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linART

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Grazie, Genova: Zwei Jahre al dente
Grazie, Genova: Zwei Jahre al dente

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sapore di sale, sapore di mare, 13. Juni 2014
Ruth, Mitte Zwanzig, zieht nach Genua, um dort an einem Institut Deutsch zu unterrichten. Sie hat zwar nicht viel Erfahrung in dieser Materie, doch irgendwie wird sie das Kind schon schaukeln. Das finden auch die Institutsleiterinnen.
Und Ruth schaukelt nicht nur den Unterricht, sondern auch das Leben in der Hafenstadt am Ligurischen Meer. Ihr schimmel-blaues Wunder erlebt sie in dem Altstadt-Palazzo, wo sie ihr sonnenloses Dasein fristet. Doch Ruth lässt sich nicht unterkriegen, auch nicht von der Vorhangstange, die jede Nacht aus der bröseligen Wand auf ihr Bett kracht. Und noch weniger von den gegelten Machos, die sie nach altbekannter Latin-Lover-Manier umschwirren. Nach jeder Niederlage richtet sich Ruth wieder auf und beißt sich durch den Dschungel aus Pilzsporen, leeren Versprechungen und feuchtkalten Winternächten. Belohnt wird ihr Ausharren von der Stadt selbst, durch wunderschöne Küstenabschnitte, romantische Abende und vom Meer selbst, das ihr Seelentröster wird.

Die Figuren sind allesamt herrlich beschrieben: Ruth, die italienischen Männer, die Freunde zu Hause, die Weiber vom Sprachinstitut

Auch die Sprache ist ein Vergnügen. Wer weiß, dass die Italiener extrem viel fluchen, cazzo in jeden Satz einbauen, der beeumelt sich hier vor Lachen. Die Sprache ist flott, frech, frisch und jung, doch Bernadette kann auch anders und überrascht den Leser ab und an mit wunderbar poetischen Formulierungen.

Zusammenfassend: Für mich war „Grazie, Genova“ ein Leckerbissen der besonderen Art. Ich habe selbst ein Jahr in Italien gelebt, und fühlte mich Ruth sofort engstens verbunden. Alles, was sie erlebt hat, vom ersten cazzo bis zum letzten, kann ich nur dick unterstreichen. So schreiben kann nur jemand, der dies am eigenen Leib verspürt hat und das Zeug zum Formulieren hat. Jedenfalls hat mir „Grazie, Genova“ derart gut gefallen, dass ich auch das nächste Buch der Autorin blind kaufen würde.


Vogelweide: Roman
Vogelweide: Roman
Preis: EUR 9,99

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lieben heißt, den anderen erhöhen, 5. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Kindle Edition)
Ein Mann verliert alles: Seine Beziehung geht in die Brüche, seine Geliebte verlässt ihn, seine Firma geht Bankrott, und er findet sich auf einer Insel in der Elbmündung wieder, als Vogelwart. Dort in einer Hütte sinniert er über das Leben, die Liebe, das Begehren, die Begierde und deren Unterschiede.
Die Protagonisten Christian, Selma, Anna und Ewald sind allesamt sehr gut beschrieben: Christian Eschenbach und seine zwei Leben. Das vor dem Absturz mit teuren Rotweinen, einem Loft und kostspieligen Oldtimern und der Eschenbach danach, reich an Zeit, Hobbyornithologe und Philosoph. Selma, seine Lebensgefährtin mit polnischen Wurzeln, Goldschmiedin mit krimineller Energie, Anna, die Frau von Ewald, brünett mit einem leichten Kupferstich, Lehrerin, und ihr Mann Ewald, Bauleiter diverser Großprojekte in China. Als Nebenpersonen treten noch die Nase, ein ungeliebter Kollege, und ein englischer Freund auf.
Die Sprache von Uwe Timm hat etwas ganz Eigenes. Die überwiegende Verwendung der indirekten Rede statt der direkten (und wenn, dann ohne Anführungsstriche), gibt dem Lesefluss etwas Getragenes, Flüssiges und Weiches. Schöne Klangbilder und Wortkreationen zeugen von einer völligen Hingabe zum Text: Körperdurst; Körperhunger; komische Unbedingtheit; das war der Stein, der den Gewölbesturz auslöste; Sinnentleerung; Lieben heißt, den anderen erhöhen. Einen Satz habe ich mir notiert, weil er so wahr ist: "Aber das alles Verbindende war, wie sie beide, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, sich öffneten, wie sie sich voneinander erzählten und fragten, sich durch Fragen tiefer und genauer verstehen lernten." Solche Sätze berühren das Herz des Lesers.
Die Struktur des Romans ist nicht ganz einfach. Sie erfordert einen konzentrierten Leser. Durch die Absatzgebung geht nicht hervor, ob die Handlung nun in der Gegenwart oder in der Vergangenheit spielt. Manchmal versteht man erst nach ein paar Zeilen, wo sich der Autor aufhält. Welcher Schauplatz gerade dran ist. Warum nicht? Ich finde es gut, dass der Autor von einem intelligenten und konzentrierten Gegenüber ausgeht.
Ein wertvoller Roman, der viel Lebensweisheit beinhaltet. Wunderschön geschrieben mit Fingerspitzengefühl und viel Sachkenntnis auf mehreren Gebieten. Vor allem die Naturbeschreibungen der Insel haben es mir angetan. Sehnsucht kam auf.


Felsenflug
Felsenflug
von Gregor Baehr
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Herrscher über starke Metaphern, 20. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Felsenflug (Taschenbuch)
Max, ein alternder Lebemann, unternimmt eine Reise, um den Freitod seiner geliebten Cäcilia zu verdauen. Dass er dafür ausgerechnet nach Capri fährt, wo er die glücklichsten Momente mit seiner um einiges jüngeren Ehefrau verbracht hat, davor hat ihn nicht nur der Psychologe gewarnt, bei dem er seit seinem Zusammenbruch in Behandlung ist. Überdies versucht er nun auch noch, auf der im Frühlingserwachen flirrenden Mittelmeerinsel seine Psychopharmaka abzusetzen, die ihn seit dem schweren Schicksalsschlag einlullen.
Kein Wunder also, dass er bald Gespenster sieht, sprich, seine für tot geglaubte Cäcilia, dass er immer mehr Beweise dafür sammelt, dass sie doch nicht tot ist

Zu den Figuren:
Max: Ein älterer Faun, geschiedener Seeleninvalide, in zweiter Ehe glücklich verheiratet, immer adrett gekleidet mit Panamahut, noch gut in Schuss für seine Ende sechzig. Dass er mir als Leserin etwas snobistisch erscheint, darf so sein, muss so sein: Er mokiert sich über die vielen Touristen auf „seiner“ Insel und fühlt sich gestört durch das Geschnatter am Nebentisch „seiner“ Bar.
Cäcilia: Max zweite Frau, jung und schön mit kurzem blondem Haar, das Schicksal hat ihr bereits viele Lieben geraubt, deshalb hütet sie ihre symbiotische Beziehung zu Max wie ein Juwel, wohl wissend, dass es ihr jederzeit wieder genommen werden kann.
Exfrau Martha und die immer schwarz gekleidete Judith, Tochter aus erster Ehe: Sie agieren im Hintergrund
Die Sprache ist ein einziges Highlight, ob Gregor Bähr die Natur, Max Albträume oder die Wirkung des Psychomedikaments beschreibt, er wartet mit Metaphern, Alliterationen, einer bildreichen Sprache, wunderschönen atmosphärischen Naturbeschreibungen von philosophischer Leuchtkraft, Tönen in Dur und Moll, einer ausufernden Sprachgewalt, einem schier unerschöpflichen Wortschatz und gekonnt gesetzten Akzenten mit Fremdwörtern auf. Für Sprachästheten ein Hochgenuss. Zeile für Zeile.
Herrlich:
Düfte sind Brandbeschleuniger der Erinnerung
der dunkelblaue Samt der Ruhe
ein paar Ruderboote lagen kieloben … und erinnerten ihn an die Panzer von Schildkröten
brummte eine Motorjacht und zog eine weiße Schleppe hinter sich her
spürte selbst den feinen Schmerz seines Glücks
seelisches Beben pompejanischen Ausmaßes
u.v.a.
Mir geht das Herz auf, wenn ich das lese.
Die Struktur ist sehr übersichtlich:
Gute Einteilung in Kapitel, die mit römischen Zahlen durchnummeriert sind. Erzählplot erst aus Sicht von Max, dann aus der von Cäcilia und letztendlich von Judith. Sehr übersichtlich und spannend gestaltet.

Zusammenfassend:
Gregor Bähr haut hier ein bärenstarkes Meisterwerk raus. Wo nimmt er diese Worte her? Virtuos spielt er auf der Klaviatur der sprachlichen Zwischentöne, verfügt über schier unerschöpfliche Sprach-Ressourcen. Gepaart mit mittelmeerischem Denken und Effekten aus Licht und Schatten versetzt er den Leser abwechselnd in eine metaphysische Stimmung und die entschleunigte Idylle der Mittelmeerinsel, dann wieder konfrontiert er ihn mit der Kausalkette fataler Folgerungen und die in Gang gesetzte Unlösbarkeit der moralischen Dilemmata.


Nur ein Märchen?
Nur ein Märchen?

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Bann der Nibelungen, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Nur ein Märchen? (Kindle Edition)
Die junge Germanistikstudentin Hilda hat es nicht leicht. Um ihr Studium zu finanzieren, jobbt sie bei Pizza-Pasta-Pronto. Da bleibt nicht viel Zeit für die Magisterarbeit, um die Hilda einen großen Bogen macht. Im Rahmen einer Exkursion landet die junge Frau mit best gay friend George in Worms. Just dort passieren ihr die wunderlichsten Dinge. Es beginnt damit, dass sie im Rahmen der Nibelungenfestspiele das Bewusstsein verliert. Dann erfährt sie, dass das Armband, das sie von ihrer Oma geerbt hat, von schwindelerregend hohem Wert ist. Allein deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie Drohbriefe bekommt und ihr Leben immer mehr in Gefahr gerät.

Alle Charaktere kommen mit wenig Dekor aus und es entstehen wie von selbst breit gefächerte Portraits der Protagonisten.
Hilda: Studentin der Germanistik, tollpatschig, manchmal clever und witzhig, vortrefflich beschreiben
Emily: Mitbewohnerin und beste Freundin der Prot., verlobt mit Nils, Fehltritt mit Walter
George: Hochschuldozent und schwuler Freund der Prot.

Dass hier eine talentierte Erzählerin am Werk ist, merkt man schon auf den ersten Seiten. Im frischen, jugendlichen Erzählmodus versteht sie es wunderbar, die Spannung immer mehr zu steigern und den Leser so in ihren Bann zu ziehen. Geschmeidig formuliert, stilsicher, perfekt lektoriert, wunderbar eingefädelter Plot, professionell verwoben mit der Nibelungensaga.

Der Prolog ist ein Bonbon der Extraklasse. Hier fühlt sich der anspruchsvolle Leser sofort abgeholt.
Dann baut die Autorin ein subitels Beziehungsgeflecht auf, ohne dass der Leser dies anfangs bemerkt und plötzlich ist man mittendrin in Misstrauen, Verbrechen und Liebe.
Zusammenfassend: Ich mag Romane, bei denen mit Fachwissen vermittelt wird. Ich kann mich für fast alle Themen begeistern, vorausgesetzt, der Stoff wird mir derart mundgerecht serviert wie hier.


Ilka: Die Geschichte einer Liebe
Ilka: Die Geschichte einer Liebe
Preis: EUR 1,99

5.0 von 5 Sternen Kniefall, 2. Januar 2014
Ilka, ein neunzehnjähriges verunsichertes Mädchen steht am Bahnsteig und wartet auf den Zug, dann steigt sie ein und setzt sich. Soweit die Leseprobe. Naja, wird der Leser meiner Rezension jetzt denken, nicht gerade ein spannender Plot für einen Roman! DOCH! Weil es dem Autor meisterlich gelingt, in die scheinbar so unscheinbaren Handlung eine ganze Welt zu verpacken. Schon auf den ersten beiden Seiten werden sämtliche Sinne touchiert: Hören (Irgendwo fauchte ein stählernes Ungeheur), Sehen (Aus einem Schlot wallten in rhythmischen, immer kürzeren Stößen weißen Wolken), Riechen (Ilka stand vor dem Bahnhof, hinter sich die pendelnde Schwingtür, welche unentwegt den muffigen Geruch von feuchtem Stein, Dreck und kaltem Rauch in kurzen Schüben hinauswehte …), Fühlen (Gedankenverloren und immer noch mit tiefem Schmerz im Herzen …). Und schon ist man mittendrin, nicht nur im Bahnhof, sondern in einer Welt von Farben, Gerüchen, Gefühlen und Geräuschen, und nicht nur, sondern auch im Innenleben von Ilka und deren Sicht auf die Dinge und Personen, die sich um sie herumbewegen.

Ilka, neunzehn Jahre alt, blond, hübsch, aber kränkelnd blass, mit Sommersprossen, bis ins Tiefste verunsichert, sie trägt einen tiefen Schmerz in sich
Matrose: Derb, aber zuvorkommend
Alte Frau im Zug: Eine Allegorie auf die Weisheit, die vielen alten Menschen innewohnt. Erst unscheinbar am Deckchen strickend, mit einem Buckel verunstaltet tarnt sich die Weisheit hinter einer grauen, ungnädigen Fassade.

Die Sprache erinnert an die Virtuosität eines Hanns Josef Ortheils. Beiden Autoren sind diese präzise Beschreibung, die Beoabachtungsgabe, die prägnante Wortwahl und der schier unendliche Wortschatz zu eigen, die einen Roman erst mit den notwendigen Requisiten ausstatten. Die Sprache: gebildet, geschliffen, poetisch, wunderschöne Metaphern, eine gleich zu Beginn des Buches, ein Opener für Liebhaber handverlesener schöner Bilder: „ … betrachtete sie den Großen Wagen, den Polarstern, die Kassiopeia, und ihr war, als wären es Augen der Ewigkeit, die auf sie herabschauten.“ (Kniefall) Wie das Portrait eines Malers muten die beschriebenen Alltagsgegenstände an und werden unter der Feder der Autorin zu Artefakten erhoben. Der Erzählmodus steht mit seiner Eleganz im krassen Gegensatz zur gesprochenen Sprache. Ein animierender Gegensatz.

Die Geschichte bewegt sich in Zeitlupe vorwärts, denn Ilka, die Protagonistin, hält den Leser mit ihrem inneren Monolog in Trapp, dann die Geschichte der alten weisen Frau, die mit dem auf den Schienen ratternden Zug eine Parallelität herstellt. Und es entsteht die Frage, ob sich hier zwei Lebensläufe zeitlich versetzt eventuell wiederholen.

Zusammenfassung: Man muss sich schon nicht nur einmal in eine Bahnhofshalle setzen und dort seine Schreibskizzen anfertigen, damit ein derart bunter und lebendiger Bildbogen im Kopf des Lesers entstehen kann. Man muss Menschen in ihrer ganzen Komplexität erfassen können und sich ganz tief und mutig in deren Psyche reinwühlen, um auch die dunkelsten Anteile aufzuspüren. Und es gibt Menschen, die erleben bei einem Spaziergang um den Block mehr als andere bei einer Weltreise. Weil Erstere die Augen aufmachen und wahrnehmen.


Brombeerblut: Ein historischer Irlandroman
Brombeerblut: Ein historischer Irlandroman

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderschöne Irlandsaga, 2. Januar 2014
Die anscheinend stammbaumlose Ceara wächst bei Pflegeeltern in der Normandie auf und fristet dort ein karges Dasein zwischen Brotbacken, Räuchern, Bierbrauen, Weben und Nähen. Manchmal findet sie sogar die Muße, eine Kohle- oder Rötelzeichnung der sie umgebenden rauen Natur anzufertigen. Diese bescheidene Idylle nimmt ein jähes Ende, als eines Tages ein Gesandter ihres Vater auftaucht und sie zurück in die Heimat ihrer Ahnen holt.

Alle Figuren im Buch sind detailliert und anschaulich beschrieben.

Wortgewaltig und mit authentischem mittelalterlichem Dekor beschreibt die Autorin das Schicksal der jungen Ceara. Die Sprache hat mich bereits in Kapitel 1/Normandie gefangen genommen und in ihren Bann gezogen.
Beispiel: „Der Strand glänzte blond, über dem Meer dominierten Blaugrau und Lavendel, während die Düne im Abendlicht rosengold schimmerte wie Brokatstoff und sich weiter oben mit einer grauen Borte aus stacheligem Ginster schmückte.“
Die Autorin hat ihre Protagonistin mit der Beobachtungsgabe einer Malerin ausgestattet, was das Werk wundervoll bunt und plastisch macht, und den inneren Film bis ins letzte Detail ausschmückt.

Das Werk ist übersichtlich und gut strukturiert. Zu Beginn der Lektüre werden die wichtigsten Namen und ihre Aussprache erklärt. Der Plot beginnt mit einem Prolog, der den Leser eine Geschmacksprobe der Gewalt liefert, um die diese Geschichte nicht herumkommt.

Zusammenfassung: Erzählkunst, Schreibtalent und fundiertes historisches Wissen finden hier in ihrer schönsten Form Ausdruck.


DIE IDEEN DES HERRN PUMKIN: Roman
DIE IDEEN DES HERRN PUMKIN: Roman
Preis: EUR 2,49

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gift verpackt der liebe Gott in ganz kleine Flaschen, 2. Januar 2014
Attila Pumkin sitzt in der Albert-Schweitzer-Rehabilitationsklinik in Zimmer 11. Er gilt als VIP Patient, da er angeblich der Schwager von Willy Brandt ist. Obwohl der 89jährige Hutzelzwerg kaum mehr was wiegt und unter Einsfünfzig geschrumpft ist, nur noch aus Ersatzteilen zu bestehen scheint und die Kontrolle über die wichtigsten Körperöffnungen verloren hat, drangsaliert er mit unerschöpflicher Energie das Klinikpersonal. Um den Alten zu bändigen, wird ihm eine männliche Pflegekraft zugewiesen, Christian, ein angehender Lehrer. Dieser hat aber auch seine eigenen Probleme, z. B. mit Claire, einer 25jährigen blonden Krankenschwester, die sich so langsam aus der Beziehung schleicht und ihm Herzschmerz, ein Paar Highheels, einen BH und einen Minirock hinterlässt.
Doch auch der Alte hält Christian oder Jim, wie er ihn nennt, Tag und Nacht auf Trapp. Fast scheint es, als würde sich seine Boshaftigkeit und Manipulationsfähigkeit indirekt proportional zu seinen nachlassenden Körperfunktionen entwickeln. Ein letztes Aufbäumen vor dem großen Finale; und das droht in Form einer Einweisung ins Pflegeheim, denn seine alte Wohnung ist während seines Klinikaufenthalts von seinem Sohn bereits aufgelöst worden. Nur noch einen Wunsch hat der Lebensveteran: Einen Ausflug in sein Sommerhaus machen zu können. Wird er Christian dazu überreden können?

Attila Pumkin: Besser kann man den alten Nörgler nicht beschreiben, und Schümmelfeder hat nichts ausgelassen: struppiger Ziegenbart, Hufeisenmund, grauer Haarkranz, Glasauge, ständige Kaubewegungen, Zahnprothese (Ober- und Unterkiefer), anderthalbbeinig mit rosigem Stumpf, Meckerbockstimme, immer hungrig nach Mettbrötchen.
Ich habe Pumkin nicht nur bildlich vor mir, sondern meinte, ihn geradezu riechen zu können. Mir ist beim Lesen fast der ein oder andere Bissen im Hals stecken geblieben, so plastisch beschrieben war der nörgelige, alte Tyrann.
Pfleger Christian/Jim: gutmütige, blond gelockte Seele, die bald von Mordgelüsten heimgesucht wird.
Pflegepersonal der Klinik: Oberschwester Hildegard, Florence Nightingale, Claire, Mutter Theresa, Jasmin, Liliane, Iris, Oberschenkel-Halsbruch, Schwester Clabastra,
Eduard: Christians Mitbewohner, Schnorrer und Bekocher

Schümmelsfeders Sprache hat die Präzision und Geschliffenheit eines Schweizer Messers, begeistert mit einem unermesslichen Pool an lautmalerischen Worten und Wortschöpfungen. Un maestro grandioso!
Toll: Weißbekittelte Achseln zuckten; antiquiert anmutender Dutt; Nights in white Betten; erloschene Meerschaumpfeife; Beerdigungsstreuselkuchen; christianisieren; Countdown der Beziehung

Lineare Erzählung mit integrierten Piktogrammen, die den Rufknopf im Krankenhaus zeigen und sich je nach Pumkins Verfassung verändern; kursiv: Auszüge aus einem Prospekt für unterrichtsgeeignete Literatur (mein persönliches Highlight).Besonders gut haben mir die Einblendungen der Schullektüren gefallen, deren Inhaltsangaben Pfleger Christian während Pumkins Therapiestunden studiert. Phänomenaler trockener Humor.

Zusammenfassend:
Es sind dieser feine Zynismus, diese beißende Ironie, diese wortgewaltigen Beschreibungen, diese geschliffene Sprache, dieses Spielen mit Worten, diese genaue Beobachtungsgabe und dieses Hineinlegen des Fingers in die Wunde, was die Lektüren eines Schümmelfeders so einzigartig machen. Alles in allem ein geniales Stück Literatur und bei dem Spaß, den ich beim Lesen hatte, weiß ich nun auch endlich, wie man sich richtig die Hände wäscht.


Der Augen Blick
Der Augen Blick

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannend, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Augen Blick (Kindle Edition)
Nachdem die Kindsmörderin Renate Weiß verhaftet wurde, willigt sie in die Teilnahme an einer Studie ein, in der die psychologischen Hintergründe ihrer Tat beleuchtet werden sollen. Renate Weiß hat keine Ahnung, weshalb sie während ihrer Joggingrunde den wehrlosen Säugling ermordet hat und der Leser wird mit auf eine spannende Reise ins Unterbewusstsein der menschlichen Psyche genommen.

Alle Figuren sind hinreichend gut beschrieben: Renate Weiß, die Polizisten Alexandra und Herrmann, ihre Vorgesetzten, die Psychologen und Patienten des Pilotprojekts, ein Pfarrer.

In der Fachsprache ist die Autorin Irene Matt zuhause. Hier fühlt sie sich sicher und formuliert gewandt und dem Genre angepasst. Leider zieht sich diese Sprache – bis auf wenige Ausnahmen – durch das ganze Buch, d.h. durch alle Köpfe und Textsorten. Wenn es der Autorin gelänge, hier stärker zu differenzieren, wäre das Buch noch lebendiger.

Vielschichtiges Werk, aus verschiedenen Perspektiven erzählt, Tagebuchaufzeichnungen, Therapieprotokolle, Renate Weiß’ innere Monologe, gut und übersichtlich gegliedert und geschrieben.

Zusammenfassend: Spannend! Die verschiedenen „Fälle“ haben mich sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht. Weitere im Buch aufgegriffene Themen sind Wertschätzung und Empathie. Ich lese gerne Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie mich mit ihrer Botschaft irgendwie vorangebracht haben. Das hier war eins von denen.


VerSAMt nochmal
VerSAMt nochmal
Preis: EUR 1,99

5.0 von 5 Sternen Weck die Kicherliese in dir, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: VerSAMt nochmal (Kindle Edition)
Michelle Hidsidney hat es geschafft, ihrer SAM das gewisse Etwas zu verleihen, das ist unumstritten.
Ich habe ihr Buch vor ca. zwei Wochen gelesen und SAM hat sich auch bei mir nachhaltig im Hinterkopf eingenistet, sodass ich immer noch ihren Schalk im Nacken spüre. Ihr Humor, ihre Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, und vor allem ihre gute Laune, die noch lange nach der Lektüre wirkt, sind einzigartig. Michelle Hidsidney schreibt, wie sie denkt, und die Leserin ist sofort inmitten einer von Witz und Situationskomik durchtränkten Lektüre und schließt die Protagonistin SAM schnell in ihr Herz. Ihre Unverblümtheit und Frische haben etwas Ansteckendes. Tollpatschig und unbekümmert, vor Lebensfreude strotzend meistert SAM sämtliche Alltagsklippen im Flug, an ihrer Seite ihre beste Freundin und ihre geliebte Mama. Den Rotstift habe ich stecken lassen, auch wenn die Lektüre nicht fehlerfrei ist. Der Charme des Schriebs hat es geschafft, die „Lehrerin“ in mir zum Schweigen zu bringen und stattdessen die „Spätpubertierende“ auf den Plan zu rufen, die mit den Mädels kichert und giggelt. Oder frei nach Schiller: Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde die Dritte.


Felsenflug
Felsenflug

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herrscher über starke Metaphern, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Felsenflug (Kindle Edition)
Max, ein alternder Lebemann, unternimmt eine Reise, um den Freitod seiner geliebten Cäcilia zu verdauen. Dass er dafür ausgerechnet nach Capri fährt, wo er die glücklichsten Momente mit seiner um einiges jüngeren Ehefrau verbracht hat, davor hat ihn nicht nur der Psychologe gewarnt, bei dem er seit seinem Zusammenbruch in Behandlung ist. Überdies versucht er nun auch noch, auf der im Frühlingserwachen flirrenden Mittelmeerinsel seine Psychopharmaka abzusetzen, die ihn seit dem schweren Schicksalsschlag einlullen.
Kein Wunder also, dass er bald Gespenster sieht, sprich, seine für tot geglaubte Cäcilia, dass er immer mehr Beweise dafür sammelt, dass sie doch nicht tot ist

Die Figuren sind allesamt plastisch beschrieben:
Max: Ein älterer Faun, geschiedener Seeleninvalide, in zweiter Ehe glücklich verheiratet, immer adrett gekleidet mit Panamahut, noch gut in Schuss für seine Ende sechzig. Dass er mir als Leserin etwas snobistisch erscheint, darf so sein, muss so sein: Er mokiert sich über die vielen Touristen auf „seiner“ Insel und fühlt sich gestört durch das Geschnatter am Nebentisch „seiner“ Bar.
Cäcilia: Max zweite Frau, jung und schön mit kurzem blondem Haar, das Schicksal hat ihr bereits viele Lieben geraubt, deshalb hütet sie ihre symbiotische Beziehung zu Max wie ein Juwel, wohl wissend, dass es ihr jederzeit wieder genommen werden kann.
Exfrau Martha und die immer schwarz gekleidete Judith, Tochter aus erster Ehe: Sie agieren im Hintergrund
Die Sprache ist ein einziges Highlight, ob Gregor Bähr die Natur, Max Albträume oder die Wirkung des Psychomedikaments beschreibt, er wartet mit Metaphern, Alliterationen, einer bildreichen Sprache, wunderschönen atmosphärischen Naturbeschreibungen von philosophischer Leuchtkraft, Tönen in Dur und Moll, einer ausufernden Sprachgewalt, einem schier unerschöpflichen Wortschatz und gekonnt gesetzten Akzenten mit Fremdwörtern auf. Für Sprachästheten ein Hochgenuss. Zeile für Zeile.
Herrlich:
Düfte sind Brandbeschleuniger der Erinnerung
der dunkelblaue Samt der Ruhe
ein paar Ruderboote lagen kieloben … und erinnerten ihn an die Panzer von Schildkröten
brummte eine Motorjacht und zog eine weiße Schleppe hinter sich her
spürte selbst den feinen Schmerz seines Glücks
seelisches Beben pompejanischen Ausmaßes
u.v.a.
Mir geht das Herz auf, wenn ich das lese.
Die Struktur ist sehr übersichtlich:
Gute Einteilung in Kapitel, die mit römischen Zahlen durchnummeriert sind. Erzählplot erst aus Sicht von Max, dann aus der von Cäcilia und letztendlich von Judith. Sehr übersichtlich und spannend gestaltet.

Zusammenfassend:
Gregor Bähr haut hier ein bärenstarkes Meisterwerk raus. Wo nimmt er diese Worte her? Virtuos spielt er auf der Klaviatur der sprachlichen Zwischentöne, verfügt über schier unerschöpfliche Sprach-Ressourcen. Gepaart mit mittelmeerischem Denken und Effekten aus Licht und Schatten versetzt er den Leser abwechselnd in eine metaphysische Stimmung und die entschleunigte Idylle der Mittelmeerinsel, dann wieder konfrontiert er ihn mit der Kausalkette fataler Folgerungen und die in Gang gesetzte Unlösbarkeit der moralischen Dilemmata.


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