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damals (blogger.de)

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Die Friedliche Revolution: Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90
Die Friedliche Revolution: Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90
von Michael Richter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 130,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unverschämt, 9. Oktober 2014
Es gibt Bücher, die sind so unverschämt, dass man sich nur per Denunziation gegen sie wehren kann: Der Autor dieses Buches ist ein langjähriger Stasi-Spion, später versuchte er das Dresdner Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschng zu dominieren. (siehe hier:[[...]]
Auch die Falschmeldung über "Leichensäcke" für die Demonstranten in Leipzig im Herbst 1989 stammt von hier - da hat schon ein Bundespräsident Ärger bekommen, weil sein Redenschreiber glaubte, dieses Buch sei eine seriöse Quelle..
Machen Sie nicht denselben Fehler, glauben Sie diesem Buch kein Wort!


Auch Deutsche unter den Opfern
Auch Deutsche unter den Opfern
Preis: EUR 12,99

3.0 von 5 Sternen Unterhaltsam, 9. September 2014
Von Stuckrad-Barre versammelt in dem Buch verschiedene Texte, die schon in Zeitschriften erschienen sind. Es geht um all das, was in Zeitschriften so beredet wird: Kultur, Politik, Prominente, und diese Themen werden auch zeitschriftengemäß in den Blick genommen: flott, witzig, impressionistisch. Gedankliche Tiefe habe ich vermisst. Wenn es um Grönemeyer oder Lindenberg geht, ist das ja auch nicht vonnöten - diese Texte sind wunderbar. Peinlich dagegen die Auftritte der Intellektuellen (Alexander Kluge und Hans Magnus Enzensberger), die schlicht gar nichts zu sagen haben.
Von Stuckrad-Barre beobachtet genau, kann sich sensibel in Situationen einfühlen und wunderbar ironisch darüber schreiben. Wenn er z.B. eine Günter-Grass-Lesung besucht, dann erfasst er das Verkrampfte und die Unechtheit der Situation genau und kann die Peinlichkeit brilliant in Sätze gießen. Was an Günter Grass eigentlich so unecht ist, das bleibt ihm unklar. Denn Nachdenken ist weniger seine Sache, Hintergrundrecherche erst recht nicht.
Erst macht wirklich Spaß, dieses Buch zu lesen. Man vergisst es aber auch sofort wieder.


Monnè: Schmach und Ärger
Monnè: Schmach und Ärger
von Ahmadou Kourouma
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

3.0 von 5 Sternen Als Satire brilliant, als Roman nicht wirklich packend, 4. August 2014
Der Roman beschreibt die Geschichte eines fiktiven westafrikanischen Landes anhand der Lebensgeschichte seines Herrschers Djigui. Es beginnt damit, dass dieser als junger Stammesfürst die Eroberung Westafrikas durch Frankreich im späten 19. Jahrhundert erlebt. Ängstlich, naiv und voller Stammesdünkel kann er den Eindringlingen nur hilflose Maßnahmen entgegensetzen und unterwirft sich nur zu gern den fremden Truppen, die ihm eine untergeordnete Funktion als regionaler Patriarch zusichern, in der er den Schein und seine Hofhaltung wahren kann, außerdem wird ihm der Anschluss des Eisenbahnnetzes an seine Hauptstadt versprochen, im Gegenzug zur Lieferung von Steuern, Abgaben und Zwangsarbeitern. In den folgenden Jahrzehnten erlebt Djigui wechselnde Kommandanten und wechselnde politische Schlagwörter (die aber immer dasselbe Kolonialsystem bedeuten), zwei europäische Weltkriege und ihre Auswirkungen und endlich den Beginn der neokolonialen Epoche mit ihren Militärputschen.
Das große Thema des Buches ist die Lächerlichkeit: die Lächerlichkeit eines unfähigen Herrschers, die Lächerlichkeit seines mythischen Denkens, das gerade zur Übertünchung der größten Peinlichkeiten ausreicht, die Lächerlichkeit aber auch der Kolonisatoren und ihrer eingeborenen Helfer und Zuträger, die ihre banale Brutalität und Raffgier für ein großes zivilisatorisches Projekt ausgeben und mit immer neuen Namen schmücken – etwa wenn sie mit großer Emphase die Abschaffung der Sklaverei versprechen (was den Stammesfürsten im ersten Moment sehr erschreckt) und an deren Stelle das „zivilisierte“ System der „Leistungserbringung“ installieren, das mehr Leiden und Tod unter die Bevölkerung bringt als jede Sklaverei zuvor.
Am besten gefällt mir der Roman, wo er konkret wird: wenn ein subalterner eingeborener Kolonialistenhelfer mit dem Besitz seines Fahrrads protzt und mit wackelndem Hintern aufsteigend vor der johlenden Dorfjugend posiert, wenn plötzlich die Geister der Getöteten aus der Nacht auftauchen und Djigui zur Umkehr zwingen, wenn die Geschichte seiner Lieblingsfrau Moussokouro erzählt wird, wie deren große Willensstärke brutal gebrochen wird, so dass sie sich zu einer großen Intrigantin entwickelt, oder wie der alte Djigui in seiner Verzweiflung einem islamistischen Scharlatan auf den Leim geht.
Was in dem Buch zu kurzkommt, ist das Leben konkreter Menschen. Meistens werden aus wechselnden Erzählperspektiven und mit viel Ironie und Sprachwitz die immer ähnlichen Machtkonstellationen analysiert. Als Satire ist das großartig, als Roman eher nicht.


Flut und Boden: Roman einer Familie
Flut und Boden: Roman einer Familie
von Per Leo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Selbstportrait der alten Bundesrepublik, 12. März 2014
Der Text nennt sich Roman, ist aber eher ein autobiografischer Essay: Der Autor nennt sich selbst einen „Nazienkel“. Er hat die ererbte Bürde angenommen, ist Historiker geworden, hat die Biografie seines Großvaters genau recherchiert und auch eine Dissertation zu dessen geistigem Umkreis geschrieben. Nun merkt er, dass auch das ihn nicht von der Last der Schuld befreit, er versucht es jetzt mit einer größer angelegten Analyse seiner Familie. Angeregt wird er dazu von seinem Vater (dem Nazisohn). Man hat den Eindruck, der Vater will den abtrünnigen Sohn und Nazijäger damit wieder in die Familie zurückholen, indem er die Fährte auf den unbelasteten Onkel (den Bruder des Nazis) legt.
Was der Autor, Per Leo, aus der aufgenommenen Fährte macht, ist ein Familienportrait, das, so finde ich, exemplarisch für das Geschichtsbild Bundesrepublik stehen kann.
Sein Großvater ist der missratene Sohn eines Gymnasiallehrers, dessen Familie ganz buddenbrooksch unter der Last vergangenen Unternehmerruhms und –reichtums leidet. Er findet Halt im rechten Milieu, engagiert sich in der bündischen Jugend, lernt Forstwirtschaft, träumt davon, Siedler zu werden. Die Diktatur eröffnet ihm dann eine Karriere, mit der er eine Familie gründen kann: Als Parteibonze im „Rasse- und Siedlungsamt“ der SS ist er für die Einbürgerung nach rassischen Kriterien zuständig, eine Position, die man sich anrüchiger kaum vorstellen kann. Nach dem Krieg dann deklassiertes Weiterleben, erst auf dem Dorf, später (noch demütigender) in der Villa der Vorfahren.
Und was macht nun Per Leo, der Enkel, aus dieser Geschichte? Zunächst sucht er nach den Wurzeln der großväterlichen Ideologie und findet sie im Irrationalismus der Jahre um 1900 – dessen Innovationsfreude er entsprechend als „Dornröschenschlaf“ missversteht (S. 106). Wie sein Vater, der Ingenieur, sein Großonkel, der Chemiker geworden ist, gilt ihm der Materialismus als Schutz vor amoralischen Versuchungen.
Entsprechend baut er seinen Großonkel als Gegenbild zum Großvater auf: einen anständigen Menschen, der aufgrund einer Krankheit von den Nazis sterilisiert wurde, der sich in den dunklen Jahren und auch danach in Pedanterie und Technikbegeisterung zurückzog.
Dann versucht der Autor, die Schuld des Großvaters aufzulösen, indem er sie anhand der Akten erklärt. Das funktioniert natürlich nicht. Von einer Schuld, die der Täter selbst nicht eingestanden hat, kann ein Nachfahre sich schwer und auf rationale Weise schon gar nicht lösen. Denn worin das Verbrecherische bestand, das lässt sich so zwar erschließen, nacherlebbar wird es nicht: Die Opfer, die Tatorte bekommen kein Gesicht, nur immer wieder der Täter und seine Lügen selbst. Ebenso, wie außen vor bleibt, was seine Frau eigentlich so lange macht, wo und wie sie lebt, wie seine Kinder aufwachsen.
Irgendwie fehlt da die Bodenhaftung. Wenn der Großvater 1945 in amerikanischer Gefangenschaft und gemeinsam mit anderen SS-Gefangenen ein Pamphlet verfasst, das seinen Kindern als moralischer Ratgeber dienen soll, dann hat es wenig Sinn, diesen Text brav ideologiekritisch zu analysieren, wie Per Leo es tut. Denn natürlich kann man da nicht viel mehr rauskriegen, als dass die Verfasser wohl „nicht mehr alle Tassen im Schrank“ hatten, wenn sie z. B. forderten: „Erkenne, daß das größte Unheil [...] durch Schwatzhaftigkeit weniger Wissender entstand.“ (S. 267) Denn natürlich ist das alltagspraktisch zu verstehen: „Verpetzt mich nicht bei den Allliierten!“
Dieses Theoretisieren ist, finde ich, das typische Geschichtsverhalten der alten Bundesrepublik: Der Blick auf die Täter wie das Kaninchen auf die Schlange. Akteneinsicht statt persönliches Annehmen der Schuld. Das Verschieben der Schuld auf die Neuromantik der Jahrhundertwende. Der sehnsüchtige Blick auf die Unternehmer und dass Armut der Bevölkerungsmehrheit ausschließlich als demütigend wahrgenommen wird. Und natürlich die Vernachlässigung der weiblichen Sphäre.
Ganz typisch, wie Leo diese Schieflage ausgleicht: wieder durch Lob des Großonkels. Der hat (als Chemiker in Bitterfeld) in der DDR gelebt und sich anthroposophisch betätigt. Ist das nicht auch wieder ganz typisch westdeutsch: Alles Gefühlige verdammen – aber dann als Ventil ausgerechnet die Anthroposophen akzeptieren und natürlich die nette Familie im Osten?
Tja, und jetzt, was ich so toll finde an Per Leos Buch: Der Autor weiß das alles, was ich hier aufführe, an den schönsten Stellen lässt er dieses Wissen ironisch aufblitzen, etwa wenn er ein Kapitel „The making of a Nazienkel“ betitelt. Und ganz deutlich im großartigen letzten Kapitel des Buches, in dem der Analysierer Per Leo sich wieder zurück in den Menschen Per Leo verwandelt: der – wie sein Großvater – eigentlich keinen bürgerlichen Beruf hat, der wie sein Großvater vieles nicht weiß und eine sehr subjektive Weltsicht an den Tag legt, der aber – anders als sein Großvater – diese Beschränktheit einsieht und versucht, sein Kind so gut wie möglich großzuziehen. Denn darum geht es letztendlich: sich nicht über andere zu erheben.


Diese Dinge geschehen nicht einfach so: Roman
Diese Dinge geschehen nicht einfach so: Roman
von Taiye Selasi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein traditioneller Familienroman, brillant erzählt, 13. Mai 2013
Der Roman beginnt damit, dass die Person stirbt, um die sich im Folgenden fast alles dreht: der Vater einer westafrikanischen Einwandererfamilie in den USA. Dieser Vater, ein talentierter Chirurg, hat die Familie vor Jahren verlassen, ist zurückgegangen nach Ghana. Er ignoriert in dieser ersten Szene die deutlichen Vorzeichen eines Herzinfarkts und stirbt morgens im Garten seines selbstentworfenen Hauses, während seine neue, junge Frau noch schläft.
Auf der Suche nach dem Warum entfaltet die Autorin dann in Rückblenden, Reflexionen und Abschweifungen ein atmosphärisch dichtes und psychologisch äußerst stimmiges Portrait der ganzen Familie: des jungen Immigrantenpaares aus Ghana/Nigeria, das die eigenen Wurzeln abschneidet, um den amerikanischen Traum zu leben – er als fleißiger, immer beherzt und engagiert handelnder und daher erfolgreicher Arzt, sie als seine kluge Partnerin, die sich beruflich zurücknimmt, um sich um die Kinder der Vorzeigefamilie zu kümmern: Olu, der als erster Sohn ganz nach dem Vater kommt, die eher kreativ-künstlerischen Zwillinge Kehinde und Taiwo sowie das Nesthäkchen Sadie.
Als der Vater aufgrund einer Intrige mit rassistischem Unterton (das wirtschaftliche Überleben des Krankenhauses erforderte ein Bauernopfer, da fiel die Wahl schnell auf ihn, den Schwarzen) entlassen wird, bricht sein amerikanischer Traum zusammen, er verlässt die Familie, bald auch die USA und beginnt in seiner alten Heimat ein neues Leben.
Im zweiten Teil des Romans finden die inzwischen erwachsenen, in alle Winder verstreuten Kinder und die Mutter anlässlich des Begräbnisses wieder zusammen – und vor allem finden sie Erlösung im Angesicht ihrer Wurzeln, ihrer Heimat, der vom Urgroßvater erbauten Hütte der Großeltern. Das ist weder originell noch gänzlich kitschfrei, aber solide und glaubhaft zuende geführt.
Natürlich – der letzte Satz deutet es an – fand ich im zweiten Teil des Romans manches etwas künstlich, etwas zu perfekt arrangiert, und trotzdem: Auch hier gibt es immer wieder Szenen, die mich begeistern: kluge, eindringliche, immer empathische Schilderungen von Menschen und dem, was ihnen zustößt. Manchmal ist das nur interessant, da einfach zuzuhören (z. B. wenn die ostasiatischen Immigranten mit den afrikanischen konkurrieren), öfter anrührend (z. B. wenn die junge Geliebte eines Professors sich geist- und wortreich darüber selbst belügt, warum sie das tut), manchmal treibt es einem (mir jedenfalls) die Tränen in die Augen (z. B. wenn die kluge, alte Ghanaerin, die so gut wie nie zur Schule gehen durfte, ihren Sohn zum Studium in die USA abreisen sieht – voll Stolz, dass sich nun ihr Lebenstraum erfüllt, und gleichzeitig verzweifelt, weil sie weiß, sie sieht ihn nie wieder).
Insgesamt ein unbedingt empfehlenswertes Buch: etwas konventionell in der Konzeption, aber wunderbar reich in der erzählerischen Ausführung.


Abfahrt
Abfahrt
von Mariam Kühsel-Hussaini
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Seelenlos und spießig, 23. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Abfahrt (Gebundene Ausgabe)
Das Buch handelt von einem Berliner Unternehmensberater, der ein bürgerliches Leben und lebt verzweifelt nach dem Schönen, dem Beseelten sucht. Es konzentriert sich ganz auf die inneren Vorgänge in diesem Mann – äußerlich passiert eher wenig: Der Protagonist kauft eine Halskette für seine Frau in Venedig, ein Haus für seine Familie am Potsdamer Griebnitzsee. Dazu kommen einige Wutanfälle: Auf einer Berliner Ausstellungseröffnung greift er den Künstler tätlich an, da er dessen affige Art nicht erträgt. Bei seiner Silvesterparty daheim im neuen Haus wirft er die Gäste kurzerhand wieder raus, weil er sie für moralisch verkommen hält. Am Ende fühlt er sich beglückt durch ein Max-Beckmann-Bild, das ideal in sein Kaminzimmer passt.
Aufsehenerregender als diese Handlung ist die Sprache: „Kunst, das war ihm die machtvoll feinste Stimulierung, der Moment, in dem sie sich öffnet, wie eine Wunde klafft und vor Überzeitlichkeit schreit.“ (S. 31) Solche Satzungetüme finden sich auf nahezu jeder Seite, und ihr Aussagewert ist nicht nur in diesem Fall banal. „Eine bildstarke, erstaunlich reife und ausgesucht selbstbewusste Sprache“, urteilte die FAZ über Kühsel-Hussainis ersten Roman. Dieser, ihr zweiter Roman ist ebenfalls bildstark, aber ausgesprochen arrogant und erstaunlich unreif in seiner Sprache. Alle Nasen lang wird in den exaltiertesten Formulierungen um Seele, Einzigartigkeit, Schönheit gerungen von dem Haupthelden, ohne dass diesen Überlegungen irgendein adäquates Handeln, irgendeine Realität entspräche.
Im Gegenteil: Das Leben, das er lebt, ist ganz ausgesprochen (und offenbar gewollt) traditionell, normorientiert und also gerade nicht auf individuellen Lebensausdruck ausgerichtet: Man kauft für die Kleinfamilie ein zu großes Haus am Griebnitzsee, nennt seine Kinder Elisabeth und Georg, lässt sie Instrumente erlernen und geht mit ihnen ins Museum zu den Alten Meistern. Zu Weihnachten bekommen die Kinder einen Labradorwelpen, die Ehefrau „Die Brüder Karamasov“ und der Hausherr ein altes Flugzeugmodell aus einem Antiquitätenladen. Unindividueller, seelenloser, spießiger geht es kaum. Die stumm verzweifelten Träume von einzigartiger Schönheit, die sich aufs Konservativste zu den Kraftmeiern der Vergangenheit, zu Richard Wagner und Max Beckmann, flüchten, machen diese Tristesse der gelebten Wirklichkeit nur noch deutlicher.
Ich fragte mich beim Lesen wirklich, was das soll. Wen interessieren solche Spießer-Verzweiflungen?


Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt
Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt
von Orhan Pamuk
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Understatement ist der Trick des Buches, 10. November 2011
Pamuk beginnt, indem er ganz banal über seine Kindheit erzählt und das Ganze auch noch mit Schnappschüssen aus dem Familienalbum illustriert. Im Folgenden wechseln Familienanekdötchen mit essayistischen Berichten über Istanbulansichten des 19. Jahrhunderts oder Lokalgrößen des Istanbuler Kulturlebens von anno dazumal.
Erst nach 200 Seiten, wenn alle politikfixierten Leser unweigerlich vergrault sind, lässt er die Katze aus dem Sack: Natürlich war das bewusst politisch, dass er die finanziellen Verhältnisse seiner Familie, ihre konkreten Lebensgewohnheiten und Ansichten offen darlegt. Er erzählt exemplarisch von sich, um aufzuklären, wie das soziale Leben in Istanbul funktioniert. Die spielerischen Ausflüge in die Kulturgeschichte nutzt er dabei elegant, um historisch wie sozial über das Fallbeispiel seiner Familie hinauszuweisen.
Diese aufklärerische Absicht findet in der zweiten Hälfte des Buches auch in die Kapitelüberschriften Eingang: "Eroberung oder Fall? Die Türkisierung Konstantinopels" oder gleich darauf "Religion". Immer aber verankert er allgemeinere Aussagen im eigenen Erleben. Zum Beispiel erwähnt er unter "Türkisierung" zwar die Zwänge des NATO-Mitglieds Türkei und ihrer Regierung in den fünfziger Jahren angesichts der Zypernkrise, ihr Schwanken zwischen Kuschen vor dem Westen und heimlicher Aufhetzung der eigenen Bevölkerung. Aber das ist nicht das Thema, das ist nur notwendige Hintergrundinformation. Das Thema ist, was dann tatsächlich in Istanbul los war und was er erlebt hat: die antigriechischen Pogrome. Oder er schildert seine pubertätstypischen Verrenkungen in Bezug auf die Religion (Wie streng soll man den Ramadan einhalten?), und plötzlich spürt man, das ist ja gar nicht allein sein Problem, das ist ja die Widersprüchlichkeit der ganzen Gesellschaft in religiösen Dingen.
Und überhaupt: "Fremd in einer ausländischen Schule" heißt eine der schönsten Kapitelüberschriften. Aber wer ist hier gemeint? Orhan Pamuk oder Istanbul? Oder die ganze Türkei? Für diese mehrdeutigen Überschriften liebe ich dieses Buch. Denn sie zeigen den Sinn, den es überhaupt hat, über Politik nachzudenken: Ich lebe in der Welt, und deshalb möchte ich wissen, wie sie ist.


HOCK Fahrrad-Regenponcho mit Kapuze gelb Gr. XL, mit seitlichem Sichtfenster & rundum geschlossen
HOCK Fahrrad-Regenponcho mit Kapuze gelb Gr. XL, mit seitlichem Sichtfenster & rundum geschlossen

3.0 von 5 Sternen Billig und praktisch ..., 15. Oktober 2011
... aber lange heil geblieben ist er nicht - na ja, wenn man ehrlich ist, kann man das bei dem Preis auch nicht erwarten. Da das Loch klein war und der Umhang in Benutzung bleiben konnte, dennoch drei Sterne.


Quantys QY100/3 Solar-Funkwecker, silber/schwarz
Quantys QY100/3 Solar-Funkwecker, silber/schwarz

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein richtiger Wecker ..., 15. Oktober 2011
... wie früher (dazu passt auch das sympathisch ungelenke Design), nur eben, dass einen Aufziehen oder Batterien nicht zu interessieren brauchen und auch Vor- oder Nachgehen nicht zu befürchten sind. Das von anderen monierte leise Weiterklicken der Zeiger stört mich nicht (kein Vergleich zum alten Weckerticken!), und jeder, der schon einmal einen analogen Wecker gestellt hat, wird mit dem Einstellen der Weckzeit keine Schwierigkeiten haben.
Wer allerdings Wert darauf legt, dass sein Wecker exakt um 6:56 aus 100% geräuschlosem Schlaf erwacht, der ist bei diesem bodenständigen Produkt falsch und sollte lieber etwas Moderneres wählen ...


Magdalena: MfS, Memfisblues, Stasi, Die Firma, VEB Horch & Gauck - ein Roman
Magdalena: MfS, Memfisblues, Stasi, Die Firma, VEB Horch & Gauck - ein Roman
von Jürgen Fuchs
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erschütternd!, 5. Juli 2011
"Magdalena" ist ein erschütterndes Buch, ein absolut echter, subjektiver Tatsachenbericht über ein wichtiges Thema: (West-)Deutschland suchte ein paar Bürgerrechtler, die ihrem stasidurchseuchten Unternehmen Gauckbehörde Legitimität verliehen. Aber nur Fuchs war besessen genug von dem Thema, den Auftrag anzunehmen. Von seinen Erfahrungen als Mitarbeiter der Gauckbehörde berichtet er in diesem Buch.
Obwohl ich persönlich fasziniert von seinem Bericht war, gebe ich hier nur vier von fünf Punkten, weil das Buch in literarischer Hinsicht ziemlich unzulänglich und für einen Unbeteiligten vermutlich kaum lesbar ist: Es ist voller unhaltbarer Übertreibungen, voller Sentimentalitäten und Kitsch und inhaltlich ziemlich unstrukturiert. Hier spricht offenbar ein Traumatisierter, der nicht anders sprechen kann und dessen Andeutungen man nur versteht, wenn man einiges Hintergrundwissen hat.
In inhaltlicher Hinsiucht aber ist das Buch sensationell. Was Fuchs zu erzählen hat, nämlich welche bedeutende Rolle die Stasi - vom Westen toleriert und sogar gefördert - beim Aufbau der Gauckbehörde gespielt hat, das hat keiner der vielen DDR-Aufarbeiter bisher in dieser Klarheit und Unbestechlichkeit geschildert.
Bitte lassen Sie sich von dem subjektiv übersteigerten Blickwinkel des Autors nicht dazu verleiten, seine Beobachtungen nicht ernst zu nehmen! Denn es steht alles drin in dem Buch. Wir lernen den wohlwollenden, aber eitlen Gauck kennen, der gern gute Anzüge trägt und damals schon vom Bundespräsidentenamt träumt, den jovialen, korrekten Dr. Geiger (späterer BND-Chef), der Fuchs beschwichtigt, die "Pulloverbande" der Bürgerrechtsbewegung - und natürlich die Stasi-Typen: die Offiziere, die jetzt Sachlichkeit und Spezialistentum raushängen lassen, die kleinen Aktenträger, die das nun, nach `89, immer noch tun, und die vielen, vielen IM, die sich ihrer Clique immer noch verbunden fühlen und in deren Sinne agieren. Wenn man sich nicht abschrecken lässt von dem larmoyanten Bürgerrechtler-Pathos, wenn man auch die Nebensätze liest, dann ist alles da, was man über die Gauck-Behörde und die DDR-Bürgerrechtler wissen muss, auch die Selbstreflexion, die Zweifel, die Zurücknahme.
Vergessen Sie Hubertus Knabe - lesen Sie Jürgen Fuchs!


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