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Rezensionen verfasst von
Bernd Grill "b_grill" (Königsbronn, Germany)
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Korchnoi (Move by Move)
Korchnoi (Move by Move)
von Cyrus Lakdawala
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,73

5.0 von 5 Sternen Kurzweilig, fundiert und sehr lehrreich - absolute Empfehlung!, 18. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Korchnoi (Move by Move) (Taschenbuch)
In der Reihe der Spielerportraits des Everyman-Verlags wendet sich IM Cyrus Lakdawala nun Viktor Kortschnoj zu. Um es gleich vorwegzunehmen: ich halte diese Publikation für seine bislang gelungenste.

Viktor Kortschnoj (*1931) ist wohl der stärkste Spieler aller Zeiten, dem es niemals gelang, Weltmeister zu werden. Seine entbehrungsreiche Jugend im belagerten Leningrad und ein alles andere als privilegiertes Leben haben ihn zu einem der größten Kämpfer in der Geschichte des Schachs gemacht. Sein unbändiger Siegeswille und seine kämpferische Einstellung ließen ihn zur Legende des königlichen Spiels werden. Selbst im Alter von 75 Jahren belegte Kortschnoj noch Rang 85 der Weltrangliste! Daß man von den Partien dieses Titans eine Menge lernen kann, ist daher keine Überraschung.

Kortschnojs Partien sind selten absolut fehlerfrei, sondern häufig von Komplexität, originellen Wendungen und Zeitnotschlachten geprägt. Der Unterhaltungsfaktor dieser sorgsam ausgewählten Partien (eine solche Wahl fällt angesichts von mehr als 5000 Turnierpartien nicht gerade leicht!) ist daher sehr hoch. Erfreulicherweise werden dabei nicht nur Klassiker wie seine Partie gegen Tal bei der UdSSR-Meisterschaft 1962 in Jerewan beleuchtet, sondern auch großartige Kampfpartien aus der jüngeren Vergangenheit. Kortschnojs Partie gegen den viel zu früh verstorbenen aserbaidschanischen Großmeister Vugar Gashimov ist eine epische Schlacht und eine der unglaublichsten Partien, die die Schachwelt jemals gesehen haben dürfte! Lakdawalas Schreibstil ist flüssig und voller Humor - seine Bewunderung für Kortschnoj ist dabei in jedem Moment spürbar. Während der Autor bei bisherigen Spielerportraits eher etwas auf Distanz blieb und damit eine etwas unterkühlt und blutleer wirkende Darstellung des Spielers erzielte, hat man hier den Eindruck, man würde oft direkt neben dem Brett sitzen und kiebitzen. Die dreisten Züge Kortschnojs, seine Zeitnotfehler und seine Launenhaftigkeit kommen dabei so plastisch herüber wie man es sich nur wünschen kann.

Daß Kortschnoj sämtliche Facetten des Spiels beherrschte, zeigt auch die Gliederung der Partien in verschiedene Abschnitte (Kortschnoj im Angriff, bei der Verteidigung usw.). Dieses Konzept wurde auch schon bei früheren Veröffentlichungen gewählt, kommt hier aber wegen der Vielseitigkeit Kortschnojs besonders gut zum Tragen. Die Partien selbst sind angesichts ihrer Komplexität recht ausführlich analysiert und erfordern daher einen gewissen Arbeitsaufwand seitens des Lesers, wenn er größeren Nutzen aus der Analyse ziehen will. Das Frage-Antwort-Konzept zwischen Schüler und Trainer erleichtert die Navigation etwas, aber angesichts des durchaus heterogenen Schiwerigkeitsgrades der Fragen ist auch ein reizvoller Aspekt geschaffen, sich den diversen Fragen ernsthaft zu nähern. Erfreulicherweise wurde auch die Zahl der Druckfehler im Vergleich zu früheren Jahren gesenkt - das etwas diagrammlastige Layout ist für Neueinsteiger in dieser Serie vielleicht noch etwas gewöhnungsbedürftig.

Lakdawalas Hingabe zu einem seiner Lieblingsspieler macht dieses Werk zu einem sehr bewegenden und fundierten Portrait dieses Jahrhundertspielers, das jedem - zumindest, wenn er genügend Englisch kann - empfohlen werden kann.


Berlin Wall: The Variation That Brought Down Kasparov
Berlin Wall: The Variation That Brought Down Kasparov
von John Cox
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,15

5.0 von 5 Sternen Ein bahnbrechendes und gelungenes Werk über eine topaktuelle Variante!, 24. April 2014
John Cox, britischer IM und Jurist, legt hier ein Buch vor, das nicht nur eine Marktlücke füllt, sondern auch von herausragender Qualität ist und erheblich zum Verständnis der Berliner Mauer beiträgt. Seit Kramniks WM-Match gegen Kasparov hat diese Variante (1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. d4 Sd6 6. Lxc6 dxc6 7. dxe5 Sf5 8. Dxd8+ Kxd8) den Weißspielern nicht wenig Kopfzerbrechen bereitet. Speziell aggressiv eingestellte Weißspieler mögen sich oft nicht recht mit dem frühen Damentausch und den zähen Stellungen, die daraus resultieren, anfreunden. Daß die Variante allerdings weit mehr als nur eine solide Remiswaffe ist, hat die Praxis schon oft genug bewiesen. Gerade den planlos agierenden Anziehenden müßte der hervorragend erklärte erste Teil des Buches mindestens so viel an Ertrag einbringen wie den Schwarzspielern, die diese Variante in ihr Repertoire aufnehmen wollen.
Bemerkenswert an diesem (allerdings in englischer Sprache erschienen) Werk ist schon der Aufbau an sich. Anstatt den Leser gleich mit Variantengeflechten zu überfallen, werden zunächst einmal typische Motive, Stellungen und entstehende Endspiele in aller Ausführlichkeit behandelt. Die Gliederung des Materials nach bestimmten thematischen Aspekten ist schwierig, aber dennoch gut gelungen. In aller Klarheit werden hier zunächst typische Ideen und Pläne erläutert, um sich später in den Partien besser zurechtfinden zu können. Dieser allgemeine Teil nimmt fast die Hälfte des Buchs ein und ist für das Verständnis dieser Variante absolut unentbehrlich. Man fragt sich unwillkürlich, warum nicht noch mehr Eröffnungsbücher so geschrieben sind!
Erst dann präsentiert der Autor im zweiten Teil die Varianten, wobei neun der elf Kapitel der Stellung nach 8. ... Kxd8 gewidmet sind. Nebenvarianten wie 4. d3 werden in zwei weiteren Kapiteln ebenfalls behandelt, aber das Hauptaugenmerk das Autors liegt mit Recht auf der Schlüsselstellung nach 8. ... Kxd8. Mit Hilfe der gut kommentierten Partien sollte es einem Leser, der sich die Mühe macht, diese harte Arbeit auf sich zu nehmen, gelingen, nicht nur ein besseres Verständnis für diese Variante zu entwickeln, sondern auch generell seine Spielstärke zu erhöhen. Trotz des Umfangs der Varianten sei nochmals daran erinnert, daß diese meist keineswegs forcierten Charakter haben - vielmehr ist ein gutes Stellungsverständnis (siehe erstes Kapitel) notwendig, um diese Variante mit beiden Farben gleichermaßen gut spielen zu können.
Auf Vereinsebene mag diese Variante nicht besonders beliebt sein, aber mit steigendem Niveau begegnet man ihr immer regelmäßiger. Eingefleischte und ambitionierte Spanisch-Spieler werden um eine genaue Untersuchung dieser Variante wohl nicht umhinkommen - Schwarzspieler, denen die Grabenkämpfe des Geschlossenen Spaniers (zum Beispiel in der Breyer-Variante) zu zäh sind, werden hier sicherlich ebenfalls Anregungen finden, um diese Variante besser zu verstehen. Immerhin erhält Schwarz das Läuferpaar im Gegenzug für seinen Doppelbauern und seinen Wanderkönig.
Die Beschäftigung mit dem vorliegenden Material ist langwierig (das liegt aber mehr in der Natur der Variante als am gefälligen Schreibstil des Autors), aber lohnend. Das praktisch konkurrenzlose Werk kann nicht nur aufgrund seiner gefälligen Systematik, sondern auch angesichts der hohen Druckqualität überzeugen. In diesem Sinne: weiter so, Master Cox!

(Kleine Anregung: Eine Abweichung mit 4. Sc3 ins Vierspringerspiel ist manchmal gar nicht so schlecht, da in dieser Eröffnung die meisten Schwarzspieler - meiner Erfahrung nach - keineswegs so sattelfest sind wie man denken sollte! Siehe dazu auch meine Rezension über das Vierspringerspiel von Cyrus Lakdawala.)


Leon Fleisher - Complete Album Collection
Leon Fleisher - Complete Album Collection
Preis: EUR 57,11

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckende Hommage an einen zu wenig bekannten Pianisten und eine Schatzkammer der Klaviermusik!, 20. Februar 2014
Leon Fleisher (*1928) gehörte während der 50er- und 60er-Jahre zu den berühmtesten Pianisten seinr Zeit. Als eine arthrose-ähnliche Erkrankung seine rechte Hand lähmte, schien seine Karriere jedoch am Ende. Stattdessen spezialisierte er sich in den folgenden Jahren auf das schmale Repertorie für die linke Hand, konnte damit aber natürlich nicht mehr an den Ruhm früherer Tage anknüpfen. Über 35 Jahre später gelang es ihm, dank einer neuartigen Botox-Behandlung schließlich fast uneingeschränkt die rechte Hand wieder zu nutzen.

Bis auf die letzten vier CDs (die größtenteils neue Einspielungen mit Werken für die linke Hand enthalten) stammen die Aufnahmen allesamt aus der Zeit vor dem vermeintlichen Karriereende. Doch trotz des Alters dieser Aufnahmen ist sowohl ihr Klang erstaunlich lebendig als auch ihre Bedeutung kaum zu unterschätzen. Fleishers Spiel hatte analytische Kraft und war häufig darauf ausgerichtet, Strukturen zu verdeutlichen und vergleichsweise schmucklos zu wirken. Leidernschaftlich sind seine Interpretationen trotzdem: beispielsweise gilt seine Wanderer-Fantasie immer noch als Geheimtipp unter den Referenzaufnahmen dieses Werkes. Aaron Coplands selten zu hörende Sonate wirkt bei Fleisher alles andere als leblos oder karg, obwohl der Tonsatz - wie so häufig bei diesem Komponisten - tatsächlich recht asketisch ist. Was diese Box so ungemein wertvoll macht, sind indes weniger die Klassiker (wohl kaum ein passionierter Sammler käme ohne Fleishers glänzende Aufnahmen der Klavierkonzerte von Beethoven und Brahms unter George Szell aus und dürfte sie schon lange besitzen), sondern die eher selten zu hörenden Werke, die Fleisher nicht nur als brillanten Virtuosen, sondern als auch Kammermusikpartner erster Güte ausweisen. So kann beispielsweise seine Aufnahme des Klavierquintetts von Johannes Brahms mit dem Juilliard Quartett ohne Einschränkungen zu den besten Darbietungen dieses Werkes gezählt werden. Fleisher war sich auch nie zu schade dafür, sich in Werken wie Brahms' Liebeslieder-Walzern unterzuordnen und stattdessen einem Quartett an Solisten die Gelegenheit einzuräumen, sich zu präsentieren. Neben den vielen referenzverdächtigen Aufnahmen (zu denen sicherlich auch Schuberts B-Dur-Sonate gerechnet werden muß) ist es besonders erfreulich zu sehen, daß viele seit Jahrzehnten vergriffene Aufnahmen nun wieder zugänglich sind und ein beredtes Zeugnis von Fleishers insgesamt zu wenig beachteter Kunst ablegen.
Fleishers makelloses, unprätentiöses und zeitloses Spiel macht heuer genauso viel Eindruck wie damals und kann einen nur fassungslos machen ob der Tatsache, daß einer der größten Pianisten seiner Zeit von einer schrecklichen Krankheit fast dauerhaft aus dem Verkehr gezogen worden wäre. Heute spielt Fleisher noch immer, und auch wenn sein Spiel wegen nie vollständig erfolgter Heilung im Greisenalter natürlich nicht mehr die Brillanz früherer Tage haben kann, so läßt sich doch immer noch mühelos erahnen, welch gigantisches Potential in diesem superben Pianisten gesteckt hätte. Man höre nur sein "Jesus bleibet meine Freude" (Arrangement von Dame Myra Hess) in dem 2007 bei Vanguard Classics erschienenem Album "Two Hands". Wer da nicht sentimental berührt ist, muß aus Stein sein. So müssen wir ansonsten eben mit relativ wenigen Aufnahmen aus vergangenen Tagen Vorlieb nehmen, deren Faszination dem geneigten Hörer allerdings damals wie heute ungetrübten Hörgenuß bereiten sollte.
Daher sei auch SONY noch ein großes Lob für diese sorgsam ausgestattete und gut recherchierte Box gezollt. In Zeiten rascher Vermarktung und lieblos aufbereiteter Boxen ist diese Veröffentlichung mit Original-LP-Covern und schönem Hardcover-Booklet ein Paradebeispiel dafür, wie man es auch machen kann.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 27, 2014 12:33 AM MEST


Nocturnes
Nocturnes
Preis: EUR 19,21

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Legende kehrt zurück ..., 17. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Nocturnes (Audio CD)
Ivan Moravec, ein stiller und viel zu wenig beachteter tschechischer Pianist (*1930), legte Mitte der 60er-Jahre eine Einspielung der Nocturnes von Frédéric Chopin vor, die bis heute mit Fug und Recht zu den Referenzaufnahmen dieser Werke zählen darf.
Moravecs minutiöse Beschäftigung mit sämtlichen Werken, die er einspielt, bringt ihm ein vollkommen natürliches und sicheres Gespür für Chopins Nachtstücke ein, die wie vielleicht keine zweite Werkgruppe im Schaffen des Komponisten die Quintessenz seiner Tonsprache und seiner Stilistik beinhalten. Beeinflußt von Rossini und Bellini sowie deren Belcanto-Stil schreibt Chopin ausladende Melodien über einem harmonisch schlicht anmutenden Fundament. Wenn die Nocturnes aber eine große Herausforderung für den Interpreten bereithalten, dann ist es die Tatsache, daß die Werke voller versteckter harmonischer Wendungen sind, vertrackte Mittel- und Gegenstimmen aufweisen und zudem alles andere als gefällige Salonmusik darstellen - dafür sind sie doch viel zu abgründig in manchen Passagen, dunkel und neuartig in ihrer Konzeption.
Ivan Moravec versteht es wie kein Zweiter, die Melodien scheinbar mühelos, gleichsam schwebend und doch vollkommen natürlich über dem harmonischen Fundament zur Entfaltung zu bringen und dabei gleichzeitig doch alles andere als glatt und oberflächlich zu spielen. Die sorgsam ausgeloteten dynamischen Schattierungen, artikulatorischen Variationen und subtilen Veränderungen der Balance zwischen den Stimmen lenken die Aufmerksamkeit des Hörers gekonnt auf die Stellen, die diese Piècen weit aus der Masse gefälliger Unterhaltungsmusik in den Pariser Salons herausheben. Das Cis-Dur-Nocturne op. 27,2 wirkt so nach dem cis-moll-Nocturne op. 27,1 nicht etwa wie eine isolierte Komposition, sondern vielmehr als ein idealer Gegenpart zu der archaisch anmutenden Stimmung im Vorgängerwerk. Man beachte beispielsweise, wie Moravec gerade in diesem Werk die arpeggierten Bässe durchaus kraftvoller in Szene setzt als andere und doch dabei niemals die organische Struktur die Oberstimmen verletzt. Wie zauberhaft wirkt danach das nächste Nachtstück ...
Trotz - oder gerade wegen? - des durchaus ungewohnten Spiels, das mit eingefleischten Hörgewohnheiten durchaus aufräumt, hat kaum ein Kritiker seither die Aufnahme ernsthaft hinterfragt oder gar als zu modern gebrandmarkt. Im Gegenteil - Moravecs Spiel ist frei von allen Klischees (von denen es bei Chopin ja nun wahrlich genug gibt) und zeugt von einem sensiblen und tiefgreifenden Verständnis für diese keineswegs leicht zugängliche Werkgruppe des großen polnischen Klavierpoeten. Der Klang wurde gegenüber der früheren Veröffentlichung (die allzu lange nicht erhältlich war) weiter verbessert - man entschärfte vor allem die an manchen Stellen etwas dumpf und breiig klingenden Bässe, die nun viel ausgewogener daherkommen.
Natürlich muß der geneigte Pianophile nicht gleich die Aufnahmen von Rubinstein, Pires oder Weissenberg entsorgen. Moravecs Darbietungen sind nicht so brisant wie die von Weissenberg, aber Stoff zum Nachdenken bieten sie allemal. Wenn das Ergebnis aber so gelungen ist wie hier, fällt die Neubwertung liebgewonnener Hörgewohnheiten sicherlich nicht sehr schwer. Dies bleibt somit neben Lipattis Walzern, Zimermans Balladen und Pollinis Etüden eine der ganz großen Aufnahmen in der Aufnahmehistorie der Werke Chopins, die kein ernsthafter Sammler entbehren kann.


The French Defence, Volume Two (Grandmaster Repertoire)
The French Defence, Volume Two (Grandmaster Repertoire)
von Emanuel Berg
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,63

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine wahre Fundgrube für die Anhänger der Winawer-Variante!, 10. Februar 2014
Die Winawer-Variante ist eine dieser Varianten im Schach, deren Popularität einer wahren Achterbahnfahrt glich. Zunächst galt die Hauptvariante mit 7. Dg4 (die der Gegenstand dieses Buches ist) lange Zeit wegen des Opfers mit 7. ... Dc7 als verdächtig. Nachdem die Anziehenden mit immer neuen Ideen aufwarteten und die Grundfesten dieses Abspiels erschütterten, gingen immer mehr Schwarzspieler dazu über, 7. ... 0-0 zu spielen. Auch hier fanden die Weißen immer neue Mittel und Wege, Schwarz in Verlegenheit zu bringen - man konnte fast den Eindruck gewinnen, daß die gesamte Winawer-Variante kurz vor ihrem Ende stand. Zahlreiche Schwarzspieler haben sich aber der Rehabilitierung dieser Variante verschrieben und sie zu neuem Leben erweckt. Der junge schwedische Top-Großmeister Emanuel Berg spielt diese Variante schon seit zwei Jahrzehnten und darf als überaus kompetenter Autor angesehen werden.
Erfreulicherweise bietet er in seinem Buch gleich drei mögliche Abspiele für Schwarz an: 7. ... Dc7 oder 7. ... 0-0, gefolgt von 8. ... f5 oder 8. ... Sbc6. In puncto Umfang nehmen alle Varianten nahezu gleich viel Platz ein, so dass auch der Eindruck, alle diese Systeme seien spielbar, zusätzlich untermauert wird. Die Qualität der Analysen ist nicht nur sehr hoch - die unerprobten Empfehlungen des Großmeisters, der sich nicht zu schade ist, etliche Geheimnisse preiszugeben, werten die analytische Arbeit noch weiter auf. Die Klientel, an die sich das Buch wendet, ist allerdings recht hoch in puncto Spielstärke anzusiedeln. Lange Textpassagen mit tiefgründigen Erklärungen gibt es nur an wenigen Schlüsselstellen. Ansonsten wird eine Spielstärke von mehr als 2000 DWZ-Punkten wohl erwartet, da viele minderwertige Züge erst gar nicht erwähnt werden, sondern vom Leser selbst widerlegt werden müssen. Dank der Analyseengines heutiger Tage kann man dieses Defizit sicherlich ohne große Mühe wettmachen, doch ist die Beschäftigung mit dem Buch unterwegs möglicherweise eine recht harte Kost. Andererseits wimmelt es in diesem Buch nur so von interessanten Stellungen, die die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers sicherlich auf sich ziehen werden. Trotz des wohl relaitv kleinen Kreises an potentiellen Lesern bleibt festzuhalten, daß Berg hier meines Erachtens eine bahnbrechende Arbeit vorgelegt hat, die allemal das Potential hat, hartgesottenen Winawer-Spielern ein treuer und verlässlicher Begleiter für die nächsten Jahre zu sein. Berg selbst räumt ein, daß in vielen noch unerprobten oder wenig untersuchten Abspielen sicherlich weiterhin Platz für Verbesserungen ist. Besonders bemerkenswert finde ich die noch relativ neue Idee mit 12. h4 (anstelle des weitaus gebräuchlicheren 12. Dd3) in der Hauptvariante mit 7. ... Dc7 (8. Dxg7 Tg8 9. Dxh7 cxd4 10. Se2 dxc3 11. f4 Sbc6), da diese Variante einen unvorbereiteten Spieler rasch vom Brett fegen kann. Da es dem Autor selbst schon so erging, richtet er sogar ein besonderes Augenmerk auf diese Variante und erhebt sie sogar zum wichtigsten Abspiel der Variante mit 7. ... Dc7. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, daß der Autor der Zugfolge 7. ... cxd4 anstatt 7. ... Dc7 den Vorzug gibt, weil er meint, daß 8. Ld3 nach 7. ... Dc7 eine lästige Option ist. Nach 7. ... cxd4 8. Ld3 ist hingegen 8. ... Da5 seiner Meinung nach eine Verbesserung. Natürlich kann Weiß nach 7. ... cxd4 einfach auf d4 zurücknehmen anstatt auf g7 zu schlagen, aber nach 8. ... Dc7 verspricht dies laut Berg nichts Besonderes.
Layout und Druckqualität sind wie immer hervorragend bei Quality Chess und runden dieses anspruchsvolle, aber gelungene (allerdings in englischer Sprache gehaltene) Werk über die Hauptvariante im Winawer würdig ab. Unbedingte Kaufempfehlung!


Sämtliche Orchesterwerke (Ga)
Sämtliche Orchesterwerke (Ga)
Preis: EUR 17,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Maestro Abbado und Ravel - welch ein Glücksfall!, 21. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Orchesterwerke (Ga) (Audio CD)
Der Tod Claudio Abbados am 20. Januar 2014 riß eine große Lücke in die Riege absoluter Top-Dirigenten. Der Italiener Claudio Abbado (*1931) gehörte zu den leisen, aber ganz großen MAestros seiner Zeit. Seine bescheidene und werkdienliche Art brachte ihm Bewunderung und Sympathien allerorts ein. Neben seinen Verdi-Opern gehören zu seinen größten Leistungen meines Erachtens die Einspielungen von Werken impressionistischer Komponisten.

Bereits 1971 legte Abbado mit Debussys "Nocturnes" und Ravels "Daphnis et Chloe"-Suite Nr. 2 eine Aufnahme vor, deren Qualität bis heute mitreißt und beispielhaft geblieben ist. Seit dieser Zeit mag sich die interpretatorische Ästhetik ein wenig geändert haben, aber die Leistung der Bostoner und Abbados war schon damals ein deutlicher Fingerzeig.
Die spätere, hier vorliegende Gesamteinspielung der Ravel'schen Orchetserwerke mit dem London Sympony Orchestra gehört zu den Einspielungen, die vorbehaltslos empfohlen werden können. Man höre nur, wie düster und unterschwellig die unheilvollen Klänge in "La valse" in größter Klarheit und Transparenz zum Tragen kommen. Auch die charmante Leichtigkeit und unbändige Spielfreude, die "Le tombeau de Couperin" durchzieht, könnte kaum authentischer wirken. "Daphnis et Chloe" ist meines Erachtens der Höhepunkt der Sammlung: schon zu Beginn, als die einzelnen Töne des Chors dahinschweben, liegt eine Spannung in der Luft, die förmlich greifbar ist und sich schließlich in einem atemberaubenden Danse bacchanale triumphal am Ende löst. Der geglückten Momente sind in dieser Box derart viele, dass sie hier aufzuzählen den Rahmen sprengen würde.
Abbados Ravel ist von großer Transparenz, aber auch ungebremster Vitalität und unerhörtem Klangsinn. Dynamische Kontraste werden mit größter Vehemenz in Szene gesetzt und die Tempi bleiben stets flüssig. Gerade in den dunklen Registern (Kontrafagott, Bassklarinette) erreicht Abbado eine Klarheit, die ihresgleichen sucht. Überhaupt wirken alle Stimmen stets organisch in das komplizierte Geflecht eingebettet - selbst scheinbar unwichtige Harfentöne sind hier immer wieder gut hörbar, ohne mit technischen Tricks nachhelfen zu müssen.
Diese Box kommt ohne einen echten Schwachpunkt aus und ist auch in klanglicher Hinsicht rundum gelungen. Ärgerlich ist lediglich, daß die Klavierkonzerte im Gegensatz zu der anderen Gesamtaufnahme, die ich empfehlen würde - die von Charles Dutoit - ausgespart wurden: ein Umstand, der umso bedauerlicher ist, wenn man die Refernezaufnahme Abbados des G-Dur-Konzerts mit Martha Argerich kennt.


Klavierwerke
Klavierwerke
Preis: EUR 19,17

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hamelin in Topform - feurig, atemberaubend und mitreißend!, 19. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Klavierwerke (Audio CD)
Heitor Villa-Lobos zählte zu den produktivsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und hinterließ ein gigantisches Oeuvre, in dem meist brasilianische Rhythmen mit europäischer Musik der frühen Avantgarde gepaart wurden. Seine besten Klavierwerke bilden da keine Ausnahme: "As tres Marias", die beiden "Prôle do bébé"-Suiten und Rudepoema gehören zum Besten im Schaffen des Komponisten, das er uns auf dem Gebiet der Klavierliteratur hinterlassen hat.
Die harmlos und verspielt anmutenden drei kurzen Stücke zu Beginn (As tres marias) sind durchaus tückisch und wesentlich diffiziler zu spielen als ihr harmloser Klang vermuten ließe. Dem grandiosen Virtuosen Marc-André Hamelin dienen sie indes eher als Einspielübung für die kommenden Aufgaben - was aber keineswegs bedeuten soll, daß ihm die Stücke nicht absolut hinreißend gelungen wären.
In der ersten Suite gelingt es dem Kanadier, die reizenden Melodien und ihre verborgene Poesie wunderschön herauszumeißeln aus dem rhythmisch oft sehr vertrackten Geflecht an Unterstimmen. Den ganz speziellen Charme dieser Petitessen paart Hamelin mit einem makellosen Gefühl für präzisen Rhythmus und goldrichtiger Balance zwischen Melodie und Unterstimmen. Diese Qualitäten treten in der wesentlich längeren und noch deutlich anspruchsvolleren zweiten Suite in den Hintergrund, da der Tonsatz wesentlich dichter und komplizierter geraten ist. Die Stücke sind häufig von einer expressionistischen Härte durchzogen - sowohl was die dissonante Harmonik als auch den perkussiven Rhythmus betrifft, der teils an brasilianische Tänze, aber auch an Bartók erinnert. Wenn man Hamelin überhaupt etwas vorwerfen kann, dann ist es die Tatsache, daß er hier zum Teil sehr dick aufträgt und den Stücken möglicherweise einen monumentaleren Charakter als beabsichtigt verleiht. Dessen ungeachtet ist seine Technik blitzsauber, texttreu und von atemberaubender Durchschlagskraft. Der gläserne Wolf (Nr. 9) gerät unter Hamelins Händen zu einem rhythmischen Parforce-Ritt ohne Rücksicht auf Verluste - Hamelin weiß aber zu jeder Zeit, was er tut. Er dosiert das Risiko genau richtig und verspielt sich dabei kein einziges Mal. (Zwar ist dies eine Studioaufnahme, aber die Stücke sind dennoch derart anspruchsvoll, daß sie am Rande der Spielbarkeit wandeln.)
Wer nun denkt, daß der Interpret sein Pulver verschossen hat, irrt sich gewaltig: den fulminanten Abschluß der CD bildet Rudepoema, die wohl größte Schlacht für Klavier solo im gesamten Expressionismus. Eine gigantische Klangfülle, aberwitzige technische Schwierigkeiten und kraftraubende Passagen gilt es hier zu meistern. Hamelin scheint dieses Stück allerdings wie auf den Leib geschneidert zu sein, da er alle Anforderungen nicht nur erfüllt, sondern bei weitem übertrifft. Mit dieser auch in klanglicher Hinsicht phantastischen Einspielung kann allenfalls Nelson Freires Einspielung aus den 70er-Jahren noch mithalten. Ansonsten gilt hier: anschallen, Atem anhalten und staunen, bis der letzte dumpfe Schlag nach 20 Minuten im Nichts verklingt.
Marc-André Hamelin ist seinem Ruf als Supervirtuosen hier wieder einmal vollauf gerecht geworden - man glaubt es kaum, daß jemand so Klavier spielen kann. Wer Villa-Lobos liebt, kann auf diese CD auf keinen Fall verzichten - und wer Hamelin liebt, ebenfalls nicht!


The Slav: Move by Move (Everyman Chess)
The Slav: Move by Move (Everyman Chess)
von Cyrus Lakdawala
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,30

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gut recherchiertes und gelungenes Repertoirebuch über die Slawische Verteidigung!, 31. Oktober 2013
Cyrus Lakdawala, amerikanischer IM, gehört derzeit zu den produktivsten Schriftstellern in Sachen Schach. Meist veröffentlicht er abwechselnd eine Partiensammlung eines Spielers und dann wieder eine Abhandlung über eine Eröffnung. Nun legt er also seine Sicht über die Slawische Verteidigung vor - mit beachtlichen Ergebnissen. Wie immer in der "Move by move"-Reihe des Everyman-Verlags werden die Partien und Varianten anhand eines Systems präsentiert, in welchem ein Schüler immer wieder Fragen unterschiedlichen Schiwerigkeitsgrads stellt. Dem Leser bleibt dabei selbst überlassen, ob er die Fragen alleine beantworten möchte oder gleich die Antworten des Trainers weiterliest. Das Buch ist in englischer Sprache gehalten, aber ansonsten flüssig und durchaus humorvoll (fast schon britische Art) geschrieben.
Zunächst einmal sei klargestellt, daß dieses Buch eher dem Schwarzen ein Repertoire an die Hand gibt als eine vollständige Übersicht über alle möglichen Systeme zu liefern. Ein Paradebeispiel ist die Variante 1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 dxc4 5. a4 Lf5 6. Se5. Hier verzichtet Lakdawala komplett auf die Fortsetzung 6. ... e6 7. f3 Lb4 8. e4, die lange Zeit einen Hauptkomplex dieser Variante darstellte. Seiner Meinung nach bietet der Zug 6. ... e6 dem Schwarzen höchstens gleiches Spiel in einem langwierigen Endspiel ohne Gewinnchancen. Folgerichtig richtet er sein Hauptaugenmerk auf die Fortsetzung 6. ... Sbd7 und setzt aber nach 7. Sxc4 mit 7. ... Sb6 und nicht 7. ... Dc7 fort, was den weitaus größeren Anteil an Theorie einnähme. Gemäß dem Autor verspricht der Zug 7. ... Sb6 dem Schwarzen gleichwertiges Spiel, ohne dabei sich in die komplizierten Verästelungen nach 7. ... Dc7 einarbeiten zu müssen. Weitaus interessanter ist jedoch die Tatsache, daß er wenig bekannten Fortsetzungen mehr Platz als andere Autoren einräumt. So regt er beispielsweise anstatt 6. ... Sbd7 auch den Zug 6. ... Sa6 an (den die meisten Slawisch-Bücher gar nicht erwähnen). Wenn der Gegner sich ergo nicht auskennt - laut Datenbank geschieht dies sehr häufig - und 7. f3?! fortsetzt, erlangt Schwarz schon das bessere Spiel nach 7. ... Sd7!. Die Ausführungen (S. 157 ff.) sind sehr lehrreich und mit zahlreichen Internet-Partien belegt. Alleine das Diagramm Caruana-Lakdawala ist schon sehenswert! Auch gegen das aus schwarzer Sicht nervige und neuerdings (vermutlich wegen des Repertoire-Buchs von Awrukh) beliebte 4. e3-System regt Lakadwala die Variante 4. ... Lf5 5. Sc3 e6 6. Sh4 Lg6 mit bald folgendem Sf6-e4 an. Das Partiebeispiel von Alexej Shirov mit den schwarzen Steinen wirkt sehr überzeugend.
Durch das Auslassen ganzer vermeintlich (oder zumindest aus seiner Sicht) unattraktiver Systeme gelingt es dem Autor, den Inhalt in ein Buch zu packen, ohne dabei den Rahmen sprengen zu müssen. Wer eine komplette Übersicht (speziell aus weißer Sicht) sucht, wird hier also möglicherweise enttäuscht werden. Eingefleischten Slawisch-Spielern sei das Buch hingegen klar empfohlen, zumal die eine oder andere gut versteckte Empfehlung im Buch (6. ... Sa6!? im System mit 6. Se5) früher oder später Früchte tragen wird. Das Layout ist - wie immer in dieser Serie - etwas diagrammlastig, aber wenigstens wurde die Zahl der Druckfehler im Vergleich zu früheren Publikationen erheblich reduziert.
Eine ganz starke Geste sei, auch wenn sie nur in bedingtem Zusammenhang mit dem Buch steht, zum Abschluß noch erwähnt: im Vorwort zu seiner Partie gegen Boris Gulko zollt er seinem Gegner für dessen Zivilcourage im Umgang mit dem repressiven System der damaligen UdSSR höchsten Respekt. Man würde sich noch mehr Spieler wünschen, die ihrem Gegner eine solche Wertschätzung entgegenbringen können!


Klaviersonaten & Impromptus
Klaviersonaten & Impromptus
Preis: EUR 29,99

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Rückkehr einer Schubert-Legende ..., 28. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Klaviersonaten & Impromptus (Audio CD)
Bedauerlicherweise ist die österreichische Pianistin Ingrid Haebler (*1929) heute kaum mehr bekannt. Zu ihren besten Zeiten in den 60er- und 70er-Jahren war die Interpretin eine sehr gefragte Künstlerin, speziell wenn es um Mozart oder Schubert ging - die beiden Komponisten, die stets im Mittelpunkt ihres Schaffens standen.
Das Klavierspiel Haeblers war wohl nie besonders massenkompatibel - im Mittelpunkt ihrer wohldosierten, aber nicht weniger intensiven Darbietungen stand stets ein intellektueller Zugang, der auf Effekte und Tastengedonner verzichten konnte. Vielmehr wirken ihre Einspielungen - die sich übrigens fast ausschließlich auf Mozart und Schubert beschränken - bis heute wie hochkonzentrierte Destillate einer Quintessenz, die in den dargebotenen Werken ruht. Eine unerbittliche Suche nach der musikalischen Wahrheit, die nahezu jede Nuance an individueller Freiheit der Aussage des Werkes unterordnet, ist bis zum heutigen Tag das Kennzeichen dieser höchst beglückenden Aufnahmen geblieben. Während heutige Schubert-Interpreten wie Pires oder Schiff oftmals viel mehr Wert auf Details legen und nahezu jedem einzelnen Ton eine eigene Bedeutung beimessen, lebt Haeblers Spiel dagegen von einer organischen und sturkturellen Herangehensweise, die die Gesamtheit des Werkes in den Vordergund stellt.
Nehmen wir die karge a-moll-Sonate D 784 als Beispiel: bei Pires wird gleich zu Beginn jeder Ton akribisch seziert, während Haebler die düstere Grundstimmung des Werkes herausmeißelt. Auch im weiteren Verlauf wird deutlich, daß großzügige Rubati oder eine übertrieben wirkende dynamische Bandbreite nicht Haeblers Sache sind. Ihr Stil mag vergleichsweise nüchtern und akademisch wirken, doch je länger man zuhört, desto zwingender wirkt das Ergebnis in seiner Gesamtheit. Ein ähnlicher Effekt stellt sich beispielsweise auch beim langen Kopfsatz der B-Dur-Sonate ein: der nüchtern interpretierte Anfang wirkt fast schon beiläufig und viel schmuckloser als etwa bei Andras Schiff oder gar Valeri Afannasiev - das mystische Element dieser Sonate bezieht seine Wirkung bei Haebler nicht aus einzelnen Gesten, sondern aus deren Verkettung in der gesamten Struktur des Satzes. Die puristische, ja fast schon minimalistisch wirkende Herangehensweise an manchen Stellen ist für heutige Hörer durchaus gewöhnungsbedürftig. Wenn man sich aber erst einmal voll und ganz auf dieses unprätentiöse und doch intensive Klavierspiel erst einmal eingelassen hat, kommt man bald nicht mehr aus dem Staunen heraus.
Haeblers Ansatz mag unzeitgemäß wirken, aber ihr Spiel stellt ein Musterbeispiel für Selbstbeschränkung und werkdienliche Texttreue dar. Die selbst auferlegte Bescheidenheit tut Schuberts Sonaten wie auch den Impromptus und den Moments musicaux gut und taucht diese Werke in ein scheinbar - wenn man es nicht besser wüßte, daß die Aufnahmen schon Jahrzehnte alt sind - gänzlich neues Licht. Daß diese Herangehensweise immer noch sehr viele Anhänger besitzt, beweisen schon die horrenden Summen, die Sammler für diese Aufnahmen auf den Tisch legten, bevor sie hier wiederveröffentlicht wurden. Dieses zeitlose Spiel hat alle Moden überdauert und gehört für mich zum Kanon der großen Schubert-Aufnahmen aller Zeiten - ein Eindruck, der auch durch den etwas spröden Klang nicht im geringsten getrübt werden kann. Die Beschäftigung mit diesen Einspielungen ist allemal lohnend - zumindest wenn man etwas Geduld aufbringt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 17, 2013 8:47 PM CET


Yefim Bronfman Plays Prokofiev Concertos and Sonatas
Yefim Bronfman Plays Prokofiev Concertos and Sonatas
Preis: EUR 19,14

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unverzichtbar für alle Prokofieff-Kenner!, 28. Oktober 2013
Mit der Wiederveröffentlichung dieser allzu lang vergriffenen Aufnahmen tut Sony all denjenigen, die schon immer auf der Suche nach exemplarischem Klavierspiel der Werke Sergej Prokofieffs waren, einen unschätzbaren Gefallen. Was Yefim Bronfman sowohl aus den Sonaten als auch den Konzerten herausholt, hat schlicht Referenzcharakter.
Mit Hilfe einer klugen Herangehensweise an diese Werke gelingt Bronfman die so schwer zu erreichende Balance zwischen dumpfen, kriegerischen Klängen und nachdenklich-heiteren Passagen, die die Doppelbödigkeit in Prokofieffs Kompositionen nun einmal ausmachen. Die unbändige, aber wohldosiert eingesetzte Kraft im Spiel Bronfmans tut den schwer zugänglichen Werken ungemein gut (und hat selbst übrigens den niederlänfischen Romancier Cees Nooteboom in seinem Roman "Allerseelen" zu Lobeshymnen veranlaßt). Spärlich eingesetztes Pedal und eine blitzsaubere Artikulation, die auch in den flinkesten Passagen immer noch akkurat gelingt, heben diese Einspielungen weit aus der Masse heraus. Nehmen wir beispielsweise die selten zu hörende 4. Sonate: im düsteren Kopfsatz gestaltet der Interpret einen derart zwingenden Spannungsbogen, daß der grundsätzlich sehr trist wirkende Satz niemals an Spannung verliert und das bittersüße Element in der Tonsprache stets gewahrt bleibt. Der noch trostlosere mittlere Satz pocht schwerfällig vor sich hin, doch angesichts der sorgsam herausgearbeiteten Mittelstimmen wird der Satz nicht eine Sekunde langweilig. Wenn der Satz schließlich nach durchlittenem Leiden in tiefsten Lagen im Nichts verklingt, könnte man meinen, der Komponist habe das Werk schon abgeschlossen. Wie schwierig ist es da für den Pianisten, den denkbar größten Kontrast im Finale noch auf die Tastatur zu zaubern - für Bronfman scheint dies indes keine nennenswerte Prüfung darzustellen. Mit ungeheurer Wucht, akribischer Technik und schneidender Artikulation fegt Bronfman die Trauerstimmung beiseite und läßt den Hörer in etwa so ratlos zurück wie nach dem Finale in Mahlers 7. Symphonie. Die klug durchdachte dynamische Balance sowie das untrügliche Gespür für die Struktur der hier eingespielten Werke sind die Tugenden, die Bronfmans Spiel kennzeichnen. Natürlich mag es in Einzelfällen noch herausragendere Einspielungen der Sonaten geben (6: Pogorelich, 7: Pollini, 8: Richter), aber in der Gesamtheit ist diese Aufnahme kaum zu toppen. Der hoch gelobten Einspielung von Bernd Glemser (Naxos) läuft diese Box meiner Meinung nach jedenfalls ganz klar den Rang ab.
Auch die Konzerte könnten kaum idiomatischer dargeboten werden; Bronfman kommt hier allerdings nicht nur sein eigenes Gespür für Prokofieff zugute, sondern auch das des Dirigenten Zubin Mehta. Die gleichen Tugenden, die Mehtas etwa zur selben Zeit entstandenen Aufnahmen der beiden Chopin-Konzerte mit Murray Perahia auszeichneten, kommen auch hier bestens zur Geltung: eine höchst transparente Stimmführung in dem oftmals gar nicht so wuchtig gesetzten, sondern oft nur so interpretierten Tonsatz läßt Details erahnen, die bei anderen Einspielungen im allgemeinen untergehen - am deutlichsten wird dies in den heiteren Konzerten Nr. 1 und 3. Mehtas Dirigat und Bronfmans Darbietung zeugt von stimmiger Chemie zwischen den Künstlern und unbändiger Spielfreude. Das Ergebnis ist als nahe der Perfektion zu bewerten und hat sich sofort an die Spitzenposition meiner Gesmataufnahmen dieser Konzerte gesetzt.
Wenn man dann noch die makellose Klangqualität berücksichtigt, steht einer Kaufempfehlung weder von künstlerischer noch von akustischer Seite etwas im Wege. Prokofieff-Kenner können im Grunde nicht ohne diese Box auskommen!


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