Profil für 2Skywise > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von 2Skywise
Top-Rezensenten Rang: 15.790
Hilfreiche Bewertungen: 451

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
2Skywise

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5
pixel
All the Way Home
All the Way Home
Preis: EUR 18,64

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Bekenntnis zur Heimat, 21. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: All the Way Home (Audio CD)
Cathy Jordan mag dem einen oder anderen Musik-Hörer als Sängerin der irischen Folkgruppe Dervish ein Begriff sein. Seit 1991 reist sie mit ihren fünf musikalischen Mitstreitern nahezu ununterbrochen vom einen Ende der Welt zum anderen, und wenn es auch hin und wieder einige Rückschläge gegeben haben mag (man erinnert sich dunkel an das ernüchternde Abschneiden beim Eurovision Song Contest 2007), begeistern sie doch immer noch Publikum und Kritiker. Die persönlichen musikalischen Wurzeln der Mitglieder werden mit den Einflüssen der irischen Musik verknüpft und bisweilen um zusätzliche Elemente angereichert wie etwa solchen aus Schweden, das ebenfalls über eine äußerst lebendige Folk-Szene verfügt. Womit wir schon mitten im Thema sind.
Dervish haben in den letzten Jahren um Tonstudios einen größeren Bogen gemacht. Das letzte reguläre Album lag 2012 bereits fünf Jahre zurück, das aktuellste musikalische Lebenszeichen der Band vernahm der Plattenmarkt anno 2010 mit dem Live-Album "From Stage To Stage". Anscheinend nutzte Cathy Jordan diese Studio-Auszeit für ein paar eigene Gedanken, und so entstand die Idee, eine Sammlung von Stücken aufzunehmen, die mit Erinnerungen verbunden sind. Somit entstand "All The Way Home", ein äußerst persönliches und introvertiertes Album, was hier weder mit "traurig" noch mit "nachdenklich" gleichzusetzen ist. Heimat - so lautet das große Thema dieses Albums. Cathy Jordan läßt ihre frühesten musikalischen Einflüsse Revue passieren, indem sie Lieder interpretiert, die sie ihre Eltern oder andere Familienangehörige singen hörte, sie erzählt, wie es danach weiterging, indem sie ihre Träume und Sehnsüchte offenlegt, die sie aus ihrer Heimat in die Welt lockten ("The Road I Go"), wobei sie allerdings immer die Erinnerung an ihre Heimat hochhielt ("The River Field Waltz"). Sie vergleicht ihre eigenen Eindrücke von Heimat mit den Worten anderer ("In Curraghroe"), gibt eine kurze Erklärung zu ihrem Hier und Jetzt ab, indem sie mit ihren Mitmusikern ein Stück spielt, das während der Aufnahmen zu "All The Way Home" ihrem Produzenten aus der Feder floß ("The Jordan Jig"), ehe sie die Werte, die sie aus der Heimat forttrieben, einer Neubewertung unterzieht und auf sie zurückkommt (Titelstück).
Cathy Jordans Weg, der aus der Heimat über einige Stationen wieder zu ihr zurückführt, wurde in Schweden produziert, was angesichts des Themas etwas sonderbar anmutet. Umgekehrt gibt es den einen oder anderen guten Grund dafür. Zum einen mag die Distanz an sich eine Rolle gespielt haben, die andeutet, daß Cathy Jordan durchaus in der Lage ist, das Thema "von außen" zu betrachten und ihm ein Album aus der Ferne zu widmen, das dennoch den Geist der Heimat in sich trägt. Zum anderen ergibt sich auf diese Weise die Möglichkeit, das Album ein wenig nüchterner und unaufgeregter zu gestalten als das wahrscheinlich derzeit in den einschlägigen irischen Studios der Fall gewesen wäre. Bereits früher haben Cathy Jordan und Produzent Roger Tallroth zusammengearbeitet, insbesondere sei hier der Titel "Josefin's Waltz" von dem Dervish-Album "At The End Of The Day" zu erwähnen, der gemeinsam mit Väsen entstand, der Band von Gitarrist Tallroth. Es kam ebenfalls häufiger zu gemeinsamen Auftritten der beiden Formationen. Auf Roger Tallroth dürfte der klare, unaufdringliche Klang des Albums zurückzuführen sein, was sich ausgesprochen positiv auf die Atmosphäre auswirkt. Cathy Jordans Stimme hebt sich deutlich ab, ohne dabei die Instrumente zu übertönen, es wurden nur wenige Effekte verwendet, was an vielen Stellen zu dem Eindruck von "Hausmusik" führt, wodurch das Thema abermals unterstrichen wird. An der Seite von Jordan finden sich einige Musiker, die sie augenscheinlich bei ihren Reisen um die Welt auf der Suche nach Heimat eingesammelt hat - Künstler aus Schottland, Irland, Norwegen, Schweden oder den USA geben sich hier die Klinke in die Hand, darunter so klangvolle Namen wie Eddi Reader, Seamie O'Dowd, Andy Irvine, Michael McGoldrick oder Gustaf Ljunggren. Sie alle bereiten den Teppich für Cathy Jordan, die zufrieden in sich selbst zu ruhen scheint, wenn sie sich musikalisch vor ihrer Familie oder Reisegefährten verbeugt, gelegentlich mit einem etwas amüsierten, mal mit einem nachdenklichen Lächeln. Roger Tallroth verhindert - um ein Klischee zu bemühen: nordisch-unterkühlt -, daß dieses sehr balladenlastige Album zu pompös oder gar überzuckert ausfällt, stattdessen konzentriert er sich allein auf das Material und Cathy Jordans Stimme, wodurch ein in sich geschlossenes, warmes Album entsteht, dem es allerhöchstens an ein oder zwei etwas befreiteren Liedern oder ein wenig Auflockerung mangelt.
Cathy Jordan erzählt auf ihrem Solo-Debüt die Geschichte einer Reise im Kreis, und das auf eine professionelle und bodenständige Art und Weise. Es ist ein privates, ruhiges Album geworden, vergleichbar mit einem Fotoalbum, das Bilder aus der frühesten Jugend der Interpretin ebenso zeigt wie Eindrücke von der gerade aktuellen Zusammenarbeit von Musikern, bei der sie selbst im Mittelpunkt steht. Für die Interpretin und die Hörer ist es sicher ein angenehmer Ausflug abseits des Bandgefüges, der darüber hinaus auch noch hoffen läßt, zukünftig wieder mehr von Dervish zu hören. Es ist unwahrscheinlich, daß Cathy Jordan dieses Album zum Anlaß nimmt, eine Parallel-Karriere als Solo-Interpretin zu beginnen, dazu ist das Material zu introvertiert und wirkt zu geschlossen. "All The Way Home" ist wohl eher als Schlußstrich unter ein Kapitel zu verstehen, nicht als Beginn eines neuen Absatzes. Aber es wäre reizvoll, in naher oder ferner Zukunft wieder eine Episode aus Cathy Jordans Lebenslauf von ihr selbst erzählt zu bekommen ... es gibt bestimmt noch andere Themen, die man auf Albumdistanz ausbauen kann.


No Go
No Go
Preis: EUR 18,98

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schnappschuß, 7. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: No Go (Audio CD)
Maurenbrecher ist rauher geworden.
Wenn man diesen Satz liest, könnte man daraus ableiten, daß Manfred Maurenbrecher früher weichgespülte Alben aufgenommen hätte, aber natürlich ist das nicht so. Spröde war er schon immer, er paßte mit seiner Musik, seinen Themen, seiner Lyrik, seiner Intonation, seinem Äußeren und mit vielen anderen Details nie so richtig ins Bild der Musiklandschaft, manchmal hatte es sogar den Anschein, als hielte er sich bewußt vom Kegel des Scheinwerferlichts fern. Um auf ihn aufmerksam zu werden, braucht es häufig andere Künstler, die seine Lieder intonieren wie Herman van Veen, Ulla Meinecke oder Queen Bee/Ina Müller, bzw. die ungezügelten Empfehlungen des Feuilletons (alternativ: des eigenen Freundes- und Bekanntenkreises) oder die warmherzigen Worte von Künstlerkollegen wie Konstantin Wecker, Thommie Bayer oder Wolfgang Niedecken. Noch immer genießt Maurenbrecher den vielleicht etwas unbefriedigenden Status eines mittelbekannten Geheimtips, und wie von ihm gewohnt sitzt er noch immer zwischen allen möglichen Stühlen, daran wird auch sein neues Werk "No Go" nichts ändern.
Denn Maurenbrecher ist rauher geworden.
"No Go" ist mehr oder weniger ein Schnellschuß. Das musikalische Quartett, zu dem neben Manfred Maurenbrecher auch Langzeit-Produzent Andreas Albrecht, Bassist Tobias Fleischer und Gitarrist Marco Ponce Kärgel gehören, begab sich mit fertigen Stücken ins Studio, um ein wenig mit ihnen herumzuspielen und Möglichkeiten auszutesten. Dabei stellten die Musiker fest, daß die Lieder funktionierten und somit kein weiterer Feinschliff mehr vonnöten (oder gewünscht) war, und so hielten sie am Ende der fünftägigen Arbeit die Aufnahmen in den Händen, aus denen sich "No Go" zusammensetzt. Dies erklärt den etwas grobschlächtigen Klang des Albums. Darüber hinaus nimmt die stark verzerrte Gitarre eine deutlich dominantere Position ein als das sonst weiter im Vordergrund stehende Klavier. Der daraus resultierende schroffe Ton hat zur Folge, daß Textpassagen deutlich aggressiver klingen als sie zu lesen sind. Die Ironie hinterläßt tiefere Bißspuren, die Nachdenklichkeit mancher Texte erhält einen rebellierenden Unterton und das, was auf dem Papier wie ein aufmunterndes Schulterklopfen anmutet, gerät zu einem wohlgezielten Tritt in den Hintern. In dieser Hinsicht fühlt man sich gelegentlich an Künstler wie Tom Waits erinnert, die Lieder gekonnt gegen den Strich bürsten und später ihr Publikum überraschen, wenn sie dieselben Stücke in einem völlig anderen Gewand zu Gehör bringen. Man ahnt, daß einige der Stücke auf "No Go" die Seele streicheln oder einen tröstend in den Arm nehmen könnten, und man weiß, daß sich unter der rhythmischen Wucht die eine oder andere Auster verbirgt, in der wiederum kleine Perlen aus tiefgreifenden Texten versteckt sind - und Maurenbrecher macht sich einen Spaß daraus, den Hörer auf seinen Spielplatz zu dieser Schatzsuche einzuladen.
Ja, Maurenbrecher ist rauher geworden.
Und naturgemäß faltiger, was sich auch auf seine Lieder auswirkt. Die kleinen Ermutigungen und die Skurrilität des Lebens und seiner Nebenwirkungen fallen im Vergleich zu früheren Alben auf "No Go" dürftiger aus. Bizarr-lebensechte Charaktere und Ansichten ("Die Welt ist am Durchdrehen", "Das ist Kunst", "No Go"), das freie Aufatmen ("Ich war in einem hellen Land") oder das dezente Carpe Diem ("Paradies Rüdi") erhalten nicht nur durch das Arrangement einen etwas sonderbaren Beigeschmack, sondern auch durch die ungewöhnlich häufige Konfrontation mit dem Tod oder besser: dem Ende des Lebens. Es fällt auf, daß Maurenbrecher dieses Thema eher indirekt angeht, indem er Begleiterscheinungen des Ablebens beschreibt wie etwa die Folge eines Selbstmords in dem Titel "Naumburg", ein Ausbruch vor dem Ableben ("Freut euch des Lebens", tiefer jedoch in "Staubiger Staub") oder durch eine Art Resümee mit Hilfe des bittersüßen Dylan-Stückchens "Der Tod ist nicht der Schluß". Durch die Konzentration auf andere Ereignisse und den höchstens aus den Augenwinkeln geworfenen Blick auf den Sensenmann sind letzten Endes diese Lieder klare Bekenntnisse zum Leben, dem etwas düsteren Thema und aller Widerborstigkeit zum Trotz.
Maurenbrecher ist rauher geworden.
Zumindest in Bezug auf seine Schale. Dahinter findet man noch immer den weichen Kern, den Geschichtenerzähler, der das Finden einer Moral seinem Publikum überläßt, und den Wortakrobaten, dem es gelegentlich einfach nur genügt, Bilder aus Sprache zu formen, selbst wenn die dazugehörigen Worte nicht so recht zusammenzupassen scheinen ("Vorher"), er ist noch immer derjenige, der versucht, gemeinsam mit seinen Zuhörern neue Regionen zu erforschen. Für "No Go" hat er sich ein äußerst steiniges Gebiet vorgenommen, das man mit aller Ruhe erkunden sollte, immerhin ist es ein sehr persönliches Album geworden, in dem falsche Moral oder Witzigkeit keinen Platz finden. "No Go" ist eine Momentaufnahme, kein gestelltes Familienportrait, sondern eher ein verwackelter und verpixelter Schnappschuß, den Manfred Maurenbrecher seinen Hörern auf die Schnelle ins Poesiealbum klebt, um dann eiligst zur nächsten Station weiterzureisen. Maurenbrecher dokumentiert auf ungekünstelte Art und Weise, daß er sich nach wie vor nicht verbiegen läßt, daß sein Publikum immer noch mit ihm rechnen kann und daß er noch längst nicht am Ziel seiner Reise angekommen ist, auch wenn er mittlerweile älter geworden ist. Und daß er auch weiterhin die Möglichkeit hat, rauher zu werden.


Page of Life
Page of Life
Wird angeboten von AOR-MELODIC-ROCK
Preis: EUR 4,57

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Viel Routine, wenig Innovation., 7. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Page of Life (Audio CD)
"Page Of Life" ist das vierte und vermutlich auch letzte Album des Duos Jon & Vangelis. Es entstand im Jahr 1991, acht Jahre nach der letzten Zusammenarbeit ("Private Collection").
In der Zwischenzeit war das Glück den beiden Interpreten unterschiedlich gewogen. Während Vangelis nach 1983 eine ziemlich bunte Reihe von Alben vorlegte, äußerst sprunghaft in Stil und Anspruch, aber eigentlich stets bemerkenswert und von der Kritik gelobt, knickte Jon Andersons qualitative Formkurve sowohl solo als auch mit seiner Gruppe Yes sehr stark ein, obwohl er - vielleicht sogar gerade deshalb - mittlerweile ein größeres Publikum vorzuweisen hatte, nicht zuletzt aufgrund des Yes-Überhits "Owner Of A Lonely Heart", mit dem er nur ein halbes Jahr nach "Private Collection" die Hitparaden der Welt unsicher machte. Just zum Zeitpunkt der Arbeiten an "Page Of Life" war ebenfalls das Interesse an Yes erneut erwacht, nachdem die reguläre Formation sowie der Zusammenschluß aus Ex-Mitgliedern beschlossen hatten, als Oktett gemeinsame Sache zu machen ("Union"). Mit diesen Erfahrungen im Rücken begab sich das Duo abermals ins Studio, um gemeinsam an Stücken herumzutüfteln.
Das Album macht nicht den Eindruck, als ob die Herren unter größerem Druck gestanden hätten. Was hätte man 1991 vonseiten der Plattenfirma alles auf Auflagen machen können, um markttaugliches Material geliefert zu bekommen, stattdessen scheint man Jon Anderson und Vangelis freie Hand gelassen zu haben, wodurch ein Album entstand, das völlig aus der Zeit fiel. Es knüpfte thematisch mit einigen zeitkritischen Texten und nicht zuletzt auch den bei Anderson ohnehin unvermeidlichen literarischen Anleihen und phantastischen Ideen an frühere Stücke an, während Vangelis mit einem offensichtlich ausgebauten Synthesizer-Park sein Bestes tat, den Eindruck mit einschmeichelnden Melodien und Arrangements zu verstärken. Auf diese Weise entstanden zwölf Stücke, die - vielleicht mit Ausnahme des aus dem Rahmen fallenden Instrumentalstücks "Jazzy Box" - eine lockere, entspannte Atmosphäre aufweisen. Über Albumdistanz geschieht das mit einer fast schon unverschämten Fingerfertigkeit. Musikalische Belanglosigkeiten wandeln sich durch gekonnten Einsatz von Overdubs und gefälligen Arrangements in kleine Ohrwürmer, während sich der Vangelis-eigene Bombast gelegentlich anschleicht, um schließlich mit ruhiger Hand das Ruder zu übernehmen, ohne sich wirklich aufzudrängen. Hier treffen Andersons Vorlieben für schrulligen Kitsch auf die Routine eines routinierten Soundtrack-Komponisten.
Im Prinzip machen Jon & Vangelis also alles richtig. Es gibt auch kaum etwas an diesem Album auszusetzen. Genau da liegt aber das große Problem von "Page Of Life". Zwischen der Gefälligkeit, der Routine und der Entspanntheit vergessen die beiden Hochkarätigen die Ansprüche an ihr eigenes Werk. Auf den drei vorigen Veröffentlichungen gab es einige herausragende Stücke, an denen man sich zuweil sehr gut reiben konnte, die aber immer das Potential der beiden Musiker bzw. ihre progressiven Wurzeln aufzeigten, so etwa "Curious Electric" auf dem Debüt, "The Mayflower" oder das Titelstück von "The Friends Of Mr. Cairo" oder "Horizon" auf "Private Collection". Zwar gelingt es Jon & Vangelis erstmals über Albumdistanz, das Niveau recht konstant zu halten und größere qualitative Schwankungen zu vermeiden, doch im gegebenen Fall bedeutet dies leider auch, daß "Page Of Life" keine herausragenden Stücke zu bieten hat. Somit wird "Page Of Life" zu einem schönen, gemütlichen Beisammensein nach einer längeren Pause, bei dem man feststellt, daß alle Beteiligten älter und erfahrener geworden sind, das aber den Wunsch vermissen läßt, es allen noch einmal so richtig zeigen zu wollen. Man sagt, was man noch zu sagen hat, und das weder auf eine langweilige noch dumme Art und Weise, verweigert allerdings konsequent den nächsten Schritt. Unterm Strich also ein Album, das man nicht unbedingt braucht, mit dessen Anschaffung man als Fan von Jon Anderson oder Vangelis jedoch auch keinen großen Fehler macht, sofern man damit leben kann, daß die großen Aha-Momente ausbleiben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 23, 2014 11:22 AM MEST


Original Album Series
Original Album Series
Preis: EUR 13,97

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwischen Bossa Nova und Soul, 6. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Original Album Series (Audio CD)
Herbie Mann hat sich über Jahrzehnte im Showgeschäft wirklich gut gehalten, gerade wenn man ihn mit anderen Jazzgrößen vergleicht. Er steckte immer in irgendwelchen Experimenten, das betraf sowohl Besetzungen als auch Stilrichtungen. Das Ergebnis ist ein fast unüberschaubarer Katalog von eigenen Veröffentlichungen oder Kollaborationen, die die Gütesiegel "brillant" bis "langweilig" ebenso abdecken wie die Bereiche Jazz, Pop, Weltmusik oder Easy Listening. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern gibt es bei ihm keine richtige "Blütezeit", vielmehr ragen einzelne Alben aus seinem Schaffen heraus, die teilweise von mitunter fast schon erschreckend flachen Veröffentlichungen flankiert werden. Als er bei Atlantic unter Vertrag genommen wurde, dem Label, dem er nahezu fünfundzwanzig Jahre fast ununterbrochen die Treue halten sollte, hatte er sieben wilde Jahre hinter sich, in denen er bereits mehr zwanzig Veröffentlichungen verbuchen konnte, darunter mit so unterschiedlichen Künstlern wie Art Blakey, Jack Sheldon oder Chet Baker. Diese Phase, in der sich sein Stil ebenso entwickelte wie seine Fähigkeiten als "Bandleader", bleibt bei dieser Original Album Series natürlich unberücksichtigt, da Warner auf diese Aufnahmen keinen Zugriff hat (bzw. haben möchte). Stattdessen greift man in den großen Topf der Veröffentlichungen der 60er bzw. frühen 70er Jahre.
Es beginnt mit dem '61er Opus "At The Village Gate" und damit mit einem der ganz großen Meisterwerke von Herbie Mann. Das Album beinhaltet zwar nur drei Stücke, aber was Mann und seine Begleitmusiker, darunter Ray Collins, Hagood Hardy, Ray Mantilla und Ben Tucker, aus diesen herausholen, ist absolut bemerkenswert. Knapp 39 Minuten lang, keine einzige davon langweilig, überzeugt das Album durch seinen Groove, seine Verbindung aus Bebop, Bossa Nova und Cool Jazz sowie nicht zuletzt durch die herausragenden Soli. "At The Village Gate" war das erste wirklich erfolgreiche Album von Herbie Mann - und das völlig zurecht.
Ein Sprung bezüglich der Reihenfolge aus chronologischen Gründen: die Reise geht eigentlich weiter mit dem dritten Album der Sammlung, "Nirvana", das gemeinsam mit dem Bill Evans Trio im Jahr 1962 eingespielt wurde, im Grunde der direkte Nachfolger von "Village Gate". Hier lässt Mann die Weltmusik-Bestrebungen des Vorgängers völlig ruhen und zieht sich gemeinsam mit Bill Evans auf dessen unaufgeregte, coole Routine zurück. Neben dem etwas gewöhnungsbedürftigen Sound ist bei diesem Album ganz klar das Problem, dass hier zwei Leute (Mann und Evans) im Vordergrund spielen, sich allerdings nicht gegenseitig die Butter vom Brot nehmen wollen, und zwei Leute im Hintergrund (Chuck Israel und Paul Motian), die auch keine wirklichen Akzente setzen möchten. Mann darf auf "Gymnopedie" und "Willow Weep For Me" ein wenig glänzen, die komplette Gemeinschaft auf "I Love You", aber das reicht nicht, um das Album in den überdurchschnittlichen Bereich zu heben.
Einige Alben später erschien 1963 "Do The Bossa Nova With Herbie Mann". Hier kann man schon wieder etwas genauer hinhören, denn dieses Album entstand direkt vor Ort, heißt: in Brasilien. Wie zum Beweis dürfen auch Größen wie Gitarrist Baden Powell, Sänger und Komponist Antônio Carlos Jobim und der seinerzeit noch unbekannte Pianist Sergio Mendes ihren musikalischen Beitrag leisten und diesem Album mit ihren Stempel aufdrücken. Dieses Album verschimmelte bislang in den Archiven von Atlantic, auf CD ist das Album meines Wissens zuvor nicht veröffentlicht worden, und man fragt sich beim Hören, warum eigentlich nicht. Nun gut, auch hier hätte man am Klang noch einiges verbessern können, aber die Auswahl der Stücke ist rundweg gelungen und die Interpretation ist erfreulich lebendig und überzeugend. Es reicht qualitativ nicht an die Live-Aufnahme im "Village Gate" heran, für einen guten Platz in der zweiten Reihe ist es jedoch allemal gut.
Es folgt ein riesiger Schritt ins Jahr 1970, als Herbie Mann den Bossa Nova bereits eingemottet hatte und neue Ausdrucksformen und Kombinationen suchte. "Muscle Shoals Nitty Gritty" folgt ein wenig dem Konzept, das er auf dem - wohl etwas schlechteren, aber dennoch erfolgreicheren - "Memphis Underground" im Vorjahr versucht hatte. Die Basis bildeten Funk und Soul, der Überbau wurde dann mit Jazzelementen angereichert. Auch dieses Album war zuvor nicht auf CD veröffentlicht worden. Hier hört man einen dynamisch aufspielenden Miroslav Vitouš (ungefähr zur selben Zeit bildeten sich Weather Report) und einen glänzend aufgelegten Roy Ayers nebst Herbie Mann selbst, der sich offenkundig der besonderen Atmosphäre sehr bewusst war und dementsprechend einige Glanzpunkte setzte, wenngleich seine Prioritäten eher darauf zu liegen scheinen, seine Mitmusiker bei Laune zu halten.
Zum Abschluss dann "Hold On, I'm Coming" aus dem Jahr 1973, auch dieses Album aus unbekannten Gründen bislang unveröffentlicht auf CD. Über den Klang mag man auch hier streiten - anscheinend sollten einige Effektgeräte einen "spacigen" Klang erzeugen, der jedoch nicht immer passt. "The funky one with the flute" - so wird Herbie Mann auf die Bühne gebeten - dreht hier ordentlich auf und zeigt vor Publikum, was er zu reißen imstande ist. Von der Band, die mit ihm noch im Studio den Funk geübt hat, ist keiner mehr übrig geblieben, hier übernehmen Gitarrist Sonny Sharrock, Schlagzeuger Reggie Ferguson sowie der umtriebige Pat Rebillot, der noch mit James Brown, Gloria Gaynor oder Steely Dan spielen sollte. Das Ergebnis ist eines der stimmigsten und besten Alben, die Mann in den 70ern vorgelegt hat. Es entwickelte sich rasch zu einem großen Erfolg und sorgte dafür, dass man ihm bei Atlantic die Verkaufszahlen der nachfolgenden Veröffentlichungen nachsah.
Warner hat sicherlich eine ausgezeichnete Wahl getroffen mit den fünf Alben; sie zeigen einige Facetten von Herbie Mann und machen über weite Strecken Appetit auf mehr. Darüber hinaus hat man die Gelegenheit beim Schopf gepackt, einige längst vergessene und im Lager schlummernde Alben in digitaler Form aufzulegen, ohne dabei die Qualität auf Ramschniveau zu drücken. Umgekehrt wäre es keine schlechte Idee gewesen, die Alben einer gründlichen Klang-Revision zu unterziehen oder die Masterbänder zu sichten, ob eventuell Bonus-Tracks abfallen, denn in beiderlei Hinsicht war man bei Warner besonders sparsam. Somit bleibt ein etwas gemischtes Gefühl zwischen der Freude, ein paar gute und bislang auf CD unveröffentlichte Alben zu einem annehmbaren Preis erstehen zu können, und dem Frust, nicht immer eine zufriedenstellende Klangqualität und vor allem: nicht mehr als die von LP bekannten Stücke geliefert zu bekommen. Letzten Endes soll das Material auf "Village Gate", "Hold On I'm Coming" und "Muscle Shoals Nitty Gritty" den Ausschlag geben, daher vier Punkte, wenn auch knapp. Da einige Teile der "Original Album Series" mittlerweile bereits einen zweiten Teil verpasst bekommen haben, soll auch noch die Hoffnung auf eine Fortsetzung geäußert werden. Man(n) hätte es sicher verdient.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 27, 2014 11:14 PM MEST


Zum Letzten Mal-Live
Zum Letzten Mal-Live

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Baba, 21. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Zum Letzten Mal-Live (Audio CD)
Nach "Gottlieb" und "Dunkelgrau" ist "Zum letzten Mal - live" das dritte Live-Album des dunkelgrauen Liedermachers Ludwig Hirsch, der am 24. November 2011 vermutlich aus eigenem Willen aus dem Leben schied. Um es gleich zu sagen: unter diesen dreien ist der posthum erschienene Mitschnitt der schwächste.
Fairerweise muß man einräumen, daß "Dunkelgrau" mit seiner intimen Atmosphäre auftrumpfen kann, die im Vergleich zu den Studioversionen viele Lieder deutlich persönlicher, schelmischer oder kälter darstellt, während bei "Gottlieb" die Stücke mitsamt einer erdachten Rahmenhandlung in ein starkes Gesamtkonzept eingegossen wurden und dank Bandunterstützung verspielter, rauher oder gelöster klingen. "Zum letzten Mal" fehlt diese grundlegende Originalität. Die Musiker, im wesentlichen die "Gottlieb"-Mitstreiter, liefern eine grundsolide, sängerdienliche Basis, auf der dieser seine Geschichten aufbaut, vermeiden aber über weite Strecken jegliche Solo-Eskapaden, Glanz und Gloria. Im Prinzip ist das auch nicht weiter schlimm, da auf diese Weise Ludwig Hirsch weiter im Vordergrund steht. Wie es ja eigentlich auch sein soll, immerhin war es - zumindest im Bandgefüge - seine VIELLEICHT-Abschiedstour. Diese nimmt er einmal mehr und erwartungsgemäß zum Anlaß, die Notenblätter zu seinen dunkelgrauen Liedern herauszusuchen und die Höhepunkte seiner ersten Jahre Revue passieren zu lassen - fast die Hälfte der Titel stammt aus seinen ersten beiden Alben "Dunkelgraue Lieder" und "Komm großer schwarzer Vogel", die restliche Auswahl verteilt sich auf die späteren Alben, wobei einzig "Elisabeth" weniger als fünfzehn Jahre auf dem Buckel hat. Auch das ist nur bedingt ein Nachteil, denn dadurch, daß Ludwig Hirsch seit mehr als 30 Jahren mit einem Großteil des Repertoires des Abends vertraut ist, hat er natürlich eine gewisse Routine entwickelt. Er weiß sein Publikum bewußt zu nehmen, zieht es geübt in seinen Bann und erzählt ihm genau die Geschichten, die es hören möchte, in exakt der Art und Weise, die es hören möchte. Das Konzept geht über den Abend verteilt auf, allerdings gibt es gerade im Mittelteil einige Stücke, bei denen die Routine die Oberhand gewinnt, wahrscheinlich eben deshalb, weil Hirsch genau das macht und bringt, was man von ihm erwartet, und die großen Überraschungen über weite Strecken ausbleiben.
Selbstverständlich gibt es auch auf diesem Album einige absolut herausragende und hörenswerte Titel - die bis auf die Knochen reduzierte "gottverdammte Pleite" wirkt deutlich demütiger und niedergeschlagener als in der orchestrierten Studioversion, das spürsam gedrosselte Tempo und die gewaltige Synthi-Kirchenorgel machen "I lieg am Ruckn" zu einem echten Erlebnis, darüber hinaus reiht sich die sparsam instrumentierte und einfühlsam dargebrachte "Elisabeth" nahtlos in die Reihe von Hirschs Meisterwerken ein. Daneben finden sich viele gute Sachen, die sich allerdings eng an der Erwartungshaltung des Publikums orientieren, aber auch solche, die ein Opfer der allzu routinierten Darbietung werden ("Der Wolf", "Miss Burgenland", "Gel' du magst mi"). Man mag anmerken, daß auch "Gottlieb" oder "Dunkelgrau" nicht ganz frei waren von durchschnittlichen Leistungen - mit dieser Einschätzung läge man auch gar nicht so falsch, allerdings gab es bei diesen Aufnahmen noch Elemente, die diese gelegentliche Mittelmäßigkeit wieder vergessen ließen, konkreter: die überleitenden Ansagen von Ludwig Hirsch und die unmittelbaren Reaktionen des Publikums. Diese beiden Punkte fallen jedoch bei "Zum letzten Mal" bedauerlicherweise weg. Entweder war Ludwig Hirsch bei den Aufnahmen tatsächlich ungewohnt schweigsam oder die mitgeschnittenen Ansagen waren nicht miteinander kompatibel bzw. aus technischen Gründen nicht zu gebrauchen, was auch immer der Grund war: sie fehlen, abgesehen von ein paar wenigen, inhaltlich eher irrelevanten Worten vor ausgewählten Stücken ("Die Omama", "Elisabeth") und natürlich der "Musikervorstellung". Dies dürfte der Hauptgrund sein, daß der Mitschnitt mit nicht mal 90 Minuten ungewöhnlich kurz ausgefallen ist. Das Publikum wirkt bei diesem Mitschnitt distanziert, fast abwesend oder wie Konservenkost, was zu der Vermutung führt, daß keine oder nur unzureichend Mikrofone in den Zuschauerraum wiesen und die Reaktionen somit nicht vernünftig eingefangen werden konnten. Somit wirkt Hirsch mitunter ein wenig allein gelassen, man merkt höchstens bei einem höheren Lautstärkepegel, daß seine Späße und Botschaften ankommen. Man muß davon ausgehen, daß der Tourname "VIELLEICHT - zum letzten Mal" Programm war und noch einige Auftritte auf dem Plan standen, bei denen sicher noch weitere Aufnahmen gemacht werden sollten, sofern überhaupt eine Veröffentlichung der Tournee im gegebenen Format geplant war, insofern muß man vielleicht ein wenig nachsichtiger sein, was das Endergebnis angeht.
Selbstverständlich versteht Ludwig Hirsch sein Handwerk und bringt seine dunkelgrauen Lieder von Tod und Sehnsucht ebenso wie die kleinen auflockernden Liedchen mit den mal schelmischen, mal schwarzhumorigen Augenzwinkern auf die ihm eigene Weise. Lieder wie "I lieg am Ruckn" oder "Elisabeth" rechtfertigen die Veröffentlichung ebenso wie die "Omama", die "gottverdammte Pleite" oder der unvermeidlich/unvergleichliche "große schwarze Vogel", zumal derzeit (Zeitpunkt der Veröffentlichung) die beiden früheren Live-Alben offiziell nicht erhältlich sind (bzw. "Gottlieb" höchstens im DVD-Format) und somit dem potentiellen Kunden nicht zur Verfügung stehen. "Zum letzten Mal" ist weit davon entfernt, Akzente zu setzen oder Hirschs Lieder in neues Licht zu setzen, wie "Gottlieb" oder "Dunkelgrau" es taten, aber es ist ein würdiger und vor allem ehrlicher Abschied geworden, der eher an eine Dokumentation erinnert als an einen geschliffenen Diamanten. Das Material ist über jeden Zweifel erhaben und der Umstand, daß die meisten Interpretationen zu routiniert ausfallen, soll angesichts der Umstände nicht allzu stark gewichtet werden. Das Album ist nicht als Meilenstein gedacht, sondern als ein Vermächtnis und als Abschiedsgruß von jemandem, der sich mit seiner eigenen Schöpfung, dem großen schwarzen Vogel, an seiner Seite auf die Suche nach seinem Frieden gemacht hat, der über den Horizont gefallen ist, um dahinter zu singen, zu lachen, "Des gibt's ned" zu schrei'n, endlich zu kapieren und glücklich zu sein. Und diese Aufgabe erfüllt es mit Sicherheit. Das muß reichen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 25, 2012 8:44 AM CET


Breakaway
Breakaway

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kuschelpop, 13. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Breakaway (Audio CD)
Art Garfunkels zweites Solo-Album "Breakaway" entwickelte sich zu seinem größten Erfolg. Zwar erreichte es nicht ganz die gute Charts-Position wie sein Vorgänger "Angel Clare", aber langfristig gingen mehr Einheiten davon über den Tresen. Suchen wir nach Gründen.
Natürlich wäre da "My Little Town" als neuer "lupenreiner" Simon & Garfunkel-Titel. Zwar war und ist Paul Simon regelmäßig auf Art Garfunkels Solo-Alben zu Gast, allerdings hält er sich als Sänger und Gitarrist eher im Hintergrund auf - bei "My Little Town" dagegen fungierte er als Urheber und Co-Produzent sowie gleichberechtigter Gesangspartner. Der Erfolg der Single (Platz 9) nebst der Welle, die in Bezug auf diese neue Zusammenarbeit durch die Presse ging, hat sicher geholfen, "Breakaway" nach oben zu wuchten, auch wenn - das sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt - dieser Titel auf Garfunkels Album eine Ausnahmestellung einnimmt, da er mit seinem bitteren Text und seiner Produktion nicht in das Gesamtgefüge des übrigen Albums paßt ... und vielleicht exakt aus diesem Grund darauf gelandet ist.
Dann wäre da als weiterer Grund Richard Perry zu nennen, der als Produzent dem restlichen Album seinen gewohnt einheitlichen Stil aufdrückte, hier ganz im Geist von Carly Simon oder Andy Williams, mit denen er zuvor schon zusammengearbeitet hatte: butterweicher und eingängiger Pop-Rock mit genügend Fingerfertigkeit, um die Stimme des Sängers zu unterstützen, ohne sie versehentlich zuzudecken. Mit seiner Hilfe gelingen Art Garfunkel auf diesem Album ein paar herausragende Interpretationen - Albert Hammonds "99 Miles From L. A." ist mit seinem entrückt wirkenden, sanft schwebenden Klang einfach nur zum Niederknien geraten, Stevie Wonder dürfte sich mit Garfunkels Version von "I Believe (When I Fall In Love It Would Be Forever)" mehr als glücklich schätzen, und "I Only Have Eyes For You", am bekanntesten sicher in der 50er Jahre-Fassung der Flamigos, erstrahlt in neuem Glanz.
Damit hätten wir die Gründe auch schon zusammen, denn auf dem restlichen Album setzt leider das ein, was man bei Richard Perry so oft findet: die Gewöhnung. Perry ist nicht von der flexiblen Sorte - wenn er sich festlegt, ein Softrock-Album zu produzieren, wird es ein konsequentes Softrock-Album ohne größere Ausbrüche und Experimente. Das funktioniert dann, wenn man einen Interpreten hat, dem es von sich aus gelingt, Akzente zu setzen; Art Garfunkel, so einzigartig seine Stimme auch immer sein mag, ist jedoch niemand, der das wirklich kann. Seine Stärke liegt im perfekten, geschliffenen Vortrag, nicht in der Improvisation oder dem Erkunden von ungewöhnlichen Wegen. So liefert Perry seinem Schützling eine Basis ohne Ecken und Kanten und Art Garfunkel tut sich darauf ausruhend sein Bestes, diese Basis nicht zu stören. Somit verlieren selbst die Beach-Boys-"Disney Girls" ihre ironische Kontur und die beiden Titel des just durchstartenden Stephen Bishop ("Looking For The Right One" und "The Same Old Tears On A New Background") bleiben relativ farblos, wenn sie auch nicht sonderlich stören.
Es ist unklar, ob die Titelauswahl auf Art Garfunkel oder Richard Perry zurückzuführen ist (oder im Idealfall auf beide) - diese ist sicher sehr geschmackvoll und viel versprechend - mit etwas mehr Charakter im Arrangement oder der Produktion hätte man sicher auch noch bei einigen Titeln etwas reißen können, unter anderem bei dem blassen "Rag Doll", das zum undankbaren Lückenfüller zwischen "I Believe" und dem Titelstück geriet, oder "Same Old Tears". Während die Hälfte der Stücke eine Spur zu gefällig und weichgespült des Weges kommt, gemessen an ihrem Potential, wurde bei der anderen Hälfte so viel richtig gemacht, daß die etwas dünneren Umsetzungen größtenteils wieder ausgeglichen werden. Mit "I Believe", "Break Away", "My Little Town", "99 Miles From L. A." und "I Only Have Eyes For You" hat das Album ein paar beeindruckende Perlen zu bieten, die den Erfolg des Albums sicher rechtfertigen, wenn sie auch nicht ganz darüber hinwegtäuschen können, daß es an der einen oder anderen Stelle mit der passenden Umsetzung oder der Spannung ein bißchen hapert.


Franz Josef Degenhardt-Freunde Feiern Sein Werk
Franz Josef Degenhardt-Freunde Feiern Sein Werk
Preis: EUR 21,98

23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Farewell Karratsch, 19. Oktober 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Am 3. Dezember 2011 wäre Franz Josef "Karratsch" Degenhardt 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß organisierten seine Freunde eine Art "Geburtstagskonzert", auf dem neben dem Jubilar befreundete Künstler, Mitstreiter, Kollegen und Gesinnungsgenossen mit Material sowohl aus dem eigenen als auch aus dem Degenhardt'schen Œuvre auftreten sollten. Als Degenhardt am 14. November 2011, einen guten Monat vor dem geplanten Termin, nach langer Krankheit verstarb, hielt man an dem geplanten Konzert weiterhin fest, wobei die Ankündigung nun allerdings unter dem Titel "Farewell Karratsch" lief - aus dem Geburtstagskonzert war ein Gedenkkonzert geworden, eine letzte Verbeugung vor einem der einflußreichsten deutschsprachigen Liedermacher des 20. Jahrhunderts. Knapp zehn Monate später wurde ein Mitschnitt dieses Abends unter dem etwas plumpen Titel "Freunde feiern sein Werk" veröffentlicht.
Schon beim Blick auf die Gäste- und Titelliste fallen zwei Dinge auf: erstens fehlen die "Hits" von Franz Josef Degenhardt - keiner singt von den Schmuddelkindern, mit einer Ausnahme wählt keiner Degenhardts Geschichten über seine Figuren wie Väterchen Franz, Rudi Schulte, Horsti Schmandhoff und wie sie alle heißen, keiner beklagt sich über die Zwischentöne oder kommt zu dem Schluß "Irgend'was mach' ich mal". Zweitens ist die Gästeliste begrüßenswert bunt - neben Weggefährten wie Hannes Wader oder Konstantin Wecker sowie den beiden Degenhardt-Söhnen Kai und Jan, mit denen man bei einem solchen Anlaß fest rechnen konnte, finden sich auch jüngere Einsprengsel wie Dota Kehr, Max Prosa oder sogar Interpreten, die man schon aus stilistischen Gründen nicht zwangsläufig mit Degenhardt in Verbindung bringt wie Liedermaching-Urgestein Götz Widmann bzw. "Verfremdungsklezmer"-Musiker Daniel Kahn. Insofern verspricht dieses Album schon auf den ersten Blick, eine spannende Entdeckungsreise zu werden. Genau dieser Eindruck bestätigt sich auch beim Hören: spannend, wenn auch nicht immer angenehm, wobei das natürlich exakt die Attribute sind, die auch für einen Großteil der Discographie des Originals gelten.
Die meisten der beteiligten Interpreten gehen die Stücke von Franz Josef Degenhardt unverkrampft an, sie lassen ihren eigenen Stil mit einfließen und orientieren sich nicht allzu sehr am Original. Das kann auch schon einmal darin gipfeln, daß vorhandene Liedtexte mit einer neuen Melodie versehen werden (Wecker "Weiter im Text!") oder umgekehrt Degenhardt-Melodien einen neuen Text erhalten (Viehweg "Linke Liste", basierend auf "Kommt an den Tisch unter Pflaumenbäumen"). Gerade durch die Bekenntnisse der Künstler zu den von ihnen ausgewählten Stücken ergeben sich mitunter äußerst gelungene Interpretationen. Der "Deutsche Sonntag", in Degenhardts Version wohl am ehesten mit einem geschickten Hantieren mit präzisen Nadelstichen zu vergleichen, verliert dank Götz Widmann zwar den schelmischen Unterton, gewinnt aber gleichzeitig auf beeindruckende Weise an Widerborstigkeit und Häme. Wiglaf Droste verleiht den "Wölfen mitten im Mai" einen gekonnten Nachdruck, der mehr als deutlich macht, wie aktuell manche Degenhardt-Lieder auch noch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung (1965!) sein können. Jan Degenhardt zeigt, daß auch ein in ein neues Arrangement gekleideter "Fuchs auf der Flucht" seine Wirkung nicht verfehlt, während Hannes Wader routiniert die "Reiter wieder an der schwarzen Mauer" in ein lupenreines Wader-Werk verwandelt. Daß derartige Vereinnahmungen von Material nicht immer gut gehen müssen, beweisen an dieser Stelle leider auch (ausgerechnet) Prinz Chaos II, dessen "Nevada Kid" etwas zu bemüht und distanziert klingt, Max Prosa, der das zugegebenermaßen äußerst mutige Eröffnungsstück "Gelobtes Land" vielleicht aus Nervosität ungewöhnlich ungelenk in den Sand setzt, sowie Goetz Steeger, der mit der drohenden Ernte ein wenig überfordert wirkt.
Franz Josef Degenhardt war ein politischer Liedermacher, dessen Lieder sehr häufig Reaktionen auf aktuelle Ereignisse oder Warnungen vor drohenden Entwicklungen waren, insofern also fest in der Zeit ihrer Entstehung verwurzelt sind. Das macht eine Neuinterpretation in der heutigen Zeit naturgemäß schwer, insofern bleibt dieser Aspekt bei diesem Konzert größtenteils außen vor, die beteiligten Interpreten verstehen es allerdings, ihre eigenen Beiträge entsprechend auszuwählen und auf diese Art und Weise selbst Kritik anzubringen oder zu warnen. Barbara Thalheim oder Frank Viehweg seien an dieser Stelle hervorgehoben, die mit ihren eigenen Liedern ("So lebten wir in Zeiten der Stagnation" respektive "Hier, wo ich lebe") ihren Blick über die Gesellschaft schweifen lassen. Auch Dota Kehr pickt sich mit "Utopie" ein nachdenkliches Stück aus ihrem Portfolio heraus und erntet vom erfreulich aufgeschlossenen Publikum entsprechende Zustimmung. Daniel Kahn aus Detroit nimmt sich auf eine so pfiffige Art in seiner Muttersprache dem Phänomen der Ostalgie an, daß man sich direkt das amüsierte Lächeln in Väterchen Franz' Gesicht vorstellen kann, während Konstantin Wecker mit "Empört Euch!" gewohnt wütend aufbegehrt und damit die Zuschauer mitreißt. Die Botschaft des Abends kommt an: einer der Kämpfer ist von Bord gegangen, aber der Kampf ist noch nicht beendet, da auch das Schlachtfeld immer wieder neu bestellt wird.
Daneben finden sich weitere Töne, die nicht direkt mit Franz Josef Degenhardt in Verbindung gebracht werden dürften, aber dennoch in den Abend passen, wenn man sie genauer betrachtet. Joanas Titelwahl wirkt eher unspektakulär, allerdings überzeugt sie durch eine feinfühlige Interpretation, die Akzente zu setzen vermag und Botschaften vermittelt. Götz Widmanns Stück aus eigener Feder ("Proletarier sucht Frau") wirkt schroff und dürfte nicht jedem im Publikum gefallen haben, zumindest in stilistischer Hinsicht finden sich hier Parallelen zu Degenhardts "Live"-Zeiten. Das wuchtige, mit Bildern und Worten jonglierende "Unser Berlin" von Prinz Chaos II wirkt, als sei es nach einer ausgedehnten Reise durch die Zeilen der surrealen Lieder Degenhardts entstanden. Jan Degenhardt und Hannes Wader schließlich wählen für ihren eigenen Titel einfühlsame Stücke, die sie ihrem Vater bzw. Freund gewidmet haben, während Gisela May, die eigentlich nur als Gast diesem Konzert beiwohnen wollte, von Konstantin Wecker auf die Bühne gebeten wurde, um dort aus dem Stand und a cappella eine Strophe aus dem "Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens" aus der "Dreigroschenoper" von Kurt Weill und Bertholt Brecht zum Besten zu geben.
"Farewell Karratsch" wäre ein Geburtstagskonzert geworden, das Franz Josef Degenhardt sicher gefallen hätte, zeigt es doch Vergangenheit, Gegenwart und eine mögliche Zukunft seines Werks. Künstler zollen ihm Tribut, die über Rückgrat verfügen, sich nicht anbiedern, sondern mit eigenen Interpretationen den Fokus bestimmter Stücke verschieben und ebenfalls ihre eigene Meinung äußern, selbst auf die Gefahr hin, daß der Jubilar mit der einen oder anderen Aussage nicht oder nicht vollständig einverstanden gewesen wäre. Franz Josef Degenhardt konnte aus gegebenem Anlaß an jenem Abend lediglich per Konserve zugegen sein - zu seinem "An der Quelle" nahmen die anwesenden Künstler den abschließenden Applaus entgegen -, somit läßt sich natürlich nicht sagen, wie er darauf reagiert hätte, aber niemand wird bestreiten können, daß diese Verbeugung Charakter hat. Es ist kein Konzert für Degenhardt-Neugierige geworden, es erleichtert einem weder den Zugang zu seinem Werk, noch trumpft es mit seinen bekanntesten bzw. einflußreichsten Liedern auf, aber es dokumentiert die Kunstfertigkeit, Flexibilität und Nachhaltigkeit mancher Stücke ebenso wie die Entschlossenheit und Leidenschaft, mit der seine Freunde den Stab weitergeben. Darüber hinaus sei natürlich noch das Publikum erwähnt, das für ungewohnte Interpretationen erfreulich offen war, Neubearbeitungen und die eigenen Werke der Künstler. Nicht alles an diesem Abend ist gelungen und an manchen Dingen wird man sich hervorragend und wohl auch zurecht reiben können, aber unterm Strich ist es ein Abschied auf Augenhöhe geworden, eher ein schulterklopfendes "Machs gut" als ein demütiges Augensenken und eher eine kräftige Kampfansage als ein nostalgischer Rotweinabend. Folgerichtig wurde das Album keines für die breite Masse, eher eines für eine verhältnismäßig kleine Schar von Freunden. Für genau die. Und für die aus vollem Herzen und mit ganzer Überzeugung.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 20, 2012 11:58 AM CET


Mit Verlaub, Herr Präsident...: Große Männer, grobe Worte, geniale Reden. Ein Streifzug durch 60 Jahre BRD: Große Männer, grobe Worte, geniale Reden. ... Reden. Ein Streifzug durch 60 Jahre BRD
Mit Verlaub, Herr Präsident...: Große Männer, grobe Worte, geniale Reden. Ein Streifzug durch 60 Jahre BRD: Große Männer, grobe Worte, geniale Reden. ... Reden. Ein Streifzug durch 60 Jahre BRD
von Jürgen Roth
  Audio CD
Preis: EUR 19,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mehr Geschichtsstunde (rot) als Zitatensammlung (neutral), 9. Juli 2012
Wenn man ein Bild der politischen Streitkultur Deutschlands zeichnen möchte, lässt es sich nicht vermeiden, einen Rahmen mit Hintergrundinformationen mitzuliefern. Man muss wissen, zu welcher Zeit und bei welcher Gelegenheit welchem Sprecher das entsprechende Zitat aus dem Mund fiel, um es korrekt bewerten und die weiteren Folgen nachvollziehen zu können. Und damit der geneigte Hörer am Ball bleibt, sollte dieser Rahmen nicht trockener ausfallen als die darin eingebetteten Zitate. Genau darin liegt die eigentliche Leistung von Jürgen Roth - zwar setzen die von ihm verfassten Zwischentexte politisches Interesse ebenso voraus wie zumindest ein grobkörniges Wissen über wichtige Ereignisse in der Geschichte der politischen Landschaft der Bundesrepublik, aber sie sind durchaus informativ und gerade im richtigen Maß ironisch oder süffisant, um den Konsumenten bei der Stange zu halten.
Und jetzt folgt das große Aber.
Genau diese Ironie ist bedauerlicherweise eine der großen Schwachstellen dieses Hörbuchs, denn beim Verfassen derselben trug Jürgen Roth eine tiefrote Brille, die dafür sorgte, dass schwarze Politiker wie Kohl, Strauß und Adenauer durch die Bank mit gar nicht mal so unterschwelligen Vorwürfen und Witzchen abgewatscht werden, während Wehner, Schmidt und Brandt, obwohl mit Sicherheit mindestens ebenso kritikwürdig, sich allerhöchstens kleine Schrammen zuziehen. Allein Gerhard Schröder muss für den einen oder anderen kräftigeren Seitenhieb hinhalten, wobei allerdings auch angemerkt sei, dass sich diese angesichts bestimmter Zitate schwerlich hätten verhindern lassen. Darüber hinaus ist Roth - zumindest in meinen Augen - das richtige Maß abhanden gekommen, und so nehmen die Reden an sich bzw. die witzigen bis unglaublichen Zitate daraus eher eine untergeordnete Stellung ein. Dasselbe gilt auch für das Aufarbeiten der Streitkultur. Weit eher bekommt man eine Geschichtsstunde serviert, bei der zwar dankenswerterweise auch die jeweilige Bedeutung einer Rede/eines Zitats für die damaligen wie auch folgenden Ereignisse herausgearbeitet wird, aber leider das eigentlich angedachte Thema zum Randphänomen verkommt.
Es gab bereits in der Vergangenheit häufiger Veröffentlichungen von angeblich wichtigen bis gewichtigen Reden, die von Rednern aller Spielarten gehalten wurden, egal ob erfahrener Rhetorikdozent oder radebrechende Schießbudenfigur. Dabei hat man jedoch meistens bedacht, dass hier das gesprochene Wort eben jener Personen im Vordergrund zu stehen hat. Jürgen Roth drängt dagegen sich selbst und wahrscheinlich seine ureigene parteipolitische Überzeugung dem Hörer zu sehr auf und gerät gelegentlich zu weit vom richtigen Weg ab, als dass er mit diesem Hörbuch wirklich überzeugen könnte. Es ist unterhaltsam und sicher kein rausgeworfenes Geld, schießt aber leider ziemlich deutlich am selbst gesetzten Ziel vorbei, indem der Rahmen besser in Szene gesetzt wurde als der eigentliche Inhalt.
Fazit: das geht sicher besser. Und auch Jürgen Roth hat an anderer Stelle bewiesen, dass er es besser kann.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 13, 2013 9:57 AM CET


Hergestellt in Berlin
Hergestellt in Berlin
Preis: EUR 10,76

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Neues aus dem Hause Mey: man(n) trägt Bart., 12. Juni 2012
Rezension bezieht sich auf: Hergestellt in Berlin (Audio CD)
"Hergestellt in Berlin" ist ein äußerst zweischneidiges Schwert geworden. Knapp zehn Jahre zuvor (nach dem Album "Ikarus") war bei Reinhard Mey eine Sonderform der künstlerischen Stagnation eingetreten. Diese äußerte sich darin, daß er auf seinen Studioalben praktisch keine Experimente mehr zuließ in Sachen Arrangements (Grünberg/Rautenberg), Albenaufbau (ca. zwei Liebeslieder, mindestens ein Lied über Kinder und eins übers Fliegen, wenigstens zwei nachdenkliche Lieder plus natürlich noch ein oder mehrere humoristische Stückchen, die niemandem wirlich weh taten) oder Liedaufbau (geschliffene Reime, Strophe-Refrain-Strophe-Konzept). Das ihm eigene Niveau, auf dem er nach wie vor textete und komponierte, und ein glückliches Händchen bei der Themenwahl und -aufbereitung sorgten dafür, daß er den Zusammenbruch der Liedermacherszene Ende der 70er und auch die Neue Deutsche Welle halbwegs unbeschadet überstand, und mit Titeln wie "Menschenjunges", "Keine ruhige Minute" oder "Bei Ilse und Willi auf'm Land" auch noch einige Treffer landen konnte, dennoch haftete ihm in dieser Zeit das Etikett der Berechenbarkeit an. Wahrscheinlich war er sich selbst sehr bewußt, wie nah er dem künstlerischen Abstellgleis war. "Hergestellt in Berlin" könnte man als ersten dezenten Versuch deuten, aus dem Korsett auszubrechen, in das er sich selbst hineingespielt hatte. Erstens entstand mit "Es ist doch ein friedlicher Ort" ein düsteres Stück, dessen Strophen kein einheitliches Versmaß und keinen Reim aufweisen. Diese Idee ist zugegebenermaßen auch im Hause Mey nicht unbedingt neu ("Cantus 19b", "In Tyrannis"), war aber zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt von ihm zu erwarten. In textlicher Hinsicht zieht er darüber hinaus mit "M(e)y English Song" in schönstem VHS-Englisch sehr schön bestimmte Interpreten durch den Kakao, denen man (leider) auch heute noch inflationär begegnet. Zweitens griff er für zwei Stücke auf die Künste von Edo Zanki zurück, wodurch die Lieder sich von den bekannten Arrangements der letzten Alben deutlich absetzen. Und drittens versuchte er, seine alte Bissigkeit wieder hervorzukehren, indem er der Reisetätigkeit von Politikern mit "Laßt sie reisen" ein zeitbezogenes (da damals aktuelle Politikernamen in das Lied eingeflochten wurden) spitzbübisches, wenn auch etwas harmloses Denkmal setzte. Die dezenten Neuerungen der damaligen Zeit wurden von einigen Rezensenten dankbar aufgenommen, indem sie der vierten jeweils wenigstens einen Satz widmeten: Reinhard Mey trägt plötzlich Bart.
Also - der gute Wille zur Veränderung ist durchaus erkennbar, aber leider reicht dieser nicht aus, um das Album dem Mittelmaß zu entreißen, denn zwischen allen Neuerungen erkennt man doch wieder das typische Reißbrett, auf dem Reinhard Mey die letzten zehn Jahre seine Alben entwarf. Dies umso deutlicher, als die meisten Ideen wenig überraschend und Texte äußerst routiniert umgesetzt sind. Es schimmert an zu vielen Stellen noch der "typische" Reinhard Mey der späten 70er und frühen 80er durch. Der größte Teil von "Hergestellt in Berlin" kommt jedenfalls über den Eindruck "ganz nett" nicht hinaus, und trotz einiger interessanter Neuigkeiten mangelt es an echten Überraschungen und Höhepunkten.
Quintessenz: Reinhard Mey konnte und kann's auch besser. Das scheint sich der Meyster selbst ebenfalls gedacht zu haben, denn entgegen seiner damaligen Gewohnheit, Studioalben im zweijährigen Turnus zu veröffentlichen, legte er bereits im Folgejahr mit "Alleingang" einen Nachfolger vor - der darüber hinaus deutlich mehr Konturen (und Qualität) aufwies.


Sky
Sky
Preis: EUR 12,49

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mittelmaß, Tendenz steigend., 16. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Sky (Audio CD)
Der Gitarrenvirtuose John Williams hatte schon zuvor einige Schritte abseits der Klassik getan, genauer gesagt begann dieser Seitenpfad 1971 mit einem Arrangement für Frank Zappas "200 Motels" einerseits und dem unter eigenem Namen eingespielten Album "Changes" andererseits, auf dem ihm einige teils studierte, aber auf jeden Fall durch die Bank erfahrene Studiomusiker den Rücken freihielten, darunter bereits Schlagzeuger Tristan Fry und Bassist Herbie Flowers. 1978 stieß auf Williams' Album "Travelling" auch Keyboarder Francis Monkman zu der Gruppe. John Williams' Experimente mit einer elektrischen Gitarre mögen zu dem Wunsch beigetragen haben, die Geschichte auf eigene Beine zu stellen, und so wurde mit Kevin Peek ein weiterer Gitarrist aufgetrieben und die Band Sky aus der Taufe gehoben.
Sky war von Anfang an ein demokratisch organisiertes Konstrukt, in das jeder der Beteiligten seine Ideen einfließen lassen konnte, auch wenn dies in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wurde, immerhin hatte die Gruppe mit John Williams jemanden an Bord, dem man zweifellos aufgrund seiner Klassikeinspielungen und nicht zuletzt des seinerzeit aktuellen Hits "Cavatina" das Etikett "Star" ankleben konnte. Die Demokratie in einer von studierten Musikern dominierten Gruppe sowie das unfreiwillige Aushängeschild John Williams und die darauf aufbauenden Erwartungen der Öffentlichkeit mögen dafür gesorgt haben, daß sich das Repertoire der Band bei weitem nicht so entwickelte, wie es von jemandem wie etwa Francis Monkman wohl gewünscht wurde, der noch kurz zuvor bei den Progressive-Rockern Curved Air in Tasten und Saiten griff, flankiert von einer ausdrucksstarken Sängerin (S. Kristina) und einem Violinenvirtuosen (D. Way). Monkman schied konsequenterweise nach dem zweiten Album aus, doch auf dem ersten war die Welt noch (halb) in Ordnung.
Sky wandelten von Anfang an auf dem recht schmalen Pfad zwischen Klassik und Rockmusik; den meisten Leuten sind sie auch heute noch eher durch ihre Klassik-Adaptionen bekannt als durch ihre selbstverfaßten Stücke, hier sei ihre Hit-Single "Toccata" von ihrem zweiten Album erwähnt. Angesichts der Ausbildung und der Erfahrung der einzelnen Mitglieder könnte man vielleicht so etwas wie "Kopfmusik" erwarten, doch Sky verfolgten einen etwas anderen Ansatz. Im Gegensatz zu vielen Gruppen, die versuchen, die Rockmusik um zusätzliche Elemente in Richtung Klassik zu erweitern, versuchen Sky, klassische Melodien oder Ansätze im Bandkontext umzusetzen. Daran ist im wesentlichen nichts falsch, allerdings führt diese Herangehensweise häufig dazu, daß "Fahrstuhl-" oder "Plätschermusik" entsteht, da häufig die angedachten Kanten abgeschliffen, Feinheiten der ursprünglichen Kompositionen unterschlagen oder schlicht Werke auf eine konsumentenfreundliche Titeldauer eingedampft werden. Im Prinzip findet man genau diese Probleme häufig auch bei Sky, da mögen Williams, Peek und Monkman (später Gray) noch so viel Fingerfertigkeit unter Beweis stellen. Sofern sie es überhaupt tun, denn eigentlich haben sie es nicht nötig, sich über Gebühr in den Vordergrund zu spielen, sondern achten eher auf das Gleichgewicht innerhalb der Gruppe, die Soli wirken ebenso durchdacht wie routiniert und sind penibel darauf ausgerichtet, weder Hörer noch Mitmusiker zu überfordern. Somit geraten die mittlerweile überstrapazierte "Gymnopedie No. 1" aus der Feder von Erik Satie sowie "Danza" von Pipò unter die Räder des anbiedernd wirkenden Sky-Konzepts. "Westway" merkt man trotz eines an sich guten Ansatzes an, daß hier ein paar talentierte Leute mit völlig unterschiedlichen Ansätzen mal eben zusammen Rockband spielen möchten, wodurch die große Überraschung letzten Endes ausbleibt. Das auch für Pop-Verhältnisse seichte "Carillon" dürfte das ultimative Tiefstapeln in der Discographie dieser Gruppe sein. Doch dann krempelt Francis Monkman die Ärmel auf und setzt mit den beiden Titeln "Cannonball" und "Where Opposites Meet" Stück für Stück die kreativen Akzente, die das Album wirklich nötig hat. Während "Cannonball" zumindest darauf hindeutet, daß da noch was kommen könnte (wir erinnern uns: anno 1979 war hier die erste Schallplattenseite zu Ende, da brauchte man noch einen kleinen Schubser, damit die Leute das Vinyl umdrehen), schöpft "Opposites" aus dem Vollen und zeigt das handwerkliche Können der einzelnen Mitglieder (vielleicht mal ausgenommen Tristan Fry, der über die komplette Albumdistanz reichlich uninspiriert wirkt) und vor allem das progressive Potential der Gruppe, das leider ungenutzt blieb und somit wahrscheinlich Monkmans höflichen, aber dankenden Abgang begünstigt haben dürfte. "Opposites" ist zusammen mit dem 1979 unterschlagenen Bonustitel "Dies irae" sicherlich bis heute das Kaufargument für dieses Album und der Grund dafür, daß zumindest in Kreisen der Progressive-Rock-Anhänger der Erstling immer noch Interessenten findet, wobei natürlich dasselbe Klientel häufig über die erste Hälfte des Albums mißbilligend die Nase rümpft, da zu glatt, berechnend und gefällig.
Sky setzten sich mit ihrem Banddebüt zwischen alle Stühle, wo sie auch für den Rest ihres Bestehens blieben. Auf der einen Seite lassen sich die meisten Stücke sehr gut anhören, sind leicht und unspektakulär eingespielt und produziert, auf der anderen Seite hingen sie auch schon zu Zeiten der Veröffentlichung dem Zeitgeist ordentlich hinterher, denn Bands wie Emerson, Lake & Palmer, Apollo 100 und ironischerweise auch Curved Air und John Williams solo hatten in der Vergangenheit bereits einiges zum Thema Verschmelzung von Rock und Klassik gesagt, "Sky" wirkte ein wenig deplaziert und ließ sich, wie schon die längere Suche nach einer Plattenfirma befürchten ließ, schlecht vermarkten. Der Kracher, den man anhand der Namen der Beteiligten hätte erwarten können, blieb definitiv aus, und daran hat sich praktisch bis heute nichts geändert. "Sky" ist eine kleine, luftige, aber eben größtenteils harmlose Spielwiese für ein paar Musiker größeren Kalibers, die erst mit der zweiten Hälfte an Kontur gewinnt. Wer weitere Alben der Formation kennt: die erste "Sky" ist sicher eine Spur ernsthafter als spätere Veröffentlichungen, die fast durchgängig das eine oder andere offene bis alberne Augenzwinkern enthalten, aber wie diesen merkt man dem Erstling bereits die unverkrampfte Grundhaltung an, die die Band auszeichnet. Hier sind talentierte, routinierte, kampferprobte Musiker am Werk, die vor allem etwas Spaß haben möchten - und eine Karriere als Rockstar im Prinzip nicht nötig haben.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 21, 2013 1:34 PM MEST


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5