MSS_ss16 Hier klicken Jetzt informieren Cloud Drive Photos Kamera16 Learn More Amazon Weinblog Hier klicken 1503935485 Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip GC FS16
Profil für Diethelm Thom > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Diethelm Thom
Top-Rezensenten Rang: 1.162
Hilfreiche Bewertungen: 1383

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Diethelm Thom
(VINE®-PRODUKTTESTER)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
Glückskind mit Vater: Roman
Glückskind mit Vater: Roman
von Christoph Hein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

5.0 von 5 Sternen Lädt zur Identifikation ein, 1. Mai 2016
Der Protagonist des Romans, der ehemalige Schulleiter Konstantin Boggosch, wird 10 Jahre nach seiner Pensionierung aufgefordert, anlässlich eines Jubiläums seiner Schule der Lokalzeitung ein Interview zu geben, weigert sich aber und lässt stattdessen für den Leser des Buches sein ganzes Leben Revue passieren. Noch nicht einmal seine zweite Frau, Marianne, zieht er ins Vertrauen: "Ein deutscher Schullehrer, was gibt es da groß zu erzählen?" (524). Er ist überwältigt von der Bedeutungslosigkeit seiner Existenz: "Ich werde verschwinden, und alles wird sich auflösen…" (503). Bleibt die Frage: Wieso aber doch über 500 Seiten genaueste Recherche und Ausbreitung dieses Lebenslaufs, wenn nicht für die Zeitung, dann aber doch für den Buchleser?

Antwort: Weil wir Menschen offensichtlich doch nicht aufhören können, in unserem jeweilig individuellen Leben nach Sinn und Bedeutung zu forschen. Die Tatsache, dass die Spuren fast aller Menschen im Laufe der Zeit verwehen, schließt nicht aus, dass jeder Mensch sein Leben doch – besonders im Rückblick - als etwas subjektiv Bedeutungsvolles begreift, das nach Sinngebung und Verstehen verlangt. Wie schafft es der Ich-Erzähler aber, seine Geschichte auch für den Leser interessant zu machen?

Hein weist in einer Vorbemerkung darauf hin, dass dem Roman "authentische Vorkommnisse zugrunde" liegen. Er muss – selbst wenn er sich die Freiheit dichterischer Ausgestaltung genommen hat – doch genauestens recherchiert haben. Man merkt es als Leser, viele Ereignisse hätte man kaum erfinden können: Wer würde schon unter abenteuerlichen Umständen mit 14 Jahren aus der DDR fliehen, nur um sich nach Marseille durchzuschlagen und dort zu versuchen, bei der Fremdenlegion anzuheuern, weil er spannende Groschenheftchen darüber gelesen hatte? Wer würde schon nach zwei Jahren ausgerechnet am Tag des Mauerbaus von Heimweh getrieben in die DDR zurückkehren und sich unter noch viel abenteuerlicheren Umständen wieder in dieses Gefängnis zurückschmuggeln?

Und: Der Erzähler berichtet so präzise und deutlich über jede kleine Phase in Boggoschs Leben, dass man wie in einem Sog in das Geschehen hineingezogen wird und nicht nur dessen Leben und die damaligen Verhältnisse nachvollziehen, sondern auch sein eigenes Leben wiedererkennen kann. Zwar bleibt kein Zweifel daran, dass die DDR ein Gefängnis und Unrechtsstaat war, aber die Menschen lebten so gut es ging doch ihr alltägliches Leben, in dem wir unser eigenes Leben durchaus wiedererkennen können. Es waren nicht alles ideologische Opportunisten und Duckmäuser, sondern in Boggoschs Schulalltag zeigen er, seine Kollegen und Schüler Common Sense, den Drang nach Unabhängigkeit und einen Sinn für Anstand. Sicher, der Staat quält Boggosch ein Leben lang damit, dass sein Vater ein Nazi-Verbrecher war. Aber ein Mitglied der staatlichen Schulaufsicht, von dem Boggosch Schlimmstes befürchtete, entpuppt sich beispielsweise als wahrer Freund. Der Leser wird mit einer DDR konfrontiert, in der es nicht nur Schatten, sondern auch Licht gab. In einem etwas lockeren Vergleich können auch wir in der sog. freien Welt die Dinge nicht allein nach unserem freien Willen bestimmen, sondern müssen vielfältigen Sachzwängen gehorchen.

Es gelingt dem Erzähler auf jeden Fall, ein Gefühl davon zu vermitteln, wieviel Dramatik und Bedeutung in den Wendungen und Entscheidungen eines durchschnittlichen Lebens stecken. Wir nehmen teil am Leben eines anderen, erfahren von innen heraus viel über unsere Geschichte und begreifen uns selbst irgendwie als Teil des Geschehens. Das ist nicht wenig.


ROT: Roman (dtv Literatur)
ROT: Roman (dtv Literatur)
von Uwe Timm
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

3.0 von 5 Sternen Will gleich tot sein, 21. April 2016
Rezension bezieht sich auf: ROT: Roman (dtv Literatur) (Taschenbuch)
Wie umgehen mit der eigenen legendären 68er Vergangenheit? Vielleicht so: Einsehen, was das für ein infantiler Unsinn war (höchstens historisch erklärbar) und im Laufe der Jahre Einpendeln auf die Lebensrealität, auf die jeweils eigene authentische Person? Einsehen, dass die radikale Weltverbesserung eine naive Menschheitsutopie war und sich lieber bescheiden einlassen auf die Mühen des wirklichen Lebens? Das tut der Protagonist in dem Roman durchaus. Er ist schon über 50, hat immer noch Erfolg bei jüngeren Frauen und kann als Beerdigungsredner auskömmlich leben. Er hat dies und jenes ausprobiert, ist wieder ungebunden, spielt Jazz und ist mit Jazzkritiken im Radio zu hören.

Aber nein, das ist dann doch zu wenig. Immer wieder bricht für ihn die Sinnlosigkeit des Lebens in unserer Konsumgesellschaft durch: "Alles Verklärungen, verbale Krücken, um das zuzudecken, was sich auftut, was tatsächlich ist: nichts. Ein schwarzes Loch, in das alles zusammenstürzt, eine Implosion des Sinns, nichts, nichts, nichts'" (153). Und als er die Beerdigungsrede bei einem ehemaligen Genossen halten soll, der keine Kompromisse machte und ein anspruchsloses, einsames Leben führte, um seine Ideale aufrechtzuerhalten, da überwältigt ihn die Nichtigkeit seiner eigenen Existenz, da ist er so gerührt von dem ehemaligen Weltverbesserungsethos, dass er sich gleich selbst von der Berliner Siegessäule stürzt, die sein alter Kumpel eigentlich in die Luft sprengen wollte. Man ist verblüfft: So schwer hat er am Leben getragen?

Es liegt also eine gewaltsame Aufprotzung seines Lebens mit Tiefsinn und Tragik vor, was man seinem real geschilderten Leben gar nicht abnimmt. Die Menschen, mit denen er zu tun hat, sind durchaus diskussionsbereit, liebenswert und zugänglich, obwohl es richtige Yuppies und Kapitalistenknechte sind, die Geld in Hülle und Fülle verdienen und einen alten Porsche mit kultigem Sitzpolsterleder fahren. Außerdem: Ist dieses Empfinden von totaler Sinnlosigkeit und Verzweiflung nicht einfach nur die Kehrseite von der jugendlichen Illusion der totalen Weltverbesserung? Jeder versucht sich halt die Welt zu erklären, wie er es gewohnt ist.

Timm erzählt deutsche Geschichte gekonnt und einfallsreich, wenngleich er auch immer wieder etwas angestrengt in Tiefsinn (über die Farbe Rot, wobei er sich anscheinend von Pamuks "Rot ist mein Name" von 1998 hat beeinflussen lassen) und Symbolik macht (Iris, das Licht, Jonas und der Walfisch). Er hätte es vielleicht bei der Darstellung belassen sollen, wie einer allmählich vom Leben belehrt wird und darin seinen Lebenssinn findet. Aber nein, der Mann will gleich tot sein, gleich vom ersten Kapitel an.


Imre Kertész: Fiasko
Imre Kertész: Fiasko

4.0 von 5 Sternen An der Welt Rache nehmen, 16. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Imre Kertész: Fiasko (Gebundene Ausgabe)
Mit 49 begann Kertész an "Fiasko" zu arbeiten, mit 57 (1986) schloss er den Roman ab. Bis dahin hatte er sich - seit er 24 Jahre alt war - mit zweitrangigen schriftstellerischen Arbeiten durchgewurstelt bzw. schließlich seinen "Roman eines Schicksallosen" geschrieben, der aber erst jetzt, als "Fiasko" fertig war, langsam die Anerkennung fand, die er verdiente. Mit anderen Worten: Als "Fiasko" empfand Kertész sein ganzes Leben nach dem ersten Roman und seine Versuche, zu seiner schriftstellerischen Berufung zu finden. (Der internationale Durchbruch bis hin zum Nobelpreis und vielen Ehrungen stellte sich erst in den 90er Jahren ein, als seine Werke auf Deutsch erschienen).

Entsprechend ist dies ein Buch über gelebte Tristesse. Der Erzähler stellt den Protagonisten zunächst in einem ersten Teil dar, wie er wie ein gefangenes Tier in seiner winzigen, schäbigen Wohnung seine Notizen nach einem Stoff für seinen zweiten Roman durchsucht und im Übrigen sein Leben recht und schlecht über die Runden bringt.

Endlich, und hier beginnt der zweite Teil, gelingt ihm ein Anfang einer dann stringent durchgehaltenen Romanerzählung. Noch einmal, jetzt in konsequent fiktiver Erzählweise, verarbeitet Kertész sein biografisches Material, indem er die Rückkehr eines gewissen Steinig nach Ungarn wie in ein fremdes, aber seltsam vertrautes Land beschreibt, seine Versuche, in dem undurchdringlichen sozialistischem System irgendwie zu überleben - als Journalist, Arbeiter, Gefangenenwärter - , was alles misslingt. Als sich einmal die Grenzen auftun und sich die Möglichkeit zur Flucht bietet, beschließt Steinig in Ungarn zu bleiben, der Sprache wegen, und an einem Roman, dem ersten, zu arbeiten. Erst am Schluss wird der allmähliche Erfolg angedeutet.

Wie Kertész schon im "Schicksallosen" die Leser faszinierte, indem er einen neuen, entmystifizierten Blick auf Auschwitz aus der staunenden Perspektive eines 14Jährigen bot, so gibt er auch in diesem Roman absolut nüchterne Antworten darauf, was ihn z.B. zum Schriftsteller gemacht hatte und ihm die Kraft gab, trotz jahrzehntelangem Misserfolgs daran festzuhalten: Er wollte, so heißt es etwa, an der Welt Rache nehmen und "um ihr zu entreißen, wovon sie mich ausgeschlossen hat." (113). Von einem besonderen Talent oder einer Berufung könne nicht die Rede sein.

Nach der Lektüre bleibt bei mir ein etwas zwiespältiger Eindruck zurück. Die beiden Teile sind stilistisch völlig gegensätzlich, so dass das Ganze etwas unfertig und vorläufig anmutet. Der erste Teil wirkt improvisiert, sprunghaft, zwar aus der Er-Perspektive, aber tagebuchartig und das Alter Ego von Kertész - den "Alten" - hautnah begleitend, oft genug mit einem grimmigen, grotesken Humor. Der zweite Teil ist dagegen stilistisch homogen, dicht und eindringlich, durchweg fiktiv und teilweise von einer surrealen Intensität. Wir erfahren nicht nur etwas über Kertész und grübeln mit ihm über seine existentiellen Probleme nach, sondern wir erfahren gleichzeitig auch immer etwas über das Leben eines Einzelnen, der in einer Diktatur, einer Welt der Jasager mühsam seinen eigenen Weg zu finden versucht. Dennoch bleiben die Ausführungen immer sehr spezifisch auf die Situation des Schriftstellers Imre Kertész im Ungarn der Nachkriegsjahre bis zur Wende bezogen. Zur Verdeutlichung: Kafka hat auch aus einer Situation der Enge und Bedrängung heraus geschrieben. Aber seine Texte öffnen sich immer nur in ein freies literarisches Universum.


Der Trafikant
Der Trafikant
von Robert Seethaler
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Deppendoktor und der Burschi, 31. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Trafikant (Taschenbuch)
Schon ein wenig gewöhnungsbedürftig dieser "Burschi", der Franz, der der Held in dem vorliegenden Buch ist. Er kommt aus der österreichischen Provinz, aus der landschaftlichen Idylle des Attersees nach Wien und wird hier als Lehrling eines Trafikanten (Zeitungen, Rauchwaren, Süßigkeiten) unvermittelt in die politische Umbruchsituation des österreichischen "Anschlusses" an Nazi-Deutschland hineingeworfen, ohne irgendetwas zu verstehen. Weder von der Politik, noch von der Liebe. Franz, ein Simpel, dem aber immer das Herz überfließt, ist mit einem prominenten Trafik-Kunden, Sigmund Freund, ins Gespräch geraten. Von diesem geheimnisumwitterten "Deppendoktor" erhofft sich Franz die Lösung seiner Probleme, z.B. seiner zunehmenden sexuellen Unruhe. Freuds Ratschlag lautet: "Such dir ein Mädchen!"

Gefunden wird Anezka, eine mollige tschechische Illegale, die mit dem offenen, vertrauensseligen Franzl allerdings ganz nach ihrem Belieben umspringt. Franz erfährt zwar mit ihr einige Male das Glück sexueller Erlösung, wird aber im Ganzen heftig vor den Kopf gestoßen.
Das Buch lässt sich angenehm und unterhaltsam lesen. Die Atmosphäre jener politischen Umbruchsituation wird gut und leicht nachvollziehbar gemacht. Allerdings hält es mäkliger näherer Betrachtung wenig stand.

Es lebt von Klischees. Das Wien jener Zeit entsteht wie aus einem nostalgischen Bilderbuch. Dann haben wir immer nur die ganz Guten und die ganz Bösen. Den guten alten Trafikanten z.B., der ein Bein im 1.Weltkrieg verloren hat, und für seine Überzeugung ohne Weiteres in den Tod geht. Sein Peiniger ist der bullige Nazi-Fleischhauer von gegenüber, der den Trafik mit Tierblut und Innereien verunziert, aber beschämt den Blick senkt, als der nur gute Franz ihn mutig ob solcher Untaten anklagt. Franz' Großtat: Er holt eine der drei Nazi-Standarten in der Stadtmitte herunter und hisst die einbeinige Hose des toten Trafikanten. Ein anderer guter Kommunist klettert auf ein Hausdach, enthüllt ein Plakat mit allem, was die Österreicher gerade im Begriff sind zu verraten, und stürzt sich in den Tod.

Freud wird auf menschliches Normalmaß reduziert: ein etwas griesgrämiger, alter Mann, der seine Ruhe haben möchte, aber von dem frischen Buben angetan ist, nicht zuletzt, weil dieser ihm immer eine gute Zigarre mitbringt. Wir erleben sogar eine Sitzung des Dr. Freud mit einer fetten, hysterischen amerikanischen Patientin mit, die dann dem Gelächter des Lesepublikums preisgegeben wird, indem Freud ihr rät, nicht so viele Torten zu essen.

Franzl, der Naturbursch, erweist sich als überraschend beredt und einsichtig. Ebenso seine Mutter, die ihm am Attersee, als er gegen seine Verschickung nach Wien protestieren wollte, noch einfach eine Ohrfeige versetzt, und kaum mit dem Jungen spricht. Später in den Briefen erweist sie sich dagegen als ebenso beredte und weise Frau, die ihren ratlosen Sohn mit guten Ratschlägen fürs Leben versorgt.

Zum Schluss: Warum zieht es Anezka, die herzlose Anezka, 1945 zum Trafik zurück, wo sie eine der rührenden, kleinen Traumgeschichten am Fenster des verlassenen Trafiks vorfindet, die Franz noch auf den Rat Freuds aufgeschrieben hatte und dann öffentlich aushing? (Übrigens eine typische Idee aus unserer Zeit, ebenso wie die einbeinige Hose an der Fahnenstange). Soll mit der zurückgekehrten Anezka etwa angedeutet werden, dass es doch eine tiefer gehende Geschichte zwischen den beiden war? Das hieße, am Schluss die kitschige Bedeutungskeule rauszuholen. Da war nichts. Sie mochte ihn nur ein bisschen wegen seines ansehnlichen "Poscherl".
Also, ein hübsches, freundliches Buch. Aber offen für die Kritik.


Sommer des Lebens: Roman
Sommer des Lebens: Roman
von J.M. Coetzee
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hatte etwas Autistisches, 13. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Sommer des Lebens: Roman (Taschenbuch)
Bei diesem Buch handelt es sich um den vorläufig letzten Baustein einer unabgeschlossenen Autobiografie Coetzees, einer Autobiografie, die sehr starke fiktive Elemente aufweist.
Vorgänger dieser mehr oder weniger direkten Art von Selbsterforschung waren ein Buch über seine Kindheit (Der Junge, 1997), eins über seine Jahre als junger Mann in England (Die jungen Jahre, 2002) und eins über ein Jahr im Leben eines alten Mannes (Tagebuch eines schlimmen Jahres, 2007). Danach also, 2009, das vorliegende Buch, das sich mit den Jahren "1971/72 bis zu seiner ersten öffentlichen Anerkennung 1977" beschäftigt.
Allein dass Coetzee diese Lebensjahre untersucht, weist auf den Wahrheitsdrang des Mannes hin. Denn er war damals noch nicht berühmt, wollte sich selbst also nicht durch seine folgende Berühmtheit blenden lassen. Er lässt einige Frauen zu Wort kommen, die in der Zeit eine Rolle in seinem Leben spielten, aber auch einen männlichen Universitätskollegen, und es gibt einige Tagebucheintragungen aus jener Zeit, in denen besonders das Verhältnis zu seinem Vater eine Rolle spielt. Die einzelnen Texte sind manchmal sehr, manchmal weniger aufschlussreich und interessant. Bei den Äußerungen der Frauen handelt es sich nur in einem Fall (Julia) um das, was man oberflächlich als eine Liebesbeziehung bezeichnen könnte. In Wirklichkeit grübelt der Autor - der sich in diesem Buch als sein eigener Biograph verkleidet - über die Natur dieser Liebe nach und landet bei wenig schmeichelhaften Erkenntnissen über sich selbst. So legt er Julia diese Worte in den Mund: "Wie er die Liebe betrieb, hatte etwas Autistisches". Noch härter sind die Äußerungen von Adriana, einer brasilianischen Balletttänzerin, bei der Coetzee eine traurige bis peinliche Rolle spielt, indem er sie mit seinen Nachstellungen belästigt, ja geradezu den Stalker abgibt. Als er gegen ihren Willen an ihrem Tanzunterricht teilnimmt, empfindet sie ihn nicht als Menschen, sondern als Marionette. "Wie konnte dieser Mann (...) ein großer Mann sein, wenn er nicht menschlich war?" fragt sie den Biographen bzw. fragt sich Coetzee selbst.
In Coetzees Roman "Zeitlupe" von 2005 möchte eine alte, weise Frau dem gehandicapten Protagonisten dadurch die Augen über sich selbst öffnen und wieder "lebendig" machen, dass sie ihm die Wahrheit über ihn selbst sagt. Der Mann zieht es jedoch vor, im Zustand der Täuschung zu verharren. Offensichtlich empfindet Coetzee, der in seinen Büchern immer wieder auf seine menschliche Unzulänglichkeit anspielt, dass er sich nur durch die unbedingte Wahrheit über sich selbst helfen kann. Für den Leser stellt dieser Prozess der Wahrheitssuche eine höchst berührende und anregende Lektüre dar. Dies umso mehr, als der radikale Prozess der Selbsterforschung immer auch die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Südafrika vor dem Ende der Apartheid sichtbar macht.


Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
von Milan Kundera
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3.0 von 5 Sternen Pamphlet über die Liebe in schwierigen Zeiten, 4. März 2016
Das Schwerste im Leben kann in das Leichteste umschlagen, beides hängt auf geheimnisvolle Weise zusammen. Das bemüht sich der Erzähler anfangs mit philosophischem Aufwand, dann immer wieder am Beispiel seiner Protagonisten zu demonstrieren. Ein Beispiel ist Sabina, eine Künstlerin, die Franz, den Mann der sie liebt, ohne Vorankündigung verlässt, weil der seiner Frau von dem Verhältnis erzählt hat. Sabina hatte schon häufiger einen "Verrat" dieser Art begangen. Jedes Mal hatte sie die "Erregung" dabei gelockt, bis sich vor ihr das Schwerste auftat, die große "Leere" im Leben. "Wenn nun aber gerade diese Leere das Ziel all ihres Verrats gewesen ist?" Und: "Auf Sabina ist keine Last gefallen, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins."

Nicht jedermann wird an solchen gedanklichen Konstruktionen Gefallen finden. Die zentralen Gestalten in dem Roman sind Tomas und Teresa, um deren Schicksal es während der Jahre der sowjetischen Besetzung der Tschechoslowakei geht. Tomas ist ein notorischer Womanizer und typisch für die Zeit, indem er sich ohne Weiteres das Recht dazu gibt und glaubt, exakt zwischen Sex und Liebe unterscheiden zu können. Liebe verbindet ihn nur mit Teresa, die ihn wiederum trotz seiner Untreue verfallen ist und von ihm abhängig ist. Teresa zuliebe verzichtet er darauf, im Ausland seiner Tätigkeit als anerkannter Chirurg nachzugehen, und kehrt freiwillig zu ihr zurück, um dort mit ihr als Fensterputzer und LKW-Fahrer zu leben. Teresa sieht sich am Ende als Schuldige: Sie habe ihn als Schwächere nach unten gezogen. Davon, dass er sie mit seiner Untreue nicht so hätte quälen dürfen, ist nicht die Rede.

Also ist dies wohl eher ein Buch aus typisch männlicher Perspektive. Was sich auch stilistisch zeigt. Das Schwere in den Beziehungen wird auf Distanz gehalten, ins Abstrakte aufgelöst, indem der Erzähler die Ereignisse mit Berufung auf das Nietzsche-Wort von der ewigen Wiederkehr des Gleichen leichthin erzählt, oft satirisch bis zynisch, und in einem bemüht pseudo-wissenschaftlichem Ton darüber räsoniert. Jedes Verhalten dient ihm als Anlass, es unter psychologischen, soziologischen, historischen usw. Kategorien zu analysieren und womöglich auf eine Pointe zu bringen. Das Ganze wird oft in einem dozierenden bis doktrinären Ton vorgetragen. Es ist die Rückkehr dieses aufdringlichen allwissenden Erzählers, die für mich manchmal das "Unerträgliche" ist. Letzten Endes handelt es sich um den pseudowissenschaftlichen Ton der kommunistischen Pamphlete, der damals das Denken vieler Intellektueller beherrschte und der für Kundera offenbar als ehemaligem Kommunisten die zweite Natur war.

Das Leiden in den zwischenmenschlichen Beziehungen wird auf diese Weise in Schach gehalten. Umso auffälliger ist das letzte Kapitel, in dem das Leiden und Sterben eines Hundes auf eine Weise erzählt werden, die zu Tränen rührt. Auch hier beruft sich der Erzähler wieder auf Nietzsche, der in Turin seine Arme um ein Pferd schlingt, das vom Kutscher geschlagen wird. "Das ist der Nietzsche, den ich mag", erklärt der Erzähler unumwunden. So entsteht bei mir das Bild von einem Erzähler bzw. Autor, der sich die Leiden der Menschen auf Distanz hält, aber dafür die Leiden der unschuldigen Kreatur umso stärker empfindet. Auch diese Parteinahme nehme ich mit einiger Skepsis auf.


Erinnerungen an glückliche Tage
Erinnerungen an glückliche Tage
von Julien Green
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4.0 von 5 Sternen Lebenshilfe im Unglück, 19. Februar 2016
Green, Kind amerikanischer Eltern, aber in Frankreich 1900 geboren und aufgewachsen, schrieb dieses Buch 1942 in Amerika nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich. Es sollte "ein zärtlicher Tribut an das Frankreich sein, das ich immer lieben und bewundern werde." Als jüngstes Kind einer vielköpfigen, wohlhabenden Familie war es ihm gut gegangen. Die Mutter war nach Greens Darstellung eine fantasievolle, heitere Frau, der Vater ein sanfter, ruhiger und toleranter Mensch. Der Junge wuchs, umgeben von zahlreichen, schon deutlich älteren Schwestern behütet und in Sicherheit und in der idyllischen Welt in Paris um 1900 auf. Die Familie machte regelmäßig Ferien in einem Sommerhaus auf dem Lande, also eine richtige Bilderbuchfamilie. Mit 16 Jahren gibt es erste Erfahrungen als amerikanischer Soldat im 1.Weltkrieg. Nach dem Krieg folgt der junge Mann einer Einladung seines amerikanischen Onkels und studiert für drei Jahre in Virginia, bevor er nach Paris zu seinem Vater und seinen Schwestern zurückkehrt - die Mutter ist inzwischen gestorben - und sich allmählich zu dem berühmten Schriftsteller entwickelt, der gleich mit seinen ersten Erzählungen und Romanen großen Erfolg hat.

Es ist aufschlussreich, dieses Werk, das Green als etwa 40Jähriger schrieb, mit seinem Buch "Jugend" zu vergleichen, das er als 65- und 73Jähriger schrieb und das noch einmal seine Jahre als Jugendlicher an der Universität von Virginia und nach seiner Rückkehr in Paris beschreibt. Das letztere Werk zeugt von einer fürchterlichen Zerrissenheit des jungen Mannes. Einer Zerrissenheit zwischen seiner leidenschaftlichen Religiosität (er war als 16Jähriger zum Katholizismus übergetreten), seiner Sensibilität und seinen hohen Idealen sowie seiner Homosexualität, die er nachts heimlich in den dunklen Gassen von Paris auslebte. Nichts davon findet sich in dem vorliegenden Buch, sondern nur eine Beschwörung dessen, was im Exil sein vergangenes Glück ausmachte.

Man kann auf dieses Buch in zweierlei Weisen reagieren. Erstens kann man dem Autor eine Beschönigung seines Weltbildes vorwerfen. Zweitens kann man anerkennen, dass ein Mensch nach dem Verlust seiner Heimat vielleicht eine solche Beschwörung eines vergangenen Glücks braucht, um sein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen. Seine Wahrhaftigkeit hat Julien Green ja später veranlasst, auch das zweite Buch zu schreiben.

Bei mir haben beide Betrachtungsweisen zusammengewirkt, da ich "Jugend" vorher gelesen hatte. In der Tat ist der gesamte Lebenslauf etwas zu schön, um wahr zu sein. Er zeichnet sich durch eine gewisse Spannungslosigkeit und das Fehlen wirklicher existentieller Dramatik aus. Andererseits sind besonders die liebevolle Darstellung der Kindheit und frühen Jugend, die Heraufbeschwörung jener Zeit und Atmosphäre in Frankreich zu rühmen. Die Übersetzung von Elisabeth Edl dürfte kongenial sein - sie bringt die Kunst des Autors in der Schilderung, den sicheren Stil, den feinen Humor und Charme unmittelbar zum Ausdruck.


Schiesser Herren Bademantel, Gr. XX-Large (Herstellergröße: 056), Weiß (weiss 100)
Schiesser Herren Bademantel, Gr. XX-Large (Herstellergröße: 056), Weiß (weiss 100)
Preis: EUR 67,25

4.0 von 5 Sternen Solide und gediegen, 18. Februar 2016
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Der Bademantel weist nur außen eine Waffelpiquee-Struktur auf, innen ist er gleichmäßig als Frottier aufgerauht, was sich auf der Haut weicher und angenehmer tragen lässt und besser dazu geeignet ist, Feuchtigkeit aufzunehmen. Er fühlt sich beim Tragen relativ leicht an, ist geräumig, aber klassisch-einfach geschnitten, und da er dank des Materials und der Stoffstruktur (100% Baumwolle) glatt nach unten fällt, wirkt er auch deshalb schlicht und konventionell. Dazu passt, dass die Taschen gerade aufgesetzt sind und nicht schräg eingearbeitet sind. Sie befinden sich ziemlich hoch unmittelbar unterhalb des Gürtels, was für das Unterbringen der Hände nicht unbedingt bequem ist. Zu dem Material gehört auch, dass die Oberfläche immer leichte Falten aufweist – der Mantel soll nicht gebügelt werden. Er ist wegen des Materials und des Schnitts eher nicht flauschig oder "kuschelig", sondern man wirkt in ihm irgendwie "angezogen", was ja durchaus den eigenen Wünschen entsprechen kann. Da es sich bei dem Material, Schnitt und bei dem Reinweiß sowieso nur um eine bewusste Entscheidung für bestimmte Zwecke (z.B. Sauna oder Krankenhaus) handeln wird, möchte ich hierüber keine Bemerkungen machen, sondern nur zur Qualität - ein solider und gediegener Bademantel!


Frank
Frank
von Richard Ford
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

3.0 von 5 Sternen Resteverwertung, 16. Februar 2016
Rezension bezieht sich auf: Frank (Gebundene Ausgabe)
Der Vorgänger dieses Frank-Bascombe-Romans ("Die Lage des Landes") spielte im Jahr 2000. Bascombe war in dem Roman 55 Jahre alt, die Lage des Landes war unter der Bush-Regierung ziemlich desolat, Bascombe, der Prostata-Krebs und zwei Schusswunden überstanden hatte, war persönlich dennoch nicht so schlecht dran. Seine Ehe mit Sally schien sich zu bewähren, und er verwandte viele Gedanken darauf, dass er jetzt in die "Permanenz-Phase" eingetreten sei, in der sein Ich mit seinen Verwandlungen in den Hintergrund trete und er sich kritisch, aber auch dankbar – im Zentrum steht eine Thanksgiving-Feier – wieder und weiter dem Leben öffnen wolle, das er schon immer mit viel Gleichmut und satirischem Witz beschrieben hatte.

Jetzt, im vorliegenden Roman, ist Frank 68 – wieder etwa so alt wie der Autor – und es gibt insofern eine folgerichtige Fortsetzung des vorher gegangenen Romans, als es bei Frank nicht mehr um Entwicklung geht, sondern nur noch um den Status quo. Er stellt sich als ziemlich abgeklärten älteren Mann dar, bei dem persönliche Dinge in der Tat kaum noch eine Rolle spielen, bei dem es in jeder Hinsicht in erster Linie um Reduktion geht, darum, Ballast abzuwerfen. Seine Beziehung zu Sally und zu seinen beiden erwachsenen Kindern bleibt ganz im Hintergrund. Im Vordergrund stehen in vier Kapiteln vier Ereignisse, die gewissermaßen symbolisch für Franks (alias Fords) gegenwärtiges, statisches Lebensgefühl stehen.

War es im Vorgänger-Roman die Bush-Ära, so steht diesmal der Hurrikan Sandy aus dem Jahr 2012 im Mittelpunkt der Ereignisse und symbolisiert eine weitere Steigerung der Desolatheit und der chaotischen Auflösung der Verhältnisse in den USA. Frank folgt der Einleitung eines Kunden, der sein eigenes Domizil an der Küste gekauft hatte, das nun dank Sandys Wüten in Trümmern liegt (1). In seinem Haus in Haddam sucht ihn eine schwarze Lady auf, die als Kind mit ihrer Familie in dem Haus in Haddam lebte, in dem Frank und seine Frau nun leben. Ihr Vater hatte ihre Mutter und ein Geschwister umgebracht, und sie versucht durch den Hausbesuch jetzt mit dem Trauma zurechtzukommen(2). Weiterhin besucht Frank seine erste Frau in einem noblen, aber sterilen Altersheim (3) und sucht schließlich einen alten Bekannten – Eddie – auf, der im Sterben liegt und ihm etwas beichten möchte (4).

Also lauter Abgänge und Abgesänge, lebhaft und realistisch vom Erzähler vergegenwärtigt, so dass die Verhältnisse wieder unmittelbar vor den Augen stehen. Und alles wiederum von sehr viel Gleichmut und trocken-satirischem Witz begleitet. Alles auch wieder mit vielen Lebensweisheiten eines alternden, illusionslosen Zeitgenossen garniert, in dem wir eher den Schriftsteller Ford als einen typischen Häusermakler erkennen. Dankenswerter Weise geht es nicht um die sexuellen Heldentaten eines alternden Mannes wie bei vielen seiner gleichaltrigen Schriftstellerkollegen. Andererseits ist die Struktur des Romans recht simpel. Die vier Episoden sind mehr oder weniger additiv aneinander gereiht, und es fehlt an innerer Dramatik und Spannung. Das Buch hat etwas von "Resteverwertung" an sich. Es wird in erster Linie den nachdenklichen Leser interessieren, der die anderen Romane über Frank Bascombe auch kennt.


Gillette Mach3 Turbo Rasierer
Gillette Mach3 Turbo Rasierer
Preis: EUR 9,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ich bleibe bei der Mach3, 10. Februar 2016
Rezension bezieht sich auf: Gillette Mach3 Turbo Rasierer (Badartikel)
Vine Kundenrezension eines kostenfreien Produkts (Was ist das?)
Doch, die Turbo schneidet noch mal leichter und glatter als die einfache Mach3. Besonders anfangs ist das Gefühl einer seidig-glatten Rasur sehr angenehm. Dies schreibt jemand, der bisher jahrelang die normale Mach 3 benutzt hat. Auch an den verwinkelten Stellen zwischen Unterlippe und Kinn kommt sie gut zurecht, dort, wo ich mit der 5-blättrigen Fusion Schwierigkeiten hatte. Weniger gut geht es dagegen unmittelbar unter der Nase, hier verhindert der Gel-Streifen, der etwas breiter und höher angesetzt ist als bei der Mach3, dass ich unmittelbar unter den Nasenansatz herankomme. Im Drogerie-Supermarkt kostet die Turbo im Achterpack pro Stück 50 Cent mehr als die Mach3 (2,62 gegen 2,12 Cent), was nicht unerheblich ist.

Alles in allem: Die normale Mach3 bringt ebenfalls eine gute Leistung - die Vorteile bei der Turbo sind meines Erachtens nicht so groß, dass ich wechseln werde.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20