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Beiträge von Hans-Georg Seidel
Top-Rezensenten Rang: 416
Hilfreiche Bewertungen: 1015
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Rezensionen verfasst von Hans-Georg Seidel "opera" (Düsseldorf)
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4.0 von 5 Sternen
Kammeroper Falstaff als inszenatorisches Optimum für den traditionsorientierten Opernfreund, 23. Mai 2013
Diese Aufführung wurde im Geburtsort Verdis, Busseto, 2001 aufgezeichnet. Das kleine Opernhaus(328 Sitzplätze) -Teatro Verdi- stammt noch aus Verdis Lebzeiten. Zum 100. Todestag Verdis konnte dieser Falstaff nach einer historischen Aufführung aus dem Jahre 1913 rekonstruiert werden. Toscanini hatte das Werk damals zum 100. Geburtstag des Komponisten in einer ähnlich reduzierten Orchesterbesetzung dirigiert. Nach Quellen strebte Verdi eine intime Atmosphäre an, als er die Oper ursprünglich in Sant`Agata, nur einige Kilometer von Busseto entfernt, aufführen lassen wollte. Insofern ist dies eine Art "Kammeroper" Falstaff was die orchestrale Ebene betrifft. Für den traditionsorientierten Opernfreund ist mit dem historisch romantisch anmutendem Bühnenbild geradezu ein Optimum an Nostalgie erreicht. Die schauspielerische Interaktion wurde von heutigen Konzepten übernommen, trotzdem nicht ganz so überzeugend. Sängerisch eine fast schon Traumbesetzung. Der junge Ambrogio Maestri gestaltet einen überzeugenden Falstaff. Aber die ganz große Klasse eines z.B. Bryn Terfel erreicht er noch nicht. Diese Wertung ist natürlich extrem subjektiv. Der Ford wird von Roberto Frontali exzellent interpretiert. Der Fenton wird von Juan Diego Florez gesungen. Alice Ford ist Barbara Fritolli, Nanetta ist Inva Mula. Anna- Maria Antonacci singt die Mrs. Meg Page, Bernadette Manca de Nissa ist Mrs. Quickly. Ricardo Muti dirigiert trotz reduziertem Klangkörper auf eine überzeugende, farbstrukturell nuancierende Art. Wer also einen Falstaff der "besonderen Art" in traditionellem, historischem Bühnenbild mit hervorragenden sängerischen Leistungen sehen möchte, ist hier gut bedient.
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5.0 von 5 Sternen
Arien - Feuerwerk von sängerischer Virtuosität mit Intermezzo "Livietta e Tracollo "-, 20. Mai 2013
In antikisiertem Kostümambiente, also traditionell verhaftet, wird hier Pergolesis spritzig lebendige Musik von lyrischer Expressivität dargeboten. Unterbrochen jeweils von Intermezzi, die im Gegensatz zur Haupthandlung, den buffonesken Teil des Gesamtkonzepts ausmachen. Für seine Opern komponierte der Komponist, dem Zeitgeist entsprechend, jeweils Intermezzi, die sich bald verselbständigten und eher bekannt wurden, als die kompletten Opern. Die Standespersonen in Pergolesis Opern sind durch ausgedehnte Koloraturarien charakterisiert, die durch das Element der teilweisen Überzeichnung, Eitelkeit karikierend beinhalten. Gelegentlich überblendet er mehrere Charakterbereiche. Die dramatische Handlung ist eher stilisiert statisch umgesetzt. Für den Zuschauer, der den heutigen aktionistischen Stil gewohnt ist, kann das auch langatmig wirken. Allerdings beleben die ausgesprochen buffonesken Intermezzi - hier " Livietta e Tracollo"- die ein wenig an die italienische Comedia erinnern, das Geschehen. Zur Premiere am 25.10.1734 sang der Starkastrat Caffarelli den Farnaspe. Hier ist für die hohen Stimmlagen eine durchgehende Mezzosopran/Sopran - Besetzung der Extraklasse auf der Bühne, die ungemein brillant intoniert. Die Oper ist durch Bravur-Arien am "Fließband" charakterisiert. Auf ganzer Ensemblebreite erleben wir bei dieser Aufführung glänzende Leistungen, sodaß sich einzelne Wertungen erübrigen. Eine solche "Armada" von exzellenten Koloratursängern sieht man sicher selten in einem Werk. Großartig intonierend die Academia Bizantina unter Ottavio Dantione mit farbstarkem, subtilem Spiel. Hilfreich ist hier die Wiedergabe über eine exzellente Anlage, weil nur so auch der wesentliche Bassbereich, der die Grundierung der Musik ausmacht, dargestellt werden kann. Wen kann diese Oper, die Musiksprache Pergolesis ansprechen? Jeden, der z.B. von Cecilia Bartolis Arien-Konzert-Feuerwerken angesprochen ist, jeden, der ausgedehnte Koloraturarien als Erlebnis betrachtet. Die Musik liegt, salopp gesagt, in Richtung Vivaldi und Händel. -5- Sterne für die sängerischen Leistungen. Wer "Koloraturarienexzessen" nichts abgewinnen kann, sollte allerdings von dieser Oper Abstand nehmen.
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5.0 von 5 Sternen
Thomas Mann zwischen musikalischer Entrückung und intellektueller Distanz, 15. Mai 2013
In seinen nicht nur sprachlich brillanten Essays über Musik und Philosophie, speziell hier zu Richard Wagner, bekundet sich die lebenslange Beschäftigung des Schriftstellers mit diesen Themen. Thomas Mann zeigt in seinen multiperspektivischen Betrachtungen, die sich im Laufe seines Lebens wandelnden Tendenzen in der Beurteilung Richard Wagners, die er zuletzt mit "enthusiastischer Ambivalenz" charakterisierte. Einerseits von der Magie der Musik immer in Bann gezogen, andererseits gegen die theoretischen Schriften und Wagners Vorstellungen vom Gesamtkunstwerk eher ablehnend positioniert, gelingt ihm mit dem Essay "Leiden und Größe Richard Wagner", eine der sprachlichen und inhaltlichen Glanzleistungen deutscher Sprache. Damit beschreibt er ein Charakteristikum für die Wagner Rezeption. Den Kontrast zwischen der Musik, als fast schon esoterischer Entrückung, ein Erleben aus einer involvierenden Gemütsgemengelage und dem kruden Antisemitismus der Komponisten, dem er als Dichter und Philosophen eher eine Tendenz zum Dilettantismus bescheinigt. Diese kritische Tendenz führte im Dritten Reich zu einem Eklat, der den Schriftsteller zur Emigration zwang. Bedeutende Musiker und Dirigenten positionierten sich gegen ihn mit der Behauptung, er hätte Richard Wagner verunglimpft. Zweifellos eine Reaktion aus Unkenntnis des gesamten Textes, aus Unverständnis und Anbiederung an das Nazi-Regime. Dies zeigt ebenfalls, wie makaber ein künstlerischer Personen-oder Geniekult ist, wenn die gleichen Künstler geradezu intellektuell erbärmliche Reaktionsmuster zeigen. Eine Inselbegabung lässt keinen Schluß auf die Qualität einer Gesamtpersönlichkeit zu. Dies gilt auch insbesondere für Richard Wagner. Die Indienstnahme des Komponisten durch die Bayreuther Blätter mit ihren rassistischen Propheten Stuart Houstan Chamberlain und von Wolzogen machten es dem Schriftsteler unmöglich seinen menschlichen Abscheu zu unterdrücken. Was an der Einverleibung in die nationalistisch antisemitische Schiene original Wagner ist und was nicht, darüber streiten sich noch heute Wissenschaftler in teils sachlicher, aber oft auch demagogischer Weise. Was zeigen uns die Auseinandersetzungen um Richard Wagner? Ideologien, durch Dogmen abgesichert, haben stets eine "rechts- und eine linkslastige" Geneigtheit. Sie haben die Tendenz sich auch zu radikalisieren und sind wie Religionen, Ausgangslage für größte Verbrechen gewesen. Eine unreflektierte, romantische Rezeption des Komponisten ist immer nur die Ankoppelung an das Narkotikum seiner Musik, bietet einen seelisch emotionalen Identifikationsrahmen, gleichzeitig offerieren seine Vorstellungen eine geradezu konträre Deutungsmöglichkeit, die Stärke, als auch Schwäche des Werkes ausmachen.
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5.0 von 5 Sternen
Sachlich - faktisch - fundiert, 13. Mai 2013
Die Beleuchtung der Instrumentalisierung des Musikbetriebes durch die Nazi-Ideologie und deren strukturelle Gegebenheiten werden faktisch und sachlich in den Fokus gestellt. Die Kernthese beinhaltet, eine bis in die 1970er Jahre nur wohlmeinende, verfälschende, dem Geniekult huldigende, eher verklärende Sicht auf die Musikproduktion bzw. die Produzenten unter nationalsozialistischen Bedingungen. In der Nachkriegszeit wären, mit wenigen Ausnahmen, eher Verdrängung und Selbstbeweihräucherung an der Tagesordnung gewesen. Erst mit der beginnenden Studentenbewegung der 1968er Jahre wäre die servil huldigende Überformung von Fakten langsam den Tatsachen gewichen. Belegt wird dies im Wesentlichen durch, die Darstellung der Etappen des Bayreuther Festspielbetriebes zur Identifikation mit dem Nationalsozialismus, die Kurz-Analyse der kulturpolitischen Schriften und Reden, die die ideologische Basis zur Verdrängung des offenen Weimarer Kunstgeistes beinhalten, Ausführungen zur Ächtung der Avantgarde mit den Begrifflichkeiten "Kulturbolschewismus und "entartet," aber auch die Einordnung unliebsamer Kunst unter diese Generalklauseln des Verbots, die Erläuterungen zur Einbindung des Rundfunks in das Propagandasystem, die Offenlegung der systematischen Arisierungsbestrebungen im Musikbetrieb mit den Schaltstellen und deren Funktionsträgern. Zentrales Thema ist die Einbindung der nebulösen Ideologie Richard Wagners in die Nazi-Ideologie unter Berufung auf die Rassenideologen Stuart Houstan Chamberlain und von Wolzogen, die in den Bayreuther Blättern den geistigen Unterbau lieferten. Zudem wird die Verstrickung bedeutender Musikerpersönlichkeiten in das Nazi-Regime dargelegt, ohne hier einer schwarz-weiss Sicht zu huldigen. Die rassenideologischen Karrieren der Zeit werden angerissen, die systemische Unterwanderung des Musikbetriebes mit Fälschungen und Manipulation dargelegt. Die unhaltbare Phraseologie mit der das Volk auf Nazi-Kunst- Kurs gebracht werden sollte, wird dokumentiert. Deutlich wird, wie sich Romantizismus in unreflektierter Form, mit Deutschtum und Chauvinismus zu einem Blut-Germanen-Gebräu verband, das die nebulöse Grundierung aller Kunstbetrachtung und Bewertung ausmachte. Kurz, Kunst sollte staatstragend faschistisch zentriert sein, möglichst trivialen Inhalts, simpel und demagogisch verwertbar. Angesprochen sollte nicht der Intellekt sein, sondern das manipulierte Gefühl, eine Art kultische Gemütssektiererei germanisch arischer Blutgeneigtheit. Insgesamt ein hervorragendes, lesenswertes Buch, das vor allem auch deutlich macht, wie aus dem profanen Appell an Gefühle, die nicht reflektiert werden, die absolut gesetzt werden, eine trivial, faschistoid geneigte Kunstbetrachtung resultiert, die den Verfechtern auch heute nicht bewußt ist, die man aber in Einlassungen insbesondere gegen Inszenierungen immer wieder liest. Insofern ist die Freiheit der Kunst mit allen Konsequenzen auch heute noch lange nicht in allen Köpfen angekommen.
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5.0 von 5 Sternen
Faszinierende Meisterinszenierung in romantisch zentriertem Bühnenambiente, 11. Mai 2013
Die Inszenierung von Melly Stills, Tom Pye, Dinale Collin, in der Choreographie von Maxine Doyle bietet faszinierende Bildfarbwelten getragen von einem romantisierend zentriertem Bühnenbild. Der Wunschtraum aller Traditionalisten. Eine atmosphärisch sinnliche Lichtregie und die choreographische Umsetzung ergänzen zu einem Meisterwerk der Bühnenkunst. Inhaltlich ist diese Oper alles andere als ein vordergründiges Märchen. Eine Parabel vom Schalten und Walten der Natur, vom evolutionistischen Prozess des Werdens und Vergehens, von Leben und Tod, von menschlichen Interaktionsprozessen, von Hierarchien, von Machtausübung. Der Schritsteller Max Brod sprach von " Traum von der Ewigkeit der Natur und Liebeslust." Die sängerischen und insbesondere auch schauspielerischen Leistungen sind exzellent. Lucy Crowe ist Vixen Sharp Ears, Emma Bell ist Fox. Sergei Leiferkus singt den Forrester. Alles ungemein überzeugende singschauspielerische Leistungen. Die farbstarke Musik wird mit dem Dirigat von Marek Jurowski in allen Schattierungen begeisternd umgesetzt. Insgesamt brillantes Musiktheater mit einer optischen Umsetzung, die einfach grandios ist. Wer sich der Musik Janaceks nähern möchte, eine primär traditionelle Konzeption liebt, der liegt hier richtig. Allerdings auch nichts für Leute, die alles nur naiv märchenhaft dargestellt haben möchten. Ich meine damit die Liebhaber von Märchenopern, die erfahrungsgemäß nur die naive Seite der Märchen sehen möchten. In diesem Sinne ist das keine Märchenoper.
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1.0 von 5 Sternen
Studienobjekt für die nazistische Wagner Interpretation 1935, 10. Mai 2013
Der Autor Curt von Westernhagen gilt als einer der übelsten Rassefanatiker, die Wagners Werk im Dienste der Ideologie der Nazis auf Kurs schrieben. Zudem ist er ein Beispiel wie auch gebildete Autoren in den Rassenwahn eintauchen konnten ohne rationale Hinterfragung. Damit wird auch deutlich, daß es sich hier eher um ein psychisches Problem handelt, als ein rein intellektuelles. Der Autor erfährt eine rassistische Prägung schon im Elternhaus. Hinzu kommen die üblichen narzisstischen Verletzungen der Psyche, die eine Ausrichtung dieser Art fast immer beinhalten, das alles eingebunden in Zeitgeistprozesse in gesellschaftspolitischer Ausrichtung. Nach dem 2. Weltkrieg schrieb er wieder für Bayreuth mit vollkommen rassistisch entschärfter Feder, ohne allerdings ein Umdenken zu dokumentieren. Verdrängung ist das Schlagwort, das auch zu Wieland und Wolfgang Wagner passt. In diesem Punkt hat Gottfried Wagner einmal recht. Der Autor liefert eine schwarmgeistig, bombastisch, völkisch-rassistische Interpretation in serviler Meisterverehrung. Ein Pathos in einer trivial, personenkulthaften Ausrichtung. Friedrich Nietzsches Denken wird als nicht blutadäquat gebrandmarkt. Nur diesbezüglich lag sein Buch nicht auf Nazi-Kurs, konnte aber doch gedruckt werden. Die gesamte wagnerianische Weltsicht, die ja ständig in Bewegung war, also eher eine Suche, als ein Finden, wird rassistisch antisemitisch interpretiert. Dabei ist allerdings nicht zu vergessen, daß Richard Wagner aus heutiger Sicht als narzisstischer Idealist mit psychopathologischem Antisemitismus klassifiziert werden könnte. Dies forderte auch Thomas Mann den Begriff der enthusiastischen Ambivalenz ab. Der Autor erklärt jedes intellektuelle Herangehen an Wagners Werke als nicht adäquat, eine typische Abwehrhaltung aller Gemütssektierer, die sich so der Hinterfragung entziehen. Insgesamt ein hervorragendes Studienobjekt des Rassismus. Vom Inhalt - nicht mal -1 - Stern. Aber vom Lerninhalt durchaus - 5 - Sterne.
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11 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen
Irrationale Abrechung nach "Art des Hauses", 29. April 2013
Ich schreibe diese Rezension aus der Perspektive, die Thomas Mann einmal mit "enthusiastische Ambivalenz" geprägt hat. Richard Wagners ideologische Vorstellungen würde ich knapp zusammengefaßt, als typischer Zeitgeist mit Weltverbesserungsidealismus unter dem Manko eines nicht geeinigten Deutschtums charakterisieren. Wobei die Ausgangsposition eines Verfalls, genauso wie die Idealvorstellungen aus der Antike sowie die nebulöse Erlösungsmanie, Wunschpojektionen waren. Die schwarmgeistig, romantisch phantastenreiche, wagnerianische Wahrnehmungsperspektive, rekrutierte daraus, auch ein mit mehr oder weniger philosophischem Impetus angereichertes Gebräu, das nur insofern problematisch wurde, als der Komponist eine psychopathologische, antisemitische Haltung ausbildete. Trotzdem haben seine Werke, in Verbindung selbst mit teils kruder Ideologie, eine realpäsente Geneigtheit, die auch heute noch bemerkenswert aktuell ist. Jedes großes Kunstwerk weist insofern auch über die Zeit hinaus, in der es geschaffen wurde. Aus dieser Ausgangslage nun eine zentrale Geistesverwandscheit mit der Naziideologie zu zimmern, ist bei dem Autor mehr eigene Bedürfnishaltung, als Faktenlage bei seriöser Bewertung. Jede Ideologie birgt in sich die Geneigtheit zur Eliminierung der Andersdenkenden, da war Wagner keine Ausnahme wie auch die sozialistischen Ideen generell in der Praxis. Wenn schon der Gedanke die Tat ist, laufen viele Gedankenmörder durch die Weltgeschichte, die hoch in Ehren gehalten werden. Und ob dieser Gedanke bei Wagner vorhanden war, ist schlicht rein spekulativ trotz der seiner verbal brutalen Ausfälle, für die er immer gut war. Gottfried Wagners Kernthesen sind im Wesentlichen: Jede Form der reaktionären Gedankenwelt Richard Wagners in die Moderne zu überführen, sei Verfälschung. Die Interpretationen aus allen wissenschafltichen Disziplinen seien indiskutabel und aufgesetzt. Ausschließlich die Bewertungen von Hartmut Zelinsky und Epigonen, die Wagner zum Vorhenker von Ausschwitz geschrieben haben, seien angemessen. Richard Wagner sei durch die Autoren der Bayreuther Blätter und durch Cosima nicht verfälscht worden, sondern angemessen umgesetzt. Damit stellt er sich gegen bedeutende Wissenschaftler, indem er nur behauptet. Mit Zitaten kann man aus Wagner jede Richtung herauskitzeln, derer man bedarf. Insofern ist das scheinwissenschaftlich, was er abliefert. Weiterhin unterstellt er der Familie generell ein Verheimlichen, Vertuschen, Manipulieren und Halbherzigkeit. Insofern der typische Familienzwist. Man kann sich allerdings hier des Eindrucks nicht erwehren, daß er damit nicht so gänzlich falsch liegt. Eine solche Agressionsstau-Einlassung läßt dann auch die sachliche Basis vermissen, auf der eine vernünftige Auseinandersetzung möglich wäre. Alles was nicht auf Gottfrieds Linie ist, wird diskreditiert, als Verharmloser, Verleugner, Verfälscher gebrandmarkt. Ein egomanischer Zug, der auch bei Richard Wagner Platz griff. Süffisant könnte man das als die typische "Kommunikations-Wagnerei" bezeichnen. So wie sich Richard Wagner ein Feinbild in den Juden schuf, so agiert Gottfried Wagner ideologisch nur mit umgekehrten Vorzeichen. Richard Wagner als zentralen, entscheidenden Bannerträger des Antisemitismus, des Nationalsozialismus, zu dekorieren, ist schlicht Geschichtsklitterung. Gottfried platziert alles auf einem "der Hölle Rache" Plateau, er simplifiziert erbarmungslos und erschreckend. Ein bißchen Lady Macbeth, obwohl ihn keine Schuld trifft. Er projiziert sich ständig in eine Rolle, aus der er sich persönlich rechtfertigen müßte dafür, daß der Verbrecher Hitler Wagner Verehrer war und sich Teile der Familie mit ihm gemein gemacht haben. Letzlich bleibt der schale Beigeschmack eines Schlagabtausches mit einem psychopathologischen Antisemiten wie Richard Wagner und Gottfried Wagner, der aus scheinbar ähnlicher Persönlichkeitsstruktur in retrospektiver Manier alle Fakten so frisiert, daß sie passend scheinen. Ínsofern ist dieses Buch in den wesentlichen Bereichen pure Agitation und die zustimmende Rezension, die ich gelesen habe, zeigt, daß hier wieder ein Brandsatz gelegt wird und keine angemessene, seriöse Betrachtung als Beurteilungsbasis vorhanden ist. Insofern wird dieses Buch ungeteilte Zustimmung finden bei dem "gesunden Volksempfinden", das es immer schon gewußt haben will. Das ist eine echte Gefahr. So wird über weitere Generationen Einseitigkeit, Ideologie und Fehlfokussierung verbreitet. Wer dem Phämomen Richard Wagner eindimensional begegnen will, muß scheitern. Gottfried Wagner liefert hier mehr ein eigenes Selbstporträt, als das es um die Sache an sich ginge. Deshalb für das bemerkenswerte und aufschlußreiche Selbstporträt des Autoren noch - 2 - Sterne. Mit der Sache Richard Wagner hat das Buch in seiner "Hinrichtungsmentalität" wenig zu tun.
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Eine der ganz großen Inszenierungen des Musiktheaters, 14. April 2013
Eine großartige Inszenierung mit bis ins Detail meisterhafter, bühnenbildlich begeisternder Gestaltung mit dem Inszenierungs- Duo Harry Kupfer und Hans-Schavernoch. Eine Symbiose aus glänzender Personenführung und optisch interpretatorischem Ambiente. Damit wird klar, daß man sich hier nicht von einer romantischen Erwartungshaltung wie in dem Otto Schenk Ring leiten lassen darf. Wer es strikt romantisch im bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts mag, sollte von diesem Konzept eher Abstand nehmen. Inszeniert wird in unmittelbarer Anbindung an Wagners Werkintentionen, seine Schriften, den Subtext und insbesondere seine gesellschaftspolitisch,philosophisch orientierte Sicht. Wagner verstand sich als Weltanschauungskünstler und hat nachfolgenden Generationen nachweisbar aufgegeben, sein Werk immer wieder "neu in Erscheinung treten zu lassen". Zu den sängerischen Qualitäten habe ich bereits in den Einzelrezensionen das Entscheidende ausgeführt. Auf ganzer Ensemblebreite exzellentes Singen und vor allem ungemein hautnahe schauspielerische Leistungen. Daniel Barenboim dirigiert mit einem rundum überzeugenden Zugriff auf die komplexe Partitur. Insgesamt eine der ganz großen Inszenierungen des Musiktheaters.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Renee Flemming als Ariadne -traumhaftes Thielemann Dirigat - glänzende Sänger, 10. April 2013
Meine Rezension basiert auf dem Fernsehmitschnitt dieser Aufführung. Die Inszenierung von Philipp Arlaud ist konzeptionell überzeugend in ihren atmosphärisch, teils prachtvollen Bildsequenzen. Kostümfarbigkeit und stimmungsvolle Beleuchtung ergeben trotz Einheitsbühnenbild immer wieder neue "zauberische" Bilder. Eine Aufführung, die vom Bühnenbild nicht zwingend dem gefällt, der ein klassisch, konservatives Ambiente vorzieht. Aber keinesfalls "Regietheater", wenn man das negativ besetzt, wie offenbar viele Opernfreunde. Die sängerische Besetzung ist auf ganzer Breite herausragend bis in die Nebenrollen. Renee Flemming singt eine begeisternde Ariadne mit farbstarkem, cremigem Sopran. Sophie Koch glänzt als Komponist mit einem überzeugenden Rollenporträt. Jane Archibald ist eine hinreissende Zerbinetta. Eike Wim Schulte hervorragend als Musiklehrer. Robert Dean Smith überzeugt in der sehr schwierigen und gefürchteten Rolle des Bacchus, erreicht allerdings nicht die faszinierende Interpretation von Jonas Kaufmann, die heute schon Ausnahmestatus genießt. Alle anderen Rollen hervorragend besetzt. Eine Sternstunde das Dirigat von Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Insgesamt eine unbedingte Empfehlung allein schon wegen der dirigentischen Leistung, aber auch aufgrund des glänzenden sängerischen Ensembles. An Inszenierungskonzepten scheiden sich bekanntlich immer die Geister, insofern mein Verweis auf obige Anmerkungen, "bedingt modern" mit farbstarken Bildsequenzen ohne den Traditionsorientierten zwingend zu verschrecken.
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5.0 von 5 Sternen
Sozio-kulturelles Phänomen Wagner sachlich - multiperspektivisch betrachtet, 29. März 2013
Annäherungen an das Multi-Phänomen Richard Wagner geschehen in der Regel mit einem erkennbar vorgefaßten, mehr oder weniger bewußten, eigenideologischen Zugriff. Die Ergebnisse sind schon vorausprogrammiert, je nach Ausrichtung. Was jeweils gewünscht wird, kann dann mit Zitaten belegt werden, bei dem widersprüchlichen Selbsterklärer und Vielschreiber Wagner kein Problem. Sven Friedrich nähert sich in multiperspektivischer Beleuchtung in sachlich nüchterner Aufarbeitung der denkerischen Geflechte. Dies zeichnet z.B. auch die Bücher von Udo Bermbach aus. Der Autor führt in das Lebensdilemma Wagners ein. Sich ständig bedroht fühlend, auf der Flucht, leidend an der realen Welt und insbesondere an den Kunstzuständen. Aus den idealisierten Gegebenheiten der griechischen Polis glaubte er ein Zukunftsmodell deutscher Art zu konstruieren. Dies in absoluter Form, sich selbst egomanisch als das Maß aller Dinge zentrierend. Damit wurde er nach seinem Tode zum Hausgott nationalistisch, reaktionärer Kreise, die den Antisemitismus, den Rassismus zur Zentralinstanz ihres Denkens machten. Aus dem lebenslang Suchenden wurde eine Bedarfsgestalt zurechtgebastelt, die man verehren konnte. Zentrale Aspekte der wagnerianischen Zentralidee, der Erlösung durch Agape und Geschlechtsliebe wird thematisiert. Dabei wird auf das Denken Schopenhauers und Nietzsches in Vernetzungsebenen abgestellt. Auch tiefenspsychologische Aspekte und medienpsychologische Erörterungen werden Gegenstand der Erläuterungen. Thomas Mann und Wagner werden mit den entprechenden Berührungspunkten dargestellt. Ausgeprochen informativ und überzeugend ausdifferenziert, die Betrachtungen der verschiedenen Ansätze in der Interpretation und der geschichtlichen Bedeutung von Wagners Werk. Von den "Verharmlosern" des wagnerianischen Antisemitismus bis zu den obsessiven Autoren wie Zelinsky, Rose etc, wird hier argumentativ abgearbeitet. Für, im weitesten Sinne wissenschaftlich Arbeitende oder interessierte Autodidakten in Substanz und Sachlichkeit interessant. Insbesondere werden auch die Manipulativmechanismen angesprochen, die immer wieder dazu führen, daß Autoren Richard Wagner retrospektiv an die "Rampe von Ausschwitz" schreiben. Dabei wird aber keinesfalls verkannt, daß sein Antisemitismus mehr war als ein kleiner "Betriebsunfall". Meinung des Rezensierenden: Jede Sichtweise, die quasi persönlich Identifikatorisches verrät, wie obsessive Zugriffe, oft aus der Sozialisation des Betreffenden, ist mit höchster Vorsicht zu behandeln, was die Thesen betrifft, selbst wenn die Zitatsammlung auf den ersten Blick überzeugend wirkt. Hier werden eher spekulative Dogmen, aber keine seriöse Beweisführung gepflegt. Wo bei Wagner Literatur ein, " es ist ganz sicher so", steht und nicht " es ist vieles denkbar, aber nichts ist sicher", bleibt Vorsicht geboten. Wer erstmalig mit solchen Werken konfrontiert wird, sitzt schnell der anscheinenden Schlüssigkeit auf. Wenn dann noch eingefleischte Vorurteile dazukommen, wird das Bild bestätigt, das man eigentlich schon immer nebulös hatte und jetzt konkretisiert bekommt. Die Herangehensweise von Autoren sagt oft schon etwas über das Ergebnis voraus. Ureigenste Bedürfnisse oft unbewußter Art werden dann zur seriösen, wissenschaftlichen Erkenntnis geweiht. Insgesamt ein hochinteressantes, sachliches Buch, das man in den größten Teilen(medienpsychologische Ausführungen sehr fachspezifisch), insbesondere auch Einsteigern in die Thematik empfehlen kann.
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