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Daggi
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Falkenjagd
Falkenjagd
von Susanne Betz
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen An diesem Buch scheiden sich die Geister, 2. April 2012
Rezension bezieht sich auf: Falkenjagd (Taschenbuch)
An diesem Buch scheiden sich die Geister: die einen finden es oberflächlich mit einem schlechten Verhältnis zwischen Dialog und Handlung. Die anderen finden es gut geschrieben und gut recherchiert. Ich schließe mich den letzteren an. Für mich war die Geschichte der Markgräfin Friederike, der Schwester von Friedrich dem Großen, gut nachvollziehbar geschrieben und insgesamt sehr interessant zu lesen. Ich mochte auch den authentisch gehaltenen Stil in der höfischen Sprache des 18. Jahrhunderts.

Preußen, 1729. Die 14-jährige Tochter des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I, Friederike Louise, wird nach Ansbach mit Charles, Markgraf von Ansbach verheiratet. Unterschiedlicher könnten zwei Ehepartner nicht sein: der selbstbewusste, hitzige Charles liebt die Falkenjagd, seine Hunde und später auch seine Mätresse Elisabeth; die gebildete Friederike interessiert sich für Wissenschaft und Anatomie. Im Laufe der Jahre verstehen sich die beiden Ehepartner zwar nicht gut, aber sie finden eine Art miteinander umzugehen. Doch Charles verschleudert das Geld am Ansbacher Hof - das Land ist nach seiner Regierungszeit hoch verschuldet, es herrscht große Armut - während Friedericke auf ihrem Lehenssitz Unterschwaningen eine gut funktionierende Landwirtschaft mit Schweinezucht und Kartoffelanbau aufbaut.

Über die dritte Tochter von Friedrich Wilhelm I ist nicht so viel bekannt, wie über die berühmte ältere Schwester Wilhelmine von Preußen. Das bot für die Autorin viele Möglichkeiten, z.B. erdichtete sie Friederikes naturwissenschaftliche Ambitionen. Auch die meisten Nebenfiguren, ebenso wie die Liebschaften der Markgräfin sind frei erfunden - das kokett-verspielte höfische Leben des Rokoko traf allerdings wirklich auf den Freiheitswillen der Aufklärung. Ich sehe den Roman insgesamt als eine gelungene Mischung zwischen Fiktion und Realität an. Die erste Liebschaft der Markgräfin hätte für meinen Geschmack sogar ein wenig breiter ausgetreten werden dürfen ...

Dieser Roman hat mir in verständlicher Form die Lebensverhältnisse im 18. Jahrhundert und insbesondere das Haus Preußen näher gebracht. Dabei war es für mich sowohl spannend, etwas über den Soldatenkönig als Vater zu erfahren, als auch über die politischen Machenschaften des Bruders Friedrich II. Dem preußischen Geheimdienst fällt im Roman sogar Friedericke einmal zum Opfer! Der Roman sprüht zwar nicht vor Witz, aber umso mehr gibt er den Esprit von Friederikes Denkweise wider - auch ein schöner Kontrast zur berühmten Schwester Wilhelmine.

Der Roman war zudem interessant für mich zu lesen, weil ich etliche Handlungsorte selbst kenne oder von diesen schon gehört habe: z.B. das Ansbacher Schloss mit Deckenfresko von Carlo Carlone, die Sommerresidenz in Triesdorf, das Schloss Dennenlohe, die Wülzburg bei Wasserburg, die Ortschaften Gunzenhausen, Wald, das Altmühltal u.v.m. Nett fand ich, dass sich Friedericke die Romanfigur Robinson Crusoe zum Vorbild nimmt, auf die man immer wieder Anspielungen im Buch findet.

Fazit: Gut recherchierter historischer Roman, der mir das Haus Preußen ein ganzes Stück näher gebracht hat. Intelligente Mischung aus Fiktion und Realität mit viel Vorstellungskraft über das Leben im Rokoko und den anstehenden aufklärerischen Umbruch. Friederike Louise von Preußen hat für mich durch "Falkenjagd" ein deutliches Gesicht bekommen.


Der Stechlin: Roman
Der Stechlin: Roman
von Theodor Fontane
  Taschenbuch

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen ist am Rhein und Main zu finden, 31. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Stechlin: Roman (Taschenbuch)
Dies ist das letzte Werk von Theodor Fontane, das er 1895 begann und das 1898 veröffentlicht wurde. Fontane erlebte das Erscheinen der Buchausgabe nicht mehr. Im Anhang zum Buch erfährt man, dass der Rohentwurf zum Werk in wenigen Wochen entstand. Die Fertigstellung des Romans und das mehrfache Korrekturlesen kosteten Fontane hingegen etliche Nerven. So bittet der Siebenundsiebzigjährige seinen Sohn Friedrich, vorerst keine weiteren Korrekturfahnen zu schicken, >>weil ich sofort einen tic douloureux kriege, wenn ich bloß eine Zeile von meinem Roman lesen muss. Ich habe mir die Nerven dabei ganz zerschunden.<<

Bemerkenswert finde ich, was Fontane selbst über den Roman sagt: >>Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. ... Alles Plauderei, Dialog, in dem sich die Charaktere geben und mit ihnen die Geschichte.<< Der Roman spielt in der Mark Brandenburg, in der Grafschaft Ruppin an der mecklenburgischen Grenze. Der Stechlin, das ist dabei ein See, mit dem es etwas ganz Besonderes auf sich hat, ein Wald, ein Dorf, ein Schloss und sogar ein Baron mit dem Namen Dubslav von Stechlin.

Was es mit dem See auf sich hat? Das erfährt man bereits auf der ersten Seite des Romans: "Alles still hier. Und doch, von Zeit zu Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe." Der See Stechlin ist also auf geheimnisvolle Weise mit den großen seismischen Vorkommnissen auf der Erde verbunden, z.B. bei dem verheerenden Erdbeben am 1. November 1755, das Lissabon zerstörte. Weiter heißt es: "... dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein."

Der Roman besteht aus 45 Kapiteln auf 428 Seiten und 9 Teilen:
1. Schloss Stechlin
2. Kloster Wutz
3. Nach dem "Eierhäuschen"
4. Wahl in Rheinsberg-Wutz
5. In Mission nach England
6. Verlobung - Weihnachtsreise nach Stechlin
7. Hochzeit
8. Sonnenuntergang
9. Verweile doch - Tod - Begräbnis - Neue Tage

Die Stechlin-Schauplätze sind nicht alle real: ein Dorf und ein Schloss Stechlin hat es nie gegeben und für das Kloster Wutz hat das ehemalige Kloster Lindow Pate gestanden. Die erste Seite der Beschreibung des Stechlin-Sees nahm mich sehr gefangen und ich fand sie wunderschön. In diesem beschreibenden Stil geht der Roman ein paar Seiten weiter. Man lernt den Schlossherrn Dubslav von Stechlin kennen. Der ist schon seit über 30 Jahren Witwer und hat einen Sohn: Woldemar. Der alte Stechlin wird beschrieben als "eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst Schwächen in Vorzüge verwandlen." Dünkel und Überheblichkeit empören ihn, was ihn mir sympathisch macht. Dubslav plaudert gern und lässt sich gern was vorplaudern. Seine Schwester Adelheid ist die Domina von Kloster Wutz - sie hat gegen ihren Bruder sehr viel einzuwenden. Später wird klar, dass sie für eine enge, protestantische Sichtweise der Dinge steht.

Ich stolperte beim Lesen immer wieder über Begriffe, die für meinen Sprachgebrauch veraltet sind und die ich so noch nie gehört habe: z.B. Renommisterei, Prämonstratenser, Konventikel, Velleitäten, geuzt, Äquivokenmensch etc. Das machte das Lesen nicht ganz einfach.

Handlung: Woldemar schickt ein Telegramm, dass er seinen Vater mit zwei Freunden besuchen kommt. Die Freunde sind Assessor von Rex und Hauptmann von Czako. Damit Dubslav die Konversation bei Tisch nicht alleine bestreiten muss, lädt er Herrn und Frau Gundermann, den Pfarrer Lorenzen und den Oberförster Katzler nach Schloss Stechlin ein. Die jungen Herren treffen zu Pferde ein. Der Rest des Abends ist Plauderei und am nächsten Tag machen sie noch einen Ausflug und brechen später in Richtung Kloster Wutz auf, um Tante Adelheid zu besuchen ...

In den Dialogen geht es von einem allmählichen Wandel von der aristokratischen Welt hin zu einer demokratischen Welt. Von Stechlin steht dabei für das Alte, Pfarrer Lorenzen für das Neue, wobei die Wertung der beiden Weltanschauungen dem Leser überlassen bleibt. Auf Seite 74 bemerkt Pfarrer Lorenzen: Stechlin wolle im Grunde das Gleiche wie die Sozialdemokraten.

Das Hauspersonal auf Schloss Stechlin besteht aus dem alten Diener Engelke - von Stechlins Vertrauter ohne Vertraulichkeit, "von Natur hingebend und demütig und in einem treuen Dienen ihr Genüge findend", Martin, dem Knecht und aus einer bisher namenlosen Mamsell. Außerdem gibt es noch den Lehrer Krippenstapel, mit dem die jungen Herren einen Ausflug zum Aussichtsturm und in die Kirche machen. Von Rex hält den Lehrer für eine Karikatur und gesteht ihm nicht zu, dass er sich zu Baustilen äußert. Czako hat Spaß daran, den Twist zwischen Dorfschullehrer und Ministerialassessor noch mehr auszustacheln und Woldemar muss schlichten ... Bevor die drei nach Kloster Wutz reiten, macht Woldemar noch der Frau des Oberförsters Katzler seine Aufwartung, die eine Prinzessin von Ippe-Büchsenstein und ständig schwanger ist.

Man merkt schon an meinen weitschweifigen Ausführungen, dass die Handlung im Stechlin nicht besonders spannend ist. Es treten viele Figuren auf, die sich über vieles unterhalten. Highlight sind die beiden Freunde von Woldemar: Czako und Rex, die sich über alles lustig machen und alles kommentieren. Bei den Stellen mit Czako und Rex kam immer Freude bei mir auf!

Sehr gut hat mir als Fränkin außerdem folgende Bemerkung gefallen: "Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen ist am Rhein und Main zu finden. Und am vorzüglichsten da, wo sich ... beide vermählen."


Narrenkind: Roman
Narrenkind: Roman
von Sandra Lessmann
  Taschenbuch

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der vierte Teil - Flucht am Karfreitag, 29. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Narrenkind: Roman (Taschenbuch)
Der vierte Teil aus der Reihe um den Wundarzt Alan Ridgeway, den katholischen Priester Jeremy Blackshaw und die Mätresse des Königs Amoret St Clair beginnt damit, dass ein junger Mann bei Alan Hilfe sucht, der Nachforschungen über den zukünftigen Ehemann seiner Schwester anstellt. Als der junge Mann zu Tode kommt, setzen Alan und Jeremy die private Untersuchung fort. Dabei begibt sich der Jesuitenpater mehrfach in heikle und für ihn lebensbedrohliche Situationen. Das passte gar nicht zu dem ansonsten logisch denkenden und besonnenen Pfarrer. Weil das für mich nicht stimmig war, fand ich die zweite Buchhälfte auch wenig spannend und sehr konstruiert, die in eine hanebüchene Flucht am Karfreitag mündet.

Grundsätzlich mag ich den Stil von Sandra Lessmann und mochte die Story, die um die Zeit nach dem großen Brand (1667) in London ansiedelt ist. Sandra Lessmann schafft eine Art "Wohlfühlatmosphäre" und schreibt gut verständlich. Die drei Freunde Alan, Jeremy und Amoret stehen sich sehr nah, helfen sich gegenseitig und lassen den anderen nie im Stich. Was Sandra Lessmann über die Medizin der damaligen Zeit, z.B. über die Behandlung von Geisteskrankheiten schreibt, erschien mir gut recherchiert und fundiert. Historische Personen, wie Charles II und seine erste Mätresse Lady Castelmaine, sind mit erfundenen bunt gemischt. Und sie baut ihr historisches Wissen gut in den Kontext ein, ohne dass sie den Roman mit Hintergrundinformationen überfrachtet. Hilfreich sind dabei auch ein Plan von Westminster und der City of London um 1660 und das Glossar zum Ende des Buches.

Dennoch haben mir die ersten beiden Bände Die Richter des Königs und Die Sündentochter besser gefallen als Narrenkind. Man kann Narrenkind lesen, ohne die Vorgängerromane zu kennen; es gibt allerdings ein paar Anspielungen auf die Vorgänger. Ob ich den dritten Teil Sündenhof nachträglich lesen werde, muss ich mir noch überlegen.

Fazit:
Sandra Lessmann legt erneut einen gut recherchierten Roman vor, der in London nach dem großen Brand 1667 spielt. Der vierte Teil überzeugte mich jedoch nicht so, wie die Vorgängerromane. Die Entwicklung des Jesuitenpaters zur überstürzten Unbedachtheit wirkte auf mich nicht schlüssig und ich empfand das Buch besonders in der zweiten Hälfte zu konstruiert.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 3, 2012 1:49 PM MEST


Ganz schön tot
Ganz schön tot
von Ralf Kramp
  Audio CD
Preis: EUR 11,80

4.0 von 5 Sternen Ideal zum Reinschnuppern, 29. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ganz schön tot (Audio CD)
Ich wurde durch die Lektüre von Tatjana Kruses Kreuzstich Bienenstich Herzstich auf diese beiden Krimiautoren aufmerksam. Wer sie noch nicht kennt, findet hier eine kleine Kostprobe ihres Könnens. Man kann nach diesen acht von den Autoren selbst vorgetragenen Kurzgeschichten ganz gut beurteilen, ob einem der Stil der beiden zusagt, oder nicht.

Die acht Geschichten:
1. "Ein Problem im Garten" von Ralf Kramp, 2:36 min: Was tun mit dem Ehemann, wenn diesen nach einem schlagenden Argument das Zeitliche gesegnet hat? Wie lassen sich 100 kg Fleisch beseitigen, die schon lange keine Quelle der Lust mehr waren? Wie gut, dass sich organisches Material zersetzt, denkt sich Lotte Schmitz ...

2. "Weltspartag in Hamminkeln" von Jürgen Ehlers, 12:53 min (gefällt mir sehr gut und hat übrigens im Jahre 2005 als bester Kurzkrimi den Friedrich-Glauser-Preis erhalten):
Was bei der Eigeninitiative eines Hartz IV-Empfängers in Form eines Banküberfalls am Weltspartag so alles schief gehen kann - wunderbar vorgetragen von Jürgen Ehlers mit Hamburger Sprachfärbung.

3. "Flipper im Regen" von Ralf Kramp, 9:46 min
Sehr bizarr: der Bericht eines deprimierten Mannes, der sich bitterlich über den Regen und das Leben an sich beklagt. Erst nach einer Weile wird klar, um wen es sich dabei eigentlich handelt und was er so treibt mit seiner Ceska Typ 83 ...

4. "Dienstreise nach München" von Jürgen Ehlers, 7:27 min
Ein vertrottelter Doktor auf Dienstreise nach München, vergisst seine Brille im Zug, kommt 4 h später als geplant in München an, kennt sich dort überhaupt nicht aus und findet sich ganz plötzlich in den Fängen einer jungen Frau wieder, die ihm für 100 Euro ihre Hilfe anbietet ...

5. "Schwarzer Tod" von Ralf Kramp, 11:32 min
Gefällt mir sehr gut! Enkel möchte seine Oma aus dem Weg räumen, denn die wird sonst noch 180 und er möchte endlich erben. Er besorgt sich ein Fläschen mit einem garantiert und schnell wirkenden Gift, das nicht nachweisbar ist, einfach 3-4 Tropfen in den Kaffee geben ... doch alles kommt ganz anders, als der Enkel denkt und das ist sehr überraschend und kurzweilig. Die Oma ist exzellent vorgetragen!!

6. "Sommer auf der Ostsee" von Jürgen Ehlers , 3:41 min
Auch diese kurze Geschichte gefällt mir gut. Auf einer Luftmatratze bei ablandigem Wind in die Ostsee hinauszutreiben, ist nicht so besonders lustig. Ganz besonders nicht, wenn eine Gewitterfront im Anmarsch ist und die einzige Begegnung mit einem riesigen Containerschiff ist, welches die Luftmatratze noch nicht einmal bemerkt ...

7. "Nacht zusammen" von Ralf Kramp, 9:26 min
Spricht mich jetzt nicht so an, eher etwas abgedroschen: was der Verstorbene den lieben Erben hinterlässt. Das ist ganz und gar nicht das, was sie erwartet haben, sondern zeugt von ziemlicher Bosheit. Wenigstens nach seinem Tod kann er mit allen abrechnen?

8. "Wal steht nicht auf der Speisenliste" von Jürgen Ehlers, 11:23 min
Ein bisschen zu lang: In der "Föhrer Schlemmerstube" in Wyk auf der Insel Föhr wird Walfleisch als Steak kredenzt. Hugo, der Walfänger, hatte aus Versehen das Schlauchboot von Green Peace harpuniert und kaufte einem Norweger eine Fuhre von Walfleisch ab ... und dann ist da auch noch Käthe in der Kühltruhe ...

Insgesamt eine Laufzeit von 68 Minuten; Cover mit Informationen über die Autoren und einer Illustration von Ralf Kramp. Ideal zum Reinschnuppern.


David Copperfield: Roman
David Copperfield: Roman
von Charles Dickens
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sittenbild des 19. Jahrhunderts, 21. März 2012
Rezension bezieht sich auf: David Copperfield: Roman (Taschenbuch)
Es gibt verschiedene Ausgaben von David Copperfield im Handel, bei denen um mehr als die Hälfte gekürzt wurde. Die Originalausgabe, von Gustav Meyrink ins Deutsche übersetzt, beträgt über 1000 Seiten. Man findet sie im Internet auch gemeinfrei zu lesen. Dies ist das erste Buch, das ich von Charles Dickens gelesen habe. Vorneweg möchte ich gleich sagen, dass das Buch durchaus Längen hat und es sich stellenweise mühsam liest, dass es aber trotzdem zu den besten Büchern gehört, die ich je gelesen habe. Daher vergebe ich fünf Punkte.

Vor allem die Charakterisierungen von Dickens sind genial: vielen ein Begriff sein dürfte Uriah Heep, ein kriecherischer Schleimer, der andere so manipuliert, dass er deren Schwächen für sich nutzen kann. Dieser Uriah Heep ist eine Ausgeburt an Niedertracht, doch damit offensichtlich ein Kind seiner Zeit. Dem Thema Herkunft, Stand und Aufstieg bietet Dickens viel Raum in David Copperfield. Dickens vermutet, dass der Grundstein für diese Art von Bosheit bereits bei der Erziehung Uriahs in einem Knabenstift gelegt wurde. Diese sozialkritischen Töne ziehen sich jedoch nicht durch das ganze Buch. Hauptsächlich geht es bei diesem autobiografisch gefärbten Roman um die Lebensgeschichte des D.C. (kann sowohl für David Copperfield als auch Charles Dickens stehen), der keine leichte Kindheit hatte, der aber später zum bekannten Schriftsteller aufsteigt. Dickens beschreibt die Personen, die seinen Lebensweg begleiten, begonnen bei der Mutter, die früh stirbt, über den allzu strengen Stiefvater (Mr. Murdstone), seine Kindsfrau Clara Peggotty und ihren Bruder Daniel, einen unfähigen Schulleiter (Mr. Creakle), Leute bei denen er unterkommt (die Micawbers), nicht zu vergessen seine Tante Betsey Trotwood, Mr. Dick, ein freundlicher, älterer Herr, der gerne Drachen steigen lässt, und später die Mädchen in die er sich verliebt: Agnes und Dora, um nur die wichtigsten Personen zu nennen. Personen, die D.C. mag, sind mit Liebe und Einfühlungsvermögen geschildert; Personen, die D.C. nicht mag, könnten schlimmer nicht sein: Dickens überspitzt stellenweise bis zur Karikatur. Das Land ist tief gespalten in eine Ober- und eine Unterschicht, ein sog. "Mittelschicht" hat sich noch nicht herausgebildet. Weil sie in England keine Zukunft mehr sehen, werden später einige der auftretenden Personen nach Australien, der frisch gegründeten Sträflingskolonie des British Commonwealth, emigrieren. Offiziell diente die Besiedelung der Kolonie auch zur "Ausdünnung der Unterschicht" in England.

Durch die präzise Beschreibung von Gebäuden in Stadt und Land kann die man sich gut in das England um 1850 hineinversetzen - visualisiert, verniedlicht und vermarktet durch Dickens-Merchandising, wie Dickens-Village, das englische Pendant zu "Käthe Wohlfahrt". Das Buch besticht (abgesehen von den Kindheitskapiteln) nicht unbedingt durch die Handlung, sondern mehr durch die Beschreibung der Bandbreite menschlicher Verfehlungen, Irrungen und Wirrungen. Beispielhaft steht hierfür die Episode von Davids Schulfreund James Steerforth und dem einfachen Mädchen Emily, die nur unglücklich enden kann. Doch was macht das Buch mühsam zu lesen? Den Absonderlichkeiten mancher Personen, wie z.B. von Mr. Wilkins Micawber, der zwar ein wortgewandter Mann, aber ein vermaledeiter Loser ist, räumt Dickens viel Raum ein. Seitenlang lässt er Micawber Briefe rezitieren, dessen Sprache verschwurbelt ist und keiner versteht. Dennoch wird er zu gegebener Zeit eine wichtige Rolle übernehmen, die das Vorgeplänkel wieder entschädigt. Die zweite Sache, die das Buch in die Länge zieht, sind Davids Beziehungen zu seiner besten Freundin Agnes und zu seiner Liebsten Dora. Ich will hier nicht zu viel verraten, doch fragt man sich schon als Frau, warum sich David für das Püppchen entschieden hat, doch diese Frage kann wohl nur ein Mann beantworten. Erst mit der Zeit wird David klar, dass es "kein größeres Unglück in der Ehe geben als Ungleichheit in den Gefühlen und Bestrebungen" kann.

Jeder wird beim Lesen dieses Buches seine Lieblingsfiguren finden. Meine waren Tante Betsey, Mr. Dick und Davids Freund, Thomas Traddles. Doch auch die weniger liebenswürdigen Charaktere, wie Rosa Dartle und Mrs Steerforth sind eine Erwähnung wert - hier wähnte ich mich stellenweise in einem Theaterstück von Shakespeare oder Schiller. Mein Gesamturteil fällt also sehr positiv aus: ich halte das Buch für facettenreich, ausgereift und sehr gut geschrieben. Ein hervorragendes Sittenbild des 19. Jahrhunderts, mit verhaltenen satirischen Zügen. Ich verstehe nun, warum Dickens Ruf auch zu seinem 200. Geburtstag noch nicht verhallt ist und werde weitere Bücher von ihm lesen.


Hausschatz deutscher Liebesgeschichten
Hausschatz deutscher Liebesgeschichten
von Anna Thalbach (Sprecher)
  Audio CD
Preis: EUR 19,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe ohnegleichen, 18. März 2012
Fernsehen kommt für mich derzeit nicht in Frage, deshalb lausche ich gerne den klassischen Hausschatz-Geschichten aus dem Audiobuch-Verlag. Es gibt einen neuen Hausschatz-Digipack - diesmal sind es deutsche Liebesgeschichten.

... und wie in gewohnter Manier finden wir Autoren von A (wie Altenberg) - W (wie Wedekind), dabei werden auch Sie den ein oder anderen sicher kennen: Matthias Claudius, Marie von Ebner-Eschenbach, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Franz Kafka, Gotthold Ephraim Lessing, Novalis, Reiner Maria Rilke, Ludwig Uhland u.v.m.

Unsägliche Dichter haben sich schon mit der Liebe auseinandergesetzt: sie sorgt für ambivalente Gefühlszustände, Glück, Euphorie, Schmerz und Enttäuschung. Dabei geht es nicht nur um die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, sondern auch einmal um Pflanzen ("Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen"). Nicht alle Geschichten sprechen mich an und die ein oder andere finde ich etwas mühsam. Bei der ausgefeilten Sprache muss man genau zuhören, damit man die Essenz nicht verpasst.

Der Digipack enthält ein schönes Cover, wo alle Titel aufgeführt sind, ein Register, Biographien der Sprecher und Werbung für die Hausschatz-Reihe. Gelesen wird von den beliebten deutschen Sprechern Konrad Beikircher, Christian Berkel, Stefan Kaminski, Otto Sander und Anna Thalbach; 4 CDs im Digipack mit ca. 300 Minuten Laufzeit.

Meine Highlights auf CD 1: "Lottchen beichtet 1 Geliebten", von Kurt Tucholsky und "Die Liebe auf den ersten Blick" von Frank Wedekind.
Highlights CD 2: Johann Gottfried Schnabel "Eine verpatzte Liebesnacht", Arthur Schnitzler "Die Braut" und Joseph von Eichendorff "Der verliebte Taugenichts".
Auf CD 3: Friedrich Schiller "Eine großmütige Handlung, aus der neuesten Geschichte" und Hugo von Hoffmannsthal "Das Glück am Weg".
Auf CD 4: Marie von Ebner-Eschenbach - "Das Beste".


50 kleine Gärten von 20 bis 150 qm: Das Ideenbuch
50 kleine Gärten von 20 bis 150 qm: Das Ideenbuch
von Hanneke Louwerse
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mehr als Formalitäten, 13. März 2012
Geometrisches Linienspiel, die Liebe zur Form und Sichtachsen findet man viele in dem vorliegenden Ideenbuch zur Gartengestaltung, doch beschränkt es sich nicht auf formale Gärten. In "50 kleine Gärten" findet man in der Mehrzahl Gärten unter 100 m² und ein paar Beispiele für Gärten über 100 m². Auffallend ist dabei die Vorliebe der niederländischen Journalistin und Gärtnerin Louwerse für Wasserbecken, denn diese kommen häufig vor. Die rechteckige Form gibt dem Garten meist einen formalen Charakter.

Die pflegeleichten Grünräume sind gegenüber den "Cottagegärten", bei denen Blütenpracht und Pflanzenreichtum überwiegen, leicht in der Überzahl. Daher ist auf den Fotos manchmal nur wenig Blühendes zu sehen. Der gärtnerische Aufwand ist beim Immergrün deutlich geringer. Doch auch "Gerneschneider" finden einige Beispiele.

Es kommen in den Gärten wenig Rasenflächen vor; der Leitsatz der Autorin ist vielmehr: "Der Boden sollte vollständig mit Pflanzen bedeckt werden, dann hat das Unkraut keine Chance." Außerdem schreibt sie auf Seite 46: "Es erfordert schon etwas Pflanzenwissen, um solche ein Blütenparadies zu schaffen, aber die Herausforderung ist nicht unüberwindbar. Man lernt immer dazu, es wird Jahr für Jahr schöner. Und - ein Staudengarten braucht relativ wenig Pflege."

Positiv finde ich am Buch:
- die Idee, zunächst einmal eine Garten-Wunschliste zu erstellen;
- den meisten Beispielen liegt ein Gartenplan bei;
- man findet viele pfiffige Ideen, wie Stauraum hinter geschnittenen Hecken, Sitznischen in Holzwänden oder eine Outdoor-Küche;
- viele Beispiele für pflegeleichte Gärten;
- viele schöne Beispiele für Sitzecken/ Pergolen mit verschiedensten Ansprüchen (Sonne/Schatten/ überdacht/ im Freien etc.)

Nicht so gut finde ich am Buch, dass
- die botanischen Namen nur teilweise angegeben sind und die Pflanzennamen fehlen unter den Fotos. In Das ultimative Buch der Gartengestaltung finde ich das besser gelöst.
- die Gartenpläne nicht vermaßt und nicht bei jedem Beispiel dabei sind;
- die Fotos manchmal etwas trist und kontrastarm wirken, da Farbe bzw. Licht fehlt.

Fazit: Für die Gestaltung kleinerer Gärten findet man viele schöne Anregungen in dem Buch. Für die Planung und Ausführung jedoch wird man möglicherweise ohne weitere Literatur und/ oder einen fachkundigen Berater nicht auskommen, es sei denn man ist schon ein versierter Gartenprofi und kennt sich aus. Vier Punkte.


Französisch lernen mit The Grooves: Small Talk
Französisch lernen mit The Grooves: Small Talk
von Eva Brandecker
  Audio CD

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Für den auditiven Lerntyp, 13. März 2012
Ich versuche mein Schulfranzösisch aufzubessern und habe nun schon allerhand ausprobiert. Dabei bin ich auch auf diese CD hier gestoßen. Die ist flott aufgemacht und an jüngere Leute adressiert. Bei regelmäßiger Wiederholung bringt sie schon einen gewissen Lerneffekt - doch bei wiederholtem Anhören nervt mich mittlerweile die groovige, betont coole Musik irgendwie und ich höre die CD nicht mehr so gerne an.

Es geht um so allgemeine Small-Talk-Themen wie Internet, Befindlichkeiten, Redewendungen, Wetter, Reisen, Treffen, Sehen und gesehen werden etc. Dabei stößt man auf interessante Redewendungen und mir bisher nicht geläufige Übersetzungen, die z.B. auch meinen französischen Tai Chi-Kollegen freuen.

Da ich ein visueller Lerntyp bin, ist für mich das beiliegende Heftchen, das 200 Vokabeln, Redewendungen und Grammatikhinweise enthält, eine wichtige Ergänzung, denn ich muss das Ganze auch geschrieben sehen. So prägt es sich für mich besser ein.

Fazit: Für auditive Lerntypen zu empfehlen; für visuelle Lerntypen bedingt geeignet. Man sollte sich vor dem Erwerb dieser CD darüber klar werden, wie man eigentlich am besten lernt: über das Hören oder über das Sehen. Und die groovige Pop/ Jazz-Untermalung ist auch nicht Jedermanns Sache.


Alice im Wunderland: Zauberhafte Ideen zum Selbermachen
Alice im Wunderland: Zauberhafte Ideen zum Selbermachen
von Hannah Read-Baldrey
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jede Seite sieht nach Alice aus, 9. März 2012
Ganz außergewöhnliche Deko- und Geschenkideen finden Sie in diesem Bastelbuch der beiden Engländerinnen Hannah Read-Baldrey und Christine Leech, wie z.B. Trink-mich-Elixiere, Wunderland-Plätzchen oder Katzen-Handwärmer. Dabei hat "Alice im Wunderland" von Charles Dodgson alias Lewis Caroll Pate gestanden und man findet im Buch viele Alice-Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert, sowie weitere bekannte Figuren aus dem viktorianischen Kinderbuchklassiker: das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, die Spielkarten, die Herzkönigin, den verrückten Hutmacher, die Didels etc..

Meine Highlights sind der Humpty-Dumpty-Türstopper (S.40), die Riesen-Rosen-Lichterkette (S. 56) und das Wunderland-Mobile auf Seite 50. Man findet so einfache Ideen wie Teelichte in alten Porzellantassen oder ein Rezept für Orangenmarmelade, doch gerade für das Mobile sind Stick- oder Nähkenntnisse von Vorteil (die benötigten Stiche hierfür sind: Kettenstich, Rückstich, Vorstich, Zickzackstich, Reiskornstich, Knötchenstich und Langettenstich).

Sehr ausgefallen sind die mit buntem Stoff verzierten Teekannen, mit Stoff verzierte Möbel, die Wunderland-Schürzen, die "Edle Etagere" aus altem Teeservice oder "Hutmachers verrückte Hüte". Wer ungewöhnliche Ideen sucht, wird hier garantiert fündig. Zu Beginn des Buches findet man eine Liste für das Bastel- und Kochzubehör und zum Schluss des Buches die Bastelvorlagen.

Nachdem meine Kinder nun schon größer sind, wird bei uns im Hause nur noch selten gebastelt. Doch eine Freundin von mir ist ein wahrer Bastelprofi: dieses Buch ist genau das Richtige für sie. Fünf Punkte.


Der Glöckner von Notre-Dame: Roman
Der Glöckner von Notre-Dame: Roman
von Victor Hugo
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Buchdruck tötet Baukunst, 9. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vorneweg: ich rezensiere die 624-seitige Ausgabe des dtv-Verlages mit der von Michaela Messner neu erarbeiteten Übersetzung auf der Grundlage der Übertragung von Friedrich Bremer mit einem Nachwort von Klaus-Peter Walter, die sich stark an das Original hält. Diese Ausgabe ist sehr umfassend, da sie auch die Bücher drei und fünf enthält, die sich nahezu ausschließlich mit Architektur beschäftigen und die Handlung nicht voranbringen. Amazon unterscheidet bei den Rezensionen nicht zwischen den verschiedenen Ausgaben, die es im Handel gibt.

Der französische Name "Notre Dame de Paris" sagt mehr über das Buch aus, als der deutsche Name "Der Glöckner von Notre Dame", der den Leser beinahe auf eine falsche Spur bringt. Denn Quasimodo, der Glöckner von Notre Dame spielt im Grunde nur eine Nebenrolle im großen Historienwerk von Victor Hugo, das 1482 im mittelalterlichen Paris spielt. Häufig auftauchendes Thema im Werk ist der Übergang von Mittelalter zur Neuzeit, als These so formuliert: "Die Buchdruckerkunst wird die Baukunst töten".

Zur Handlung: Drei Männer lieben ein 16-jähriges Mädchen (Esmeralda): der Schriftsteller Gringoire braucht eine Frau, weil er ansonsten gehängt wird, der Priester Frollo lernt Herzschmerz in allen seinen Schattierungen kennen und der missgestaltete Glöckner Quasimodo ist für jedes bisschen Freundlichkeit empfänglich. Er taucht nur ein paar mal in dem knapp 600 Seiten starken Buch auf. Ich sehe das Werk als eine große Huldigung an diese monumentale Kathedrale auf der Ile de la Cité in Paris an, mit der Hugo ein Plädoyer zur Erhaltung von Ursprünglichkeit und Originalität der mittelalterlicher Baukunst abgibt. Um eine Liebesgeschichte bzw. um unerfüllte Liebe geht es erst in zweiter Linie.

Kritik ist an dem Buch ist durchaus angebracht. Einige negative Dinge sind mir an dem aus dem Jahre 1831 stammenden Werk aufgefallen:
- Einigen Personen mangelt es an Glaubwürdigkeit (Esmeralda, Claude Frollo);
- Der Umfang des Werks mit vielen Nebenhandlungen interessiert den heutigen Leser nicht mehr besonders, es sei denn, er hat ein gezieltes, z.B. wissenschaftliches Interesse daran;
- Überbordender Kitsch von Handlung/ abgeschmackte Postkartenmotive
- Der Pathos in den Dialogen

Doch man findet auch Positives in dem Buch::
- Gut durchdachte, gut charakterisierte Figuren (Phöbus von Châteaupers, Fleur-de-Lys, Jehan Frollo)
- Spannende Handlung mit unerwarteten Wendungen
- Glaubwürdiges Bild eines mittelalterlichen Paris und seinen Einwohnern;
- Bildhafter Ausdruck mit vielen Vergleichen, die das Geschehen veranschaulichen

Das Kapitel "Der zerbrochene Krug" im zweiten Buch ist z.B. sehr rasant geschrieben. Zitat: "Einarmige, Einäugige, Aussätzige mit ihren Wunden kamen aus den Häusern ... aus den Kellerlöchern, heulten, blökten, kläfften, humpelten so gut sie konnten dem Licht entgegen und wälzten sich im Straßenkot wie Nacktschnecken nach einem Regen." Auch bindet Victor Hugo den Leser auf eine moderne Art mit in das Geschehen mit ein - gleich schon zu Beginn des Buches: "Wer ist denn neben dem Gerüst dieser Mensch im schwarzen Kittel und mit blassem Gesicht? Ach! Mein lieber Leser, das ist Pierre Gringoire und sein Prolog. Wir hatten ihn ganz und gar vergessen."

Eine gehörige große Portion Ironie bis Boshaftigkeit geht ebenfalls aus dem Werk hervor, wie die Anspielungen Gringoires auf Ludwig XI, oder die Frotzeleien der Studenten im ersten Buches. Manche Sticheleien wirken dabei allerdings heute grenzwertig auf uns, wie die permanenten Hinweise darauf, dass Gringoire zum Schluss die Ziege mehr liebt als Esmeralda. Auch gab es Szenen im Buch, bei denen ich am liebsten aufgehört hätte zu lesen: "Sie [Esmeralda] war von so seltener Schönheit, dass sie bei ihrem Eintreten ein ihr ganz eigenes Licht auszustrahlen schien. ... Sie war wie eine Fackel, die ihr helles Licht in die Dunkelheit trägt." - "Ich bin nur dazu geschaffen, besudelt, verachtet, entehrt zu werden, aber was kümmert's mich, da du mich doch liebst!" (siebentes Buch). - "... mit unendlicher Anmut wiederholte sie: >>Meine Mutter!<< - >>Phöbus - hier bin ich!<< (elftes Buch).

FAZIT:
Ich tue mich relativ schwer damit, solch einen bekannten Klassiker, den eigentlich jeder irgendwie kennt, zu bewerten. Ich bin zum einen sehr angetan von der Größe des Werks, vom Ideenreichtum des Autors und seiner Fähigkeit, Figuren und Situationen zu beschreiben, andererseits aber auch abgeschreckt von vielen Details, die übertrieben, unglaubwürdig oder heute einfach nur lächerlich wirken. Ich sehe das Werk irgendwo in der Mitte - drei Punkte für den Glöckner. Denjenigen, die sich nicht im Speziellen für mittelalterliche Architektur oder Stadtplanung interessieren, empfehle ich, sich nach einer gekürzten Version umzusehen.


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