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Rezensionen verfasst von
GM

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Sommerlicht, und dann kommt die Nacht: Roman
Sommerlicht, und dann kommt die Nacht: Roman
von Jón Kalman Stefánsson
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen „Die Erde wird geschüttelt und wir halten uns am Küchentisch fest.“, 12. Februar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
In diesem kurzen Satz lässt sich Inhalt und Programm von Jón Kalman Stefassons neuem Roman zusammenfassen.
Dessen Handlung verknüpft die Erschütterungen durch die großen Menschheitsfragen mit den Alltagsgeschichten der Bewohner eines kleinen isländischen Dorfes, „in einem Land, das weitab von allem liegt, aber ganz nah an ewigem Winter und lastender Dunkelheit, in einem Land, das nicht bewohnbar wäre, wenn es nicht von diesem Meeresstrom umflossen würde.“ (S. 304)

Und wie Island vom Golfstrom umflossen und bewohnbar gemacht wird, so wird der Roman durch den liebevollen Blick des Erzählers auf die merkwürdigen Gestalten, die das Dorf bevölkern, erwärmt. Es sind meist ganz alltägliche Dinge, die sie beschäftigen, doch ihre Gedanken und Gefühle treiben sie nah an den „ewigen Winter und lastende Dunkelheit“, der Sog der Melancholie ist allgegenwärtig. Aber Empathie, ein feiner Humor und eine poetische Sprache sorgen dafür, dass die Dunkelheit nie die Oberhand gewinnt.

Nicht ein Ich-, sondern ein Wir-Erzähler ist es, der mit Naivität und Weisheit über die Mitbewohner und das Leben nachdenkt.
„Wir“, das ist wohl eine Gruppe von „normalen“ Dorfbewohnern, die von Klatsch und Tratsch leben und von seltenen Höhepunkten wie Tanzfesten und Filmvorführungen, die den langen dunklen Winter fürchtet und ihr Dorf trotzdem lieben. In manche Figuren blicken die „Wir-Erzähler“ tief hinein und kennen ihre intimsten Gedanken, andere, meist die Frauen, bleiben „uns“ rätselhaft.
„Wir“ ist sicherlich eine Gruppe von Männern, ihre Empfänglichkeit für weibliche Schönheit und erotischen Ausstrahlung ist manchmal schwärmerisch, manchmal naiv, aber niemals grob. Dass sie fähig sind zur Selbstironie macht auch die Erzählergruppe liebenswert.

Die Konzeption des Romans ist jedoch alles andere als naiv. Der Wechsel zwischen großer und kleiner Welt ist virtuos gestaltet, die Zivilisationskritik subtil und die Sprache ein ästhetischer Genuss. Hier ist offensichtlich auch ein hervorragender Übersetzer am Werk gewesen.

Wer actionreiche Unterhaltung sucht, wird den Roman nicht bis zum Ende lesen. Empfohlen sei er allen, die Nachdenklichkeit, leise Töne, poetische Sprache und die extremen Gegensätze zwischen dem Sommerlicht und der winterlichen Dunkelheit Islands zu schätzen wissen.


Silberregen
Silberregen
von Pawel Huelle
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Gegenwärtiges Erleben und erfundene Erinnerung – Sieben gelungen Danziger Erzählungen, 6. Dezember 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Silberregen (Gebundene Ausgabe)
Bei der Suche nach Literatur zur Einstimmung auf eine Reise nach Gdansk stieß ich auf Pawel Huelles Erzählband „Silberregen“.
Die sieben Erzählungen vermitteln tatsächlich ein lebendiges Bild vom Leben unterschiedlicher Menschen in einer polnischen Stadt, in der die Spuren des Krieges und einer deutschen Vorkriegsvergangenheit immer noch eine Rolle spielen. Dabei vermeidet der Autor Sentimentalitäten, Ressentiments und ideologische Statements.Stattdessen bedient er sich eines feinen Humors, der der Ernsthaftigkeit keinen Abbruch tut.
Doch die Erzählungen enthalten viel mehr als illustrierte Stadtgeschichte. Ihre Protagonisten sind alltägliche Originale, ein bisschen verrückt und bei allen Ecken und Kanten mit Empathie gezeichnet.
Sie haben viel erlebt, die Ältesten von ihnen den Zweiten Weltkrieg: die Deportation der Bewohner eines mennonitischen Dorfes oder die letzte zivile Straßenbahnfahrt vor der Zerstörung der Altstadt; die Jüngsten die Zeit der Solidarnosz, Streiks, Festnahmen und schließlich einen Empfang beim Präsidenten Lech Walesa…
In einigen Erzählungen zeigt der Erzähler deutliche Übereinstimmungen mit dem Autor, in anderen hält er sich im Hintergrund. In „Mimesis“, (m. E., die gelungenste Erzählung in dem Band) gibt der Erzähler sich erst ganz am Ende zu erkennen als einer, der aus den Berichten einer sehr alten Frau deren Vergangenheit zu rekonstruieren versucht.
Das Prinzip der Verknüpfung von gegenwärtigem Erleben und erfindender Erinnerung zieht sich durch den ganzen Band und ist eines der Mittel, das die Geschichten auch literarisch interessant macht.
Auch die Übersetzung scheint mir gelungen.
Insgesamt ein wenig spektakuläres aber sehr lesenswertes Buch.


Ach,die Erste Liebe...
Ach,die Erste Liebe...
Preis: EUR 19,98

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Erste Liebe - aber lieber ohne Pamela!, 14. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Ach,die Erste Liebe... (Audio CD)
Biermann singt mit 77 Jahren lebendig wie eh und je, seine Stimme ist beweglich und ausdrucksstark, das Gitarrenspiel differenziert - und sogar am Klavier ist er richtig gut.

Aber seine Frau? - Deren Gesang ist leider ziemlich quälend: Fast durchgehend singt sie unsauber, immer eine Spur zu tief.
Das Timbre ist hart und starr, nur wenige Gestaltungsmittel hat sie ihrem Partner abgeguckt und setzt sie stereotyp immer auf die gleiche Weise ein.
Entspanntes Zuhören ist da nur möglich, wenn Pamela pausiert. Bei jedem ihrer Einsätze zieht sich dem musikalischen Zuhörer alles zusammen.Im Live Konzert ist es übrigens noch schlimmer.

Die Liedauswahl ist vielseitig: nachdenklich, humorvoll, bitter und weise.

Ohne die Frauenstimme könnte man sich die Sammlung gut anhören.


Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Roman
Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Roman
von Joachim Meyerhoff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

11 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Zwischen Therapietext und Gruselkabinett, 10. November 2013
Das Beste an diesem Buch ist sein erstes Kapitel:
Ein kleiner Junge hat ein spektakuläres Erlebnis, das ihn ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Er wird von Neugierigen ausgefragt, erzählt in ständig neuen Varianten davon und entdeckt dabei seinen Spaß am Ausschmücken, seine Fantasie.
Schließlich erfindet er ein neues Detail und stellt erstaunt fest: „Das stimmt. Das stimmt ja wirklich.“
Der Junge hat sich etwas ausgedacht, das wahr ist, und erkennt in diesem Moment: „Erfinden heißt Erinnern.“

Damit ist der Inhalt des Buches umrissen:
Ein Erwachsener, der 46-jährige Schauspieler Joachim Meyerhoff, erinnert sich an seine Kindheit. Der Autor gibt sich ohne Umschweife als Erzähler zu erkennen, der jugendliche Protagonist trägt seinen Namen. Was sich Roman nennt, ist also eigentlich ein Stück Autobiografie, erfunden-erinnerte Lebensgeschichte des Autors.

Warum schreibt einer so etwas?
Darauf gibt der Autor-Erzähler im letzten Kapitel Auskunft, indem er sich fragt:
„Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann?“
Hier erschreibt sich ein Autor seine Zukunft, indem er die Vergangenheit bewältigt. Das ist nachvollziehbar. Viele Therapieformen beruhen auf demselben Prinzip. Da er ungekünstelt – kunstlos! – und streckenweise mit Humor formuliert, liest sich das Buch leicht.

Nach knapp einem Viertel beginne ich mich allerdings zu fragen: Was gehen mich die Alltagsanekdoten eines Unbekannten an?
Und warum macht KiWi daraus ein Buch?

Die zweite Frage ist leichter zu beantworten als die erste:
Meyerhoff ist in einem ungewöhnlichen Umfeld aufgewachsen. Er ist der Sohn des Leiters einer großen jugendpsychiatrischen Anstalt, (die übrigens noch in den 70er- und 80er Jahren auf eine Weise organisiert ist, die man heute als haarsträubend und menschenverachtend bezeichnen würde.)
Das Anstaltsgelände dient dem Autor als bizarre Kulisse für eine recht unspektakuläre Kindheit – und der Leser bekommt die Gelegenheit, einen voyeuristischen Blick auf eine Ansammlung von schrägen Geschöpfen zu werfen.
Früher gab es dafür Gruselkabinette auf Jahrmärkten, in denen Missgeburten zur Schau gestellt wurden. Heute gibt es dafür Szenen wie diesen „Weihnachtshöhepunkt… von dem ich nie genug kriegen konnte“:
Die Patienten „stürzten sich völlig entfesselt auf die Geschenke. Zerrissen die bunten Bänder (…) zerfetzten das Geschenkpapier mit den Zähnen. Puppenarme wurden ausgekugelt, Stofftieren der Bauch aufgerissen, (…) mit fassungslosem Schmerz der Trümmerhaufen beweint. (…) Überall wurde gefeiert und getrauert, sich geprügelt oder samt Geschenk gewälzt.“
„Das gefiel mir unglaublich gut“, lässt der Erzähler den Leser wissen, vielleicht hoffend, dass dieser sich seiner Begeisterung anschließt?

Ich vermute, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Zu offensichtlich sind die meisten dieser Monstrositäten erfunden – nicht erinnert! – womöglich in der Absicht, die Geschichte aufzupeppen.
(Während meiner Arbeit in einer vergleichbaren, allerdings moderneren Einrichtung habe ich viel Ungewöhnliches, aber nie so reißerischen Szenen erlebt, wie sie von Meyerhoff in aller Ausführlichkeit geschildert werden.)

Zu rechtfertigen wäre ein solches Vorgehen, wenn das Leben des Direktorensohns unmittelbar in Kontakt mit dem der Behinderten käme, von den Begegnungen mit ihnen nachhaltig geprägt würde. Das ist aber kaum der Fall, sieht man einmal von einem „Insassen“ ab, den der Junge als Reittier benutzt.
Stattdessen verhält sich das Kind wie ein Zoobesucher: „Da blieb ich oft stehen, hakte meine Finger in den Zaum und blickte über die mit Löwenzahn und Gänseblümchen bedeckte Wiese hinweg, in der auf bunten Decken die Patienten wie hingestreut lagen. Einige versuchten zu krabbeln, andere rekelten sich. Manche hatte sich die Unterhosen heruntergestrampelt und ich sah ihre Genitalien.“

Kinder sind nicht von Natur aus empathisch. Aber Leser? Für die ist Voyeurismus kein gutes Motiv.
Es gibt bessere Bücher über Behinderte und psychisch Kranke, es gibt auch bessere Bücher über Kindheiten in den 70er Jahren, über Väter und Söhne, über den tragischen Tod eines Bruders, wie er hier am Rande vorkommt.

Dem Autor ist zu wünschen, dass er sich mit diesem Text den Weg in eine offene Zukunft frei-schreiben konnte.
Lese-Publikum ist ihm dabei nicht zu wünschen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 6, 2013 5:59 PM CET


Nach Hause schwimmen: Roman
Nach Hause schwimmen: Roman
von Rolf Lappert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,50

2.0 von 5 Sternen Eine Überdosis Unglück, 3. November 2013
Es beginnt mit dem ersten Satz und endet nach 600 Seiten: Das Lebensunglück des Protagonisten Wilbur.

Seine Mutter stirbt bei der Geburt, der Vater verschwindet.
Vielleicht reicht dieser Start ins Leben schon aus, um Wilbur nicht Gutes mehr erwarten zu lassen?
Sicher, es gibt in seinem zwanzigjährigen Leben, das er im ersten Satz des Romas zu beenden versucht, noch mehr Schicksalsschläge – aber auch eine Menge günstiger Umstände:
Alle Menschen, denen Wilbur begegnet, lieben ihn auf Anhieb und sorgen in aufopfernder Weise für ihn. Außerdem ist er hochbegabt. Ob er nun Cello spielen lernt, ein Buch schreibt oder einen Bioladen führt – alles gelingt ihm auf Anhieb und ohne jede Widerstände. Zudem erbt er zwei Häuser samt Ländereien und ein (allerdings nicht rechtmäßig erworbenes) Vermögen, hat also nie echte Geldsorgen.
Menschen, die ihm schaden wollen, trifft er (abgesehen von ein paar ruppigen Mitschülern und einem schikanierenden Sportlehrer) nie.

Trotzdem: Das Glas ist immer halbleer, Wilbur lernt nie, sich an irgendetwas zu freuen oder für irgendetwas dankbar zu sein. Die Menschen, die ihm einen Weg aus dem Unglück weisen wollen, stößt er vor den Kopf ohne es zu wollen. Es ist ein sich endlos wiederholendes Trauerspiel.

Natürlich gibt es "im echten Leben" Menschen, deren Grundeinstellung ihrem Schicksal gegenüber der von Wilbur ähnlich ist.
Über sie einen Roman zu schreiben ist eine echte Herausforderung für den Autor:
Wie lässt sich Spannung erzeugen, wenn das Handlungsschema sich endlos wiederholt?
Wie lässt sich die Story erzählen, ohne dass der Leser in die Depression hineingezogen wird und das Buch irgendwann genervt zur Seite legt?

Rolf Lappert hat sich der Herausforderung gestellt. Und ist – meiner Meinung nach – gescheitert.
Er hat sich unzählige lose miteinander verbundene Episoden ausgedacht, die alle auf dasselbe hinauslaufen: Trostlosigkeit.
Er hat dutzende von Nebenfiguren erfunden und sehr ausführlich und langatmig eingeführt. Doch keine von ihnen schafft es sich zu eine echtem echten Gegenspieler für Wilbur zu entwickeln.
Selbst die Frau, in die er sich schließlich verliebt, bleibt eigentümlich farblos, taucht alle hundert Seiten einmal auf – um vollkommen unvermutet im drittletzten Satz des Romans glücklich an Wilburs Seite zu leben.

Wie es dazu kommt? Das wird nicht verraten.
Wie gesagt endet die Litanei des Unglücks auf Seite 600.
Es folgen ganze vier Seiten, auf denen plötzlich alles anders ist: Alle Menschen, die für Wilbur wichtig sind, leben friedlich auf seinen beiden Höfen in Irland, umgeben von gackernden Hühner, blökenden Schafen und wiehernden Pferden. Man spielt Cello, schreibt Briefe und schwimmt lächelnd im Meer.

Ehrlich gesagt: Wenn ich mich als Leser so ausführlich auf Unglück und Depression eines Romanhelden einlasse, dann interessiert mich vor allem, w i e er es schafft, sich als Erwachsener plötzlich davon zu befreien. D a s s er es schafft, ist schön für ihn, für mich als Leser aber nicht mehr als ein kleiner Trostpreis für 600 Seiten Quälerei.

Entschädigt mich wenigstens die Sprache? Ja, es gibt starke Bilder. Und nein: es gibt endlose ermüdende Aufzählungen.
Dazu viel Überflüssiges, außerdem sprachlich ("die Cellos") und teilweise sogar sachlich Falsches. Wenn es um Musik geht, kann ich das zufällig beurteilen. Wenn es um die Zustände in psychiatrischen Kliniken und Jugendstrafanstalten geht, kann ich das nur vermuten.

Warum ist der Roman zum Bestseller geworden?
Vielleicht liegt es am anrührenden Titel: „Nach Hause schwimmen“. Der löst in vielen Lesern etwas aus, Sehnsucht vielleicht oder Mitgefühl wie seinerzeit für E.T., der „nach Hause telefonieren“ wollte.
Doch dann löst er leider nicht ein, was er und das weiße Pferd auf dem Cover versprechen.
Schade.


Frau Paula Trousseau: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Frau Paula Trousseau: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Christoph Hein
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen In was für einem Land hat Christoph Hein eigentlich gelebt?, 24. September 2013
„Ich wünschte, ich wäre nur irgendein Mädchen gewesen, nicht hübsch, nicht begabt und vor allem ohne Träume“ zitiert der Einband einen Satz der Protagonistin.
Das klingt nach einer Erklärung für das Scheitern einer interessanten, leidenschaftlichen Frau. Doch diese Erklärung ist irreführend: Nicht an gutem Aussehen, Begabung oder Träumen scheitert die Malerin Paula Trousseau im Roman, sondern an ihrer Unfähigkeit, sich oder andere Menschen zu lieben.
Gleichzeitig scheitert der Roman an der Unfähigkeit des Autors, die Lieblosigkeit anders als in grellen Klischeebildern darzustellen: Paulas Vater ist ein autoritärer Bösewicht, die Mutter absolut hilflos und unfähig, der Bruder ein verwahrloster Invalide… Ihnen allen ist das kleine Mädchen ausgeliefert.

Muss das aber ein Leben lang so bleiben? Hat eine Frau mit einer genialen Begabung, einer großen Leidenschaft und hochfliegenden Träumen tatsächlich keine Chance, aus der Kälte und Lieblosigkeit auszubrechen? Diese Frau lässt alle Gelegenheiten dazu ungenutzt verstreichen.
Damit versagt der Autor seiner Protagonistin jede Möglichkeit sich zu entwickeln.

Das Ergebnis ist ein Roman, der über 500 Seiten statisch bleibt. Die einzige Bewegung, die den Leser ergreift, ist sein eigenes Schwanken zwischen Mitgefühl für- und Kopfschütteln über eine Frau, die alle Ansätze einer Entwicklung zur Liebe im Keim erstickt.

Dass man den Roman nicht nach den ersten 50 Seiten weglegt, liegt vielleicht an der Leichtigkeit der Erzählweise: Der Roman liest sich glatt und ohne Widerhaken, zwingt nie zum Innehalten und Nachdenken. „Verschlingen“ ist angesagt; sogar das Unglück konsumiert sich hier leicht.
Die Handlung spielt in einer unbeschwerten Gesellschaft, die nur wenig Ähnlichkeit mit der DDR der 60er bis 80er Jahre hat, in der sie angesiedelt ist:
Man wohnt in Villen mit Personal oder in Lofts mit Sauna, besitzt Konzertflügel und Ferienhäuser auf Usedom, kocht feine Menüs aus raffinierten italienischen Zutaten, und wenn mal einer in den Westen ausreist, veranstaltet er vorher eine große Abschiedsparty, zu der die ganze High Society eingeladen wird.
Eine alleinstehende mittellose Künstlerin braucht gerade mal drei Wochen, um eine nette Zweiraumwohnung mit Bad am Prenzlauer Berg zu finden und zugewiesen zu bekommen. Wenn sie sich ein geräumiges Landhaus kauft und ausbauen lässt, dauert es drei Jahre, bis sie ihre Schulden abgezahlt hat...
Niemand von dieser privilegierten Gesellschaft verschwendet jemals einen Gedanken an die Stasi, keiner zahlt irgendeinen erkennbaren politischen Preis für diesen Luxus.

Da drängt sich doch die Frage auf: In was für einem Land hat Christoph Hein eigentlich gelebt? – Und was ist mit seiner Erinnerungsfähigkeit in den letzten 25 Jahren geschehen?

Hier überschreitet der Roman m. E. die Grenze zwischen misslungener Unterhaltung und gefährlicher, weil verharmlosender zeitgeschichtlicher Darstellung.

Ein Autor, der die (immer noch nicht überwundene) Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft anklagt, der also offensichtlich ein Interesse an gesellschaftlichen Themen hat, wird unglaubwürdig, wenn er andere gesellschaftliche Aspekte (z. B. die des Überwachungsstaates DDR) so konsequent ausblendet.


Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand: Roman
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand: Roman
von Jonas Jonasson
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

12 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Stadtmusikanten-Märchen, Satire oder Geschmacklosigkeit?, 2. Januar 2013
Einfach weggehen, hinausspazieren aus einer Welt der Langeweile und Kargheit, hinein in ein Leben voller Abenteuer, Freundschaft und Überfluss – wer wünscht sich das nicht manchmal?
Je unrealistischer die Umsetzung solcher Fantasien im eigenen Leben, desto willkommener sind Geschichten, in der der Held stellvertretend für den Leser ausbricht. Das zeigt die Bestsellerliteratur von den „Bremer Stadtmusikanten“ bis zum „Nachtzug nach Lissabon“.

Es ist überaus vergnüglich, mit dem hundertjährigen Altersheimbewohner aus dem Fenster zu steigen, zum Bahnhof zu schlurfen, zufällig einen Koffer mit fünfzig Millionen zu klauen und noch am selben Abend einen Freund fürs Leben zu finden.
Die paar Todesfälle, die zwischendurch zu beklagen sind, sind nicht weiter tragisch, denn es trifft immer nur die Schurken.
Virtuos verknüpft der Autor Schicksale und Lebensepisoden der ungewöhnlichen „Stadtmusikanten“, die da gemeinsam durch Schweden ziehen. Virtuos ist teilweise auch die Verknüpfung mit der zweiten Ebene, auf der die Lebensgeschichte des Hundertjährigen im Rückblick erzählt wird.

Auch hier mangelt es nicht an Komik – doch irgendwann bleibt einem das Lachen im Halse stecken, möglicherweise schon bei der Zwangssterilisation des Helden durch Rasse-Fanatiker oder erst beim Abwurf der Atombombe, spätestens bei der Begegnung mit Stalin, die mit einer Verurteilung zu zwanzig Jahren Gulag endet oder der Episode, in der der Held den späteren nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Il auf den Knien schaukelt.
Hitler ist so ungefähr der einzige brutale Diktator des zwanzigsten Jahrhunderts, mit dem Jonasson seinem Helden keine zwanglose Begegnung arrangiert. Er sagt sich wohl, dass er damit eine Grenze überschreiten würde, über die ihm die meisten Leser nicht schmunzelnd folgen würden.
Ich frage mich allerdings, ob diese Grenze nicht schon bei einem „netten kleinen Trinkgelage“ mit Franco, Truman oder Stalin überschritten wird, zumal dabei mal kurz die Voraussetzungen für den Abwurf der Atombombe geschaffen werden.

Möglicherweise sind deutsche Leser stärker vorbelastet und mit weniger Humor gesegnet als andere.
Doch auch dem schwedischen Autor geht der Humor irgendwann aus, während er seinen Helden von einem Machthaber zum anderen reisen lässt. Schließlich sind diese Geschichtchen nur noch langweilig, man ärgert sich über die lapidaren Zusammenfassungen von Weltgeschichte und überschlägt ganze Kapitel, um sich wieder dem netten Grüppchen in der Jetztzeit des Romans zuzuwenden.
Das sitzt am Ende gut gelaunt unterm Sonnenschirm am Strand von Bali und der Leser würde gern ebenso gut gelaunt das Buch zuklappen um sich seinen eigenen Inselträumen hinzugeben, wenn nicht – ja, wenn nicht der Hundertjährige im letzten Abschnitt noch schnell die Zusage gäbe, beim Bau einer indonesischen Atombombe zu helfen.
„Und das tat er dann auch“, lautet lapidar der letzte Satz des Romans.

Steckt hinter dieser fröhlichen Unbedarftheit schwarzer Humor? Endet so eine bitterböse Satire auf die Gewissenlosigkeit unpolitischer Erfinder? Oder zeigt der Autor hier endgültig, dass er die Grenze zur Geschmacklosigkeit nicht kennt und Millionen Opfer verhöhnt?
Es spricht im gesamten Roman vieles für die zweite Hypothese. Und so bleibt am Ende betretenes Schweigen.
Gute Unterhaltung auf Kosten der Opfer von Hiroshima und der stalinistischen Gulags – das muss nicht sein!


EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle: Myron Levoy: Der gelbe Vogel: Klassen 8 - 10
EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle: Myron Levoy: Der gelbe Vogel: Klassen 8 - 10
von Sandra Graunke
  Broschüre
Preis: EUR 15,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wenig ergiebig aber besser als gar nichts, 12. Oktober 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Ich konnte mit den Unterrichtsanregungen wenig anfangen, finde sie sehr konventionell und z. T. oberflächlich. Lediglich das Titelblatt einer anderen Ausgabe bei den "Zusatzmaterialien" konnte ich verwenden.
Dass bei den "Zusatzmaterialien" auch eine Theaterversion abgedruckt ist, finde ich eine gute Idee. Allerdings bleibt sie weit hinter dem Roman zurück, sowohl inhaltlich als auch sprachlich.
Leider gibt es meines Wissens auf dem Markt keine wirklich guten Unterrichtsmaterialien zu diesem Roman, sodass, wer sich nicht alles selbst ausdenken will, wohl darauf zurückgreifen muss.


Ambra: Roman
Ambra: Roman
von Sabrina Janesch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Eine gute Idee verschenkt, 2. Oktober 2012
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ambra: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Idee zu diesem Roman ist vielversprechend: Eine junge Frau, deren Eltern 1945 aus Danzig nach Westdeutschland geflohen sind, macht sich auf, ihre Verwandten kennenzulernen, die damals dort geblieben sind.
Dass es dabei im eine Immobilie geht, liegt vielleicht im Trend der Zeit, ist aber weniger spannend als das zweite Familienerbstück: ein Bernsteinanhänger, in den eine Spinne eingeschlossen ist, die einen Erzählfaden spinnen kann…
Neben der Spinne gibt es zwei weitere Erzählerinnen: die junge Frau selbst und eine auktoriale Erzählerin.
Was ließe sich aus dieser Anlage alles machen! Aber die Autorin verschenkt so gut wie alle Möglichkeiten.
Das beginnt mit der Gestaltung der Erzählebenen: Es gibt so gut wie keine Unterschiede, der Stil bleibt immer gleich unbeholfen, unabhängig davon, wer erzählt. Dass die Spinne ihre Abschnitte mit einer Märchenfloskel einleitet, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Was hätte gerade sie, die die Welt seit Jahrtausenden beobachtet, für erzählerische Möglichkeiten! Stattdessen reproduziert sie wenig packend Episoden aus der Familiengeschichte, wie man sie sich eben vorstellt, wenn man nicht dabei gewesen ist.
Stilistisch holprig ist der Stil bei allen drei Erzählerinnen: Sie verwenden idiomatische Wendungen falsch, versteigen sich in kitschige Phrasen, in denen beispielsweise „die Rauchschwaden des Liebesfeuers ihren Verstand benebelt haben“, und konstruieren umständliche Gespräche in der indirekten Rede, die einem vollends die Lust am Lesen nähmen – wäre da nicht die interessante Konstellation zwischen der jungen Westdeutschen und einem gleichaltrigen polnischen Cousin, der im Irakkrieg gekämpft hat und dadurch traumatisiert ist. Mit Hilfe der Bernsteinspinne kann die Frau seine Gedanken lesen, erfährt von seiner Schuld… Was macht sie mit diesem Wissen?
Sie schleudert es ihm an unpassendster Stelle ins Gesicht. Der junge Mann verschwindet daraufhin mysteriös in einem Berg. Schade. Was hätte sich aus der Begegnung der beiden alles entwickeln können!
Bis zum Schluss wartet man darauf, dass die vielen losen Fäden zusammengeführt werden, dass die Stadt, die Bernsteinspinne und die junge Frau in einer Idee verbunden werden - vergeblich.
Kein Wunder, dass die Mutter des Verschwundenen der Ich-Erzählerin nicht glaubt – den Leser wird ihre unbeholfene Geschichte auch nicht überzeugen. Enttäuscht legt man das Buch beiseite und fragt sich, ob der renommierte Aufbau-Verlag eigentlich keine guten Lektoren hat, die zumindest das Gröbste verhindern können.


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