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Rezensionen verfasst von
Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" (Bad Nenndorf)
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Der jüdische Messias
Der jüdische Messias
von Arnon Grünberg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

4.0 von 5 Sternen Der possessive Heisbringer, 25. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Der jüdische Messias (Gebundene Ausgabe)
Der Niederländer Arnon Grünberg ist nicht nur im Literaturbetrieb ein wahrer Workaholic. In seinen jungen Jahren hat er bereist 22 Romane geschrieben, einige davon unter dem Pseudonym Marek van der Jagst. Er verfügt über eine große Produktivität, wenn man bedenkt, dass er nebenbei noch täglich eine große Kolumne in einer Tageszeitung schreibt und jedes Jahr ein Buch publiziert. Arnon Grünberg hat auch schon die unterschiedlichsten Jobs ausgeführt, er war Kellner, Immobilienmakler, Liebesbriefschreiber, Schauspieler, Schachlehrer, Verleger, etc.

„Der jüdische Messias“ ist schon vor acht Jahren in Holland, Spanien, Italien und den USA publiziert worden und ist erst jetzt in der Übersetzung von Rainer Kersten im Diogenes Verlag erschienen. Angeblich hatte der Verlag ursprünglich Bedenken, dass dieses Buch in Deutschland möglicherweise falsch verstanden werden könnte. Doch nun hat man die Skepsis aufgegeben in der Hoffnung, dass man auch in Deutschland weiß, wie man einen solchen mit grimmigen Esprit gewürzten Roman lesen sollte.

Zum Plot, der von wüsten Ereignissen überbordend ist. Hauptfigur ist der als Sohn eines Schweizer Architekten geborene Xavier Radek. Der findet schon sehr früh als Kind heraus, dass seine Mutter eine euphorische Antisemitin war und sein Großvater ein engagierter SS Mann. So beginnt er sich für die Leiden der Juden zu interessieren, möchte sie für alles was ihnen widerfahren ist trösten.

Er lernt Awrommele, den Sohn eines Rabbiners kennen und lieben. Dieser Junge ist ja viel weniger mit der Vergangenheit belastet wie unser Held. Er bringt Xavier Jiddisch bei und eines Tages beschließen die beiden Hitlers „Mein Kampf“ ins Jiddische zu übersetzen.

In der Folge lässt sich Xavier beschneiden und bei der Beschneidungszene verliert er einen Hoden. Den konserviert er und tauft ihn auf den Namen „König David“. Erster Hinweis auf eine historische Figur.

Nächstes markantes Ereignis, Xavier möchte an der Amsterdamer Kunstakademie studieren. Da er schwul ist wird er abgewiesen. Eine Hitler Parallele.

Im Gelobten Land geht es weiter, wo Xavier seine Berufung als Politiker entdeckt. Er wird Premierminister von Israel und spielt gedanklich mit dem Einsatz von Atomwaffen, denn er sieht seine Bestimmung erst dann erfüllt, wenn er der Welt „seinen Stempel aufdrückt“ und damit schließlich den Juden den verdienten Trost zu kommen lässt. In diesem Zusammenhang eignet sich Xavier auch so etwa an, was man als jüdischen Selbsthass bezeichnen könnte, den er wird immer mehr zu einer Figur die über eine unwahrscheinliche Machtfülle verfügt.

In diesem Roman, der am Anfang sehr witzig, ein wenig spöttisch, aja auch vergnüglich beginnt, ist doch sehr viel zündkräftige Brisanz. Grünbergs Prosa besticht auch hier und bei all seinen Figuren ist eigentlich immer wieder festzustellen, dass sie unter Zwangsvorstellungen leiden, denn sie haben ein festes Ziel im Fokus, das sie nicht immer mit viel Fortune, aber mit viel Ausstrahlungskraft und einer gehörigen Portion Appeal zu erreichen versuchen.


Die Fabeln von der Begegnung
Die Fabeln von der Begegnung
von Botho Strauß
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Ein wunderbarer Autor mit tiefgehenden Visionen über den Zeitgeist, 25. Juli 2014
Botho Strauß gehört in Deutschland zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenössischen Schriftstellern und Dramatikern. Er ist stets bestrebt alles in der Sprache gebären zu wollen, dabei findet er immer wieder, wie auch in diesem Buch, hinreißende Sätze, aber leider verbinden sie sich nicht zu einem Ganzen, weil es eigentlich Fabeln sind. Und trotzdem ist es wirklich große Literatur der eine wunderbare Mehrdeutigkeit anhaftet und bei der diese kurzen Geschichten eben quasi aus Sprachbildern geschaffen werden.

1994 sorgte Botho Strauß mit seinen demokratie- und zivilisationskritischen Essays, vor allem mit „Anschwellender Bocksgesang“ für starke Kritik, weil er darin empfand, dass unser Volk die Wurzeln zu der Vergangenheit verloren hätte. Damals hat sich der Autor vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Von Veröffentlichung zu Veröffentlichung wird er misanthropischer, meidet alle Medien. Darin liegt jedoch eine gewisse Paradoxie, denn bevor ein Buch von ihm erscheint, hat er schon Interviews in Zeitungen gegeben. Erfolgreiche Medienstrategie?

Die meisten Bücher von Botho Strauß, seit dem 1984 erschienenen Werk „Paare, Passanten“, sind hintereinander geschaltete Prosaskizzen. In seinem postmodernen Entwicklungsroman „Der junge Mann“ sind die Grenzgänger auch einzelne Personen, aber der Roman hat noch einen Plot. Hier in „Die Fabeln der Begegnung“ sind es meist Paar Konstellationen, bei denen die Figuren in kurzen Szenen auftreten. Der Titel verrät schon sehr viel, nämlich dass den Autor besonders das Mysterium des Paares interessiert, das Mysterium von Mann und Frau und ganz besonders das Mysterium der Liebe ist. Wie mit einem Vergrößerungsglas, oder wie mit einem Scheinwerfer, fokussiert er aus einer Sekundenexistenz die Verletzungsmaschine Liebe und den Gleichmut oder die niederträchtige Radikalität mit denen sich Menschen sehr häufig in der Liebe oder nach der Liebe begegnen. Manchmal fällt es dem Autor schwer all das was ihn verabscheut mit der passenden Sprache auszudrücken. Die einzelnen differenzierten Beobachtungen sind schon großartig, doch man muss immer wieder den Hass und die Härte die aus dieser wirklich kostbaren Prosa spricht mit viel Hinterfragen verarbeiten.

Es sind Fabeln, die sich dem Mythos den Begegnungen nicht auf historisierende Art und Weise zuwenden, sondern Strauß bleibt sehr in der totalen Gegenwärtigkeit, in dem er stets das was zwischen Mann und Frau passiert, glasscherbenscharf zeitnah fokussiert. Und trotzdem sind es die Sprünge, die Anachronismen und die Details, die einen auch nach der Lektüre noch lange beschäftigen.

Natürlich ist Strauß im Kern ein großer Gesellschaftshasser und paradoxerweise macht ihn dieser Hass hellsichtig und scharfsinnig, denn ich kenne keinen Autor der die Phänomene der Gegenwart und die dabei häufig auftretenden Gegensätzlichkeiten so gut beschreiben kann wie Botho Strauß. Dabei meine ich bei dem Autor in seiner Einstellung eine gewisse Ambivalenz festmachen zu können, denn trotz aller Hassgefühle habe ich dabei das Gefühl, dass bei dem Autor eine Sehnsucht nach dem Gelingen menschlicher Beziehungen bleibt.

Man sollte diese „Fabeln“ nicht hintereinander lesen, weil die Betrachtungsstränge doch sehr differenziert sind. Es sind wunderbare, häufig sehr komplexe Szenen, hinreißende Beobachtungen, die in Sätze gemeißelt sind wie funkelnde Diamanten.


Die Marseille-Trilogie: Total Cheops, Chourmo, Solea
Die Marseille-Trilogie: Total Cheops, Chourmo, Solea
von Jean-Claude Izzo
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

5.0 von 5 Sternen Ein großartiger tief gehender politischer Thriller, 25. Juli 2014
Jean Claude Izzo hat Kriminalliteratur mit gesellschaftlichem Einschlag geschrieben. Bekannt geworden ist er durch die „Marseille Trilogie“. Jetzt sind diese drei Bände „Total Cheops“, „Chourmo“ und „Solea“ im Unionsverlag in broschierter Ausgabe erschienen. Fast 700 Seiten wunderbare Kriminalliteratur für nur € 14,95.

Der 2000 im Alter von 55 Jahren in Marseille verstorbene Jean Claude Izzo war zunächst Journalist, bevor er 1995 mit seinem ersten Roman „Total Cheops“ einen Bestseller geschrieben hat.

Die drei fantastischen Bände der „Marseille Trilogie“ drehen sich um den kleinen, wie auch Izzo, aus einer Migrantenfamilie stammenden Vorort Polizisten Fabio Montale. Dieser Montale versucht redlich und aufrecht zu bleiben, kämpft nicht nur gegen die Mafia, die Prostitution, den Drogenhandel, Rechtsextremisten, islamische Fundmentalisten, sondern auch gegen einen korrupten Polizeiapparat.

Er liebt seine Stadt und er muss dort gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen die schrecklichsten Verbrechen aufklären. Im zweiten Roman „Chourmo“ hat Montale den Polizeidienst eigentlich schon verlassen, als ihn seine Cousine Gélou bittet ihren verschollenen Sohn zu suchen. Unser Polizist deckt eine Verschwörung islamitischer Fundamentalisten auf, sieht wie ein Streetworker vor seinen Augen erschossen wird und muss zu seinem Leidwesen erfahren das ehemalige Kollegen von ihm in den Fall involviert sind und ihn bei der Aufklärung behindern. Da wundert es nicht, dass sich in dem Roman „Solea“ die Faktizitäten umkehren, den nun jagt ihn die Mafia, erpresst Montale, um an Dokumente zu gelangen, die beweisen das die Mafia einflussreiche Mittelsmänner in Politik und Wirtschaft hat. Montale versucht ein aufrechter Mensch zu bleiben, will Frieden für seine Stadt und seine Mitmenschen, kann aber nicht verhindern, dass die Mafia gnadenlos reagiert. Was mit Montale passiert sei hier nicht gesponsert.

Kulisse für alle drei Romane ist Marseille, ein Schmelztiegel von Kulturen und Nationen. Izzos Vorlieben für Musik und gutes Essen garnieren die Romane ebenso wie sein scharfer Blick auf das Porträt einer ganzen Gesellschaft. In allen drei Büchern werden die Geschichten gut erzählt und Izzo versteht es großartig im Medium der Darstellung ein Sog erzeugendes Spannungsverhältnis aufzubauen.

Meine emphatische Leseempfehlung. Ich war traurig als das Ende der Trilogie in Sicht kam - einen größeren Erfolg kann man nicht erzielen


Frösche: Roman
Frösche: Roman
von Mo Yan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

4.0 von 5 Sternen Ein Geburtshilfeepos erster Güte, 25. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Frösche: Roman (Gebundene Ausgabe)
Mo Yan, ist ein schon lange bekannter chinesischer Autor, der letztes Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Damals gab es große Kritik, denn es hieß, er, Vizepräsident des Chinesischen Schriftstellerverbandes und langjähriges Parteimitglied, sei zu linientreu. Besonders unter den Dissidenten gab es Entsetzen als Mo Yan den Literaturpreis mit der Begründung “halluzinatorischer Realismus“ bekommen hat. Mit diesem Instrumentarium der literarischen Moderne gelingt es Mo Yan diffizile politische Themen einerseits zu apostrophieren, anderseits zu mäßigen.

Sein Werk „Frösche“ ist übrigens vor Bekanntgabe des Literaturpreises in China publiziert worden. Im Chinesischen, und das wird häufig betont, ist das phonetische Wort für Frosch dasselbe wie für Kind und die Rufe der Frösche ähneln dem Weinen neugeborener Kinder.

Dieser Roman, in Form eines Briefromans angelegt, ist von einem deftigen Realismus gezeichnet, der die soziale Realität gnadenlos spiegelt und damit alle die Lügen straft, die Mo Yan als einen systemopportunen Konformisten bezeichnet haben. Trotzdem ist anzumerken, dass Mo Yan hier eigentlich ein System der Vergangenheit kritisiert, denn die „Ein Kind Politik“, die dieser Roman im Fokus hat, gilt heute eigentlich nur noch bei den Funktionären, obwohl die Ein-Kind-Politik wegen ihrer Problematik, sowohl mit Blick auf die demografische Entwicklung, als auch auf die Sozialsysteme in der Kritik steht.

Der sehr gut von Martina Hasse auf Deutsch übersetzte Roman beginnt mit einer unglaublich reichen, erbarmungslosen Beobachtung all dessen, was da menschlich Ungeheures in den 50er, 60 er und 70 er Jahren mit dieser realen Problematik im Zusammenhang mit der „Ein Kind Politik“ geschieht. Es sind drastische Detailschilderungen, volkskundliche Vulgaritäten, beißend-witzige Übersteigerungen bei der Mo Yan bewusst und gekonnt die Mao Sprache geistvoll verspottet. Er geht darin gnadenlos, sehr drastisch, mit diesen Faktizitäten um, wobei der erste halluzinatorische Realismus erst nach einigen hundert Seiten in den Fokus rückt, als Tante Gugu alkoholisiert in einen vom Mondlicht beleuchteten Froschtümpel fällt. Sie, die sich im Leben bisher nie vor etwas gefürchtet hat, gerät jetzt in Panik, als sie von den Fröschen überfallen wird. Tante Gugu, die in ihrer Denkart, fernab von jeglichem Idealismus, bisher ausschließlich vom Streben nach materiellen Zielen wie Besitz und Wohlstand geleitet wurde, wird hier von den Fröschen, in Gestalt der ungeborenen Kinder, von ihren eigenen materialistischen Methoden strafend eingeholt. Besser kann man eigentlich mit dem monströsen staatlichen Zwangsapparat und dem philosophisch politischen System nicht abrechnen.

Mit der Lektüre tut man sich am Anfang etwas schwer, weil diese Welt für uns so fremd ist. Das fängt schon damit an, dass damals die Kinder ihre Namen in den Dörfern von Nordost - Gaomi, dort wo fast alle Romane Mos angesiedelt sind, nach Körperteilen oder Organen bekommen haben. Es ist schon gewöhnungsbedürftig, Ein Kind kommt mit dem Bein zuerst, eins mit dem Kopf, das andere mit dem Arm auf die Welt. Gewöhnungsbedürftig die Namen wie Wann Galle, Chen Nase oder Wann Backe. Es wird geboren und es wird abgetrieben.

Hauptfigur, dieses stark autobiografischen Romans, ist ein Schriftsteller mit dem Künstlernamen „Kaulquappe“. Er stammt aus dieser ostchinesischen Provinz, wo die Kinder nach Körperteilen benannt wurden. Er schreibt einem japanischen Kollegen Briefe, während er an einem Theaterstück über seine Tante arbeitet. Dieser Freund interessiert sich vornehmlich für diese Tante, die wie erwähnt, eine aufregende und schockierende Lebensgeschichte hat. Sie war eine der ersten Hebammen, wurde während der kulturellen Revolution gedemütigt, wurde dann überzeugte Kommunistin und machte sich dann mit unwahrscheinlicher Härte und Gewalt zur Vollstreckerin der „Ein Kind Politik“. Darin liegt ihre Schuld, die sie zum Schluss in einer aus dem Rahmen fallenden Bußpraxis wieder gut machen will. Geistig umnachtet fertigt sie „Tonkinder“ an, bei denen im Volksglauben ein Seelenleben vermutet wird.

Symbolische Pointe dieses Romans, Höhepunkt der Erzählung ist eine Froschzucht.
Die ständig quakenden Frösche stehen in dem Roman als Metapher für die abgetriebenen Kinder, denn diese parteitreue Tante des Erzählers, die beliebte und begabte Ärztin und Hebamme Gugu, hat etwa 10 000 Kinder in den fünfziger und sechziger Jahren zur Welt gebracht. Als in den siebziger Jahren die staatlichen Geburtenkontrollen eingeführt wurden, war sie eine resolute Vorkämpferin und hat dann ebenso viele Abtreibungen vorgenommen. Übrigens, die Strafen für „überzählige Kinder“, wie sei im Roman genannt werden, zahlen Reiche anstandslos. Wer es sich finanziell leisten kann nimmt sich Zweit- und Drittfrauen, Leihmütter, um einen männlichen Erben zu erhalten.

Dann betrifft das zentrale Verbrechen, um das dieser ganze Roman kreist, auch noch die Frau des Schriftstellers und der Ich-Erzähler macht sich durch sein Verhalten schließlich zum Handlanger des Systems. Meine Sprachlosigkeit war groß, weil die in diesem Erzählkonstrukt von dem Ich-Erzähler vorgenommene dramaturgische Wende psychologisch nicht thematisiert wurde. Im Nachwort ist angedeutet, dass das Schuldbewusstsein des Erzählers einen autobiografischen Hintergrund hat. Mehr sei dazu nicht verraten.

Es ist ein schriftstellerisches Meisterwerk, ein zügelloser, gewaltiger Roman über Schuld und Sühne. Der Roman hat zum Schluss, wie gesagt, ein Theaterstück als Tragödie In diesem makaberen, expressionistischen und dramatischen Theaterstück, an dem er Jahre lang gearbeitet hat, behandelt der Autor diese Geburtenplanung als Stoff für eine Tragödie und billigt damit ernsthaft, dass man in der damaligen Realität diese Entscheidung durchaus treffen konnte. Er zeigt auf der einen Seite die Barbarei, das unglaubliche Menschheitsverbrechen, billigt aber die Geburtenplanung als Tragödie mit der Argumentation, was würde denn passieren, wenn es keine Geburtenplanung gäbe? Zwischen diesen beiden moralischen Anforderungen liegt die Tragödie, liegt die ganze Ambivalenz in Sachen Geburtenkontrolle. Das Diesen Dienst an der Menschheit lässt Mo Yan in der Rollenprosa des Ich-Erzählers immer wieder aufleuchten.

Es ist die Geschichte eines moralischen Tiefpunktes und die enorme Fallhöhe dieses Romans liegt eben in der Feststellung, dass wir uns auf diesem Planeten Erde nicht planlos vermehren können. In diesem angefügten Theaterstück nimmt der Ich Erzähler, auf satirische und possenhafte Art und Weise, alles noch einmal auf, fügt aber dem Plot nichts Wesentliches hinzu und folgt in den Figurenzeichnungen auch hier nicht den Direktiven psychologischer Nachvollziehbarkeit.

Großartig werden hier in schriftstellerischem Können, in einer wunderbaren Erzählkunst, in diesem unglaublich authentisch chinesischen Buch, zeitgeschichtliche Dinge der letzten Jahrzehnte im Leben einer Gesellschaft gespiegelt. Ob Abtreibungskampagne bei Schwangeren, ob Sterilisationskampagne bei Männern, der Tumult der Wirklichkeit wird auf schonungslose und drastische Weise dargestellt. Durch ein häufig widersprüchliches, satirisches und introspektives Verhalten bleibt dabei die Figur des Erzählers unscharf, trotzdem ein ganz starkes Buch, in dem der Autor das eigene Gewissen glasscherbenscharf thematisiert und mit einer Sprachmacht, die ihren Niederschlag in der Genauigkeit der Beschreibungen findet, aufzeigt, wie sich nicht nur das Bild von sich selbst ändert, sondern welche Veränderungen sich im modernen China vollzogen haben.


Heinz Strunk in Afrika
Heinz Strunk in Afrika
von Heinz Strunk
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen Voll bitterer Ironie, 25. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Heinz Strunk in Afrika (Taschenbuch)
Heinz Strunk, Musiker, Komponist, Schauspieler, Komödiant und Schriftsteller, ist bekanntlich mit dem Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ berühmt geworden. Er ist ein Autor der eine unglaublich bittere Literatur schreibt.

Eigentlich interessiert sich dieser norddeutsche Heinz Strunk nicht für Afrika, wie er üblicherweise gewöhnlich nie besonders für seine Reiseziele angetan ist. Und obwohl er eigentlich eine Pauschalreise ohne Abenteuer bevorzugt, einen Urlaub wo man gar nichts erlebt, geht er nun ausgerechnet dahin wo das Leben heftig und grausam ist und er schont sich selber dabei nie. Ihm macht es vielmehr Spaß den „öden Alltag“ schonungslos zu dokumentieren.
Er fährt immer mit einem Freund über Weihnachten weg, weil er mit dem Fest übrigens nichts Richtiges anfangen kann. In Kenia ist es zu dieser Jahreszeit warm und damit sind eigentlich schon die wesentlichen Vorrausetzungen für einen perfekten Weihnachtsurlaub gegeben.
Auf seiner Reise in den tiefschwarzen Kontinent, in einen Ferienort in der Nähe von der Hauptstadt Mombasa geraten der Bestsellerautor Strunk und sein gleichnamiger Alter-Ego-Protagonist C., ein stets kränkelnde und griesgrämige Raucher - in so weit übrigens ein idealer Reisebegleiter- an die unterschiedlichsten Standorte, an denen eigentlich immer ein bisschen zu viel Menschenhasser Strunk und zu wenig Afrika fokussiert werden. Dennoch erfahren wir in Mini Gags und inneren Monologen - Strunks spezielle, eigenartige Art von Humor - , etwas über so unterschiedliche Themen wie Urlaubskalorien, Urlaubsfeindschaft, Urlaubsfreundschaft, Bürgerkrieg, Sexismus mit „Bumsböcken“ und „Fickstörchen“, Spielautomaten umgeben von Spielsüchtigen, Hassverstärkern bei hemmungslosen Saufspielen und als besonderes Highlight des Buches die lokalen Präsidentschaftswahlen.

Wie gesagt, dieser Heinz Strunk ist ein schonungsloser Beobachter, der nicht nur die ganzen Facetten des trostlosen Lebens, sondern auch die mit spöttischer, perfider und demütigender Sprache aufgezeigten Schwächen im Erscheinungsbild und Auftreten seiner Mitmenschen schonungslos und unleidlich aufdeckt, alles aber, trotz aller Übertreibungen, lebensnah und durchaus glaubwürdig erscheinen lässt. Seine Komik lebt von der Verknüpfung zur Tragikkomik, darin ist Heinz Strunk ein unbestrittener Meister.

Ein eindeutiges, durchgängiges Erzählkonstrukt ist in dem bisher wohl schwächsten Buch von Heinz Strunk nicht zu erkennen, ein Spannungsbogen kann auch da nicht konstruiert werden, wo Strunk am Ende im Bett einer jungen Frau aufwacht und seinen Reisegefährten vermisst! Der wird doch nicht zu den über 1000 Menschen gehören, die zwischenzeitlich bei örtlichen Unruhen gestorben sind?

Ein einfallsreicher Titel, ein Buch was jedoch weder große Literatur noch Reiseerzählung ist – mehr Strunk als Afrika – ein Buch mit einem Grundton, auch wenn man sich teilweise über Formulierungen ärgert, teilweise Bilder nicht so schön findet, hat es diesen elegischen Grundton, der einen dann bei der Lektüre auch nicht wieder los lässt. Urlaubsromantik sucht man allerdings vergeblich und vielleicht wäre weniger mehr gewesen.


San Miguel: Roman
San Miguel: Roman
von T.C. Boyle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3.0 von 5 Sternen Frauen die für die Inselträume ihrer Männer leben, 24. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: San Miguel: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der US-amerikanische Schriftsteller T.C.Boyle hat bisher 14 Romane geschrieben die größtenteils alle auf penibel recherchierten historischen Ereignissen basieren. Jedes Buch hat einen anderen Klang. Er hat so dem historischen Roman seine Referenz erwiesen und ihm nicht nur bei der amerikanischen Leserschaft zu neuem Ansehen verholfen. Viel beachtet wurden auch seine über 60 Kurzgeschichten.

2011 erschien sein viel beachteter Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“, ein Roman der das Gleichgewicht im Ökosystem im Fokus hat und vor der Südküste Kaliforniens auf den Channel Islands spiel. Auch sein neuester Roman „San Miguel“ schwemmt uns an die Küsten von Channel Island, der westlichsten dieser der kalifornischen Küste vorgelagerten Insel, die heute Nationalpark ist, wo wir, wie auf dem gefälligen gestalteten Umschlag ersichtlich, unterschiedlichste Strandgutgegenstände, wie Muscheln, Senkblei um uns herum verteilt finden.

Der Roman behandelt die Biografie dreier sehr unterschiedlicher Frauen, für die in den Jahren zwischen 1880 und 1940 diese Insel entweder zum Paradies oder zur Hölle wurde. So wie in diesem Roman, der so ein bisschen an die Romane von Jane Austen erinnert, hat sich T.C. Boyle noch nie in die Mentalität von Frauen hinein versetzt, denn die stehen hier immer im Zentrum.. Die sterbenskranke Marantha ist mit einem seelisch und körperlich unbehausten, aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zurückgekehrten Kriegsheimkehrer verheiratet, den es aus Gewinnsucht auf die Insel zieht. Marantha leidet an dem in geschlossener Einsamkeit entbehrungsreichen Leben, zerbricht innerlich daran und stirbt bald an Tuberkulose. Die Adoptivtochter leidet auch unter der Tyrannei des Vaters, kann aber von der ungeliebten Insel fliehen. Das ist das Leben der ersten im Roman geschilderten Schafzüchterfamilie.

Jahre später zieht dann die von einem Millionär angestellte Gegenfamilie mit Elise Lester auf die Insel. Diese Familie, entwickelt sich zu einer Bilderbuchfamilie im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie wird von emsigen Medienvertretern entdeckt. Elise findet scheinbar mit ihrer Familie ihr Glück auf dieser Insel und die Presse sieht in ihr zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise die Legende der Pionierfamilien bestätigt. Es ist die amerikanische Projektion von Johann David Wyss „Der schweizerische Robinson“, wo eine sechsköpfige Schweizer Familie in einer Inselwildnis ein lebenswertes Zuhause schafft. Bei „San Miguel“ trügt das Bild von einem scheinbar beschaulichen einfachen Lebens, auch wenn man sich alle Mühe gibt die Familie für die Medien herzurichten. Die junge Frau bekommt spät ein Kind und wird früh zur Witwe, Auf dieser Insel scheint irgendwie ein Fluch zu liegen der vielleicht auch mit dafür verantwortlich ist, dass das Leben, fernab jeder Zivilisation, im Laufe der hundert Jahre immer schwieriger

Man kann eigentlich von der Literatur des Plot sprechen, Es ist eine große in Prosa abgefasste Erzählung von drei starken Frauen, die trotz ihrer Kompetenz scheitern, wobei der Autor wunderbar die Kunst versteht, neben allen realistischen Erzählsträngen beeindruckende Metaphern zu bilden. Ein Wermutstropfen, zu diesem Roman, den ich mit Begeisterung gelesen habe; Boyle bezieht sich auf das Erinnerungsbuch der einen Frau und auf das Tagebuch der anderen. Das macht neugierig, aber warum fokussiert der Autor diese authentischen Zeugnisse, die sehr berührend sind, nicht nachhaltiger? Schade!!


Aus der Zeit fallen
Aus der Zeit fallen
von David Grossman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

5.0 von 5 Sternen Ein großartiges, tief bewegendes Buch, 24. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Aus der Zeit fallen (Gebundene Ausgabe)
David Grossmann ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Israels. Er war immer, auch in seinen journalistischen Arbeiten ein spektakulär politischer Schriftsteller und Friedensaktivist, dem hohes Ansehen zu teil wurde. In seinem neuen bewegenden Buch „Aus der Zeit fallen“, in der Übersetzung von Anne Birkenhauer, erschienen im Carl Hanser Verlag, thematisiert er den Verlust eines geliebten Menschen. Es ist autobiografisch, insoweit, dass David Grossmanns eigener zweiter Sohn Uri 2006 während des Libanonkrieges, bei den Kämpfen zwischen der Hisbollah und Israel, im Südlibanon getötet wurde, als sein Panzer von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde. Damals schrieb Grossmann gerade das emotionale Buch „ Eine Frau flieht vor einer Nachricht.

Der Autor hat für dieses neue Buch wahrscheinlich die ungewöhnlichste autobiografische Form gewählt, weil er wahrscheinlich das was er Bewegendes und Hilfespendendes sagen wollte nur als Lyrik zu Papier bringen konnte, weil so alles intimer und präziser wird. Die prosaische Form war ihm auf Grund der inneren Betroffenheit nicht möglich. All das was er sagen wollte bedurfte keiner theoretischen Abwägung, denn für ihn war ja eine Wirklichkeit zusammengebrochen.

„Aus der Zeit fallen“ ist das illusionistischste Buch des Autors, sowohl von der Form, als auch von den Figuren die darin fokussiert werden, denn es ist ein bunt gemischtes Personal. David Grossmann wollte nicht die private Katastrophe als Bekenntnisliteratur thematisieren. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass als Figuren ein Herzog, ein Chronist, eine Geburtshelferin und ein Mischwesen aus Pferd und Menschenkopf auftreten. Die Konfrontation mit dem Tod, der Moment, der Übergang, wo das Leben den Tod berührt, erfordert eine eigene Sprache

David Großmann hat mit „Aus der Zeit fallen“ ein schmales, zutiefst berührendes, aufwühlendes und bewegendes Buch geschrieben, das für jeden Leser zum engen Kreis der lebenslang unvergesslichen Lektüreerlebnisse zählen wird.


Die Frau in mir: Ein Mann wagt ein Experiment
Die Frau in mir: Ein Mann wagt ein Experiment
von Christian Seidel
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Geändertes Verständnis von Geschlechterrollen, 23. Juli 2014
Christian Seidel, unter anderem Filmproduzent, Medienberater, Manager von Claudia Schiffer, Arabella Kiesbauer und Heidi Klum hat sich in seinen Büchern und Essays bisher mit der Kernfrage zischen Nimbus und Faktizität befasst. Mit seinem aktuellen, im Heyne Verlag erschienen Buch „Die Frau in mir“ - Ein Mann wagt ein Experiment- hat er sich aus dem „Kerker seines Geschlechts“ befreit und in einem „Selbsterfahrungsexperiment“ fast zwei Jahre lang den Versuch unternommen, als Frau zu leben. Er fühlte sich als Mann nicht in einer falschen Rolle, aber wie er in einem Interview zu verstehen gab, hatte er die klassische Männerrolle so satt, dass sie ihn schmerzlich nervte,. So wurde aus Christian - Christiane. Lustiger Weise entstand die Idee zu diesem Tabu Buch als er sich beim Strumpfkauf in die Damenabteilung eines Kaufhauses verirrte. Christian Seidel schreibt, dass er nun damit begonnen hatte „aus dem Aquarium heraus zu schwimmen“ um so die Männerrolle für eine gewisse Zeit hinter sich zu lassen. Er hat die Frauenrolle zwar nur gespielt, konnte ja nicht wirklich Frau sein, sondern versuchte mittels Bekleidung und Verhalten die Annährung so weit wie möglich zu gestalten. Anfangs empfand er seine Situation doch als sehr ambivalent. Denn auf der einen Seite hatte er ein unsagbares Freiheitsgefühl, andererseits war am Anfang die Überwindung von allerhand Peinlichkeiten wie ein Gang durchs Fegefeuer. Danach hat er dann das Leben als Frau in vollen Zügen ausgekostet.

Mit erbarmungsloser Offenheit erzählt Seidel von einschneidenden und konsternierenden Erlebnisse und kommt resümierend zu der Erkenntnis, dass die Grenzen von der Rolle Mann und der Rolle Frau langsam verschwimmen. Aus seiner Frauenrolle heraus musste der Autor feststellen, dass Mann und Frau sich nicht auf Augenhöhe begegnen, ist aber schließlich davon überzeugt, dass wenn man die von der Gesellschaft konstruierte Rollenordnung aufbrechen würde, sich die Menschen viel freier fühlen würden. Seidel dabei ist er jedoch nicht ein eifriger Verfechter der Geschlechterdebatte, „Männer und Frauen sind gleich“, aber man sollte sich so verhalten.
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Seidel hat nicht nur positive Erfahrungen als Frau gemacht, er wurde angepöbelt und man versuchte ihn sogar zu vergewaltigen. Die Gewalt Erfahrung hat Spuren hinterlassen. Die Erfahrung als Frau war auch eine Erfahrung der Ohnmacht und sein Verhältnis zu Männern hat sich auch grundlegend geändert. Dazu haben sicher viele Konflikte mit seinen männlichen Freunden beigetragen, die er fast alle verloren hat.

Es ist ein neue Horizonte eröffnendes Sachbuch, welches unterstreicht dass sie Geschlechterwelten zwei vollkommen voneinander lostgelöste virtuelle Welten sind. Seidel hat lange Zeit die Welt aus den Augen einer Frau gesehen und dadurch nicht nur lange Zeit seine Existenz gefährdet, sondern ist nach so langer Zeit des Rollenwechsels immer noch auf der Suche nach der wahren Identität. Das Buch hat die Geschlechterdebatte neu belebt.


Die vergessene Mitte der Welt: Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan
Die vergessene Mitte der Welt: Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan
von Stephan Wackwitz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Zeithistorisches Intermezzo, 20. Juli 2014
Stephan Wackwitz, der Geschichte und Germanistik studiert hat, ist heute Leiter des Goethe Instituts in Tiflis. Von seinen „Brotberufsstationen“, also wenn er beruflich auf der Welt unterwegs war, ob in Neu Delhi, Tokio, Krakau, Bratislava oder zuletzt New York hat er meist ein Reisebuch mitgebracht. In Tokio hieß das Buch „Tokio“, in der Hauptstadt der Moderne, „New York“. Sein neuestes Buch trägt den zugkräftigen Titel „Die vergessene Mitte der Welt“. Seit 2011 lebt er in Tiflis, war dort in Georgien Zeuge des Machtwechsels im Jahre 2012. Seit dieser Zeit beobachtet er das tägliche Ringen um Demokratie, die erstaunlichen, augenfälligen Veränderungen. Ein Kampf um Menschenrechte, Demokratie und Moderne, in einer Gesellschaft die auf dem Weg zur Modernisierung ist.

Das Buch beginnt mit individuellen Beschreibungen der Stadtidylle, wobei der Autor ständig - reflektionsartig - gedanklich in die Vergangenheit zoomt, wobei ihm dabei unter anderem Filme von Fellini fokussiert werden, denn er verspürt das Bedürfnis Tiflis und Georgien mit Italien der 60 er Jahre zu vergleichen. Dabei könnte man doch eigentlich glauben, nichts könnte kontrastreicher sein als eine georgianische Landschaft und Gesellschaft aus Osteuropa auf der einen Seite und Italien als Teil von Latein Europa auf der anderen Seite, auch wenn die Landschaften im Kern etwas mediterranes haben.

Man kann dieses zeithistorisches Dokument, der im Aufbruch zur Moderne befindlichen georgianischen Gesellschaft als eine beeindruckende Konstruktion betrachten, die in ihrer Erzählkonstruktion durch ihre verschiedenen Reflexionsebenen begeistert, überquellend von dem Stoff, aus dem Leben und Zeitgeschichte sind. Seinen bisherigen Reisebüchern hat Stephan Wackwitz mit „Die vergessene Mitte der Welt“ ein weiteres lesenswertes hinzugefügt.


Charisma und Politik: Warum unsere Demokratie mehr Leidenschaft braucht
Charisma und Politik: Warum unsere Demokratie mehr Leidenschaft braucht
von Julia Encke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

4.0 von 5 Sternen Ein fanalartig wirkender Untertitel, 17. Juli 2014
Charisma ist eine göttliche Gnadengabe der in Deutschland das Odium der Gefährlichkeit anhaftet, weil sie in der Politik häufig mit Verführern, Demagogen und Diktaturen wie Mao, Stalin, Mussolini, Franko oder Hitler in Verbindung gebracht wird. Ergo ist landläufig Charisma in der Politik verpönt, doch Julia Encke ist der Überzeugung, dass man diese ideologische Spiegelung ausschließen kann. Deshalb unterscheidet sie in ihrem Buch zwischen einer echten, nämlich dem demokratischen Charisma und dem falschen Charisma. Bei einem Demokraten ist es Charisma, bei einem Faschisten oder Rechtsradikalen ist Charisma eine falsche Komposition.

In ihrem Essay bezieht sich die Autorin bei der Unterscheidung zwischen demokratischen Charisma und diktatorischem Charisma auf den Historiker Wolfgang Mommsen sowie auf den Soziologen Max Weber die den Begriff Charisma nutzten, um eine der drei von ihm zu unterscheidenden Formen von Herrschaft zu bezeichnen, wobei er in ihrer Sicht , neben rationaler und traditionale Herrschaft, auch die charismatische Herrschaft spiegelt. Wenn man der Lehre Webers folgt, und das genuine Charisma im Auge hat, dann wäre es nach Ansicht der Autorin durchaus wünschenswert, das Menschen die eine charismatische Gabe haben sich durchaus ermutigt fühlen sollten in die Politik zu gehen, um damit die Politik nicht nur den bürokratischen Karrieretypen zu überlassen. Solche charismatische Politiker der bundesdeutschen Geschichte waren Konrad Adenauer, Willy Brandt, Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt. Betrachtet man diese Politiker dann könnte man durchaus davon überzeugt sein, dass mehr direkte Demokratie in der Lage ist auch wieder mehr Begeisterung und Interesse für die Politik zu erwecken.

Julia Emke ist davon überzeugt, wenn Bewegungen wie mehr Bürgerbeteiligung und Politiker die mit Leidenschaft und Charisma ihre Ansichten und Politik vertreten zusammen kommen, dann könnte es in der Politik durchaus interessanterund abwechslungsreicher werden. In ihrer Reflexion über die jüngste Geschichte kommt die Autorin zu der festen Überzeugung, dass unsere Demokratie Schaden nehmen könnte, wenn sie nicht durch charismatische Politiker repräsentiert wird, die sich mit Impitus für die politischen demokratischen Ideale entflammen.

Es ist ein Buch das auf seinen Reflexionsebenen ausgesprochen atmosphärisch arbeitet und versucht ein Deutungsdelirium zu vermeiden


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