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Rezensionen verfasst von
Martin Resch "makarresh" (Hamburg)
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Stanley Kubrick Collection [Box Set]
Stanley Kubrick Collection [Box Set]
DVD ~ James Mason

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die große Kubrick - Rückschau, 17. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Stanley Kubrick Collection [Box Set] (DVD)
Kein anderer Filmregisseur war so wie Kubrick in jedem Filmgenre zuhause und wenige haben das Filmgeschäft mehr geprägt, als der kauzige, einzelgängerische Perfektionist aus New York, der Szenen endlos wiederholen ließ, bis sie ihm endlich zusagten und der Schauspieler nicht selten bis an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit trieb. Kubrick hat mit seinem Schaffen Maßstäbe für so gut wie jede Art Film, die man drehen kann, gesetzt und sein Werk gilt vielen heute als Lehrbeispiel für die perfekte Umsetzung vom Buch auf die Leinwand.

In dieser Box sind sieben seiner größten Werke versammelt, und ein jedes ist ein Kunstwerk für sich, das man als Fan des Meisters gar nicht oft genug sehen kann.

Die Reise durch Kubricks Werk beginnt mit der 1962 entstandenen Literaturverfilmung "Lolita". Für das Drehbuch arbeitete der Regisseur eng mit dem Autor des damals skandalösen Romans, Vladimir Nabokov, zusammen und schuf so ein dichtes, unter der Oberfläche von erotischen Konflikten dominiertes Meisterwerk, das einen veritablen Skandal auslöste und in einigen Ländern verboten wurde. Sieht man den Film heute, kann man die Aufregung nicht mehr ganz nachvollziehen, freut sich jedoch an den ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen von James Mason (Humbert Humbert), Shelley Winters (Charlotte Haze) und v. a. Peter Sellers (Clare Quilty), mit dem Kubrick noch den einzigartigen "Dr. Seltsam" drehte, der hier leider nicht vertreten ist.

Weiter geht es mit DEM Science - Fiction - Film schlechthin, "2001 - Odyssee im Weltraum" (1968), der auf einer Kurzgeschichte des Autors Arthur C. Clarke basiert, mit dem Kubrick auch das Drehbuch verfasste. "2001" ist ein Musterbeispiel für die geglückte Umsetzung einer Zukunftsvision und einer der wenigen S - F - Filme, die nicht in den Weltraum verlegte Western sind. Auch heute noch ist "2001" ein Musterbeispiel für beeindruckende Spezialeffekte und den optimalen Einsatz von Musik für einen Film (Ligeti, Richard Strauss, Johann Strauss), der nichts von seiner Faszination verloren hat.

Der nächste Film "A Clockwork Orange" (1971), eine Verfilmung des gleichnamigen Kultbuchs von Anthony Burgess löste einen weiteren Skandal aus. Der Film wurde wegen seiner diversen Gewalt - und Sex - Szenen heftig kritisiert, in Großbritannien nahm ihn Kubrick selbst nach kurzer Zeit wieder aus den Kinos. Seine Satire über die Allmacht der Wissenschaft über die menschliche Freiheit hat viele Aspekte der Jugendkultur geprägt, diversen Bands zu ihrem Namen und ihrem Programm verholfen und gilt bis heute als Kultfilm, den man lange Zeit nur in einer geschnittenen Version zu sehen bekommen konnte. Hier nun das Original, das noch immer zu faszinieren und zu schockieren versteht.

"Barry Lyndon" (1975) galt vielen als Schritt zurück und wurde viel geschmäht und heftig kritisiert. Kubrick erzählt hier in wirklich wunderschönen Bildern die Geschichte eines Emporkömmlings aus der irischen Provinz , der bis in hohe Adelskreise aufsteigt, nur um wieder da zu landen, wo er herkam. Jede einzelne Einstellung in diesem Film wirkt wie ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, Kubricks Perfektionismus kommt hier voll zum Zuge, ein wahre Fest für die Augen, das einige kleine Längen in der Handlung vergessen läßt.

"Shinig"(1980), entstanden nach dem gleichnamigen Buch von Stephen King, war konzipiert als der "ultimative" Horrorfilm (was nicht ganz gelang), und hat eine alptraumhafte, düstere Atmosphäre, was ihm seinen Kultstatus sicherte, setzt wieder Maßstäbe für den perfekten Einsatz von Musik (wieder Ligeti, ferner Bartok und Penderecki). Er enthält diverse unvergeßliche Szenen und ist wohl das am häufigsten parodierte Werk von Kubrick. Besonders bleibt hier noch die schauspielerische Leistung von Jack Nicholson zu erwähnen, sowie die aud der DVD an den Film angehänge, recht interessante Dokumentation über die Dreharbeiten, bei denen Kubrick einmal mehr als der gefürchtete Tyrann zu sehen ist, der Szenen bis zu 100 Mal drehen läßt (Guinness - Rekord).

"Full Metal Jacket" (1987) ist Kubricks Beitrag zur damals inflationären Welle von Vietnam - Filmen und besticht vor allem durch die schauspielerischen Leistungen des damals weitgehend unbekannten Ensembles (v. a. Matthew Modine, Vincent d'Onofrio und R. Lee Ermey) und einmal mehr durch Kubricks Versessenheit, bis ins letzte Detail hinein perfekt zu inszenieren. Zum ersten Mal wird hier gezeigt, wie aus Individuen durch brutalen Drill Killermaschinen werden, die nur noch zum Kampf taugen, auch die gefährich verführersich ästhetischen Bilder vom Kriegsgeschehen suchen ihresgleichen. Einer der drei besten Vietnam - Filme.

"Eyes Wide Shut"(1999) schließlich, der letzte Film, den Krubrick noch drehen konnte, ehe er im Schlaf an einem Herzinfarkt verstarb, ist eine ins heutige New York verlegte Adaption von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", ein psychologisches Meisterwerk, das die Beweggründe der Personen bis ins Intimste hinterfragt. Ein komlpiziertes, erotisches und bedrückendes Kammerspiel, das den endgültigen Durchbruch für Nicole Kidman bedeutete und in dem es, nebenbei erwähnt, die wohl einzige erwähnenswerte schauspielerische Leistung von Tom Cruise zu sehen gibt.

Auf einer achten DVD gibt es noch eine knapp 2 1/2 - stündige, interessante und bewegende Dolumentation über den Regisseur und Menschen Stanley Kubrick, in der unzählige einstige Weggefährten zu Wort kommen und in der das Andenken des Meisters gebührend gewürdigt wird.

Natürlich fehlt hier so einiges, sowohl "Wege zum Ruhm", als auch "Spartakus" und "Dr. Seltsam", drei sehr bedeutende Kubrick Filme, sind nicht enthalten, und bei den DVDs hätte man sich sowohl einiges mehr an Hintergrundinformation und vor allem eine bessere Tonspur gewünscht (die Filme sind durch die Bank viel zu leise), allerdings ist diese Sammlung für jeden Filmfan unverzichtbar.


Verdi: Don Carlos
Verdi: Don Carlos

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Edler Don Carlos, 16. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Verdi: Don Carlos (Audio CD)
Kein anderes Opernprojekt lag Giuseppe Verdi mehr am Herzen, als die Vertonung von Schillers Drama "Don Carlos", und mit keinem anderen hatte er mehr Ärger. Der Komponist liebte kurze, prägnante Libretti, die er in einem Zug vertonen konnte. Schillers kompliziertes und seltsam formloses Spanier - Drama bereitete Verdi in dieser Hinsicht große Schwierigkeiten, auch war er, im Gegensatz zu Wagner, nie ein Komponist, der in der Vertonung politischer Streitgespräche, welche in "Don Carlos" eine übergeordnete Rolle spielen, musikalische Erfüllung fand.

Schon bei den Proben für die Urfassung, in französischer Sprache, gab es Probleme, sie erwies sich als viel zu lang, so daß der Komponist einige Szenen steichen mußte und schließlich am 11. März 1867 in Paris eine "Generalprobenfassung" erklang, die keinen eindeutigen Erfolg einbrachte. Noch nach der Uraufführung strich Verdi einiges aus der noch immer nicht zu seiner Zufriedenheit gediehenen Oper und zog sein Werk schließlich zurück. Noch zwei weitere Fassungen komponierte Verdi, ohne allerdings sein Lieblingskind in eine für ihn befriedigende Form bringen zu können. Lange Zeit, bis in die 50er Jahre hinein, wurde eine vieraktige Fassung gespielt, die den ersten, den "Fontainebleau" - Akt, ausspart.

Im Jahr 1958 schließlich feierte das Londoner Opernhaus Covent Garden ihr hundertjähriges Bestehen mit einer Inszenierung des "Don Carlos" in der letzten von Verdi anerkannten "Modena" - Fassung, die den ersten Akt in revidierter Form wieder einschloß. Regie führte der bekannte Film - und Theaterregisseur Luchino Visconti, am Pult stand Carlo Maria Giulini, der zwölf Jahre später auch die Inszenierung mit neuen, größtenteils sehr jungen Sängern ins Studio verlegte. Anders als viele Pultstars seiner Generation galt Giulini immer als ein sehr genauer, verläßlicher und überaus fähiger Dirigent, dem nichts mehr zuwider war, als sich, bzw. seine Interpretation eines Werks in den Vordergrund zu drängen. Diese Tugend kommt auch hier zur Entfaltung, Giulini dirigert souverän, inspiriert und im besten Sinne unauffällig ein hervorragend aufeinander eingespieltes Orchestra of the Covent Garden Opera. Auch das damals noch durch die Bank sehr junge und mit Aufnahmen recht unerfahrene Sängerensemble schlägt sich ausgezeichnet.

Placido Domingo meistert die schwierige und recht undankbare Titelrolle (gleich zu Beginn eine schwierige Arie, danach kein einziges Solo mehr) souverän, zeigt sich hier einmal mehr in bestechender stimmlicher Form und liefert einen beeindruckenden Beweis seiner darstellerischen Intelligenz. Sein in späteren Zeiten dunkel gefärbter Tenor hat hier noch die für einen schwärmerischen Jüngling nötige Strahlkraft und er erweist sich als der (nach Carlo Bergonzi, der ihm in punkto darstellerische Intelligenz noch etwas voraus hat) bislang wohl beste Don Carlos auf CD.

Seine Stiefmutter und Geliebte, die spanische Königin Elisabeth, ist bei Montserrat Caballé in den besten Händen. In der Bühneninszenierung hatte 1958 noch Maria Callas einen begeisternden Eindruck hinterlassen, die Caballé erweist sich als würdige Nachfolgerin, die sowohl mit dem nötigen stimmlichen, als auch darstellerischen Rüstzeug ausgestattet ist, um ein rundum überzeugendes Rollenportrait zu zeigen. Großes Lob für diese große Sängerin.

Ein wenig über das Ziel hinaus schießt Sherrill Milnes in der Rolle des idealistischen Marquis Posa. Zwar gelingt dem Charakterbariton sein Zwiegespräch mit dem König ausgezeichnet und auch seine Szenen mit Don Carlos sind Höhepunkte der Aufnahme, jedoch scheint er, der stets eher in Rollen wie Scarpia, Macbeth oder Amonasro zuhause war, von der Aufgabe, endlich einmal der "Gute" sein zu dürfen, etwas zu begeistert, und "verziert" seinen Gesang des öfteren (besonders in seiner Sterbeszene) mit etwas störenden Seufz - und Schluchzeffekten, was den positiven Gesamteindruck etwas einschränkt.

Schlichtweg hervorrangend ist die Prinzessin Eboli von Shirley Verrett. Ihr kraftvoller Mezzo ist wie geschaffen für die intrigante Hofdame, auch darstellerisch gibt es keinen Kritikpunkt. Für mich die beste Eboli, man höre nur ihre Interpretation des "Liedes vom Schleier".

Die wohl schwierigste Aufgabe in dieser Aufnahme fällt Ruggero Raimondi zu. Der damals gerade einmal 29 - jährige Baßbariton muß sich in den alternden, verbitterten König Philipp II. hineinversetzen, was ihm größtenteils ausgezeichnet gelingt, allein in den dramatischen Szenen, wo er stimmlich das ein oder andere mal aus der Linie fällt, hört man die damals noch fehlende Erfahrung heraus. Dafür gelingt ihm der lange, schwere Monolog "Ella giammai m'amò!" und die anschließende Szene mit dem Großinquisitor hervorragend.

Weitere Glanzpunkte vermögen Giovanni Foiani als eben erwähnter Großinquisitor, Simon Estes als Mönch (Karl V.), sowie Delia Wallis als Tebaldo zu setzen, die somit den positiven Gesamteindruck dieser Einspielung abrunden.

Auch ein großes Lob an den Ambrosian Opera Chorus, der die großen Massenszenen eindrucksvoll untermalt und mit großer Präzision agiert.

Ihr mittlerweile recht stolzes Alter hört man der Aufnahme dank der Arbeit der EMI - Toningenieure kaum an, es gibt nur ein leises, nie störendes Grundrauschen.

Insgesamt wohl die überzeugendste "Don Carlos" - Aufnahme in der italienischen Fassung auf dem Markt.


The Bootleg Series Vol. 4: Live 1966 (The "Royal Albert Hall" Concert)
The Bootleg Series Vol. 4: Live 1966 (The "Royal Albert Hall" Concert)
Preis: EUR 34,97

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dramaturgie eines Konzerts, 17. Dezember 2006
Dylan vor 40 Jahren: Der junge, dünne Dichtergott mit der näselnden Stimme, dem die Songs nur so zuflogen, der eine riesige Fangemeinde um sich geschart hatte, der sich vor Vereherinnnen nicht retten konnte, das Idol von unzähligen Epigonen (und das mit 25 Jahren), jedes Konzert, das der Mann mit der Gitarre und der Mundharmonika bestritt, wurde zum Hochamt der Protestbewegung, Dylan war auf dem besten Weg, ein Säulenheiliger zu werden.

Die bedingungslose Verehrung der Folkgemeinde dürfte dem Meister allerdings nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Von Idolen wird leider allgemein verlangt, daß sie sich nie verändern, was man von Dylan, der sich über seine ganze Karriere hinweg niemals in eine Schublade pressen lassen wollte (passierte ihm trotzdem immer wieder), nun wirklich nicht verlangen konnte.

Drei hervorragende Alben lang (läßt man das etwas mediokre Debut mal außer Acht) hatte sich Dylan als Strassen - und Protestsänger mit Gitarre und Harmonika stilisiert, nun erinnerte er sich wohl seiner Highschool - Träume, mal in einer Band zu spielen wie Elvis. Gedacht, getan. Dylan holte sich zusätzliche Musiker ins Studio, schnallte sich die Elektrische um und nahm in kurzer Folge die drei Alben auf, die so etwas wie die "Heilige Dreieinigkeit" des Dylan - Kanons bilden: "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und das einzigartige Doppelalbum "Blonde On Blonde", meiner Meinung nach noch immer das beste Album der Rockgeschichte. Die Elektrifizierung des Dylan - Sounds löste, wie kalkuliert, einen Jubel - und Entrüstungssturm aus. Viele Fans waren ausgesprochen begeistert von der neuen Musik und den poetischer und kryptischer werdenden Texten, an denen die Dylanologen (ich hoffe, dieses Fach kann man irgendwann studieren) seit Jahrzehnten herumdeuteln. Die beinharte Folk - Gemeinde jedoch war von Gesinnungswechsel ihres Idols alles andere als begeistert, man fühlte sich verraten und verkauft, ausgerechtnet vom größten Hoffnungsträger seit Pete Seeger. Kurz gesagt, die Atmosphäre war ziemlich geladen, und Dylan ging auf Tour.

Dieses Konzert wurde am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall in Manchester (und nicht in der Royal Albert Hall, wie lange irrtümlich behauptet wurde, das nur nebenbei) aufgezeichnet und gibt ein beeindruckendes Zeugnis der Bühnenpräsenz Dylans zu dieser Zeit und der heftigen Reaktionen der Zuhörerschaft ab. In Amerika hatte man den Schock zum größten Teil schon verdaut, viele Fans waren den Weg mitgegangen, einige hatten sich abgewandt (Pech gehabt). In England sah die Sache noch etwas anders aus. Man wußte nicht,was man zu erwarten hatte, mit steigender Spannung erwartete man die Auftritte des Meisters.

Und da steht er, wie man es von ihm gewohnt ist. Alleine, die Gitarre umgeschnallt, mit der Mundharmonika (CD 1). Dieser erste Teil des Konzerts ist unfaßbar intensiv. Dylan spielt ein umwerfendes Set seiner besten Songs und gibt auch neues Material in einer akustischen Version zum Besten. Er beginnt mit "She Belongs To Me", einem seiner schönsten Lovesongs, "Fouth Time Around" und "Visions Of Johanna" werden mit unglaublicher Präzision und Intimität vorgetragen, "It's All Over Now, Baby Blue" spiegelt die Trauer über eine gescheiterte Beziehung wider, ohne Tränenzieherei und falsches Pathos, "Desolation Row", das berühmte Langgedicht von "Highway 61" spielt er ein einer phantastischen Akustik - Version, zum Ende des ersten Teils gibt er zwei seiner größten Hits zum Besten: "Just Like A Woman" und "Mr. Tambourine Man", letzeres ein wenig schludrig, man ahnt, daß Dylan sich von seinem alten Image verabschiedet hatte. Das Publikum wirkt von Song zu Song entspannter, das Idol hatte doch den "Pfad der Tugend" nicht verlassen. Nach jedem Lied wird begeisterter Applaus gespendet und man begibt sich erleichtert in die Pause.

Im zweiten Teil des Konzerts (CD 2) schließlich der Schock: Dylan hat die Akustische gegen eine elektrische Gitarre getauscht, auf der Bühne stehen die "Hawks" (später "The Band") und man beginnt mit einer turbogeladenen Version von "Tell Me, Momma". Der Schrecken sitzt. Zunächst ist das Publikum wie gelähmt, man kann es einfach nicht fassen, die Gerüchte sind also wahr, Dylan hat sich an den Rock 'N' Roll verkauft! Während der nächsten Songs ("I Don't Believe You", "Baby, Let Me Follow You Down", "Just Like Tom Thumb's Blues", alle unglaublich intensiv und schlichtweg hervorragend vorgetragen) spaltet sich die Zuhörerschaft. Viele sind begeistert, klatschen mit und bejubeln den "neuen" Dylan. Andere lassen ihrer Wut freien Lauf, es gibt ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert, man versucht, durch Geschrei und Getrampel die Musik zu übertönen, vergeblich natürlich.

Was macht Dylan? Der fühlt sich in seinem Element, provoziert zusätzlich mit einer unglaublich arroganten Attitüde, für die man ihn nur entweder hassen oder lieben kann, man höre nur mal die Ankündigung von "Leopard Skin Pill - Box Hat", oder die ironische Bitte vor "One Too Many Mornings", doch bitte nicht zu laut mitzuklatschen. Zum Ende gibt er noch zwei seiner genialsten Songs zum Besten, die für die Situation nicht besser geeignet sein könnten. "Ballad Of A Thin Man", mit einer bis zur Grenze des Erträglichen Spannung vorgetragen, Dylan halb abgewandt am Klavier schleudert immer wieder "Something's happening here, but you don't know what it is, do you, Mr. Jones?" in die tobende Menge.

Und zum Schluß hört man eine Rocklegende entstehen. Jemand im Publikum ruft "Judas", erntet von der Wutfraktion begeisterte Zustimmung, von Dylan dagegen die berühmt gewordene Replik "I don't believe you, you're a liar!", dann wendet er sich zur Band um, sagt "Play f***in' loud!" und stürzt sich in die ultimative Version von "Like A Rolling Stone".

Mehr geht nicht, ich kenne kein besseres und dramatischeres Live - Album. Eine Dylan - Sammlung ohne dieses Konzert ist nicht denkbar.

Dringendste Kaufempfehlung!!!


Tannhäuser (Edition Bayreuther Festspiele)
Tannhäuser (Edition Bayreuther Festspiele)

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Epochaler Tannhäuser, 14. Dezember 2006
Nach den großen Erfolgen, den Richard Wagner mit "Rienzi" und "Der fliegende Holländer" erringen konnte, wandte er sich, inzwischen zum Dresdner Hofkapellmeister ernannt, einem seiner Lieblingsthemen zu: Dem deutschen Mittelalter mit seinen romantischen Burgen, den reinen Jungfrauen und den dazugehörigen ritterlichen Minnesängern. Mit der Geschichte von Tannhäuser hatte er einen idealen Stoff gefunden: Der (historische) Sänger steht zwischen zwei Frauen (gefiel Wagner sehr), der Liebesgöttin Venus, Inbegriff der Sinnlichkeit, und der reinen und Tugendhaften Elisabeth, Nichte des Landgrafen. Auf dem Gesangswettbewerb auf der Wartburg kommt es zur Katastrophe: Tannhäuser singt, aufgebracht von der Steifheit der Hofgesellschaft, ein Loblied auf Venus (der historische Tannhäuser wurde angeblich wegen eines solchen Lobliedes exkommuniziert), wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen und erst durch das Liebesopfer Elisabeths vor dem Verderben gerettet. Ein geradezu idealer Stoff für eine Wagner - Oper: Aufbegehren gegen Konventionen, Unverständnis, Rettung durch reine und aufopfernde Liebe. Wagner machte sich mit Feuereifer ans Werk und die Oper erklang zum ersten Mal am 19. Oktober 1845 unter der Leitung des Komponisten in der Dresdner Hofoper. Einen einhelligen Erfolg, wie bei den beiden Vorgängern, konnte die Oper zunächst nicht erzielen, Wagner arbeitete sie mehrmals um, heute zählt "Tannhäuser" zu seinen volkstümlichsten (der noch recht konventionellen, wenn auch virtuosen und hochinspirierten Kompositionsweise wegen, die bahnbrechenden Musikdramen kamen erst später) und meistgespielten Werken.

Auch das notorisch wagnerfeindliche Paris, zur damaligen Zeit die unangefochtene Musikmetropole der Welt, sollte mit "Tannhäuser" endgültig erschlossen werden. Wagner komponierte für seine "Pariser Fassung" fast den gesamten "Venusberg - Teil" um, schuf ein Ballett (mußte damals sein, wenn man in Paris reüssieren wollte) und gab dem ersten Akt eine schwül - erotische, an die Liebesräusche im "Tristan" erinnernde musikalische Untermalung. Die Premiere geriet zu Eklat. Unter Zischen, Schreien und Pfiffen ging Wagner ein weiteres Mal in Paris baden und zog seine Oper nach der dritten Aufführung zurück. Noch heute ist man in Frankreich mancherorts stolz, die Invasion des deutschtümelnden Romatikers verhindert zu haben. Ob zu recht, liegt im Sinne des Betrachters.

Die Oper wurde bis heute sehr oft aufgenommen und der Musikfreund hat die Qual der Wahl. Ob die "Dresdner" oder die "Pariser" Fassung vorzuziehen ist, erschwert die Entscheidung zusätzlich. Mit dieser Live - Aufnahme von den Bayreuther Festspielen 1962 macht man garantiert nichts verkehrt. Wolfgang Sawallisch hatte sich für eine Kompromiss - Lösung entschieden, indem er einfach den ersten Akt mit einem "Best Of" der beiden Fassungen spielen lies. Souverän und hochinspiriert leitet er hier das wie immer hervorragend spielende Bayreuther Festspielorchester, treibt die Handlung voran und wirkt mit seiner Interpretation nie aufdringlich. Sawallisch erweist sich hier ein weiteres Mal als einer der besten Wagner - Dirigenten überhaupt.

Auch ein Sängerensemble ähnlicher Qualität wird man auf wenigen Aufnahmen finden. Die Einspielung stammt aus einer Zeit, wo noch ausschließlich die Besten der Besten in Bayreuth auftraten und man stets aus dem Vollen schöpfen konnte.

Wolfgang Windgassen war über 20 Jahre lang der Vorzeige - Tenor und das Aushängeschild Bayreuths. Regisseur und Festspielleiter Wieland Wagner nannte in scherzhaft "Mein Held", wohingegen ihn der knurrige Stammdirigent Hans Knappertsbusch ungnädig als "Krawattltenor" titulierte. In Zuge des Neuanfangs nach dem Krieg verschwanden nicht nur die Flügelhelme und Bärenfelle in der Mottenkiste, auch die Heldentenöre mit den stählernen Stimmbändern von Schlage eines Hans Hopf wurden nach und nach aussortiert. Die Wagner - Enkel setzten auf differenziertere Darstellung und schlankere Stimmen. Windgassen war dafür geradezu ideal: Er war ein hochbegabter Schauspieler, der sich immer voll in seine Rollen einlebte, sängerisch eher ein lyrischer Tenor mit einem klagenden Unterton in der Stimmle, die opimale Verkörperung der innerlich zerrissenen Wagner- Figuren. Auch als Tannhäuser mach er eine brillante Figur. Jedes Wort glaubt man ihm (nebenbei: er singt extrem textverständlich, nicht bei allen Wagner - Sängern eine Tugend) seine Darstellung ist von ersten bis zum letzten Moment hervorragend und verzichtet auf plakative Effekte. Bis heute ist er in seiner Paraderolle unübertroffen.

Der Landgraf wird hier von Josef Greindl gesungen, auch er über lange Jahre Bayreuther Stammpersonal. Oft gibt man den Grafen als gutmütige Vaterfigur, bei Greindl schwingt stets ein bedrohlicher Unterton mit. Dieser Graf versteht sich zu wehren.

Die Figur der Elisabeth wurde mit Anja Silja ausgezeichnet besetzt. Auch sie war nie eine Wagner - Heroine, sondern ein lyrischer Sopran mit dramatischem Unterton. Das frühere "Wunderkind" zeigt sich hier als ausgereifte und hochvirtuose Sängerin, die die Rolle glaubhaft und bewegend auf die Bühne bringt (wenn man sich erstmal an ihr eigenwilliges "r" gewöhnt hat.

Die Besetzung der Venus mit Grace Bumbry war damals eine wahre Sensation. Sie war sie erste schwarze Venus, meines Wissens nach sogar die erste dunkelhäutige Sängerin überhaupt, die in Bayreuth auftrat. Auch sie löst ihre Aufgabe ausgezeichnet, ihr verführerischer Mezzosopran passt auf die Liebesgöttin geradezu ideal.

Wolfram von Eschenbach wird hier von Eberhard Wächter gesungen (im Vorjahr war es noch Fischer - Dieskau, der allerdings wegen eines Hutes die Rolle hinwarf). Wächter ist ein sehr guter Ersatz, wenn er auch seine stimmliche Höchstphase bereits hinter sich hatte. Ihm gelingt eine sehr glaubhafte und differenzierte Darstellung des aufrechten Freundes.

Der gern sehr polternd dargestellte Biterolf ist bei dem jungen Franz Crass in den allerbesten Händen. Auch er reiht sich in die ausgezeichneten Sängerleistungen ein und veredelt die Aufnahme mit seiner mächtigen Baßstimme.

Auch die kleineren Rollen sind mit Gerhard Stolze (Walther von der Vogelweide), Gerd Nienstedt (Reinmar) und Georg Paskuda (Heinrich der Schreiber) hochkarätig besetzt.

Besonderes Lob gebührt einmal mehr dem von Wilhelm Pitz geleiteten Festspielchor. Die Choreinsätze könnten präziser nicht sein, die Sänger präsentieren sich sämtlich als Einheit und machen ihre Auftritte zu Höhepunkten dieser ausgezeichneten Tannhäuser - Aufnahme.

Die Klangqualität ist, wohl durch die besondere Akustik und Atmosphäre des Festspielhauses, von höchster Qualität, natürlich quietscht ab und an der Bühnenboden oder man hört die Souffleuse, aber eine lebendigere und qualtitativ bessere Einspielung wird man lange suchen müssen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 1, 2012 11:13 PM MEST


With His Hot and Blue Guitar / Sings the Songs that made Him Famous
With His Hot and Blue Guitar / Sings the Songs that made Him Famous
Preis: EUR 16,00

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Grandioses Debüt, 4. Dezember 2006
Bereits 1955 hatte sich Johnny Cash bei Sun - Inhaber Sam Phillips als Gospelsänger vorgestellt. Der geschäftstüchtige Plattenboß wies den jungen Sänger jedoch ab, allerdings mit der Einladung wiederzukommen, wenn er "something more commercial" anzubieten habe. Zwei Jahre später war es dann soweit. Zusammen mit den "Tennessee Two" Luther Perkins und Marshall Grant hatte Cash inzwischen einen unverwechselbaren Sound zwischen Rock'n'Roll und Country entwickelt, der einen hohen Wiedererkennungswert besaß und mit dem man schon einige Singles erfolgreich auf den Markt gebracht hatte.
Mit einem Teil der 35000 Dollar, die Phillips von RCA für den Vertrag von Elvis Presley erhalten hatte, wurde die erste LP produziert, die überhaupt bei Sun Records erschien: "Johnny Cash And His Hot & Blue Guitar" kam 1957 heraus, wurde ein großer Erfolg und somit der Startschuß für Johnny Cashs beinahe fünfzig Jahre andauernde Karriere.
Auf diesem Album ist bereits alles vorhanden, was Johnny Cash in seiner Laufbahn auszeichnete: Die unverwechselbare sonore Baritonstimme, der so simpel klingende und doch so schwer zu kopierende "Boom - Chicka - Boom" - Sound und die legendäre Coolness des späteren "Man in Black".
Das Material, das Cash für seine erste LP aufnahm, ist exzellent. Neben so berühmten Eigenkompositionen wie "I Walk The Line", "Cry, Cry, Cry" und einer frühen Version des "Folsom Prison Blues" finden sich hier u. a. Songs von Huddie Ledbetter ("Rock Island Line") und Hank Williams ("I Heard That Lonesome Whistle Blow"). Auch die großen und klassischen Cash - Themen finden sich bereits auf diesem Album: Das Leben "On The Road", die Liebe, mal glücklich, mal weniger, Mord und Totschlag und innige Frömmigkeit. Noch nach beinahe 50 Jahren kann man "Johnny Cash With His Hot & Blue Guitar" mit großem Genuß hören.
Damit aber nicht genug. Da das erste Cash - Album gerade mal eine knappe halbe Stunde Spielzeit aufweist, packte man auf diese CD gleich noch die zweite Cash - LP dazu. "Songs That Made Him Famous" ist mehr oder weniger eine Sammlung von Single - Hits, die man, wie damals üblich, mit ein paar Fülltiteln auf einer LP zusammenfaßte. Das Album erreicht nicht wirklich die Klasse von "Hot & Blue Guitar", es gibt hier allerdings einige Cash - Hochkaräter wie eine Alternativversion von "I Walk The Line", "Home Of The Blues" oder "Big River" zu hören.
Die CD ist mit einem recht ansprechenden Faltcover und einem kleinen, informativen Beiheft ausgestattet. Der Sound ist natürlich noch in Mono, was allerdings nicht im geringsten stört.
Abschließend kann man nur noch sagen: Get this record or you'll Cry, Cry, Cry.


Der Herr der Ringe - Die Spielfilm Trilogie (Extended Versions, 12 DVDs)
Der Herr der Ringe - Die Spielfilm Trilogie (Extended Versions, 12 DVDs)
DVD ~ Elijah Wood
Wird angeboten von Music-Shop
Preis: EUR 94,14

49 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Juwel, 3. Dezember 2006
Peter Jackson hat mit der Verfilmung von J. R. R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" ohne Zweifel ein Stück Filmgeschichte geschrieben. Lange Zeit galt diese Bibel der Fantasy - Fans als unverfilmbar, es gab nur einen unvollendeten Zeichentrickfilm und ein etwas zweifelhaftes Hörspiel. Jackson arbeitete bereits seit Anfang der 90er Jahre an diesem monumentalen Projekt und schießlich fiel am 11. Oktober 1999 die erste Klappe für eines der ambitioniertesten Projekte der Filmhistorie.

Jackson hatte sich für die Ausstattung einige der renommiertesten Tolkien - Experten, v. a. die Illustratoren Alan Lee und John Howe ins Boot geholt, unzählige erstklassige Handwerker und Computerspezialisten tüftelten Hand in Hand, um Tolkiens Mittelerde möglichst realistisch und vorstellungsgetreu in Szene zu setzen. Auch beim Verfassen des Drehbuchs hielt sich Jackson, der zusammen mit seiner Frau Fran Walsh und der Autorin Philippa Boyens selbst das Buch verfasste, möglichst nah an Tolkiens Vorlage. Die Besetzung, die arrivierte Stars wie Christopher Lee (Saruman), Ian McKellan (Gandalf) oder Cate Blanchett (Galadriel) mit noch weniger bekannten, dafür umso ambitionierteren Schauspielern wie Sean Astin (Sam Gamdschie) oder Viggo Mortensen (Aragorn) vermischte, erwies sich als ein Glücksgriff. Über das Ergebnis läßt sich, wie immer bei so großen und vielbeachteten Projekten, trefflich streiten, aber ohne jeden Zweifel ist "Der Herr der Ringe" eine der gelungensten und erfolgreichsten Literaturverfilmungen (jawohl, Tolkien IST! Literatur) überhaupt.

Nach dem überwältigenden Erfolg im Kino mußte man der hungrigen Fangemeinde auch auf den DVDs etwas bieten und so entstand, neben den DVD - Fassungen der Original - Kinofilme, auch eine Special Extended Edition, die jeden Film mit integrierten entfallenen Szenen auf zwei DVDs und zwei weitere Silberlinge randvoll mit Zusatzmaterial enthält. Diese Box entält die Special Editions aller drei Filme und ist das absolute Muß für jeden Fan.

Der erste Film "Die Gefährten" wurde mit 30 zusätzlichen Filmminuten aufgestockt. Vieles, was in der Kinofassung nur angedeutet wird, wird auf diese Weise vertieft, so der Charakter der Hobbits, Aragorns Selbstzweifel und die Bedeutung der Geschenke Galadriels für den weiteren Weg der Gefährten. Die neuen Szenen sind vollständig in die Handlung integriert und keineswegs bloßes Füllmaterial sondern zeitweise sehr wichtige Bestandteile der Handlung.

So zum Beispiel im zweiten Film "Die zwei Türme", der durch die zusätzlichen 42 Minuten ungeheuer gewinnt. Vor allem die Handlungsweise Faramirs, der sich seinem Vater Denethor als guter Sohn zeigen will, erscheint durch eine völlig neue Szene in ganz anderem Licht (im Buch versucht Faramir gar nicht erst, den Ring in seinen Besitz zu bringen), auch das Eingreifen der Ents in den Krieg mit Saruman wird ausgedehnt und die in der Urfassung etwas sehr trägen Baumhirten erscheinen bedeutend positiver.

"Die Rückkehr des Königs" schließlich, das Kronjuwel der Trilogie, enthält neben einer erweiterten Version des Kampfes um Minas Tirith (ohnehin die Mutter aller Filmschlachten) unzählige neue und hervorragende Szenen, wie das ursprünglich gestrichene Ende Sarumans, eine erweiterte Darstellung der Geschichte um den Fürsten der Ringgeister und schließlich den Beginn der Liebesgeschichte zwischen Eowyn und Faramir.

Alle drei Teile erscheinen hier in jeder Sprachspur im bestmöglichen Ton, jeder Film enthält zwei zusätzliche DVDs, randvoll mit Dokumentationen und Hintergrundinformationen, die aufzuzählen den Rahmen einer jeden Rezension sprengen würde. Für den Fan der Trilogie ist diese Box ohnehin unverzichtbar, aber auch der Tolkien - Einsteiger wird sich nicht sattsehen können an der Entstehung einer Welt, die seit Jahrzehnten immer aufs neue zu faszinieren versteht.

Uneingeschränkte Empfehlung, aber bitte auch die Bücher lesen!!


Lunar Park
Lunar Park
von Bret Easton Ellis
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,50

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Starkes Comeback, 24. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Lunar Park (Taschenbuch)
Acht Jahre lang hat Bret Easton Ellis kein neues Buch Buch veröffentlicht. Der immense Erfolg und die daraufhin einsetzende Medienschlacht um "American Psycho" trieben den Autor in eine (in diesem Buch expilzit und mit einiger künstlerischer Freiheit geschilderte) Drogensucht. Nach dem Erscheinen von "Glamorama" 1998 widmete sich der unter Schreibblockade leidende Ellis erst einmal seinen neuen Hobbys: Heroin, Kokain, Alkohol, Frauen, Männer...

Nun ist er wieder da, mit einem autobiographischen Roman, in dem er meisterhaft Fakten und Fiktion vermischt. Wir erleben den Autor als Ich - Erzähler, erfahren einiges über das schwer gestörte Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater, die raketenhafte Karriere nach der Veröffentlichung von "Less Than Zero", den Skandal um "American Psycho" und den Absturz vom Millionär zum Drogenwrack. So ein Bestsellerautor hat es nicht leicht.

Aus der Hölle in eine Idylle holt ihn schließlich die Schauspielerin Jayne Dennis, mit der er einen Sohn hat. Sie zieht den völlig derangierten Ellis mehr oder weniger aus der Gosse, heiratet ihn und zieht mit ihm in einen noblen Vorort von New York, um die Kinder sicher aufwachsen zu lassen und um Ellis von den Drogen fernzuhalten. Hier setzt schließlich die Handlung des Buches ein.

Der Autor und Jayne Dennis führen eine dieser Celebrity - Ehen, Ellis hat nach kurzer Abstinenz wieder mit den Drogen angefangen, kommt weder an seinen Sohn noch an die von seiner Frau mitgebrachte Tochter heran und man steckt nach drei Monaten bereits mitten in der Eheberatung. Auf einer Halloween - Party geschehen nun seltsame Dinge: Ein unbekannter Gast erscheint als Patrick Bateman mit blutbeflecktem Anzug und "Terby", eine monströse Vogelpuppe, die Jaynes Tochter gehört, entwickelt ein bizarres Eigenleben. Ellis erhält ständig mysteriöse, scheinbar leere E - Mails von der Bank Of America in Sherman Oaks (dem Wohnort seines Vaters).

In den nächsten Tagen häufen sich die seltsamen Ereignisse: Immer mehr Jungen verschwinden spurlos, Ellis' Haus verwandelt sich immer mehr in das Haus seiner Eltern, ein Mörder, der nach dem Muster von Patrick Bateman vorgeht, macht die Gegend unsicher und Ellis erhält immer mehr Hinweise, daß sein Vater ihm eine Botschaft aus dem Jenseits übermitteln will.

Ellis erzählt seine Horrorgeschichte (bei der er sich ziemlich deutlich von sich selbst und v. a. von Stephen King "inspirieren" ließ) sehr spannend und wieder mit vielen bissigen Seitenhieben auf die höhere Gesellschaft. Seine eigene Ehe ist bereits nach drei Monaten ein Trümmerhaufen, sämtliche Paare in der Nachbarschaft haben schwere psychische Schlagseite und alle Kinder (auch die eigenen) stehen unter Beruhigungs - oder Stimulierungsmitteln, je nach Bedarf.

Das Buch ist in dem typischen lakonischen Ellis - Ton gehalten, bei dem die plötzlichen Eruptionen immer noch überraschen. Diesmal wird auf die Schilderung von Metzeleien oder Bombenattentaten verzichtet, die psychischen Vorgänge stehen im Vordergrund und die Spannung wird bis zur finalen Auflösung virtuos gehalten.

Trotz einiger Längen ein sehr empfehlenswerter Roman.


Gluck: Orfeo ed Euridice (Gesamtaufnahme(ital.),Aufnahme London 1981)
Gluck: Orfeo ed Euridice (Gesamtaufnahme(ital.),Aufnahme London 1981)

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Orfeo ed Euridice - Das klassische Schulwerk, 13. November 2006
Christoph Williald Gluck, geboren am 2. Juli 1714 im oberpfälzischen Erasbach ist bis heute der anerkannte große Reformator der Opernbühne, ohne den die Oper wohl irgendwann auf das Niveau des heutigen Fernsehprogramms herabgesunken wäre. Bereits als Kind zeigte er große musikalische Begabung, die nach Kräften gefördert wurde, und als Heranwachsender nicht die geringste Lust, in der Nachfolge seines Vaters als Förster durch Wälder und Auen zu streifen. Aus diesem Grunde riß er von zu Hause aus, schlug sich einige Zeit als Strassensänger durch, begann seine musikalischen Studien in Prag und Wien und landete schließlich im Mutterland der Oper, in Italien. Dort hatte sich im Laufe der knapp huntert Jahre (geht man vom Datum der Uraufführung von Moneverdis "Orfeo" als Geburtsstunde der Oper aus), die diese Kunstform bereits hinter sich hatte, so einiges verändert. Aus den Palästen der Fürsten und des hohen Klerus hatte sich die Oper zu einem Massenphänomen entwickelt (was eigentlich grundsätzlich zu begrüßen wäre), überall schossen öffentliche Musiktheater und Opernkompanien aus dem Boden, die Komponisten kamen kaum noch damit nach, die immense Nachfrage durch immer neue Werke zu befriedigen. Natürlich litt so das Niveau der aufgeführten Opern beträchtlich, in vielen Stücken gab es keinerlei nachvollziehbare Handlung mehr, nur der Genuß der Musik und die Anhimmelung des in jedem Theater anzutreffenden Gesangsstars (selbst ein Gigant wie Händel hatte seine liebe Not mit den verwöhnten Diven) stand absolut im Vordergrund. Das passte Gluck ganz und gar nicht.

Wie man aus der Geschichte und der heutigen Politik weiß, ist neben dem Beschweren die zweite Lieblingsbeschäftigung der Deutschen, Reformen und Reformationen zu erdenken. So auch bei Gluck, und seine Reformation war eine äußerst sinn - und wertvolle. Unter dem Motto, daß "die Musik der Poesie gehorsame Dienerin zu sein" habe, entwarf er die (in sich nicht gerade originelle, aber wichtige und richtige) Idee, jeden unnützen Zierat aus der Musik und unnötige Figuren aus den Textbüchern zu tilgen und die Handlung in den Vordergrund zu stellen. Die erste dieser "Reformopern" war die in Zusammenarbeit mit dem Librettisten Raniero di Calzabigi entstandene "Orfeo ed Euridice", die am 5. Oktober 1762 in Wien (in Italien hatte niemand etwas von Glucks Ideen hören wollen) uraufgeführt wurde.

Diese Oper ist ein wahres Musterbeispiel dafür, was Gluck im Sinn hatte. Die Personen sind auf das Allernötigste (drei Rollen, ein Chor, wie im antiken griechischen Drama) beschränkt, die Musik verzichtet auf jeglichen Zierat, konzentriert sich auf das Vorantreiben der Handlung und charakterisiert die Gefühle und Temperamente der Bühnenfiguren. Leider interessierte sich zunächst kaum jemand für Glucks Reformideen, der Komponist selbst war unzufrieden und arbeitete die Oper mehrmals um. Langsam gewann Glucks Reformation immer mehr Anhänger (der Bedeutendste dürfte Mozart gewesen sein), auch die Gegnerschaft, die jede Umwälzung benötigt, formierte sich um einen Komponisten namens Piccini (der ein Bewunderer Glucks war) und es entwickelten sich heftige Debatten, Saal - und sogar Strassenschlachten, bis sich Glucks Idee schließlich durchsetzte und jedes Bühnenwerk, das man heute als "klassische" Oper bezeichnet, im Grunde nach Glucks Theorie funktionierte. Kaum ein anderer Komponist hat die Musik so nachhaltig geprägt wie der Förstersohn aus Erasbach. Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege.

Von "Orfeo ed Eurdicie" gibt es so viele Bearbeitungen (Gluck allein veröffentlichte drei Versionen), daß bald jedes Theater seinen eigenen "Orfeo" im Repertoire zu haben schien. Musiknummern wurden eingefügt und gestrichen und es wurde eifrig in die Handlung eingegriffen.

Die hier besprochene Aufnahme ist der rundum geglückte Versuch, die Wiener Urversion aus dem Jahr 1762 erklingen zu lassen. Im Geiste Glucks verzichtet der Dirigent Riccardo Muti auf jede unnötige Verzierung, leitet das Philharmonia Orchestra ohne Capricen, sondern treibt die Handlung der Oper zügig voran.

In der Urversion war die Rolle des Orpheus mit einem männlichen Alt, also einem Kastraten zu besetzen. Da man heutzutage von der "Sitte" abgekommen ist, Knaben mit besonders schöner Stimme zwecks Erhaltung dieser zu kastrieren (ein prominentes Opfer wäre beinahe Joseph Haydn geworden, den nur ein rechtzeitig einsetzender Stimmbruch davor bewahrte), wird heute, sofern Orpheus nicht zum Tenor oder gar Bariton transponiert wird, eine Sängerin mit dieser Aufgabe betraut. In diesem Falle ist es Agnes Baltsa, die weder im Gesang noch in der Darstellung Wünsche offen läßt. Der trauernde Sänger gelingt ihr rundum glaubhaft, sie singt unkapriziös und unangestrengt, eine sehr gute Leistung dieser oft unterschätzten Sängerin, die hier fast die ganze Oper im Alleingang zu stemmen hat.

In der recht kleinen Rolle der Euridice, die kaum Chancen hat, sich zu entfalten, überzeugt Margaret Marshall auf ganzer Linie. Auch sie stellt sich in den Dienst des Werks und trägt zum positiven Erscheinungsbild dieser Aufnahme bei.

Die einzige Partie, der Gluck ein wenig Verzierung zugestanden hat, ist Amor, der Liebesgott, der Orpheus zu seiner gefährlichen Mission auffordert. Dieser ist bei Edita Gruberova, jahrelang unschlagbare Meisterin der Koloratur, in den allerbesten Händen.

Ein äußerst wichtiger Bestandteil eines gelungenen "Orfeo" ist der Chor, der einen großen Anteil an den Gesangspartien hat. Der Ambrosian Opera Chorus zeigt sich hier souverän und rundet den rundum positiven Eindruck,den diese Aufnahme hinterläßt, ab.

Insgesamt ist diese Einspielung durchweg zu empfehlen. Das Preis - Leistungs - Verhältnis könnte kaum besser sein. Achtung: Das Libretto gibt es hier nut auf italienisch und englisch.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 31, 2009 5:42 PM CET


Der Rosenkavalier
Der Rosenkavalier
Wird angeboten von top-cds
Preis: EUR 29,90

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Legendärer Rosenkavalier, 5. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Rosenkavalier (Audio CD)
Im Schaffen von Richard Strauss stellt "Der Rosenkavalier" musikalisch wie dramatisch einen Wendepunkt dar. Nach seinem Frühwerk "Feuersnot", das sich noch sehr stark im Fahrwasser Richard Wagners bewegte, wagte sich der Komponist hier erstmals wieder an einen komischen Stoff. Hugo von Hofmannsthal, seit dem großen Erfolg der "Elektra" Strauss' Stammlibrettist (bis die Nationalsozialisten dieser äußerst fruchtbaren und wertvollen Zusammenarbeit von Dichter und Komponist ein gewaltsames Ende bereiteten), begann im Mai 1909 mit dem Textbuch zu dieser Kömodie aus dem Wien des 18. Jahrhunderts, die sich wohl auch ohne Musik problemlos auf den Bühnen der Welt behaupten könnte. Der Dichter schuf um die frei erfundene "alte Tradition", der zukünftige Ehemann aus hochadeligen Kreisen sende zum Zeichen seiner Werbung einen Rosenkavalier ins Haus der Braut, eine turbulente, durchweg mit lebensprallen Figuren bevölkerte Komödie, läßt das Wien der Rokoko - Zeit mit seinen prachtvollen Sälen, Gewändern, den heute grotesk anmutenden Zeremonien (das "Lever" der Marschallin) und den Intriganten und Emporkömmlingen wiederauferstehen. Zweifellos eines der besten Textbücher, die für eine Oper je geschrieben wurden.

Szene für Szene schickte Hofmannsthal sein neues Werk an Strauss und der Komponist war sofort Feuer und Flamme. Er schuf zu diesem Thema eine Musik, die sich von seinen früheren Bühnenwerken vollständig unterscheidet. Waren seine ersten Gehversuche "Guntram" und "Feuersnot" noch vom übermächtigen Wagner geprägt, vollzog er mit "Salome" und "Elektra" einen Schnitt hin zu krassem Naturalismus, zur Musik der puren Emotion, zur Atonalität. Diesen Weg verläßt er mit dem "Rosenkavalier" wieder, läßt sowohl die Neutöner als auch Wagner links liegen und wendet sich der "Wiener Klassik" zu. Diese Oper klingt tätsächlich so, als sei sie ein Werk eines Zeitgenossen von Mozart und Haydn. Trotzdem ist natürlich die Handschrift des Richard Strauss, der nicht ganz im Unernst einmal verkündete, er könne selbst das Einschenken eines Bierglases so vertonen, daß man die Marke heraushöre, unverkennbar. Der Komponist zeigt sich hier einmal mehr als Meister im musikalischen Schildern der Situation und der inneren Vorgänge seiner Figuren. Die Liebe zwischen Octavian und Sophie keimt im Orchestergraben schon beim ersten Zusammentreffen der beiden auf. Meisterhaft sind die Charakterisierungen der Marschallin, die bei aller Lebensfreude einen tief melancholischen Zug in sich trägt, die selbstlos ihren "Quinquin" freigibt, weil sie dem Geliebten das gönnen will, was sie selbst nie erfahren hat: das wahre Glück der Liebe; ebenso großartig gelungen ist die Zeichnung des Barons Ochs auf Lerchenau, der einige historische Vorbilder hat: ein falstaffscher Schwerenöter, der sich selbst für Gottes Geschenk an die Menschheit und insbesondere die Frauen hält, dabei aber nie wirklich unsympathisch wirkt. Hervorrangend gelingt es Strauss, die Atmosphäre der Zeit im Musik umzuwandeln, besonders herauszuheben wäre da die turbulente Szene des "Levers", die um die stilsichere Arie des italienischen Tenors herumgebaut ist, sowie die herrliche Szene mit Octavians Auftritt als Rosenkavalier im Hause Faninal.

Die Oper wurde am 26. Januar 1911 in Dresden mit sensationellem Erfolg zum ersten Mal gegeben und brachte Hofmannsthal und Strauss endgültig Weltruhm ein. Zwar gab es von der Seite der "Fortschrittsfraktion" viel Häme, da sie sich von ihrem Idol durch dessen Hinwendung zum "Konservatismus" (man stelle sich vor, man kann sich diese Oper anhören, ohne Ohrenschmerzen zu kriegen, unerhört!) verraten fühlte, der Erfolg gab dem Komponisten jedoch recht und bis heute ist "Der Rosenkavalier" die am häufigsten aufgeführte Oper des 20. Jahrhunders und fast an jedem größeren Opernhaus im Repertoire zu finden.

Auch bei den Aufnahmen hat man einmal mehr die Qual der Wahl. Viele "Rosenkavaliere" tummeln sich in gut sortierten CD - Geschäften, und die meisten sind von hoher Qualität (nur von Karajans zweiter Einspielung kann man mit gutem Gewissen ganz abraten). Die hier besprochene Aufnahme gilt allerdings bis heute als Mustereinspielung und hält sich nicht umsonst seit 50 Jahren im Handel. Herbert von Karajan war schon immer ein glühender Bewunderer von Richard Strauss, er setzte die erste "Salome" - Inszenierung seit ewigen Zeiten bei den Salzburger Festspielen durch und hinterließ viele Aufnahmen von Werken des Komponisten, die noch heute jedem Anspruch genügen. "Der Rosenkavalier" begleitete Karajan durch seine gesamte Karriere, er dirigierte die Oper erstmals bereits 1932 in Ulm und 1952 gab es eine legendäre Aufführungsserie unter seiner Leitung an der Mailänder Scala, von der dieses Tondokument (entstanden 1956 und erstmals in Stereo) ein beeindruckendes Zeugnis ablegt. Einmal mehr überzeugt die schwungvolle Leitung, sowie die genaue Kenntnis der Absichten des Komponisten des jungen Karajan, meilenweit entfernt sind noch die breitgetretenen Tempi späterer Jahre und die oft so geschmähte "Klangregie", die gerade komischen Opern jedes Leben nahm. 1956 gab es noch den Karajan, der sich jenseits von Selbstvergöttlichung in den Dienst des Werks und des Theaters stellte, der wertvollste Karajan, den es geben konnte.

Auch das Sängerensemble läßt keine Wünsche offen.

Elisabeth Schwarzkopf wirkt in der Rolle der Marschallin, als wäre ihr die Partie auf den Leib geschrieben worden. Großartig gelingt ihr die Darstellung dieser erfahrenen Frau, die selbstlos ihren jungen Liebhaber aufgibt, damit er sein Glück finden kann. Gewitzt und raffiniert wirkt sie, der melancholische Zug dieser Rolle ist bei ihr jedoch immer unterschwellig vorhanden und macht ihre Marschallin zur lebensechten, in ihrer Verwundbarkeit großen Figur. Stimmlich gibt es keinerlei Abstriche zu machen, die Schwarzkopf war zu ihrer Zeit eine der besten und zuverlässigten Sängerinnen der Welt.

Auch für Otto Edelmann in der Rolle des Baron Ochs auf Lerchenau ist kein Lobeswort zu hoch. Der polterige, unverschämte Landedelmann, der sich für den begehrenswertesten Junggesellen Wiens hält, ist für Edelmann (auch ein ausgezeichneter Sachs und Leporello, nebenbei bemerkt) eine Partie, in der er seine vielseitigen Qualitäten voll einsetzen kann. Er bringt sowohl das erforderliche Stimmaterial, als auch die schauspielerischen Fähigkeiten mit und als gebürtigem Österreicher wirkt auch ihm die dialektbefrachtete Rolle wie auf den Leib geschneidert.

Auch das junge Liebespaar ist exquisit besetzt. Christa Ludwig stand 1956 noch relativ am Anfang ihrer großen Laufbahn, zeigt sich hier in der Rolle des Octavian aber bereits auf Augenhöhe mit den damaligen Größen Schwarzkopf und Edelmann. Bereits in dieser frühen Aufnahme hört man das gewaltige Potential der Ludwig, die später selbst eine großartige Marschallin und v. a. Wagner - Interpretin war.

Teresa Stich- Randall wirkt in der Rolle der Sophie ein wenig blaß, macht diesen Eindruck aber durch stimmliche Schönheit und sehr gute Technik mehr als wett. Die Duette Octavian / Sophie sind von außerordentlicher Schönheit.

Eberhard Wächter verleiht mit seiner unverkennbaren Stimme dem Enporkömmling Faninal die nötige Kontur. Die komischen Seiten der Rolle spielt er als begabter Schauspieler voll aus.

Ausgezeichnet besetzt sind die kleinen Rollen: Ljuba Welitsch als Faninals Hausmamsell Marianne, Nicolai Gedda als italienischer Sänger, Paul Kuen als Valzacchi und Gerhard Unger in der winzigen Rolle des Haushofmeisters bei Faninal - ein solches Ensemble bekommt man nicht in jeder Aufahme geboten.

Inspiriert und präzise spielt das von Karajan souverän geleitete Philharmonia Orchestra. Ursprünglich war für die Einspielung das Orchester der Mailänder Scala geplant, was allerdings an der Gagenforderung scheiterte. Kennt man den Hang dieses Orchesters zum kreativen Chaos, ist man im nachhinein dankbar.

Die Tonqualität ist für das Alter der Aufnahme hervorragend (Produktion: Walter Legge, mehr muß man nicht sagen), die Stereotechnik stand aber noch sehr am Anfang, weswegen es beizeiten kleine Aussetzer (mal Mono, mal nicht) gibt, was den Hörgenuß jedoch keineswegs schmälert.

Diesen "Rosenkavalier" kann man uneingeschränkt empfehlen.


Mozart: Die Entführung aus dem Serail (Gesamtaufnahme).
Mozart: Die Entführung aus dem Serail (Gesamtaufnahme).
Preis: EUR 34,06

18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Temperamentvolle Entführung, 25. April 2006
Der österreichische Kaiser Joseph II. richtete in den späten 1770er Jahren das "Nationale Singspiel" ein, ein Musiktheater, das als ein Gegenentwurf zur allmächtigen italienischen und französischen Oper dieser Zeit und als Unterhaltung für die Volksmasse gedacht war. Als Singspiel bezeichnet man ein in deutscher Sprache gesungenes Stück mit gesprochenen Dialogen und meist recht schlichter Handlung, sozusagen der Urahn der Operette des 19. und 20. Jahrhunderts. Es erfreute sich zwar großer Beliebtheit, erreichte allerdings nie die Popularität der "opera seria", deren bedeutendste Vertreter damals Luigi Cherubini und Antonio Salieri waren, und die meisten Werke dieses Genres sind heute vergessen. Doch es gibt Ausnahmen.

1781 kam Mozart, den Erfolg seines "Idomeneo" und ein gewaltiges Selbstbewußtsein im Rücken, unerlaubt aus dem kleinstädtischen Salzburg nach Wien, um dort als freier Komponist sein Glück zu versuchen. Sogleich bekam er einen Kompositionsauftrag für das "Nationale Singspiel" und machte sich mit Feuereifer an die Arbeit. Es entstand "Die Entführung aus dem Serail", ein temperamentvolles und vergnügliches Theaterstück, das dank Mozarts genialer Musik bis heute nichts von seinem Charme verloren hat, und dem noch nicht einmal die Darstellung des Osmin als islamistischer Selbstmordattentäter (gab's auch schon) Schaden zufügen konnte.

Mozarts Musik sprengt bei weitem die Konventionen des normalen Singspiels, jede Nummer ist ein Volltreffer und die Figuren erhalten genaueste musikalische Charakterisierung. Nie singt Belmonte wie Pedrillo, nie Blonde wie Konstanze. Diese hat drei große Arien zu singen, von denen zwei mit gewaltigen Schwierigkeiten gespickt und nur von einer wirklichen Spitzensängerin zu bewältigen sind. Mozart schrieb diese Partie dem Star der Wiener Oper, Catarina Cavalieri auf dem Leib, die, obwohl einäugig und von häßlicher Gestalt, ihrer Koloraturkünste wegen ein Liebling des Wiener Publikums war. Damals zählte eben noch Können.

Am 12. Juli 1782 erklang "Die Entführung aus dem Serail" zum ersten Mal in der Wiener Hofoper und wurde zu seinen Lebzeiten Mozarts größter und einhelligster Erfolg. Trotz der kaiserlichen Kritik ("gewaltig viele Noten") verbreitete sich das Werk mit großer Geschwindigkeit, brachte seinem Komponisten viel Ruhm und wenig Geld ein und ist noch heute ein Garant für einen schönen Theaterabend (sofern es nicht in ein zerbombtes Palästinensergebiet verlegt wird, versteht sich).

Wie bei jeder großen Mozartoper hat der Klassikkonsument die Qual der Wahl. Jedes Label bietet mehrere Aufnahmen an, jede große Mozartsängerin versuchte sich an der Konstanze und jeder bedeutende Dirigent an der genialen Musik. Die hier besprochene Einspielung hat meiner Meinung nach alles, was eine schöne "Entführung" benötigt: Einen virtuosen Dirigenten (Sir Georg Solti), das "beste Orchester der Welt" (die Wiener Philharmoniker) und ein hervorragendes Sängerensemble.

Star der Aufnahme ist Edita Gruberova. Sie hatte sich 1985 bereits von ihrem Image als "Zwitschermaschine" freigemacht, beschloss, ihre Paraderollen Zerbinetta, Königin der Nacht und eben Konstanze nicht mehr zu singen und etablierte sich als dramatischer Koloratursopran. Auf Soltis Bitten erklärte sich die sehr selbstbewußte Primadonna bereit, noch einmal die Konstanze aufzunehmen. Dank an Sir Georg. Für Gruberovas Leistung gibt es nur ein Wort: perfekt. Jede Note, jede Koloratur sitzt auf dem Punkt, nicht ein einziges Mal hat man das Gefühl, daß die enorm anspruchsvolle Partie ihr irgendwelche Anstrengung abverlangt. Auch an ihrer Darstellung gibt es nichts zu mäkeln, die meisten Charaktere in der "Entführung" sind ohnehin nicht sonderlich vielschichtig und die Gruberova gibt souverän die noble, unglückliche Edeldame. Bis auf ein paar kleine Sprachschwierigkeiten hat ihre Vorstellung in dieser Aufnahme allein fünf Sterne verdient.

Als ihr erdiger Gegenpart agiert souverän Kathleen Battle. Die gewitzte Zofe bringt sie ausgezeichnet und die auch nicht ganz einfache Gesangspartie meistert sie vorbildlich. Auch sie hat einige kleine Schwierigkeiten in den Sprechtexten, die das Vergnügen allerdings nicht beeinträchtigen. Blonde ist ja ohnehin Engländerin, und so wirkt Battles amerikanischer Akzent richtiggehend authentisch (alle Briten, die dies lesen, mögen mir verzeihen).

Ungewöhnlich heldisch, aber sehr gut wirkt Gösta Winbergh in der Rolle des Belmonte. Wer in dieser Partie lyrische Tenöre wie Peter Schreier oder Nicolai Gedda gewohnt ist, wird sich an diese Darstellung erstmal gewöhnen müssen. Das heißt jedoch nicht, daß Belmonte hier zum verhinderten Tristan wird, Wingergh singt seine Rolle jedoch bedeutend kerniger als viele seiner Vorgänger und gerät so nicht in die Gefahr, wie ein Weichling zu wirken (passiert schon mal). Ein wenig erinnert er an den Jahrhundert - Belmonte Fritz Wunderlich, erreicht jedoch nicht dessen Klasse. Ein sehr männlicher und dabei gefühlvoller Belmonte.

Auch für Pedrillo wurde ein bewährter und ausgezeichneter Sänger verpflichtet. Heinz Zednik hat in seiner Karriere alles gesungen, was es für einen Charaktertenor an Rollen gibt und singspielt einen mit allen Wassern gewaschenen und listigen Pedrillo, den nichts mehr zu freuen scheint, als den unleidlichen Osmin kräftig an der Nase herumzuführen.

Und da gibt es noch den stets übel gelaunten Haremswächter. Osmin ist eine der populärsten und geragtesten Baßrollen, und wie viele große Darsteller hat es schon gegeben: Gottlob Frick, Kurt Böhme, Josef Greindl, Kurt Moll, um nur die Bekanntesten zu nennen. Hier gibt es mit Martti Talvela den unbestritten größten Opernsänger aller Zeiten zu hören. Er maß exakt 2,02 m. Scherz beiseite, der viel zu früh verstorbene Talvela hat den Klassikhörern viele wunderbare Aufnahmen hinterlassen. Unvergessen sind sein König Marke, sein Sarastro, Daland und eben sein Osmin. Sehr oft verfallen die Sänger dieser Rolle ins Chargieren (o.g. Kurt Böhme ist ein Paradebeispiel), aber Talvela gerät nicht in die Klischeefalle. Die Komik des Osmin liegt in seiner Bösartigkeit und in seiner hilflosen Wut über die penetranten Eindringlinge. Talvela gestaltet seinen Part sehr ernsthaft und mit großer darstellerischer Finesse. Auch stimmlich präsentiert er sich in ausgezeichneter Verfassung und kann sich mit allen weiteren Darstellern der Rolle mehr als messen.

Komplettiert wird das Ensemble durch den Bassa Selim von Will Quadflieg, der natürlich nicht singt, sondern seine Sprechrolle souverän gestaltet, wobei ein wenig mehr Emotion hier und da nicht geschadet hätte.

Hervorragend wie immer singt der Wiener Staatsopernchor, alles wird virtuos begleitet von den Wiener Philharmonikern und von Sir Georg Solti souverän und temperamentvoll geleitet.

Auch die Tonqualität läßt keine Wünsche offen, so daß man diese "Entführung" uneingeschränkt empfehlen kann.


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