & Ruin“ zu versuchen, obwohl ich sonst kein großer Fan von Zombie – Romanen bin. Ich werde die Serie in jedem Fall weiter begleiten und habe die nächsten drei Bände bereits auf meine Wunschliste gesetzt.
Ich kann diese sehr besondere Zombie – Dystopie allen LeserInnen empfehlen, die eine spannende Handlung voller aufzudeckender Geheimnisse mögen und eine Menge vielschichtige, sich entwickelnde Charaktere zu schätzen wissen. Ich kann dem kleinen Zitat auf dem Cover meiner Ausgabe nur zustimmen:

„This book is full of heart… They just don’t beat anymore.“


Hounded (Iron Druid Chronicles, Band 1)
Hounded (Iron Druid Chronicles, Band 1)
von Kevin Hearne
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,50

5.0 von 5 Sternen Irische Mythologie und ein knackiger Druide, 12. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nach der Lektüre von „Hounded“ habe ich versucht, mich ein bisschen mit irisch – keltischer Mythologie und Religion zu beschäftigen. Ich wollte vor allem die von Kevin Hearne benannten Gottheiten recherchieren. Ich musste leider schnell einsehen, dass das kein so einfaches Unterfangen ist, wie ich es bisher von anderen Götterpantheons gewohnt war. Scheinbar ist die keltische Mythologie unheimlich komplex und das Göttergeschlecht der Túatha dé Danann, das in „Hounded“ auftaucht, ist nur ein winziger Bruchteil der hauptsächlich mündlich überlieferten Legenden. Ich bin ein bisschen traurig, dass ich Kevin Hearnes Recherchen dementsprechend nicht so leicht nachvollziehen kann; wie es aussieht, werde ich mir wohl mal ein Gesamtwerk zu dem Thema zulegen müssen, um zumindest einen groben Überblick zu erhalten.

In „Hounded“ begegnen die LeserInnen dem Druiden Atticus O’Sullivan – das ist natürlich nicht sein Geburtsname, schließlich ist Atticus 2.100 Jahre alt. Dank seiner magischen Kräfte, Intelligenz und seines Anpassungsvermögens hat er die Jahrhunderte überdauert und sieht dabei immer noch aus wie ein knackiger 21-jähriger Ire. In den letzten Jahren hat er sich in Arizona häuslich eingerichtet, betreibt einen kleinen okkulten Buchladen und verbringt seine Freizeit hauptsächlich mit seinem Wolfshund Oberon. Doch die Fesseln einer so langen Vergangenheit lassen sich leider nicht so einfach abschütteln: vor Jahrhunderten stahl Atticus von einem Schlachtfeld das machtvolle magische Schwert Fragarach, sehr zum Ärgernis des Gottes Aenghus Óg. Jetzt will Aenghus Fragarach um jeden Preis zurück und Atticus muss sich nach langer Zeit des Davonlaufens dem unausweichlichen Kampf stellen.

Die Geschichte, die Kevin Hearne in „Hounded“ erzählt, ist natürlich nicht neu: ein Individuum mit übernatürlichen Fähigkeiten gerät zwischen die Fronten der Götter und muss kämpfen, um zu überleben. Doch die Umsetzung ist so frisch und originell, dass es mir viel Spaß gemacht hat, Atticus zu begleiten. Wie bereits angedeutet kenne ich mich mit keltischer Mythologie überhaupt nicht aus, daher war die Welt eines Druiden für mich völlig neu und unbekanntes Terrain, was mir im Genre Urban Fantasy wirklich nicht oft passiert. Trotz dessen hatte ich keinerlei Probleme, mich in Hearnes Universum zurecht zu finden. Er lässt Atticus als Ich-Erzähler agieren, dadurch werden Götter, Supras und Atticus‘ (vergangenes) Leben beiläufig, aber einleuchtend erklärt. Zusätzlich stattete er den Druiden mit einem herrlichen Sinn für Humor aus, wodurch der gesamte Roman locker und leicht wirkt. Mir gefiel es außerdem besonders gut, dass Atticus nicht im Mindesten Schwierigkeiten hat, sich an die Moderne anzupassen. Er hat sich mehr oder minder perfekt in die heutige Zeit integriert, macht sich aber auch nie wirklich Gedanken darüber, dass seine wahre Identität aufgedeckt werden könnte. Ihn zeichnet eine gewisse, sehr sympathische Sorglosigkeit aus; er scheint fest daran zu glauben, mithilfe seiner Freunde und Verbindungen einfach jedes Problem lösen zu können, sei es nun die Beseitigung einer Leiche oder die Manipulationen der Götter.
Das Thema Götter beleuchtet Kevin Hearne aus einer sehr interessanten Perspektive: in seiner Darstellung existieren alle Götter aller Religionen parallel. Er deutet an, dass die wahrhafte Existenz eines Gottes von seiner Glaubensgemeinschaft abhängig ist; das heißt im Klartext „Glaubt niemand an dich, kannst du auch nicht existieren.“. Diese Idee kenne ich schon von Terry Pratchetts „Einfach göttlich“, doch auf unsere Welt bezogen fasziniert mich der Gedanke ungemein.

Kevin Hearne hat mir mit seinem Auftakt der Iron Druid Chronicles sehr viel Lesespaß bereitet. „Hounded“ ist ein innovativer, witziger Urban Fantasy Roman, der sich mit einer Mythologie auseinandersetzt, die man meines Erachtens nach nicht tagtäglich in der Literatur antrifft. Darüber hinaus glänzt der Protagonist Atticus durch Intelligenz, Charme und Herz; seine zahlreichen Gespräche mit seinem Wolfshund Oberon werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich möchte die Reihe unbedingt weiter verfolgen.
Ich kann „Hounded“ nur wärmstens an alle FreundInnen der Urban Fantasy empfehlen. Allerdings muss ich darauf hinweisen, dass der Autor männlich ist und sich das wieder einmal im Stil des Buches niederschlägt. Es gibt keine kitschig-romantischen Szenen, keine Erotik; Kevin Hearne setzte Prioritäten und konzentriert sich ausschließlich auf das Wesentliche seiner Geschichte. Ich finde das fabelhaft und ich bin überzeugt, unter meinen LeserInnen wird es ebenfalls einige geben, die einen Urban Fantasy Roman bar jeglicher Schwülstigkeit zu schätzen wissen.


Schiffbruch mit Tiger: Roman
Schiffbruch mit Tiger: Roman
von Yann Martel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Ein Buch wie das sanfte Schwappen der Wellen auf einem Ozean, 12. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Schiffbruch mit Tiger: Roman (Taschenbuch)
„Schiffbruch mit Tiger“ ist sicher vielen LeserInnen bekannt, zumindest als filmische Adaption „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ von 2012. Der Film wurde hoch gelobt und bekam eine Menge Auszeichnungen und Nominierungen; unter anderem erhielt er den Oscar für die beste Regie, die beste Kamera, die besten visuellen Effekte und die beste Filmmusik. Wenn ich mich recht erinnere, war es auch diese Oscar – Verleihung, bei der ich zum ersten Mal von diesem Film hörte, denn ich schaue mir den Event jedes Jahr an (alle haben eben so ihre Leichen im Keller). Damals war ich noch nicht völlig überzeugt von der Idee der Geschichte; ich konnte mir kaum vorstellen, dass es spannend oder interessant sein könnte, einem jungen Inder dabei zuzusehen, wie er schiffbrüchig auf offener See mit einem Tiger im Rettungsboot überlebt. Ich habe mich getäuscht. Nachdem ich den Film angeschaut habe, fand ich nicht einen einzigen Superlativ, der meine Begeisterung adäquat ausgedrückt hätte. Die Entscheidung, die Roman – Vorlage von Yann Martel lesen zu wollen, traf ich dementsprechend sehr schnell.

Die Handlung von „Schiffbruch mit Tiger“ ist leicht zusammengefasst, denn eigentlich ist schon der deutsche Titel extrem aussagekräftig: es ist die Geschichte des Inders Piscine „Pi“ Molitor Patel, der sich nach einem schweren Schiffsunglück in einem Rettungsboot wiederfindet. Allein. Mit dem Tiger Richard Parker. Es ist die Geschichte seiner unfassbaren, 227 Tage andauernden Reise; seines Überlebens mitten auf dem pazifischen Ozean; wie er der rauen See, dem launischen Wetter, Durst, Hunger, Kälte und einem ausgewachsenen bengalischen Tiger trotze, nur mit seinem Glauben und seinem Lebenswillen ausgestattet.

Ich befinde mich nach der Lektüre von „Schiffbruch mit Tiger“ in der gleichen Situation, in der ich mich auch nach dem Film befand: ich suche einen passenden Superlativ und finde einfach keinen, der wirklich angemessen wäre. Dieses Buch ist bezaubernd, es ist magisch, es ist das sanfte Schwappen der Wellen auf einem Ozean. Es ist hypnotisch, es ist Liebe. Liebe für schlicht und ergreifend alles: die Welt, das Leben, den Glauben, Gott, für jedes Lebewesen und jedes Wort. Manche LeserInnen mögen meine Vergleiche und Metaphern vielleicht kitschig finden, doch ich übertreibe nicht, wenn ich bekenne, dass ich keine andere Möglichkeit sehe, über diesen Roman zu schreiben. Franz Kafka sagte einmal „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“; „Schiffbruch mit Tiger“ hat diese Mission in mir voll erfüllt.
Yann Martel erzählt Pis Geschichte sensibel, atemberaubend, betörend und leidenschaftlich. Dabei liefert er den LeserInnen eine sehr intime Innenansicht seines Protagonisten, seiner Gedanken – und Gefühlswelt, die der Film aus offensichtlichen Gründen nicht bieten kann. Das ganze Buch über beherrschte mich das Gefühl, gemeinsam mit Pi in dieser kleinen Nussschale von einem Boot zu sitzen, seine Verzweiflung und auch seine Freude zu teilen. Der Autor erreichte diesen Effekt meines Erachtens nach vor allem durch seinen Schreibstil; es ist diese zauberhafte Mischung aus Ruhe, wunderschönen Bildern und Metaphern und grandiosem Witz, die mich nicht mehr losließ.
„Schiffbruch mit Tiger“ ist natürlich auch ein Buch, das intensiv zum Nachdenken anregt, weshalb ich es auch in die Kategorie „Philosophie“ einordne. Da Martel seinen LeserInnen zwei verschiedene Versionen von Pis Geschichte präsentiert, kann man für sich selbst entscheiden, welche Variante man glauben möchte. Es kommt nicht darauf an, welche Geschichte wahr ist; rein der Glaube ist bestimmend. Mich erinnerte diese Herangehensweise an das Erzählte stark an mein Lieblingszitat aus dem Film „Alice im Wunderland“ von 2010: „Manchmal denke ich bereits vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge.“. Etwas, das uns unmöglich oder unglaublich erscheint, kann trotzdem wahr sein. Wir selbst bestimmen die Grenzen unseres Denkens und unserer Fantasie.

Bevor ich nun noch weiter ins Schwärmen gerate, möchte ich diese Rezension mit einer von Herzen kommenden Empfehlung abschließen. Ich würde gern schreiben, dass dieses Buch für jede/n etwas ist, doch das ist leider nicht korrekt. Ich vermute, dass sehr rationale LeserInnen mit „Schiffbruch mit Tiger“ nichts anfangen können, denn es erfordert ein gewisses Vertrauen in den Glauben und die Fantasie. Man muss sich vorstellen können, dass eine 227 Tage lange Reise mit einem Tiger in einem kleinen Rettungsboot möglich ist; nicht eine Sekunde darf man an Pis Geschichte zweifeln, um sie genießen zu können. Die Schönheit dieses Romans liegt nicht in seiner Logik oder Kohärenz, sie liegt darin, dass Pis Überleben ein Wunder ist. Und Wunder muss man nicht erklären oder analysieren.


Ashfall (Ashfall Trilogy)
Ashfall (Ashfall Trilogy)
von Mike Mullin
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

4.0 von 5 Sternen Realistische Dystopie, 16. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ashfall (Ashfall Trilogy) (Taschenbuch)
Auf dem Cover meiner Ausgabe von „Ashfall“ von Mike Mullin findet sich folgendes Zitat vom Autor Michael Grant:

„The scariest apocalypse is one that could really happen. “

Ich kann dieser Aussage nur zustimmen; ihr Inhalt ist einer der Gründe, warum ich eine so ausgeprägte Schwäche für Dystopien habe. Es ist schwer zu erklären, was mich an negativen Zukunftsvisionen so fasziniert, doch ich schätze, dass die Vorstellbarkeit hierbei eine erhebliche Rolle spielt. Dystopien loten die verschiedenen Möglichkeiten aus, wie sich unsere Gesellschaft unter bestimmten Umständen entwickeln könnte; es gefällt mir, mir vorzustellen, wie ich selbst innerhalb dieser Entwicklung überleben könnte und mich verhalten würde.

„Ashfall“ von Mike Mullin beleuchtet eine sehr realistische Variante einer möglichen Apokalypse: bekanntermaßen befindet sich unter dem Yellowstone – Nationalpark im Westen der USA ein Supervulkan. Dieser bricht unvorhergesehen aus und überzieht das gesamte Land mit Dunkelheit, giftiger Asche und Chaos. Damit ruiniert die Eruption auch die Wochenendpläne des 15-jährigen Alex Halloran aus Cedar Falls in Iowa, den seine Eltern allein zu Hause ließen, während sie mit seiner kleinen Schwester seinem Onkel Paul im Nachbarstaat Illinois einen Besuch abstatten wollten. Nachdem das Haus der Familie von einem riesigen Felsbrocken getroffen wurde, beschließt Alex, sich auf eigene Faust zu Fuß auf den Weg nach Illinois zu machen. Seine Reise ist lang, beschwerlich und gefährlich, doch glücklicherweise begegnet Alex der 18-jährigen Darla, die ihm mehrfach das Leben rettet und ihn auf seinem Marsch nach Warren, Illinois begleitet. Gemeinsam müssen sie sich den Auswirkungen der Eruption stellen; können sie in der postapokalyptischen Welt überleben und Alex‘ Familie ausfindig machen?

Während der Lektüre von „Ashfall“ bemerkte ich, dass ich durchgängig Probleme hatte, meine Konzentration aufrecht zu erhalten. Ich habe lange gerätselt, woran das lag, denn eigentlich gefiel mir der Roman gut. Ich kam zu folgendem Schluss: der Spannungsbogen der Handlung ist konstant niedrig. Es gibt in „Ashfall“ wenig überraschende Momente, da Mike Mullin sich hauptsächlich auf die Darstellung des alltäglichen Kampfes in der postapokalyptischen Welt nach der Eruption konzentrierte. So sind die Protagonisten Alex und Darla eher selten zwischenmenschlichen Konflikten ausgesetzt, was in einen recht unspektakulären Handlungsverlauf resultiert. Der Fokus liegt auf den Folgen des Vulkanausbruchs; das heißt, der Leser begleitet Alex und Darla bei ihrem Kampf gegen Kälte, Durst, Hunger und toxische Asche. Hinzu kommen natürlich noch die von der Asche ausgelöste Dunkelheit (bzw. das Zwielicht) und die Isolation von der Welt. Vor diesem Hintergrund ist „Ashfall“ wirklich toll geschrieben; Mullin demonstriert eindrucksvoll, wie das Leben nach dem Ausbruch eines Supervulkans aussehen könnte. Seine Interpretation der möglichen Konsequenzen ist gut recherchiert, im Anhang meiner Ausgabe gibt er sogar eine kurze Übersicht über seine Quellen. Tatsächlich bin ich geneigt, mir eines der Bücher zuzulegen und mehr über die Materie Supervulkane zu lernen. Die Charaktere des Romans sind Sympathieträger; an Alex mochte ich besonders, dass er so herrlich normal ist. Er ist ein Durchschnittsjugendlicher, der im Grunde keine speziellen Überlebensfähigkeiten hat, von seiner Ausbildung in Taekwondo mal abgesehen. Dadurch wirken seine Reaktionen real und nachvollziehbar. Eine Figur, die so alltäglich ist, läuft schnell Gefahr, stereotyp zu sein; Alex ist es jedoch nicht, seine Normalität lässt ihn stattdessen lebendig wirken. Dem gegenüber steht die super toughe Darla, die schon seit Jahren eine Farm allein bewirtschaften musste. Darla ist handwerklich begabt und praktisch veranlagt; obwohl ich die Erklärung für ihre Fähigkeiten ein wenig dünn fand, behindert das die Identifikation mit ihr nicht. Die Beziehung zwischen dem Leser und Alex ist zwar deutlich intensiver, doch Darla fügt der Geschichte eine handfeste Facette hinzu und darüber hinaus fungiert sie als Alex‘ Lehrerin.

Insgesamt gefiel mir „Ashfall“ gut, meine Konzentrationsschwierigkeiten rührten vermutlich daher, dass ich eine aufregendere Geschichte erwartet hatte. Mike Mullins Roman überzeugt dementsprechend weniger durch die Handlung, sondern eher durch den Realismus der dargestellten Umstände. Ich kann dieses Buch daher Lesern empfehlen, die konkrete Dystopien mögen und bereit sind, dafür auf eine rasante Handlung zu verzichten.


Die Zahlen der Toten: Thriller
Die Zahlen der Toten: Thriller
von Linda Castillo
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

3.0 von 5 Sternen Ungewöhnliches Setting, genretypische Charaktere, 16. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Zahlen der Toten: Thriller (Taschenbuch)
Ich mag keine Krimis. Sie sind mir einfach zu langweilig. Das liegt vermutlich daran, dass Polizeiarbeit weitaus weniger spannend ist, als es einschlägige Fernsehserien behaupten. Überwachungen sind langwierig und erfordern Geduld. Der Papierkram, den ein Polizist regelmäßig abliefern muss, ist umfangreich. Detaillierte Recherchen sind das tägliche Brot des Ordnungshüters. Um mich trotzdem bei der Stange zu halten, braucht ein literarischer Kriminalfall für mich einen wirklich brutalen Mörder, der im besten Fall noch mit einer psychischen Störung ausgestattet ist. Die Psychologie des Abnormen ist der Grund, warum ich Thriller gern lese, obwohl ich Krimis ablehne. In den letzten Jahren nahm mein Konsum dieses Genres jedoch stark ab, weil ich feststellte, dass es mir wenig Neues zu bieten hat. Auch für Thriller scheint es ein prinzipielles Rezept zu geben, das bestimmt, welche Zutaten unbedingt zusammen gerührt werden müssen, um einen gewissen Erfolg zu garantieren. Das mündete bei mir in dem Gefühl, schon alles gelesen zu haben und nicht mehr überrascht werden zu können.

Da ich allerdings vorerst keine Lust auf Fantasy im weitesten Sinne hatte, versuchte ich es trotzdem mit „Die Zahlen der Toten“ von Linda Castillo. Dieser Thriller spielt im tiefsten Winter in dem verschlafenen Nest Painters Mill, Ohio. Painters Mill zeichnet sich durch einen erheblichen Anteil amischer Bewohner aus, zu denen einst auch der Chief of Police, Kate Burkholder zählte. Doch ein grausamer Vorfall in ihrer Jugend trieb sie aus den Armen ihrer Gemeinde, hinein in die „englische“ Welt. 16 Jahre später geht ein sadistischer Frauenserienmörder in Painters Mill um, dessen Vorgehensweise Kate auf erdrückende Weise an ihre Vergangenheit erinnert. Als Polizeichefin muss sie nun den Mörder finden und gleichzeitig versuchen, ihr dunkles Geheimnis zu bewahren. Kann Kate den Balanceakt zwischen Verpflichtung und Vertuschung meistern?

Wie ich es erwartet hatte, weist auch „Die Zahlen der Toten“ die üblichen Handlungsstränge und Charaktere auf, die in den meisten Thrillern zu finden sind. Im Vordergrund steht Kate, aus deren Ich-Erzählperspektive Linda Castillo den Großteil der Geschichte stemmt. Aufgelockert wird diese Strategie durch kurze Sequenzen, in denen ein auktorialer Erzähler einspringt und die Perspektive anderer Figuren schildert, darunter natürlich auch der zunächst anonyme Mörder. Auf dieser Ebene hält der Roman also nichts Neues bereit und setzt auf eine altbewährte Praxis. Ungewöhnlich ist hingegen das Setting, wobei ich hierbei nicht auf die Kleinstadtidylle anspiele, sondern auf die amische Gemeinde. Die Idee, in dieser Umgebung bestialische Morde passieren zu lassen, fand ich erfrischend und begründet überhaupt erst meine Entscheidung, mir diesen Thriller zuzulegen. Während der Lektüre kam mir zu Gute, dass ich mich bereits lange vor dem Roman mit der amischen Glaubensgemeinschaft auseinander gesetzt hatte und dementsprechend wusste, in welchem Rahmen Castillo schreibt. Lesern, die noch nicht in diese Richtung recherchiert haben, rate ich, das unbedingt VOR dem Griff zu „Die Zahlen der Toten“ zu tun, denn die Autorin setzt einiges Wissen voraus. Wer noch nie von den Glaubensgrundsätzen der Amischen gehört oder gelesen hat, wird nur einen kleinen Einblick in deren Leben erhalten, der den Leser unter Umständen unbefriedigt zurück lässt. Ich bin der Ansicht, dass Castillo aus diesem Detail ihres Thrillers noch weit mehr hätte herausholen können und die Amischen als zu selbstverständlich und nebensächlich darstellt. Grade außerhalb den USA ist diese Glaubensrichtung recht unpopulär; ich hätte mir daher eine intensivere Beschäftigung mit diesem Thema gewünscht. Die Konstruktion des Charakters der Protagonistin ist regelrecht bilderbuchhaft: Kate ist ungeduldig, explosiv, ehrgeizig, aufopfernd und fast schon obsessiv hinsichtlich der Lösung des Falls. Komplettiert wird die Gestaltung durch eine schwierige Vergangenheit, die Kate isoliert leben lässt und dadurch die Beziehung zu ihrem männlich Gegenstück, Agent John Tomasetti, schon von Beginn an vorzeichnet. Diese Entwicklung war absolut vorhersehbar; ich habe bis heute nicht begriffen, warum ein Thriller offenbar partout eine romantisch-erotische Facette braucht. Ich hätte darauf auch sehr gut verzichten können. Der Fall an sich ist spannend und ziemlich verzwickt; ich konnte die Identität des Mörders nicht allein aufdecken, was ich in diesem Genre immer als positiv einschätze.

Im Fazit lässt sich sagen, dass „Die Zahlen der Toten“ einen soliden Thriller darstellt, der für Kenner des Genres jedoch wenige Überraschungen bereithält. Der Kriminalfall ist spannend und das Setting wie bereits erwähnt ungewöhnlich, die Charaktere sind allerdings definitiv genretypisch. Ich schätze diesen Roman als entspannten page-turner für Zwischendurch ein, der dem Leser nicht viel abverlangt und sich daher beispielsweise gut als Urlaubslektüre eignet.


Die Macht des Zweifels: Roman
Die Macht des Zweifels: Roman
von Jodi Picoult
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Wie weit würdest du gehen?, 16. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Macht des Zweifels: Roman (Taschenbuch)
Es gibt Autoren, von denen man als Leser bereits im Voraus weiß, was man erwarten kann. Das kann sowohl gut als auch schlecht sein. Die positiven Fälle enden bei mir schnell damit, dass ich mir Stück für Stück alle Werke des Autors oder der Autorin zulege. Jodi Picoult ist so ein Fall. Ich begann mit ihrem 2009 verfilmten Drama „Beim Leben meiner Schwester“, das sicher viele kennen. Von diesem Buch war ich so begeistert und berührt, dass ich mir drei weitere Romane aus ihrer Feder besorgte. Ich wurde von keinem der Bücher enttäuscht.

„Die Macht des Zweifels“ war nun vorerst der letzte noch ungelesene Jodi Picoult – Roman, der in meinem Regal zu finden ist. In diesem begleitet der Leser die erfolgreiche Staatsanwältin Nina Frost, die zwar ein stressiges, aber glückliches Leben mit ihrem Mann Caleb und ihrem 5 – jährigen Sohn Nathaniel führt. Doch eines Tages verliert Nathaniel von heute auf morgen die Fähigkeit zu sprechen. Nina und Caleb klappern mit ihrem Sohn verschiedene Ärzte ab, bis sich bei einer Psychologin herausstellt, dass das Undenkbare geschehen ist: Nathaniel wurde sexuell missbraucht. Nina ist außer sich; ist sie als Staatsanwältin doch auf die Verurteilung von Sexualstraftätern spezialisiert und weiß um die (Un-)Möglichkeiten des Rechtssystems. Zwischen der Suche nach dem Täter und dem Ringen mit einem unzulänglichen System steht Nina nun nicht mehr als Vertreterin des Staates, sondern als verzweifelte Mutter, die sich die Frage stellen muss, was sie bereit ist zu tun, um ihren kleinen Sohn zu schützen.

Jodi Picoult hat die unglaubliche Fähigkeit, den Leser bereits mit dem ersten Satz in ihre Geschichten hinein zu saugen und ihn/sie nicht mehr loszulassen, bis diese zu Ende erzählt ist. Die Handlung von „Die Macht des Zweifels“ ist von der ersten Sekunde an spannend und fesselnd, weil sie so realistisch ist. Außerdem schildert Picoult die Geschehnisse mit einer beeindruckenden Autorität, so dass ich nie auch nur auf die Idee kam, die Abläufe in Frage zu stellen. Dies wird dadurch unterstützt, dass sie kontroverse Themen generell nie eindimensional betrachtet, sondern sich immer bemüht, alle Seiten ausgewogen zu beleuchten. Sie zeigt die vielen Graustufen einer Welt, die wir allzu gern leichter Hand in schwarz und weiß einteilen möchten. In meinem Fall führte das während der Lektüre von „Die Macht des Zweifels“ dazu, dass ich mich oft selbst dabei erwischte, mich zu fragen, wie ich gehandelt hätte, wäre ich in die gleiche Situation geraten wie Nina. Ich betrachtete die Handlung des Buches nie distanziert; war nie nur Zaungast, sondern fühlte mich in die Ereignisse eingebunden und konnte Verständnis für die Positionen und Meinungen aller Charaktere entwickeln. Darüber hinaus gefiel es mir (wieder einmal) sehr gut, dass Picoult wahre Freude an Perspektivwechseln zu haben scheint, die nicht nur die Charaktere betreffen, sondern auch die Herangehensweise an eine Straftat wie den sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Der Leser erfährt sowohl wie so ein Fall von der Polizei betrachtet wird – welche Vorschriften beispielsweise einzuhalten sind – als auch die Sichtweise des Justizsystems. Doch auch bezüglich der Figuren bietet die Autorin ein breites Spektrum an Identifikationsmöglichkeiten an. Alle Frontdarsteller bekommen durch einen auktorialen Erzähler einen gleich hohen Stellenwert eingeräumt. Die Ausnahme bildet Nina, da sie der einzige Charakter ist, dessen Erlebniswelt aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert wird. Die Bindung an sie ist daher am intensivsten; der Leser ist aufgefordert, sich in sie hinein zu versetzen. Das ist problemlos möglich und geschieht fast automatisch; hier zeigt sich meines Erachtens nach Jodi Picoults größte Stärke: sie erschafft sensibel und einfühlsam so tiefe und runde Charaktere, dass ich das Gefühl hatte, sie könnten jederzeit zwischen den Seiten hervor springen. Dementsprechend sind auch die dargestellten zwischenmenschlichen Beziehungen überaus real und lebendig. Die Bindung zwischen Nina und Nathaniel konnte sogar mir, die noch nicht einmal einen Kinderwunsch entwickelt hat, die Gefühle einer verzweifelten Löwin von Mutter nahe bringen. Selbst ich konnte Ninas Entscheidungen und Handlungen nachempfinden und habe mit ihr gefühlt und gelitten.

In meinen Augen liegen Leser mit einem Roman von Jodi Picoult niemals daneben, wenn sie sich sehr realistische, vielschichtige Handlungen und Charaktere wünschen, die zum Nachdenken anregen. In ihrem Schreibstil meine ich einige Parallelen zu Joyce Carol Oates erkannt zu haben; auch in ihren Werken findet sich eine erstaunliche psychologische Tiefe, wenn auch nicht die gleiche sprachliche Eleganz und Fantasie. Ich kann „Die Macht des Zweifels“ dementsprechend nur wärmstens empfehlen; persönlich habe ich bereits direkt nach der Lektüre den nächsten Roman aus Jodi Picoults Feder auf meine Wunschliste gesetzt.


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