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Rezensionen verfasst von
Michael Kling

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Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren: Ein Lesebuch
Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren: Ein Lesebuch
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die "Einstiegsdroge" für künftige Rorwolfianer, 28. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das von Brigitte Kronauer herausgegebene "Lesebuch" bietet den idealen Einstieg, um den Prosaautor Ror Wolf kennenzulernen. Der Band enthält u.a. neben Auszügen aus den Romanen FORTSETZUNG DES BERICHTS (1964), PILZER UND PELZER (1967) und DIE GEFÄHRLICHKEIT DER GROSSEN EBENE (1976) auch die beeindruckende frühe Kurzgeschichte ENTDECKUNG HINTER DEM HAUS (1957). Außerdem hat Frau Kronauer dankenswerterweise den für das Verständnis von Ror Wolfs Prosakunst unverzichtbaren kurzen theoretischen Text MEINE VORAUSSETZUNGEN (1966) aufgenommen. Neben weiteren Kurz- und Kürzesttexten sind verschiedene Stichwörter aus Raoul Tranchirers (= Ror Wolf) "Ratschlägern" eingestreut. Es fehlen natürlich die in den jeweiligen Originalbänden enthaltenen surrealistischen Collagen - was den Leser dazu animieren sollte, sich sogleich auch den GROSSEN RATSCHLÄGER (1999) zu besorgen, wo eben diese enthalten sind. Einmal wie der Fisch am Haken des Autors Wolf hängend, wird der der Leser ohnehin alsbald das Bedürfnis verspüren, statt "schnöder" Auszüge aus dem Werk von Ror Wolf die vollständigen Texte zu besitzen, womit dieser Band dann seine "Schuldigkeit" getan hätte. Im Ernst: Solch einen Band hätte ich mir vor rund 20 Jahren, als ich mich für das Werk von Ror Wolf zu interessieren begann, gewünscht. Denn damals stand ich vor der Frage, welches Buch dieses Autors soll ich denn 'mal lesen, um mir einen Eindruck zu verschaffen? Keine leicht zu beantwortende Frage, heute würde ich antworten: am besten, man liest sie alle - aber anfangen kann man mit diesem schön gemachten und äußert preisgünstigen "Lesebuch", das auch und gerade für den studentischen Geldbeutel bezahlbar ist. Man freue sich auf perfekte Prosa, zeitlose Kunst.


Im Zustand vergrößerter Ruhe: Die Gedichte. Ror Wolf Werke.
Im Zustand vergrößerter Ruhe: Die Gedichte. Ror Wolf Werke.
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mehr als bloß ein "Fußballdichter", 11. Juni 2013
Es ist schon wahr: eine große Leistung von Ror Wolf besteht darin, den Fußball aus der "Gosse" in den Dichterolymp emporgehoben zu haben. Davon zeugen die unübertroffenen "Rammer & Brecher Sonette" aus den Jahren 1971/72, und natürlich die berühmten Fußballhörspiele (Cordoba!). Mehr dazu kann man übrigens in dem wunderbaren Nachwort von Friedmar Apel erfahren.

Aber Ror Wolf ist viel mehr als bloß der "Fußballdichter" - ja, das Prädikat "Fußballdichter" mutet bezogen auf ein in mehr als 50 Jahren geschaffenes lyrisches Gesamtwerk geradezu lächerlich banal an; es wird seiner literarischen Produktion in keiner Weise gerecht. Kenner von Ror Wolfs Lyrik schätzen vermutlich die fußballfreie Moritatensammlung "Hans Waldmanns Abenteuer" (1965 bis 2006) genauso hoch ein. Mir selbst gefällt in dem mehr als 450 Seiten starken Band das Gedicht "wetterverhältnisse" aus dem Jahr 1984 am besten. Es lautet:

es schneit, dann fällt der regen nieder,
dann schneit es, regnet es und schneit,
dann regnet es die ganze Zeit,
es regnet und dann schneit es wieder.

Klingt ganz einfach. Ist aber ganz schwer zu machen.

Von Ror Wolf selbst gelesen findet man dieses sowie zehn weitere sehr schöne Gedichte dieses Autors zum kostenlosen Anhören auf [...] - den "Ror Wolf Sound" im Original zu hören ist einfach klasse (vielen Dank an Christian Maintz!). Da der Autor nicht mehr öffentlich liest, haben wir hier eine echte Pretiose vor uns.

Das Buch - Band 1 der Ror Wolf Werkausgabe im Schöffling Verlag - ist übrigens auf augenfreundlichem Werkdruckpapier gedruckt und schön in rotes Leinen gebunden. Zudem wurde es in einen Transportschuber aus Pappe gesteckt. Also auch optisch eine "runde Sache". Womit wir wieder beim Fußball wären, also gut, wenn's denn unbedingt sein muss :-):

Rammer & Brecher Sonett 2 (1971/72)

Morast und Schlamm und Sturm jawohl und Regen.
Der Regen fällt herab, als es beginnt.
Das Gras ist naß. Im Kessel braust der Wind.
Die Schirme gehen auf. Die Schauer fegen.

Es knarrt am Dach. Das Regenwasser rinnt.
Der Nebel schwebt. Man sieht sich was bewegen.
Es kommt jemand und jemand geht entgegen
Und jemand patscht vorbei und stochert blind.

Und stampft und dampft und hat ihn nicht erreicht.
Das Feld ist leer. Der Weg zum Tor verstopft.
Die Pfütze spritzt und jemand ganz durchweicht

Und jemand triefend dort und jemand tropft.
In dieser Suppe sieht man nun vielleicht,
Wie matt das Leder an den Pfosten klopft.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 16, 2013 9:41 AM MEST


Die Gefährlichkeit der großen Ebene, Prosa 3
Die Gefährlichkeit der großen Ebene, Prosa 3
von Kai U. Jürgens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kleiner Rundflug ..., 7. Mai 2013
... heißt ein bereits in den Jahren 1956/57 entstandener Kurztext dieses Bandes, der mich besonders fasziniert hat. Darin beschreibt der Ich-Erzähler einen Flug mit seinem Sessel durch das heimische Wohnzimmer, mit lediglich der bangen Ehefrau als Zuschauerin, und die die glückliche Landung von Flieger und Flugobjekt. Der nur knapp über eine Seite umfassende Text zeigt - neben der heute schon legendären, aus der gleichen Zeit stammenden längeren Erzählung "Entdeckung hinter dem Haus" - das ungeheure Talent, welches bereits der junge DISKUS-Redakteur Ror Wolf besaß.

"Kleiner Rundflug", so könnte auch der Titel dieses dritten Prosabandes innerhalb der RWW lauten. Denn dieser enthält nicht nur den titelgebenden "Reise-Roman" von 1975/76, sondern die Geschichten "Danke schön. Nichts zu danken" (1956 - 1969) und die wichtige Kürzestgeschichtensammlung "Mehrere Männer" (1987). Damit sind die frühere und die mittlere Schaffensphase des Autors abgedeckt.

Leider wird weder der genaue Inhalt dieses Bandes noch der Umstand, dass es sich jeweils um erweiterte Fassungen mit zahlreichen unveröffentlichten Texten handelt, auf dem Titelblatt deutlich (z.B. umfasst "Mehrere Männer" statt 82 "ziemlich kurze Geschichten" wie noch in der Erstausgabe von 1987 hier sage und schreibe 101 Geschichten). Das heißt, wegen der umfassenden Beigaben (zu nennen wäre noch: "Auf und davon. Eine längere Reise" von 1977, sowie der Anhang mit drei Texten, in denen sich Wolf selbst zu seinem Werk äußert) lohnt sich der Kauf von RWW Prosa III selbst für diejenigen Leser, die die alte Leinenausgabe der Werkausgabe der Frankfurter Verlagsanstalt besitzen. Ein weiterer Vorteil gegenüber der früheren Ausgabe besteht in dem umfangreichen und informativen Nachwort des kundigen Herausgebers Kai U. Jürgens.

Wer das Werk von Ror Wolf nicht kennt, wird mit meinen obigen Hinweisen wenig anfangen können. Daher soll der Autor hier abschließend selbst zu Wort kommen, und zwar mit der ersten Geschichte der Sammlung "Mehrere Männer":

"Ein Mann nahm ein Lama, schnitt ihm ein Loch in den Hals und entfernte durch dieses Loch alles, was sich im Innern des Lamas befand, also nicht bloß die Eingeweide, sondern auch das Fleisch und die Knochen, so daß am Ende nichts übrigblieb als das ausgehöhlte Fell. Hie und da, wenn gerade kein Lama zur Hand war, mußte etwas anderes seine Stelle vertreten."

Nun ja, was sein muss, muss sein :-).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 7, 2013 11:41 PM MEST


Fortsetzung des Berichts, Prosa 1
Fortsetzung des Berichts, Prosa 1
von Kai U. Jürgens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Progressive Literatur für fortgeschrittene Wolfianer, 1. Mai 2013
Am 10. August 1965 schreibt der Verleger Siegfried Unseld dem jungen Peter Handke zu dessen HORNISSEN-Manuskript: "Sehr geehrter Herr Handke, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen. Ich glaube, daß sich Ihre Arbeit neben denen von Peter Weiss und Ror Wolf gut ausnehmen und die Perspektiven dieser Autoren weiterführen wird."

Was heute, angesichts der späteren Entwicklungen in der Literatur von Handke und Weiss vielleicht seltsam anmutet, war seinerzeit eine schlüssige Aussage: Peter Weiss hatte mit DER SCHATTEN DES KÖRPERS DES KUTSCHERS (1960) in der Reihe der Tausendbücher des Suhrkamp Verlags ein überaus originelles, absolut modernes und richtungsweisendes Buch vorgelegt, und eben dies lässt sich mit Fug und Recht auch von Ror Wolfs erstem "Roman", der 1964 in einer Erstauflage von 3000 Exemplaren bei eben jenem Verlag erschien, behaupten. Es ist ein großes Verdienst von Siegfried Unseld, der selbst einen eher "konservativen" Literaturgeschmack gehabt haben dürfte (Hesse usw.), dass er den wirklich modernen und richtungsweisenden Autoren der deutschen Literatur der 1960er Jahre eine Publikationsmöglichkeit verschafft hat. Ohne ihn wären wir vielleicht nie in den Genuss der progressiven Literatur jener Zeit gekommen; jedenfalls dürfen wir ihm für die Aufnahme von FORTSETZUNG DES BERICHTS von Ror Wolf posthum dankbar sein.

Das Buch beginnt mit einem "Paukenschlag", nämlich mit einem Satz, der scheinbar an das Ende des Werkes gehört: "Nun, nachdem ich alles beschrieben habe, diese zurückliegende Zeit, diesen Weg, mit den Bewegungen und Erscheinungen, den Bildern und Geräuschen, diese Landschaften, mit den Knollen, Kuppeln und Buckeln, den Rinnen Wannen und Gruben, nähere ich mich dem Ende des Berichts." Die "klassische" Erzählform wird also im ersten Satz des Buches über Bord geworfen. Der nachfolgende Text folgt denn auch keinem mir bekannten Erzählschema. Ein offenbar erinnerungsschwacher Erzähler, in ständiger Begleitung eines gewissen (imaginierten) Herrn Wobser, versucht "die immer gleichbleibenden Vorgänge wie unter dem Schleier einer verunsicherten Wahrnehmung darzustellen, indem er in die Satzkaskaden Einschiebsel wie >>ich glaube<<, >ich weiß nicht<<, >>es ist so etwas wie<< bringt." (Marianne Kesting, in: Die Welt eine Wohnküche, DIE ZEIT vom 5. März 1965). Zwei nebeneinander herlaufende Handlungsstränge, ein Spaziergang und ein ziemlich animalisch verlaufendes Essen, werden auf so eigentümliche Weise miteinander verwoben, dass die zeitgenössischen Rezensenten einerseits bewundernd ("verblüffendes Können", Kesting), andererseits ziemlich ratlos ("Handelt es sich hier um eine wiederaufgenommene Suche nach der verlorenen Zeit, oder will der Autor seinen Text lediglich aus einem sprachweltlichen Kontinuum herausheben?", Gerhard Schmidt-Henkel, Ror Wolf: Fortsetzung des Berichts, Deutschlandfunk, 30. Mai 1965) reagierten. Das dürfte dem unbefangenen Leser des Jahres 2013 kaum anders ergehen. Man kann sich auf die Suche nach den Vorbildern machen. Kafka? Beckett?? Weiss??? Doch das führt nicht alles sehr weit. Ror Wolf ist eben Ror Wolf. Punkt, aus.

Wer im Einzelnen wissen möchte, worum es in dem Buch geht und welche Charakteristika besonders hervorstechen, der sei auf die sehr lesenswerte Dissertation von Kai Jürgens mit dem Titel ZWISCHEN SUPPE UND MUND (2000), sowie auf die zeitgenössischen Rezensionen (siehe dazu den Band ANFANG & VORLÄUFIGES ENDE, Frankfurter Verlagsanstalt 1992) verwiesen.

Ich wage die natürlich stark verkürzende und vereinfachende These, dass weniger die geschilderten Geschehensabläufe, als die Sprache selbst bzw. das, was der Autor "mit Sprache machen kann", den eigentlichen Vorzug des Buches ausmachen. Daher soll der sprachgewaltige Autor selbst zu Wort kommen:

"Ich sah seine Faust und sah zur gleichen Zeit das Pferd stark aus den Nüstern blu-tend immer noch unter Peitschenhieben in den mürben Ackerboden einsinken." (S. 65 der Erstausgabe von 1964)

"Man solle die Küche im Dorf lassen, laß doch die Küche im Dorf, sage ich, sagt sie nun, aber nimmt sein, hören Sie, Aufspringmesser, Ruhe wolle er seine Ruhe haben, Messer, denken Sie, Messer." (a.a.O., S. 92)

"Was ich höre, in diesem Zimmer, an diesem Tisch, ist das Dröhnen der Bestecke auf den Tellern und in den Schüsseln, das Rumpeln der Klöße, das Krachen der Bissen zwischen den Zähnen, das Platzen der Bohnen, das Bersten der Rüben, das Rauschen des Bieres die Kehle hinunter, das Donnern der Kartoffeln, das Klatschen der Nachspeise." (a.a.O., S. 228)

"Ich sehe weißfleckige Albinos mit rotleuchtenden wimpernlosen brauenlosen Augen, höckrige Zwerge auf den Schößen fleischiger lächelnder Damen ..." (a.a.O., S. 241)

Wer das alles für "bloß witzig" oder gar für "Mist" hält, dem sei versichert, dass es nicht "bloß witzig" und erst recht kein "Mist" ist, was der Jungautor Wolf seinerzeit zu Papier brachte. Bereits der Name Wobser verweist uns auf Immanuel Kant und den Förster gleichen Namens, der ihn gelegentlich beherbergte. Das Buch ist von A bis Z doppelbödig und in hohem Maße der Interpretation zugänglich. Allein der Umstand, dass eine familiäre Zusammenkunft zum Essen wie ein brutales Schlachtfest und nicht wie eine Idylle beschrieben wird, ist Ausdruck des den radikalen Neuansatzes, den Anfang der 1960er Jahre eine Reihe von Autoren versucht hat. FORTSETZUNG DES BERICHTS ist ein überaus gelungenes Beispiel dafür. Allerdings wage ich nicht zu hoffen, dass in Zeiten der Verbiedermeierisierung der deutschen Literatur (Familienromane, kitschige Liebesgeschichten, usw.) ein Buch wie dieses massenweise Zuspruch finden wird. Möglicherweise bei den Fans der aktuell so beliebten Vampirromane? Man weiß es nicht (Vorsicht, Ironie!). Im Grunde ist FORTSETZUNG DES BERICHTS auch heute noch "zu modern", zu "radikal". Jedenfalls ist es in keiner Weise angestaubt, was wegen der fast 50 Jahre, die es auf dem Buckel hat, eigentlich doch zu erwarten und gewiss auch verzeihlich wäre.

Die Neuausgabe im Rahmen der RWW (Ror Wolf Werke) des Schöffling Verlags ist eine besonders gute Möglichkeit, sich mit diesem anspruchsvollen Werk auseinan-derzusetzen. Ein kundiges Nachwort des versierten Herausgebers sowie einige Textbeigaben (Vorstufen usw.) "trüffeln" dieses schöne, in Leinen gebundene Buch. Ich kann es nachdrücklich empfehlen, meine aber, dass für Einsteiger in die literarische Welt des Ror Wolf die Prosabände mit den kürzeren Texten (z.B. ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER, 2007) geeigneter sind. FORTSETZUNG DES BERICHTS ist dann doch eher etwas für Fortgeschrittene ...


Pilzer und Pelzer. Ror Wolf Werke.
Pilzer und Pelzer. Ror Wolf Werke.
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein radikales Buch, 27. April 2013
Ror Wolfs zweites Buch, von diesem ebenso treffend wie schelmisch als "eine Abenteuerserie" und nicht als "Roman" betitelt, erschien zuerst 1967 in der edition suhrkamp. Diese Taschenbuchreihe des Suhrkamp Verlags vereinte seinerzeit alles, was Rang und Name hatte in der modernen Nachkriegsliteratur, und zwar weit überwiegend in Erstausgaben. Der geringe Ladenpreis machte eine rasche Verbreitung, z.B. unter Studenten, möglich. Die Reihe wurde aber auch ausführlich von den namhaften Kritikern der großen Tageszeitungen rezensiert. "Pilzer und Pelzer" machte da keine Ausnahme, wie die Zusammenstellung der Buchbesprechungen in dem Band "Anfang & vorläufiges Ende / 91 Ansichten über den Schriftsteller Ror Wolf" (Frankfurter Verlagsanstalt 1992, S. 93 ff.) deutlich macht.

Die meines Erachtens beste Besprechung stammt (wie schon zu Ror Wolfs Erstling "Fortsetzung des Berichts, 1964) von Marianne Kesting (in: DIE ZEIT vom 26. April 1968); dieser Text mit dem Titel "Gemütlichkeit und Katastrophen" ist übrigens auch online über das Zeit Archiv kostenfrei abrufbar. Eingangs weist die Verfasserin auf das Prestige des französischen Nouveau Roman in Deutschland hin und legt damit die Latte beträchtlich hoch. Was folgt, ist eine rundweg zustimmende Kritik: "Ich gestehe, daß sein zweiter Roman mich genauso fasziniert hat." Die Fallhöhe beträgt also null. Marianne Kesting attestiert Ror Wolf, eine "wirkliche Begabung" zu sein, und sie äußert die Befürchtung, er werde es "innerhalb der deutschen Schriftstellerei nicht leicht" haben. Wie wahr! Aber warum ist das so? Wieso hat dieser Autor zwar "die hard"-Fans, aber trotz nahezu durchweg positiver Rezensionen in den führenden Blättern der Bundesrepublik seit Mitte der 1960er Jahre keine massenweise Gefolgschaft unter den Lesern gefunden? Könnte es vielleicht daran liegen, dass sich die Leser von dem altbackenen Konzept der linear erzählten Geschichte (Anfang - Hauptteil - Schluss) nicht so gern entfernen mögen? Für Freunde von "richtigen Geschichten" ist der Autor Ror Wolf freilich der falsche Mann und "Pilzer und Pelzer" das falsche Buch. Denn man kann seinen Inhalt nicht nur unmöglich vollständig und zutreffend nacherzählen (außer dass es hier um Pilzer, Pelzer und eine ominöse Witwe geht, muss man eigentlich auch nicht viel zum Inhalt sagen), sondern - oho - man kann als Leser das Buch irgendwo aufschlagen und mit dem Lesen beginnen, ohne etwas verpasst zu haben! WAS ERLAUBEN WOLF? Darf man das als Autor, die Realität nicht schildern, oder zumindest nicht in einer bieder-realsitischen, sondern in einer phantastisch-grotesken Weise? Ja, man darf das. Zumindest, wenn man Ror Wolf heißt, ein Sprachmeister ersten Ranges ist, und einen Text abliefert, der geradezu musikalisch anmutet.

Noch ein Wort zur Ausgabe von "Pilzer und Pelzer" innerhalb der Ror Wolf Werke. Die großformatigen, aber wegen ihres geringen Gewichts durchaus handlichen Bücher der RWW sind in rotes Feinleinen gebunden und stecken in einem grauen Transportschuber aus Karton. Jeder Band enthält zahlreiche Beigaben, d.h. unveröffentlichte Texte des Autors aus dem Marbacher Literaturarchiv, und last but not least sehr kundige Nachworte des jeweiligen Bandherausgebers. Erfreulich unakademisch verfasst, eignen sich diese Nachworte für jedermann als Vorablektüre und Einstig in das jeweilige Buch in hervorragender Weise. Wer auf den Text neugierig geworden ist, dem sei der Erwerb des RWW-Bandes nachdrücklich ans Herz gelegt. Mit "Pilzer und Pelzer" lässt sich eine erste literarische Abenteuerreise auf Wolf'schen Pfaden sehr gut bewältigen.


Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille
Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Oh. Young Art.", 25. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Kaum zu glauben, dass der Autor im Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches bereits 73 Jahre zählte - denn der darin gebotene sprühende Einfallsreichtum und funkelnde Sprachwitz (statt der in seiner Alterskohorte vorherrschenden biederen Altherrenprosa!) könnte durchaus auf einen wesentlich jüngeren Autor schließen lassen und würde diesem auch noch gut zu Gesicht stehen. Kostprobe gefällig? Bitte sehr! Aus dem Eintrag "Fischforschung", S. 27 f.:

"Lemm, einer der besten Kenner der Luft, hat sich neuerdings auch mit dem Wasser beschäftigt und mit den Bewohnern des Wassers, den Fischen. Es ist inzwischen bekannt, schreibt Lemm, daß bei den meisten Fischen die Gewohnheit vorherrscht, nur die obere Seite dem Licht zuzuwenden, während die andere Seite stets nach unten gerichtet ist, in die Tiefe. Die Lichtseite ist infolgedessen immer dunkler als die Schattenseite. In seinen AUFZEICHNUNGEN ÜBER DAS WASSER kommt Lemm auch auf den Lachs zu sprechen. Der Lachs ist spitz und beweglich, schreibt Lemm, er springt über hohe Felsen hinweg und wird durch scharfe Schüsse, durch Sägemühlen und rot angestrichene Häuser verscheucht. (...)"

Es hat in der jüngeren Vergangenheit seitens verschiedener Freunde, Verehrer und Adepten von Ror Wolf immer wieder Versuche gegeben, diesem anlässlich von runden und halbrunden Geburtstagen in dem ihm eigenen Ton Hommagen zuteil werden zu lassen. Wenn diese gut gemeinten und meistens auch gut gemachten Texte eines verdeutlichen, dann dies: nur Ror Wolf selbst beherrscht den Ror-Wolf-Sound wirklich. Die hohe Musikalität seiner Sprache, am Jazz geschult, lässt sich nicht beliebig von dritter Hand reproduzieren. Wer Bix Beiderbecke, John Coltrane oder Charlie Mingus hört und dann zufällig noch schreiben kann, ist eben immer noch nicht Ror Wolf, selbst dann nicht, wenn er das in Mainz auf dem Kupferberg tun würde. Das gleiche Phänomen lässt sich im Bereich der Lyrik bei den scheinbar so einfach gefügten Gedichte von Robert Gernhardt beobachten.

Im Falle Wolfs darf man ungeachtet der Absurdität des Geschilderten nicht dem Fehlschluss unterliegen, es handele sich dabei bloß um angenehm zu konsumierende Humorschriftstellerei. Tatsächlich ist Ror Wolfs Prosa von Anbeginn (1957) ziemlich doppelbödig gewesen. Er, Wolf, ist ein präziser Beobachter des Alltags, und der ist bekanntlich keineswegs frei von absurden Geschehnissen, eigenartigen Zufällen und slapstickhaften Begebenheiten. Ror Wolf hat die Fähigkeiten, alltägliche Geschehnisse zum einen sprachlich stark zu verdichten und zum anderen künstlerisch so aufzuladen, das etwas ganz Eigenartiges entsteht. Das Gleiche gilt für den "heiligen Ernst" positivistischer Wissenschaftler jeglicher Couleur, die stilprägend für alle TRANCHIRER-Bände sind. Es ist eine riesige Leistung des Autors, diesen Ton im wahren Sinne des Wortes von "A bis Z" durchgehalten zu haben.

Ror-Wolf-Interessenten, die bisher noch kein Buch dieses Autors gelesen haben, empfehle ich, mit der Kurz- und Kürzestprosa zu beginnen. Dazu zählen namentlich die Bücher MEHRERE MÄNNER (1987), das hier rezensierte Werk sowie ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER 2007.

Wer zu RAOUL TRACHIRERS BEMERKUNGEN ÜBERE DIE STILLE aus dem Jahr 2005 greift, wird mit einem Band belohnt, der auf schwerem Kunstdruckpapier gedruckt und mit zahlreichen (farbigen) surrealistischen Collagen des Autors geschmückt ist. Das Buch ist allerdings "nur" als schwarzer Pappband gebunden, während ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER in blauem Leinen daher kommt. Ich halte beide Werke für ein sagenhafte Bücher, die ich deswegen auch schon x-mal verschenkt habe.

Ach ja: "Der Famingo ist der Flamingo, nichts Anderes."


Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt
Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt
von Ror Wolf
  Broschiert
Preis: EUR 16,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hardcover versus Taschenbuch, 21. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Unbestreitbar ist die Hardcoverausgabe des TRANCHIRER gegenüber der Taschenbuchausgabe vorzugswürdig. Das gilt natürlich für viele anderen Bücher auch. Wer aber den maximalen Genuss erleben möchte, dem sei die Vorzugsausgabe dieses Bandes, in Leder gebunden, signiert und mit einer Originalcollage des Autors versehen (Auflage: 100 Exemplare) ans Herz gelegt. Der Ladenpreis von 250 Euro ist der Ausstattung des Buchs angemessen, das wohl nur in dieser Form ein vollendetes Gesamtkunstwerk darstellt. Dem Vernehmen nach hat der Verleger Klaus Schöffling als eingefleischter Ror-Wolf-Fan selbst das Layout übernommen. Dafür spricht die Perfektion, mit der die Bildcollagen in den Text eingefügt wurden. Für den Sammler kommt hinzu, dass das Buch am Ende und auf der Rückseite der Originalcollage jeweils eine Handsignatur des Autors aufweist. Da Ror Wolf so gut wie nie öffentlich auftritt, ist dies eine der seltenen Gelegenheiten, ein signiertes Werk von ihm zu ergattern. Wie dem auch sei: Hardcover, Taschenbuch oder Vorzugsausgabe - je nach Geldbeutel, Lust und Laune: es lohnt sich allemal. Allein die verschiedenen Vorworte, in denen sich der vorgebliche Verfasser Raoul Tranchirer u.a. gegen billige Nachahmer wehrt, sind zum Brüllen komisch und hätten für sich betrachtet schon den Nobelpreis verdient.

Den Angehörigen der Generation Copy & Paste sei von dem Erwerb des Werks indessen dringlich abgeraten, sofern damit die Absicht verfolgt wird, für den Gebrauch in der Schule oder an der Universität möglichst allumfassendste Wahrheiten auf engsten Raum vorzufinden. Dieses Werk ist gehört zur fiktionalen Literatur! Raoul Tranchirer gibt es nicht wirklich (echt nicht), genauso wenig wie den Osterhasen, den Weihnachtsmann und Horst Schlämmer. Der Autor heißt in Wahrheit Ror Wolf, ist quicklebendig - und wie sein neuester Roman beweist, nach wie vor voller Erfindungskraft. So be it.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 19, 2014 1:11 PM CET


Die Vorzüge der Dunkelheit: Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman
Die Vorzüge der Dunkelheit: Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen. Horrorroman
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein moderner Klassiker, 21. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie mein Vorredner Dr. Jürgens kann ich eine gewisse Enttäuschung darüber, dass manche Rezensenten das neueste Buch von Ror Wolf in Bausch und Bogen verwerfen, nicht verhehlen. Ich bekenne mich vor dieser Schar herzlich gern schuldig, eben diesen Autor besonders zu schätzen und die von ihm angeblich geschundene Sprache geradezu zu lieben.

Zuzugeben ist freilich, dass die erste, unbefangene Lektüre der Bücher dieses Autors den Leser ratlos mit der Frage zurücklassen kann: Was war das denn bitteschön? Was will der Autor eigentlich von mir, seinem Leser? Ist das Ernst oder Komik? Die beste Antwort darauf findet man wohl bei Ror Wolf selbst, in dem 1968 veröffentlichen Text "Meine Voraussetzungen", wiederveröffentlicht 1992 in dem Materialenband zur ersten Werkausgabe "Anfang & vorläufiges Ende" (Frankfurter Verlagsanstalt), S. 59 ff. Dort heißt es wörtlich (S. 65): "Keine raunenden Botschaften; keine Ideologien, denen man zunicken könnte; keine dampfenden Bedeutungen; keine abhebbaren Tendenzen; keine echten Anliegen; keine Bildungsbrocken für Leser, die ihre Lektüre allein danach absuchen; keine verbindlichen Aussagen; keine Ideen vom großen und ganzen; keine Charaktere, die nach psychologischen Richtlinien agieren; keine Moral; aber: Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Wortakrobatik; Spaß; Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen."

Diese kurze Passage ist insofern geradezu prophetisch, als dass der Autor im Alter von 69 Jahren eine lebensbedrohlche Krankheit durchleiden musste, und wie er im Interview mit Denis Scheck selbst geschildert hat, ist die "verdammte Realität des Sterbens" in das Buch unmittelbar eingegangen. Ror Wolf hat in allen seinen Büchern, vor allem in den längeren romanhaften Texten (siehe z.B. noch "Die 49. Ausschweifung" aus "Zwei oder drei Jahre später", 2007), sich nicht gescheut, Autobiographisches mit fiktionalen Geschehnissen zu verbinden, und sei das Geschilderte auch noch so grotesk. Der Leser wird das autobiographische Element oftmals gar nicht bemerken. Das ist auch nicht weiter schlimm. Man muss ja nicht alles gleich verstehen.

Ror Wolf ist jedenfalls seinem radikalen Programm von 1968 bis heute völlig kompromisslos treu geblieben. Seine sprachliche Meisterschaft wird von vielen Kollegen gerühmt und als nachahmenswert empfunden (u.a. von Gernhardt, Henscheid, Kronauer). Ich bin kein belletristischer Autor, sondern bloß leidenschaftlicher Leser. Gleichwohl kann ich das Schriftstellerlob voll und ganz nachvollziehen. Es gibt Wolf-Sätze, die einem ewig im Gedächtnis bleiben. Das kann kein Zufall sein, sondern muss mit wirklichem Können, mit Meisterschaft zu tun haben. Vor diesem Hintergrund schmerzt es mich zu lesen, dass das neue Buch des Altmeisters Wolf angeblich nichts tauge. Ich sehe die Sache natürlich völlig anders: Es handelt sich um ein großes Alterswerk, über dessen Entstehen sich jeder Leser, der Ror Wolf schätzt, über die Maßen freuen darf. Das gilt nicht bloß für die Texte an sich, sondern auch für die Bildcollagen, den Leineneinand und die Fadenheftung. Gegenüber früheren Werken, die wie "Fortsetzung des Berichts" (1964) und "Pilzer und Pelzer" (1967) den Status "moderner Klassiker" besitzen, fällt Ror Wolfs neuester und vielleicht letzter Roman meines Erachtens nicht ab. Auch den Vergleich mit "Nachrichten aus der bewohnten Welt" (1991) müssen die "Vorzüge der Dunkelheit" nicht fürchten. Vielleicht aber taugen die Sammelbände mit kürzeren Texten besser als "Einstiegsdroge" in das Werk von Ror Wolf als der neue Roman. Glücklicherweise ist genug einstiegstauglicher Lesestoff von diesem Autor verfügbar.


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