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Rezensionen verfasst von
Opernglas (Berlin)

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Schriften zur Sprache (Reclams Universal-Bibliothek)
Schriften zur Sprache (Reclams Universal-Bibliothek)
von Michael Böhler
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,80

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "[...], dass der Mensch von der Sprache immer in ihrem Kreise gefangen gehalten wird...", 14. Februar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Reclam-Heftchen versammelt einige sprachphilosophische und -forscherische Schriften von W. v. Humboldt. Dabei stellt die "Einleitung zum Kawi-Werk" den umfangreichsten Text dar. Ohne die teils philosophischen, teils eher wissenschaftlichen Texte näher durchleuchten zu wollen, soll an dieser Stelle das Lob der Antezipation sprachlicher Erkenntnisse Humboldts ausgesprochen werden. Schon im ersten Text "Über Denken und Sprache" zeigt sich die simple und doch so plausible Hinführung des Denkens zur Sprache, "die sinnliche Bezeichnung der Einheiten [des Denkens]". Und wie sehr erinnert in "Thesen zur Grundlegung einer Allgemeinen Sprachwissenschaft" ein Satz an Wittgenstein, wenn H. schreibt: "Jede Sprache setzt dem Geist derjenigen, welche sie sprechen, gewisse Grenzen, schließt, insofern sie eine gewisse Richtung gibt, andre aus." Einen derridaschen Gedanken nimmt H. vorweg in "Über den Dualis": "Die Sprache trägt Spuren an sich, dass bei ihrer Bildung vorzugsweise aus der sinnlichen Weltanschauung geschöpft worden ist, oder aus dem Inneren der Gedanken, wo jene Weltanschauung schon durch die Arbeit des Geistes gegangen war." Der größte Text, d.h. "Einleitung zum Kawi-Werk", ist auch der vielschichtigste, versucht Sprache zu systematisieren in ihren wissenschaftlich-linguistischen Disziplinen. H. definiert Sprache genetisch: "Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia)." H. nennt die Sprache das Organ des Gedanken und schreibt weiter in einer quasi-phänomenologischen Weise: "Die Tätigkeit der Sinne muss sich mit der inneren Handlung des Geistes synthetisch verbinden, und aus dieser Verbindung reißt sich die Vorstellung los, wird, der subjektiven Kraft gegenüber, zum Objekt und kehrt, als solches auf neue wahrgenommen, in jene zurück." Die Sprache wird ihm zum epistemonologischen Mittel zum Zwecke des Verstehens, obschon er erkenntniskritisch äußert: "Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen." Sehr extensiv entwickelt H. auch Ansätze zur Lautforschung und meint, dass die Lautform der Ausdruck sei, welchen die Sprache dem Gedanken erschafft. H. ordnet die Sprache zudem einer Semiotik unter, versucht zwischenmenschliche Kommunikation nicht als das Sich-Hingeben der Zeichen der Dinge zu begreifen sondern Begriffserzeugungen im Sinne derselben "Taste ihres geistigen Instruments" zu erfassen...

Die Texte bieten viele spannende Einblicke in die Sprache. Für Sprachinteressierte eine sehr wichtige Fundgrube an Vorwegnahmen, Hypostasen und überwältigender, humbolt-geistiger Tiefgänge.


Bewusstsein: Philosophie, Neurowissenschaften, Ethik (Uni-Taschenbücher S)
Bewusstsein: Philosophie, Neurowissenschaften, Ethik (Uni-Taschenbücher S)
von Christoph Herrmann
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geist und Bewusstsein, 2. Februar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Herausgeber des Bandes versammeln eine Reihe von Aufsätzen und Beiträgen zum Thema Bewusstsein. Die Besprechung dieser ist hier nicht möglich. Interessant ist, dass zunehmend mit der Konvergenz von Philosophie (des Geistes) und Wissenschaften (u.a. Neurophysiologie, Kognitionswissenschaften etc.) eine naturalistische (reduktionistische) bis hin zu monistische Anschauung Oberhand gewinnt: "Es käme nicht darauf an, OB eine Handlung determiniert ist, entscheidend wäre vielmehr, WIE sie determiniert [...] ist." Willens- und Handlungsfreiheit geraten immer mehr in das Visier kausalistisch geprägter Erklärungsmodelle ("Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.") Im vorliegenden Band werden vor allem die Ergebnisse von Libets Experimenten zitiert. Hier kommt immer wieder die Frage ins Spiel. "... was neuronale Prozesse auszeichnet, die sich in mentalistischer Sprache als vernunftgeleitete Entscheidungen und zielgerichtete Handlungen beschreiben lassen." Das klassische Leib-Seele-Problem, die Irreduzibilität der inneren, subjektiven und qualitativen Phänomene der 1. Person lassen sich nicht objektivieren oder quantifizieren. Ein besonders beliebtes Beispiel im Buch ist die Farbwahrnehmung. Wir wissen nicht, welche evolutionäre Bedeutung das Erkennen von Grün oder von Rot für uns hat, obgleich es sich hierbei um eine Konstruktion von bestimmten physikalisch erklärbaren Reflexionen handelt.
Neben den Beiträgen zum Selbstbewusstsein werden ferner nichtmenschliche Bewusstseinsformen diskutiert sowie die Anwendungen und Praxisprobleme mit Fokus auf psychische Erkrankungen und Neurobionik.
Das Buch ist ein sehr umfangreiches und aktuelles Kompositum zum Thema und sehr empfehlenswert. Die Autoren vermögen es auch formal mit Abwechslungsreichtum und hoher Anschaulichkeit (s. Brief an den Zombie) den Lesenden zu stimulieren.


Hegels Phänomenologie des Geistes: Ein kooperativer Kommentar zu einem Schlüsselwerk der Moderne (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Hegels Phänomenologie des Geistes: Ein kooperativer Kommentar zu einem Schlüsselwerk der Moderne (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Wolfgang Welsch
  Taschenbuch
Preis: EUR 25,00

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jubiläumsausgabe zum 200-jährigen Erscheinen der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, 2. Februar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vieweg und Welsch geben diesen "kooperativen Kommentar" zum 200-jährigen Erscheinen der PG von Hegel heraus. Zahlreiche Autoren reihen sich mit ihren Beiträgen entlang der Werkstruktur ein, angefangen bei der Gesamtkonzeption über die Abschnitte Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Vernunft, Geist, Religion und das absolute Wissen. Ein Ausblick schließt den Band nach fast 700 Seiten. In der Tiefe sind einige Texte herausragend, andere tangieren Hegel nur oberflächlich und wieder andere setzen ihn und seine Phänomenologie ins Verhältnis zu anderen Klassikern (wie Wittgenstein...). Sehr interessant ist Försters "Hegels Entdeckungsreisen". Er kommentiert die Entstehung und den Aufbau der PG. So spekulativ, so spektakulär ist hierbei der Hegelsche Versuch das Selbstbewusstsein in seiner Bewegung aus der sinnlichen Gewissheit, der Wahrnehmung, der "Kraft" und des Verstandes usf. herauszuarbeiten, hin zum unglücklichen Bewusstsein, zu dem Hegel schreibt: "Das unglückliche Selbstbewusstsein entäußerte sich seiner Selbständigkeit und rang sein Fürsichseyn zum Dinge heraus. Es kehrte dadurch aus dem Selbstbewusstsein in das Bewusstsein zurück [!], d.h. in das Bewusstsein, für welches der Gegenstand ein Sein, ein Ding ist; aber dies, was Ding ist, ist das Selbstbewusstsein; es ist also die Einheit des Ich und des Sein, die KATEGORIE." Ohashi bestätigt dies in seinem Beitrag "Die Tragweite des Sinnlichen": "Dagegen bedeutet das Selbstbewusstsein bei Hegel, dass die Erfahrung des Bewusstseins mit seinem Gegenstand am Ende die Erfahrung des Bewusstseins mit sich selbst ist." Wir müssen in dieser rein deskriptiven Wiedergabe schon aber auch wertend hinzugeben, dass Hegel dies unter gewissen Aprioris von statten gehen lässt. Aber wie wird sich das Selbstbewusstsein seiner selbst bewusst? Quante zitiert Hegel an der richtigen Stelle in seinem Text "Die Vernunft unvernünftig aufgefasst": "Damit ist die Grundstruktur der Vernunft erreicht, die nach Hegel darin besteht, dass das Selbstbewusstsein sich nun 'seiner selbst als der Realtität gewiss' ist." Sieps Beitrag "Moralischer und sittlicher Geist in Hegels Phänomenologie" befasst sich mit der Ethik des Werkes. Er meint, Hegels Geistbegriff "soll die unbedingt geltenden, objektiven Sitten ebenso umfassen wie das Recht des Individuums, jede Wahrheitsthese und jede Norm der Prüfung seiner eigenen Vernunft und seines Gewissens zu unterwerfen." Er gewinnt Hegel ab, dass zur Souveränität des Gewissens ein Bewusstsein gehört, "dass an dem subjektiven Imperativ der Handlung kein Zweifel möglich ist. Die Unbedingtheit einer in der traditionalen Sittlichkeit göttlich gebotenen Handlung wird in der Moderne in das GEWISSEN selber verlegt." Zum nous, also (profan ausgedrückt) zu dem menschlichen Vermögen etwas geistig zu erfassen, meint Siep, dass dieser schon in der plotinischen Vostellung das System der notwendigen Ideen in sich enthält und dieser auch für Hegel gilt: "Daher ist auch das individuelle Verwirklichen des Guten letztlich nur ein Explizitmachen der in der Wirklichkeit schon enthaltenen Zweck- und Güterordnung." Schlösser ("Handlung, Sprache, Geist") geht der PG sprachphilosophisch auf den Grund: "In der Sprache, so Hegel weiter, ist sein 'Dasein eine Gegenständlichkeit, welche seine wahre Natur an ihr hat.'" Einer der Aufsätze nähert sich Hegel auch sprechakttheoretisch. Hinzu kommen viele andere Texte, die den Jubiläumskommentar zu einem Lesevergnügen machen, das den Horizont vor dem Hintergrund jenes tiefsinnigen Schlüsseltextes der Philosophie in angemessen würdiger Weise erweitert.


Negative Dialektik
Negative Dialektik
von Theodor W. Adorno
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Adornos Hauptwerk, 1. Februar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Negative Dialektik (Taschenbuch)
Die "Negative Dialektik" Adornos gehört in der Tat zu den schwierigen Werken der Philosophiegeschichte. Nach einer sehr langen, an die von Hegels PG erinnernde Einleitung folgen die drei Hauptteile des Buches: Verhältnis zur Ontologie, Negative Dialektik (Begriff u. Kategorien), Modelle. Die Struktur macht den Eindruck von Ordnung und Linie, aber beim Lesen fehlt m.E. eine eingehende Systematik. Dieses von Adorno bezeichnete Hauptwerk seines Schaffens lege den Grundstein zur Kritischen Theorie, heißt es; es impliziert demnach seine Programmatik, seine Methodik, seine Technik.
Im Wesentlichen diskutiert Adorno im verdichteten, hyperintellektuellen Text über den Heidegger (Ontologiekritik meint hier wesentlich Metaphysikkritik), über Kants transzendentale Dialektik und - naheliegenderweise - über Hegels Dialektik (die nicht mit dessen Phänomenologie zu verwechseln ist).
Der Vorwurf, den Adorno dem Heidegger macht - wir wissen, dass Adorno Heidegger stets auch zertrümmern wollte - ist dessen Erkenntnismangel infolge seiner tautologietrunkenen Hauptschrift. Was den Begriff der Dialektik so schwer macht, ist, dass Adorno ihn auf unterschiedliche Weise benützt. Wenn er schreibt: "Indem [das Einheitsdenken] auf seine Grenze aufprallt, übersteigt es sich. Dialektik ist das konsequente Bewusstsein von Nichtidentität", geht er gewiss auf die Hegelsche Dialektik ein, m.a.W.: die Affirmation im Sinne omnis determinatio est negatio. Was heißt das in concreto? Nichtidentität bedeutet ja, dass Ding und Begriff nicht zusammenfallen, da das Ding sowohl das ist, was es ist als auch das, was es nicht ist: "Aber Wahrheit, die Konstellation von Subjekt und Objekt, in der beide sich durchdringen [Adorno meint: transzendieren], ist so wenig auf Subjektivität zu reduzieren, wie umgekehrt auf jenes Sein..." Für Adorno ist das "Guckkastenmetaphysik: "In Wahrheit impliziert die Erkenntnis des Moments subjektiver Vermittlung im Objektiven Kritik an der Vorstellung eines Durchblicks aufs reine [von Kant negierte aber von Hegel so sehr evozierte] An sich..."
Was ist nun die Konsequenz? Wird dieses dialektische Bewusstsein kategorialer Anschauung transformiert auf den Geist der Gesellschaft, so vollzieht sich gewissermaßen eine Verlustigkeit der Identität in abstracto, m.a.W.: "Damit vollstreckt sich ein Stück Dialektik der Aufklärung: der entzauberte und konservierte Geist bildet sich dem Mythos an..." Das "Gruselige" daran ist, wie ich Adorno zu verstehen glaube, dass dieser epistemische modus operandi im Grunde sogar wieder irrational sei (vor dem Hintergrund aufklärerischer Vernunft, daher auch Horkheimers desavouierende Kritik der instrumentellen Vernunft), da "nach herrschendem Consensus [...] das Allgemeine seiner bloßen Form als Allgemeinheit wegen Recht haben" soll. Dieses Statthaben selbst auferzwungener Zustände konserviere das principium individuationis: "Das Individuum überlebt sich selbst." Und es entsteht das, was Freud mit "Unbehagen in der Kultur" bezeichnete. Negative Dialektik soll therapieren und das ipsoreflexive Denken zum Gegen-Sich-Denken erheischen, das Denken "verlangt seine Negation durchs Denken, muss im Denken verschwinden, wenn es real sich befriedigen soll, vertritt in der innersten Zelle des Gedankens, was nicht seinesgleichen ist."

Kein Faszinosum, kein Mysterium, kein Leuchten bleibt da zurück; nur des Autors zarathustrische Reminiszenz: "Der Gedanke, der vor dem elend Ontischen nicht kapituliert, wird von dessen Kriterien zunichte, Wahrheit zur Unwahrheit, Philosophie zur Narretei."


Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Norbert Elias
  Taschenbuch
Preis: EUR 30,00

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über den Prozess der so g. Zivilisation, 17. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe Elias' zweifelsohne monumentale Studie zum Zivilisationsprozess des Abendlandes mit gemischten Gefühlen gelesen. Ich denke, dass die zentrale These, die Elias verfolgt, die Behauptung aufstellt, dass es einen Fortschritt der Menschen (immer vor dem Hintergrund europäischer Geschichte) tatsächlich gibt, sich dieser im Begriff Zivilisation bzw. Zivilisierung verankern lässt und im Grunde keine lineare Abfolge von Wandlungen oder Veränderungen anstellt, sondern ein volatiler Prozess ist, der sich trendartig herausarbeiten lässt. Gesellschaftliche Entwicklung (also Soziogenese) ist aber nicht theoretisch fixier- und bestimmbar in dem Sinne, dass Menschen durch einen externen historischen Zivilisierungsprozess ihren eigenen strukturellen (persönlichen) Entwicklungen unterworfen sind; vielmehr ist der Mensch selbst maßgeblich am Figurationsprozess beteiligt, also aktives Element in der systemischen (und vor allem sukzessive rationalisierten) Gesellschaft ("fensterlose Monaden") mit all ihren Ausdifferenzierungen und Distinktionen. Kurz: Sozio- und Psychogenese sind schwer nach Ursache-Wirkung-Mechanismen zu analysieren und zu beurteilen, da es sich hierbei um Interdependenzrelationen und -verknüpfungen handelt.

Elias geht hierbei sehr induktiv vor, indem er faktische Sitten- und Handlungsmuster identifiziert und ihre historische Veränderung abzeichnet. Dabei wird schon deutlich, dass im Zuge normativ gesetzter Werte aber auch durch technische Innovation eine Form von psychogenetischer Internalisierung stattfindet, die das Individuum determiniert. Elias bezieht sich dabei auf komplexe Phänomene wie Sprache, aber eben auch auf Tischgewohnheiten, Spucken etc. Er erklärt das Zustandekommen von allmählichen "Peinlichkeitsschwellen" und dem unfrivolen Schamgefühl in der Sexualität zwischen Mann und Frau, dem "Zangeneffekt" infolge der Verschiebung von gesellschaftlicher und individueller Gewünschtheit resp. Wünsche. Gut auch, dass er auf das Christentum eingeht. Ist es heute so mächtig wie damals, ist offen ausgesprochen: "es hinderte sie auch nicht zu töten und zu plündern." Warum? Weil kirchliche Indoktrination eben weder zu Sitte noch zu Zivilisation führt, denn "Die Religion ist jeweils genau so 'zivilisiert', wie die Gesellschaft oder wie die Schicht, die sie trägt."

Dennoch bleiben viele Fragen offen. Was genau heißt Zivilisation? Ist der Archaische oder der Fernöstliche unzivilisiert? Wie korrespondiert dann der Begriff der Zivilisation mit dem der Kultur? Elias_ Denken bleibt zu sehr im Abendland verortet, schön wäre der Vergleich zum Morgenland gewesen. Und wie genau soll am Ende der so g. "Fortschritt" als terminus technicus definiert werden? Warum kam es denn nun zu sittlichen Sprüngen, oder zur notwendigen Umformung gesellschaftlicher Stati? Welche Medien haben dies begünstigt? Wie konnte eine hohe Kultur der Antike plötzlich in "Rücktritt" des Mittelalters verfallen? Worin sieht Elias hier ein Vorwärts der Menschheit?

Der zweite Band von Elias' Monumentalstudie zum Prozess der abendländischen Zivilisation ist grob in zwei Teile untergliedert. Zuerst erhält der Leser eine Geschichts-"Stunde" und damit Einblicke zur Soziogenese des Staates, d.h. der Entwicklung rational-bürgerlicher Herrschaftsformen nach Absolutismus und Feudalismus: Zentralisierung und Monopolisierung potenzieren Planbarkeit, also bewusste rationale Gestaltkraft. Im zweiten Abschnitt entwirft er seine Theorie der Zivilisation. Elias identifiziert eine Art Prinzip: "Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt." Der Einzelne ist gezwungen, sein Verhalten darauf abzustimmen. Elias entlarvt schon auch das faktische Nichtvorhandensein bzw. Anwesendsein der "Ratio" im soziogenetischen Figurationsprozess, "es gibt bestenfalls eine 'Rationalisierung'." (Triebregulierung, Affektreduktion, Scham und Peinlichkeit)

Doch wieder drängt sich dem Leser die Frage auf: gab es nicht auch vor der Feudalzeit und den mittelalterlichen Herrschaftssystemen hochkultivierte, rationalisierte Gesellschaftstypen? Worin liegt nun also der Unterschied zu den heutigen Gesellschaften? Ist es die Ausdifferenzierung von Wissen und entsprechenden Machtzentren, also die vom Staat unabhängige Genese dezentraler Institutionen mit Verfügungsrechten innerhalb ihres Subsystems, das dem Gesellschaftssystem untergeordnet ist? Das Streben hin nach Monopolisierung im Wettbewerb muss ganz klar auch für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts argumentieren. Aber wieder wird nicht ganz deutlich, was Ursache ist, was Wirkung. Natürlich steht alles irgendwie in Abhängigkeit zueinander. Aber es MUSS einfach Gründe geben, die eine Folgeinterdependenz überhaupt erst verursachen. Elias bezeichnet z.B. die Technik als Folge. Ich gehe damit nicht d'accord. Viele Fragen bleiben offen...

Elias schließt wieder mit den psychogenetischen Phänomenen und seiner sehr interssanten Theorie von der vom Menschen gemachten Angst. Wie hoffnungsvoll ist doch aber seine letzte formale Evokation von "Glück" und "Freiheit": "ein dauerhaftes Gleichgewicht oder gar den Einklang zwischen seinen gesellschaftlichen Aufgaben, zwischen den gesamten Aufgaben, zwischen den gesamten Anforderungen seiner sozialen Existenz auf der einen Seite und seinen persönlichen Neigungen und Bedürfnissen auf der anderen."


Transformation der Philosophie: Band I. Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik
Transformation der Philosophie: Band I. Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik
von Karl-Otto Apel
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was haben Heidegger und Wittgenstein eigentlich gemeinsam?, 14. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Hat man diese in der Headline genannten großen Denker des 20. Jahrhunderts gelesen und etwas kennengelernt, würde man eine ihr Denken gegenseitig ausschließende Inkommensurabilität vermuten. Zwar haben beide Philosophen Umbrüche (oder Kehren) gehabt, die sie jeweils in "jung" bzw. "früh" und "alt" bzw. "spät" einteilt, aber diese Oberflächlichkeit erwähnt Apel nur am Rande, um eine sehr tiefe, einzigartige und brillante Verbindung zwischen beiden Denkern zu entdecken.

Zuerst muss gesagt werden, was Apels Programm überhaupt ist: "Transformation der Philosophie" ist ein sehr abstrakter Titel und meint die "Transformation der Transzendentalphilosophie des Privat-Subjekts in eine Transzendentalphilosophie der Intersubjektivität". Die von Kant in der KrV geprägten Transzendentalphilosophie hat die Erkenntnis nicht der Gegenstände, sondern die als a priori vorausgesetzten Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis von Gegenständen zum Gegenstand (ich bin mir der Ironie dieses Satzes bewusst). Hierbei soll nicht etwa der Raum des Erkenntnisvermögens reflektiert werden, sondern die strukturellen Bedingungen der Erkenntnis, wobei Apel dies pragmatisch (d.h. in concreto transzendentalpragmatisch) programmiert, im Versuche also, die intersubjektive Handlungssphäre aus den transzendentalen Voraussetzungen (Aprioris) abzuleiten.

Im Wesentlichen stellt sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis im transzendentalen Sinne: Apel vermittelt zwischen den zwei Wie's der Anschauung vor dem Hintergrund (!) der Sprache: die grundlegend sprachanalytische (erklärende) und die sprachhermeneutische (verstehende) Seite. Dazu muss man sich eingestehen, dass intersubjektive Wahrheitsgehalte in Sätzen geformt überhaupt nur durch intersubjektive Kommunikation (vor allem Sprache) möglich ist und vorausgesetzt wird (Exkurs: Habermas wird z.B. vorgeworfen in seiner TkH die Sprachalternativen der Kommunikation zu sehr vernachlässigt zu haben; dieser würdigt Apel in seiner genannten Theorie). So heißt es an einer Stelle: "Die Sprache als intersubjektives Verständigungsmittel kann überhaupt keine anschaulich-bedeutsamen 'Inhalte' mitteilen, sondern ausschließlich 'Strukturen' [...]; die in der Sprache auftretenden deskriptiven Zeichen [...] stellen bloße 'Variable' dar, d.h. sie müssen [...] vom Kommunikationsteilnehmer erst im Sinne seiner privaten Bewusstseinswelt als Erlebnisinhalte ausgefüllt werden; das Sprachsystem muss durch die einzelnen jeweils in der Situation 'interpretiert' werden." Sprache in Korrelation zur Welterschließung lässt gelten: "Weltinhalt und Weltordnung, Erlebnis und Bewusstseinsform bauen sich in und durch die lebendige Sprache gegenseitig auf in einer Weise, die in jedem menschlichen Gespräch, auch in jeder einsamen Erkenntnis aktualisiert wird." Bemerkenswert ist Apels Schluss aus seiner Gehlen-Interpretation, dass Sprache "Institution der Institutionen" sei.

Der Clou ist - wie vorweggenommen - die "Zusammenstellung" der Namen Wittgenstein und Heidegger. "Während Heidegger [...] sowohl die allgemeine Seinsvergessenheit durch den Gesichtspunkt der 'ontisch-ontologischen Differenz' bekämpft", zeigt Wittgenstein, "dass die Logik unserer Sprache uns nur sinnvolle Aussagen über ontische (innerweltliche) Tatbestände erlaubt, nicht aber über das Sein bzw. das Seinsverständnis, das uns die Vorhandenheit dieser Tatbestände (der 'Sachverhalte' und 'Sachlagen') a priori 'freigibt'." Heidegger macht mit seiner Differenz unmissverständlich klar (und Apel gelingt hier eine ganz wunderbare Hermeneutik an dieser Stelle der Fundamentalontologie), dass die Zuhandenheit des Zeugs (Zeugwelt-Analyse Heideggers) pragmatisch zu verstehen ist, ex aequo die Wittgensteinsche Vorhandenheit der Tatbestände einem pragmatisch-intersubjektiven Ansatz folgt: beide nun also (der Vergleich geht noch wesentlich tiefer!) die Metaphysik verabschieden und ein Zeitalter des eben ONTISCHEN In-der-Welt-Seins einläuten...

Im zweiten Band der transzendentalphilsophischen Transformation in eine Transzendentalpragmatik bespricht Apel nun das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft und wirft kritische Fragen zu Wittgensteins Traktatus auf: "Wir können die logische Form der Sprache, die zugleich die logische Form der Welt ist,weder konstruieren noch antizipieren. Sie zeigt sich in allen Konstruktionsversuchen bereits als Bedingung der Möglichkeit der Konstruktion." Die Sprache kann als "Zeichen-Medium" nicht auf die logischen Bewusstseinsbedingungen der Erkenntnis reduziert werden, sie weist auf das "Leibapriori" der Erkenntnis, das im komplementären Verhältnis zum "Bewusstseinsapriori" steht. Diese Aprioris sind in sich also Voraussetzung in der Existenz von Kommunikationsgemeinschaften ("als intersubjektive Metadimension") im Apelschen Versuche, wissenschaftliche Erkenntnis in der Komplementarität der szientifischen und hermeneutischen Wissenschaften zum Thema zu machen.

Apel geht so auch auf die semiotische Transformation der Transzendentalen Logik ein: Wissenschafts-Sprachen sind "semantical frameworks" - Regeln a priori zur Beschreibung und Erklärung der "Dinge". Laut Apel umformuliert Peirce die Frage nach der Kantschen Transzendentalphilosophie zu jener "nach der Möglichkeit einer intersubjektiven Verständigung von Sätzen bzw. Satzsystemen". Apel geht nun sehr intensiv auf Peirce ein und reiht dann bedauerlicherweise - so zumindest lesen sich die letzten Abschnitte des Buches - verschiedene Passi ein, die zwar schon eine gewisse Synopsis zum Grundthema erkennen lassen, teilweise aber auch die sonst so strikte Linie des Werkes unterbrechen. So bindet der Verfasser eine Fallstudie zu Chomskys Sprachtheorie mit ein und leitet dann um auf die Konsequenzen seiner Theorie für die Ethik bzw. Diskursethik, die logische Aporetik der Letztbegründung, die Verwirklichung der idealen Kommunikationsgemeinschaft und vollzieht damit zumindest letzthin wieder einen abzuleitenden Output aus dem Apriori der Kommunikationsgemeinschaft.

Das Verdienst der Apelschen Transzendentalpragmatik ist demnach nicht nur der Versuch der Versöhnung der erklärenden und verstehenden Wissenschaften, sondern auch der Beitrag zur Diskursethik und - quod erat demonstrandum - der Geltungsanspruch von Letztbegründungen normativer Institutionen (sozusagen der Geltungsanspruch auf Geltungsansprüche entgegen des Münchhausen-Trilemmas). Dass Apel diesem Trilemma faktisch aber nichts entgegen zu setzen hatte, steht auf einem anderen Blatt Papier...


Geist, Sprache und Gesellschaft: Philosophie der wirklichen Welt (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Geist, Sprache und Gesellschaft: Philosophie der wirklichen Welt (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von John R. Searle
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Searles Welt, 8. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Searle gehört seit seiner Sprechakttheorie - auf die sich u. a. auch Habermas in seiner umfangreichen TkH bezieht - zu den wichtigsten, noch lebenden Intellektuellen vor allem hinsichtlich der Philosophie des Geistes. Das vorliegende Buch stellt ein Kompendium seines Denkens nach Jahrzehnte langer Forschung dar. Typisch für Searle ist die Verabschiedung des monistischen Materialismus sowie des Eigenschafts- respektive Substanzdualismus. Der externe Realismus stellt für Searle den Rahmen/Hintergrund dar, "der dafür nötig ist, dass es überhaupt nur möglich ist, Meinungen und Theorien über solche Sachen [...] zu haben." Die endgültige Wirklichkeit ist die physisch (und chemisch) beschreibare (in Form von ontologischen Entitäten bzw. ein So-und-so-Sein der Dinge in der Welt). Diese Welt ist in der dritten Person beschreibar. Phänomenal ist das Bewusstsein, ergo innere Zustände der 1. Person, die qualitativ und subjektiv sind. Die materielle und die mentale Welt müssen demnach nicht semantisch reduziert respektive moniert werden, denn es handelt sich offensichtlich um ein sprachanalytisches Problem. Der metaphysische Geist wird ausgetrieben, aber doch bleibt er irreduzibel. Searle wird phänomenologisch: Bewusstsein hat Intentionalität/intentionalen Gehalt (ein Zustand-Haben, Im-Vorgang-Sein). Weiter zeigt der Autor, wie Geist funktioniert (Ausrichtung, Erfüllungsbedingungen, intentionale Verursachung...). Dann springt er vom Geist zur Welt und führt die Begriffe "beobachter-abhängige sowie beobachter-unabhängige Welt" ein. Spannend ist auch die Beschreibung der gesellschaftlichen Konstituierung als Tatsache, also Wir-Interaktionen durch kollektive Intentionalität, Funktionszuweisung (die Normativität oder Teleologie fügen die Funktion der Verursachung erst zu!) und konstitutiven Regeln. Wie erfolgt diese Interaktion? Durch Handlungen, vor allem: Sprechhandlungen (illokutionär/perlokutionär). Mit seiner Domäne also schließt der Philosoph sein Büchlein...

Searle überrascht und überzeugt vor allem mit seinem flüssigen, einfachen und klaren Schreibstil. Er vermeidet Komplikationen, bleibt systematisch und strukturell geordnet und zeigt an vielen Stellen Humor. Sehr empfehlenswert für den Einstieg in sein Werk!


Ausgewählte Schriften (Reclams Universal-Bibliothek)
Ausgewählte Schriften (Reclams Universal-Bibliothek)
von Plotin
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,80

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plotin - Denker und Mystiker, 8. Januar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Plotin ist vor allem in mystischen Zirkeln ein großer und leuchtender Name. Doch zuallererst ist dieser Denker der späten Antike des 3. Jahrhunderts ein Rehabilitierender des (neu-)platonischen Systems, das ganz von Idealismus und Transzendenz durchtränkt ist (s. Platons Ideen- und Seelenlehre). Die vorliegenden Auszüge aus den Enneaden sind sehr rar ausgewählt.
Schon in der Schrift "Der Abstieg der Seele in die Leibeswelt" wird Plotins Philosophie deutlich: höchstes Sein ist Göttlich-Geistiges, das (zahlenlose) EINE, in Werten ist das EINE also auch das absolute Schöne und Gute und Ewige. Würden wir dieses EINE metaphorisch als Ozean verstehen, so wellen dessen Zungen in den Menschen hinein, "hinab" bis in das Materielle und damit Geistlose, worin auch die Potenz zur Hässlichkeit und zum Bösen inne wird. Der Mensch ist etwas Dreifaches: Leib, Seele und Geist. Erkennen heißt Anschauung durch den Geist, "dass 'Sein und Denken dasselbe' sind." Der geformten Natur ist die Weisheit des Geistes eingelegt dem Credo nach: nature follows form. In seiner Abhandlung "Der freie Wille und das Wollen des Einen" expliziert Plotin eine Sittenlehre auf Grundlage des Einen, des Gewollten, wonach alles menschliche Streben hin zu ihm, dem Höchsten, Schönsten und Vernünftigen: "So hat denn der Geist, indem er ein Stück von sich in die Materie dargab, still und ohne Erschütterung das All gewirkt. Es ist aber dieses Stück rationale Form [Logos], die aus dem Geiste floss; denn was aus dem Geist erfließt, ist rationale Form, und die erfließt immerdar, solange denn der Geist in der Wirklichkeit gegenwärtig ist." In diesem Satze steckt die implizite Idee vom "Weltgeist" und infolge des Logos auch vom "Weltplan", so beschreibt Plotin in "Von der Vorhersehung" das Ordnungsprinzip: "Denn da alles aus Einem herrührt, läuft es mit Naturnotwendigkeit auch wieder in Eines zusammen, daher auch das, was unterschiedlich erspross und als Gegensätzlich erstand, dennoch, weil es aus dem Einen ist, zusammengebannt wird zu einer einheitlichen Ordnung."

Harders Nachwort ist noch einmal eine gute Zusammenfassung von Plotins Leben, Werk und Wirkung. Partiell schwingen die Worte zwar ins Hymnische, aber er trennt wunderbar auch den Denker Plotin von dem Mystiker. Die eigentliche mystizistische Wirkkraft des Plotins wird auch erst durch Harder näher durchleuchtet, so der Seinsgehalt in den jeweiligen metaphysischen Stufen, die Ekstase (das Aussichheraustreten), das adeptische Streben zum Reich des mundus intelligibilis, die Koinzidenz des Erkennenden mit dem Erkannten...

Reclam wird dem Anspruch, in das Werk Plotins einzuführen, gerecht. Der Leser erhält vor den (auch einfach zu lesenden Texten) eine Zusammenfassung sowie kurzbiographische Informationen. Empfehlenswert.


Theorie des kommunikativen Handelns (2 Bände)
Theorie des kommunikativen Handelns (2 Bände)
von Jürgen Habermas
  Taschenbuch
Preis: EUR 30,00

15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kritische Supertheorie einer Gesellschaft der 2. Moderne, 8. Januar 2011
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Infolge der Komplexität ist es mir als Rezensent nicht möglich, den Facettenreichtum des Buches wiederzugeben. Daher möchte ich die Theorie des kommunikativen Handelns auf den Punkt bringen: Habermas unterscheidet in Form ontologischer Voraussetzungen drei Aktor-Welt-Beziehungen: das teleologische Handeln (z.B. Zweckgerichtetheit beim homo oeconomicus, Relationen, die zur objektiven Welt statthaben), das normenregulierte Handeln (Sollhandeln in der sozialen Welt) sowie das dramaturgische Handeln (Expression der subjektiven Welt). An dieser Stelle führt Habermas die Sprechakttheorie pragmatisch ins Feld mittels der er anhand der Sprachverwendungsmodi begreiflich machen kann, welche Sprechhandlung in Bezug genommen wird. Kommunikatives Handeln ist nun ein simultaner Hybridsprechakt, der einen kooperativen Deutungsprozess innehat im Zuge der Verständigung und des Einverständnisses (intersubjektive Anerkennung des vom Sprechaktor erhobenen Geltungsanspruches). Der Hörer muss demnach nicht nur den vom Sprecher expliziten Geltungsanspruch eines Sprechmodus anerkennen, sondern auch die implizit simultan erhobenen. Herausragend für den analytischen Prozess verstehender Soziologie (kausalistisch/hermeneutisch) ist hierbei die Eingabe der phänomenologischen Lebenswelt und aber ihre Rehabilitierung im soziologischen Diskurs. Sprecher und Hörer koinzidieren den kommunikativen Handlungsakt situativ (in actu): "Eine Situation ist ein durch Themen herausgehobener, durch Handlungsziele und -pläne artikulierter Ausschnitt aus lebensweltlichen Verweisungszusammenhängen..." Lebenswelt ist präsenter Hintergrund der Kommunikationsteilnehmer oder: kulturell und sprachlich organisierter Vorrat an Deutungsmustern (und damit auch "transzendentaler Ort, an dem Sprecher und Hörer sich begegnen"). Daher bewegen sich die K.-Teilnehmer stets innerhalb der Lebebnswelthorizonte, deren Strukturen die Formen intersubjektiver Verständigung festlegen. Durch diesen (paradigmatischen) Schlüssel der analytischen Intersubjektivitätsbegründung anhand kommunikativer Handlungsakte ist es Habermas möglich, seine Gesellschaftstheorie über die kritische Analyse der vorangegangenen Soziologien zu entfalten. An dieser Stelle wird es mitunter sehr tiefgründig: Max Weber, Mead und Durkheim, Luhmann, Schütz (phänomenologischer husserlscher Lebensweltbegriff), Parson und Marx werden analysiert und bewertet. Formal bekommt man als Lesender aber oft den Eindruck, dass der vorherige Abschnitt an den nachfolgenden nicht logisch anknüpft (Konsistenzschwächen). Löblich sind neben der hervorragenden Einleitung (Zugänge zur Rationalitätsproblematik), den Exkursen auch die figurierten Abbildungen systemischer Zusammenhänge. So kommt es u. a. auch zum Diskurs sozialer Pathologien, Medientheorien zum Geld, zur Macht, und zur Kritik der instrumentellen Vernunft, die eine kommunikative Vernunft sein soll.

Mich als Leser würde nun interessieren, wie sich kommunikative Handlungstheorie und Systemtheorie unter der Gesellschaftstheorie Hand in Hand subsumieren lassen.

In der Kritik steht das Buch hinsichtlich der Praktikabilität und der unzureichenden Axiomatik der Kommunikationstheorie (Habermas verbannt z.B. Kommunikationszeichen wie Gestiken aus der Theorie). (Natürliche) Sprache ist demnach das non plus ultra: Konservator traditioneller, symbolisch-formaler Inhalte. Kultur ist prägend in semantisch-kapazitärer Hinsicht für Sprache als Speichermedium kultureller Inhalte, die den Deutungs-, Wert- und Ausdrucksmustern angemessen ist. Hier gibt es also Anknüpfungs- und Vertiefungs- bzw. Ausbesserungspotenzial.


Gesamtausgabe. 4 Abteilungen: Gesamtausgabe 2. Abt. Bd. 32: Hegels Phänomenologie des Geistes (Wintersemester 1930/31)
Gesamtausgabe. 4 Abteilungen: Gesamtausgabe 2. Abt. Bd. 32: Hegels Phänomenologie des Geistes (Wintersemester 1930/31)
von Ingtraud Görland
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Preis: EUR 39,00

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4.0 von 5 Sternen Hegels brillante Vorlesung zur Phänomenologie des Geistes, 4. Januar 2011
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Heideggers Vorlesung über Hegels PG von 1930/31 ist ein wunderbares und eröffnendes Stück Hermeneutik. Heidegger geht vom Begriff des absoluten Wissens aus: "Das Sichwissen als der nicht gebundene Ursprung der Einheit und Zusammengehörigkeit beider, des Selbtsbewusstseins und des Bewusstseins, dieses Wissen ist das rein nicht gebundene, rein losgelöste, das absolute Wissen - [...] die Vernunft." Obschon Heidegger Phänomenologe in der Traditon Husserls ist, geht er partiell sehr sprachanalytisch vor, klärt die Begriffswelt Hegels, der die Erfahrung nicht über... oder von... versteht, sondern an... bzw. mit... Zudem klärt er auch die Grammatik Hegels wie z.B. den "Geistes-Genetiv" im Hegelschen Titel der Phänomenologie ("Zur-Erscheinung-Kommen des Geistes"). So geht er auf den Begriff der Anschauung vom Allgemeinen ("Die das Wesen selbst gebende Anschauung in diesem ersten Sinne ist die phänomenologische Anschauung.") über in die besondere der Bewusstseinserfahrung: "Es - das Bewusstsein - ist 'in der Erfahrung selbst begriffen'". Brillant ist hierbei der dialektische Erfahrungsbegriff "Für-das-Bewusstsein-Sein, Gewusstsein - dieses Sein für... ist das Wissen. [...] und dieses Wissen selbst als gewusstes wird dabei anderes als es vordem war." Damit wird das absolute Wissen der Geist, denn "[er] ist dieses zusichselbstkommende Beisichselbstsein im Sichanderswerden." Vom absoluten Wissen des Subjekts wandert Heidegger nun zur und "über" die sinnliche Gewissheit entlang der Phänomenologie. Er weiß zur Hegeleschen Dialektik als Methode zu sagen: "1. Das Seinsproblem bleibt auf den Logos orientiert; 2. diese 'logische' Orientierung aber ist Unruhe, ist absolvent aus der Un-endlichkeit verstanden. [...] Weil aber dieses Logische das Dialogisch-Dialektische ist, kann nun Hegel, und der Deutsche Idealismus überhaupt, die Allheit des Seienden in seinem Sein aus der Ichheit als der Unendlichkeit begreifen." Analog zu seinem "Sein und Zeit" zieht er das Hegelsche "Dieses und Jetzt" der sinnlichen Gewissheit. Heidegger geht weiter zur Wahrnehmung ("... es nimmt so die Wahrheit des Wahrgenommenen in sich und auf sich."), er bringt so das wahrgenommene Ding in der auch angerechneten Erweiterung der Transzendentalphilosophie Kants zur Formel: Ding = Eins + Auch. Die Kraft des Verstandes ist nun mehr das Auchdenkende des Auch des Eins zusammen mit dem Eins. Hegel glaubt nicht an die unwahrnehmbare Welt der Dinge an sich (Kant): "Wenn das Ding an sich absolut Gewusstes und Wissbares ist, dann so, dass es seinen Gegenstandscharakter verliert, d.h. wahrhaft an sich, ein Sichhaftes, Fürsichhaftes wird..." Er zitiert Hegel am Schluss des Bewusstseinsabschnitts: "Es zeigt sich, dass hinter dem so g. Vorhange, welcher das Innere verdecken soll, nichts zu sehen ist, wenn wir nicht selbst dahintergehen..." Heidegger vollzieht den Übergang vom Verstand zum Selbstbewusstsein über seine Onto-theo-ego-Logik. Das unglückliche Bewusstsein ist schließlich das Wissen von sich als Wissen und aber Gewusstes von diesem sich selbst wissenden Wissen: "Denn die 'Vernunft ist die Gewissheit des Bewusstseins [d.h. des Selbstbewusstseins] alle Realität zu sein'".

Am Ende bringt Heidegger sein "Sein und Zeit" noch einmal stark mit hinein, viel wichtiger ist aber seine Hegelsche Würdigung, die er ins Allgemeine zieht: "dass jeder wirkliche Philosoph [...] im Innersten das Wort seiner Zeit ist."


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