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Seitenfresserchen

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Mias wundersame Reise
Mias wundersame Reise

5.0 von 5 Sternen Kindgerecht und von Hand gemacht, 16. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Mias wundersame Reise (Audio CD)
Die CD "Mias wundersame Reise" ist eine echte Familienproduktion. Der Musiker und Musiktherapeut Steve Helg und seine Frau Kathrin Helg aus Warburg haben die Geschichte zusammen mit ihrem Sohn Leif erdacht und gemeinsam in die Tat umgesetzt. Hier waren folglich nicht nur Musiker und Pädagogen am Werk, sondern mit Leif auch ein "echter" Kinder-Experte.
Und darum geht's: Der Rattenfänger bringt Mia auf dumme Ideen. Seine Musik wirkt auf das Mädchen derart betörend, dass sie gar nicht anders kann als ihm aus der Stadt heraus zu folgen. Schnurstracks verliert sie die Orientierung und findet sich plötzlich mitten im Wald und fernab von daheim. Wie soll Mia jetzt nur den Weg zurück finden? Wer kann ihr helfen? Und wie kann es gelingen, all die anderen Kinder zu befreien, die ebenfalls auf die Tricks des Rattenfängers herein gefallen sind? Eine aufregende Suche beginnt - Mitmachlieder inklusive.
Der Clou dabei: Mia trifft auf ihrer Suche nach einem Ausweg verschiedene und teils recht seltsame Gestalten. Auf diese Weise finden die unterschiedlichsten Einflüsse Einzug in den Plot. Märchen- und Sagengestalten, Tiere und Fabelwesen, sie alle sind im Wald vertreten.
Die Musik auf der CD ist anspruchsvoll, dennoch überfordert sie die jungen Hörer nicht. Vieles ist von Hand gemacht und eingespielt. In meinen Augen eine echte Wohltat, denn es tut gut, mal nicht dieses weihnachtsmarkttaugliche Computer-Gedudel zu hören, sondern echte Gitarren-Töne.
Daneben gibt es im Begleitheft zur CD - liebevoll gestaltet von der Grafikdesignerin Kathrin Helg - Spieleanleitungen, Liedtexte zum Mitsingen und den dazugehörigen Gitarrenakkorden, Tipps zur pädagogischen Begleitung und auch die ganze Geschichte noch einmal zum Nachlesen. Eine Website mit weiteren Materialien und Hörproben gibt es übrigens auch. Sowie eine Facebook-Seite, auf der Familie Helg Freunde und Fans auf dem Laufenden hält.


Jakobsweg im Smoking: Auf dem Weg zur perfekten Packliste. Ein Ausrüstungsratgeber. Pilgern mit 3-kg-Rucksack: Bequemer, gesünder, sicherer
Jakobsweg im Smoking: Auf dem Weg zur perfekten Packliste. Ein Ausrüstungsratgeber. Pilgern mit 3-kg-Rucksack: Bequemer, gesünder, sicherer
von Philipp Winterberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Diese Tipps sind Gold wert!, 15. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit nur drei Kilo Gepäck beschritt Philipp Winterberg den Weg der Wege. Unter der Devise "Alles, was nötig ist, aber kein Gramm zuviel" testete er im Vorfeld seiner Tour gängiges Hyperlight-Equipment und stellte seine ganz persönliche "perfekte Packliste" zusammen. Und die ist wirklich effizient. Ich weiß nicht, ob ich jemals den Jakobsweg gehen werde. Aber auch für andere Wanderungen sind die Tipps von Philipp Winterberg Gold wert.

Insgesamt ist das Buch in drei Teile unterteilt: Packen, Pilgern und Packliste - die drei großen P's. Für mich entscheidend waren vor allem der erste und der dritte Teil. Während andere Ratgeber zu dem Sujet vor allem die einzelnen Stationen des Jakobsweges besprechen, setzt Winterberg viel früher an. Schon seine ersten Überlegungen zu seiner Gepäckauswahl dokumentiert er mit viel Humor in kleinen Anekdoten. Das notwendige Wissen vermittelt er fast nebenbei. Komplizierte Sachverhalten erklärt der Autor klar und verständlich.

Natürlich geht auch Philipp Winterberg zunächst los, um sich einen passenden Rucksack einzukaufen. Doch dann fällt ihm ein: Hey, ich weiß ja noch gar nicht, was da rein soll - woher soll ich also wissen, was für einen Rucksack ich brauche? Das gilt es nun heraus zu finden.
Der Leser begleitet den Pilger durch Trekking-Beratungsgespräche und Recherche. Auf was ist bei der Auswahl der Schuhe zu achten? Wie stellt man seine Wanderstöcke richtig ein? Wie funktionieren die verschiedenen Lagen geeigneter Funktionskleidung? All diesen Fragen geht Winterberg auf den Grund.

Während der zweite Teil des Buches, die Erzählung des Pilgerweges, recht schmal ausfällt, schließt sich eine gut aufgearbeitete Analyse im dritten Teil an. Was hat sich als gut und passend heraus gestellt? Auf was hätte man letztlich direkt verzichten können? In Tabellen und einem abschließenden Fazit beschreibt der Autor seine gewonnen Erkenntnisse. Übersichtlich und nachvollziehbar.

An nur einem Abend hatte ich das kurzweilig geschriebene und informative Büchlein durch. Gewonnen habe ich ein paar unterhaltsame Stunden, vor allem aber praktisches Wissen rund ums Wandern und die passende Ausrüstung. In jedem Fall empfehlenswert!


Schloss aus Glas: Roman (Frauenromane)
Schloss aus Glas: Roman (Frauenromane)
von Jeannette Walls
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Lesenswert bis zur letzten Zeile, 15. April 2014
Wenn Elke Heidenreich ein Buch empfiehlt, kann ich mich in der Regel darauf verlassen, dass es mir auch gefällt. Die Dame und ich scheinen oft den gleichen Geschmack zu haben. So auch in diesem Fall. Kaum zu glauben, aber Jeannette Walls verlebte, so schreibt sie es in dieser Autobiografie, eine glückliche Kindheit. Dabei wirkt das Umfeld, in dem sie aufwuchs, alles andere als stabil: ständige Wohnortwechsel und Geldmangel prägten den Alltag der vielköpfigen Familie. Auf knapp 400 Seiten erzählt die Autorin ihre ungewöhnliche, manchmal schmerzhafte, aber in jedem Fall abwechslungsreiche Kindheitsgeschichte. Humorvoll und anrührend nimmt einen diese Erzählung gefangen.

Eher erfolglos versucht Jeannettes Mutter, ihre Karriere als Künstlerin voran zu treiben. Der Vater schlägt sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch. Das wirkt oft lieblos und ist alles andere als kindgerecht. Sobald es Ärger gibt, wird das überschaubare Hab und Gut ins Auto gepackt und wieder muss eine neue Bleibe gefunden werden. In einem baufälligen Haus verbringt die Familie schließlich unzählige Tage und Nächte bei Kälte und unter auch sonst unvorstellbaren Bedingungen.

Dennoch liest sich die Autobiografie der Autorin zu keinem Zeitpunkt verbittert oder anklagend. Im Gegenteil: Ohne Umschweife berichtet sie von den großen und kleinen Katastrophen des verarmten Alltags, als handele es sich um den ganz normalen Familienwahnsinn. Herzerwärmend liest es sich, mit wie viel Verständnis und Liebe sie das Leben ihrer Eltern schildert. Da fragt man sich manchmal schon, wer hier eigentlich Kind und wer Erziehungsberechtigter ist. Vor allem der Zusammenhalt der Geschwister versöhnt mich mit den fragwürdigen Erziehungmethoden, bei denen sich Muttern nicht mal scheut, die mühsam angesparten Kröten ihrer Töchter zu entwenden, die ihnen den Weg in die Eigenverantwortung ebnen sollten.

Dass die Jeannette Walls die Ereignisse aber auch nicht schönt oder gar verdrängt, wird gleich zu Beginn deutlich. Eine Begegnung mit ihrer verarmten Mutter bildet den Rahmen der Erzählung. Längst hat sich die Tochter trotz aller Widrigkeiten und Umstände ein eigenes Leben aufgebaut. Als sie ihre Mutter wie eine Obdachlose gekleidet durch die Straßen ziehen sieht, überfällt sie Scham. Jegliche Hilfe lehnen die Eltern ab und verschließen auch weiterhin die Augen vor der Realität. Die Autorin hat, so scheint es, ihren Frieden mit der Vergangenheit geschlossen und ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Innerhalb weniger Tage hatte ich es verschlungen, denn ich konnte es kaum aus der Hand legen. Spannend bis zur letzten Zeile.


Leeres Versprechen
Leeres Versprechen
von Evelyn Barenbrügge
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Protagonist zum Knuddeln, 25. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Leeres Versprechen (Taschenbuch)
Evelyn Barenbrügge entführt uns ins 18. Jahrhundert. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der sympathische und nach einem Unfall in seiner Kindheit gehandicapte Bauernjunge Kaspar. Kaspar ist vierzehn Jahre alt. Mit seiner Familie bricht er aus dem durch Missernten und Steuererhöhungen gebeutelten Westfalen auf, um in Österreich ein besseres Leben zu beginnen. Die Reise, die er voller Hoffnung antritt, endet jedoch in einer Katastrophe. Und auch die Versprechungen der österreichischen Obrigkeit auf ein reiches und sorgenfreies Bauernleben in der neuen Heimat stellen sich als leere Worthülsen heraus. Gerade als die Familie sich mit den erschwerten Bedingungen arrangiert hat, bricht eine Tragödie über sie hinein, die Kaspar den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.

Zunächst liegt das Buch gut in der Hand. Sechhundert Seiten Lesespaß verspricht das Werk - eine Ziffer, die Leseratten wie mir das Wasser im Mund zusammen laufen lässt, Nichtviellesern aber möglicherweise Angst macht. Der großzügige Schriftsatz sowie der verschwenderische Gebrauch direkter Rede jedoch sorgt für Übersichtlichkeit und einen raschen Lesefluss.
Überhaupt ist der ausgeprägte Dialogstil ein sehr auffälliges Mittel in der Schreibe der Autorin. Das ermöglicht ein direktes Eintauchen in die geschilderten Situationen. Wer sich darauf einlässt, vermag sich ein ganz eigenes Bild der Figuren zu erschaffen.

Kaspar ist eine Identifikationsfigur mit wenig Ecken und Kanten, dafür aber mit umso mehr Herz und Verstand sowie einem großen Talent für die Kräuterheilkunde. Diese nämlich hat er einst als Schüler von Mönchen in einem nahe gelegenen Kloster erlernt.Gerade jugendlichen LeserInnen mit einem Interesse für historische Stoffe möchte ich dieses Buch ans Herz legen. Durch Kaspars Augen können sie lernen, dass es sich lohnt, weiter zu machen und auf die eigenen Stärken zu vertrauen.


Der dunkle Wächter
Der dunkle Wächter
von Carlos Ruiz Zafón
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

3.0 von 5 Sternen Leichter Zeitvertreib ohne doppelten Boden, 3. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Der dunkle Wächter (Gebundene Ausgabe)
Der Klappentext verspricht so Einiges: Ein mysteriöses Ambiente, interessante Figuren und kriminalistische Spannung. Nach dem Tod ihres Vaters kommt die Familie Irenes nach Cravenmoore, wo ihre Mutter eine Anstellung bekommen hat. Außer ihr arbeitet die junge Hannah auf dem Anwesen, das nur von Lazarus Jann und seiner bettlägerigen Frau bewohnt wird. Kurz nachdem Irene ein geheimnisvolles Tagebuch in die Hände fällt, wird Hannah auf bestialische Weise ermordet. Irene und Hannahs Bruder Ismael begeben sich auf Spurensuche und geraten in extreme Gefahr.
Wer zunächst wie ich "Der Schatten des Windes" oder "Das Spiel des Engels" verschlungen hat, beides wahre Schmökerschätze, wird von diesem Roman möglicherweise enttäuscht sein. Das Buch, das im Original bereits 1995 erschienen ist, reicht bei Weitem nicht an deren Komplexität der Sprache und Figurenführung heran. Jedoch ist es eine gute Unterhaltungslektüre, die leichtfüßig die Zeit durch bringt und in eine geheimnisvolle Welt entführt. Ich habe es gerne gelesen, werde dies aber wahrscheinlich kein zweites Mal tun. Dann doch lieber erneut die beiden oben erwähnten Perlen.


Ohrfeige für die Seele: Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können
Ohrfeige für die Seele: Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können
von Bärbel Wardetzki
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Informativ, aber kein allzu guter Ratgeber, 3. September 2011
Was ein Mensch als Kränkung erlebt, hängt in besonderer Weise von seiner individuellen Geschichte ab. Sicher, es gibt Kränkungen, die jedem nachvollziehbar erscheinen, aber eben auch andere, die ein Verhalten hervor rufen, das Außenstehende, bisweilen sogar Betroffene selber überrascht. In ihrem Buch "Ohrfeige für die Seele" berichtet Bärbel Wardetzki von Kränkungen und ihren Ursachen, die meist schon in der frühen Kindheit ihre Wurzeln haben.
"Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können" lautet der Untertitel des Buches. Und tatsächlich gibt die Autorin zunächst einmal viel Raum für Erklärungen. Ihre zahlreichen und sehr lebensnahen Beispiele schöpft sie (mit dem Einverständnis der KientInnen) fast ausschließlich aus ihrer therapeutischen Praxis.
Eine Kränkung, schreibt sie, sei vor allem deshalb eine so schmerzhafte Erfahrung, weil sie direkt auf das Selbstwertgefühl ziele. Möglicherweise ahnt mein Gegenüber nicht einmal, wie sehr mich seine Bemerkung oder sein Verhalten verletzt. Und möglicherweise fühle ich mich zu emotionalen Reaktionen verleitet, die sich zwar aufgrund meiner inneren Gefühlslage durchaus erklären lassen, nach ruhiger Überlegung jedoch unangemessen heftig erscheinen. In solchen Augenblicken agiere nicht der rationale erwachsene Part in uns, sondern häufig das innere Kind, weil das Erlebte tief an Erfahrungen z.B. von Verlassenheit oder Demütigung aus der Kindheit rührt. Der Gekränkte ist verletzt, schlägt vielleicht um sich und zieht sich dann in der Regel zurück. Der Kränkende spürt die Veränderung, kann sie sich jedoch nur zum Teil erklären. Häufig bleibt die Klärung aus, da weitere Verletzungen befürchtet werden.
Die dabei empfundene Ohnmacht jedoch kann überwunden werden, wenn die wunden Punkte ins Bewusstsein rücken. Dies ermögliche eine auf Dauer geringere Kränkbarkeit und könne, so Wardetzki, in Eigenregie oder auch in therapeutischer Begleitung geschehen. Die Autorin versucht, Wege aus dem Teufelskreis hinaus zu beschreiben, Anleitungen zu einem offeneren Umgang mit Kränkungen zu geben und Alternativen zum partiellen oder sogar vollständigen Kontaktabbruch aufzuzeigen. Eine gute Kommunikation, ein Austausch über die individuellen Befindlichkeiten und auch deren Ursachen mit dem Ziel einer gemeinsamen Lösungserarbeitung sei möglich. Dabei bleibt die Autorin jedoch leider ein wenig zu sehr der Ursachenforschung verhaftet, ihr Ausblick auf alternative Verhaltensweisen verharrt im Entwurfsstadium. Dem Untertitel des Buches wird es nicht gerecht. Immerhin aber gibt das Buch einen guten Einstieg, um sich mit der Materie "Kränkungen" zu befassen und sie besser zu verstehen. Wer sich auf psychologischer Basis mit seiner eigenen Familiengeschichte bereits intensiv auseinander gesetzt hat, wird jedoch nicht viel Neues erfahren.


So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung
von Christoph Schlingensief
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überaus wertvoll!, 21. August 2011
Ohne Zweifel war Christoph Schlingensief ein Ausnahmekünstler, der mit seinen Aktionen und Inszenierungen aufwühlte, zum Nachdenken anregte und polarisierte. Kaum ein Thema war vor ihm sicher, so er denn die gesellschaftliche Relevanz spürte, die ein Aufbrechen tabuisierter Schranken in seinen Augen notwendig machte. Und so machte er auch vor seiner eigenen Krankheit und Todesangst nicht halt.

In dem Buch "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein", dem Tagebuch seiner Krebserkrankung, formuliert Christoph Schlingensief ein durch alle Höhen und Tiefen spürbares Plädoyer für das Leben, das zielgerichtete Handeln im Miteinander und die Liebe zu seinen Mitmenschen.

Es gehört großer Mut dazu, die emotionale Unsachlichkeit einer existentiellen Extremsituation darzulegen, die Angst, die Verzweiflung, die Auseinandersetzung mit dieser tief empfundenen Ungerechtigkeit. Und so geht er mit sich und seinem Leiden ganz schön zur Sache, dieser Christoph Schlingensief.

Möglicherweise aber ist genau diese Offenheit ein gangbarer Weg, auf dem der Erkrankte sich seine Handlungsfähigkeit erhält und zu einer neuen Klarheit gelangt. Der "Einbruch des Realen", die Krebsdiagnose, sei es denn auch, die Schlingensief den Boden unter den Füßen weg gerissen habe.

Als "Beraubung der Freiheit" empfindet er die physischen und psychischen Einschränkungen, aber auch den Umgang seiner Umgebung mit dem System "Krankheit": "Nicht die Krankheit ist das Leiden, sondern der Kranke leidet, weil er nicht fähig ist, zu reagieren, weil er nicht die Möglichkeit hat, mitzumachen."

Die Arbeit an einem "erweiterten Krankheitsbegriff" wird ihm daher zum Bedürfnis, der Kampf um die Wiedererlangung seiner persönlichen Freiheit: "Die Freiheit des Einzelnen besteht wahrscheinlich darin, über sich selbst nachdenken zu dürfen."
Gleichwohl untersucht er gesellschaftliche Zusammenhänge in Bezug auf das Leid. Nur so sei letztlich Handlungsfähigkeit zu erreichen: "Wichtig ist, dass man die eigene Sache auf das Leiden in der Welt bezieht, und dass man über die Schwierigkeiten nachdenkt, dieses Leiden als Kraft zu begreifen."

Schlingensief erkämpft sich diese Möglichkeit in seiner Kunst, er macht die Stimme des Kranken hörbar und unausweichlich. Wer sich dieser Auseinandersetzung entziehen will, der entzieht sich letztlich seiner Verantwortung. Die Erde sei der "einzig freie Ort im Universum, in dem man gestalten und auch glücklich werden" könne.
Mit berührender Offenheit schreibt Schlingensief über die Liebe zu seiner Frau und die Dankbarkeit, sie in dieser schweren Zeit an seiner Seite zu wissen. In der Liebe werde die Kraft offenbar, die das Leid hervor rufen könne, denn "[n]icht der Leidende ist der, der eine Prüfung macht, sondern der, der auf den Leidenden trifft."

Ein Buch, das berührt, zum Nachdenken heraus fordert und Respekt verdient! R.I.P. Christoph Schlingensief!


Die Ritter der vierzig Inseln
Die Ritter der vierzig Inseln
von Sergej Lukianenko
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Golding reloaded, 21. August 2011
Die Grundidee dieses Romans ist nicht neu. Bereits 1954 veröffentlichte William Golding seinen Roman "Herr der Fliegen", welcher rasch zum Kultbuch avancierte. Durch ein Unglück verschlägt es eine Gruppe Kinder und Jugendliche auf eine einsame Insel. Fortan sind diese auf sich allein gestellt und entwickeln ohne Anleitung Erwachsener ihre eigene Rang- und Hackordnung. Wie man sich denken kann, währt der anerzogene Friede nicht lang und mündet in einen gewalttätigen Konflikt. "Herr der Fliegen" ist eine vielschichtige und kluge Parabel über die angeborene Gewaltbereitschaft des Menschen.

Lunkianenko entschärft diese Ausgangssituation. Nicht die inneren menschlichen Züge sind es, die die Kinder nach und nach zu brutalen Kampfmaschinen werden lassen und ihre wahre Natur enthüllen, sondern ein von außen aufoktroyierter Zwang, der ihnen scheinbar gar keine andere Möglichkeit lässt. Aber gerade diese Umkehrung ist der Reiz dieses Buches. Wie bei Golding wird die Notwendigkeit moralischer Wertvorstellungen und menschlicher Courage rasch offenbar.

Es mischt sich jedoch auch noch ein weiterer Aspekt in das Geschehen: die Selbstverständlichkeit, mit der wir bereit sind, uns fremden Regeln zu unterwerfen, die Verantwortung für unser Handeln abzugeben, sobald wir uns außerhalb gewohnter Strukturen bewegen und in fremden Machtmechanismen ohne Reflexion derselben gefangen sind.
Bereits 1992 hat der russische Schriftsteller Lukianenko "Die Ritter der Vierzig Inseln" verfasst.Von Anfang an erinnerte mich die Umgebung, in die es Dima verschlagen hat, an Vorstellungen einer virtuellen 3D-Realität à la Holodeck vermengt mit der Brisanz innenpolitischen Kofliktpotentials eines Vielvölkerstaates.

Sprachlich bewegt sich der Roman auf einer auch für junge Menschen gut verständlichen Ebene. Der Leser folgt der Hauptfigur Dima aus dessen Sicht durch sämtliche Irrungen und Wirrungen. Mit Dima gemeinsam erleben wir die Angst, Sorge und Fassungslosigkeit, mit der er zunächst diese neue Welt betrachtet, schließlich aber auch den Mut und den positiven Kampfgeist, mit dem er sich dem scheinbar Unausweichlichen entgegen stellt.Die Message lautet: Verliere nie den Glauben an einen Ausweg und deine moralischen Werte.
Dennoch gelingt es Dima am Ende nur zum Teil, sich den Mechanismen zu entziehen, zu denen uns ein Krieg nötigt, selbst wenn wir ihn selber nie gewollt haben. Aber auch das ist wohl nur allzu menschlich.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 26, 2012 4:21 AM MEST


Erebos
Erebos
von Ursula Poznanski
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Daumen hoch!, 21. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Erebos (Taschenbuch)
Wenn eine Autorin es schafft, ein Buch über ein süchtig machendes Spiel zu schreiben, das ich nicht aus der Hand legen kann, so scheint sie etwas von der Materie zu verstehen.
Von der ersten Seite an hat Erebos mich in seinen Bann gezogen. Und damit meine ich nicht nur den Roman als solchen, sondern auch die Schilderung des Spiels im Buch.

Es ist eine phantastische Welt, in die Erebos entführt. Die Aufgaben, die das Spiel erteilt, sind in der Realwelt auszuführen. Die Spielregeln sind dabei äußerst streng: Jeder bekommt nur eine Chance, Erebos zu spielen, man muss beim Spielen allein sein und darf mit niemandem darüber reden.
Aus dem Blickwinkel Nicks verfolge ich die merkwürdigen Veränderungen auf den Schulfluren, die Verhaltensauffälligkeiten seiner Freunde und schließlich die Faszination, die das Spiel auf ihn ausübt, als er es endlich in die Finger bekommt. Nick ist entschlossen, bis zum Ende zu gehen, bis Erebos seine Loyalität mit einem Auftrag in der Wirklichkeit drastisch auf die Probe stellt...

Im Spiel verschwimmen Realität und Fiktion. Mehr und mehr ziehen sich die SpielerInnen in die Isolation von ihren Mitmenschen zurück. Aber es ist nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Thema Spiel- und Internetsucht, mit der mich die Autorin überzeugt. Es sind auch ihre lebendigen Figuren und die spannenden Situationen, in die sie geraten. Erebos ist ebenso ein Buch über Mobbing, Eigenverantwortung in der Gruppe und die Frage nach der eigenen Identität, die sich jungen Menschen in der Pubertät so dringlich stellt. Und es ist ein Buch über Courage, eine wichtige Eigenschaft, die es zu fördern gilt.
Dieses Buch ist in großes Lesevergnügen - nicht nur für Jugendliche!


Eat Pray Love: Eine Frau auf der Suche nach allem quer durch Italien, Indien und Indonesien
Eat Pray Love: Eine Frau auf der Suche nach allem quer durch Italien, Indien und Indonesien
von Elizabeth Gilbert
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verführerisch wie italienische Pasta!, 21. August 2011
Die Geschichte handelt vom Unterwegssein auf der einen, von der Akzeptanz der eigenen Ängste und Schwächen, somit auch seiner selbst auf der anderen Seite. Vom Ankommen und Angenommen werden. "Eat. Pray. Love." ist das Buch einer Frau, die mit einer gehobenen Prise Selbstironie alle möglichen Gefühle und Gedanken verzweifelter Selbstfindung in Worte fasst. Es scheint Strukturen zu geben, in denen sich viele Menschen wieder finden, die sich darin gleichzeitig aber nicht gut aufgehoben fühlen.

Da wären zum Beispiel die Schilderungen ihrer Ehemisere. Lizz fühlt sich in ein Leben gepresst, das vor allem durch Erwartungen geprägt ist, jene, die tatsächlich an sie heran getragen werden, sowie jene, von denen sie denkt, sie müsse sie erfüllen. Und sie funktioniert. Bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls. Sie hat nicht gelernt, ihrem eigenen Gefühl zu trauen, ist ungeduldig mit sich und setzt sich leicht unter Druck. Und obgleich sie doch in gewisser Weise schon aus dem ausgebrochen ist, was ihr vorgelebt wurde, fühlt sie sich nach wie vor schuldig, ungenügend, quält sich mit überzogenen Ansprüchen an sich selber und leidet, leidet, leidet.

Aber während viele Menschen in genau diesem Zustand verharren und sich einreden, genau so müsse es sein, dies sei das Leben, und eigentlich gehe es ihnen schließlich gut so, bricht Lizz auf und macht sich für ein Jahr auf eine Reise durch Italien (des Genusses wegen!), nach Indien (Stichwort Meditation!) und schließlich nach Bali (Harmonie!!!).
Und auf diese Reise nimmt sie uns in ihrem autobiografischen Roman mit. Es ist eine Reise zu Orten und Menschen unterschiedlichster Couleur. Lizz erzählt von Begegnungen, von ihrer Angst, die alten, wenn auch bedrückenden, so doch gewohnten Wege zu verlassen.

"Die Weisen nutzen Worte und Ideen zur Erweiterung ihres Bewusstseins, die meisten von uns aber errichten sich daraus nur Gefängnisse, die uns in einem ständigen Schrumpfungsprozess festhalten. Von unseren eigenen Mantras (Ich bin ein Versager... Ich bin einsam... Ich bin ein Versager... Ich bin einsam...) verführt, werden wir zu Denkmälern dieser Worte", schreibt Elisabeth Gilbert am Ende ihrer Reise. Und sie ermutigt dazu, diese vermahledeiten ausgetretenen Wege endlich zu verlassen. Jeder auf seine ganz eigene Weise.

Verführerisch wie italienische Pasta und himmlisch leicht wie eine Feder! Lesen!


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