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Martin Ostermann "ostermannm"
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Something Must Break (OmU)
Something Must Break (OmU)
DVD ~ Saga Becker
Preis: EUR 20,16

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wir gehören zusammen!" oder "Wenn du nicht schwul bist, was bist du dann?", 27. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Something Must Break (OmU) (DVD)
"Man arbeitet, um sich Sachen zu kaufen, mit denen man sich betäuben kann. Betäuben von der Langeweile, die es bedeutet wieder arbeiten zu gehen!" Der Betrachter hört diese Worte, gesprochen von Sebastian aus dem Off und sieht dazu den Randbereich von Stockholm: Brachen, heruntergekommene Straßenzüge oder auch den Arbeitsplatz von Sebastian: ein Warengroßlager. Die erste Begegnung mit diesem Sebastian erfolgt dann im Gespräch mit seiner Freundin Lea am Küchentisch. Sie unterhalten sich über Beziehungen und Zukunftswünsche und Lea sagt Sebastian mehrfach, dass er ein fürchterlicher Träumer sein. Während Lea etwas pummelig ist, besticht Sebastian durch seine rot gefärbten lockigen Haare, die er meistens zum Zopf gebunden trägt, ein spitzes, aber ebenmäßiges und ausnehmend schönes Gesicht und eine schlanke Figur. Körperlich eher ein Mann, sind seine Züge und Gesten weiblich. Auch die Kleidung schwankt zwischen beiden Geschlechtern. Auf die meisten Fragen von Lea antwortet Sebastian mit "vielleicht". Er will sich nicht festlegen, will nicht die gesellschaftlichen Konventionen akzeptieren und sich in Rollen stecken lassen, aber er träumt von einem Gegenüber und einem Miteinander. Als Andreas ihn auf einer öffentlichen Toilette gegen Schläge verteidigt, ist das für Sebastian der Beginn dieses 'Miteinander'. Obwohl Andreas betont, nicht schwul zu sein und zunehmend verwirrt ist von Sebastians Auftreten, kommen sich beide näher und es entwickelt sich eine Romanze, in der gegenseitig der Körper entdeckt und gemeinsam Grenzen überschritten und Regeln gebrochen werden. Während Andreas von seinen Gefühlen überfordert ist, besteht Sebastian darauf: "Wir gehören zusammen!"

Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Ester Martin Bergsmark, das auf einem Roman des Autors Eli Levén basiert, der/die darin eigene Transgender-Erfahrungen verarbeitet, lässt sich schwer einordnen, besticht aber durch exzellente Schauspielerleistungen und ein spannendes ästhetischen Konzept auf Bild- und Tonebene. Am ehesten ist es ein Drama über die Suche nach Liebe und den eigenen Platz in der Gesellschaft bzw. dem Ausleben der eigenen Identität. Hier wären vergleichbare Spielfilme XXY oder Laurence Anyways [2 DVDs]. Genauso wie die Orte, an denen der Film spielt, entweder unordentlich oder abseitig wirken, so ist auch der Lebenshunger der Hauptfigur auf Grenzerfahrungen und dem Sprengen von Konventionen ausgerichtet. Neben Ladendiebstahl und Raub werden auch Nightclubs oder Darkrooms zu Orten der Selbstfindung. Eine der schönsten Szenen ist ein gemeinsames Bad von Andreas und Sebastian in einem kaum berührten Waldsee. Die Kamera ist nah an den Personen und insbesondere das Gesicht von Saga Becker, die den Sebastian darstellt, der sich in Elliie umbenennen möchte, spiegelt von Verlorenheit über Verliebtheit, Faszination und Glück, bis hin zu Ablehnung und Aggression die ganze Palette der dargestellten Emotionen. Auch der sehr heterogene, aber eingängige Soundtrack verstärkt das intensive Erleben.

"Something must break" ist ein Drama über die Suche nach Identität und Liebe, dem Kampf gegen Konventionen und Rollenbilder und dem Mut, zu sich selbst zu stehen. Die wechselnde Bildsprache und der ungewöhnliche Soundtrack, ebenso wie die schwer zu fassende Geschichte irritieren zwar, nehmen aber zugleich auch gefangen durch intensive Emotionen und glaubwürdige Darsteller. Weniger ein Film zum Thema Homosexualität als zur gesellschaftlichen Diskussion über Transgender und Transsexualität. Sehenswert!
Die DVD enthält als Extra nur einige Trailer, schade, denn hier wären Interviews oder Hintergrundinformationen sehr wertvoll gewesen.


Heute gehe ich allein nach Hause (OmU)(Portugiesisch)
Heute gehe ich allein nach Hause (OmU)(Portugiesisch)
DVD ~ Ghilherme Lobo
Wird angeboten von UAP Video GmbH Leipzig
Preis: EUR 15,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wachgeküsst! oder: Die Erde zwischen Mond und Sonne, 7. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Leo(nardo) und Gabriel treffen sich nachts, um die Mondfinsternis sehen zu können. Sie sind beide ca. 16 Jahre, aber Leo darf nicht einfach so von zuhause weg, denn er ist (von Geburt an) blind. Heimlich machen sich beide mitten in der Nacht auf den Weg. Der blinde Leo fragt natürlich, was man eigentlich sehen könne bei einer Mondfinsternis. Gabriel erklärt, dass sich dann die Erde auf ihrer Umlaufbahn zwischen Sonne und Mond befinde und deshalb der Mond nicht mehr von der Sonne angestrahlt wird, so ist er für das menschliche Auge unsichtbar. Es ist ein schönes Bild für Wahrnehmung und Vorstellung, denn die Vorstellung ist für Leo sehr wichtig, da er von allen Bildern, die mit den Augen gesehen werden können, ausgeschlossen bleibt. Gabriel ist ein neuer Mitschüler und hat sich behutsam mit Leo angefreundet, der bisher immer auf die Hilfe von der gleichaltrigen Giovana bauen konnte. Seine Mitschülerin und beste Freundin seit Kindertagen. Sie bringt Leo nach Hause, hängt mit ihm ab, ist seine Vertraute und sagt Leo unverblümt, dass er immer noch ungeküsst sei. Giovana fühlt sich aber in der immer enger werdenden Freundschaft der beiden Jungen ausgeschlossen und es kommt zur Krise zwischen ihr und Leo. Dieser verwendet auf einem Klassenausflug das Bild der Mondfinsternis, um Giovana zu zeigen, dass sie immer noch zusammengehören: Gabriel sei die Erde und sie der Mond. "Dann bist du wohl unser Sonnenschein" kontert Giovana und ist mit dem lachenden Leo so gut wie versöhnt. Leo gesteht ihr schließlich auch, dass er sich in Gabriel verliebt habe, aber nicht wisse, ob Gabriel ebenso fühle ...

Daniel Ribeiro hat die wunderschöne und sehr schlicht gefilmte Geschichte aus seinem eigenem Kurzfilm entwickelt. Es ist zwar spürbar, dass es eine simple Geschichte ist, aber dafür mit vielen Nuancen. Denn neben der Coming-out- und der Coming-of-Age-Thematik ist es ein Film über Freundschaft, erste Liebe, Unabhängigkeit und den Mut bzw. die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen. Der blinde Leo wird von seinen Eltern, besonders von seiner Mutter, in einer Schutzblase gehalten und ist überbehütet. Er ist daher nicht nur "ungeküsst", sondern auch naiv und ein bisschen verklemmt. Giovana ist Teil dieses Schutzraumes, der zugleich auch eine Art Gefängnis für Leo ist. Durch seine Ausbruchsversuche (für die der Vater Verständnis zeigt und Leo entgegenkommt) und die Zuneigung zu Gabriel wird Leo im besten Sinne des Wortes "wachgeküsst".

Ein sensibler Coming-of-Age Film über einen blinden Teenager, der nach seinem eigenen Weg und der Lösung von seinen, ihn überbehütenden Eltern sucht. Zugleich eine sehr sensible Liebesgeschichte, die mit einfachen Mitteln und schlichter Erzählung zu berühren vermag. Die Blindheit wird ganz alltäglich thematisiert, ein sehr schönes Bild ist die erste Rasur mit der Hilfe des Vaters.

Der Film ist im Original (brasilianisches Portugiesisch mit Untertiteln), was aber eher ein Vorteil ist und enthält in den Extras u.a. den Kurzfilm des Regisseurs, der die Vorlage für das sehenswerte Regiedebüt war.


Mein Leben als Hund (KSM Klassiker inkl. Booklet) [Prädikat: Besonders Wertvoll]
Mein Leben als Hund (KSM Klassiker inkl. Booklet) [Prädikat: Besonders Wertvoll]
DVD ~ Anton Glauzélius
Preis: EUR 9,97

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Man muss immer vergleichen ...", 29. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
... sagt der zu Beginn des Films ungefähr zwölfjährige Ingemar mehrmals als Erzähler seiner eigenen Geschichte. Der Betrachter schaut bei diesen Worten (mehrfach) in den nächtlichen Sternenhimmel und hört die Stimme Ingemars, der davon spricht, was ihn bewegt, was ihm im Kopf herumgeht. Das "Vergleichen" bezieht sich auf Nachrichten und Meldungen (wie z.B. die Meldung von der Hündin Laika, die als erstes Lebewesen in einer russischen Rakete 1957 in die Erdumlaufbahn geschossen wurde und im Weltall starb). Ingemar beschäftigt, was er hört und liest, aber vor allem beschäftigt ihn seine Mutter. "Ich hätte ihr alles erzählen sollen, als sie es noch ertragen konnte", sagt er ebenfalls mehrmals im Film und neben dem Sternenhimmel taucht dabei immer ein Bild aus glücklichen Tagen auf: Ingemar und seine Mutter am Strand, herumalbernd und lachend, vor allem aber gesund. Denn Ingemars Mutter ist schon länger krank, körperlich, aber auch psychisch. Da es keinen Vater gibt, müssen Ingemar uns sein großer Bruder Erik sich weitgehend um sich selbst kümmern. Als die Krankheit voranschreitet und die Mutter zur stationären Behandlung weggebracht wird, kommen die Brüder zuerst zu Verwandten in der Nähe und schließlich verbringen sie den Sommer getrennt an entfernten Orten. Ingemar wird vom liebevollen und etwas kindlichen Onkel Gunnar und seiner Frau Ulla versorgt. Dort in Småland trifft Ingemar auf viele skurrile Menschen (ein alter kränklicher Mann, der sich von Igemar aus Unterwäscheannoncen vorlesen lässt, ein anderer Mann, der beständig sein Dach flickt, oder ein in der Provinz gestrandeter Künstler und seine Muse, eine üppige blonde Kollegin von Onkel Gunnar). Vor allem blüht der stille und träumerische Gunnar unter den anderen Kindern auf, besonders nahe ist ihm Saga, ein boxendes und Fußball spielendes Mädchen, das mit großer Sorge sieht, wie ihre Brüste nun größer werden. Ingemar denkt an seine Mutter, seinen Hund, den er nicht mitnehmen konnte, und bewundert staunend die Welt um ihn herum - und der Betrachter mit ihm.

Lasse Hallström (Gilbert Grape, Gottes Werk und Teufels Beitrag, Schiffsmeldungen) hat mit diesem Film vor 30 Jahren (1985) ein sensibles Porträt des Aufwachsens geschaffen, welches ohne Kitsch oder große Aktionen auskommt, sondern einfach nur durch seine natürliche Ausdruckskraft und die Realitätsnähe berührt. Hilfreich für die Schaffung einer fantasievollen Atmosphäre ist ihm das ländliche Småland, wo Ingemar seine glücklichste Zeit erlebt. In Småland spielen auch die meisten Geschichten von Astrid Lindgren, die hier selber aufwuchs. Es war sicher kein Zufall, dass Lasse Hallström 1986 und 1987 die beiden "Bullerbü"-Filme nach den Büchern Astrid Lindgrens inszenierte (Astrid Lindgren: Bullerbü Spielfilm-Box [2 DVDs]). Alle Schauspieler und auch die Regie liefern eine tadellose Leistung. Ganz nebenbei entsteht so ein Plädoyer mit Tiefgang, das zeigt, wie Kinder auf der Schwelle zum Erwachsenwerden mit Trauer, Einsamkeit, aber auch Glück und neuen Erfahrungen umgehen und wie auf diese Weise bereits in Kleinigkeiten der Reichtum des Lebens sichtbar wird.

"Mein Leben als Hund" (auch der Titel erhält prägnante tragikomische Bilder im Film) ist ein sensibles Porträt eines Zwölfjährigen in Schweden Ende der Fünfziger Jahre, welches von (familiären) Problemen und Leid, aber auch von viel Lebensfreude und der Neugier auf die Vielfalt des Lebens erzählt. Durch die Schlichtheit der Darstellung und das einfühlsame Spiel aller Akteure ist ein kleines Meisterwerk entstanden, das - obwohl inhaltlich sehr unspektakulär - länger nachwirkt. Sehenswert!


XENIA - Eine neue griechische Odyssee
XENIA - Eine neue griechische Odyssee
DVD ~ Yannis Stankoglou
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Albanische Brüder in Griechenland auf einer musikalisch gefärbten Odyssee zum Namenlosen … und ein Kaninchen, 26. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: XENIA - Eine neue griechische Odyssee (DVD)
Plötzlich steht der 15jährige Dani vor seinem älteren Bruder Odysseas an dessen Arbeitsplatz, einem Sandwich-Imbiss in Athen. Odysseas - zu seinem Ärger wird er von seinem Bruder immer Ody genannt - reagiert wütend: "Ich habe dir doch verboten hierher zu kommen. Fahr sofort zurück zu Mama nach Kreta!" Woraufhin der Jüngere nur sagen kann: "Das geht nicht. Sie ist vor zwei Wochen gestorben. Ich habe dich angerufen, aber du warst nicht zu erreichen und eine SMS wollte ich auch nicht schicken." Die beiden Brüder haben nicht nur getrennt voneinander gelebt, sondern sind auch sonst sehr unterschiedlich: Odysseas ist ruhig, besonnen und in seinem Erscheinen sehr männlich. Er versucht in Athen nicht aufzufallen, da er als Albaner ins Visier von fremdenfeindlichen Gewalttätern geraten könnte. Dani ist immer schrill gekleidet, trägt einen blondierten Langhaar-Scheitel und macht aus seiner Homosexualität kein Geheimnis. Er ist impulsiv und steht ständig unter Strom. Sein 'Vertrauter' ist ein weißes Kaninchen namens Dido, das er ständig mit sich trägt. Er ist nicht nur zu seinem älteren Bruder gefahren, um den Tod der Mutter mitzuteilen, sondern auch um gemeinsam den "Namenlosen" zu suchen. Dieser Mann - ihr biologischer Vater - hat die Familie vor mehr als zwölf Jahren verlassen und hat sich nie wieder gemeldet. Die Brüder wissen nur, dass er Grieche ist. Durch die Anerkennung seiner Vaterschaft könnten sie den geschuldeten Unterhalt und die griechische Staatsangehörigkeit erhalten. Um herauszufinden, wo "der Namenlose" lebt, gilt es einen Bekannten ihrer Mutter aus der Vergangenheit aufzusuchen. Diese Vergangenheit ist auch geprägt durch viel (Schlager-)Musik, allen voran die Sängerin Patty Pravo, die für Dani, der öfter in einer eigenen Welt aus Visionen sich befindet, zum mütterlichen Ratgeber wird.
So machen die Brüder sich auf eine Reise mit zahlreichen Begegnungen und Ereignissen (z.B. dem Musik-Casting "Greek Star"), um den "Namenlosen" zu finden. Ganz nebenbei finden sie vor allem zu sich selbst und lernen sich als Geschwister neu kennen und schätzen.

Der Regisseur Panos H. Koutras sagt selbst (in einem Interview in den Extras der DVD) er habe vor allem einen Film über das Aufwachsen und den Mut zum Träumen drehen wollen. Es sei weder eine Geschichte über Schwulsein (obwohl das die Figur Dani kennzeichnet) noch über die ökonomische und gesellschaftliche Krise in Griechenland (obwohl viele Andeutungen und Hinweise im Film enthalten sind). Ein Fünfzehnjähriger und ein Achtzehnjähriger machen sich auf die Suche nach den gemeinsamen Wurzeln und beide haben noch einen Traum von der Zukunft und sind im tiefsten Inneren optimistisch, obwohl ihnen das Leben bisher nicht allzu viel Glück zu bieten hatte. Vielleicht ist genau das die besondere Stärke des Films: Kritik an gesellschaftlichen Entwicklungen (z.B. das Erstarken des rechten Spektrums und zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz) und Bilder für die wirtschaftliche Krise Griechenlands fließen ganz nebenbei in die Reise der Brüder ein. Diese Reise nimmt Bezug auf die berühmteste griechische Reise, die Odyssee. So reisen beide zu Wasser und zu Land, müssen Gefahren überwinden und sich schließlich das Nachhausekommen erkämpfen. Neben dem Namen des älteren Bruders Odysseas verweist auch Danis Kaninchen auf die antike Mythologie, denn Dido war die Geliebte des Äneas, eines anderen berühmten mythischen Reisenden. Das weiße Kaninchen ist dann auch noch Verweis zu weiteren Märchenerzählungen, wie z.B. "Alice im Wunderland" oder Mein Freund Harvey.
Auch der Filmtitel ist mehr als doppeldeutig: "Xenia" bedeutet soviel wie 'Gastlichkeit', was angesichts der von Ausweisung und Fremdenfeindlichkeit bedrohten albanischen Brüder (die in Griechenland geboren und aufgewachsen sind) recht zynisch klingt. Zugleich ist "Xenia" auch der Name einer Hotelkette, die Teil eines öffentlich geförderten Bauprogramms im Griechenland der 50er und 60 er waren. Bis heute ist "Xenia" Symbol für die staatlich geförderten Tourismus in Griechenland. Viele Hotels stehen aber leer, sind unrentabel, manche wurden abgerissen, so sind die "Xenia"-Hotels auch Symbol der Krise. Nicht zufällig spielt eine der schönsten Sequenzen des Films in einem verlassenen "Xenia"-Hotel, in welchem die Brüder übernachten und sich näher kommen.

"Xenia" ist definitiv kein Schwulen-Drama und erst recht keine Komödie. Vielmehr ist es eine berührende Coming-of-Age-Geschichte, die den Wert von Träumen, Offenheit und Optimismus in der Zeit der Jugend feiert. Als Bild wird dafür eine 'Odyssee' zweier Brüder durch das von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen geschüttelte Griechenland gewählt und die Musik als Träger von Lebensfreude und viel Gefühl verwendet. Die schönsten Szenen sind daher Gesangs- und Tanzszenen (die aber nicht so häufig vorkommen, denn es ist auch kein Musical). Diese Szenen erzählen von Toleranz und der Gleichwertigkeit aller Menschen, unabhängig von nationaler Herkunft, sexueller Orientierung und sozialem Status. Daher sollte kein Betrachter zu enttäuscht sein, wenn es nicht um endgültige Lösungen oder Aufdeckung von Geheimnissen geht, sondern um den Mut aufzubrechen und optimistisch in die Zukunft zu gehen.

Als Extras enthält die DVD drei Interviews, zwei mit dem Regisseur auf dem Filmfest in Hamburg und bei der Premiere in Berlin und ein Interview mit dem Darsteller des Odysseas. Der Film wurde auf den Filmfestspielen in Cannes 2014 uraufgeführt, wo er sich zum Publikumsliebling entwickelte.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 3, 2015 9:19 AM MEST


The Unforgiven [Blu-ray]
The Unforgiven [Blu-ray]
DVD ~ Ken Watanabe
Preis: EUR 9,97

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen East meets West oder: "Du kannst zwar die Vergangenheit vergessen, aber die Vergangenheit vergisst dich nicht!", 22. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Unforgiven [Blu-ray] (Blu-ray)
Vorbemerkung: Ich schreibe ausschließlich eine Filmrezension, daher beziehen sich die fünf Sterne auf die Qualität des Films. In Bezug auf die Art und Weise der Veröffentlichung des Films stimme ich meinen Vorrezensenten zu: Es ist heutzutage eine Frechheit, einen internationalen Film ausschließlich in der deutschen Synchronfassung zu veröffentlichen und als einziges Extra den Kinotrailer beizufügen. Nun aber zum (hervorragenden) Film:

Jubei Kamata (Ken Watanabe, bekannt aus Letters from Iwo Jima (Steelbook) [Blu-ray] oder Last Samurai [Blu-ray]) hat schon bessere Zeiten gesehen. Vor der Meiji-Periode war er ein gefürchteter Samurai, der viele Soldaten befehligte. Nach dem Waffen-Verbot für Samurai und deren Ächtung wurde er viele Jahre verfolgt und kämpft ums Überleben. Als ihn sein ergrauter ehemaliger Kampfgenosse Kingo Baba nun aufsucht, beackert Jubei mit seinen Kindern ein karges Stück Land und sammelt den Pferdemist auf. Er hat seiner verstorbenen Frau zuliebe dem Alkohol und auch der Gewalt abgeschworen. Kingo will Jubei aber überreden zwei Männer zu töten, die eine Frau - genauer gesagt eine Hure - mit dem Messer im Gesicht verstümmelt haben. Trotz mehrfacher Ablehnung sind Jubei und Kingo schließlich doch gemeinsam auf dem Weg und ihnen schließt sich noch der junge Goro an, der zum indigenen Volk der Ainu gehört. Zu dritt wollen sie die Belohnung von 1000 Yen für die Tötung der beiden Täter erhalten, sehen sich aber schnell mit dem brutalen Polizeivorsteher der Region konfrontiert, der zu ihrem eigentlichen Gegner wird. Jubei muss noch einmal in sein altes Leben zurückfallen, damals trug er den Beinamen "der Killer", weil ihm der Mord an Frauen und Kindern und hunderten von Gegnern nachgesagt wurde.

Diese Inhaltsbeschreibung kommt bis auf einige Details den Kennern des Clint Eastwood-Films Erbarmungslos [Blu-ray], der 1992 mehrere Oscars, u.a. für den besten Film gewann, sehr bekannt vor. Der japanische Regisseur Sang Il-Lee folgt auch sehr genau dem Originaldrehbuch des amerikanischen Films, setzt aber eigene, sehr interessante Akzente. Sein Tonfall ist rauer und pessimistischer, der Humor sehr spärlich. Die Geschichte des unterdrückten Ainu-Volkes wird vor allem durch eine markante Szene in einem Dorf auf dem Weg en passant mit aufgegriffen und lässt zusammen mit dem Schicksal der (ehemaligen) Samurai nach dem Umbruch der Kultur und der Rolle des Staates bzw. der Herrschenden fragen. Dimensionen, die in Eastwoods Western bestenfalls durch 'English Bob' auf humorvoller Ebene aufgenommen wurden. Grandios wird die (verschneite) Landschaft von Hokaido in die Geschichte mit einbezogen. Sie ist ein Bild der Seelenlandschaft des Protagonisten, der schwer an seiner(gewalttätigen) Vergangenheit zu tragen hat, der aber als Charakter seine Geheimnisse behält und dadurch umso faszinierender, weil mehrdeutiger wirkt.

Wer sich nun fragt, ob denn dieses Remake nötig war, dem antworte ich: Ja, denn es ist trotz weitgehend gleicher Geschichte ein eigenständiger Film geworden, der mindestens ebenso in den Bann schlägt wie das Original. Zudem ist ein Eastern-Remake eines Western eine spannende Antwort auf die vorher üblichen Western-Remakes von Eastern. So basierte Für eine Handvoll Dollar [Blu-ray], in dem Clint Eastwood die Hauptrolle spielte, auf Akira Kurosawa: Yojimbo - Der Leibwächter und Die glorreichen Sieben [Blu-ray] waren ein Remake von Kurosawas Die Sieben Samurai (Complete Edition) [3 DVDs]. Als Besonderheit sei noch erwähnt, dass der Darsteller des Jubei, Ken Watanabe, wiederum mit dem Regisseur Clint Eastwood in "Letters from Iwo Jima" zusammengearbeitet hat.

"The Unforgiven" ist ein spannender, gleichwohl ruhig erzählter Eastern, der nicht nur klassische Kampfszenen und abschließenden Showdown zu bieten hat, sondern auch mit politischen Anspielungen und mit einer durch sehr gute Darsteller getragenen Schuld-und-Sühne-Geschichte punktet. Insbesondere auch für Kenner des Originals (von und mit Clint Eastwood) sehenswert.


Schwestern
Schwestern
DVD ~ Maria Schrader
Preis: EUR 11,49

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Bienenland ist abgebrannt!" oder: Übersymbolisiert, 19. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Schwestern (DVD)
Am Anfang sieht der Betrachter, wie innerhalb eines bestehenden Bienenvolkes eine neue Königin heranwächst. Diese muss nun ein 'neues Volk' um sich herum sammeln, mit diesen Bienen ausziehen und einen neuen Bienenstock gründen. Die Bilder wechseln unvermittelt in einen alten Video-Familienfilm über: Vater (mit Imkerhaube), Mutter und drei Kinder lachen in die Kamera. Die Erzählung wechselt in die Gegenwart und wir begegnen allen diesen Menschen als Erwachsenen wieder. Auch wenn sie erst spät zu sehen ist, aber im Mittelpunkt steht der Klostereintritt der jüngsten Tochter. Alle machen sich von unterschiedlichen Orten her kommend auf den Weg zu einer mächtigen und in idyllischer Natur gelegenen Klosteranlage. Bald nach den Begrüßungen am Ankunftsort wird zweierlei deutlich: Glaube und Kirche spielen in dieser Familie eigentlich keine Rolle und es gibt einiges an innerfamiliärem Zwist, der sich im Laufe des Tages in Dialogen, Wortgefechten und Fluchtbewegungen niederschlagen wird. Vor allem in dem Moment, als sich die Zeremonie des ewigen Gelübdes verzögert, da offensichtlich eine der drei Novizinnen (welche eigentlich?) noch nicht bereit für Ihr 'Ja' zu sein scheint. Man begibt sich im Sonnenschein mit mitgebrachtem Wein und Kuchen auf eine Obstwiese, um die ungeplante Unterbrechung zu genießen …
So weit so gut. Die Ausgangsidee ist interessant und das Aufeinandertreffen der sehr verschiedenen Familienmitglieder verspricht spannend zu werden. Leider ist es das aber nur sehr bedingt und auch nur in einigen wenigen, sehr gelungenen Szenen. Dies Scheitern liegt vor allem an den sehr konstruierten Dialogen und Figuren, die zwar alle mächtig viele Probleme und (uneingestandene) Sinnsuche vor sich herschleppen, aber eigentlich Thesen bleiben und nicht zu lebendigen Menschen werden: Was hat diese Familie bewegt zwischen dem "Imkervideo" und der Gegenwart? Gibt es spezielle Charaktereigenschaften, Eigenarten? Der Zuschauer erfährt fast nicht. Am wenigsten authentisch wirkt die Figur der Saskia, der älteren Schwester, die im permanenten Selbstzweifel zerfließt, meistens irrational handelt und kaum ein ernsthaftes Gespräch führt, mit einer Ausnahme: Der Begegnung mit der jüngeren Schwester im Kreuzgang des Klosters. In dieser durchaus intensiven und berührenden Begegnung zeigt sich, dass Maria Schrader für diese Rolle zu alt ist und eher wie die Mutter als wie die Schwester wirkt. Apropos Mutter: Ursula Werner gibt ein recht überzeugendes Bild einer Mutter ab, die zwar das Glück ihrer Kinder möchte, aber alle Verantwortung von sich weist und ein wenig in (authentisch dargestellte) Griesgrämigkeit versinkt.
Das zweite und größere Problem neben den weitgehend misslungenen bzw. standardisierten Dialogen ist die Filmsprache: Auf der einen Seite ist der Film dem typischen Fernsehfilm-Format verhaftet und größtenteils konventionell und bieder inszeniert. Die wenigen Ausflüge ins Symbolhafte (Bienenvolk, Obstgarten als Urzustand, reinigendes Gewitter usw.) wirken daher derart aufgesetzt, dass sie wirkungslos verpuffen. Die Tochter des Sohnes durchgängig im Bienenkostüm herumlaufen zu lassen ist da noch am ehesten erträglich. Am Ende erlebt jede der Hauptfiguren ihren persönlichen Sturz und liegt für einige Zeit wortwörtlich am Boden, nur um am Ende erneuert aufzustehen.
"Bienenland ist abgebrannt" sagt die Mutter einmal zu ihrer Enkelin und erläutert, dass künstliche Prozesse des Bestäubens dereinst Bienen überflüssig machen würden. Die Enkelin reagiert mit Trotz und flüchtet in ihr eigenes Bienenland, eines der wenigen gelungenen Bilder (im Gegensatz zur aufdringlich-albernen Stiersymbolik).

Die Regisseurin Anne Wild hat einen Hang zu außergewöhnlichen Themen (Mein erstes Wunder) und auch "Schwestern" lebt lange von einer guten Ausgangsidee und einem guten Schauspielerensemble, dass ein Obstwiesen-Kammerspiel zelebriert. Leider ist die gute Idee auf die volle Filmlänge inhaltlich zu klischeehaft und formal zu bieder bzw. mit einer zu aufdringlichen Symbolsprache inszeniert, so dass sich Ärger und Langeweile einstellt. Einige sehr gute Szenen in der zweiten Hälfte retten den Film dann ins Finale. Schade, mit dieser Idee und diesen Schauspielern wäre mehr möglich gewesen, zumal das Verhältnis von Glaube und Säkularisierung ein wichtiges Thema ist. Ich hätte gern zweieinhalb Sterne gegeben, aber das geht nicht, daher drei: Im Zweifel für die Schauspieler ...

Als Extras enthält die DVD nur einige Filmtrailer.


Wir sind jung. Wir sind stark.
Wir sind jung. Wir sind stark.
DVD ~ Jonas Nay
Preis: EUR 15,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Wir sind das Volk!" "Keine Gewalt?", 16. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Wir sind jung. Wir sind stark. (DVD)
Die Ausschreitungen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen vor der "Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber" (ZAST) und einem Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten „Sonnenblumenhaus“ haben dunkle bundesrepublikanische Geschichte geschrieben. Nicht nur die Gewalt gegen Asylsuchende und schon länger in Deutschland heimischer Vietnamesen hat die Öffentlichkeit empört, sondern es war vor allem das Bild, der vielen, auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen tausenden Gaffer, Applaudierer und die Gewalt aktiv unterstützenden örtlichen Bevölkerung. Der junge Regisseur Burhan Qurbani, selbst in Deutschland als Sohn afghanischer Flüchtlinge aufgewachsen, erzählt die Ereignisse rund um diese Augusttage im Jahr 1992 vor allem aus der Perspektive einer Gruppe Jugendlicher, die zuletzt aktiv an den Zerstörungen und der Brandlegung teilnehmen. Zwei weitere Perspektiven versuchen das Bild zu differenzieren: Martin (dargestellt vom wie immer souveränen Devid Striesow) ist Lokalpolitiker und in dieser Eigenschaft zwischen strategisch-politischem und humanitärem Handeln hin- und hergerissen. Die dritte Perspektive zeigt Lien, sie ist eine vietnamesische Arbeiterin, die mit ihrem Bruder und mehreren Landsleuten im Wohnheim neben der ZAST lebt. Sie arbeitet in einer Wäscherei und will, anders als ihr Bruder und dessen schwangere Frau, nicht nach Vietnam zurückkehren, sondern in Deutschland bleiben. Sie hofft, dass die Ausschreitungen eine vorübergehende Erscheinung sind und die Polizei sie schützen wird. Den Aufenthalt der Sinti und Roma-Familien in der völlig überfüllten ZAST lehnt sie genauso ab wie ihre deutschen Mitbürger.

Der Film beschränkt sich im Wesentlichen auf die Darstellung des entscheidenden Tages, Montag der 24. August, als die Situation in der Nacht außer Kontrolle geriet: Die Asylbewerber waren bereits morgens durch Busse verlegt worden. Das durch den nächtlichen Rückzug der Einsatzpolizei völlig ungeschützte "Sonnenblumenhaus" wird durch Molotowcocktails in Brand gesteckt, zahlreiche Randalierer stürmen, angefeuert durch mehrere Tausend Schaulustige in das Haus, verwüsten Wohnungen und beginnen die Bewohner zu jagen. In dieser Situation flüchten die noch im Haus befindlichen Vietnamesen über das Dach ins Nachbarhaus. Von dort können sie später mit Hilfe der wieder angerückten Polizei den Ort verlassen und werden evakuiert.

Der Regisseur Burhan Qurbani (Shahada) greift zwar in seinem Spielfilm auf die gut dokumentierten Ereignisse jenes Augusttages zurück und verwendet originale Fernsehbilder des ZDF, das damals ein Team vor Ort und sogar Reporter im "Sonnenblumenhaus" hatte. Er möchte aber nicht einfach nur dokumentieren, sondern auch analysieren, wie es überhaupt so weit kommen konnte:
Knapp zwei Jahre nach der Wiedervereinigung ist der (Konsum-)Rausch verflogen und wegen sozialer und ökonomischer Missstände macht sich aggressive Stimmung breit. Die Gruppe um Stefan (hervorragend: Jonas Nay bekannt aus Homevideo), Robbie, Jennie, Sandro, Ramona und anderen lebt in den Tag hinein, provoziert eine Polizeistreife, macht mit einem örtlichen Rechtsradikalen einen Ausflug ans Meer, schaut fern, trinkt Bier und bereitet sich auf das abendliche 'Volksfest' vor dem "Sonnenblumenhaus" vor. Durch die immer wieder erfolgenden Einblendungen der (langsam) verstreichenden Zeit wird die Leere des Tages deutlich. Hinzu kommt ein Selbstmord eines Cliquenmitglied als einschneidendes Symbol der Zukunfts- und Sinnlosigkeit. Auch innerhalb der Gruppe gibt es Zwistigkeiten, das gleiche Mädchen wird von Stefan und Robbie begehrt, die rechtsradikale Gesinnung liegt zwar atmosphärisch in der Luft, aber auf dem Heimweg wird aus Spaß auch die 'Internationale' gesungen.
Es ist vor allem die Apathie und Teilnahmslosigkeit, die alle Personen zu kennzeichnen scheint. Auch der Lokalpolitiker Martin, Stefans Vater, begreift erst spät, zu spät, was sich in seinem Umfeld ereignet. Selbst die Vietnamesin Lien sieht weg und ist mit dem Beschaffen ihrer Arbeitserlaubnis und dem Erhalt des Arbeitsplatzes mehr beschäftigt als mit den Ereignissen in ihrem direkten Umfeld. Als dann Martin in der Nacht der schlimmsten Ausschreitungen sich unter die Menge mischt und "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt" ruft, den Slogan der Leipziger Montagsdemonstrationen vor dem Mauerfall, ist dies ein hilfloser, fast Mitleid erregender Versuch der Beschwichtigung. Der erste Molotowcocktail fliegt dann auch eher unmotiviert in eines der Parterrefenster. Dank des Applauses der tausenden grillenden und trinkenden Zuschauer folgen aber schnell weitere Brandsätze.

Der überwiegend in schwarz-weiß inszenierte und sich in den wesentlichen Punkten an den realen historischen Ereignissen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 orientierende Film von Burhan Qurbani spürt am Beispiel einzelner Figuren (Jugendlichen, Lokalpolitiker, Vietnamesin) den Vorgängen nach. Der Film bietet keine Erklärungen für die schrecklichen Vorfälle, ist aber eine Analyse des herrschenden Frustes und der Lebensleere, die sich in Gewalt gegen 'Andere' oder 'das Fremde' entlädt. Diese Chronik einer angekündigten Katastrophe lässt ebenso wie die realen Ereignisse viele Fragen offen, führt aber noch einmal vor Augen, dass diese Vorgänge nur bedingt zeitverhaftet sind und sich auch wieder ereignen können. Insbesondere im Blick auf die Jugendlichen steht der Film in einer Reihe mit anderen Studien über Jugendkultur und Gewalt (z.B. Kriegerin oder Hass - La Haine).
Zu loben ist besonders das hohe schauspielerische Niveau, die gekonnte Inszenierung und finale Dramatisierung (in Farbe). Kritisch ist der Aussagewert des Filmes zu sehen: Wirklich neue Erkenntnisse angesichts der realen Ausschreitungen vor mehr als 20 Jahren vermittelt er nicht. Es bleibt aber der Verdienst, auf die Aktualität und die atmosphärischen Hintergründe mit einem packenden Film hingewiesen zu haben. Eine fesselnde Studie der Gewalt, ein packendes Drama über Leere und Orientierungslosigkeit, die leider schon zahlreiche Vorbilder und wohl auch viele Nachfolger haben wird.


Die Frau des Polizisten
Die Frau des Polizisten
DVD ~ Alexandra Finder
Preis: EUR 13,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Singen und Schlafen, Tiere und Natur, Familie und Gewalt! oder: Liebe und Zerstörung, 15. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Frau des Polizisten (DVD)
Am Anfang irritieren nicht nur die scheinbar zusammenhanglosen Bilder des Waldes und eines alten Mannes in winterlicher Landschaft, sondern auch die Kapiteleinblendungen, die vor schwarzem Hintergrund nicht nur den "Anfang" sondern auch das "Ende" eines Kapitels anzeigen. Insgesamt aus 59 solcher manchmal sehr kurzen Kapiteln besteht "Die Frau des Polizisten". Nicht nur aus diesem formalen Grund ist es ein gewöhnungsbedürftiger Film, der mit nahezu drei Stunden Laufzeit auch einige Aufmerksamkeit und Geduld einfordert. Aber zuerst einmal zur Geschichte:
Uwe und Christine leben mit ihrer vierjährigen Tochter Klara in einem schmucken Reihenhäuschen in einer nicht näher benannten norddeutschen Kleinstadt. Uwe ist Streifenpolizist, Christine kümmert sich als Hausfrau um Haus und Tochter. Zu Beginn taucht der Zuschauer in ein normales, sogar sehr harmonisches Kleinfamilienleben ein: Alltag im Beruf und zuhause, gemeinsames Essen, ein Spaziergang mit Ostereiersuchen im Wald und anschließendem Picknick. Alle drei scheinen sehr glücklich miteinander. Um so mehr ist man überrascht, wenn Uwe plötzlich Christine anschreit und schlägt, weil sie ohne Gute-Nacht-Gruß den gemeinsamen Fernsehabend auf der Couch verlassen hat. Fortan zeichnet sich die Gewalt des Mannes der Frau gegenüber durch blaue Flecke und Hämatome auf ihrem Körper ab. Die Frau konzentriert sich immer mehr auf das Kind, umsorgt es, eröffnet ihm die Welt durch Gartenarbeit und gemeinsames Spielen. Zugleich ist die Kleinfamilie aber völlig isoliert. Es tauchen weder Verwandte noch Freunde auf, das kleine gemütliche Eigenheim wirkt irgendwann eng und erdrückend. Dies alles ist aber keinesfalls chronologisch oder mit einem inneren Ursache-Wirkung-Zuhammenhang gezeigt, sondern es gibt immer wieder glückliche Szenen der Zweisamkeit des Ehepaares, liebevollen Umgang von Mann und Frau mit ihrer Tochter und ausgesprochen intime Szenen des Streichelns und des gemeinsamen Badens, die mit Szenen der Ablehnung, der Gewalt und einer Atmosphäre der Angst abwechseln. Christine ist durch das Verhalten ihres Mannes verstört, versucht aber immer wieder die Annäherung, ist hin und her gerissen zwischen Abscheu und sehnsüchtiger Liebe. Uwe erscheint frustriert durch seinen eintönigen Job, der ihn in der Polizeiarbeit auch immer wieder mit Leid und Tod konfrontiert. Er versteht sein eigenes Handeln nicht, liebt ganz offensichtlich Frau und Kind, weiß aber auch keinen Ausweg, so dass die Gewaltspirale sich steigert, seine Ausbrüche häufiger werden und die anfängliche Liebe zunehmend zerstört.

Philipp Gröning (Die große Stille) hat einen sehr komplexen und inhaltlich offenen Film gedreht. Seine Bilder deuten an, zeigen Handlungen und Zustände, aber lassen immer wieder Raum für Deutungen. Die häufigen Kapiteleinblendungen mögen nervig sein, sie zwingen den Zuschauer aber zu Distanz und laden ein zur Reflexion. Da die Kapitel keine Titel sondern nur Nummerierungen tragen, wird auch hier keine Deutung geboten. Allein der Filmtitel legt nahe, dass die Erzählhaltung auf Seiten des Opfers ist. Die Künstlichkeit des Gezeigten wird vor allem dadurch unterstrichen, dass die drei Hauptfiguren ein jeweils anderes Kinderlied direkt in die Kamera singen. Jede Figur erhält für diese Szene ein eigenes Kapitel. In einer vierten Gesangsszene singen alle drei ein Lied über das Märchen von Dornröschen, die hinter einer großen Dornenhecke verborgen durch einen Zauberfluch so lange schlafen muss, bis ein Prinz sie durch wahre Liebe davon erlöst. Für weitere Irritationen sorgen zahlreiche Tierszenen, die in der Art von Naturdokumenationen ebenfalls eigene Kapitel erhalten. Insbesondere der nachts zwischen den Häusern nach Nahrung suchende Fuchs wird in der Geschichte inhaltlich-symbolisch mit aufgenommen. Aber auch der Fuchs ist ein mehrdeutiges Symbol. Als letztes weiß man einen alten Mann, der bei alltäglichen Verrichtungen (Ankleiden, Kochen, Essen, Schlafen) gezeigt wird, nicht zuzuordnen. Er erscheint wie das in die Zukunft projizierte Symbol der Vereinsamung: Auch er wird vor allem in seiner Wohnung, allein und isoliert im Rahmen eines mehr oder weniger monotonen Alltags gezeigt.

"Die Frau des Polizisten" ist ein schwer zugänglicher Film, der sowohl äußerst innige Momente der Liebe und Zärtlichkeit zwischen Erwachsenen und Kindern als auch verstörende Szenen von Gewalt, Zerstörung und Traumatisierung zu bieten hat. Durch die unverbundene Szenenstruktur, die 59 Kapiteleinblendungen und metaphorische Natur-, Tier- und Parallelerzählungs-Bilder zwingt der Film zu Distanz und Reflexion, gerät mitunter aber auch zu einem anstrengenden, wenngleich hochspannenden Filmexperiment. Ein herausfordernder Film, der Geduld und Konzentration verlangt, aber dann tiefe Einblicke in Menschliches Zusammenleben gewährt. Das Schlussbild behält man durch seine Intensität lange im Gedächtnis und lässt den ganzen Film länger nachwirken.

In den Extras findet sich ein informatives Interview mit dem Regisseur, in welchem er schildert, dass er intensiv über Erlebnisse und das Schicksal misshandelter Frauen recherchiert hat. Zudem bietet er Erklärungsansätze für seine formale, zugleich intuitive und überlegte Vorgehensweise.
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Der wundersame Katzenfisch (OmU) [2 DVDs]
Der wundersame Katzenfisch (OmU) [2 DVDs]
DVD ~ Ximena Ayala
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Was gefällt dir eigentlich bei uns?", 9. Februar 2015
… fragt die zweitälteste Tochter die nur wenig ältere Claudia. Diese lebt zwar mit im Haushalt, ist aber mit den anderen Personen nicht verwandt. Vielmehr hat die 22jährige Claudia überhaupt keine Angehörigen, sondern ist seit ihrem zweiten Lebensjahr völlig allein. Nun musste sie ins Krankenhaus, wo ihr der Blindarm entfernt wurde. Im Nachbarbett trifft sie auf die Aids-kranke Martha, ihre drei Töchter und den jüngsten Sohn. Aus einer anfänglichen Vertrautheit und der Mitnahme im Familienauto, einem VW-Käfer, entwickelt sich eine Art Symbiose. Claudia sehnt sich nach einer Familie und die Menschen rund um Martha sind mit der Krankheit der Mutter und der Organisation des Familienhaushalts überfordert und daher dankbar für jede Art von Hilfe. Aus einer anfänglichen Skepsis (der beiden älteren Töchter) gegenüber Claudia wächst eine Dankbarkeit für ihre Hilfe. Insbesondere zum Jüngsten, Armando, hat Claudia sofort einen guten Draht. Ihm schenkt sie auch den Titel gebenden Fisch, der dann ebenfalls in den etwas chaotischen Clan integriert wird. Neben glücklichen Phasen, wie der Reise ans Meer, bleibt aber immer auch die Drohung der fortschreitenden Erkrankung von Martha, die den Rhythmus des Zusammenlebens bestimmt und zunehmend krisenhafter wird.

Der Betrachter fragt sich eigentlich nur kurz, was Claudia an dieser chaotischen Familie, deren Zentrum die warmherzige Mutter Martha ist, gefällt, denn schnell wird klar, dass die Personen nur deshalb voran kommen und nicht aufgeben, weil sie sich gegenseitig helfen und unterstützen. Claudia gliedert sich weitgehend selbstlos ein, als Gegenleistung bekommt sie eine Heimat und Geborgenheit, was sie bislang nicht gekannt zu haben scheint. Ihre eigene Wohnung und ihre Arbeitsstelle (ein Aushilfsjob in einem großen Supermarkt) sind von Kälte und Einsamkeit gekennzeichnet.
Das Regiedebüt "Der wundersame Katzenfisch" ist aber nicht nur ein humorvolles Loblied auf Familie (in der mal wieder die Väter und überhaupt Männer abwesend sind), sondern es ist ein Plädoyer für das Leben. Jede noch so schwierige Situation, und sei es auch eine todbringende Krankheit, können dadurch ertragen werden, dass man sich auf den jeweils anderen besinnt, sich für den anderen einsetzt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Dabei schildert dieser mexikanische Film durchaus, dass Aids immer noch zu Ausgrenzung führt und dass das mittelamerikanische Land durch eine extreme soziale Ungleichheit und schwierige ökonomische Verhältnisse gekennzeichnet ist. Auch die Probleme der Kinder (Wendys Antriebslosigkeit, Armandos Schule-Schwänzen, die Beziehungsprobleme der Ältesten) sind nicht mit einem Mal gelöst, aber sie bleiben erträglich durch die gemeinsame Solidarität und in Ansätzen werden Wege zur Änderung eröffnet.

"Der wundersame Katzenfisch" ist ein Familienfilm, der dank seines mexikanischen Realismus die Klischee- und Kitsch-Fallen des Familienfilmgenres umschifft und stattdessen eine Mut machende Geschichte über den Wert des Lebens, die Kraft des kleinen Glücks und die Bedeutung des solidarischen Miteinanders erzählt. Dies geschieht ohne große Höhepunkte oder dramaturgische Besonderheiten, dafür humorvoll und lebensnah. Sehenswert!


Night Moves
Night Moves
DVD ~ Jesse Eisenberg
Preis: EUR 7,99

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Das ist ein richtig großes Ding - ein ganz anderes Level!", 29. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Night Moves (DVD)
Endlich wollen die Umweltaktivisten im großen Stil handeln. Einfache Proteste verhallen ungehört, die Leute müssen aufgeschreckt werden. Die Sprengung des Staudamms wird die Leute aufschrecken und endlich zum Handeln bringen. Davon sind die jungen Aktivisten Josh und Dena jedenfalls überzeugt und schließen sich mit dem etwas älteren Harmon zu einem Trio zusammen. Harmon ist zwar weniger Überzeugungstäter, hat aber dafür durch seine Ausbildung bei den US-Marines das entsprechende Vorwissen, um die Sprengung professionell vorzubereiten und durchzuführen. Josh ist der Nachdenkliche und wohl am meisten radikalisierte der Drei, während Dena wohl aus gutem Hause stammt und vor allem von unbekümmertem Idealismus angetrieben wird. Als noch eine fehlende Menge Kunstdünger für die 'Bombe' besorgt werden muss, besteht sie diese Aufgabe mit abgebrühter Coolness. Alles läuft nach Plan, oft wird wortlos miteinander gearbeitet und jeder Handgriff sitzt. Harmon hat allerdings Zweifel, ob Dena der Belastung durch solch eine (kriminelle) Tat gewachsen sein wird und spricht Josh gegenüber davon, dass die Sprengung eines Staudamms "ein ganz anderes Level" erreiche. Josh hält an Dena fest, zumal sie das für die Sprengung notwendige Boot finanziert hat. Die Geschichte geht aber über die sorgfältig vorbereitete Nacht der Sprengung noch hinaus und zeigt, dass das Leben danach weitergehen muss, obwohl sich durch die gemeinsame Tat alles verändert hat.

Independet-Regisseurin Kelly Reichardt hat mit ihren Vorgängerfilmen (Meek's Cutoff (OmU) und Wendy and Lucy (OmU)) bereits bewiesen, dass man anspruchsvolle Filmgeschichten als Genrefilme inszenieren und doch eigenwillig spannend bleiben kann. Vor allem hat Reichardt eine eigene Handschrift entwickelt: Ihr kommt es nicht so sehr auf die äußere Spannung an (die ist oft verschwindend gering), sondern auf die Spannung die in und zwischen den Charakteren herrscht. Was bewegt Menschen? Wie weit gehen sie? Wo liegen die Grenzen des Handelns? 'Night Moves' ist zwar ein (Öko-)Thriller, aber die Thriller-Elemente sind sehr verhalten und pointiert verwendet. Die Schauspieler und ihre Figuren stehen im Mittelpunkt. Oft wird schweigend agiert und nur die Gesten und die Mimik drücken Stimmungen und Emotionen aus, die durchgängig bis zum Ende spürbar und knisternd sind.

'Night Moves' ist äußerlich ein Thriller über Umwelt-Aktivisten, die mit den Folgen ihres Handelns klar kommen müssen. Unter der Oberfläche ist es eine Charakterstudie über Menschen, die ihren Überzeugungen folgen, aber deren Idealismus (oder im Falle von Harmon: Pragmatismus) sich an einer Mehrzahl von Wirklichkeiten bricht. Intensive Bildsprache, reduzierte Dialoge und eindrückliche Schauspieler lassen den insgesamt ruhigen Film lange nachwirken.

Als Extras sind nur einige Trailer enthalten, der Film ist aber sicher sehenswert!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 31, 2015 4:26 PM MEST


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