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Rezensionen verfasst von
Rudi Sander "Bad Schwalbach" (Bad Schwalbach, Hessen)
(REAL NAME)   

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Im Schatten des Sinai: Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft (edition suhrkamp)
Im Schatten des Sinai: Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft (edition suhrkamp)
von Peter Sloterdijk
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer über Religion nachdenken will, ..., 28. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
..., und da hier nicht gelesen hat, der sollte geich wieder einpacken. Die Religionen des sogenanten Monotheismus als kämpferische (und auch als versagende) Streßgemeinschaften - das zu lesen und zu begreifen, das hat schon etwas Besonderes.


Aus dem Berliner Journal
Aus dem Berliner Journal
von Max Frisch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großer Mann (als Schriftsteller), 28. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Aus dem Berliner Journal (Gebundene Ausgabe)
Es ist für mich verblüffend zu sehen, (beim Lesen), wie ein solcher Könner und eleganter Beherrscher der deutschen Sprache, geradezu ein Meister der Semantik im Sinnfeld der deutschen Sprache, wie der wieder und immer wieder an sich und an seinem Können und anm Nutzen seines Schreibens zweifelt - ja oft sogar verzweifelt. Erschütternd - aber: voller grandioser Einsichten über Berlin, die Menschen heute und die Welt um sie heraum.


Neujahrskonzert 2014 (Ltd. Edition)
Neujahrskonzert 2014 (Ltd. Edition)
Preis: EUR 10,97

0 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das war - für mich - ein zu schneller Fehlkauf, ..., 28. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
..., weil ich übersehen hatte, dass es sich hier um eine Audio-CD handelt, ich hatte eine DVD erwartet - und inzwischen ist die ja auch hier erschienen. Siehe dann dort.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 30, 2014 11:42 AM CET


Präsens: Poetik eines Tempus
Präsens: Poetik eines Tempus
von Armen Avanessian
  Broschiert
Preis: EUR 29,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neues Denken ..., 28. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Präsens: Poetik eines Tempus (Broschiert)
... aber erst angelesen, wenn ich doch mehr Zeit hätte, aber jeder kann ja hier sehen, was ich mir da aufgeladen haben zum Lesen.

Später also die Begründung.


Ruhige Straße in guter Wohnlage: Die Geschichte meiner Nachbarn
Ruhige Straße in guter Wohnlage: Die Geschichte meiner Nachbarn
von Pascale Hugues
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

33 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein unerhört intelligentes, unerhört ehrliches und unerhört notwendiges Buch:, 1. Oktober 2013
Gestattet mir, bitte, einen kurzen Augenblick vor der beabsichtigten Rezension persönlich inne zu halten: ich bin Jahrgang 1928, war also am Kriegsende, am schlimmen Ende des sogenannten Zweiten Weltkriegs schlichte 16 Jahre alt. Ich darf also - dem Psychologenrat in solchen Lagen folgend - sagen: ich bin unschuldig, aber: ich gehöre DAZU, soll heissen, ich kann es nicht "abwaschen" von mir und meinem persönlichen Schicksal, immer sagen zu müssen, ich bin ein Deutscher, ein - unschuldiges - Mitglied dieses historisch blamierten Tätervolkes. Soweit also der übliche Stand der Beurteilung in Einzelfällen. Getroffen und mit hineingerissen hatte es mich schon: ich war als Lehrling bei Telefunken in Zehlendorf (Berlin) Flaksoldat, ich war im Sommer 1944 - zwangsweise - unter Aufopferung des Urlaus - wie gesetzlich vorgeschrieben - in einen Wehrertüchtigungslager (für drei Wochen), und habe dort gelernt, alle damals gängigen Infanteriewaffen "zu bedienen", und ich war von Oktober 1944 Bis Ende Januar 1945 beim sogenannten Reichsarbeitsdienst (der damals schon nur noch Flugplätze und ähnliche bewachte und "verbesserte"), und: man hat mich am 13. Februat 1945 eingezogen, nach Unna in Westfalen, zu einer Funkerausbildung. Weil ich aber schon bei Telefunken das Funken gelernt hatte, (in ausreichender Geschwindigkeit = 90 Zeichen "geben" und - sicher - 60 Zeichen/pro Minute "hören", mit der Folge: ich kam als "brauchbar" sofort nach Österreich auf einen Truppenübungsplatz und habe das Kriegsende in Österreich, kurz vor Klagenfurt, als wir nach "Kroatien" sollten, "überlebt. Kurz: Im Herbst 1945 war ich - weil noch nicht 18 Jahre alt - wieder zu Hause in Berlin, die Amerikaner waren so tolerant zu meinesgleichen.

Ich gehöre also der "Goldenen Generation" an, die den "Wiederaufbau" geschmissen hat, die immer feste Arbeitsplätze kannte, die immer mit jährliche hohen Lohnzuwächsen rechnen konnte, kurz: die eben privilegiert war. Seit 1985 bin ich (als Technischer Ministerialbeamter) pensioniert. Ich leben, ich lese viel, ich habe mehrmals mehrere Tausend Bücher besessen, (und wieder verloren, weil die "Flexibilität" es so wollte), mir geht es immer noch gut und ich habe gerade einen Brustkrebsoperation gut überstanden.

Warum das alles vorneweg? Damit keine falschen Eindrücke entstehen, wenn ich das Buch selber ganz kurz abhandeln werde:

Es ist in einem großartigen Deutsch geschrieben, und das von einer Französin. Es macht ohne Sentimentalitäten und ohne Übertreibungen einem jeden Leser klar, was wir Deutsche doch für historische Idioten sind: Wir haben uns mit mit der "Judenvernichtung" doch schlicht und ergreifend "selber ins eigene Knie geschossen": um 1900 waren die meisten Nobelpreisträger Deutsche und unter ihnen schlicht und ergreifend: deutsche Juden, jüdische Professoren höchster Qualifikation. Historisches Ergebnis: Heute sind die Nobelpreisträger "alle" Amerikaner" und das heisst (zu einem üblichen hohen Prozentsatz) amerikanisierte deutsche Juden, (sofern diese Menschen, soweit sie eben überleben konnten, nicht gleich nach Israel ausgewandert sind), und die Aurorin sie mit ihrer unermüdlichen Recherche eben dort gefunden hat, sonst also in eben diesen Vereinigten Staaten von Amerika.

Das Buch ist elegant geschrieben, phantasiereich, mit viel Humor, nirgends rechthaberisch, also: es ist sowohl bewundernswert wie erschütternd. Wer es ohne wenigstens einmal zu weinen zu lesen vermag, der muss ein Herz aus Stein haben.

Kurz: SEHR EMPFEHLENSWERT !
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 17, 2014 9:43 PM CET


Warum es die Welt nicht gibt
Warum es die Welt nicht gibt
von Markus Gabriel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

81 von 114 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schlitzohr Markus Gabriel hat sich SEINEN Luhmann "neu gerichtet", 14. Juli 2013
Lese nun - als (84 Jahre) alter Luhmannianer, der 55 Bücher von Luhmann kennt und ungezählte der Sekundärliteratur - diesen wunderbaren Markus Gabriel zum zweiten mal, und plötzlich geht mir ein Licht auf: Dieser jugendliche Held (38 Jahre, seit drei Jahren Professor für Philosophie in Bonn, spricht acht Sprachen, WEIL er die Welt in möglichst ALLEN Sprachen verstehen will), dieses philosophisch überaus beschlagene Schlitzohr also, er reitet gekonnt und munter das schöne weisse Luhmannpferd, dieses stolze Roß neuer soziologischer Erkenntnisse. Aber; Markus Gabriel reitet es verantwortungsvoll in eigenem Namen, wie es sich für einen Wissenschaftler gehört.

Und das sieht dann so aus: a) Welt OHNE Zuschauer = Metaphysik; b) Welt MIT Zuschauer = normaler Konstruktivismus (seit Kant mehr oder weniger bewährt). Aber: BEIDE falsch, weil es die EINE Welt nicht gibt und nicht geben kann. Somit folgert Gabriel: es müssen wirklich Max Weber und Niklas Luhmann beide zusammen ran und dann: weg mit der "alteuropäischen Verzauberung", das soll heißen: Es gibt nicht EINE Welt, sondern eben VIELE Welten = Perspektiven = Beobachtungen, aber: Beobachtungen Zweiten Grades, nämlich die beobachteten Beobachter mit ihren beobachteten Beobachtungen.

Und das ergibt dann schlicht und einfach den bekannten (aber eben nicht allen vertrauten) Niklas Luhmann, den Soziologen mit seiner Supertheorie, die alles zu erklären beansprucht, sogar die eigene Theorie. Und das macht Gabriel elegant mit seinen eigenen Worten. Denn Luhmann wollte immer das uralte und so vollkommen abgenutzte Wort System loserden, aber: Luhmann wollte als ein nach Erfolg strebender Wissenschaftler im Haifischbecken der wissenschaftlichen Konkurrenten und mit dem Riesenvorbild eines G.W.F. Hegel im Nacken auch in der anerkannten Wissenschaft anschlussfähig sein und anschlussfähig bleiben mit seiner Supertheorie, die ALLES beobachten und erklären sollte, eine Theorie, die sogar sich selber in ihrem eigenen Gegenstandsbereich enthält (Selbstreferenz).

Und genau dies nutzt Gabriel aus: Gabriel beschreibt Luhmanns Systemtheorie, (diese Wahnsinnsmischung aus Kommunikationstheorie, Beobachtungstheorie, Differenztheorie, Evolutionstheorie und Gesellschaftstheorie) ohne das Wort System und nennt das denn konsequent Neuen Realismus, der VIELE Welten kennt, nicht nur die eine der überholten alten Metaphysik. Das ist konsequent, als Philosoph, denn der berühmte Philosoph Spaemann hat ja schon seinerzeit bei seiner Laudatio über Luhmann, den Hegelpreisträger der Stadt Stuttgart, herausfordernd und anerkennend gesagt, der Soziologe Luhmann habe sich (als handelnder Philosoph) eben diese seine Hegelwelt "anders gerichtet".

Und genau dies hat nun Markus Gabriel noch einmal getan, nur eben mit seinen eigenen Worten, getreu dem Satz von Luhmann: "Alles Gesagte kann allemal auch vollkommen anders gesagt werden". Gabriel hat also Luhmanns Welt-Theorie mit neuen Worten als den Neuen Realismus neu gesagt ! Und: diesen Neuen Realismus, den Realismus der vielen Welten = Perspektiven = Beobachtungen Zweiten Grades, den kann nun endlich auch ein jeder halbwegs bemühte Leser verstehen, (was man von Luhmanns Systemtheorie nun nicht grade sagen kann, denn die war eigentlich immer nur für einen mehr oder weniger begrenzten kleinen Kreis von "Luhmanngläubigen", denn nicht einmal alle Soziologen haben diesen genialen Luhmann wirklich anerkannt, höchstens 5% von ihnen). Das wird nun anders, denn: Den Markus Gabriel kann ein jeder verstehen, weil der junge Professor ein klares unverstelltes Deutsch spricht, (fast) akademiefrei. Und genau hiervon haben wir doch alle immer geträumt ! Danke Markus Gabriel !
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 21, 2014 8:53 PM MEST


Entgrenzte Grauzonen
Entgrenzte Grauzonen
von Michael Wollmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,30

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Junger Könner der sogenannten Kleinen Form, 13. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Entgrenzte Grauzonen (Taschenbuch)
"Der Mensch weiß nicht, wer er ist. Er beginnt mit der Suche. Menschsein bedeutet, sich auf der Suche danach zu befinden, was der Mensch ist. Heidegger hat dies besonders zugespitzt formuliert: >Das Selbstsein ist der schon IM Suchen liegende Fund<" Dies fand ich bei dem Bonner Philosophen Markus Gabriel, (seines Namenszeichens also die Verbindung des Evangelisten mit dem Erzengel), Deutschlands jüngster Philosophieprofessor. So singulär erscheint mir auch dieser junge strebende, um seinen eigenen Ausdruck ringende Autor, als Denker ein Schüler des Philosophen Wilfried Kähler, (Autor von "Am Abgrund des Nichts").

Er ist in vielem dunkler als sein Lehrer. Seinen eingeschriebenen Zweifel, (vielleicht auch eine gewisse Verzweiflung), hat er gewiss von ihm. Aber er hat die Laterne des Diogenes in seiner Hand, als Suchender. Er sucht und findet, und was er findet, schreibt er - oft hochkondensiert - konzentriert auf. Das dann zu entschlüsseln, auf einen Alltagssinn hin zu entfalten, ("herunter zu brechen" wie er es öfter selber nennt), ist nicht durchweg leicht und - wie bei seinem ersten Band - es kann durchaus an Privatsprache grenzen, was das schnelle und leicht eingängige Verstehen für den modernen, eher oberflächlichen Leser, nicht leicht macht. Insoweit ist der vielfältig belesene Autor sich in seiner eigenen Entwicklung auch treu geblieben: er ist hartnäckig beim Bohren dicker Bretter, (wenn es gestattet ist, Max Webers Formulierung ernsthafter Politik auf das Genre der Aphoristik zu übertragen).

Also ein dünnes Büchlein, (46 Seiten Aphorismen mit 22 Seiten Anhang aus der Prosawerkstatt des Verfassers), das es aber faustdick "hinter den Ohren" hat. Es ist schnell und preiswert zu erwerben, aber es will mit Sorgfalt und Geduld vom einfühlsamen Leser zum eigenen Nutzen und Frommen regelrecht erarbeitet sein. Es öffnet sich nur zum vollen Verständnis den Lesern, die selber belesen und so weltoffen wie welthaltig sind. Der oben erwähnte und eingangs zitierte Philosoph Gabriel hat den Begriff Sinnfelder eingeführt und heuristisch fruchtbar gemacht. Nach ihm ist die Welt kein Ganzes, sondern eine sinnvolle und sinnbringende Verschachtelung unendlich vieler Sinnfelder. Michael Wollmann weiss das, denn er hat dies ganz unabhängig für sich selber entdeckt. Man muss ihm nun nur noch viele fleissige Leser wünschen. Denn, nach Gabriel, gibt es schliesslich (seit dem Barock) unendlich viele Perspektiven auf unendlich vieles. Der Autor Wollmann lässt sich möglichst keine davon bei seiner Entfaltung seiner Sinnfelder zu Sinnwelten entgehen: man muss sie aber selber - nachempfindend - für sich entdecken.


Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren?: Zur De-ontologisierung in Philosophie und Sozialwissenschaft (Wissen und Studium)
Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren?: Zur De-ontologisierung in Philosophie und Sozialwissenschaft (Wissen und Studium)
von Jean Clam
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen De-ontologiesierung - wie geht das denn?, 27. Juni 2013
Metaphysik und Ontologie haben mich schon immer verwirrt. Beides erschien mir – als Leser vieler und verschiedener philosophischer Texte – immer als die beiden Hauptsünden am ewig grünenden Zweig der Philosophien und des Philosophierens. Die Metaphysik spricht von Wesen, von Zuständen, sie beschreibt plausibel, konsistent, kohärent und konkludent, also stringent Verhältnisse, die sich auf den zweiten Blick, den jeweils strengeren, als nicht haltbar erweisen. Es gäbe mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse, dieses bekannte Diktum kann die unabweisbaren Zweifel nicht abweisen. Und es zeigt, dass Plausibilität nicht alles ist oder – zumindest – zu sein scheint. Die Metaphysik lassen wir erst einmal beiseite.

Ontologie, was ist das, oder anders: was soll das sein? Zwei kurze Blicke ins Wörterbuch Altgriechisch/Deutsch: Ontologie ist die Lehre (der Logos) vom Seienden. Mit diesem guten klaren Ende sind wir am Anfang vieler Fragen und Seltsamkeiten. Denn: was ist das Seiende? Parmenides würde sagen, wenn seine Behauptung stimmt, dass Sein und Denken identisch sind, dann wäre seiend dasjenige, was sich denken lässt. Das klingt nun schon fast so wie der bekannte ontologische Gottesbeweis: Gott lässt sich denken, also muss es ihn geben. Gottes Existenz hinge dann im wahrsten Sinne des Wortes an dem seidenen Faden des Existenzattributes. Dieses Existenzattribut ist aber im Verlaufe der Denkgeschichte über das immer brüchiger werdende Brüchigwerden aller dogmatischen Wiederholungen so brüchig geworden, das es verdampft ist, semantisch verdampft: Aus der Unterscheidung Sein/Nichtsein lässt sich die Existenz des Seienden nicht plausibel ableiten. Die Identität von Etwas als ein Sosein dieses Etwas abzuleiten, muss am – schlechten – Ende immer scheitern. Denn die unbezweifelte und unbezweifelbare Identität von Irgendetwas ist insoweit und insofern eine Schimäre, also ein eingebildetes Etwas, weil behauptete Identität von Etwas logisch “unerreichbar” ist, (so sagt man heute). Das bedeutet im Klartext: Alle Aussagen über Dinge oder Ereignisse oder Erscheinungen sind immer nur Setzungen, Behauptungen (im besten Falle solche, die sich im öffentlichen Diskurs behauptet haben), also – wie man heute sagt: Konstruktionen. Und eine gute Konstruktion ist bekanntlich eine, die funktioniert.

Nehmen wir ein leicht überschaubares Beispiel und riskieren wir dabei hier und da ein Analogisieren, auch wenn die Wissenschaft, wenn sie etwas methodisch beweisen will, das verbietet. Jemand zeigt auf etwas und sagt, siehe, ein Baum. Man schaut hin, (weil man an Wittgensteins Warnung denkt, die Behauptung, die Katze läge auf der Matte, sei schliesslich immer nur dann wahr, wenn die Katze tatsächlich auf der Matte liegt), und man muss nicken: Das Etwas, auf das der Sprecher mit seinen Worten, siehe, ein Baum, gewiesen hat, sieht tatsächlich wie ein Baum aus, jedenfalls lassen sich alle Attribute, die man in einem guten Buch über Bäume nachschlagen kann, optisch ausmachen. Man wird sich vielleicht sogar an Platons Ideenlehre erinnern: jeder reale Baum sei naturgemäß nur eine eidetische, eine bildhafte Angleichung der sichtbaren Erscheinung des realen Baumes mit der – sagen wir ruhig: himmlischen – Idee des Baumes. Nun kommt in uns der Zweifel hoch, gebrannte Kinder, die wir ja schliesslich alle sind: Was aber, wenn es sich hier bei dem Baum, auf den gerade gezeigt wird, vielleicht um ein perfektes Hologramm handelt? Oder um eine meisterhaft ausgeführte Theaterattrappe? Soviel wissen wir ja als Amateurphilosophen: Der Schein überlistet oft die Behauptung des Seins. Dem Schein ist eben nicht zu trauen.

Seinsbehauptungen als Identitätsbehauptungen sind also schwer zu halten. Man könnte es nun versuchsweise einmal mit so etwas wie Negation versuchen: Wir sagen nicht, was ein Baum ist, sondern, was er nicht ist. Dann würde unser imaginierter Sprecher, als Behaupter eines Sachverhaltes als einer Tatsache vielleicht so formulieren: Schau, was da wie ein Baum aussieht, das ist keine Katze. Dem könnte man dann hemmungslos und bedenkenlos sofort zustimmen, denn ist scheint ja offensichtlich, dass man im angenommenen Falle einen Baum sieht und eben keine Katze. Nun hat man aber mit der Aussage, was Identiät nicht ist, nicht viel gewonnen. denn man will ja wissen, was etwas nun wirklich der Fall ist.

Nach zweieinhalb Tausend Jahren der diffizilsten Überlegungen ist man in fortschrittlichen Denkerkreisen übereingekommen, und zwar spätestens seit dem eleganten Scheitern Hegels und – vereinfacht – frühestens (oder doch spätestens) seit Heideggers Propaganda für die (seine) ontologische Differenz (zwischen Sein und Seiendem), einfach das Problem der Identität beiseite zu lassen und einmal ganz anders anzufangen, und zwar mit der Differenz.

Zwischenbemerkung: Man denke einfach mal an die Entwicklung einer Gattung oder eines Individuums einer Gattung: Hunde sind Hunde, und der Hund Rex ist der Hund Rex, als Welpe und als das ausgewachsene Exemplar seiner Rasse. Wann aber – man denke an die Evolution, den Stoffwechsel und das Wachsen und die phasenweise Zellerneuerung in einem jeden lebendiger Körper – wann hätten wir hier jemals Identität? Also nicht nur der Zweifel beim Hinschauen wächst, auch die Analyse kann die behaupteten Identitäten spielend erschüttern.

Also jetzt setzen wir auf Differenz: Von nun an beschreiben wir alles modal, immer im Verhältnis eines Etwas zu einem anderen Etwas, also als Unterscheidung. Vor uns ein körniges, weisses kristalines Häufchen: Zucker oder Salz? Wir befeuchten die Spitze unseres Zeigefingers, betupfen das fragliche Häufchen und führen die Fingerkuppe an unsere Zunge. Der Beobachter unseres experimentellen kleinen Treibens kann es an unserem Gesichtsausdruck ablesen: strahlen wir, ein wenig entzückt, dann Zucker, schauen wir “verbittert”, dann Salz. Der Beobachter weiss (aus eigener Erfahrung), was in unserem Kopf vor sich ging: Zwischen süss und salzig herrscht ein Unterschied, der eben einen bedeutenden Unterschied macht: süss ist nicht salzig (oder nicht bitter, wenn wir einen anderen Vergleichseindruck heranziehen). Wir bestimmen also nicht die geschmackliche Identität einer Probe, (denn über Geschmack lässt sich bekanntlich – lange – streiten), sondern wir halten uns zur Erlangung von Gewissheit darüber, was im gegebenen Falle vorliegt, an eine reproduzierbare (und im Zweifel auch: falsifizierbare) Differenz.

Mit anderen Worten, (man erinnere sich, Luhmann hat gesagt, alles Gesagte könne immer auch anders gesagt werden): Wir bestimmen etwas als Etwas, wenn es denn unbedingt bestimmt werden muss, als eine FORM in einem MEDIUM (der Unterscheidungsmöglichkeiten). Wir sagen, (auch wenn wir das nicht immer – im Alltag – so perfekt und penibel aussprechen): Das ist ein Auto (und kein Motorrad und keine Eisenbahn und kein Sack Mehl). Mit ein bisserl Humor: Wenn ein Durchschnittsmensch, ein Laie, sagt, das sei ein Auto: auch wenn er recht hat, auch wenn alle ihm zustimmen, auch wenn er selber leidenschaftlich Auto fährt, er wird – heutzutage – keine blasse Ahnung haben, was ein Auto wirklich ist, (es sei denn, er sei Ingenieur bei BMW oder Mercedes). Haupsache, er zeigt nicht auf ein Auto und sagt, das ist ein Mehlsack. Nicht weil man ihn dann auslachen würde oder in die Klapse schicken, nein, einfach deshalb läge er schief, weil er eine vollkommen unbrauchbare Unterscheidung verwendet und dem sichtbaren Auto eine falsche Form angesonnen hätte.

Man erkennt also: Es kommt – auch wenn man es sehr genau nimmt – nicht darauf an, was etwas “wirklich” ist, (denn das kann ja niemand wissen, wegen der oben eingangs erwähnten Unerreichbarkeit; übrigens ein von Peter Fuchs geprägter Begriff, den Luhmann freudig übernommen hat). Was immer wir, als Beobachter oder gar als Beobachter von Beobachtern, unterscheiden und bezeichnend beschreiben, wir brauchen – auch als Wissenschaftler – gar nicht zu wissen, was “wirklich” vorliegt, Hauptsache unsere Beschreibung ist tatsächlich zutreffend, sie sagt uns etwas, sie hilft uns weiter, sie lässt uns leben.

Was ist Gerechtigkeit? Das weiss nun wirklich keiner. Dazu sind die realen Verteilungs-Möglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft nun wirklich zu vielfältig. Aber: keine Wahlrede eines Politikers, welcher Partei auch immer, ohne eine irgendwie semantisch unterscheidbar behauptete Gerechtigkeit. Solange man ihm zustimmen kann, wird er auch gewählt werden.

Oder nehmen wir das Photon. Wir drücken auf einen Schalter und es wird hell. Ist das Photon nun eine Welle oder ein Teilchen? Weder noch wäre genau so falsch wie “beides”, weil es darauf ankommt, wie der Physiker experimentell seine Frage organisiert. Sein Versuchsaufbau wird dann die Antwort bestimmen. Die Physiker können hiermit gut leben. Ein Photon ist jedenfalls eines nicht: es ist kein Elektron und kein Proton und so weiter im (inzwischen) zwölffachen, also arg geschrumpften Teilchenzoo, denn das kann man im Beschleuniger oder schon in einer Nebelkammer gut – unterscheiden. Und so hat man beim Cern auch das Higgsteilchen nicht entdeckt, sondern man hat es gemacht: Higgs hat – als mathematischer Physiker – einen nicht zufrieden stellenden Formelwiderspruch dadurch geheilt, dass er sich ein Teilchen mit ganz bestimmten spezifischen Eigenschaften ausdachte, um plausibel zu machen, woher die Schwerkraft, die Gravitation, kommen “könnte”! Und die Leute beim Cern haben dementsprechend eine Maschine gebaut, die – mit steigendem Energieaufwand – eine bestimmte physikalisch determinierte Frageform aufgebaut hat, die dann die dazu passende Antwort lieferte. DAS “ist” dann eben das Higgsteilchen. Mehr braucht der Physiker nicht. Der Fall ist (bis auf weiteres) abgehakt.

Und genau so – wenn auch ganz anders – ist der Jurist Luhmann als werdender Soziologe verfahren. Die Soziologie ging auf Krücken. Niemand wusste mehr plausibel (also stringent, siehe oben) zu sagen, was ist Gesellschaft, was ist ein Subjekt, was ist eine Handlung, was ist Sinn? Um nur die wichtigsten Debattenfelder zu erwähnen. Gesellschaft ist eine Gemeinschaft, hiess es, eine Ansammlung von Menschen, die als Subjekte handeln. Welch einen Gedankenwirrwarr hat all dies heraufbeschworen von Comte über Durkheim und Marx bis Weber und hin zu Habermas. Da kam Luhmann, schaute sich um, was an positiven und brauchbaren Gedankenbausteinen vorliegt, was davon verwertbar sei und was man unbedingt verwerfen müsste, und entsprechend schrieb er Texte, über die die meisten Leute heute noch staunen. Es sind sogar wenige Kollegen, die bereit sind, ihm wirklich konsequent zu folgen. Nicht einmal bei den Soziologen. Da hat er schon eher ein verwundertes (weil brauchbares) Echo bei anderen, bei experimentierfreudigen Disziplinen. Denn sein geradezu ungeheurer (Ein)Satz: ALLES ist kontingent, (sogar die Kontingenz), das hat die Gesellschaftstheorie vollkommen umgekrempelt, “vom Kopf auf die Füsse”, wie es historisch in solchen Fällen so schön heisst. Sogar die professionelle Philosophie ist geschockt. Luhmann verzichtet vollkommen auf Identität: historisch – in einer brauchbar ausgebauten Theorie bislang als Einziger und vor allem als Erster. Er sucht auch keine philosophische Gedankenstütze. Er erklärt einfach die tradierte Unterscheidung Sein/Nichtsein als alteuropäisch und setzt an ihre Stelle seine Ausgangsunterscheidung System/Umwelt (mit der schier paradoxen Ungleichung: S=S/U). Und er folgert ironisch aus seiner eigenen Setzung, er gehe davon aus, dass es Systeme gäbe, ohne das ontologisch zu meinen. Und dann legte er los und machte ernst mit dem Kontingenzbegriff: was ist, war also möglich, deshalb ist es. Gesellschaft ist nichts als Kommunikation, denn Kommunikation ist Gesellschaft. Dafür kann dann bei ihm Kommunikation nicht denken. Das Denken, als Verknüpfung von Wahrnehmungen oder Vorstellungen, das überlässt Luhmann den Menschen, die er aber konsequent in der Umwelt des Systems Gesellschaft ansiedelt, (ohne Angst vor dem Vorwurf der Inhumanität; er sieht das sogar als schicksalhafte Entlastung des Menschen). Er nennt diese Menschen, die nun denken können, aber zum Ausgleich nicht mehr kommunizieren, er nennt sie psychische Systeme, damit sie dennoch in seine Theorie passen, er erklärt, dass sie zwar nur Lärm erzeugen (Noise), aber dennoch für das Zustandekommen von Kommunikation (also Gesellschaft) absolut als Irritatoren dieser Kommunikation unverzichtbar seien, als Personen mit Adressen, die Rollen ausfüllen in Interaktionen und Organisationen, und das trotz der pejorativen Apostrophierung ihres Tuns als Noise: dennoch zähle “ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren”. Und was soziologisch (und darüber hinaus, bis hin in die bislang unantastbaren Bereiche der Philosophie) hieraus alles tatsächlich folgt, dass beschäftigt viele der besten Leute und Edelfedern – in zunehmendem Maße – in vielen Ländern.

Wer, durchaus ganz aktuell, mehr und Präziseres hierüber lesen und somit erfahren möchte, dem empfehle ich also von Jean Clam: 1) “Was heisst, sich an Differenz statt an Identität orientieren?”, Zur De-ontologisierung in Philosophie und Sozialwissenschaft” und 2) “Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug”, beides bei der UVK-Verlangsgesellschaft, Konstanz, (2002/2004). Zum kleinen Preis von: 14 und 19 Euro).
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 27, 2013 2:01 PM MEST


Die Gegenwart des Sexuellen: Analytik ihrer Härte
Die Gegenwart des Sexuellen: Analytik ihrer Härte
von Jean Clam
  Broschiert
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mein Hundert-Dollar-Missverständnis, 19. Juni 2013
Dass viele deutsche Professoren ihre Muttersprache nicht beherrschen, ist ein bekanntes Faktum. Am schlimmsten sind diejenigen, die einmal mit vielen Mühen Griechisch gelernt haben und nun unaufhaltsam die seltsamsten Schachtelsätze schreiben, bei denen dann ganz überraschend am schlechten Ende doch noch ein Satzprädikat auftaucht, dessen Bezugssubjekt aber beim besten Willen niemand mehr identifizieren kann. Zu diesem weit verbreiteten Grundübel kommt erschwerend hinzu, dass diese Spezies der wissenschaftlich aufgemotzten Bekenner es offensichtlich prinzipiell ablehnen, die Dinge bei ihrem schlichten Namen zu benennen, unter dem sie in der Alltagskommunikation im Umlauf sind. So wundert es einen nicht, wenn dann der verblüffte Leser sich und andere fragt: wovon redet dieser Mensch eigentlich? Andererseits mag es tatsächlich oft notwendig sein, zum Beispiel um eben eine allgemeine alles unfassende Analyse zu ermöglichen, Alltagsbegriffe durch Fachtermini zu ersetzen. Dies muss selbstverständlich aber in einer einleuchtenden und durchschaubaren Art und Weise geschehen. Die solideste Methode hierzu ist immer noch die Defnition: Der mit bestimmten Schwierigkeiten der Zusammenfassung in Verdruck geratende Autor muss sich dann die kleine Mühe machen und dem Leser erklären, warum er die bekannten Sachverhalte A, B und C um der Vereinheitlichung ihres von ihm aufgedeckten gemeinsamen Sinns im Folgenden nun einfach mit dem Ausdruck D zu bezeichnen gedenkt. Auf diese Weise entstehen dann Texte, zu denen der interessierte Leser sich vielleicht diese oder jene Notiz zur Erinnerung machen muss, die sich aber dennoch leicht und flüssig lesen lassen.

Von all diesen bewährten Schreibhilfen ist in diesem Buch nicht die Rede. Der Verfasser ist ganz offensichtlich entschlossen, die positive hermetische aber dann sprachlich immer kreative Hermetik hermetischer Poetik der Moderne auf seine postsexuelle wissenschaftliche Verschleierungsprosa zu übertragen. Immer dann, wenn man trotz seiner überidiosynkratischen Privatsprache gerade zu ahnen meint, was er denn nun eigentlich wirklich sagen möchte, dann stellt er mit Sicherheit eine These auf, die dann alles wieder in das Gegenteil des eben so mühevoll Vermuteten hinüberleitet. Am schlimmsten hat sich in seinen Texten ausgewirkt, dass er unbedingt den allergrößten Wert darauf legte, seine undurchschaubaren Thesen auch noch in Einklang zu bringen mit den ohnehin schon undurchschaubaren Gewaltthesen zweier ohnehin ziemlich seltsamer französischer Strukturalisten.

Um es kurz zu machen: Über die Exaltationen der offensichtich vollkommen enthemmten modernen Sexualität als gesellschaftliches Alltagsverhalten erfährt man hier gar nichts. Der Verfasser, in der Maske des Systemtheoretikers, aber ohne die klare Sprache der Luhmannschen Systemtheorie zu sprechen, ist ein Erzkonservativer Angsthase, der es an keiner Stelle wagt, die Gegenstände seiner Beschreibung bei ihrem Klarnamen zu bezeichnen. Seine Hauptthese scheint zu sein: alle bewährte Verdrängung als Symptombildung ist in einem schrecklichen Niedergang begriffen. Deshalb mag er absolut nicht glauben, dass der normale Mensch unseres Zeitalters überhaupt noch Lebensfreude beim lebendigen vollziehen der Sexualität empfinden mag. Die moderne Toleranz der Gesellschaft zu den sich befreienden Formen des sexuellen Verhaltens scheint ihm ein Gräuel, und deshalb ruft er auf seine Weise sozusagen den gesellschaftlichen Notstand aus. In seinen Augen scheint ihm das sexuelle Verhalten der Leute von heute vollkommen aus dem Ruder gelaufen zu sein. Man darf ihn beruhigen: Die Leute sitzen vollkommen entspannt immer noch im selben Boot und rudern fröhlich vor sich hin.

Nachtrag: Das Buch hat - nach einer kurzen Einführung - vier Kapitel, die man sofort dem Titel des Buches zurechnet. Dann folgt ein fünftes Kapitel, das - seinem Titel nach - einen Sprung macht hin zur Systemtheorie des Niklas Luhmann. Darauf bin ich reingefallen, weil ich - als Luhmannianer mit über 50 Büchern von Luhmann, ohne die Sekundärliteratur - weil ich dachte, dieses Kapitel könne ich mir schenken, denn bei Luhmann (glaubte ich), kenne ich mich ja aus. Also legte ich nach der Lektüre der vorangegangenen vier Kapitel hoch emotionalisiert los, um meinen beim Lesen angestauten Frust verbal abzubauen. Das war mein kaum verzeihlicher Fehler, denn der hat zu der Rezension geführt, wie man sie oben lesen kann.

Nun habe ich doch das klar auf Luhmann bezogene fünfte Kapitel gelesen und bin beschämt (und blamiert): Denn die Sprache dieses fünften Kapitels habe ich verstanden, und damit habe ich auch verstanden, dass und warum ich die vorangegangenen vier Kapitel so entsetzlich missverstehen musste, (was ich dann auf die sonderbare Sprache des Autors schieben wollte). Mein Freudverständnis und mein Verständnis der Lacanschen Subjekttheorie waren mir doch zu wenig gegenwärtig. Das galt es jetzt zu begreifen. Ich denke, zumindest dies habe ich nun begriffen, und somit stehe ich gewaltig dem Autor gegenüber in der Schuld. Und diese Schuld aus Voreiligkeit möchte ich hier unbefangen einräumen. Ich bitte also den Autor um Verzeihung für meine Fehlinterpretation. Es kann mich auch nicht entschuldigen, dass Heinz von Foerster gesagt hat, über den Sinn von Gesagtem/Geschriebenem entscheide der Hörer/Leser. Ich hätte mir eben doch die Mühe machen müssen, die Sondersprache des Autors zunächst einmal zu lernen und zu verinnerlichen. Den Anfang habe ich mit der Lektüre seines fünften Kapitels ja getan. Mir bleibt nun nichts weiter übrig, als die vorangegangenen vier Kapitel noch einmal - und nun ganz anders - zu lesen. Das will ich gerne jetzt tun und werde mich dann wieder hier melden.

Ich werde dabei aber einen gewaltigen Umweg machen, nämlich: ich werde die beiden anderen Bücher des Autors Clam, die über Luhmann, zuerst einmal lesen: 1) "Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren?" und 2) "Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug". Diese beiden Bücher, (als Vorarbeiten des Autors), beschreiben ja eine Gedankenwelt, von der ich immer dachte, ich würde sie halbwegs beherrschen. Offensichtlich besteht aber auch für mich hier ein nicht unbeträchtlicher Nachholbedarf. Also: Bis später !
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Romantischer Rationalismus. Zu Wissenschaft, Politik und Religion bei Novalis
Romantischer Rationalismus. Zu Wissenschaft, Politik und Religion bei Novalis
von Remigius Bunia
  Broschiert
Preis: EUR 26,90

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die unausweichlichen und unaufhebbaren Aporien der Vernunft, 29. April 2013
Es gibt sie noch: Die jungen Leute aus gutem Hause, die mit dem berühmten goldenen Löffel im Munde geboren werden, die es sich aussuchen können, was und wo sie studieren, und die dennoch keine Mühe scheuen, es auf eine eigenständige Art und Weise zu etwas zu bringen, indem sie schlicht und vollkommen geradeaus ein eigenständiges Werk vorlegen. Die Rede ist von Remigius Bunia, der 2007 im Erich Schmidt Verlag, Berlin, unter dem an Knappheit nicht zu unterbietenden Titel “Faltungen”, Fiktion, Erzählen, Medien, seine Dissertation veröffentlichte. Obwohl ich nur ein vielseitig interessierter Leser bin, und weil mensch mich – oberflächlich skizziert – einen Luhmannianer nennen dürfte, obwohl mir nichts so sehr Befriedigung verschafft, auf dem Wege des Verstehen-wollens, an Luhmanns gewaltigem Theoriegebäude ein wenig zu rütteln, habe ich seinerzeit bei AMAZON dieses Buch “Faltungen” ziemlich euphorisch besprochen und abschliessend prophezeiht, dieser junge Mann sei in seinem Denken und Schreiben offensichtlich so viel versprechend, dass von ihm nicht nur viel sondern gewiss auch noch sehr Bemerkenswertes zu erwarten sei. Remigius Bunia hat diese Erwartung nun für’s Erste dadurch erfüllt, dass er ein neues Buch vorgelegt hat mit dem spannungsreichen Titel “Romantischer Rationalismus”, Untertitel Zu Wissenschaft, Politik und Religion bei Novalis. Erschienen beim Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, München, Wien, Zürich (2013).

Remigius Bunia ist, als Literaturwissenschaftler, bekennender Luhmannianer. Er hat zum Beispiel bei Dirk Baecker, dem Luhmannschüler und Kulturtheoretiker, gearbeitet als sein Assistent an der Zeppelin University in Friedrichshafen, bevor er als Juniorprofessor nach Berlin ging, wo er heute lehrt. Schon “Faltungen” war eine Literatur- und Erzähltheorie, die sich ohne den ständig mitlaufenden Rekurs auf das Denken des Soziologen Niklas Luhmann gar nicht vorstellen liess. Diesem Grundverständnis und seinem eigenen damaligen Titelbegriff ist Bunia insofern auch mit seinem neuen Buch treu geblieben, weil er auch hierin sein Literaturverständnis und seine Auffassung von der funktionalen Systemtheorie im wahrsten Sinne des Wortes “entfaltet”, getreu der seinerzeit von ihm formulierten These, was man unterscheiden könne, das müsse man dann aber auch entsprechend genau differenzieren.

Und so hat er sich im “Romantischen Rationalismus” am Beispiel des berühmten Dichters, Denkers und Ironikers Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, der sich selber Novalis nannte, die so oft und von vielen als irrational verschrieene Romantik vorgenommen, um am Beispiel der vom jung verstorbenen Dichter hinterlassenen und oft als “dunkel” geschmähten, meist nur fragmentarisch überlieferten Texte zu zeigen, wie knallhart rational und rationalistisch, also absolut vernunftbezogen, Dichter und Schriftsteller wie eben Novalis und – auf den wird viel reflektiert – Friedrich Schlegel tatsächlich gewesen waren.

Bunia nimmt einen langen Anlauf, (weger seiner argumentativen Präzision und Perfektion), und er schlägt einen großen und hohen Gedankenbogen, um seine Thesen zu entfalten. Er liefert (für 27 Euro) 213 Seiten Text: Davon nimmt dieser Anlauf mit seinen minutiösen Fakten allein173 Seiten ein, (vielleicht nicht jedermanns Sache), dann folgen sehr präzise kondensierte 24 Seiten Konklusion. Gnadenloser Ratschlag an den ungeduldigeren, aber gleichwohl am wirklich Neuen interessierten Leser: Lesen Sie, verehrte Leserin, das zweiseitige Vorwort und die 30 Seiten des Einführungskapitels “Wider alle Vernunft” und springen Sie dann rücksichtslos zum Abschnitt 7. “Poetik des Realismus”. Sie müssen dem ehrlichen und aufrichtigen Autor Bunia dann einfach nur Glauben schenken, in dem, was er nun zur Überraschung aller zusammenfassend verkündet. Kernthese: Romantiker wie Novalis und Friedrich Schlegel waren das rationalistischste, was mensch sich vernünftigerweise nur unter Vernunft vorstellen kann. Beide, und mit ihr die meisten Romantiker, haben ihre rationalistische Grundannahme, (den “natürlichen” Rationalismus), dermaßen rational auf die Spitze getrieben, dass sie nicht nur selber mit ihrem Denken, und damit die ganze Romantik, schlichtweg gescheitert sind und damit – sozusagen – nur zu einer Fussnote der Literaturgeschichte wurden, (wenn auch wohl zu einer der interessantesten), sondern diese Romantiker, als Prinzipienreiter der Vernunft, haben ihren Rationalismus derartig überzogen, dass allen die Unvernunft der Vernünftigkeit deutlich werden musste.

Aber hiermit ist diese schöne und aufrüttelnde Buch noch nicht an seinem Ende: Remigius Bunia – Schlitzohr, wie er nun einmal eines ist – er wird auf den stilistisch ganz abgesetzten letzten, dem bislang Gesagten folgenden 11 Seiten selber zu einem brillanten Autor von Fragmenten, die einem aufmerksamen und gutwilligen Leser viel (für Jahre!) zu denken geben. Bunia hat diese seine Fragmente, die man getrost als eine Aphorismensammlung nehmen kann, (oder als ein Weisheitsbüchlein – allerdings eines kommender Weisheiten, denn wer diese kurzen von #1 bis #73 numerierten Kurztexte annehmen will und auswerten, der wird aus dem Nachdenken über sie und aus dem Interpretieren so schnell nicht wieder entlassen sein), dermaßen – fast persiflierend – “novalisiert”, dass mensch nun als leser selber erkennt, (was Bunia in seinem Hauptteil so akribisch ausgebreitet hat), wie komplex man argumentieren muss, (und wie langwierig, oder eben fragmentarisch), wenn es gilt, die Komplexität der Welt und ihre offensichtliche Kontingenz möglichst komplexitätsreduziert auszubreiten, (den Ochsen zu einem Maggiwürfel einzukochen). Ohne gutwillige Leser geht das gar nicht.

Bunia ist mit diesen seinen 73 Fragmenten, die den eigenen Titel tragen “Fragmentierte Vernunft” derartig auf der Höhe aller zur Zeit einschlägigen Wissenschaften, (von Religion bis Quantentheorie und Stringtheorie), dass mensch sagen kann, er ist damit ebenfalls auf der absoluten Höhe aller denkbaren Zweifel an allen denkbaren Gewissheiten. Er zweifelt sogar – sehr konstruktiv – an allen denkbaren Vermutungen über das noch nicht Gewusste. Auch die härtesten Skeptiker des Wissbaren werden hier gut bedient. Ich verkneife mir hier jegliches Zitat als Beispiel: Entweder die Leserin vertraut mir oder sie lässt es bleiben. Ich sage nur eines: Wer im Selberdenken über die Vernunft und über seine eigene Vernunft auf vollkommen vernünftige und absolut rationale Weise auf der Höhe der Zeit ankommen und bleiben will, der muss diese 73 Nummern lesen, (und, wie gesagt und angedeutet: mindestens die Einleitung und das Resümée). Aber ich prophezeihe: Solch ein Leser liesst dann auch mit großen Genuss das ganze Buch. Denn: Es gibt ja einen Wandel durch Verwandlung, der sieht so aus:

Die physikalisch/geologische Welt wandelt sich durch Temperaturschwankungen, Wind und Wasser in Bewegung. Die organische Welt wandelt sich durch zufallsbedingte Beinflussung (Mutationen) der DNA. Die technische Welt wandelt sich durch gezielte, gleichwohl aber immer tastende (trial and error) Eingriffe des technischen Wollens in die schier unbegrenzte Welt des technisch Möglichen und zur gegebenen Zeit auch wirklich Machbaren.

Die soziale Welt, also die sich von Anschluss zu Anschluss weiter hangelnde Welt der ununterbrochen und gleichzeitig laufenden Kommunikationen, sie wandelt sich durch die im Plausibilitätsfeld sich konsistent, kohärent und konkludent sich vorantastenden AusdrucksFORMEN im MEDIUM der verschiedenen Sprachen. Gestaltender Motor ist hierbei die historisch voranschreitende, sich immer enger und einhüllender an die Weltgegebenheiten der realen Gestalten sich – durch (ad)Simulation – herantastenden Sprachgestalten und Ausdrucksformen eines von mindestens einer maßgebenden Mehrheit getragenen kommunizierenden Kommunikation, getreu dem Luhmann-Satz: Es ist immer nur die Kommunikation, die Kommuniziert. Diese ständig (ab)laufende Kommunikation, die nur ihren eigenen Regeln gehorcht und in den vielfach gegliederten und hochdifferenzierten Ausdrucksfeldern der zahlreichen Sprachen wabert und lodert wie die Flammen in einem gut genährten und unterhaltenen Feuer, diese Kommunikation, die mensch auch Gesellschaft nennt, sie verhält sich sozusagen wie ein Gesamtbewusstsein, das versucht, sich der Welt und ihren Gegebenheiten anzupassen durch möglichst enges Anschmiegen. Dieses Gesamtbewusstsein erzeugt einen Zeitgeist, der von sich immer glaubt, er sei näher dran an den Gegebenheiten der sich vor seinen Augen ständig sich wandelnden Welt, als es alle seine historischen Vorgänger waren.

Dieses Gesamtbewusstsein namens Zeitgeist der Gesellschaft in der Gesellschaft als die Gesellschaft ist meist hochsensibel, manchmal aber auch hochverstockt und bockig. Dieses Gesamtbewusstsein tut, was es kann, es beobachtet sich selber und ist doch immer auch gefangen und befangen in der jeweils gegebenen Ausdrucksbegrenzung seines jeweiligen Blinden Flecks: es sieht, was es sieht, und sieht eben nicht, was es nicht sehen kann, aber: gerade dies kann das Gesamtbewusstsein mit Hilfe der ungezählten Irritationen als Anregungen von aussen gerade noch erfassen und mit-kriegen als seine semantisch getragene Form des Wandels.

Irritaionen und Anregungen von aussen, dass soll heissen, die an sich vollkommen geschlossene Welt des Weltbewusstseins, die immer nur das kennt, was es gerade kennt, sie schluckt – wie ein Pottwal das Plankton – in unheimlichen Massen die Geräusche seiner sprechenden/plappernden Umwelt (Noise). In diesem Gewusel und Gewirre, da zählt – wenn auch im Einzelnen selten empirisch erfassbar und damit nachweisbar – da zählt, wie Luhmann das ausdrückte: “ein jeder Fluch der Ruderer in den Galeeren”. Und diese Galeeren, das ist der hyperkomplexe Kosmos all des Geschwätzes in den Interaktionen, (Kommunikation unter Anwesenden), all den kommunizierten Entscheidungen als Handlungen in den Organisationen, (die alles ausschliessen, was sie nicht einschliessen), und von denen Peter Fuchs gesagt hat, in ihnen lasse die Gesellschaft die Freiheit sterben – wer bei Siemens arbeitet, muss bekennender Siemensianer sein, so wie ein Caritasmitarbeiter sich nicht wie ein Zuhälter verhalten kann und darf. Und zu diesen Galeeren gehört auch alles durch entsprechende Codes generalisierte kommunikative Verhalten als ein vorantreibendes Handeln in der von Husserl und Habermas sogenannten Lebenswelt, die nichts weiter ist als die systemische Umwelt der Funktionssysteme, aus denen sich heutzutage die funktional differenzierte Gesellschaft – sozusagen – arbeitsteilig zusammensetzt, ohne jemals ein homogenes hierarchisches Ganzes mehr zu sein und auch nicht mehr sein zu können. Die Kommunikatin, als Gesellschaft, ist ein unsichtbarer, ein nichtontologischer, ein raumloser Handlungsraum, der – gleich dem mathematischen Hilbertraum – sich entfalten lässt in schier unendlichen Dimensionen des Möglichen, der sogar ohne Widerspruch ganz normal paradox und durchaus aporetisch mit sich selber in Streit und Widerstreit geraten kann: je paradoxer (immer auch das zu sein, was es dem Anschein nach gerade nicht zu sein scheint) desto normaler und funktioneller.

Um sich das selber historisch vor Augen zu halten, muss man als Beobachter solcher Zustände, die keinen Zustand haben, sondern als ein ständiger operativer Fluss immer bewegt in Bewegung sind, sich jedenfalls immer nur als ein zeitbedingter und zeitverhafteter Prozess zeigen und jedem Beobachter so erscheinen, muss mensch also als ein solcher Beobachter, der eine plausible Beschreibung für sich selber anfertigen will, in mehreren Anläufen ziemlich weit ausholen:

Dieser gemeinsame Versuch, die Welt zu verstehen und das zu sehen zu bekommen, was sie so in ihrem Inneren zusammenhält, dieser Versuch ist eine seit mindestens fünfhundert Jahren laufende wilde Denkschlacht, bei der viele der erarbeiteten Formen am Ende dann doch immer wieder auf der Strecke geblieben sind. Aber schon bei Parmenides konnte es noch – zur Verblüffung vieler, und gerade der besten – heissen: Sein und Denken seien eines. Das stand zunächst auch nicht in Widerspruch mit religiösen Weltauffassungen: Die gedachten Götter waren reale Götter. Das galt dann durchaus noch widerspruchslos, als der eine allmächtige Gott an die Stelle der Götter getreten war. Als die Empiriker, Leute wie Francis Bacon, unvoreingenommen, wie sie wirklich glaubten, die Natur anschauten, da waren sie dann doch überrascht, dass eine solche Fülle der verschiedensten Wesenheiten in einem Kosmos Platz haben sollte, ohne einander – sich gegenseitg auf die Füsse tretend – im Handel und Wandel zu behindern. Diese Natur erschien – wer immer sie aufgezogen haben mochte – wie eine gut gebaute Maschine ganz bestimmten widerspruchsfreien inneren (intrinsichen) Gesetzen zu gehorchen. Das Pech bei dieser Entwicklung des Denkens war, dass sich bis dahin die seit den klugen Griechen, wie Thales und Anaximander, entwickelt habende Mathematik anbot, ein Modell abzugeben für den Aufbau einer beweisbaren Widerspruchsfreiheit. Deshalb konnte Francis Bacon fordern und verkündern, mensch solle sich nur bemühen, diese doch wohl offenkundig mathematisch geformten Gesetze der Natur der ergründen und zu erkennen, dann wären schon alles Spatzen des Weltgeheimnisses gefangen.

Doch wie so oft, (und wohl fast wie immer), so einfach schien das scheinbar Einfache gar nicht zu sein. Es krachte gewaltig im wissenschaftlich schon globalisierten Weltgebäude des Denkens, als der kleine große Kant aus Königsberg donnernd verkündete: Es gebe lediglich Gesetze der Vernunft und des vernünftigen Denkens des Denkens, und genau diese dem menschlichen Gehirn ganz offensichtlich eingeschriebenen oder eingepflanzten Formen der Verarbeitung von Wahrnehmungen und Vorstellungen (das Transzendentale, wie er so schön neuterminologisch er formulierte, um in der Immanenz zu bleiben und sich von jeglicher Transzendenz abzuheben), diese Gesetze des Gehirns und damit der Vernunft (Rationalität) würden der unerkennbaren Welt der Dinge (des “Dings an sich”, wie er sich etwas zu opak ausdrückte), genau sie und nur sie würden der Erkennbarkeit und dem Erkennen der Welt diese Gesetze vorschreiben. Auch Kant war ein großer Mathematiker (und Physiker), was mensch nicht vergessen farf, wenn es gilt, sich den Denker Kant in action vorzustellen. Und so kam es dann , dass sich das unvorstellbare Sein der Welt der Dinge dem mathematischen Denken unterzuordnen hatte. Wie jeder sieht und auch wissen kann: mit nicht unbedeutenden Erfolgen, denn der Mensch war auf dem Mond, seine von ihm gebauten Satelliten hängen genau dort rum und machen ihre Arbeit, wie der mensch es ihnen vorgeschrieben hat. Und genau hieran brachen letztlich Glauben und Wissen auseinander. Der Blick auf den unerkennbaren Gott half keinem mehr weiter. Jetzt musste mensch glauben, was alle Wissenschaftler glaubten, und dieses Wissen beherrscht seitdem die Menschen und ihr Handeln in der Welt der sichtbaren und vorstellbaren Dinge und deren Funktionieren.

Doch bei all dem blieb immer ein nicht einfangbarer Rest. Denn jeder, der wollte, konnte als Beobachter der Welt sehen, an die Welt selber kam man auf diese Weise niemals heran. Die Romantiker, (und so gesehen war sogar der gegen Newtons Prismaweisheiten sich auflehnende Goethe mit seiner absolut unkonventionellen – mathematikfreien – Farbenlehre ein Romantiker), allen voran der geheimnisvoll und überpoetisch redende Novalis und sein, etwas nüchterner gearteter, Denkgenosse Friedrich Schlegel. Gegen eine solche Weltsicht wollten sie sich unbedingt auflehnen: Sie wollten die von ihnen klar gesehene Überlegenheit der Zahlenwelt und ihre damit verbundene Rationalität nicht aufgeben, wollten aber von der vermuteten göttlich geordneten kosmischen und kosmologischen Weltweisheit auch nicht lassen. Novalis, scharf auf Leibniz Spuren des rechnerisch erfassbaren unendlich kleinen, dem differenzierenden Integralkalkül, Novalis war sich darüber im Klaren: 1) Es müsse eine Hypermathematik geben, die das offensichtlich viel zu enge aristotelische Denkkorset (Sätze von der Identität, vom Widerspruch und vom ausgeschlossenen Dritten – einschliesslich des später hinzu gekommenen Satzes von Grunde) überwinden könne, sodass mensch sich denkend freier bewegen könnte in den so verwirrenden Feldern der Paradoxien, der scheinbar so nichts sagenden Tautologien und der schier zum Verzweifeln dringenden Aussichtslosigkeiten der denkerischen Aporien, an denen sogar Kant gescheitert war und in seiner treuen Folge dann auch Fichte und (später) Hegel; und 2): Gegen all diese Mauern und Gefängnisstäbe ranten und rüttelten diese Romantiker an. Sie waren ihrer geliebten und vertrauten “natürlichen” Rationalität so untertan, dass sie entschlossen waren, ganz rational mit einer neuen “romantischen” Rationalität der alten engen Vernunft den Kampf anzusagen, dass sie am leider schlechten Ende fast unrettbar in einer geradezu Hybris zu nennenden Irrationalität endeten und – literarisch und poetisch – zu einer Fussnote der Denk- und Literaturgeschichte verblassten.

Und genau hiergegen hat sich jetzt hier in unserer Zeit einer aufgelehnt. Er heisst Remigius Bunia und ist seines Zeichens Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker mit einem starken kulturanthropologischen Einschlag als – systemtemtheoretisch an Luhmann geschulter – Beobachter der (post)modernen Denkgesellschaft. Sein dementsprechendes Buch heisst, (darüber habe ich, vorangehend, schon etwas geschrieben) “Romantischer Rationalismus” und trägt den Untertitel: Zu Wissenschaft, Politik und Religion bei Novalis.

Bunia geht ganz langsam, schrittweise und überaus akribisch dem (nun wirklich nicht immer eindeutigen, geradezu oft absolut unklaren und zumindest sehr opaken) Denken dieses Novalis nach, wie es sich hermeneutisch aus den nun wirklich (bewusst, auch und gerade von Novalis) sehr fragmentarischen Fragmenten dieses immer bewusst rational operierenden geheimnisvollen Denkers erschliessen lässt. Bunia liefert eine glasklare Einleitung, dann folgen fünf sehr detaillierte Kapitel zu den einzelnen Denkfeldern des Novalis (und seines Dioskuren Friedrich Schlegel), und schliesslich legt Bunia im Abschlusskapitel ein ebenso deutliches (und ausdeutbares) Resümée vor. Aber: Damit gibt sich der Novaliskenner und Fragmentverehrer Bunia nicht zufrieden. Er schlüpft mutig und unverdrossen in des Novalis Schuhe, und siehe da: Sie passen dem Remigius Bunis wie angegossen. Und dies beweist er seinen (hoffentlich sehr zahlreichen und interessierten) Lesern und Leserinnnen, indem er ganz pragmatisch ebensolche novalisierten aber hochmodernen und vollkommen auf allen Höhen des Modernen Denkens angesiedelten kurzen Fragmente (oft wirklich Aphorismen) vorlegt, und zwar genau nummerierte 73 Stücke von #1 bis #73.

Ein paar davon, die mit den kleinen Ziffern, habe ich bereits getwittert unter @rudolfanders. Ich habe auch im BLOG des vielen bekannten @kusanowsky, der unter der Adresse [...] zu finden ist, die #33 angefügt, (es waren noch fünf Nummern mehr, aber die sind – aus welchen Gründen auch immer – beim Veröffentlichen untergegangen). Und jetzt habe ich – mit Blick auf das strenge Copyright des Verlages – Hemmungen. die (aus meiner Sicht) fünf wesentlichsten Nummern #34, #35, #42, #43 und #44 hier wörtlich zu zitieren. Sinngemäss, und sehr stark vereinfacht, sagt Bunia darin folgendes:

Schon Bacon war verblendet durch die Mathematik (seiner Zeit). Auch Leibniz hatte gesehen, eine ganz andere Mathematik könnte das Zeug haben zu einer universalierenden, die gesamte Welt einfangenden Universalpragmatik, die zwar rechnet, aber von den strikten Zwängen der bekannten Mathematik frei wäre. (Man denke hier ruhig an Georg Spencer-Brown = GSB und seinen besten pragmatischen Nachfolger Dirk Baecker). Novalis und Friedrich Schlegel haben das auch gesehen, auch Fichte und Hegel, aber auch ihnen stand zur Entfaltung eines solchen Denkens die bislang bekannte allzu strenge Mathematik im Wege. Bunia postuliert (fordert und prophezeit) eine solche kommende Mathematik. Dazu wäre aber auch erforderlich, dass sich die heute herrschende analytische (allzu transzendentale) Philosophie von ihrer unglücklichen Verhaftung an die normale kommunikative Sprache löst. Luhmann hat dies auch klar gesehen, aber selbstverständlich nicht mehr ausführen können. Sein Hinweis auf GSB und auf einen daraus zu entwickelnden – nicht sprachgebundenen – Formenkalkül, das war sein letztes dem entsprechendes Denken. Und genau hier möchte (und wird wohl auch in Zukunft) dieser Remigius Bunia weitermachen. Wer wissen möchte, wie das gehen könnte, der lese seinen schönen Fragmentenkorpus in seinem Kapitel 7. mit dem separaten Titel “Fragmentierte Vernunft”. Er fordert darin eine gleichwohl strenge Sprache, deren Form es aber erlauben würde, dennoch eine “luzide und präzise Beschreibung auch des Ungenauen und Nichtpräzisierbaren” vorzulegen. Also: Gefordert sind jetzt die Philosophie, die Mathematik, die Linguitik und die Soziologie. Ich bin gespannt, wie diese (noch-nicht-Wissenschaften) Künste auf Bunias Herausforderung reagieren werden.

Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders aus Bad Schwalbach, auch: [...] odet [...]
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 29, 2013 9:16 PM MEST


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