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Rezensionen verfasst von
T. Kettenacker
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Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes: Erzählungen
Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes: Erzählungen
von Clemens J. Setz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,31

46 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Anspruch und Wirklichkeit, 10. April 2011
Ist man in seinen Erwartungen zu einem Produkt enttäuscht worden, gibt es zwei Möglichkeiten, Rache zu nehmen: man gibt es zurück und/oder berichtet von dessen minderer Qualität. Da ersteres bei Literatur nicht wirklich einschlägig ist, begnügt man sich lieber mit letzterem. Schlecht reden kann man entweder über den Autor, dem man den Status als "Wunderkind" abspenstig machen möchte, oder eben über diejenigen Feuilleton-Rezensenten, die Setz ebenjenes Prädikat aufgedrückt haben. Ich entschließe mich zum Angriff auf die Redakteure - es erscheint mir sinnvoller, die Entscheidung der Kritiker zu hinterfragen, die mir den Kauf nahe gelegt haben.

So schreibt die Welt "Sein Erzählungsband 'Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes', mit 18 Stories auf 350 Seiten auch nicht gerade schmal, löst die hohen Erwartungen nun auf phänomenale Weise ein. Hier ist ein Autor zu erleben, der sprachliche Tricks und Kniffe beherrscht, von denen man vorher noch gar nicht wusste, dass es sie gibt."

Okay, Buchverwurste aus dem Hause Springer eben. Eine Mengenangabe bei einer qualitativ verorteten Kulturform zu verwenden finde ich schonmal mäßig sinnvoll. Setz kann zwar interessante Gedanken verpacken und in einer Geschichte verorten, aber hat schlichtweg keinen guten Schreibstil. Die Bilder und Charaktere werden meist uninspiriert eingeführt - dies ist umso riskanter, da die Kernaussagen der Kurzgeschichten eine gewisse Tiefenzeichnung der Figuren benötigen. Schade.

"Dabei macht Setz etwas, das man sehr selten findet in der jungen deutschen Literatur. Er schreibt in aller Direktheit über Körper und Sex."

So konservativ und prüde muss sich die FAZ mitnichten geben, schließlich hat Charlotte Roche den Körper bereits vor zwei Jahren in allen Details durchleuchtet. Es ist auch nicht so, dass Setz etwa über Sex schreibt, nein, er schreibt über Perversion. Eigentlich ist die Perversion das einzig wiederkehrende Element in fast allen Kurzgeschichten. Dies wirkt oftmals so unausgegoren und depressiv-postpubertär, dass ich mich manchmal fragen musste, welches Publikum Setz mit seinem Werk eigentlich adressieren möchte. Oder wen die FAZ damit ködern wollte. Oder warum ich mal um mal dem Charme des Feuilletons erliege.


The King's Speech
The King's Speech
DVD ~ Colin Firth
Preis: EUR 7,99

35 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The King's Speech: Ein Kammerspiel, 19. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: The King's Speech (DVD)
Eine Schwäche hält man gemeinhin lieber verborgen. Umso größer ist die Bürde, wenn sich diese nicht kaschieren lässt.

Der stotternde Albert, Herzog von York und zweitälteste Sohn von König George V. gibt sich auf Drängen seiner Frau in die Hände des unkonventionellen Logopäden Lionel Logue. Dessen Methoden sind gerade deshalb lustig anzusehen, weil sie jede Form von Standesdünkel zwischen Patient und Thronanwärter abbauen wollen, ohne dabei ins Respektlose abzudriften. "Bertie" reagiert zunächst empört, will die Behandlung abbrechen, sieht aber erste Erfolge. Lionel will tiefer unter die Oberfläche, die totgeschwiegenen Kindheitserinnerungen des zukünftigen Regenten exhumieren, um die Ursachen der Behinderung aufzuwühlen. Die Sprachbehandlung wandelt sich im Annäherungsprozess dieser zwei Welten immer mehr zur Therapiesitzung. Und Bertie muss sich eingestehen, dass auch unter disziplinierten Adelshäusern Abwasserkanäle verlaufen. Als England dem Dritten Reich den Krieg erklärt, erwartet den frisch gekrönten König seine schwierigste Aufgabe: das englische Volk braucht ein ermutigendes Sprachrohr...

Colin Firths stammelnder Monarch lebt von seiner ambivalenten Mimik, die nur andeutungsweise wiederzugeben braucht, was der Betrachter unter der Fassade ganz richtig vermutet. Gequälte Selbstironie und Witzeleien über die eigene Behinderung überdecken peinliche Versagensängste und den im Zweifel taumelnden Willen, die von Kindestagen an indoktrinierte Pflicht zu erfüllen. Colin Firth schafft es seiner Figur - wie auch schon in "A Single Man" - mit verhältnismäßig zurückgenommenem Schauspiel, Tiefe und Emotionalität zu verleihen.
Auch Geoffrey Rush beweist in seiner Rolle als Querdenker Lionel, dass er mehr ist als der Pirat, den er zuletzt immer wieder verkörpert hat. Ihm ist es zu verdanken, dass man die meiste Zeit über vergisst, dass man eigentlich einem Drama beiwohnt.
Helena Bonham Carter sehe ich persönlich lieber in ihren wilden Rollen.

"The King's Speech" macht seine Sache so exzellent, dass es in den letzten Wochen zu recht mit Preisen überhäuft wurde. Ein Psychogramm der aufgesetzt wirkenden Hochglanzroyals und zugleich ein anrührendes Kammerspiel über Schwächen, Ängste, und die pure Kraft des Willens.


Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt
Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt
DVD ~ Michael Cera
Preis: EUR 6,97

38 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen U-30-Party, 16. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (DVD)
Scott Pilgrim, gespielt von dem sympathischen Dauerloser Michael Cera, begegnet auf einer Hausparty der geheimnisvollen Ramona (Mary Elizabeth Winstead), die er sofort für sich gewinnen will. Um wirklich fest mit ihr zusammenzukommen, muss er allerdings erst ihre sieben teuflischen Ex-Lover besiegen.

Klingt total Banane? Ist es auch! Aber im Positiven Sinn! Dem Regisseur Edgar Wright ist eine Vergötterung des Nerdtums gelungen, die gar nicht vor hat, Alt und Jung gleichermaßen zu begeistern. Das Gammelfleisch, um mal im Wortschatz des Films zu bleiben, bleibt hier bewusst außen vor. "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" ist eine Hommage an das Videospielzeitalter. Und beschränkt sich damit auf die bestimmte Zielgruppe, die mit dem Zeug aufgewachsen ist. Für die dürfte es allerdings ein Heidenspaß sein, dieser Eklektik beizuwohnen: verschiedene Elemente des täglichen Lebens werden hier gekonnt miteinander verwoben. Seien es eingespielte Sitcom-Lacher oder Comic-Onomatopoesie - die Mischung ist tatsächlich innovativ. Untermalt wird das ganze zu den Songs von Marc Bolan, den Rolling Stones und anderen.

Manchmal überspannt "Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt" den Bogen mit der Innovationstreibjagd etwas - ich persönlich werde ungern über 100 Minuten mit Neonfarben und Sprechblasen beschossen. Eine gewisse Konstanz hätte sich auch dadurch erzwingen lassen, dass man den Film um circa eine Viertelstunde kürzt. Aber sei es drum: Es wurde Zeit, dass die U-30-Generation ihre eigene "Rocky Horror Picture Show" bekommt. Eine Ode an die Freaks.


Das große Haus
Das große Haus
von Nicole Krauss
  Gebundene Ausgabe

24 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Es gibt sie noch, 15. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Das große Haus (Gebundene Ausgabe)
Leere, pathetische Wortsalven wie "ein Epos über Geheimnisse, Lügen, Leiden und Verlust, poetisch, sprachgewaltig und zu Herzen gehend" lösen bei mir gemeinhin verwirrte Ungläubigkeit aus. Der Klappentext bietet Nicole Krauss' neuestes Werk feil wie ein Blendprodukt, dass Pralinen verspricht, aber Hasenknödel liefert. Das Rühren der Werbetrommel ist wohl der Angst des Verlags geschuldet, dass "Das grosse Haus" niemals Einzug in die Bestsellerriege erhält. Aber das muss es auch nicht.

Denn "Das grosse Haus" war, wie zu erwarten, "ArtHaus"-Literatur; ohne komprimierte Handlung, ohne Spannungsbogen, aber dafür mit Passagen, bei denen sich der Leser der Wahrheit ein Stück näher, und in seinem eigenen Wunschdenken ertappt fühlt: "...dass man an der physischen Welt teilnehmen soll, solange sie einem gegeben ist, weil das ein Sinn des Lebens ist, den niemand bestreiten kann. Schmecken, fühlen, einatmen, essen und sich vollstopfen - der ganze Rest, alles, was Geist und Seele betrifft, lebt im Schatten des Ungewissen. Aber dir ist die Lektion nie leichtgefallen, und am Ende hast du sie nie akzeptiert" (S. 78). Eine Verbeugung an dieser Stelle auch für die Übersetzung, die mit einem Stipendium gefördert wurde.

Der Roman ist keineswegs leicht zu durchdringen, viel zu oft habe ich meine Konzentration und Geduld verloren, Passagen unbewusst überflogen. Um so mehr ist es der Erzähl- und Schreibkunst Krauss' geschuldet, dass ich an der Lektüre letztlich doch hängengeblieben bin. Eigentlich geht es gar nicht, wie ich erwartet habe, um das Judentum, Familientradition und die schmerzliche Geschichte der Judenverfolgung. Vielmehr verwendet Krauss das Bild der innerlich zertrümmerten Familie, zu stolz, um sich Fehler einzugestehen, zu sensibel, um darüber hinwegzusehen. Wir werden Zeuge von den kleinen und mittelschweren tagtäglichen Morden, welche die Familienmitglieder in diesem "Zwei-Generationen"-Roman unbewusst oder aus Trotz aneinander begehen, und fühlen uns erinnert. Letztlich ist auch die Metapher des vielgereisten Ungetüms von Schreibtisch nur ein Stichwortgeber in "Das grosse Haus". Immer wieder taucht er auf, als die schmerzliche Erinnerung, personifiziertes Leid transportierend.

Der Titel des Romans ist gleichzeitig die Metapher für den Inhalt des Romans selbst. Wie in einem großen Haus spielt sich in jedem Zimmer ein anderer Nebenschauplatz ab. Das grosse Ganze ist nur aufaddiert, die Summe seiner Teile.

Und wir stellen fest, es gibt sie noch, die grosse, unaufgeregte Literatur, jenseits der Bestsellerlisten, der es keiner Anpreisung bedarf.


The Beginning (DeLuxe Edition)
The Beginning (DeLuxe Edition)
Preis: EUR 13,28

15 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Lanze brechen, 26. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: The Beginning (DeLuxe Edition) (Audio CD)
Die allgemeine Stimmung richtet sich derzeit eindeutig gegen die Black Eyed Peas.
Dabei sind die Inhalte immer die Gleichen geblieben: Die Party muss weitergehen. Die Kritik wendet sich also gegen die Technik selbst, mit der die Black Eyed Peas ihre abgedroschenen, aber nichtsdestoweniger partytauglichen Texte präsentieren. Den Einen ist es zu poplastig, für die anderen verschwindet "The Beginning" irgendwo im Elektrosmog. Ohne mich in meiner Meinung nach mühsamen Kategorisierungen und Unterscheidungen einzelner Musikrichtungen verlieren zu wollen, kann man wohl generell die Meinung vertreten, dass die Black Eyed Peas in den vergangenen Jahren nicht einfach nur Teil der Popkultur waren, sondern sie auch aktiv gestaltet haben. Dazu gehört auch, dass man Trends setzt.

Und das ist auch auf "The Beginning" zu hören. Grandios vermischen sich verschiedene Musikrichtungen wie House und Techno bei "Do it like this" oder bei der stürmisch deformierten Singleauskopplung "The Time". Die Black Eyed Peas haben sich auf jedem Album neu erfunden und damit das alte Thema immer neu eingekleidet. Womit wir bei den eher technogefärbten Tönen dieses Albums wären.

Klar, hier scheiden sich die Geister. Aber ist es nicht so, dass die Popkultur selbst in Phasen abläuft? Wer genau beobachtet hat, wird feststellen, dass vor vier Jahren Timbaland der Popwelt seinen Stempel aufgedrückt hat. Danach kam mit einer völlig neuen Vermarktungsstrategie Lady Gaga. Und wenn man sich neuere Songs wie Rihannas "Only Girl" anhört, kann man eindeutige technolastige Tendenzen heraushören. Also warum soll das nicht die neue Richtung sein? Klang nicht auch die heute umjubelte Lady Gaga anfangs sehr gewöhnungsbedürftig? Mit der Zeit wird sich zeigen, ob der neue Stil seinen Zweck erfüllt. Ich muss also eine Lanze brechen für die Black Eyed Peas und "The Beginning". Das Thema muss weiterleben: Die Party muss weitergehen.


Die Enden der Welt
Die Enden der Welt
von Roger Willemsen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Erde ist eine Scheibe, 6. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Enden der Welt (Gebundene Ausgabe)
Der Ursprung des Daseins ist die Bewegung. Reisen ist Bewegung. Aus der kombinatorischen Gesetzmäßigkeit folgt nun zwangsläufig, dass man auf Reisen letztlich auch zu sich selbst finden kann.
Zum Glück will Roger Willemsen in seinem neuen Buch "Die Enden der Welt" nicht (nur) auf diese magere Erkenntnis hinaus, sondern setzt sich dem Reisen an sich aus, um eine viel interessantere Beobachtung zu machen; die Orte, die in manchen Fällen Ziel seiner Reise waren, in manchen Fällen eben auch nicht, verändern den Reisenden selbst, während er in ihnen verweilt - sich auf ihre ganz eigenen Riten und Gebräuche einlässt, die Eigentümlichkeiten und Unterschiede zu seiner eigenen Lebenswelt kennenlernt.
Diese Orte und Momente sind die von Willemsen so genannten "Enden der Welt", an denen ein wahrer Umbruch zu Tage tritt zwischen persönlichen und erlebten Ansichten und Einstellungen.

Sei es am Totenbett eines abgekämpften Mannes in Minsk oder in einer asiatischen Opiumhöhle, Willemsen versteht es, dem Leser die Konfrontation mit der eigenen Innenwelt aufzuzeigen, und genauso gelingt es ihm zeitgleich diese Orte, von denen man vermutlich die wenigsten überhaupt kennt, vor dem inneren Auge aufleben zu lassen. Dies hilft vor allem immer dann, wenn Willemsen in intellektuelle Manierlichkeit verfällt und sein Lästern über Massentourismus durch höfliches Überlesen leider nicht mehr möglich ist. Ein bißchen mehr Sachbuch hätte an manchen Stellen sicher gut getan, auch wenn man die lebendigen Erfahrungsberichte keinesfalls als Äquivalent zum Reiseführer sehen sollte, sondern vielmehr als eine unwiederholbare, nicht übertragbare Auseinandersetzung mit der Wirkung eines Ortes auf einen Besucher.

"Die Enden der Welt" ist also nicht weniger als ein Weckruf an alle, sich in Bewegung zu setzen, und ebenso ist es eine Einladung an alle sich bereits in Bewegung Befindlichen, ihr ganz persönliches Weltende zu finden.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 9, 2011 7:28 AM CET


Axolotl Roadkill
Axolotl Roadkill
von Helene Hegemann
  Taschenbuch

23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Axolotl Roadkill: Empörung - ein Rückblick, 18. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Axolotl Roadkill (Taschenbuch)
Thilo Sarrazin schafft Deutschland ab, Charlotte Roche sinniert über Vaginalsekret und Günther Grass entpuppt sich als lügender Moralapostel. Mittlerweile kann man das Feuilleton nur noch beherrschen, wenn man sich am guten Ton verkriminalisiert.

Auf welche Weise hat sich Helene Hegemann strafbar gemacht? Nachweislich hat sie aus anderen Werken geplündert, sich am "All-you-can-eat"-Buffet der Künste ausgetobt. Die Tatsache, dass sie ganze Passagen von anderen Autoren ohne formgerechte Zitierung in ihr eigenes Werk hat einfliessen lassen, brachte nicht nur wutschäumende Deutschlehrer auf die Barrikaden - scheinbar war "Axolotl Roadkill" der Tropfen auf den heißen Stein. Die leidige Diskussion um das Urheberrecht in Zeiten der "Gratiskultur" des Internets wurde auf den Zenit getrieben.

Wahrscheinlich war Helene Hegemann mit ihrem Erstling einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Sollte man eine junge Autorin bei ihren ersten Gehversuchen derart rügen? Vielleicht nur dafür, dass sie ungeschickt genug war, sich bei ihrem Raubzug erwischen zu lassen. Schließlich bekundet sie selbst zu recht, "ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde..."(S.15) und wo wir doch gerade in der Popkultur sind, passt dazu vielleicht auch das Geständnis von Quentin Tarantino, der mit der Frage nach dem Ursprung seiner Inspiration konfrontiert, antwortete, er würde einfach aus jedem ihm bekannten Film stehlen. Wie auch immer...

Nach einem guten halben Jahr ist der Zorn verpufft, in der Urheberrechtssache hat sich eigentlich auch nichts getan, eine Zeit wie gemacht, um "Axolotl Roadkill" unvoreingenommen zu lesen.
Habe ich gemacht und muss sagen, das Urteil fällt doch sehr bescheiden aus.
Ich hatte gehofft, keinen Verriss schreiben zu müssen, der 18-jährigen Hegemann unglücklich überschattetes Potenzial zuschreiben zu können, doch kann es nicht.
"Axolotl Roadkill" ist aufgrund seines mit Klischeekitsch überladenen Inhalts (Sex, Drogen, Sex auf Droge) und seines Straßenbahnjargons ein hoffnungslos jugenddiffamierendes Buch. Ein surrealer Graffitialbtraum. Gekünstelt wird hier versucht, mit Provokation Konvention zu sprengen, doch übrig bleibt nur nervige Schwarzmalerei. Was habe ich eigentlich erwartet?

Wer unbedingt Popliteratur lesen möchte, sollte lieber auf David Foster Wallace zurückgreifen, der verfügte wenigstens über einen ideenreiche, witzigen Sprachstil.
Währenddessen suche ich mir eine andere Generation.


Rabenliebe: Eine Erschütterung
Rabenliebe: Eine Erschütterung
von Peter Wawerzinek
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

33 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mit der Axt im Gepäck, 16. September 2010
Die Gedanken aller mehr oder minder großen Literaten drehen sich meist bis hin zur Selbstaufgabe unablässlich um ein bestimmtes Thema; Philip Roth und Sex im Alter, José Saramago und die Gedankenexperimente, Hennig Mankell und Afrika, Franz Kafka und der Vaterkomplex und jetzt kommt Peter Wawerzinek mit der Mutterproblematik.
Im Alter von vier Jahren von der republikflüchtigen Mutter im Osten zurückgelassen, beginnt für das schüchterne Kind eine Odysee der Kinderheime, der Abschiebung, der Zurückweisung. Rein in die Adoptionsfamilie, raus aus der Adoptionsfamilie. Erst viele Jahre später, Wawerzinek ist bereits anerkannter Schriftsteller, entschließt er sich für die Konfrontation mit der herzlosen, kalten Rabenmutter.

"Rabenliebe" ist "eine Erschütterung" der Substanz, ohne Frage. Wawerzinek lässt uns ganz nah an sein Innenleben heran, wir ergreifen Partei für ihn, wie könnte es, selbst objektiv betrachtet, auch anders sein? Schließlich wissen wir alle um die Notwendigkeit elterlicher Fürsorge und Zuwendung besonders in den ersten Lebensjahren.

Es erscheint vielleicht anstössig, ein solches Werk zu kritisieren, verstösst es doch gegen die einvernehmliche Etikette der Empathie: und doch kann ich es nicht schonen aufgrund seiner, wie ich finde, handwerklichen Mängel.
Manchesmal findet Wawerzinek nüchterne Selbsterkundungen wie "Ich weine, weil ich mich mein Leben lang mit einer Erfindung abgegeben und unterhalten habe, von der ich wusste, dass sie ein Ersatz war für die Mutter, der einer richtigen Mutter nicht standhalten kann."(S.317), dann finden sich wieder Passagen wie "Im Grunde lebe ich Harakiri. Das Fehlen der Mutter schneidet mir den Bauch auf."(S.361). Das große Martyrium begleitet von Worten, die wie eine Axt geschwungen werden. Die rabiate Dampfwalzentechnik erscheint mir wie eine masochistische Marterung an einem Selbst, das sich eventuell gerne am eigenen Leid weidet, letztlich vielleicht Linderung erfährt. Das sporadische Einfädeln von Berichten über häusliche Verwahrlosung von Kindern in den Fließtext erscheint mir deplaziert, zeigt es doch mit Grassschem Fingerzeig auf das vermeintlich weit hinter seinen Möglichkeiten operierende Deutschland und den faulen Behördenstaat, kühl unterschlagend, dass es sich bei diesen vereinzelten Begebenheiten doch eher um asoziale psychische Störungen handelt.
Irgendwie auch wieder feuilletongefällig. Peter Wawerzinek gegen die ganze Welt.

Wo der Autor mich ganz nah an seine Verzweiflung und die Wut in seinem Bauch heranlässt, weist er mich zeitgleich ganz weit von sich. Würde er sich etwas distanzierter verhalten, würde er sich und dem Leser so manche Peinlichkeit ersparen. Zuweilen möchte man glauben, diese oder jene Passage sei nur erfunden, Realität und Einbildung seien verschwommen, wie zum Beispiel die Anreise ins Kinderheim mit Limousine (wird im Text auch als Wunschtraum dargestellt).
Dadurch verliert "Rabenliebe" leider etwas an Glaubwürdigkeit, der Leser bleibt im Ungewissen. Schade.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 18, 2010 12:22 PM MEST


Kokoschkins Reise
Kokoschkins Reise
von Hans Joachim Schädlich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gehetztes Jahrhundert, 8. September 2010
Rezension bezieht sich auf: Kokoschkins Reise (Gebundene Ausgabe)
Über manchen Romanen liegt ein gewisser Zauber, den man nicht mit einer Verdichtung von außergewöhnlichen Ideen oder einem überaus intensiv betrachteten Thema durch den Autor begründen kann. Aber der Leser weiß schon lange, dass ein gutes Buch nicht zwangsläufig mit einem inhaltsreichen Spannungsbogen auskommen muss. Obwohl man ebendas eigentlich bei "Kokoschkins Reise" erwarten müsste, schließlich berichtet Schädlichs Protagonist Kokoschkin über das an Greueltaten und falschen Hoffnungen nicht geizende Zwanzigste Jahrhundert. Es gibt also viel zu erzählen.
Räte in Russland, das Ende der Weimarer Republik sowie maligne nationalsozialistische Entwicklungen und Prager Frühling 1968 sind alle Stationen von Kokoschkins Leben, der wie zufällig von einer politischen Begebenheit in die andere purzelt, vom Regen in die Traufe.

Es ist der Verdienst von Hans-Joachim Schädlich, dass wir den Exilrussen Kokoschkin aber nicht, wie infolge der Umstände zu erwarten wäre, als einen gehetzten Flüchtling wahrnehmen. Wo die Historie eine ungeahnte Eigendynamik entwickelt hat, wird der Roman gegensätzlich unaufdringlich, leise.
Es wird keine Spannung aufgebaut, wir wissen, dass der sympathische Kokoschkin durch Glück im Unglück und durch Unterstützung seiner Gönner überlebt und mit der Queen Mary 2 nach Europa fährt, um die Stationen seines Lebens und die Erinnerungen, die diese Orte bereithalten, noch einmal wachzurufen. Immer wieder wird der Vergangenheitsbezug durch die Speiseszenen an Bord des Luxusdampfers durchbrochen, seitenlang wird über Etikette diskutiert, nur um zusätzlich Geschwindigkeit herauszunehmen. Je ruhiger, desto besser. Und das Erfolgsrezept geht auf.

Womit wir wieder bei dem Zauber wären; es ist der unaufgeregte, karge Sprach- und Schreibstil Schädlichs, der den Heimatentrissenen, den Heimatsuchenden entgegen aller unter Umständen angebrachten Dramatik wie jemanden aussehen lässt, der versucht, ein gewöhnliches Leben zu führen in einer ganz und gar ungewöhnlichen Zeit.


Einladung an die Waghalsigen: Roman
Einladung an die Waghalsigen: Roman
von Dorothee Elmiger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ruhrpott-Reminiszenz, 21. August 2010
Im Jahre 1952 war der prosperierende Energiestandort des Ruhrgebiets aufzugeben und dem Verfall angediehen. Andere Energiequellen waren effizienter als der Kohleabbau - seitdem gilt das Ruhrgebiet dem Ruf nach als Falle, aus der man lieber rechtzeitig verschwinden sollte.

"Einladung an die Waghalsigen" spielt zwar nicht dort, aber das Problem ist dasselbe. Die Jugend - die Schwestern Fritzi und Margarete - wollen auch weg aus dem immer glühenden Kohlestollen, um den Fluss Buenaventura zu finden.
Dabei suchen sie gleichzeitig auch noch ihre Herkunft, denn die Mutter ist schon lange Zeit auf Wanderschaft und ward nimmer wieder gesehen.

Klingt eigentlich klassisch: Herkunft -- Suche -- Zukunft, alles noch durch die Flusssymbolik ergänzt.
Und doch funktioniert alles ganz anders: "Einladung an die Waghalsigen" ist kein Roman mit schillernden Figuren, die Charaktere sind flach gezeichnet, einsilbige, routinierte Dialoge sind vorherrschend. Der "Roman" hat Berichtsform und ist somit kein Stück Popliteratur. In gewisser Weise ist das Lesen des Buches also auch "eine Einladung an die Waghalsigen" und damit auf Gedeih und Verderb der Vormundschaft von Lesern und Kritikern ausgeliefert. Mir hat das Experiment gefallen, dennoch habe ich ein paar Anmerkungen:

Beachtet man das Alter der Autorin Dorothee Elmiger und die Tatsache, dass "frei" aus anderen Werken zitiert wurde, drängt sich eigentlich der Vergleich mit Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") auf, die durch ihren "Raubbau" in den Feuilletons bekannt geworden ist. Gott sei Dank hat das noch keiner getan, denn Elmigers Entnahmen sind niemals Selbstzweck, sondern verdeutlichen vielmehr das Wissensfundament der Geschwister Stein, auf dem ihre Suche basiert.
Wo die eine Autorin Popliteratur betreibt, wagt die andere ein Experiment - und dennoch lässt "Einladung an die Waghalsigen" einige Elemente vermissen - das symbolisch Fragmentarische wird schamlos ausgereizt und so trifft man auf zahllose Seiten, die mit lediglich zwei Sätzen abgehakt werden. Dieser Umstand und die etwas blutarme Ausgestaltung der Schwestern schmälern das Lesevergnügen etwas, auf dass das ohnehin knapp geratene Buch in bestenfalls zwei Stunden durchgelesen ist.

Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei um das Debüt eines jungen Talents handelt, dass zwar nicht ganz ausgereift ist, aber dennoch im Auge behalten werden sollte.


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