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Rezensionen verfasst von
Kaivai (Hamburg)

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Cook: Die Entdeckung eines Entdeckers
Cook: Die Entdeckung eines Entdeckers
von Tony Horwitz
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichte und Geschichten, 18. Mai 2009
Elf Jahre, von 1768 bis 1779, bereiste Captain James Cook auf drei Fahrten den Pazifik. Er war ein Meister der Navigation und Kartierung und aufgrund seiner Disziplin und Genauigkeit gelang es ihm weiße Flächen von den Landkarten zu tilgen, wie kein Entdecker vor oder nach ihm. Von der Antarktis über Australien, Neuseeland, Tahiti, diverse Südseeinseln, Hawaii, die Aleuten, Alaska, bis in die Arktis reichte sein Reiseradius.
Tony Horwitz ist Journalist und Pulitzerpreisträger und das ist immer spürbar. Er ist ein Meister der Recherche. Recherche heißt hier Reisen auf Cooks Spuren. Horwitz beschreibt seine eigenen Reisen und seine Begegnungen auf diesen Reisen und parallel dazu entfaltet er Cooks Leben und Fahrten. Ich lese und lese und schlürfe den Saft von Geschichte und Geschichten voller Genuß in meine wissensdurstige Kehle. Dabei kann ich den Hals kaum voll genug kriegen, so sehr schmeckt es mir.
Auch Horwitz Reisekumpan Roger kann den Hals kaum voll genug kriegen. Aber nicht voll Wissen, sondern voll Alk und wenn etwas in diesem Buch nervt, dann ist es dieser Stereotyp, den T.H. hier schildert und bei dem ich immer wieder gedacht hab, Horwitz hat ihn nur erfunden.
Roger kommt ja auch aus Yorkshire, genau wie Cook, verkörpert aber in seiner Lebensart das genaue Gegenteil. Am Ende seines Lebens wandelt sich Cooks Charakter und er verliert seinen inneren Halt und damit sein Gespür. So sind es seine Dummheiten, die am 14.2.1779 die Streigkeiten mit den Eingeborenen auf Hawaii eskalieren lassen, in denen er sein Leben verliert. Roger verwandelt sich auch am Ende des Buches, von einem notgeilen, erzfaulen Trinker in einen Yachtbesitzer, der in die Antarktis segelt um Cook zu folgen. Alles Roger oder was? Würd ja zu gern mal wissen, ob Roger ein Kunstgriff oder ein wahrer Mensch ist.


Romantik: Eine deutsche Affäre
Romantik: Eine deutsche Affäre
von Rüdiger Safranski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,90

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht so gut wie seine Biografien, 18. Mai 2009
Am Ende des 18.Jahrhunderts dämmerte es jedem geistig begeisterten Menschen, daß eine neue Mythologie im kommen war, die jede vergangene weit in den Schatten stellte. Diese Mythologie nannte sich Wissenschaft und die Wissenschaft war eine Mythologie der Objektivität, sie wußte was Sache ist und das was Sache ist, das ist auch.
Diese Sachlichkeit war ein großer Fortschritt, sie half den Menschen vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Doch nun steht er da und weiß nicht weiter. Die Füße stehn jetzt auf dem was ist, doch der Kopf hängt mehr denn je in den Wolken und die Dinge unter den Füßen und das Ich im Kopf verrühren und verquarken sich zu einer klebrigen Suppe in einem Nebeltopf.
Liegt dort unsre Seele?
Die Suppe müssen wir auslöffeln lernen, subjektiv und objektiv müssen in Einklang kommen. Das ist sicher noch ein weiter Weg und die Romantiker waren diejenigen, die am Anfang dieses Weges standen.
Sie spürten, daß er gangbar war. Gangbar und doch voller Klippen. Rüdiger Safranski erläutert diesen Weg und er zeigt auf wie eine direkte Linie von den deutschen Romantikern zu Adolf Hitler führte. Im Nationalsozialismus vermischten sich Mythologie und Wissenschaft auf eine sehr unheilvolle Weise und das zeigt mir (und ich hätt mir gewünscht, Safranski hätte es auch klar gesehen und gesagt), daß Worte, sei es in den vergangenen und gegenwärtigen Mytho- und Ideologien oder auch in der Wissenschaft, weder wörtlich noch wirklich ernst genommen werden dürfen. Worte sind Schall und Rauch und ganz besonders im öffentlichen Raum oft nur ein Instrument im Dienst von Geld, Eitelkeit und Macht.
Das schöne an diesem Buch ist der Ausblick und der versteckt sich im Nietzsche-Kapitel: "Inzwischen ist Musik zum Grundrauschen unserer Existenz geworden. Wer mit Stöpseln im Ohr in der U-Bahn sitzt oder durch den Park joggt, der lebt in zwei Welten. Appolinisch fährt oder joggt er, dionysisch hört er. Die Musik hat das Transzendieren vergesellschaftet und zu einem Massensport gemacht. Die Diskotheken und die Konzerthäuser sind die gegenwärtigen Kathedralen. Ein erheblicher Teil der Menschheit zwischen Dreizehn und Dreißig lebt heute in den nichtsprachlichen und prälogischen dionysischen Räumen von Rock und Pop. Die Musikfluten kennen keine Grenzen, sie unterspülen die politischen Terrains und Ideologien, was sich in den Umwälzungen von 1989 gezeigt hat. Musik stiftet neue Gemeinschaften und versetzt in einen anderen Zustand. Musik eröffnet ein anderes Sein. Der Hörraum vermag den Einzelnen einzuschließen und die Außenwelt zum Verschwinden zu bringen, und doch schließt die Musik, auf einer anderen Ebene, die Hörenden zusammen. Sie mögen zu fensterlosen Monaden werden, aber sie sind nicht einsam, wenn ihnen dasselbe erklingt. Die Musik ermöglicht eine soziale Tiefenkohärenz in einer Schicht des Bewußtseins,d ie früher eben >mythisch< genannt wurde." und "Für Nietzsche wird mit dem Tode Gottes der Wagnis- und Spielcharakter des menschlichen Daseins offenbar. Übermensch ist, wer die Kraft und die Leichtigkeit hat, bis in diese Dimensionen des Weltspiels durchzudringen. Nietzsches Transzendieren geht in diese Richtung: zum Spiel als Grund des Seins. Nietzsches Zarathustra tanzt, wenn er diesen Grund erreicht hat, er tanzt wie der indische Weltengott Schiwa. Das ist auch eine überraschende Rückkehr zu jenem ersten Impuls der frühen Romantiker, zu jenem Satz von Schiller: der Mensch ist erst da ganz Mensch,wo er spielt."
Das klingt nach Regenbogen. Wenn Musik und Spiel wirklich die Menschschheit ergreifen und auf einer Ebene einen, die über die Objektivität hinausgeht,dann wär das ganz schön schön. Mannamanadudubdidubi!
Noch kurz zum Buch: so gut wie seine Biografien fand ichs nicht, die Kapitel sind meist abgehackte biografische Notizen und das stockt den Fluß. Auch reitet mir Safranski zu sehr auf dem negativen Einfluß der Romantik auf die Politik herum. Dabei verliert er den Blick für das wesentliche. Doch befruchtet hat mich das Buch in jedem Fall und in dem Sinn kann ichs auch weiterempfehlen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 2, 2009 9:06 PM CET


Paula Modersohn-Becker: Eine Biografie
Paula Modersohn-Becker: Eine Biografie
von Kerstin Decker
  Gebundene Ausgabe

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frau im Spiegel, 18. Mai 2009
"Wer ist die Frau da im Spiegel, die sie malt? Sie kennt sie, und sie kennt sie nicht. Auf ihrem Bild sieht Paula fast aus wie eine der Gaugin'schen Südsee-Schönen: übergroße, fast animalisch-dunkle Augen, die lange Kette über der nackten Brust und die Hände einträchtig auf dem gewölbten Bauch. Bloß nicht nach Worpswede aussehen jetzt. Denn auch vor Worpswede ist sie weggelaufen. Aber Gaugin täuscht, genau wie die Südsee. Denn sie malt ihre Seele. Wie sieht eine Seele aus, ihre Seele? Wie mein Akt, hat sie gedacht. Der Blick dieser Augen ist nur auf den ersten Blick herausfordernd-weiblich und naturhaft-schwarz zugleich, er ist dunkel vor Fragen - an sich, an alle." Die Vermessung der Seele. Das ist im Grunde das was Kunst soll und das ist im Grunde bodenlos. Ohne Boden und ohne Grund ist die Seele und damit so ziemlich kaum faßbar.
Wenn ein Mensch sich dieser Unfaßbarkeit aussetzt, dann tanzt er einen Eiertanz. Im letzten Jahrhundert gab es zwei deutsche Dichter, beide in Prag geboren, die mit ihrer Sprache der Seele nahe kamen, wie nur wenige sonst. Der eine war Kafka, der andere Rilke. Kafka zentrierte seine Verschlossenheit und das Schloß war sein Vater. Für Rilke war das Schloß seine Mutter und er zelebrierte seine Verschlossenheit, die Frauen schlossen sich ihm an und er schloss sich ihnen auf und zu und auf und zu. Eine dieser Frauen war Paula Modersohn-Becker. Kerstin Decker erklärt ganz bewußt Rilke zu Paulas "Schwesternseele". Um diese "Schwestern" windet sich das Buch wie eine Schlange. Für Paula war ihre Schwesternseele Clara Westhoff. Die sich von ihr entfremdete, als Rilke sie zur Frau nahm. Vielleicht wurden Rilke und Clara auch ein Paar, weil Paula sich mit Otto Modersohn verheiratete.
Eins stößt das andere an. Und solch ein Buch,wie dies von Kerstin Decker, das stößt ganz viel an.
Schon der Anfang. Sechs Seiten die vom 25.5.1906 handeln, als sie das Bild malte, das auf dem Titel zu sehen ist. Der erste Selbstakt den je eine Frau gemalt hat. Diesen Anfang mußte ich gleich zweimal lesen, so schön fand ich ihn. Und dann folgt eine Biographie, die sich liest wie ein Film von Alejandro Gonzalez Inarritu. Die zeitlichen Ebenen sind so kunstvoll verwoben, in Vor- und Rückschritten verschränkt, daß ich aus dem heraustrete beim Lesen, aus dem was uns als Zeit erscheint, dem Zeitpfeil und in das hereintrete, was Zeit wirklich ist: eine bodenlose Fläche. Genau dies hat auch Paula Modersohn-Becker gemalt und wer ihr und ihren Bildern nahe kommen möchte,d er sollte nicht nur in die Bremer Kunsthalle gehen, der sollte auch diese Biographie lesen.


Wittgenstein: Das Handwerk des Genies
Wittgenstein: Das Handwerk des Genies
von Ray Monk
  Taschenbuch

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Er brauchte Leidenschaft und Religion, 18. Mai 2009
Wittgenstein war 61 und hatte Krebs. "Ende Februar wurde die Hormonbehandlung und die Bestrahlung als aussichtslos abgesetzt. Gleichzeitig teilte man Wittgenstein mit, daß er nur noch wenige Monate zu leben habe, was ihn ungeheuer erleichterte. Zu Frau Bevan sagte er: >Jetzt werde ich arbeiten wie noch nie in meinem Leben.< Bemerkenswert ist, daß er damit recht hatte. Während der letzten Monate seines Lebens schrieb Wittgenstein mehr als die Hälfte der Bemerkungen von 'Über Gewißheit' (Ziffern 300 bis 676) und schuf damit einen Text, den viele für das Klarste halten, was ihm je gelang." Außer der Klarheit gelang ihm auch Humor: "Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen >Ich weiß, daß das ein Baum ist<, wobei er auf einen Baum in unserer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage ihm: >Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.< " Am 29.4.1951 starb Ludwig Wittgenstein. Drei Tage nach seinem Geburtstag. >Dieser Mensch war nicht verrückt: Er philosophierte nur.< könnte auf seinem Grabstein stehen. Wittgenstein war tief religiös, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Die dogmatischen Aspekte lehnte er ab, aber die mystischen fesselten ihn. Als Philosoph war er angetreten um "Eindeutigkeit" zu schaffen. "Worüber man nicht klar sprechen kann, darüber muß man schweigen." Doch er wußte im Grunde, daß dies, worüber man schweigen muß, das Eindeutige ist und so schlug sein Philosophieren mystische und mythische Pfade in den Dschungel seines Gehirns und vielleicht ist dies der Grund, warum ihn so wenige verstehen und verstanden. Was Ray Monk in diesem Buch von Wittgensteins Philosophie wiedergibt, erscheint mir solch ein Kleinklein, ich seh immer nur das Gehacke der Machete. Wenn er aber Wittgenstein schildert, erscheint mir die Philosophie ganz klar: als ein Kampf dem Menschen das Laufgitter seiner Sprache aufzuzeigen, ihm zu sagen, daß er dies Laufgitter mit sich trägt und daß um dies Gitter herum, im Draußen, die Wildnis ist, die sich nicht einzäunen läßt. Die Wildnis war Wittgenstein heilig. Er sehnte sich danach in ihr aufzugehen: "Wittgensteins Ideal des 'ursprünglichen wilden Lebens, das sich austoben möchte', bietet einen Schlüssel zum Ziel seines Werks und zur Richtung seines Lebens - auch wenn er dem Ideal kaum genügen konnte. Sofern er sich für zu theoretsch, für zu >weise< hielt, fühlte er sich betäubt. Nicht nur seine Umwelt: er selbst brauchte Leidenschaft und Religion." Und die schenkt ihm der Autor dieser wildschönen Biografie.


Der Freund und der Fremde: Eine Erzählung
Der Freund und der Fremde: Eine Erzählung
von Uwe Timm
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Uwe und Benno, 18. Mai 2009
"Nicht sein Leben und Schreiben sollte ihn bekannt machen, sondern sein Tod. So einfach, so banal läßt es sich sagen. Ein Tod ohne Ankündigung. Ein Tod ohne Krankheit. Ein Tod als Zufall. Ein Tod als Opfer. Nicht einmal bewußt in Kauf genommen, wenn man davon absieht, daß er bewußt auf diese Demonstration gegangen war. Ein dummer Tod. Aber jeder Tod ist dumm, es gibt nur einige Abschattungen, die das Dumme mit etwas mehr Bedeutung, mit Wertung aufladen, eine dieser Wertungen ist der Opfertod, ein Tod, der andere vor dem Tod bewahrt. Das Empörende an seinem Tod ist das Zufällige. Das Absurde." Uwe Timm war der Freund von Benno Ohnesorg, der am Freitag den 2.Juni 1967 vom Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Als dies geschah, war ihre Freundschaft schon erkaltet, weil es Timm wegzog von ihrem gemeinsamen Studienort Braunschweig, zuerst nach München und dann nach Paris. In Paris wollte er in Philosophie promovieren und schrieb dafür an seiner Arbeit über "Das Problem der Absurdität bei Camus". Im Radio hörte er vom Tod seines früheren Freundes. Der Freund, der ein Fremder geworden war. Aber wie der Fremde bei Camus, hatte er nicht einen Menschen erschossen - er war von einem Menschen erschossen worden.
Uwe Timm schreibt wie ein Fluß, der ins Meer will. Die Mündung ist nah und der Fluß mäandert. Er verästelt sich hier und dort und da und hier führt er sich wieder zusammen. Um sich gleich wieder zu zerreißen. Alles strebt zum Meer. Zur großen See(le). So zu schreiben, so unlinear, ist sicher nicht jedermanns Sache und ich denk mir, das viele es anstrengend finden. Ich find es wunderbar. Genauso arbeitet ja das Gehirn - die Synapsen mäandern, wenn man sie läßt und nicht in Kanäle zwingt. Dies Buch muß man auch lassen, dann ist es klar und schön.


Arno Gruen: Jenseits des Wahnsinns der Normalität. Biographie
Arno Gruen: Jenseits des Wahnsinns der Normalität. Biographie
von Monika Schiffer
  Gebundene Ausgabe

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Realistisch gut, 18. Mai 2009
"Was Psychatrie und Psychologie als Geisteskrankheit vorführen, ist an die Vorstellung gebunden, daß es sich dabei um zunehmenden Realitätsverlust handelt. >Realität< wird dabei ausschließlich als äußere Realität verstanden. In der Tat ist der Relitätsbezug...ein Raster, in das man Menschen einordnen kann und das uns ermöglicht, eine Klassifizierung vorzunehmen vom psychotischen Verhalten über die Neurose zur Normalität. Doch ein solches Schema verdeckt, daß es auch noch eine andere Art von Krankheit gibt, die viel gefährlicher ist als die, die vom Verlust des Realitätsbezugs gekennzeichnet ist...die tiefere und weniger auffällige Pathologie...des >normalen< Verhaltens, die Pathologie der Anpassung als Folge der Preisgabe des Selbst." Arno Gruen, der diese Sätze 1987 in seinem zweiten Buch "Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität" niederschrieb, gehörte zu den Menschen die im Kern des zwanzigsten Jahrhunderts lebten. 1923 geboren, in Berlin als Jude, hatte er keine Chance dem Schatten auszuweichen, der das letzte Jahrhundert prägte. Dieser Schatten enstand als in Folge der Aufklärung durch die Wissenschaften das Christentum in Europa seinen allgemeingültigen Wahrheitsgehalt verlor. Was folgte war ein Vakuum. In dieses Vakuum drangen Wissensbringer wie Darwin, Freud und Einstein. Aber auch Scharen von Heilslehrern, deren schlimmster Hitler war. Sie brachten ihre Wahrheit in die Welt und viele glaubten daran. Viele wurden geblendet und dachten dabei: wie schön, die Sonne ist da. Wenn die Sonne aber zum Blenden benutzt wird, die Swastika umgedreht wird, dann wird sie böse und verbrennt alles. Wissenschaft ist Abstraktion und Abstraktion ist der Stoff aus dem der Schatten besteht. Aus Abstraktionen enstanden all diese mörderischen Ideologien, die zu den heißen und kalten Weltkriegen führten, entstand aber auch die Idee von der allgemeinverbindlichen Realität, die seit dem letzten Jahrhundert durch die Welt geistert und es vielen schwer macht zu ihrer Seele zu finden. Für Arno Gruen , der in den vierziger Jahren in den USA zum Psychoanalytiker ausgebildet wurde, war das ein Lebensthema. Monika Schiffer kennt Arno Gruen persönlich und so schreibt sie auch. Ein kleines Buch über einen verehrten Freund. Wirklich intensiv in ihn eindringen tut sie nicht. Aber sie beschreibt ihn und sein Werk sehr gut. Auch die Zitate, die sie auswählt, sind treffend: "Der Schizophrene zieht sich in eine innere Spähre zurück,...weil er dort in der Realität wirklicher Gefühle sein kann, die der Realismus leugnet. Er versucht in seiner Innenwelt zu bleiben, weil er die Heuchelei der äußeren >realen< Welt nicht ertragen kann. Für jene, die in das Erscheinungsbild >normalen< Verhaltens hineinschlüpfen, weil sie die Spannung der Widersprüche zwischen der auferlegten Realität und ihrer inneren Welt nicht ertragen, für solche Menschen gibt es bald keine wirklichen Gefühle mehr. Stattdessen gehen sie mit Ideen von Gefühlen um, haben keine Erfahrungen mehr mit ihnen. Sie präsentieren aufgesetzte Gefühle und sagen sich von ihren wahren Gefühlen los. Je >gesünder< das Image der Identität, das sie angenommen haben, destso erfolgreicher werden sie diese Manupilation vollziehen können. Und es ist Manupilation, da ihr Ziel nicht der Ausdruck ihrer selbst ist, sondern den anderen zu überzeugen, das sie angemessen handeln, denken und fühlen. Dies sind die Menschen, die ich als die wirklich Wahnsinnigen zeigen möchte. Sie bringen uns alle in Gefahr, weil sie dem Chaos, der Wut und der Leere, die in ihnen ist, nicht ins Gesicht sehen können. Während der Schizophrene in einer von ihm als widersprüchklich und quälend böse erlebten Welt den zentralen Gefühlskern aufrecht erhält, daß wirkliche Liebe Gültigkeit hat, ist bei denen, die den Wahnsinn überspielen, die Jagd nach Macht der einzige Weg, das bedrängende innere Chaos und die innere Zerstörung abzuwehren."


Verdammnis: Roman (Millennium, Band 2)
Verdammnis: Roman (Millennium, Band 2)
von Stieg Larsson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schlafraubend, 18. Mai 2009
Im Jahr 1995, als sieben Menschen in Schweden von Rechtsextremisten getötet wurden, gründete Stieg Larsson die Expo-Stiftung, deren Ziel es sein sollte, rassistische und totalitäre Organisationen und Aktivitäten in Schweden zu erforschen und zu enthüllen. Larsson wurde Vorsitzender und Herausgeber des antifaschistischen Magazins EXPO.
MILLENIUM ist die Wiedergeburt von EXPO (in anders). Mikael Blomquist, neben Erika Berger der Hauptprotagonist dieser Zeitschrift, ist der männliche Dreh- und Angelpunkt in "Verblendung" und "Verdammnis", der ersten beiden Teile einer Trilogie, die eigentlich nicht nur aus drei, sondern aus zehn Büchern bestehen sollte. Im November 2004 starb Stieg Larsson im Alter von fünfzig Jahren an einem Herzinfarkt. Die Handlung von drei weiteren Romanen hatte er schon im Kasten, die Manuskripte existieren, aber die Erben streiten sich über die Veröffentlichung.
"Vergebung" kenn ich noch nicht, aber ich denke mal Mikael Blomquist wird seinen Spitznamen "Kalle" auch wieder gerecht werden.
Als ich zehn war, hab ich "Kalle Blomquist" gelesen. Mikael ist anders. Noch viel viel anders ist Lisbeth Salander. In "Veblendung" ist sie die Außerirdische. In "Verdammnis" die Verdammte und doch zugleich der Kern der Geschichte.
In "Verdammnis" gibt es zwei hochspannende Momente. Als Lisbeth Dag Svensson und Mia Bergman besucht und ich wußte, daß Mikael Blomquist vorbeischaut. Oje, was passiert jetzt, hab ich gedacht. Doch dann passiert etwas ganz und gar anderes.
Und als Lisbeth in diesem Sommerhaus war und dem blonden Riesen fiel ein, daß er etwas vergessen hatte.
Hab ich jetzt zuviel verraten? Spannung ist garantiert.
Und vor allem: die Figuren sind ohne Ausnahme präsent und nachvollziehbar, ich fühl mich menschlich angesprochen und gefesselt, weil ich Bekannten begegne, die mir von Seite zu Seite vertrauter werden. Wenn diese Bekannten in Strudel geraten (sei es der äußerlichen Gewalt oder der inneren Aufgewühltheit), fieber ich gnadenlos mit. Das ist toll! Seite um Seite blätter ich um, ich kann gar nicht aufhören, es ist schon nach Mitternacht, morgen werd ich müde sein....


Kafka: Die Jahre der Erkenntnis
Kafka: Die Jahre der Erkenntnis
von Reiner Stach
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der zweite Teil einer meisterhaften Biografie, 18. Mai 2009
"Am Abend des 13.Juli, eine Woche nach seiner Ankunft, ging Kafka hinüber, in der Tasche das Gebetbuch. Durch ein Fenster im Erdgeschoss blickte er in die Küche, in der eine junge Frau beschäftigt war, eine Frau mit halblangem, dichtem lockigen Haar, runden Wangen und vollen Lippen. In der Hand hielt sie ein Messer, mit dem sie Fische abschuppte für das große Mahl. Kafka zögerte bei diesem Anblick.Erst als sie aufschaute, trat er ein. >So zarte Hände<, sagte er, >und sie müssen so blutige Arbeit verrichten.<" Es war der 13.7.1923. Kafka hatte noch 11 Monate zu leben. Natürlich wußte er das nicht, als er die Frau traf, die seine letzte Liebe werden sollte. Dora Diamant war 25, Kafka war 40. Im September zog er nach Berlin, in eine eigene Wohnung, ganz nah bei Dora, die immer zu ihm kam. Das war ein kleiner Schritt für einen Menschen, doch ein Riesenschritt für einen Franz Kafka (dieser Spruch paßt heut gut, am Jahrestag der Mondlandung). Bei Felice Bauer traute er sich diesen Schritt nicht. Die war auch in Berlin und hat auf ihn gewartet. Reiner Stachs Buch "Kafka. Die Jahre der Entscheidungen" handelt zentral von seiner Liebe zu ihr. Mit Felice war Kafka verlobt, doch weder er noch sie schafften es, sich wirklich zu fassen, anzufassen und ihre Leidenschaft sinnlich zu (be)greifen. Bei Dora gelingt ihm dies. Weil er krank ist. Weil seine Angst vor der Liebe verschwindet, im Angesicht seiner Todesangst. Und weil Dora ihn wirklich packt. Und sich nicht irritieren läßt. Sie bleibt ganz nah bei ihm, bis er stirbt.
Reiner Stach beschreibt Kafka deutlich als einen Mann, dem die Liebe über alles geht. Das Schreiben hilft ihm das Lieben zu ertragen. In dem Punkt ist Kafka der schreibende Zwilling van Goghs. es ist bestimmt kein Zufall, daß diese beiden Menschen, die aus der Not der Liebe ihre Kunst geschaffen haben, heute als die größten Seelen in ihrem Metier gelten. Es ist ganz paradox und wird in den zwei Kafka-Biografien, die Reiner Stach geschrieben hat, offensichtlich. Was Kafka geschrieben hat, ist einzigartig, eine Singularität und der Begriff "kafkaesk" trifft seine Ausnahmestellung. Doch in seinem eigenen Leben ist sein Lieben viel bedeutender als sein Schreiben. Das hat auch damit zu tun, daß sein Genie so lange nur von wenigen erkannt wurde. Was wohl auch gut war: denn was wäre aus Kafkas Kunst geworden, wenn sie, so wie heutzutage üblich medial breitgetreten worden wäre?
Reiner Stach schafft es in diesem Buch, wie auch schon im letzten, Intimität zu erzeugen. Genau das ist auch Kafkas Botschaft. Intimität verbindet sowohl Liebe als auch Kunst mit Seele und erst durch diese Verbindung wird das persönliche zum allgemeinen.


Marconis magische Maschine: Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation
Marconis magische Maschine: Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation
von Erik Larson
  Broschiert

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Larsons magische Geschichte, 18. Mai 2009
Im Sommer 1894 war der Ozean der elektromagnetischen Wellen so friedlich wie das Paradies vor dem Sündenfall. Kein Mensch hatte ihn jemals betreten. Der Physiker Heinrich Hertz hatte zwar einen Blick hinein geworfen und von den Wellen erzählt, aber mehr auch nicht.
Doch in diesem Sommer kaufte sich ein 20-jähriger Italiener mit dem Namen Guglielmo Marconi zufällig die Zeitschrift "Il Moro Cimento" und las einen Nachruf auf Heinrich Hertz, der am 1.Januar gestorben war.
Es gab schon das Kabel. Selbst im Atlantik. Durch die Kabel der Welt flogen die Nachrichten hin und her. Doch Schiffen nutzte das nichts. Von und zu ihnen führten keine Kabel.
Nur 16 Jahre später, im Jahr 1910, wurde ein Mörder gejagt, der sich auf der Flucht auf einem Schiff befand. Marconis drahtloser Funk hatte sich soweit entwickelt, daß er bei dieser Jagd den entscheidenden Faktor bildetete.
Dr. Crippen, der Mörder, und Marconi, der Erfinder, sind die Figuren die sich um dies Buch winden, wie zwei Lianen um einen Baum. Erik Larson, der schom mit "Isaaks Sturm" ein Meisterwerk der Zeitgeschichte geschrieben hat, gelingt es auch hier wieder, zwei verschiedene Ebenen auf einer Höhe zu jonglieren. Das ist große Kunst!
Große Kunst versuchte auch Marconi. Doch er war vom Pech verfolgt. Lange dachte er, Langwellen wären der Schlüssel zum Erfolg. Mit gewaltigen Sende- und Empfangsanlagen und kilometerlangen Antennen, wollte er seine Stationen aufpeppen. Das war zwar im Sinn des Erfinders, aber im Unsinn wenns stürmte und schneite. Katastrophen folgten (erst viel später erkannte er, daß Kurzwellen effektiver waren).
Marconi war kein Physiker (er verstand auch nicht recht, warum er den Pysiknobelpreis erhielt). Er durchschaute selten wirklich, was vor sich ging, wenn er experimentierte. Doch er hatte Visionen. Er war hartnäckig. Und er gelangte an Geldquellen (sein Geschäftssinn war es aber auch, der ihn vielen Menschen entfremdete).
Technik und Geschäft. Das waren Marconis Prioritäten. Alles andere war sekundär. Auch die Frauen.
Bei Dr. Crippen war das umgekehrt. Priorität hatten die Frauen. Seine erste Frau starb nach fünf Jahren Ehe. Bei seiner zweite Frau, die sich Cora Turner nannte und später Belle Elmore entfaltete sich ein klassischer Abgrund: er wollte sie haben und sie wollte ihn nutzen.
Sie zogen nach London. Der böse Stern ihrer Ehe mit ihnen. Dr Crippen, der von allen als sehr freundlich und sanft beschrieben wurde, lernte eine andere Frau kennen. Eine, die auch sanft war. Ganz anders als die furiose Cora, die ständig und ungebremst über ihn herzog.
So nahm das Drama seinen Lauf und es geschah ein Verbrechen, das die Öffentlichkeit fesselte, wie keins mehr seit Jack the Ripper.
Erik Larson beschreibt dies sehr spannend.
Voller Spannung ist auch die Geschichte von Marconis Erfindung. Sein drahtloser Funk entwickelte sich weiter: zum Rundfunk und zum Fernsehen und viel später dann all dies, was uns heute so alltäglich erscheint: Handys, W-LAN, GPS usw.
Und das verdanken wir Marconis magischer Maschine.


Teenage: Die Erfindung der Jugend (1875-1945)
Teenage: Die Erfindung der Jugend (1875-1945)
von Jon Savage
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tolles Buch!, 18. Mai 2009
"Ich habe es satt, unbedeutend zu sein. Ich modere im Schatten dahin. Die Sonne, die Sonne, die Sonne! Los geht's - lasst uns mutig sein. Die Zeit ist eine Reise, die mich dorthin führt, wo es mir gut geht. Bin ich wahnsinnig? Oder vom Schicksal auserwählt? So oder so, ich bin gelangweilt!" Dies schrieb im Jahr 1875 die 17-jährige Maria Bashkirtseff in ihr Tagebuch. Mit 25 starb sie an Tuberkulose. Ihr Tagebuch wurde veröffentlicht und die Welt war begeistert. Kaum vorstellbar im Blog-Zeitalter, daß die seelischen Offenbarungen eines Teenagers einen weltweiten Bestseller hervorbrachten.
Bedeutend wurde Maria Bashkirtseff, sogar so bedeutend, daß Jon Savage in ihr den Ausgangspunkt der Erfindung der Jugend markiert.
Jugend gab es nicht, vorher. Es gab Kinder und Erwachsene. Junge und alte Menschen. Als Maria lebte, dämmerte es im gesellschaftlichen Bewußtsein, daß die Zeit der Adoleszenz den Rahmen sprengt, den Kindheit und Erwachsensein vorgeben. Zwei Weltkriege später und nachdem die Jugendlichen einerseits die Kriminalität und andererseits das Kino und die Musik für sich entdeckt hatten, war der Begriff "Teenager" etabliert.
Der Jugendkriminalität widmet der Autor viele Zeilen. Ebenso der Musik. Im Jahr 1917 hatte eine weiße Band mit dem namen "Original Dixieland Jass Band" die schwarze Musik die sich Jass nannte in die Herzen der Weißen hineingetragen. Jass ist ein Lehnwort aus dem afrikanischen und heißt Geschlechtsverkehr. Diese Musik war damals Rebellion pur und die jungen Menschen waren außer Rand und Band (es ist schon merkwürdig, daß der Dixieland Jazz heute vorwiegend von alten Männern gehört und gespielt wird).
Vor und während dem 2.Weltkrieg war der Swing die Musik der Jugend (und der Jitterbug war ihr Tanz). In Deutschland wurde der Swing von den Nazis verfemt, was aber nur wenige abschreckte. Ausführlich beschreibt Jon Savage die Geschichte der Hamburger Swings.
Das ist überhaupt das schöne an diesem Buch. Eine Geschichte folgt auf die andere. Menschen kommen, Menschen gehen. Und bei aller konkreten Wucht, geht die Abstraktion, durch die der historische Kontext deutlich wird, nicht verloren. Ganz große Klasse!
Das Monster in diesem Kontext waren die beiden Weltkriege. Schon im ersten Weltkrieg starben jeden Kriegstag über 5000 Menschen (ein Drittel davon Jugendliche) und das über vier Jahre hinweg. Im zweiten Weltkrieg waren es noch weit mehr. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, schrieb der griechische Philosoph Heraklit. In diesem Fall stimmt es: aus den unsäglich brutalen Folgen der Weltkriege heraus wurde die Jugend geboren. In dem Moment als die Erwachsenenwelt ihre ekligste Maske aufsetzte strampelte sie sich aus dem Käfig frei. Und hörte Musik.
Wandervögel, Sheiks, Flappers, Kindred of the Kibbo Kift, Bright Young People, Zazous, Biff Boys, Edelweißpiraten - durch viele Jugendbewegungen hat sich die Jugend hindurch bewegt. Durch viele Filme hat sie sich hindurch gefiebert (das Kino war neben der Musik derTreibsatz beim Anfeuern des jugendlichen Selbstverständnisses). Und endlich, im Jahr 1945, war die Jugend im Rampenlicht.
Und heute singen Tocotronic: "Ich höre dich sagen, mehr leise als laut, das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut".


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