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Rezensionen verfasst von
freak (Hannover)

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Urstrom
Urstrom
von Martin Mollnitz
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Etwas schwer zugängliche, aber besondere Lyrik, weit weg von allem, was angesagt ist., 3. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Urstrom (Gebundene Ausgabe)
Vorweg: Weder komme ich aus der Prignitz noch gehöre ich der Generation an, die mit dem Weltkrieg oder der Ostzone viel anfangen kann. Vielleicht liegt es daran, dass Mollnitz Urstrom zunächst schwer zugänglich für mich war. Einige Gedichte liegen schwer im Magen, andere drehen ihn gar um, etwa das Gedicht "Ilse I.". Aber Mollnitz Lyrik will gerade nicht gefallen und will gerade nicht leicht zugänglich sein. So wie der durchschnittliche Tourist wahrscheinlich wenig mit den kargen, abgebrannten Landschaften, die Mollnitz beschreibt, anzufangen weiß, weiß der durchschnittliche Leser etwas mit seinen Gedichten anzufangen. Es gibt hier keine Lyrik, die "erbaulich" wäre, die man in Salons vor fein angezogenem und modelinkem "Kultur"-Publikum vorlesen könnte, um sich anschließend bei einer Bionade beklatschen zu lassen. Mollnitz Lyrik ist hart und direkt wie eine Mauer, aber diese Mauer ist alt und brüchig und diese Bruchstellen füllt Mollnitz mit dem Unerwarteten, Geträumten, Mystik und uralter Geschichte. Das ist es, was Mollnitz ausmacht. Zwischen all den Geschichten gescheiterter Existenzen, den rollenden Panzern der Russen, schreienden und geschändeten Weibern, dem Schweigen des Waldes, der alles sah, den Grenzererfahrungen blitzt hin und wieder ein unerwarteter Moment durch. Zunächst ist da die Landschaft, die einen auf einen auf sich selbst zurück wirft. Endlose Felder, unmittelbare Natur. Aber gerade das ist eben der Ort, in dem Mystik und Märchen noch existieren können und dürfen. In einer Großstadt voller Internetcafes und gleichgeschalteter Shoppingmalls, voller "Events" wäre es eben zu lächerlich noch Geschichten erzählen zu wollen. Mollnitz will Geschichten erzählen, die noch kaum einer kennen dürfte. Die Mystik und Schaurigkeit etwa, die der Landschaft innewohnt, fängt Mollnitz ein in Versen wie "lachend im gras / den blick voller lattich / dem wir getrost unsere weiber versprachen / der drache hat jetzt das land / als sträucher stehen die birken / die regentrude / verkam uns zur hur' /in den hecken der dornenrosen / schreien die prinzen". Die Landschaft ist nur scheinbar dröge. Unter dem kargen Boden lauern Grausamkeiten und Geschichten, die nur der Kenner aufzudecken und zu verstehen vermag. Und dann gibt es die großen Themen. Leipzig 1989 etwa. Oder eben den Weltkrieg. Russland. Nietzsche. Schopenhauer. Zum Abschluss düstere Geschichten von Rausch und Sucht. Wie gesagt, Mollnitz will nicht gefallen und sich schon gar nicht anbiedern. Darum ist der Zugang schwer. Gelingt er, entdeckt man den Charme des Unangepassten und Unzeitgemäßen, den man immer vergeblicher sucht zwischen all den seichten und eilig dahin gekritzelten und gebloggten Zeilen moderner "Poeten".


Chanel - PLATINUM EGOISTE 50 ML EDT Vapo
Chanel - PLATINUM EGOISTE 50 ML EDT Vapo
Wird angeboten von Shine Beauty Krefeld
Preis: EUR 68,50

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gefälliger, aber dennoch besonderer Duft für jeden Anlass, 17. Januar 2013
Bereits 1993 brachte Chanel diesen Duft heraus, den man als kleinen Bruder zum klassischen "Egoiste" verstehen kann. Da ich beide Düfte nun kenne, kann ich diesen Vergleich nur bestätigen. Der klassische "Egoiste" verströmt ein starkes, orientalisches und sehr seltenes Aroma, ist hoch konzentriert, eigenwillig und sehr vielschichtig. Dennoch dürfte dieser Duft nicht jedem gefallen und schon gar nicht eignet er sich als Alltagsduft. Mit dem Platinum Egoiste ist das anders. Dieser Duft will gefallen, man kann es nicht anders sagen. Direkt nach dem Aufsprühen war ich etwas enttäuscht, denn es roch zunächst nur nach zwar teurem, aber eben nicht besonderem Rasierwasser, erinnerte an "Boss Bottled". Es dauert ca. 15-20 Minuten, bis der kleine Abkömmling vom "Egoiste" auch sein ganzes Potential zeigt. Es entwickeln sich leicht orientalischen Duftnoten von Sandelholz und Zeder, die durch eine schwer zu beschreibende Komponente von mediterranen Gewürzen und vielleicht sogar Citrusnoten ergänzt wird. Vetiver und Neroli sorgen für eine aussergewöhnliche, starke und sinnliche Komposition, die dann auch locker 10 Stunden anhält. Kurzum: Dieser Duft ist der ideale Duft für alle Gelegenheiten. Er sticht klar aus den ganzen irgendwie gleich riechenden modernen Düften von Boss, DolceGabbana, Prada etc. heraus, aber eben nicht so unverschämt und selbstbewusst wie das klassische Chanel "Egoiste". Man fällt mit diesem Duft auf, positiv, das ist klar, aber es drehen sich eben nicht alle Leute im Raum nach einem um wie dies beim "Egoiste" der Fall ist. Ich halte es so, dass ich Platinum Egoiste eigentlich ständig trage und das klassische Egoiste nur zu ganz besonderen Anlässen auftrage. Preisvergleiche lohnen sich übrigens. Man kann 100ml des Platinum Egoiste bereits für 72 Euro erstehen.


Combray (insel taschenbuch)
Combray (insel taschenbuch)
von Marcel Proust
  Taschenbuch

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gediegene Salonlektüre, 6. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Combray (insel taschenbuch) (Taschenbuch)
Wie in den alten Werken nicht nur längst vergangener Zeiten, sondern auch verschütteter Welten, die wir mit beigen Cargohosen und weißen Leinenhemden als nettes Apercü gerne noch einmal im dürftig weggeschaufelten Sande beobachten dürfen und zu den artigen und wohlfeilen Sätzen eines Archäologen eifrig nicken und gebetsmühlenartig "Pompeji, ja Pompeji" rufen, gerne Muse und Traum als Bedingung jeder dichterischen Existenz angerufen und beminnt wurden, so erhebt sich auch "Combray". Denn damit beginnt auch hier alles: Da ist der unruhig im Bett Liegende, der Träumende und damit eben Inspirierte, an dem Raum und Zeit vorbeifliegen, miteinander verquirlt, getrennt und wieder zusammen geflickt werden und irgendwann entstehen dann Räume, Dinge, Erinnerungen, Menschen und sogar Düfte. Und wir stehen davor und möchten auch gerne rufen "Combray, ja Combray", denn es ist in der Tat eine längst hinter den Horizont gefallene Zeit, aus der dort berichtet wird, in einem Stile, der diesem hier nicht ganz unähnlich ist. Der an mit Bohnerwachs genährte Salontische und Ledersessel, vielleicht auch Pfeifen und Zigarren und Herren mit gezwirbelten und gewichsten Schnurrbärten erinnert, an Herren, die mit sanfter, dennoch fester Stimme rufen "Dürfte ich wohl die Dame bitten?" und dann fährt eine Kutsche vor, der Page öffnet die Tür und man fährt hübsch davon.

Und ungefähr so schlug ich das Buch - ich ahnte ja ein wenig, was mich erwarten würde - auf und hätte am liebsten im Garten eines kleinen, wohl aber anmaßenden Landschlosses gesessen und wie der Autor ein Madeleine-Gebäck gegessen und all die schönen Dinge in mir aufsteigen lassen. Da ist das Drama des Zubettgehens des kleinen Jungen, da ist die feine Ironie an Gesellschaftsabenden, an denen ein Fruchtsaft noch schnell vor dem Eintreffen des Besuchers Swann auf den Tisch gestellt wird, damit es nicht den Anschein erwecke, als würde er nur für den Besuch aufgetragen. Da sind die geschwätzigen und alleinstehenden alten Großtanten, die nie ein Mann freite und die sich in illustren Anspielungen ihre pflaumigen Wangen röten. Jene feine Ironie ist überall, die wir so schmerzlich vermissen in den heute plump dahin geworfenen und hässlich verleimten Pappdingern, die irgendwo auf einem begrabbelten Bahnhofsbuchhandlungstisch liegen und "Hummeldumm" oder "Stieg-Larsson-Trilogie" heißen.

Nicht, dass in diesem Buche irgendetwas passieren könnte. Wir können uns nur wie Proust fühlen und an längst vergangene, darum nicht unbedingt lächerliche Tage schmerzlich denken. Durchaus gibt es hier die großen literarischen Themen: Die Liebe zur Mutter und damit die Angst vor dem Alleine-ins-Bett-Gehen, vor dem Erwachsen-Werden und damit auch vor dem Sterben. Denn ein Werk wie dieses wird in seiner köstlichen Breite, seinem Detailreichtum vielleicht nur aus einer solchen Angst heraus erschaffen. Die drei Kirchtürme, die in der untergehenden Sonne leuchten und ein arroganter Snob, der die Familie belästigt. Oder die Sentenz an die Köchin der Familie, Francoise, die trotz ihrer bäuerlichen Herkunft ein Gespür für Wesen und Interessen der Vornehmen hat, weil es ihr scheinbar über Jahrhunderte vererbt wurde. Oder der lüsterne Großonkel des kleinen Marcel, den die Frauen lieben und die Eltern verachten.

All das sind herrliche Themen und wenn man an gediegenen Tagen so etwas braucht, dann unbedingt vielleicht auch eine Tasse eines ekligen, parfümierten Tees, der mit mit abgespreizten Fingern getrunken wird, eine rote Hose, ein blaues Samtsakko und ein Piccolöchen. Denn männlich ist dieses Buch leider ganz und gar nicht, und hat man es durch, wünscht man unbedingt, mal wieder nicht zu duschen oder sonstwas zu machen. Für Freunde des Gediegenen ein herrlicher Begleiter, der unbedingt immer unter dem Seidenschal Platz finden sollte. Ich muss jetzt jedenfalls etwas Dreckiges lesen.


Bangkok Noir
Bangkok Noir
von Roger Willemsen
  Audio CD
Preis: EUR 19,95

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Grauenvolles Hörbuch, grauenvoll, 12. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Bangkok Noir (Audio CD)
Mag ich Hörbücher? Ich weiß es nicht, ich stieß nur durch Zufall auf dieses Hörbuch, ich hatte keinerlei Vorstellung, was mich erwarten würde. Ich legte die CD ein, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und das Erste, was ich hörte, war ein kurzer, busbremsenquietschender Ausschnitt aus dem Geräuschlebens Bangkoks. Roger Willemsen - atemlos mit der Stimme eines Ned Flanders - legte sofort los und was dann kam, gefiel mir nicht. Der Text ist unglaublich schnell gelesen, das soll womöglich ansprechend wirkend, der Rhythmus der Großstadt und so. Aber es ist peinlich und noch peinlicher sind die verschwurbelten Sätze, die Musil sein wollen, aber doch nur die Sätze eines talkshowbesessenen Flaneurs sind, der irgendwann lachend und auch ein bisschen geil von seinem Rosettenabenteuer bei Charlotte Roche berichtet. Jedenfalls war er da weniger atemlos als hier, als Erzähler seines eigenen Machwerks. Aber wir wollen sachlich bleiben.

Das erste, gelesene Kapitel - ich weiß nicht, ob es dem Buch auch so entspricht - ist eine Hymne und Poesie an die Großstadt. Da staunt Willemsen: "Wie viel Intelligenz muss am Werk sein, wieviel Energie und Elektrizität muss gebündelt werden?", fragt er sich angesichts der Großstadt und dabei wirkt er durchaus noch sympathisch, ein bisschen wie der staunende, spielende Junge, mit dem alles anfängt. Ich war durchaus noch gespannt.

Aber dann versteigt sich Willemsen leider in eine ganz und gar verdrechselte, verschwurbelte Sprache, die nichts von der Authenzität, dem tatsächlich unglaublichen Erlebnisreichtum einer asiatischen Großstadt einzufangen mag. Erotik erstickt im lahmen bildungsbürgerlichen Duktus mit dem grauen Farbstrich einen wissenschaftlichen Papers. Abenteuer, Aufregung, Gerüche, Atmosphäre wird erstickt in einer hastenden Bibliothekarsstimme. Wirklich: Sie bekommen Kopfschmerzen von diesen 2 CDs und mit der letzten Silbe werden Sie da sitzen und sich fragen: Was habe ich hier eigentlich gerade gehört? Aber vielleicht geht es nur mir so...

Natürlich hat kein Produkt null Sterne verdient und ich weiß, wie subjektiv so etwas ist. Aber wenn man schon öffentlich als anonymer Sonstwer seine Meinung zur Verfügung stellen soll, dann muss man auch ehrlich sein. Mir hat es gar nicht gefallen. Schade.

Die zwei Sterne gibt es aus Respekt vor der Leistung.


Physiologie des Menschen: mit Pathophysiologie (Springer-Lehrbuch)
Physiologie des Menschen: mit Pathophysiologie (Springer-Lehrbuch)
von Robert F. Schmidt
  Gebundene Ausgabe

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Institution, 24. Juni 2010
Natürlich ist über ein Lehrbuch wie Schmidt / Lang - vormals auch Thews - alles schon gesagt und geschrieben worden. Darum ist vielleicht interessant, was nicht gesagt wurde:

1) Der Schmidt/Lang verliert sich NICHT NUR in Detailwissen. So werden zwar alle Kapitel von Koryphäen der deutschen Forschung verfasst, was ein Garant für Qualität ist, andererseits aber auch die Gefahr von Detailwissen und Unverständnis mit sich bringt. Besonders hervorzuheben ist das gesamte Traktat "Niere / Salz-Wasser-Haushalt / Calcium - Phosphat" - es gelingt den Autoren hier in perfekter Weise, das Thema zu erklären und WIRKLICH verständlich zu machen. Wer es hier gelesen hat, hat das Thema verinnerlicht. Auch das Kapitel Herz / Kreislauf ist besonders hervorzuheben, ebenso das Kapitel "Ohr". Diese Themen habe ich überall nur um Welten schlechter gefunden.

2) Der Schmidt/Lang KANN sich in Detailwissen verlieren und KANN alles andere als gut und hilfreich sein. Das gesamte Kapitel über ZNS ist eine Frotzelei an dahin geworfenen Fachbegriffen, Zusammenhanglosigkeit und "In-Der-Luft-Hängen". Diese Kapitel - auch über Allgemeine Sinnesphysiologie - sind eine herbe Enttäuschung und eine hässliche Entgleisung des Buches. Darum auch nur - mit Wohlwollen - vier Sterne.

3) Die Abbildungen sind wirklich sehr gut.

4) Das Buch ist perfekt gebunden und robust. Man kann es überall mithinnehmen(naja, das Gewicht...), anstoßen, drin rummarkern - der Schmidt/Lang überlebt sie alle!


Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman
Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman
von Christian Kracht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kracht verstörend, brillierend, manchmal enttäuschend, 4. November 2009
Christian Kracht hat ein verstörendes Buch geschrieben, eine Utopie und eine Parabel über die Fehlkonstruktion Moderne. Was wäre wenn...? - das ist freilich eine Kategorie, die sofort im Unendlichen aufgeht und so kann in "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" gedacht werden, was gewesen wäre, wenn Lenin nicht in den verplompten Zug gestiegen wäre. Die Idee, Geschichte anders zu denken, ist indess nicht neu und auch manche auf den ersten Blick geniale Formulierungen werden vom genauen Leser schnell als Kupferstich mit der Signatur Ernst Jünger entlarvt.

Der Kommunismus hat in Krachts Buch gesiegt in der Schweiz und es ist ein totalitäres Regime, das die Manifestationen des Lebens bis ins Kleinste diktiert(So auch die verstörenden Sonden, die den Helden des Romans immer wieder begegnen und sie auszuspionieren scheinen). Der Krieg tobt zwischen gewaltigen Fronten und es ist wohl wahr, dass erst der Krieg die Maske der Zivilisation abreißt und den Menschen in seiner eigentlichen Form zeigt. Nur: In Krachts Buch tobt der Krieg so lange, dass alles Gewohnheit ist und vermeintliche Handlungsmuster nicht mehr schockieren oder nachdenklich machen. Man stirbt, man wird geboren, und wieder stirbt einer durch irgendeine Granate - es ist nichts mehr daran.

Am Ende führt der Protagonist - ein Schwarzer im Rang eines Schweizer Sowjetkommissars - die Menschen wieder zurück auf den Acker. Das ist wohl eine humanistische Utopie oder - diese Möglichkeit muss bei einem wie Kracht immer bedacht sein - eine Lächerlichkeit. Ebenso verstörend wie mystisch wirkt die Erfindung einer Geistessprache in dem Buch, die sich allein durch elektromagnetische Gedankenwellen überträgt oder der Gedanke, dass psychotrope Pilze dem Esoteriker mit jedem Stückchen auch ein Stück des Universums einverleiben.

Was ist das alles also? Eine Utopie? Natürlich. Ein Kriegsroman? Auch. Science-Fiction? Gewiss! Lächerlich? Wer wollte leugnen, dass ein Zwerg wie Uriel je etwas anderes war. Zurück bleibt ein verstörender, metallischer Geschmack auf der Zunge des Lesers, hinter dem sich noch etwas Zartes, Unentdecktes verbergen will, aber nicht kommt. Das ist dann wohl auch das Enttäuschende an Krachts Roman.

Vielleicht würde diese Aussage zu "Ich werde hier sein..." gefallen: Die Menschheit wäre ohne die Menschheit besser dran. Und mir gefällt: Die Leser wären ohne Kracht zwar nicht besser dran, aber auch nicht ärmer.


Capote
Capote
DVD ~ Catherine Keener
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 7,99

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Wiederbelebung des grossen Besessenen, 19. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Capote (DVD)
Er hatte ein Land begeistert. Er war ein großer Star, ein einmaliger Jetsetliterat. Aber wer hatte ihn sterben hören, wer hatte den von Drogen und Halluzinationen ausgezehrten Schriftsteller begleitet in seinen letzten Tagen? Niemand, nur die Einsamkeit, dieselbe, die auch über die blanken Linoleumböden der Krankenhäuser, in denen er seine letzten Jahre verbrachte, weht.
Truman Capote - das war ein Name, das war ein Genie. Wie hatte nicht alles angefangen, als der gerade erst dreiundzwanzig Jahre alte Capote seinen Debütroman vorstellte. Die Sprache ist meisterhaft, voller unglaublicher Bilder und Vergleiche. "Other Voices, other Rooms" spaltete die Literaturkritiker - und verhalf dem Youngster zu einem nie vorher gesehenen Höhenflug. Nicht zuletzt wegen des sensationellen Bildes, das auf dem Buchumschlag prangte, auf dem die Blicke des mädchenhaft hübschen Capote lasziv in die Kamera versinken...

Seine eigentliche Aufgabe - und seinen einsamen Abgang - fand der Poet aber in der Aufzeichnung eines grausamen Verbrechens, das sich mitten in Holcomb, Kansas, abspielte, einem kleinen Dorf inmitten des "Middle of Nowhere". Im November 1959 drangen zwei bisher noch nie gesehene Kleinkriminelle in ein Farmerhaus einer allseits geschätzten und hoch angesehenen Familie - den Clutters - ein und ermordeten diese - scheinbar grundlos. Und damit beginnt das große Spielfilmdebüt Bennet Millers. Capote ist von dem Verbrechen fasziniert, will die Psychologie der Tat - eigentlich eine unfassbare - in dieselbe Form der Sprache bringen, die er so meisterhaft beherrschte, und reist noch am nächsten Tag in das Städtchen. Er ist besessen von seiner Kunst.

Dieser Capote, den Phillip Seymour Hoffman spielt, er ist das Urbild des modernen Dandys: Wie wir ihn auf Partys sehen, das Glas sanft mit gespreizten Fingern umschlossen, die weiche, brüchige Sensationsstimme und das Gelächter eines schwulen Salonlöwen - es ist schon wieder zu arrogant, zu faszinierend, als dass man es diesem Capote verübeln könnte. Mit seiner Art stößt er bei den Bewohnern Holcombs allerdings nur auf ein verschlossenes, ahnungsloses Schweigen. Aber bald sind die Mörder gefasst. Perry Smith und Dick Hickock werden vom seltsam hart wirkenden Komissar, der Capote übrigens trotz anfänglicher Differenzen mit Material umsorgt, abgeführt.
Dick Hickock ist ein gewöhnlicher Krimineller: Ein hartes, von moralischen Untaten angerauhtes, ja entstelltes Gesicht und wilde, omnipotente Tätowierungen geben ihm nichts Besonderes - einer der für den Knast vorherbestimmt ist. Aber Perry Smith, er ist ein verstörter, gebrechlicher Mann mit verkrüppelten Beinen. In ihm entdeckt Capote etwas Verfeinertes, Träumerisches, das diese Person besonders macht und die Person ergreift ihn mehr noch als das Verbrechen.

Man könnte sagen, dass sich dieser Capote, dieser anteilnahmslose Snob, dass er sich in Perry verliebt hat. Man könnte das sagen, wenn man sieht, wie ihn Capote in mütterlicher Fürsorge mit Babybrei in der Todeszelle - die Strafe der beiden Mörder - füttert. Man könnte - aber die Tatsache, dass wir Capote am Telefon von Perry als einer "Goldgrube" sprechen hören macht uns skeptisch. Capote selbst ist besessen von seinem literarischen Projekt des Tatsachenromans und er muss sich entscheiden. Wird denn die Liebe des zu seiner Zeit öffentlich einzig anerkannten Homosexuellen noch siegen oder die genialische Besessenheit des Künstlers Perry als Objekt in den Todeskammern verkümmern und als bloßen Selbstzweck der eigenen Kunst nur in dem Werk fortleben lassen? Und ein weiteres Problem treibt den Dandy um: Nur wenn der halbwegs geliebte Perry endgültig hingerichtet ist, kann das geplante Werk zuende geführt werden.
Bennet Miller gibt keine Antworten. Die Kameraführung ist so klar und schnörkellos - und doch ist sie von subtiler Ahnung durchsetzt, die uns Capote näherbringt. Wenn wir ihn auf den Partys sehen, wenn wir ihn sehen, wie er Perry belügt, wie er an seiner eigenen Besessenheit zu zerbrechen droht, wie ihn der Ruhm aufputscht - dann sehen wir den Untergang des legendären Dichters heraufziehen. Und immer öfter sehen wir seine abgeklappten Hände mit einer herunterglimmenden Zigarette und immer öfter umschließen die zarten Hände das Glas. Der Alkohol betäubt die eigene Besessenheit und Verzweiflung.

In dieser subtilen Ahnung besteht die bis zur Perferktion gebrachte Kunst Millers. Es ist kein großes Blockbusterkino, sondern ein niveauvolles Drama, das niemanden nicht hineinzieht und verwickelt. Es wurde ein Bild gezeichnet dieses Capotes, das so glänzend von Philipp Seymour Hoffman beherrscht wird, das es alle anderen, auch herrausragenden Schauspielerleistungen einfach als bloßen Hintergrund erscheinen lässt. Aber das ist recht so: Denn auch der echte Capote wirkte mit einer unglaublich anziehenden Kraft auf seine Umwelt, die alles andere verblassen ließ.
Ja, es ist ein großer Film, den man da sehen kann und sollte. Es lohnt sich - in jeder Hinsicht. Am Ende ging Capote zuweit und porträtierte ausgerechnet die von ihm so sehr gebrauchte "high society", von der er fortan verbannt wurde. Er starb ganz einsam.
Aber auch und gerade Bennet Millers Film hat zur Wiederbelebung des Kults um diesen großen Geist geführt. Und das ist schon Verdienst genug.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 3, 2010 10:03 PM CET


Gray's Anatomie für Studenten: Übersetzt und herausgegeben von Friedrich Paulsen
Gray's Anatomie für Studenten: Übersetzt und herausgegeben von Friedrich Paulsen
von Richard L Drake
  Taschenbuch
Preis: EUR 54,95

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr gute Idee in hervorragender Aufmachung mit kleinen Schwächen, 19. Juni 2009
Im englischsprachigen Raum ist der Gray's geradezu der heilige Gral unter den Anatomiebüchern. Tausende von Seiten geballten Spezialwissens, in dem keine Frage unbeantwortet bleibt, keine Verknüpfung zu anderen Disziplinen und kein Molekül als zu ausführlich erscheint. Dieser Ausuferung wurde zuerst mit dem englischsprachigen Gray's Anatomy for Students Einhalt geboten - ein Werk, das sich für Studenten auf das Wesentliche der makroskopischen - und nur der makroskopischen - Anatomie beschränkt.
Mit der Übersetzung dieses Werkes liegt auch in Deutschland eine höchst interessante Alternative zu den klassischen Lehrwerken vor. Das Werk ist auch hier ausschließlich auf die Makroskopie beschränkt, es fehlen komplett histologische oder neuroanatomische Einstreuungen. Das tut den 1000 Seiten des Werkes allerdings kein Abbruch und wenn man den Gray's beherrscht, sollte man keine Probleme mit dem Fach der Anatomie haben: Wenn sich der deutsche Gray's in einigen Punkten nur mehr an den Erfordernissen deutscher Universitäten und am GK orientieren würde. Während Kapitel wie Extremitäten, Kopf und Hals sowie Thorax und Becken geradezu herausragend sind, mangelt es im Abdomen an wichtigen Kernpunkten, die man einfach beherrschen muss. Der Gastrointestinaltrakt kommt im Gray's meiner Meinung nach viel zu kurz.
Dennoch besticht der Gray's durch eine Didaktik und Funktionalität, die man zum Beispiel im Lippert verzweifelt suchen wird. Jedes Kapitel beginnt mit einer allgemeinen, sehr übersichtlichen Einführung. Es schließt sich die Topographie an. Jeder Muskel, jede Arterie und jeder Nerv hat ein eigenes, kleines Kapitel. Man muss sich nichts umständlich durch seitenlanges, gar kapitelweises Blättern zusammensuchen wie zum Beispiel im Lippert und am Ende erschließt sich ein ganzes Thema in seiner vollen Breite. Auch die Bilder eröffnen durch eine klare, dreidimensionale Aufmachung ganz neue Einblicke. Allerdings wirken sie zuweilen etwas comichaft und sind zu sehr Schema.
Fazit: Der Gray's Anatomie für Studenten könnte wirklich DAS Anatomiebuch werden, wenn er die kleinen Schwächen in den nächsten Auflagen beseitigen kann. In jedem Fall sehr empfehlenswert.


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