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Rezensionen verfasst von
Hesse "j_hesse"

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Existenz: Roman
Existenz: Roman
von David Brin
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

2.0 von 5 Sternen Potenzial verschenkt, 13. Oktober 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Existenz: Roman (Taschenbuch)
Brin hat durchaus einige gute und neue Ideen, der Plot ist grundsätzlich interessant. Leider macht er viel zu wenig daraus.
Statt in den zahlreichen Handlungsebenen mal bei den Dingen zu bleiben, die den Leser wirklich interessieren, ergeht er sich in eher langweiligen Nebenschauplätzen. Action-Sequenzen wechseln mit ewig langen Schilderungen über Technologie der nahen Zukunft. Leider ist der Autor hier eher wenig innovativ, die Möglichkeiten des sich weiter entwickelnden Internets oder ähnliches sind von anderen schon besser beschrieben worden. Die wirklich interessanten Punkte seiner Erzählung tut er dann recht kurz ab oder erwähnt sie nur noch im Rückblick. So läuft die Erzählung recht lange auf ein Aufeinandertreffen zweier ausserirdischer Artefakte hinaus, es wäre auch spannend gewesen diese Konfrontation direkt zu verfolgen. Leider räumt der Autor aber lieber der Schilderung einer Verfolgungsjagd auf ein von einem Fischer gefundenes Artefakt gefühlt unendlich viel Platz ein und geht nur noch kurz im Nachhinein auf den Dialog zwischen den Artefakten ein.
Auch werden zahlreiche (durchaus auch interessante) Nebenstränge aufgebaut, wie zum Beispiel eine Interaktion mit intelligenten Delfinen. Diese werden aber ohne erfindlichen Grund nicht zu Ende verfolgt und irgendwann einfach fallen gelassen.
Ein weiterer störender Punkt ist die mangelnde Charakterisierung seiner Protagonisten. Alle sind stereotyp, haben wenig Tiefgang und bilden keine Identifikationsfiguren. Das ist unter Umständen auch ok bei einer ansonsten interessanten Story, aber bei fast 900 Seiten doch ein bisschen wenig.
Unterm Strich viele neue interessante Ansätze und Ideen, leider fast alle in Nebensächlichkeiten versickert.


Ich bin eine seltsame Schleife
Ich bin eine seltsame Schleife
von Douglas Hofstadter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Interessante Gedanken mit argumentativen Schwächen, 13. Januar 2013
Hofstadter knüpft mit seinem Buch 'Ich bin eine seltsame Schleife' nahtlos an die in seinen früheren Werken geschilderten Ideen an. Etwas weniger verspielt stellt es eine Art reife Retrospektive, in Teilen auch eine Conclusio seiner bisherigen Reflexionen zu Selbst, Bewußtsein, Ich und des Geist-Körper-Dualismus dar. Wesentlich Neues kam nicht hinzu, auch eine kritische Neubewertung früherer Gedanken fand im Großen und Ganzen nicht statt, dennoch hat das Buch meiner Meinung nach seine Daseinsberechtigung als schlüssige Zusammenfassung.
Wie gewohnt bietet der Autor einen eloquenten, humorigen und von skurrilen Ideen getragenen Überblick über sein Weltbild, der viele Denkanstösse und interessante Ansätze enthält und schließlich in einem Ergebnis mündet,das den Dualismus völlig verwirft und zu einer materialistischen Deutung des Geist-Körper-Problems gelangt (was nicht weiter erstaunlich ist, wenn man seine früheren Werke kennt).
Unterhaltsam zu lesen, intelligente Betrachtungen und eine Weltsicht, die meiner eigenen sehr nahe kommt; warum dann nur 3 Sterne in der Bewertung?
Was Hofstadter schildert ist, wohl entgegen seiner eigenen Ansicht, mittlerweile nicht mehr besonders avandgardistisch und spektakulär, sondern entspricht im großen und ganzen den mittlerweile gängigen und gesellschaftlich weit verbreiteten Ansichten bzgl. dem Wesen von Geist und Materie und ihrem Verhältnis zueinander. Das alleine wäre ja nun kein Minus-Punkt, aufgrund seines außergewöhnlichen Stils und seiner teilweise doch wieder außergewöhnlichen Gedanken im Einzelnen hätte das Buch trotzdem seine Berechtigung in dem Wust von ähnlich gelagerten Werken. Was ich aber einigermaßen ärgerlich fand ist die Bereitschaft, nicht bewiesene Thesen als Tatsachen auszugeben (mit seiner Autorität als Wissenschaftler unterfüttert) und diese als Grundvoraussetzungen für weitreichende Schlußfolgerungen zu verwenden. Als interessante Gedankenspiele ist dies allemal zulässig, auch kann man zu seinen Schlußolgerungen gelangen, aber andere Denkrichtungen aufgrund von Indizien-Beweisen als widerlegt und beerdigt darzustellen widerspricht meiner Meinung nach der wissenschaftlichen Seriosität.
Beispiele: Eine Kern-Hypothese Hofstadters ist es, dass Denk-Prozesse und Bewußtsein sich algorithmisch nicht nur simulieren sondern völlig äquivalent abbilden lassen. Das mag nun schlüssig klingen (und entspricht wie gesagt sogar weitgehend meiner eigenen Meinung). Bewiesen wird es aber weder durch die Beispiele des chinesischen Zimmers noch durch imaginäre Computer aus Bierflaschen oder ähnlichem. Beides, da dürfte auch Hofstadter nicht widersprechen wurde noch nie in der Realität hergestellt noch wird es jemals hergestellt werden. Gründe dafür sind für Hofstadter ausschließlich quantitativer Natur. Es mag aber durchaus auch qualitative Gründe geben, die solche Konstruktionen grundsätzlich unmöglich machen (zudem könnte man auch das quantitative Argument in seiner Konsequenz als ein qualitatives ansehen). Auch seine Beispiele die auf Gedankenexperimenten wie Verdopplung von Personen bei Teleportation u.ä. basieren, funktionieren nur dann, wenn es zumindest theoretisch möglich ist, solches auch zu tun. Wenn nicht kann ich mir das Ergebnis eines solchen Gedankenexperimentes auch völlig anders vorstellen, wenn mir danach ist (z.B. teleportierter Doppelgänger kommt ohne Bewußtsein am Zielort an, weil die ätherische, wie auch immer geartete Eigenschaft des Bewußtseins eben nicht mit-teleportiert wird ).
Desweiteren leitet er aus Eigenschaften recht simpler Systeme (auf sich selbst gerichtete Kameras, Gödels Satz) mit Schwung Eigenschaften weit komplexerer Systeme wie Gehirnen ab; die unendlich vielen Ebenen die er dabei überspringt stören ihn nicht weiter. Hier liegt meines Erachtens auch die ganze Schwäche in Hofstadters Argumentationen: Es ist völlig legitim, die Eigenschaften eines komplexen Systems durch die eines einfacheren zum besseren Verständnis zu veranschaulichen (z.B. kann man die Krümmung des dreidimensionalen Raumes sehr schön durch die Krümmung des zweidimensionalen Raumes auf der Erdoberfläche veranschaulichen). Der umgekehrte Weg aber, aus den Eigenschaften einfacher Objekte auf diejenigen komplexerer Gebilde zu schlußfolgern und Visualisierungen als Beweise zu verwenden ist zwar als Gedankenspiel ok, hat aber nichts mit wissenschaftlicher Argumentation zu tun.
Letztendlich überraschte mich teilweise auch die Schwäche der Argumentationen, die manchen Einwänden entgegengesetzt wird. Z.B ist seine Auseinandersetzung mit der Möglichkeit, dass verschiedene Menschen äußere Qualia wie Farben unterschiedlich erleben (z.B. könnten Sie blau so wahrnehmen wie ich rot, ohne dass wir es jemals feststellen könnten) geradezu naiv. Hofstadter ist der Meinung dass ähnlich geartete Systeme (wie z.B. menschliche Gehirne) gleiche Qualia auf die gleiche Weise wahrnehmen. Um die Lächerlichkeit anderer Auffassungen zu verdeutlichen suggeriert er dem Leser, diese Vorstellung wäre gleichbedeutend damit, dass z.B. alle Franzosen rot als rot sehen und Angehörige anderer Nationen diesselbe Farbe aus blau. Diese Aussage wäre in der Tat lächerlich, hat aber nichts mit dem diskutierten Gegenstand zu tun (unterschiedliche Wahrnehmung der Qualia wäre natürlich nicht an Nationalitäten gekoppelt). Warum Hofstadter hier geradezu lächerlich argumentiert hat sich mir nicht erschlossen.
Im Großen und Ganzen sind Hofstadters Gedanken aber außergewöhnlich genug (und auch sympathisch vorgetragen), so dass das Lesen sich trotz der Kritik-Punkte gelohnt hat.


Drood: Roman
Drood: Roman
von Dan Simmons
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen NIcht abschrecken lassen, 13. November 2011
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Drood: Roman (Gebundene Ausgabe)
Kaum ein Thema hätte ich weniger interessant finden können als ein Buch über die Rivalität zwischen Charles Dickens (von dem ich nie etwas gelesen habe) und Wilkie Collins (den ich bisher noch nicht einmal kannte). Und dann auch noch annähernd 1000 Seiten! Also wieso es trotzdem angehen? Wegen dem Autor natürlich.
Simmons schätze ich schon länger als SF-Autor, Hyperion ist ja einer der Meilensteine der letzten Jahrzehnte. In seinen neueren Werken bietet er dem Leser nun historische Stoffe durchsetzt mit phantastischen Elementen. Eine Mischung die eigentlich überhaupt nicht meinen Geschmack trifft.
Bei 'Terror' fand ich den historischen Rahmen noch faszinierend und ließ mich, etwas widerwillig darauf ein, mich wegen des angekündigten Ungeheures auf eher mittelmäßiges einstellend.
Aber wie schnell nimmt Simmons einem jedes Vorurteil und macht alle Versuche, ihn einem Genre zuzuordnen, zunichte. So wird sein Ungeheuer in Terror von einer (für sich allein schon genialen) Überspitzung der Bedrohung durch Kälte und Hunger zu einem Tor in eine mythische Welt der Ureinwohner der arktischen Welt.
Bei Drood ging es mir ganz ähnlich. Der Anfangswiderstand des Desinteresses war bereits nach 10 Seiten gebrochen. Auch das phantastische Moment, hier verkörpert durch die Figur Drood, die ich zunächst eher in Kauf nahm als interessant fand, wird nach und nach zu etwas völlig anderem transformiert. Erst gegen Ende des Romans entwickelt sich Simmons filigranes Gedankengebäude vollständig vor dem Leser und Drood wird von einer eher lästigen Figur zu einer Art Symmetrie-Punkt, um den die ganze Geschichte in eine neue, unerwartete Position schwingt.
Neben der genialen Architektur der Geschichte überzeugt auch der Stil. Simmons Sprache ist klar, niemals manieriert, eigentlich fast schon altmodisch (nicht nur bei Drood, wo eine nicht allzu exaltierte Stilwahl ohnehin dem Rahmen angemessen war), dabei stets präzise und pointiert der Komplexität seines Gedankengebäudes folgend.
Was soll man noch sagen? Wenn Sie Dickens nicht kennen oder mögen, lassen Sie sich dennoch nicht abschrecken. Und falls sie ihn mögen und gar noch Collins kennen müssen Sie das Buch einfach lesen.


Die erfundene Wirklichkeit: Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?<BR>Beiträge zum Konstruktivismus<BR>Herausgegeben und kommentiert von Paul Watzlawick
Die erfundene Wirklichkeit: Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?
Beiträge zum Konstruktivismus
Herausgegeben und kommentiert von Paul Watzlawick
von Paul Watzlawick
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Faszinierend, aber formal schwach, 26. November 2010
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
'Die erfundene Wirklichkeit' fasst Beiträge aus den Bereichen Biologie, Physik, Mathematik, Literatur, Psychologie und anderen Disziplinen zum nicht allzu klar definierten Gedankengebäude des Konstruktivismus zusammen.
Ausnahmslos alle enthalten überaus interessante Ideen und Ansätze. Auch wenn sich dem (nicht in dieser Richtung vorgebildeten) Leser kein völlig klares Bild der Idee erschließt, ahnt man doch die weitreichenden Implikationen auf Natur- und Geistestwissenschaften.
Umso bedauerlicher dass die Form um einiges hinter dem Inhalt zurückbleibt.
Dies beginnt mit der etwas arg unstrukturierten Zusammenstellung. Alle Aspekte sind sicher interessant, aber völlig ohne Stringenz und roten Faden nebeneinander gestellt (der verbindende Kommentar von Watzlawick versöhnt etwas) ergibt sich kein klares Bild.
Auch die Qualität der einzelnen Beiträge schwankt stark. Allen gemeinsam ist allerdings ein Hang zu unnötig komplexer Darstellung auch teils trivialer Sachverhalte. Zuweilen scheint sich der jeweilige Autor so sehr in seiner eigenen Eloquenz verheddert zu haben, dass das Wesentliche geradezu verschleiert wird. Als Beispiel sei der Beitrag von Gabriel Stolzenberg genannt, dem sich nur mit viel Mühe entnehmen lässt, worauf der Autor hinauswollte. Auch nach mehrmaligem genauem Lesen bin ich mir nicht sicher, ob sein eigentlich nicht allzu kompliziertes Beispiel aus der Mathematik, an dem er seine Gedankengänge entwickelt, diese auch wirklich stützt. Ich will es nicht in Abrede stellen, aber einer etwas eingehenderen Erläuterung seines Beispiels einige Seiten zu widmen statt es in einer kurzen Anmerkung abzuhandeln hätte der Verständlichkeit keinen Abbruch getan.
Auch scheint vieles nicht hinreichend abstrahiert und zu Ende gedacht.
So erwähnt Watzlawick in seinem Vorwort einen Versuch, in dessen Verlauf Studenten vermeintliche Gesetzmäßigkeiten in zufälligen Zahlenreihen entdeckten und führt dies als Beispiel einer Konstruktion an. Innerhalb des gegebenen Rahmens ist das Ergebnis wenig verblüffend, steckte die Konstruktion in diesem Fall doch bereits in der Aufgabenstellung. Bei längerer Fortsetzung des Versuchs hätten sich mit Sicherheit Zweifel an der Korrektheit der 'erkannten' Gesetzmäßigkeit eingestellt. Was hier zu überwinden war, war in erster Linie nicht ein genetisch aufgeprägter Hang zum Konstruieren, sondern das Vertrauen in die Person des Versuchsleiters und in das Wesen des Versuchs selbst.
Demselben Phänomen ist meiner Meinung nach auch die geschilderte Unfähigkeit von Ärzten geschuldet, mit vorgeblichen Symptomen in eine Nervenklinik eingelieferte gesunde Patienten zu entlarven. Wer fegt schon Symptome wie das Vernehmen von nicht existenten Stimmen einfach weg, wenn der vermeintliche Patient ein paar Tage beschwerdefrei zu sein scheint (damit sei nichts über die evtl. mangelhafte Qualität der Pflege ausgesagt, aber das ist in diesem Kontext nicht der springende Punkt).
Auch die nicht ganz unwesentliche Abgrenzung von radikalem Konstruktivismus und (dem doch sehr nahe liegenden) Solipsismus ist meiner Meinung nach nicht wirklich gelungen. Heinz von Foerster führt in seinem Beitrag die angenommene Existenz von autonomen Lebewesen als abgrenzende Eigenschaft an. Zum solipsistischen Standpunkt scheint sich für mich aber kein Widerspruch zu ergeben.
Postuliere ich die Existenz eines Gegenübers, mit dem auch eine Kommunikation möglich ist, bricht der radikale Ansatz eigentlich sofort zusammen. Können ein Gegenüber und ich unabhängig voneinander Aspekte der 'Wirklichkeit' auf die gleiche Weise erkennen, wie z.B. die Rundheit und Gelbheit eines Apfels, so liefert dies ein eindeutiges Indiz auf das Vorhandensein einer vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeit. Unbestritten sei, dass die wahrgenommenen Aspekte dieser Wirklichkeit zweifellos unvollständig und interpretiert, und bis zu einem gewissen Grad auch konstruiert sind. Aber DASS eine Wirklichkeit existiert, die wenn auch unvollständig und verfälscht von beiden Beobachtern erfasst wird, scheint mir evident.
Nichtsdestotrotz eine faszinierende Lektüre, und hervorragend der Beitrag von Watzlawick selbst. Massives Manko allerdings die Form, daher nur 3 Sterne.


Die Wohlgesinnten: Roman
Die Wohlgesinnten: Roman
von Jonathan Littell
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Literarisches Gewitter, 23. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Taschenbuch)
Nach der These des Verdrängens und Verleugnens der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, der Antithese des unreflektierten (wenn auch notwendigen) Beschuldigens der 68-Generation liefert Jonathan Littell die literarische Synthese der objektiven Beschreibung.
Durch die Augen des SS-Offiziers Max Aue erfährt der Leser einen Blick auf die Stationen des zweiten Weltkriegs und der darin begangenen Verbrechen, erhält detaillierte Einsicht in die Organisation der SS (deren Bürokratie nicht ohne eine gewisse Komik geschildert wird) und vor allem eine Innenansicht eines Vertreters des Regimes. Vielleicht nicht einer typischen Ausgabe, zu reflektiert um verführt zu sein, zu leidenschaftslos um fanatisch zu sein, auch nicht brutal auf primitive Art, aber emotional abgestumpft genug um schlimmste Verbrechen ohne Regung zu begehen.
Dabei, und das ist eine der großen Leistungen Littells, bleibt einem dieser Mann nicht fremd. Schon am Anfang wird betont: Ich bin einer von Euch! Kein Ungeheuer, nichts Unfassbares, sondern ein Mensch (ein Paukenschlag schon der erste Satz: Ihr Menschenbrüder, lasst euch erzählen, wie es gewesen ist) Trotz seiner nazistischen Überzeugungen und Untaten begreift man, das hätte jeder (zumindest so mancher) sein können. Nur das Geboren sein in ein humaneres Umfeld hat den Leser selbst davor bewahrt, sich gegen einen Weg wie den von Max Aue entscheiden zu müssen (was unter dem Regime ja auch nicht nur eine moralische Entscheidung, sondern eine mit höchst persönlichen Folgen gewesen wäre).
Little geht weit über die Vergangenheitsbewältigung von Böll oder Grass hinaus. Indem er seine Figur nachvollziehbar macht, wenn auch nicht entschuldbar, ergänzt er den Aspekt eines nationalen Schuldigseins (was zweifellos zutreffend ist) um eine intime, persönliche Schuld (was schwerwiegender und nachhaltiger ist). Sein Blick auf das dritte Reich ist auch ein (unliebsamer) Blick auf eine Conditio Humana, der so schon lange überfällig war.
Trotz der großartigen literarischen Leistung, einiges konnte ich nicht nachvollziehen. Wieso macht Little seine Figur, über fast 1000 Seiten dem Leser glaubhaft und vertraut geschildert, fremd durch seltsame Schilderungen seiner sexuellen Neigungen, durch die Schilderung extremer persönlicher Abgründe, die nichts mit dem Kern der Erzählung zu tun haben (vielleicht habe ich eine Symbolik nicht verstanden) und dann noch mit einem etwas arg skurrilen, fast grotesken Abschluss.
Aber trotz dieser (zumindest von mir so empfundenen) Unruhen im ansonsten genialen Getriebe von Littles Epos, es ist zweifelsohne etwas ganz großes, und etwas anderes als 5 Sterne käme nicht in Betracht.
Nebenbei sie noch bemerkt, bei allem literarischen Anspruch und der Bedeutungsschwere des Werkes, es liest sich auch noch fesselnd und spannend, es nimmt sich seine Zeit, auch wenn man gerade eigentlich keine hat.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 18, 2010 8:33 PM MEST


Die Perlentaucherin: Roman
Die Perlentaucherin: Roman
von Jeff Talarigo
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,50

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Stille Wortgewalt, 15. Juni 2010
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Perlentaucherin: Roman (Taschenbuch)
Ein roter Fleck an ihrem Arm zerstört das bisherige und zukünftige Leben einer jungen Perlentaucherin'und schenkt ihr gleichzeitig ein neues. Von Familie und Gesellschaft verstoßen wird sie zu Leidensgenossen auf eine abgeschottete Insel deportiert, wo sie in den sozialen Mikrokosmos der Quarantänestation eintaucht und während der nächsten Jahrzehnte ihr Leben fristet. Tage werden zu Monaten, Monate zu Jahren'.
Entkoppelt vom Rest der Welt werden Kleinigkeiten wie winkende Kinder am gegenüberliegenden Ufer oder eine abgelegene Bucht auf ihrer kleinen Insel zu Lebensinhalten, die Folgen der Krankheit wie Blindheit und fehlende Gliedmaßen zu Alltäglichkeiten.
Zwar bleibt sie selbst von Entstellung verschont, doch auch das irgendwann entdeckte Heilmittel kann ihr nicht mehr zur Rückkehr in die verlorene Gesellschaft verhelfen.
Denkt sie während eines Ausflugs in die 'normale' Welt noch, ihre auch dort verspürte Isolation sei eine Folge ihrer von der Krankheit gezeichneten Begleiter, muss sie doch irgendwann feststellen, dass sie sich schon viel zu weit vom Leben entfernt hat und die Isolation in sich selbst trägt.
Neben der sorgfältigen und behutsamen, dabei aber auch ihre eigene dunklen Seiten nicht verschleiernden Reflexionen der Perlentaucherin beschreibt der Roman auch das Japan der einfachen Menschen kurz nach dem Krieg, eine Gesellschaft angesiedelt irgendwo zwischen Mittelalter und 20. Jahrhundert.
Die Härte des Lebens spiegelt sich in der Härte der Gesellschaft ihren aus dem Kontext gefallenen Mitgliedern gegenüber. Wegen Krankheit verstoßene Kinder und von ihren Kindern zum Sterben ausgesetzte Alte muten an wie aus einer längst vergessenen Welt. Doch bei einem Ausflug in die Außenwelt gegen Ende ihres Lebens erfährt die Perlentaucherin keine sanftere, bessere Welt, lediglich eine andere mit neuen Krankheiten, Stigmata und anderem aber genauso erbarmungslosen Umgang damit.
Talarigos Roman berührt den Leser auf seltsame Weise, oft nüchtern, analytisch und schockierend, oft bewegend und voll Gefühl. Aber immer getragen von starker Sprache und poetischer Schönheit.


Die gelöschte Welt
Die gelöschte Welt
von Nick Harkaway
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die etwas andere Apokalypse, 5. April 2010
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die gelöschte Welt (Taschenbuch)
Harkaways Debut Roman ragt stilistisch und inhaltlich sicher aus der Masse des Üblichen heraus. Viele neue kuriose Ideen, auch einige nicht ganz so neue, diese aber gut interpretiert und eingebaut, ein innovativer, lebendiger Schreibstil, der zwar meinen persönlichen Geschmack nicht ganz getroffen hat, dennoch von den schriftstellerischen Qualitäten Harkaways zeugt.
Über die Handlung wurde ja bereits alles geschrieben, was ohne zuviel zu verraten möglich ist. Auch die epische Rückblende wurde bereits mehrfach erwähnt. Hier war mein Eindruck, dass sie zwar wichtig für die Gesamtstruktur des Romans ist, der Autor es aber trotz des Umfangs nicht geschafft hat, seinen Figuren wirkliche Tiefe zu verleihen. Die Charaktere bleiben seltsam blass. Gerade wegen der Bedeutung des Rückblicks, die sich erst im weiteren Verlauf der Handlung erschließt, hätte ich mir da etwas mehr erwartet.
Der humorige, gutgelaunte Stil ist wie schon gesagt nicht unbedingt jedermanns Sache, hat aber seine eigene Qualität und hält auch während der etwas ausgedehnteren Passagen bei der Stange. Zuweilen bewegte sich Harkaway allerdings gefährlich nah am Slapstick, was eventuell auch dem durchaus vorhandenen Tiefgang des Erzählten etwas abträglich war.
Obwohl mein persönlicher Geschmack nicht ganz getroffen ist, gibt's 4 Sterne, vor allem da dem Autor bis zum Ende der Aufbau eines guten Spannungsbogens gelingt und die Geschichte einige erstaunliche Wendungen enthält, und so die Erwartungshaltung an den wirklich außergewöhnlichen und interessanten Plot nicht enttäuscht wird.


Cook: Die Entdeckung eines Entdeckers
Cook: Die Entdeckung eines Entdeckers
von Tony Horwitz
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Reise in eine unbekannte Welt, 8. Februar 2010
Horwitz vollzog große Teile von Cooks Entdeckungsfahrten nach und fasst seine Erlebnisse in einem Reisebericht zusammen. Jedem größeren Ziel auf Cooks Fahrten sowie seiner Heimat widmet der Autor ein Kapitel, in dem die Schilderung seiner eigenen und der Reisen Cooks in lockerer Form zu einem Gesamtbild verwoben sind. Zum einen vermittelt er dabei einen Eindruck davon, wie es gewesen sein mag, als die bisher völlig getrennt voneinander existierenden Zivilisationen zum ersten mal aufeinander trafen, zum anderen schildert er den Verlauf seiner eigenen Begegnungen mit den Kulturen und Menschen, die aus der auf den ersten Kontakt folgenden Verschmelzung hervorgegangen sind bzw. was von der einheimischen Lebensart überhaupt noch übrig geblieben ist.
Die Welt der Südsee die er schildert ist aus europäischer Sicht auch heute noch fremd und geheimnisvoll. Ob Australien, Neuseeland oder Tonga, Horwitz gewährt dem Leser einen Einblick in die jeweilige Kultur, fängt sehr lebendig das Lokalkolorit ein und beschreibt humorvoll Land und Leute. Details und Skurrilitäten, auch eher persönliche Schilderungen geben dabei zwar nicht immer ein wirkliches Gesamtbild der Kulturen, aber doch einen nachhaltigen und unterhaltsamen Einblick in fremde Welten.
Auch die Umstände einer Seereise im 18. Jahrhundert vermittelt Horwitz sehr plastisch. Das Buch beginnt mit seiner Reise auf einem Nachbau der historischen Endeavour, die dem Leser eine Vorstellung davon vermittelt, was eine jahrelange Fahrt auf einem Schiff dieser Zeit fern von jeglicher bekannten Zivilisation bedeutete.
Unterm Strich vermittelt der Autor einen Eindruck von Cooks Zeit und Leben sowie von fernen, von den wenigsten Europäern jemals besuchten Gegenden der Welt. Sein Blickwinkel ist dabei zwar zuweilen unvollständig und lässt ein wenig Abstraktion und Einordnung in einen übergeordneten Kontext vermissen. Seine sehr persönlichen Erfahrungen und Schilderungen aber lassen die entlegenen Regionen und ihre Menschen auf eine Weise lebendig werden, wie es eine nüchternere Schilderung wohl kaum vermocht hätte.
Eventuell sei aber dem Leser begleitend noch der Fernseh-Vierteiler 'Wind und Sterne' empfohlen der ein wenig stringenter als Horwitz Buch den historischen Rahmen vermittelt und zumindest mir die Lektüre umso lohnender gemacht hat.


Furcht: Spannungs-Roman
Furcht: Spannungs-Roman
von Bentley Little
  Taschenbuch

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Teilweise schwer nachvollziehbar, 20. Februar 2008
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Furcht: Spannungs-Roman (Taschenbuch)
Barry und Maureen, ein Paar aus der gehobenen Mittelschicht, erstehen günstig ein Haus in einer geschlossenen Wohnanlage, einer in den USA wohl weit verbreiteten Siedlungsform. Die Gegend ist wunderbar, die Nachbarn nett, lediglich einige überzogene Vorschriften des Eigentümervereins trüben das Glück ein wenig, was aber zunächst nur eine etwas lästige, aber vernachlässigbare Unschönheit des Kaufvertrags zu sein scheint.
Da Maureen durch ein Mitglied des Eigentümervereins vor einem zudringlichen Landstreicher ‚gerettet’ wird, empfindet sie zunächst sogar einige Sympathie für die Strenge, mit der auf die Einhaltung der Regeln geachtet wird. Ihr Mann Barry nimmt zwar eine etwas reserviertere Haltung ein, dies aber eher aus einer freigeistigen Attitüde heraus als aus echter Ablehnung.
Mit der Zeit nimmt die Einflussnahme des Vereins auf ihr Privatleben aber immer massivere und groteskere Züge an, so dass sehr schnell für beide deutlich wird, dass sie es mit einer gewalttätigen faschistoiden Vereinigung zu tun haben, die auch noch von den meisten ihrer Nachbarn mitgetragen wird.
Bis hierhin funktioniert der Plot und man kauft dem Autor die Story ab.
Sehr schnell werden nun Barry und Maureen mit wirklich schrecklichen Dingen konfrontiert, die eigentlich zwingend zwei Reaktionen hätten hervorrufen müssen: Flucht und Behörden verständigen.
Dass ersteres daran scheitert, dass sie ja schließlich das Haus nicht verlieren möchten und die Aussicht ja so schön ist, ist schon mehr als unverständlich.
Dass aber alle Versuche, die Behörden einzuschalten, immer bei einem offensichtlich korrupten Sheriff enden ist nicht mehr nachvollziehbar.
Da es im Gegensatz zu ähnlichen Szenarien wie in ‚Herr der Fliegen’ oder ‚The Beach’ eine jederzeit erreichbare Außenwelt gibt, entbehrt das Verhalten von Barry und Maureen jeder Logik. Um so eine Situation des Ausgeliefertseins an ein brutales Regime glaubhaft darstellen zu können, hätte der Autor eine wirklich isolierte Gemeinschaft wählen oder den Maßstab zumindest auf einen ganzen Staat ausdehnen müssen.
Neben der fehlenden Logik ihres Verhaltens stört einen als Leser bald auch die Einstellung der Protagonisten gegenüber den Dingen, die sich vor ihren Augen abspielen. Während Barry zwar Grauen und Empörung empfindet, als er im Wald auf einen schrecklich verstümmelten, aufs schwerste verletzten Menschen trifft, hindert ihn dies aber erstaunlicherweise nicht daran, diesen einfach ohne Hilfe zurück zu lassen (oder wenigstens jetzt die ‚richtige’ Polizei zu informieren).
Wenn er dann einige Seiten später wegen einer neuen Vorschrift in Rage gerät, die ihm verbietet, im Haus seine Bilder aufzuhängen wie es ihm behagt, kann man das beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen.
Von diesem Punkt an verliert man das Interesse an der Story, auch weil das duldende Phlegma, mit dem Barry und Maureen alles hinnehmen immer unnachvollziehbarer wird.
Gegen Ende kriegt der Autor wieder etwas die Kurve, als sich der Roman doch noch in einen Horror-Thriller entwickelt. Das klingt zwar paradox, aber dies macht das ganze im Nachhinein wenigstens noch ein bisschen glaubwürdig.
Unter dem Strich schreibt Bentley Little sehr spannend, hat sich aber an dem sehr anspruchsvollen Thema etwas verhoben. Mit den von ihm gewählten Rahmenbedingungen wäre es wohl eher etwas für Kafka gewesen.
Aber dennoch weiß er fesselnd zu unterhalten, weswegen ich mir wohl wieder ein Buch von ihm kaufen würde.


Wassermusik. Roman
Wassermusik. Roman
von T. Coraghessan Boyle
  Taschenbuch

33 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unterhaltsam und menschlich, 15. April 2007
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Wassermusik. Roman (Taschenbuch)
Boyle beschreibt die beiden Afrikareisen des Entdeckers Mungo Park Ende des 18. Jahrhunderts. Dabei schildert er das Afrika vor seiner vollständigen Kolonisierung so lebendig, bunt und abenteuerlich, daß es eine wahre Freude ist. Auch wenn die Härten der Reise, Krankheiten, Gefangenschaft, Kriege etc. sehr plastisch beschrieben sind, so bleibt die Geschichte doch immer getragen von einer schmunzelnden Heiterkeit, die sich unwillkürlich auf den Leser überträgt.

Eng verwoben ist die Geschichte von Mungo Park mit dem Schicksal des Londoner Trickbetrügers Ned Rise. Neben der Handlung um Ned Rise, die einem mit ihrer Geschwindigkeit und abenteuerlichen bis bizarren Einfallen zuweilen förmlich den Atem verschlägt, gibt uns Boyle dabei einen Einblick in das 'zivilisierte' Leben dieser Zeit. Ob einfache Menschen oder Adlige, Lebensumstände werden beschrieben, die oft so fremd anmuten wie das Leben auf einem anderen Planeten. Auch hier schreibt Boyle mit viel Verständnis für das menschliche. Gerade das Unvollkommene und nicht perfekte wird liebevoll und sympathisch beschrieben, man spürt förmlich, daß Boyle seine Figuren beim Schreiben geradezu geliebt haben muß. Und auch wenn die Schilderungen auch hier telweise recht hart sind, bleibt doch immer ein Augenzwinkern dabei.

Bis zur Begegnung Ned Rise' mit Mungo Park wechseln die Erzähstränge zwischen dem London des 18. Jhd und den Erlebnissen in Afrika. Die wechselnde Perspektive unterteilt die Geschichte in episodenhafte Kapitel, was Boyles Erzählstil sehr entgegenkommt und für Kurzweiligkeit sorgt.

Obwohl mit 700 Seiten ein recht dicker Schmöker, ist doch keine Seite langweilig oder überflüssig.

Für mich persönlich einer der besten Romane überhaupt.


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