Fashion Sale Hier klicken calendarGirl Prime Photos Philips Multiroom Learn More sommer2016 saison Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Lego Summer Sale 16
Profil für Opernglas > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Opernglas
Top-Rezensenten Rang: 11.649
Hilfreiche Bewertungen: 323

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Opernglas (Berlin)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9
pixel
Paradiso
Paradiso
von José Lezama Lima
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erotisch-intellektueller Roman um drei kubanische Freunde, 26. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Paradiso (Taschenbuch)
Dass die Kubaner anspruchsvoll und höchst poetisch schreiben können, beweist Lima (1910-1976) mit seinem Roman "Paradiso" endgültig. Nicht ohne Grund hat Suhrkamp dieses Werk (1966) in den Kanon der Jahrhundertwerke hineingenommen. Erstaunlich ist, dass Cabrera Infante in seinem Meisterwerk "Drei traurige Tiger" den Lima (wenn auch parodistich) honoriert, obschon sein Roman in der Originalfassung nur ein Jahr später erschien. Das opus magnum ist ein Diptychon, ein zweiteiliges Gemälde, und findet (soll finden) im Roman "Inferno. Oppiano Licario" seine sprachgewaltig-architektonische Vollendung.

Die Geschichte beschreibt den Werdegang dreier Freunde: José Cemí, Fronesis und Foción. Wir begleiten sie wesentlich durch ihre (insbes. Cemís) Kindheit, durch ihre Jugend und ihre Studienzeit. Schwerpunkte sind ihre erotischen wie sexuellen Erfahrungen zur einen Seite, zur anderen die höchst poetischen und intellektuellen Diskurse zwischen ihnen. Der Roman kulminiert in der Begegnung Cemís mit Oppiano Licario. Lima schweift aber immer wieder auf die den drei Freunden nahe stehenden oder völlig fremden Personen über und erzählt deren Geschichte.
Ich mag hier nicht tiefer auf die Geschichte(n) eingehen, bedeutender für Lima sind nämlich die Figurenkonstellationen (vage erinnernd an eine Antithese zu Julia Barnes "Nachtgewächs") und die durch sie ausgelösten Monologe und Dialoge. Hierin liegt aber zugleich meine Kritik am Roman. Der stark essayistische (wir denken formal an Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands") Charakter (ich nenne an dieser Stelle den mythologisch hergeleiteten Diskurs über die Homosexualität) erwecken den Eindruck von Zweckhaftigkeit der Figuren. Sie bleiben in ihrer Intellektualität bloße Mittel, bloße Instrumente der Limaschen Botschaft. Ihre Relationen wirken trotz aller Poesie unterkühlt und nicht herzbewegend. Zugleich aber spannt Lima in einer geradezu lyrischen Epik einen barock-manieristischen Kosmos voll Musikalität und Poesie, dass ich Jahnns "Fluß ohne Ufer" konsultieren muss, um einen Vergleich zu finden. Denn beide Romane sind in ihrer Struktur weniger literarisch als vielmehr musikalisch angelegt. Lima verwendet bevorzugt Ausdrücke aus der Musiktheorie. Seine Sprache fließt wie ein Fluss ohne Ufer mit allen Abzweigungen des ästhetischen Stroms seiner Gedanken. So verwundert es nicht, dass der Fisch ein elementares Symbol seines Romans ist (s. S. 239 "Das sogenannte Papageifischlein [...]". Noch mehr aber werden die sexuellen und erotischen Momente stilisiert. Der Phallus wird zum weiteren zentralen Symbol. Ich habe noch keinen Roman gelesen, in dem eine solche "sakrale" Poesie (im Sinne ihres Sublimationsgrades) die Profanität von Geilheit, Geschlechtsakt und aber auch sexueller Identität pathetisiert: Eros ist der Gott dieser Epopöe. Größter Kritikpunkt ist der starke Eurozentrismus in diesem Roman. Der kubanische Zauber geht hier zu stark verloren durch die determinierenden antiken sowie europäischen Referenzen aus Philosophie (z.B.Thomas von Aquin), Kunsttheorie und Geschichte/Mythos (z.B. die Geschichte von Georg, dem Drachentöter). Das obskurste Kapitel ist die finale Begegnung zwischen Cemí und Oppiano Licario. Lima streut immer wieder den Goethe ein und scheint eine Art Posse um den Faust zu generieren, doch mit Licarios schnellem Auftreten folgt sogleich wieder dessen Ableben, woraufhin Cemí Licarios Schwester Ynaca Eco (Ecohé - vielleicht eine Anspielung auf Echo aus dem Narziss-Mythos) bei dessen Beerdigung kennenlernt.

Die von Cortazar und Vargas Llosa gemachten Vergleiche mit Joyce und Proust kann ich aufgrund der Originalität und autarken Erzähl- bzw. Gesangskunst des Werkes nicht in Gänze teilen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 30, 2012 8:33 PM MEST


Das kurze Leben: Roman
Das kurze Leben: Roman
von Juan C. Onetti
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein brillanter Roman von großer literarischer Kraft, 26. Februar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das kurze Leben: Roman (Taschenbuch)
Ich bin mit relativ geringen Erwartungen "in das Buch gegangen", gerade auch, weil ich bereits "Der Leichensammler" aus dem Santa-Maria-Zyklus gelesen habe und sich meine Begeisterung zurück gehalten hat. Doch bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um ein erzählerisches Meisterstück, das seinesgleichen sucht. Der Protagonist Juan María Brausen ist ein erfolgloser Werbetexter und lebt mit seiner Frau Gertrudis, der man die Brust nach Erkrankung amputiert hat, zusammen. Trotz der moralisch begrüßenden Haltung, ihr in Treue die Unverändertheit der Lage zu demonstrieren, sehnt er (sicher auch aufgrund ihrer selbstgewählten Distanzerung, sich nicht vom beschworenen Bild des "Wie-immer" überzeugen zu lassen) die Ereignishaftigkeit, das lüsterne Abenteuer und lehnt an der Wohnungswand, lauscht dort stets der begehrten, aber prostituierten Nachbarin (die Queca), die er bald als Alter Ego, Juan María Arce, besucht. Zudem schreibt er an einem Drehbuch über (sich als) Doktor Díaz Grey, Bewohner der fiktiven Stadt Santa Maria, den eines Tages eine reizende Dame in der Praxis besucht...
Der Roman kulminiert, und zum dies vollziehenden Kunstgriff kommen wir gleich, in der Ermordung der Queca durch einen Mann namens Ernesto, wobei Brausen ihm bei der Flucht verhilft und das Ende schließlich in die fortschreitende Geschichte, motivisch den Karneval zelebrierend, des vorgenannten Doktor Gray hinein mündet, in die Gründung des Santa Maria Zyklus: Fiktion der Fiktion.

Die attestierte Brillanz liegt in der Darstellung des Geschehens. Brausen ist konzentrischer Angelpunkt. Durch ihn vollzieht sich Handlung und Ereignis, durch ihn entstehen die Phantasmagorien, die Imaginationen die zu Fiktionen werden. Dursbein nennt im Essay im Anschluss an den Roman das narrative Psychogramm Brausens ein Tryptichon mit Rekurs auf die drei Alter Ego, die Modalitäten der Existenz, die jedoch - und damit sei mir ein auf dem Herzen sitzender Vergleich bitte erlaubt - den Gantenbein von Max Frisch in den Schatten stellen, da der Reiz der Geschichte darin liegt, dass eine ohnehin nur fiktive Existenz sich in ihrer eigenen Vorstellung verliert, die fiktive Realität und die imaginierte Realität verschmelzen und gebären eine neue Fiktion um die Mitte des Ich: "ich, Juan María Brausen und mein Leben waren nichts als leere Formen, bloßen Darstellungen einer alten, durch Trägheit aufrechterhaltenden Bedeutung, eines ohne Glauben durch Menschen und Straßen und Stunden der Stadt, durch Routinebehandlungen hingeschleppten Menschen." Die spanische Wand wird zum Sinnbild der Metamorphosen, die Litaneien des Erzählers zum beklemmenden Ausdruck eines Trübsinns über das kurze Leben und der philosophischen Grundfrage überhaupt: nach seinem Sinn in der Zeit... Zudem bieten die Dialoge und inneren Monologe einen Fundes von Perlen und Ansichten, die zu lesen es wert sind! Onetti legt in diesem Buch nicht nur den Grundstein seines Santa-Maria-Zyklus, sondern revolutioniert die epische Narration durch die Ineinanderfrachtung der Ebenen, macht Literatur wieder zum Ausdruck dessen, was sie ist: Fiktion.

Er schafft durch das Übergehen der Vorstellungen und Handlungen eine Magie, mit der er sich zweifelsohne auf einen monolithischen Rang der Literaturgeschichte erhebt: Respeto, Senor Onetti!


Die Ästhetik des Widerstands
Die Ästhetik des Widerstands
von Peter Weiss
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen O Herakles. Wie kalt deine Wangen sind..., 7. Januar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Ästhetik des Widerstands (Taschenbuch)
Walter Jens beschreibt die Ästhetik des Widerstands als "gelungenen Gegen-Entwurf zum Joyceschen Kompendium" und meint, Weiss' Epopöe fordere dessen Ulysses in die Schranken der Poesie.
Mit Verlaub, dieser Kommentar ist so haltlos wie der klägliche Vergleich mit Joyce überhaupt.
Weiss inthronisiert ein historisches Denkmal für die vor allem marxistische Widerstandsbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Buch endet mit dem Ende des 2. Weltkriegs. Der Roman ist dabei ganz und gar unpoetisch. Im Grunde lesen wir über fast 1200 Seiten einen mehr aufzeichnungsartigen Text eines namenlosen Ich. Dieses Ich ist so flach wie das Spektrum dieses "Epos" - und dies ist nicht abwertend gemeint, nicht der Horizont dieser Chronik soll in uns eingehen, sondern die Tiefe der antifaschistischen und antikapitalistischen Widerstandsbewegung in einer gewissen Korrelation. Daher ist die Handlung weniger Ich-bezogen. Vielmehr kommt der Erzähler, der natürlich ein Arbeiter ist, aus Deutschland (eig. Tschechoslowakei), schließt sich der Bewegung im spanischen Bürgerkrieg an und zieht weiter nach Schweden, um von dort aus zu operieren. Dabei ist Weiss/der Erzähler erstaunlich nah an der historischen Realität. Die einzelnen geschichtlich wirksamen Personen und Ereignisse (ohne diese an dieser Stelle aufzuzählen) werden genannt und also in die Epopöe gemeißelt. Das Ich fungiert somit auf den ersten Blick als bloßes Sprachrohr, Beschreibender und Berichtender dieser Handlungen, Personen und Ereignisse (Denkmalsetzungsfunktion). Doch ist diese Reduktion des Erzählers nicht symbolisch, sondern programmatisch. Weiss versucht hier einen Entwurf der Ästhetisierung auf einer subtileren Ebene. Das Ich will nicht Revolutionär sein, es will uns nicht überzeugen, es ist rot und macht keinen Hehl um seinen Hass auf das Bürgertum. Das Ich ist aber intellektuell und will schreiben, sich künstlerisch verwirklichen, die Synthese aus "Arbeit und Kunst": "Wir fragten uns, was das wahre in der Kunst sei, und fanden, es müsse das Material sein, das durch die eignen Sinne und Nerven gegangen sei." Die Weisssche Technik hierbei ist das Suchen nach historischen wie fiktiven (künstlerischen, literarischen) Vergleichen (z.B. Kafkas Schloss als Proletarierroman). Dabei fließen diese Reflexionen in den Raum der "realen" Aufzeichnungen des Ich fließend über. Diese Technik bringt in den Roman partiell forminnovative essayistische Elemente ein, drückt inhaltlich natürlich (nicht zuletzt auch durch seine Länge!) den ständigen, ewigen Prozess der Dialektik zwischen Unterdrückung und Widerstand aus. Weiss monumentalisiert also durch Gehalt wie Gestalt: das Buch sublimiert sich SELBST zu einer gattungsbezogenen Form des ästhetischen Widerstands!!! - Das ist brillant! Und doch sind mir die heraklidischen Referenzen zu dünn. In der Mutterdarstellung erkenne ich keine Alkeme. "Trotzdem [...] gebe ich Herakles noch nicht auf." Sein Weg als "Arbeiter" zeigt sich in der Dialektik die sich inhaltlich durch das ständige Nachvorn und Nachhinten, den Wechsel der Operationsorte (Kommunismus ist nationslos) und der vielen Reaktionäre auszeichnet. Der Roman bedeutet Indifferenz, Verharren, ja, am Ende beinahe Niederlage. Und so geht es dem Ich. Seine Entwicklung ist -wenn überhaupt- künstlersich zu begreifen, doch es entwickelt sich praktisch kaum, es speist seine intellektuelle Kraft aus jener Dialektik. Und darüber konstituiert sich wiederum der Titel: Ein kolossaler "Arbeiterroman", aber sicher kein Gegen-Entwurf zum irischen Odysseus...


Nachtgewächs: Roman
Nachtgewächs: Roman
von Djuna Barnes
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Liebe ist die erste Lüge, Weisheit die letzte", 7. Januar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Nachtgewächs: Roman (Taschenbuch)
Barnes' Roman "Nachtgewächs" ist etwas besonderes. Die Schriftstellerin gehört zu den wenigen, die einen ganz eigenen Stil entwickelt haben. Die Handlung beginnt mit der Geschichte über die Geburt des (Pseudo-)Barons Felix und spielt im Folgenden vor allem in Paris der 20er Jahre. Felix verliebt sich in die wenig reflektierende Robin, die ihn nach der Geburt seines retardierten Sohnes für die engelsgleiche Nora verlässt, um dann wieder von der perfiden Jenny verführt zu werden, das ein eifersüchtiges Liebesleid in Nora auslöst, während Felix sich dem Alkohol ergibt. Das ganze Geschehen wird kommentiert vom Dr. Matthew O'Connor, einem Mediziner, der eine zentrale Rolle im Buch einnimmt. Die Handlung (bzw. das Geschehen) vollzieht sich aber weniger durch die eher neutrale Erzählsituation der Autorin (die besonders durch hyperbolische Darstellung und inflationärer Avjektivierung wie Adverbalisierung besticht), vielmehr bewegt sie sich achronistisch und sprunghaft in den direkten Reden der Protagonisten. Und hier gewinnt Barnes ihre Klasse, ihre von T. S. Eliot in seinem Vorwort zurecht attestierte Brillanz: die Dialoge sind voll der Tropen und Stilfiguren wie (dunkle) Metaphorik und Metonymie. Sie dienen als Mittel zur Ausdrückbarkeit des an der Grenze der Sprache stehenden Unsagbaren zwischen den großen Motiven Liebe, Lust, Leid, Wahnsinn und Tod. "Wir sind nur die Hülle im Wind, Muskeln, die sich gegen Sterblichkeit wehren." Die Bilder in Wort und Satz erschließen eine tiefere Dimension (die Schattenseite, die Seelen der Nachtgewächse), die der Geist mit althergebrachten Mitteln nicht zu erschließen vermag. Die Verknüpfung aus Liebe und Leid wird zentralthematisiert. Sie bietet den Ursprung des Barnes'schen Romans, legt die wertnihilistische Spirale der bis in die Sinnlosigkeit sich verlierenden Interrelationen (Hildesheimer) frei: "Ruhig jetzt, da du weißt, um was es in der Welt geht - nämlich um nichts!" Die Tragik des Romans endet mit dem Untergang der Protagonisten, denen das Licht des Tages abgeht, von der Nacht verschlungen, chronischer Verfall ihrer Herzen: "Aber der Tod ist Intimität, die rückwärts wandelt." " Altern ist eben nichts anderes als das Leben rückwärts wegzuwerfen [...]"
Das schauerliche "Psychopanoptikum der Nachtgewächse" im Einzelnen zu durchleuchten, ist Aufgabe psychoanalytischer Interpreten. Ich möchte mich daher zum Schluss insbes. dem Doktor zuwenden. Für T. S. Eliot scheint er ein Therapeut zu sein, der für sein Geben nichts erhält, das ihn rasend macht. Seine Reden sind sehr gehaltvoll und tiefsinnig; am Ende jedoch scheitert er und fällt: "Er versuchte, auf die Füße zu kommen, gab es auf." Als Mediziner erhält er einen symbolischen Bezug der Leidenshilfe und der Rekonvaleszenz. Die Leiden der anderen sind aber keine organischen sondern seelische. Barnes evoziert eine Seelenvernichtung im Vorgang der Belichtung undurchdringlicher Nachtgewächse (mit übrigens psychoanalytisch sinnvollem Gehalt bzgl. der Therapeut-Patitient-Dialogik), die den für seine Zeit größten Experten zur Heilung in den gleichen Strudel geraten lässt, die er so eloquent versucht zu "sprechtherapieren". Er stürzt hinein, versagt und verzweifelt: "'Jetzt -', sagte er, '- das Ende - denkt daran - jetzt nichts als Wut und Weinen!'"
Barnes hat hier ein düstres Meisterwerk geschaffen, voll der sprachlich-stilistischen Raffinesse, voll des menschlich-seelischen Tiefgangs und voll der bitter-süßen Ironie.


Mein Name sei Gantenbein: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Mein Name sei Gantenbein: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Max Frisch
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Ich probiere Geschichten an wie Kleider!", 7. Januar 2012
Der Titel ist Programm in diesem zum Hauptwerk gehörenden Buch Frischs. "Ich stelle mir vor..." beginnt oftmals der Erzähler, um seine verschiedenen Identitäten bzw. Rollen zu imaginieren. Diese seien Gantenbein, ein Mann, der sich entscheidet, für alle blind zu sein, obschon er sehen kann. Enderlin, der dem Ruf nach Havard nicht folgt. Und Svoboda, der "baumlange Böhme", der am unscheinbarsten, am für den Erzähler, der dieser sei, haltlosesten ist.
Im Kern will der Erzähler die Entwicklungen der Rollen vorschauen: Was wäre, wenn ich... Dabei drehen sich alle drei Rollen um die Schauspielerin Lila, für dieses Experiment der letzte Bezugspunkt. Der Erzähler will sich selbst von außen wahrnehmen, sich somit erschließen: "'Man kann sich selbst nicht sehen, das ist's, Geschichten gibt es nur von außen', sage ich, 'daher unsere Gier nach Geschichten!" Wir sind nur unsere Erfahrungen, aber wollen unsere Geschichten sein. In diesen aber nehmen wir die Modi ein. Gantenbein entwickelt sich hierbei prächtig. Durch seine Blindheit und zeitgleicher Sehkraft, d.h. mit der Fähigkeit, das "Wahre" zu sehen, aber eben doch dem Unwahren folgen zu können, fühlt sich niemand vor ihm kompromittiert. Der sehende Blinde wird zu einem angenehmen Begleiter und steigt auf (er "sieht" nicht, dass Lila untreu ist etc.) "Ein Schauspieler, der einen Hinkenden darzustellen hat, braucht nicht mit jedem Schritt zu hinken. Es genügt, im rechten Augenblick zu hinken."
Neben dieser Identitätsproblematik ("- Entwürfe zu einem Ich!...") beschäftigt sich Frisch auch wieder mit dem Schuldmotiv. Gantenbein lässt sich bspw. von Camilla Huber maniküren wiewohl er weiß, dass sie eine Dirne ist. Er erzählt ihr Geschichten (z.B. das Märchen von Ali und Alil oder vom Mann, der seiner eigenen Beerdigung beiwohnt etc.). Sie erkennt, dass er blind ist, verspricht ihm dieses Geheimnis (im wahrsten Sinne des Wortes) mit ins Grab zu nehmen, denn nachdem sie ermordet wird und Gantenbein vor Gericht steht, hat er natürlich als Blinder nichts gesehen: "Jede Rolle hat ihre Schuld..."
Ich werde an dieser Stelle auch nicht weiter auf die einzelnen Rollen gehen. Durch die Montage-Technik lässt sich das Buch ohnehin nur schwer auf einen inhaltlichen Punkt bringen. Das Experiment von der Identitätskonzeption klingt im ersten Augenblick spannend. Frisch behält hierbei einen ungewöhnlich "objektiven" Duktus, jede Identität könnte für sich stehen, als würde er tatsächlich von anderen berichten, zugleich die anderen denken. Aber das ist keine Sensation, sondern völlig normal in einer gut konstruierten Fiktion. Der Mehrwert des Buches ergibt sich eher aus den Folgen bzw. der jeweiligen Rollenentwicklung. Aber auch hinter dieser Fassade steckt eigentlich keine große Erkenntnis. Frisch brilliert (geschuldet dem Gesamtaufbau des Buches) auch nicht gerade mit stilistischer Raffinesse. Einzig gelungen ist die formale Seite, die Montage. Wer wirklich dem typischen Frisch'schen Identitätsmotiv auf die Spur kommen möchte, sollte besser den "Stiller" lesen. Hier wird Identität nicht durch den Erzähler, sondern durch die Aussagen der anderen konstituiert (diese Konstruktionsleistung treibt Frisch in seiner Erzählung "Blaubart" auf die Spitze). Das vorliegende Buch schleppt sich so dahin. Sperrt sich teilweise durch die freie Assoziation. Zu empfehlen ist, das Buch mindestens zweimal zu lesen...


Perrudja
Perrudja
von Hans H. Jahnn
  Taschenbuch

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gelungener Roman, für mich ein perfekter..., 7. Januar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Perrudja (Taschenbuch)
Ich gebe zu, dass Jahnn für mich einen besonderen Stellenwert einnimmt - neben Th. Mann und A. Döblin zu den größten deutschen Epikern einzuordnen ist. Dieser olympische Schreiberling hat mit "Fluß ohne Ufer" ein Meisterwerk geschaffen wiewohl diesem vorangestellt vorliegender Roman: "Perrudja". Inhaltlich lässt sich der Roman recht schnell zusammenfassen. Der dem Titel seinen Namen gebende Protagonist lebt in den norwegischen Landen. Einst von Tanten großgezogen erbt er nach ihren Tod ein unermessliches Vermögen - im wahrsten Sinne des Wortes. Dort baut er sich eine gewaltige Festung und organisiert den großen Krieg zur Erlösung der Menschheit, obschon er diesen Plan (zumindest im ersten Roman) nicht umsetzt. Dies liegt wohl an Perrudjas Wesen. Er wird als sehr zart beschrieben, als sexuell ungewöhnlich vielseitig (so liebt er seine Stute, hat aber auch homo- wie heterosexuelle Neigungen). Er verliebt sich in Signe, die zwischen ihm und einem bäuerlichen Verehrer einen nebenbuhlerischen Wettkampf inszeniert bis Perrudja den Rivalen tötet, sodass Signe sich ihm in der Hochzeitsnacht verweigert. Perrudja sehnt sich nach ihr zurück. Sie hingegen hassliebt ihn. Der Roman endet.
Es ist eine literarische Katastrophe, dass Jahnn den zweiten Roman nicht mehr abschließen konnte. Nichtsdestotrotz ist dieser erste Teil ein Meisterwerk. Denn Jahnn gelingt in seinem Epos eine geniale Synthese aus Inhalt, Form und Stil. Das Werk ist im Wesentlichen chronologisch. Dennoch baut Jahnn diverse, teilweise auch gar nicht zum Hauptstrang gehörende Elemente mit ein (Geschichten wie die "Marmeladenesser" - ich vergleiche diese mit dem "Großinquisitor" bei Dostojewskis "Brüder Karamasoff"; Gedichte, Notenblätter oder andere Wortkataloge und Sprachspielereien). Besonders lobenswert sind die disparaten Perspektivsprünge (auktorialer Erzähler, Ich-Erzähler, Dialog, innerer Monolog aus Reflexion Erinnerung Assoziation). Besonders die letzten Signe-Kapitel erinnern oberflächlich an Mollys Gedanken aus dem letzten Kapitel des "Ulysses" von Joyce. Im Weiteren erhält der Roman wie auch "Fluß ohne Ufer" einen mehr musikalischen als literarischen Ton. Jahnn arbeitet mit Leitmotiven (gelbe stinkende Blume - für mich eine Anspielung auf den Ofterdingen, Tiger-Symbol, etc.). Der Roman wirkt wie eine Allegorese auf das Gilgamesch-Epos. Und Jahnn zelebriert die Apotheose des Fleisches. Selten liest man einen Schriftsteller, der Lust und Leid so nah beieinander hält und im Fleischlichen, Körperlichen sucht. Es ist diese menschliche Zurückführbarkeit auf sein Gewebe, seine Knochen, seine Haut, seine Nerven und seine Muskeln sowie die Scheu vor dem Tode der Anatomie, der Tod also, der unausweichlich ist, was Jahnn immer wieder neben der sexuellen Vielgestalt evoziert, in der sich der Mensch zu offenbaren scheint. Neben dieses individual-menschlichen Aspektes wird der Krieg als Heilung in Erwägung gezogen. Hintergrund ist Kapitalismuskritik, obschon Perrudja Großindustrieller ist, damit aber auch in einen inneren Konflikt gerät. Der Große Krieg als Thema scheint vermessen und drückt keine Sehnsucht aus. Jahnn beschreibt nur die (vielleicht visionäre) Vorahnung einen Weg des Umsturzes zur neuen Ordnung. Und lässt diesen aber nur starke Menschen gehen. Doch wenn Perrudja ein Mensch ist, ist er ein schwacher Mensch - zu solchem nicht fähig...
Der Roman ist insofern perfekt, als dass Jahnn seine Kunst beherrscht. Die Narration ist abgestimmt, mit syntaktischen und sprachlichen Raffinessen umgarnt, voller Symbolkraft und Metaphorik (im Allgemeinen). Ein literarischer Genuss.


Geschwister Tanner: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Geschwister Tanner: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Robert Walser
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,50

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Walsers Debütroman, 7. Januar 2012
Zweifelsohne gehört Robert Walser zu den großen deutschsprachigen Literaten. Sein Roman "Geschwister Tanner" ist sehr komplex und doch sehr verdichtet. Er handelt von Simon Tanner, der ein Sehnender ist, der schwankend zwischen den gesellschaftlichen Zwängen und seiner poetischen Freigeistigkeit, umherwandert. Und seine Reise nimmt kein Ende. Er zieht durch die Landen, nimmt hier und dort Stellungen an, kündigt diese ebenso schnell wieder (manchmal verwendet Walser nur ein Satz für einen solchen Zeitraum eines Bleibens, das freilich auf die Bedeutungslosgkeit dieser Beschäftigungen hinweisen soll). An dieser Stelle ist nicht genug Platz um all die Stationen zu nennen. Wichtiger ist Tanners Reflexionsvermögen, seine Sehnsucht nach Freiheit, Poesie und Dichterdasein. Eine besondere Rolle nehmen nicht nur die Begegnungen mit den kurzweiligen Arbeitgebern und anderen Personen ein, sondern insbesondere die mit seinen Geschwistern (z.B. der Gelehrtenbruder, der Malerbruder, die tugendhafte Schwester, der Irre). Sie sind die Möglichkeiten, die Modalitäten der Existenz. Aber auch Abbilder autobiographischer Implikationen. Sie sind seine Reflexion. Sie sind Tanners Erziehungsfaktoren, die eine Entwicklung des Taugenichts beschwören wollen, und doch geht Simon auf der Stelle. Ein Wandern ohne Ziel...
Wenn mich jemand fragen würde, in welcher Reihenfolge man den Walser lesen sollte, würde ich "Geschwister Tanner" als Einstieg empfehlen. Der Simon-Charakter wird fast 1:1 in "Der Gehülfe" übernommen: auch hier keine Entwicklung. Doch arbeitet Walser eine stärkere Dialektik zwischen Herr & Knecht aus, die fast bis ins Masochistische ausstrahlt. Wir erkennen diese Ansätzen bereits im vorliegenden Roman, z.B. bei der Hausdame, die seine Frechheiten, die er freudig intendiert, aushalten muss. Das dialektische Moment nimmt in "Jakob von Gunten" seinen Höhepunkt. Zugleich müssen wir Walser auch mehr und mehr eine stilistische Vollendung anerkennen. Ist "Geschwister Tanner" geprägt von einem postromantischen Realismus, ist "Jakob von Gunten" ein Potpourri aus Bericht, Fiktion und Imagination. Walsers Höhepunkt ist "Der Räuber" - ein Epos nur noch für Literaturkenner, in dem Walser der erzählerischen Form und seinem idiomatischen Stil den Primat gegenüber inhaltlicher Tiefe zuweist.
Wie wirkt "Geschwister Tanner"? Der Leser erwartet eine Entwicklung, die Simon nicht erreicht, doch weniger durch den indifferenten Charakter als vielmehr durch seine poetische Rebellion. Darin aber bleibt wenig Raum für Struktur. Das Buch ist inkonsistent. Die Reflexionen in den inneren Monologen und den Dialogen sind nichts anderes als die neurotische Repetitio, evoziert durch diesen "A-Helden", der sich gewissermaßen - bewusst oder unbewusst - in diesen Zirkel begibt, um sich sein Poetenleben immer wieder vor der Übermacht der sozialen Realitätstruktur zu rechtfertigen. Er wird nicht siegen, weil er im Zirkel selbst weiß, dass er nur rebellieren kann. Er ist gespalten, weil er nicht so sein kann, wie er sein will... Ein Buch zum Kennenlernen, aber auch noch etwas unsicher...


Brasilien, Brasilien: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Brasilien, Brasilien: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von João Ubaldo Ribeiro
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein brasilianisch-historisches Nationalepos, 4. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Auf dem Buchrücken dieser wunderbaren Suhrkampausgabe steht: In dem großartigen Roman verschmelzen Wirkliches, Phantastisches und Allegorisches, Geheimnisvolles und Episches, Romantisches und Erotisches in der herausragenden literarischen Technik eines unerschöpflichen Erzählens auf eindringliche und neuartige Weise.
Das sagt alles und nichts. Aber erst einmal sagt es alles. Die Rundschau attestiert: ein brasilianisches Konzert, polyphon.

Dass Brasilien exotisch ist, bunt und farbenfroh, rhythmisch und kontrastreich, evoziert im europäischen Menschen eine neugierige Faszination. Ribeiro tut aber alles andere, als dieses Klischee in ein künstlich stereotyp-ästhetisches Panorama auszuwälzen. Ribeiro ist ein knochenharter Realist, der den Leser zu einer Reise durch die Geschichte Brasiliens einlädt und hier werden sicher einige bereits verstört sein in Anbetracht dieser feierlichen Buchbesprechungen.
Ribeiro reist zurück bis ins 17. Jahrhundert und früher, zur portugiesischen Kolonialzeit mit der die moderne Geschichte Brasilien beginnt. Da erzählt er vom Kannibalen Caboclo Capiroba, der die Holländer auffrisst, welche kurzweilig kolonisierten, aber Mitte des 17. Jahrhunderts vertrieben wurden. Ribeiro erzählt vom Beginn des Kaiserreiches 1822, erzählt die Geschichte des fetten Barons, Sklavenhalters und Vergewaltigers Perilo Ambrósio, jener heroische Unabhängigkeitskämpfer, der nichts als Macht und Bosheit personifiziert, und seiner Sklaven und Untergebenen, von dessen Tode und vom weiteren Verlauf der Geschichte durch die Erben und Angehörigen, der Aufstände im Land, der Krieg mit Paraguay, die nur scheinbare Befreiung der Sklaven vom Joch der Unterdrücker, die republikanischen Bewegungen, Verschiebungen der Macht, aber die konstant verharrenden Verhältnisse im Volke, wohl DIE Allegorie des Traumas der Armen: Canudos, "wo ein Mann regierte, den sie den Conselheiro, den 'Ratgeber' nannten" - ein historisches Ereignis im Geiste des brasilianisches Volkes, dem Mario Vargas Llosa einen ganzen Roman widmete: "Der Krieg am Ende der Welt." Enden tut dieses epochale Werk in den 80ern des 20. Jahrhunderts. Die Erben, insbesondere der Dynastie Amletos, einst Verwalter auf dem Gut des Barons, erinnern sich zurück. Was ist tatsächlich geschehen? Gab es die Bruderschaft des Mehlhauses wirklich? Was ist Mythos? Was ist Wahrheit? Was ist Geschichte...?
Ribeiro belebt die brasilianische Zeittafel durch die Schilderungen an den neuralgischen Punkten der nationalen Historie anhand der handelnden und sprechenden Personen. Der Roman ist wesentlich ein von der direkten Rede, vom Dialog der Handelnden lebender. Die Menschen sollen die Stimmen Brasiliens sein. Konzentrisch dreht sich der Verlauf um Bahia/Itaparica und wird dann immer weiter bis nach Sao Paulo und Rio de Janeiro. Die Personenkette ist verbunden durch gewollte und eher zufällige verwandtschaftliche oder meist durch die Ketten der Sklaverei hergestellte Beziehungen. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Bäume aufzuzeichnen, aber die Dynastie Amleto geht bspw. über fünf Generationen! Durch die zahlreichen Personen Baron Perilo, Amleto, Dandao, Budiao, die Pintos, Maria de Fé, Leléu, Merinha, Odulfo, Teolina, Vevé, General Patrício Macário, Vieira, die Popós, Henriqueta usw. erklingt ein polyphones Konzert eines Volkes, das nach der Wahrheit sucht, nach sich und Selbstbestimmung. Und doch traurige Ernüchterung beim Sohn des Generals: "Unser Ziel ist ist nicht die Gleichheit, die Freiheit, der Stolz, die Würde, das gute Zusammenleben. Das ist ein Kampf, der sich durch die Jahrhunderte hinziehen wird, denn die Feinde sind sehr stark. Die Peitsche schlägt weiter, die Armut wächst, nichts hat sich geändert. Die Freilassung der Sklaven hat nicht die Sklaverei abgeschafft, sondern neue Sklaven geschaffen. Die Republik hat die Unterdrückung nicht abgeschafft, sondern neue Unterdrücker geschaffen. Das Volk weiß nichts von sich, es hat kein Bewusstsein..." Aloísio Pones lobt das brasilianische Volk hymnisch am Ende des Romans, eine Liebe, eine Hoffnung: "Und mehr noch! Ein Land mit einem fröhlichen, festefreudigen Volk, das Dank seiner berühmten Drehs alle Schwierigkeiten vor sich her dribbelt, ein glückliches Land!"
Was bleibt noch zu sagen? Ribeiro spielt mit dem Magischen, da sind die Seelen, die auf ihre Rückkehr warten, der Mythos von Oxalá, Vater der Menschen, die Zauberei der Hexenmeisterin...

Das Epos ist neben seiner Vielstimmigkeit komplex, stilistisch innovativ durch die Sprünge in der Zeitgeschichte, eine Suche nach diesem brasilianischen Bewusstsein, einem Geist der Farben und der Melodie, der Lebensfreude und der Sehnsucht nach Freiheit. Das Werk Ribeiros ist - und das kann man hier mit Fug und Recht behaupten - nobelpreisverdächtig!


Drei traurige Tiger: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Drei traurige Tiger: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Guillermo Cabrera Infante
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Polyphones Konzert aus dem vorrevolutionären Kuba, 19. November 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Infantes "Drei traurige Tiger" ist ein brillantes Meisterwerk voll sprachgewaltigem Zauber und köstlichen Humors. Das Buch hat sich sofort auf meinen persönlichen Olymp der Weltliteratur katapultiert.
Es ist relativ schwierig den Inhalt zusammenzufassen, da der Roman von einer disparaten Anordnung lebt wie ich sie nur selten zuvor gelesen habe. Im Grunde genommen führt der Prolog treffend ein: "Showtime!" - Havanna vor der großen Revolution. Die Protagonisten sind Silvestre und Cué, zwei komisch-intellektuelle Exoten, die sich darüber (in reflexivem Bewusstsein) lustig machen (hier wechselt Infante auch die erzählenden Ich-Perspektiven), dass sie während ihrer rasanten Fahrt durch das nächtliche Kuba Bach hören ("Was würde der alte Bachus sagen, wenn er wüßte, daß seine Musik mit fünfundsechzig Stundenkilometers mitten in den Tropen über den Malécon von Havanna fährt?"), La Estrella, eine tragische Sängerin mit Starallüren, die jedoch scheitert (tritt immer in den "Sie sang Boleros"-Kapiteln auf), der wortwitzige Bustrófedon, dessen onomatopoetische Raffinessen die Sprache durchschütteln (insbes. Kapitel "Kopfzerbrecher") und - last but not least - ein Frau, die in elf Szenen einen Doktor die Geschichte von eine Freundin erzählt, dessen Vater eine Frau vergewaltigt hatte, und sie am Ende nicht mehr weiß, "ob ich in Wirklichkeit meine Freundin bin."
Infante holt hier alles raus, was technisch möglich ist und hierin bewundere ich ihn in ähnlicher Weise wie den Literaturgott Joyce. Es werden verschiedenste Textformen eingearbeitet: Briefe, Dialoge, innere Monologe (die sehr an das letzte Kapitel "Penelope" in Joyces Roman "Ulysses" erinnern), Lyrik (z.B. ist Bustrós Borborygma Darii angelenht an die pastiorsche "Anrufung des Realismusproblems"), Zeichnungen und Bilder, mathematische Formeln, schwarze Seiten als optische, ja haptische Metapher für den Brunnensturz, leere Seiten bei den "Enthüllungen", Lieder, Palindrome (Bustós Wortspiele versammeln alle mögichen Tropen und Stilfiguren!!!), die Geschichte vom Stock in verschiedenen Versionen, die gespiegelte Seite, das Kapitel zu Trotzki mit dramatischen Elementen, intertextuelle Bezüge zu zahlreichen Schriftstellern mit viel parodistischem Beigeschmack meist dargestellt an den mehr phonetischen Schreibweisen ("Marcel Pru"...), Selbstreferenz durch einen ironisch eingebrachten Text "NICHT ZUR VERÖFFENTLICHUNG" mit den Initialen GCI gezeichnet. Sehr handlungsintensiv ist das letzte Kapitel "Bachanal" - evident der Bezug zu den antik-römischen Bacchanalien, die ihrerseits aus den antik-griechischen Dionysien entsprangen. Der Text lebt vor allem durch den intellektuellen Dialog zwischen Cué und Silvestre, der noch einmal unter steten deliziösen Sprachwitz das persönliche, soziale, politische und kulturelle Spektrum Kubas aufgreift und einen zeitgenössisch-farbenfrohen Querschnitt vor der Revolution zeichnet.
Diesen Roman mit einem Dschungel vergleichen zu wollen, offenbart eine Analogie dergestalt, dass man sich eine Mannigfaltigkeit stilistischer Tropen, exotischer Lebewesen, intellektueller Aromen sowie bunter kubanischer Klänge und Bilder darunter vorstellen möge. "Drei traurige Tiger" (übrigens an ein kubanisches Lied angelehnt) ist ein magisches Epos promiskuitiver Spracherotik, eine - wie es im Buche steht - semantische Safari durch das tragikomische Havanna bei Nacht.
Mit diesem literarischen opus magnum schenkt Infante der Menschheit eine liebevolle Hommage an das vorrevolutionäre Kuba und zugleich bedeutet er seine Liebe zur Sprache. Diese Liebe, diesen Genuss sollte sich niemand entgehen lassen. Lob auch an den Übersetzer, dessen Herausforderung es war, die Musikalität dieser tropischen Sinfonie nicht zu zerstören...


Die Bedeutung von "Bedeutung" (Klostermann Texte Philosophie)
Die Bedeutung von "Bedeutung" (Klostermann Texte Philosophie)
von Wolfgang Spohn
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,80

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Was bedeutet eigentlich Bedeutung?, 29. September 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Laien, die sich mit der Bedeutungstheorie in concreto nicht auseinander gesetzt haben, werden bei diesem Buch wohl nicht befriedigt werden. Man könnte nämlich vermuten, dass Putnam hier eine simple, alltagstaugliche Antwort abliefern würde. Wie man sich aber denken kann, liegt diese Vermutung fern jeder Vernunft. Denn zum einen geht der Philosoph in medias res, will sagen, er setzt gewisses Vorwissen voraus. Zum anderen ist Bedeutung nicht einfach zu erklären und eine sehr komplexe Fragestellung (verlangt komplexes Vorwissen). Ich möchte mich auf zweierlei Aspekte konzentrieren. Mir ist erstens wichtig, was der Text beinhaltet, wie Putnam argumentiert und worauf er hinaus will. Zweitens ist mir daran gelegen, die Kritik am Text darzustellen.
In erster Sache schwört Putnam ab von der Theorie, dass "Gedanken im Kopf seien". Das ist eine Metapher. Natürlich ist ein psychischer Zustand im Kopf. Aber Putnam zweifelt daran, dass dieser Zustand irgendwie Extension bestimmt. Um die Bedeutung eines Begriffes zu kennen, setzt dies aber die Kenntnis seiner Extension voraus. Extension ist somit die Gesamtheit eines Begriffes (sein Umfang) und Intensionen mindestens seine notwendigen Merkmale (bzw. Inhalte) - im Übrigen alles vage "definiert". Putnam weicht hiervon aber im Ergebnis ab. Infolge einer Reihe von Argumenten und Gedankenspielen beweist Putnam dies auch (Zwerde, Gold, Tiger, Ulme/Buche etc.). Er folgert somit, dass Extension sozial (Arbeitsteilung, Kooperation) und umweltlich konstituiert und gespeichert/verändert wird. Dass bpsw. nur Experten wüssten, was Gold ist, Laien hingegen die Bedeutung von Gold über dessen Stereotypus (gelbe Farbe, weiches Edelmetall, "Wichtigkeit" etc.) festmachen. (Indexikale, Designatoren lassen wir hier beiseite). Ferner kritisiert er andere Theorien (formale Sprachen, Wahrheitstheorie wie Verifikationismus, analytische Urteile, Davidson, Carnap). Schließlich schlägt er zur Festsetzung von Bedeutung vor, eine Normalform-Beschreibung der Bedeutung des Wortes einzuführen (Vektor für Wasser): syntaktischer Marker (Kontinuativum) + semantischer Marker (natürliche Flüssigkeit) + Stereotyp (farblos, geschmackslos, durchsichtig, durstlöschend etc.) + Extension (H2O).
Hochachtung dafür, dass die Autonomie der privaten Bedeutung geleugnet, zugleich eine extensionalistische Taxonomie empfohlen wird (Externalismus). Worin aber die Kritik? Im Vektor selbst kommt es zu argen Problemen mit der Stereotypdefinition (die heutige Debatte in der kognitiven Semantik beschäftigt sich neben Stereotypen vornehmlich mit Prototypen und Kategorien etc.). Kann der Stereotyp so genau sein, dass er Verunreinigungen im Wasser zulässt ohne dabei die Bedeutung von Wasser zu gefährden? Wenn ich ein Glas voll Wasser trinke, das ich aus dem Wasserhahn habe, dann ist das definitiv kein H2O in Reinsubstanz. Da sind wohl andere Moleküle enthalten (man könnte dem natürlich entgegnen, dass dies kein Wasser sondern Leitungswasser sei, aber das ändert nichts daran, dass auch Leitungswasser wohl in erster Linie Wasser aus der Leitung ist!). Ab wie viel Prozent wird dann eigentlich Wasser nicht mehr Wasser sein? Wer will sich eigentlich die Mühe machen, den Extensionen der Dinge auf die Spur zu kommen? Was ist denn mit äußerst vagen Begriffen wie "Haufen" oder "Spiel"? Putnam kommt zudem leider nicht über den Begriff der Wortbedeutung hinaus (was ist mit Satzbedeutung?). Es wäre ein Leichtes mit einer möglichen Welt die Taxonomie zu kippen und den Bedeutungsbegriff in Quine'scher Manier zu relativieren oder gar sinnfällig zu machen. Außerdem würde trivial gesagt der Fall, dass Gedanken nicht im Kopf seien, die Frage aufkommen lassen, wie sie dann überhaupt kontrolliert werde können? Stalnaker gibt mit seiner zweidimensionalen Semantik Antwort, auch Bierwisch (Zwei-Stufen-Semantik), Jackendoff (konzeptuelle Semnatik) und Brandom leisten einiges hierzu mit seinem Inferentialismus und einer dezidierten Gebrauchstheorie der Bedeutung (jedoch weniger kognitivistisch).
Das Buch ist nun schon ein paar Jahre alt. Insgesamt sind Putnams Leistungen dennoch bahnbrechend gewesen!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 21, 2015 12:56 AM MEST


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9