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Rezensionen verfasst von
Kaivai (Hamburg)

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Vergebung
Vergebung
von Stieg Larsson
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die perfekte Welle, 6. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Vergebung (Taschenbuch)
"Sie machte die Tür auf und ließ ihn wieder in ihr Leben."
Das ist gemein. Ich schreib eine Krimirezension und verrate den letzten Satz.
"Dr. Anders Jonasson wurde von Schwester Hanne Nicander geweckt."
Jetzt verrat ich auch noch den ersten Satz. Ist aber nicht ganz so gemein.
"Vergebung" heißt der dritte Band von Stieg Larssons Krimi-Trilogie. Ich hab mit diesen dreien erst fünf Krimis gelesen, bin also nicht wirklich kompetent. Ein Seitensteiger. Ein Querdenker. Vielleicht hab ich auch deshalb solch einen seltsamen Gedanken: Stieg Larssons Trilogie erscheint mir wie das "Herr der Ringe" der Krimi-Literatur.
Dieser Vergleich drängte sich mir geradezu auf, als ich "Vergebung" gelesen hab (und das war so anders als "Verdammnis", wo mich die intimen und die Überraschungsmomente bestachen, und nochmal anders als "Verblendung").
In diesem Buch, dem trigonalen Finale, findet eine Schlacht statt. Die Schlacht um Minas Thirit. Die Guten bewegen sich in einer großen Welle und der Tsunami, der hier über Schweden hinwegrollt, macht jeden Leser glücklich, der daran glaubt, daß auch im politisch institutionalisierten Feld das Gute siegen wird.
Fesselfaktor: 10 von 10. Spannungsfaktor: 5 von 10. So spannend der Vorgänger war, durch seine Überraschungen, so überraschend war für mich die Vorhersehbarkeit in diesem Buch. Selbst am Schluß war mir schnell klar, wer dort in Lisbeths Nachlaß auftaucht.
Gefesselt war ich aber in Permanenz. Es ist einfach so schön, sich in/von einer perfekten Welle treiben zu lassen. Das hab ich schon als Kind geliebt. In anders. Kindgerecht. Bei Astrid Lindgren. Beim Lesen von "Kalle Blomquist".


Keine Macht für Niemand: Die Geschichte der Ton Steine Scherben
Keine Macht für Niemand: Die Geschichte der Ton Steine Scherben
von Kai Sichtermann
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kai hat was gesagt, 6. Dezember 2009
"Angie: "Kai sollte die Bowle zusammen mit mir im FORD-Transit zum Mariannenplatz fahren. Ich saß hinten mit meinem Zwergkaninchen >Swabble< auf dem Schoß. Vor mir stand der Behälter mit der Bowle. Kai fuhr extrem langsam, damit nichts überschwappte. Kurz vor der Möckernbrücke lief plötzlich ein Kind vors Auto, und Kai mußte eine Vollbremsung machen. Swabble rutschte von meinem Schoß herunter und fiel genau in die Bowle. Das Bad in der Bowle dauerte nur ein paar Sekunden, aber Swabble war den ganzen Tag nicht mehr zu gebrauchen. Und die Bowle? Sollten wir die etwa wegkippen?" "
Ist das lustig? Ist das auch dann lustig, wenn kein Swabble in die Bowle fällt, sondern ein Rio? Ein Rio Grande? Auch Rio ist in die Bowle gefallen. Und hat fortan von ihr gelebt. Seelisch. Zu gebrauchen war er dann nicht mehr. Zu mißbrauchen aber auch nicht. Irgendwo dazwischen bewegte sich der große Fluß, der für Rio Alkohol hieß und der für ihn den Streß minderte, den ein extrovertierter Dompteur im Namen der Liebe und Träume erleiden muß.
Als Ralph Peter Steitz im Jahr 1966 bei Ralph Moebius in Nieder-Roden, heute Rodgau, an der Tür klingelte und sich zwei 16-jährige kennenlernten, wurde der Keim zu einer Band gelegt, die sich Ton Steine Scherben nannte.
Der dritte im Bunde (später folgten noch viele andere), der hieß Kai Sichtermann. Er war der Bassist. Der ruhende Pol. Der Ruhige. Manchmal konnte Rio sein Schweigen nicht ertragen. An einem Tag wollte er nicht mehr vom Frühstückstisch aufstehen, bis Kai etwas sagte. Kai schwieg. Und verließ den Raum. Wenn Rio sein Wort gehalten hätte, würde er heut nach an dem Tisch sitzen. Und vor lauter Langeweile bestimmt singen.
Das wär der Traum. So sollt es sein. Doch in Wirklichkeit: Todesstille. Schade!
Schade ist auch: die alten Ton Steine Scherben hab ich nie kennengelernt. Die wurden mir verschwiegen. Von den Medien. Ich war nicht im Wendland, nicht in Kreuzberg, nicht in St.Pauli. Ich war nicht links. Ich war knapp rechts von meinem Herz, noch ganz eingegraben in mein Zwerchfell.
Ende der Achtziger lernte ich Rio kennen. Und kaufte mir "Rio der erste". Der war jetzt König von Deutschland (übrigens ein Lied, das die Scherben schon in den siebzigern gespielt haben). Und ich zog nach St.Pauli.
Die Verortung war vollzogen. "Alles Lüge" lag hinter mir. Die Fahne mit dem Totenkopf in meiner Hand, "Ole, ole, ole" auf meinen Lippen.
Der Ort ist zuerst ein Symbol. Doch dann, im Lauf der Zeit, tummeln sich die Ereignisse und tummeln sich die Zuträger der Ereignisse und die verpuppen sich und werden zu Schmetterlingen und einer (vielleicht der bunteste oder der mit dem Totenkopf) fängt dich mit seinem Netz. Und hält dich in seiner Liebe fest.
Kai Sichtermann liebte Angie. Sie bekamen ein Scherbenkind. Lisa. Kurz liebte er Emma aus Dänemark. Später trennten sich Kai und Angie.
R.P.S. Lanrue liebte viele Frauen. Britta blieb lange. Rio blieb ewig. Sein Tod erschütterte ihn wie keinen anderen. Er ging nach Portugal. Allein.
Rio liebte Männer. Das war schwer. Verortung wurd auch schwer. Berlin wurd schwer. Landleben wurd schwer. Alkohol wurd schwer.
Singen war leicht. Alles Schwere entlud sich im Singen. So schöne Liebeslieder. Ja, Liebe ist schwer. Doch wenn die Liebe singt, kann es so leicht werden, als hätte ein Pfeil den Erdboden durchdrungen und in dem Pfeil waren Seifenblasen, vieleviele und unplatzbare und die trugen dann die Erde in den Himmel empor.
Dies Buch ist toll. Direkt am Puls der Zeitgeschichte. Null plakativ. Beziehungsdynamisch. Lebendig.
Rio sitzt am Früstückstisch und staunt. Der Kai hat was gesagt. Und dazu noch der Christian und der Jens. Alle im Raum klatschen.
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Pilgerreise zur Sonne: Vincent van Gogh
Pilgerreise zur Sonne: Vincent van Gogh
von Gunnar Decker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 1aBiographie, 6. Dezember 2009
"Am 19. März wirft ihn ein Faustschlag zu Boden. Die Polizei nimmt ihn fest, er wird als Geisteskranker eingewiesen. Das geht auf eine Petition von Einwohnern aus Arles zurück."
Ikarus stürzt. Auf seiner Pilgerreise zur Sonne. "Die Sonne ist es, die er malen möchte, und nicht die Strahlen (Emile Bernard)."
Zurecht: die Strahlen verschwinden ja auch feige, sobald ein Schatten auftaucht. Die Sonne bleibt.
Um van Gogh kreisen Mythen, wie um kaum einen Menschen der Moderne. Mythen sind Geschichten in Tüten. Die Tüten werden weitergereicht. Die Leute gucken rein in die Tüten und sagen "aha" und "oho" und "schau mal rein".
Gunnar Decker ist ein Biograph. Genau wie seine Frau Kerstin. Vielleicht beflügeln sie sich gegenseitig. Beide sind sie 1aBiographen (1a = einen eigenen Ansatz entwerfen, diesen Ansatz verfolgen und überzeugend darstellen).
Biographen sind immer subjektiv. Genauso wie die Menschen, die sie beschreiben. Es geht um Nähe. Gelingt es dem Autor, hier in diesem Buch: Nähe zu van Gogh spürbar zu machen?
Jenseits aller Mythen in Tüten? Auf einer Ebene, auf der ich das Gefühl hab, den Menschen zu verstehen, der van Gogh war? Das ist sehr schwer, und ob es gelungen ist, natürlich ganz unklar.
Aber vom Gefühl her, ein großes "Ja".
Zu Beginn streckt dies Buch zuerst dem Leser den schlauerten Kopf entgegen. Sofort verdauen und weiterlesen. Irgendwann rutscht es ins Herz und ins Auge hinein, irgendwo dazwischen, genau dorthin, wo die Pilgerreise zur Sonne die menschliche Seele hin verführt.


Retter der Welt
Retter der Welt
von John Wray
  Gebundene Ausgabe

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Heller!, 6. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Retter der Welt (Gebundene Ausgabe)
Am 11.11.2009 entkommt der 16-jährige William Heller in einem Bahnhof der New Yorker Subway seinen Aufpassern Schädel&Knochen.
Will flieht mit der U-Bahn. Violet, seine Mutter und Lateef, ein Polizist, suchen nach ihm.
Das sind die zwei Stränge, aus denen dies Buch geflochten ist.
Will Heller hat Aufpasser, weil er Insasse einer Psychiatrie ist. Schizophrenie ist die Diagnose.
Was ist Schizophrenie? Das ist noch immer eine ungeklärte Frage. Antworten kreisen wie Geier um den Kern dieser Krankheit, aber sie treffen in nicht. Darum fällt es den Ärzten auch so schwer, Mittel zur Heilung zu finden.
Das, was in einer Schizophrenie vor sich geht, ist schon klarer. John Wray versucht in seinem Buch Bilder dafür zu finden. Die Bilder, die er findet, sind ganz großartig. Mich hat er mit seinen Bildern gefangen. Aufgesogen. In der Schlußphase des Buches hab ich fünf Stunden gelesen, ohne auch nur einmal Pause machen zu können.
Merkwürdig war: obwohl ich immerzu wirkliche Menschen sah, hatte ich doch das Gefühl, ich befinde mich in einem Comic Strip. Früher hab ich Comics geliebt. Auch als Erwachsener. Comics für Erwachsene sind oft hohe Kunst. Und jetzt war ich in einem Comic, der durch Worte erzeugt wurde. Ganz einmalig!
Aber: Schizophrenie hat nur sekündär Bildgewalt zum Thema. Primär geht es um Gefühlsgewalt.
Der normale Mensch ist darum normal, weil er ein Ich hat. Dies Ich ist ein Beutel, in dem vieles Platz hat. Vor allem die Gefühle.
Es kann aber vorkommen, dass die Gefühle einen Druck entwickeln, dass die Ich-Ventile, die der Gefühlsentladung dienen, nicht mehr standhalten. Dann platzt der Beutel.
Im leichten Fall folgt ein Nervenzusammenbruch, im schweren eine Psychose.
In der Psychose geht das gewohnte Ich verloren. Das ist ein ganz und gar unerträglicher und mit massiver Angst besetzter Zustand. Aber zugleich ein Zustand, in dem der Mensch sich offen fühlt für ein neues Ich.
Natürlich hat dies neue Ich eine ganz andere Qualität als das alte. Es ist ein Ich, das viel größer ist. Ein Ich, das die Welt rettet.
Will Heller. Hat John Wray diesen Namen mit Bewußtsein gewählt? Er kann deutsch. Seine Mutter ist, so wie Wills Mutter, Österreicherin. Der Name ist eine gute Wahl: Will will es heller. Violet will es violett. Am Ende wird das violett ganz dunkel und kurz darauf gnadenlos hell.
Lateef, der Polizist, ist der Schwarze. In dem sich Mutter und Sohn, die beide Heller sein wollen, kreuzen.
Je mehr ich darüber nachdenke, destso klarer wird mir, wie sehr es John Wray gelingt, ob nun bewußt oder unbewußt, Schizophrenie auf einer bildhaften Ebene zu spiegeln.
Die emotionale Spiegelung gelingt ihm nicht. Aber das ist wohl auch gar nicht möglich.


Buntschatten und Fledermäuse: Mein Leben in einer anderen Welt
Buntschatten und Fledermäuse: Mein Leben in einer anderen Welt
von Axel Brauns
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ohlenkamp!, 6. Dezember 2009
Karl-Wolff-Straße, Holstenstraße, Norderreihe. Bücherhalle.
Ich such was zum lesen. Mir fällt ein Buch auf. "Buntschatten und Fledermäuse". Kenn ich doch irgendwo her, denk ich. Wollt ich doch schonmal lesen. Ich schlag eine Seite auf. Kapitel 16: "Vorbeckweg, Notkestraße, Urnenfeld, Osdorfer Landstraße, Osdorfer Weg. Schleeschule. Die dreiguten Straßenschilder waren ein wundervoller Auftakt für meine weitere Schulzeit. Gleich neben dem winzigen Nordeingang befand sich der Flachbau für meine 5. Klasse."
Wow! Meine Schleeschule. Mein Fünfteklasseflachbau. Ich schnapp mir das Buch und nehm es mit nach Hause.
Unser Gehirn spielt mit Karten. Die Karten haben Farben. Zu Beginn gibt es nur zwei Farben: Seele und Gefühl. Die Seele ist Trumpf. Der Trumpf sammelt Stiche. Die kommen von außen. Das Gefühl ist die Lusche. Verliert selbst mit König. So lernt das Gefühl. Durch verlieren mit König. Und noch besser: verlieren und doch Siege sehen. Beim anderen.
Was aber: wenn einer seine Gefühle in sich eingegraben hat. Geschützt vor Interaktion. Stiche kann der nicht sammeln. Von außen werden seine Gefühle nicht berührt. Nur in diesem Sinn: er ist anders, weil er von außen nicht berührt wird. Das schmerzt zutiefst.
Anders sein als alle Menschen, denen ich begegne: gruselig! In meiner Jugend hab ich mich auch anders gefühlt, aber nicht in Bezug auf die Menschen. Nur in Bezug auf mich. Das hat sich ausgewachsen.
Bei Axel Brauns hat sich das nicht ausgewachsen. Menschen sind immer noch Buntschatten und Fledermäuse. Im Guten wie im Schlechten anders. Die soziale Kartenfarbe, die entsteht, wenn die Seele Stiche kriegt, konnt er nicht lernen, weil er nicht im Normalen, im Maren, wie er es nennt und versteht, weil er nicht im Meer der Abgleichung lebt. Wie fast alle. Außer den Autisten.
Die Abgleichung macht aus der sozialen Karte einen neuen Trumpf. Auch der Trumpf sammelt Stiche. Aber jetzt kommen sie von innen. Mit dem König verlieren heißt nun: König sein und verlieren. Und zugleich: Mensch sein und gewinnen. Denn die soziale Karte sticht (anders als die seelische) mitten aus dem Menschsein heraus.
Axel Brauns spricht von Ab:wesenheit. Das heißt vierschlechte Einsamkeit. Dies Buch macht betroffen: ohne es wirklich fühlen zu können, erschüttert mich sein Nichtzummenschseinzugehörigkeitsgefühl.
"Gefühle kann man nicht auswendig lernen".
Vier Jahre vor ihm kam ich zur Schleeschule. Sechs Jahre waren wir zusammen dort. Ich kenn fast alle Lehrer, die er erwähnt. Seine Wanderungen durch das Schulgelände, am Goldfischteich entlang, die Aufenthalte in der Pausenhalle und auf dem Pausenhof kann ich lebendig nachvollziehen. Für mich wird seine Eigenheit dadurch auf ganz spezielle Art intim und vertraut. Schön! Ich wünschte, jeder könnte es so lesen.
Bestimmt ist er mir oft begegnet. Nicht nur dort. 1982 hat er auch noch zur selben Zeit wie ich im Wiwi-Bunker an der Hamburger Uni BWL studiert.
Ein Buntschatten in meinem Hirn. Vermischt in all die anderen Wolkenkremwesen.
Das Gefühl der Abwesenheit macht ihn eigen. Diese seine Eigentümlichkeit schildert Axel Brauns mitreißend. Im Sprachspiel. Ist aber kein Spiel. Ist so wie er ist. Ich war oft gerührt. Ist so liebenswert. Ist oft lustig. Am Ende auch traurig, je bewußter ihm sein Autismus wird. Mit 11 fragt er sich, ob es sein kann, dass die Buntschatten und Fledermäuse, also die anderen Menschen, eigene Gefühle und Gedanken haben. Mit 17 ist es ihm unmöglich zu sagen, ob ein Mädchen gut oder nicht gut aussieht.
Das mit den Mädchen, Sabine, Katrin und Carolin, ist ganz besonders schön erzählt. Kleine Tränchen glitzerten in meinen Augen wie Schmetterlinge, als ich es las. Ich lächelte vor mich hin.
Es gibt viel zu lächeln in diesem Buch. So wie bei dem Kartentrick und als der Heimer und der Dachs "Das gibst doch nicht" sagen :-)). Axel schweigt und genießt...ich lese und genieße.


Menschenhafen: Thriller
Menschenhafen: Thriller
von John Ajvide Lindqvist
  Taschenbuch

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartig!, 6. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Menschenhafen: Thriller (Taschenbuch)
"Dante wankte, fiel auf die Seite und legte sich platt auf den Steg. Als Simon bei ihm war, lag der Kater regungslos neben dem äußersten Poller. Das Ding, mit dem er gespielt hatte, war kein Seil, denn es bewegte sich. Es war eine Art Insekt, ein wurmartiges Insekt. Simon ignorierte es und ging neben dem Kater in die Hocke.
"Dante, mein Guter, was ist mit dir?"
Die Augen des Katers waren weit aufgerissen, sein Körper schüttelte sich einige Male wie von Schluchzern.Es lief etwas aus seinem Maul. Simon hob den Kopf des Katers an und sah, dass es Wasser war. Ein Strom aus Wasser ergoss sich aus dem Maul des Katers. Dante hustete, Wasser spritzte heraus. Dann lag er still. Seine Augen starrten leer."
Dante ist und war Simons Kater. Simon ist und war Zauberer. Simon ist alt. Er liebt Anna-Greta. Diese (ganz wunderbar beschriebene) Liebe ist der Kern, um den sich die Geschichte herumwindet wie ein Apfel.
Anders ist Anna-Gretas Enkel. Seine Liebe ist seine Tochter. Diese Liebe ist das Fleisch des Apfels, um den sich die Schale schält.
Seine Tochter Maja ist vier. Zusammen mit ihren Eltern macht sie einen Ausflug auf eine kleine Insel, die den Namen Gavasten trägt. Es ist Winter.
Auf dieser Insel steht ein Leuchtturm. Sie gehen hinein und schauen sich den Reflektor an. Maja, die immer voller Unruhe ist, stürmt als erste hinaus. Kurz danach kommen ihre Eltern. Maja ist nicht zu sehen. Sie suchen. Die Insel ist klein. Das Meer ist mit Eis bedeckt. Das Eis mit Schnee. Sie hat einen roten Schneeanzug an. Sie müßten sie sehen, wenn sie da wäre.
Doch sie ist und bleibt verschwunden.
Ein paar Jahre später kehrt Anders in das Haus zurück, in dem die Familie damals gewohnt hat. Seine Ehe ist zerbrochen. Er trinkt. Er zieht in ein windschiefes Haus, das Smäcket heißt. Dort hat er damals mit seiner Frau und seiner Tochter gelebt. Notdürftig und seelengepeint richtet er sich ein.
Eines Nachts schreibt ihm seine Tochter eine Nachricht: "Frag mich."
War es seine Tochter?
So wie Dante, der Dichter, uns in die Abgründe der Erde führte, so führt uns Dante, der Kater, in die Abgründe des Wassers. Der Schlüssel ist ein Insekt, das den Namen Spiritus trägt.
Welch gruselige Tiefen und Kräfte das Wasser hat, das sich in der See(le) breitmacht, dies zeigt John Ajvide Lindqvist auf beängstigend überzeugende Weise. Er schwächelt nie. Keinen Moment. Es ist so verrückt, was er schreibt, aber so raffiniert ist dies eingebunden in die machtvolle und ganz und gar wirklichkeitsgetreue Wiedergabe seiner Charaktere. Durch diesen Kontrast wird das Übersinnliche sinnlich und berührt die Haut und das pochende Herz wie ein Gespenst, das ganz unwahrscheinlich, aber doch ganz wirklich, eines nachts, vielleicht im Traum, meine Hand packt.
Zwei Gespenster sind das Böse in diesem Buch. Teenagergespenster auf einem Lastenmoped. Ich weiß nicht, wie ein Lastenmoped aussieht. Aber dies Bild von den beiden auf ihrem Fahrzeug, hat sich mir eingebrannt. Sie kommen in der Nacht. Und bringen Angst und Schrecken...Elin! Elin!
Wird durch Anders alles anders?
"Frag mich", sagt das Buch.
"Trag mich - aus dem Laden, aus der Bibliothek, nimm mich mit zu Dir.
Was weißt Du vom Wasser. Es gibt weit mehr Dinge im Wasser, als die Schulweisheit sich träumen läßt. Buuh, ich werd Dich erschrecken. Ich bin bei Dir, wenn Anders Nachts allein in seinem Haus sitzt. Dann verlaß ich Dich und Du bist mit ihm allein. Im nächsten Augenblick zersplittert eine der Scheiben im Wohnzimmer und Anders schreit auf...
Laß mich nicht fallen! Krampfhaft hälst Du mich fest. So ist es gut. Lies mich weiter. Nicht zittern! Du mußt keine Angst haben. Alles ist gut! Ich bin ja nur ein Buch."


Eine berührbare Frau. Das atemlose Leben der Künstlerin Eva Hesse
Eine berührbare Frau. Das atemlose Leben der Künstlerin Eva Hesse
von Michael Jürgs
  Gebundene Ausgabe

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit den Augen fühlen, 18. Mai 2009
"Mit den Augen fühlen,das war Eva Hesse." Manchmal gibt es Sätze,die haben Widerhaken.Die liegen in einem Buch und das Buch ist ein Fluß und ich bin ein Fisch und schwimm den Fluß hinunter.An einer Angel hängt dieser Widerhaken und fängt mich."Mit den Augen fühlen" hab ich noch nie gehört.Als ich dies las,dacht ich aber im selben Moment: das bin ich.Am schönsten sind Biografien,in denen ich Parallelen zu mir selbst entdecke.Hier war ich fündig.Manchmal sehr konkret.Eva Hesse wurde im selben Jahr wie mein Vater geboren.Beide in Hamburg.Als sie ein Jahr alt war zog sie in die Rothenbaumchaussee.In dieser Straße wohnte damals auch mein Vater.Das Titelbild dieses Buches entstand in meinem Geburtsjahr. Als ich dies gelesen hab,hab ich mich gefreut.Ein kleines bißchen Versöhnung mit meinem Vater und Eva Hesse als Mittlerin.Nicht der berührbare Vater,doch die berührbare Frau.Die genauso eine berührende Frau war und ist.Beides kommt daher,daß sie zeitlebens eine offene Seele hatte und ihre Lieblingstugend "Leidenschaft" hieß(ich weiß aber nicht wirklich,ob sie ihre Leidenschaft geliebt hat,aber sie hat sie gelebt und wenn sie noch länger gelebt hätte,wär aus der Qual der Leiden schaffenden Leidenschaft bestimmt auch immer mehr eine Leidenschaft geworden,die leiden abschafft).Michael Jürgs,der dies Buch auch deshalb schrieb,weil er heut in der Isestraße wohnt,in der Eva nach ihrer Geburt zuhause war,bis sie in die Rothenbaumchaussee umzog,wird ihr in jeder Hinsicht gerecht,denn seine Leidenschaft für sie macht diese tolle Frau wieder lebendig.


Die Erfindung der Wolken: Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte (suhrkamp taschenbuch)
Die Erfindung der Wolken: Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte (suhrkamp taschenbuch)
von Richard Hamblyn
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Der Meister der Wolken, 18. Mai 2009
Cirrus,Cirro-cumulus,Cirro-stratus,Cumulus,Cumulo-stratus,Cumulo-strato-cirrus (Nimbus),Stratus.Im Jahr 1802 erklärte der dreißigjährige Hobbymeterologe Luke Howard in einem Vortrag einem staunenden Publikum die Welt der Wolken.Drei Familien gibt es im Himmel und sieben Modifikationen. Sonne,Mond, Planeten und Sterne waren seit Urzeiten die Elemente,die dem Himmel Form und Inhalt gaben.Die Wolken dagegen waren flüchtig,jenseits jeder Gesetzmäßigkeit, Trugbilder,Träumen vergleichbar.Luke Howard "war ein sehr abwesender Mensch und schien immer an etwas anderes,weit Entfernteres zu denken",schrieb seine Enkelin Mariabella Fry in ihren Erinnerungen. Aber: "Obwohl er zur Tagträumerei neigte und gern aus dem Fenster sah,hatte Howard ein >starkes Bedürfnis,nützlich zu sein<".So fanden die Wolken ihren Meister in einem Träumer,der auf keinen Fall ein Taugenichts sein wollte.Die Namen,die er ihnen gab,tragen sie heute noch und selbst wenn wir ein Kaninchen oder einen Teddybär in ihnen sehen,sind sie doch in Wirklichkeit Cumulus oder Cumulo-stratus oder usw..Luke Howard war ein sehr liebenswerter,kauziger Engländer.Richard Hamblyn entführt uns in seine Welt.Eine Welt in der ich mich geborgen gefühlt hab,beim Lesen.Das liegt an der Wärme,die Luke Howard ausstrahlt,aber auch an der Weichheit seiner Wolken.Und bestimmt auch am english summer rain und an der Art und Weise wie er an das Fenster klatscht,hinter dem ich sitze...


Brücken zum Kosmos: Wolfgang  Pauli - Denkstoffe und Nachtträume zwischen Kernphysik und Weltharmonie
Brücken zum Kosmos: Wolfgang Pauli - Denkstoffe und Nachtträume zwischen Kernphysik und Weltharmonie
von Ernst P Fischer
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,80

18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wolfgang Pauli ist toll, 18. Mai 2009
Die drei heiligen Könige der Wissenschaft der Moderne heißen Darwin, Freud und Einstein. Die beiden letztgenannten waren deutschsprachig und vielleicht deswegen oder gerade deshalb fühlten sie sich später in ihrem Leben dazu berufen einen Kronprinzen zu ernennen (Darwin als englischem Understatesman wär das zu blöd vorgekommen).
Freud ernannte Carl Gustav Jung und Einstein Wolfgang Pauli.
Nach der Ernennung hatten weder Freud noch Einstein Freud an ihrem Prinzen, denn der lag ihnen jeweilig wie ein Stein im Magen. Das hatte einen Grund. Nämlich den festen, den Jung und Pauli verlassen hatten und den zu verlassen sich Freud und Einstein nicht trauten. Der feste Grund ist die Welt, in der alles mit rechten Dingen zugeht. In der Welt die Jung und Pauli betraten, war das nicht mehr der Fall. Jung stieg tiefer als Freud, vom Unbewußten ins kollektive Unbewußte und Pauli stieg tiefer als Einstein, von der Raumzeit in die Quantenwelt.
Im kollektiven Unbewußten herrschen die Archetypen und in der Quantenwelt die Komplementarität (die Paradoxie der zusammenfallenden Gegensätze). Wolfgang Pauli, der im Zentrum dieses Buches steht, versuchte beides zu verbinden und C.G.Jung half ihm dabei. Die beiden schrieben sich lange Briefe. Paulis Quintessenz (vielleicht ist Quartessenz das bessere Wort, denn Pauli sah in der vier eine Zahl, die Befreiung verspricht) dieser Begegnung: "Es ist das unausweichliche Schicksal der mit statistischen Naturgesetzen operierenden Physik, nach Vollständigkeit suchen zu müssen. Dabei wird sie aber notwendig auf die Psychologie des Unbewußten stoßen müssen, da eben dieses und die Psyche des Beobachters das ihr Fehlende ist."
Für Pauli war Vollständigkeit in der Physik nur erreichbar, wenn der Physiker das Doppelspiel durchschaut, das er treibt, wenn er aus seiner Subjektivität heraus einen objektiven Standpunkt einnimmt. Das Resultat des Durchschauens ist, daß der Physiker erkennt, daß er die Physis der Welt in seiner Psyche spiegelt. Wenn ein Physiker dazu in der Lage ist und Wolfgang Pauli war in dieser Hinsicht eine echte Ausnahme, dann begreift er vieles auf einmal.
Pauli war nicht nur auf der Tagseite seiner Berufung als Physiker überaus erfolgreich: u.a. sagte er das Neutrino voraus, entdeckte die vierte Quantenzahl (den Spin) und das Pauli-Verbot (wofür er den Nobelpreis erhielt). Auch auf der Nachtseite fühlte er sich zuhause: er setzte sich mit seinen Träumen auseinander, er war ein Magnet sinnvoller Zufälle (so daß sich bei Physikern statt "Synchronizität" der Begriff "Pauli-Effekt" einbürgerte) und er verstand die Wirklichkeit als einen Ort an dem nicht blinde Kausalität herrscht, sondern der fühlende Mensch und die Kraft der Symbole. Die Wirklichkeit war für Pauli nicht das was ist, sondern das was der Mensch aus äußeren und inneren Bildern gestaltet. Das was sich komplementär entwickelt.
Wolfgang Pauli kriegt von mir fette fünf Sterne. Ernst Peter Fischer hier nur drei, denn dies Buch ist nicht gut geschrieben, teilweise wiederholt er sich auch, wobei ich manchmal das Gefühl hatte auf der falschen Seite gelandet zu sein. Zusammen also 4(!) Sterne (dies (!) hinter der 4 ist O-Ton Fischer).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 31, 2012 11:53 AM CET


Big Bang: Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen Naturwissenschaft
Big Bang: Der Ursprung des Kosmos und die Erfindung der modernen Naturwissenschaft
von Simon Singh
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen HSK, 18. Mai 2009
Im Jahr 1950 sprach der britische Astrophysiker Fred Hoyle in einer Radiosendung in einem verächtlichen Tonfall das Wort "Big Bang" aus. Hoyle hielt nichts von diesem Urknall, den Ralph Alpher, George Gamov und andere Physiker favorisierten. Hoyle vertrat das Steady-State-Modell, nach dem das Universum ewig und unveränderlich ist und neue Galaxien inmitten alter geboren werden.
Welche ist die wahre Schöpfungsgeschichte der Moderne? Jahrzehntelang blieb dies unklar. Erst als Penzias und Wilson 1964 die (von Alpher und Gamov 1948 vorhergesagte) kosmische Hintergrundstrahlung (Radiostrahlung aus der Urzeit des Universums) entdeckten und endgültig als am 23.4.1992 die Ergebnisse der Auswertungen des COBE Satelliten in einer Pressekonferenz verkündet wurden, die besagten, daß die kosmische Hintergrundstrahlung unregelmäßig verteilt ist (was wiederum besagt, daß die Bildung von Galaxien möglich war), erst da waren die Würfel gefallen.
Unsere Welt hatte einen neuen Schöpfungsmythos. Mit dem Logo: Big Bang. Der Schöpfer des Wortes starb 2001. Bis in seinen Tod hinein konnte sich Fred Hoyle nicht mit dem Urknall anfreunden.
Andere wiederum nicht mit seiner Wortschöpfung. 1992 diskutierten Calvin und Hobbes auf MTV über die Häßlichkeit des Wortungetüms >Big Bang<. Calvin schlug stattdessen "Horrendous Space Kablooie" (Schreckliches Weltraumratazong) vor. Tatsächlich gab es Kosmologen die den Big Bang zeitweilig HSK nannten. HahaSK! Wissenschaftsgeschichte kann lustig sein, wenn Simon Singh von ihr schreibt und sie ist in jedem Fall spannend, was jeder zu bestätigen weiß, der "Fermats letzter Satz" gelesen hat. Auch hier gelingt Singh wieder ein großer Wurf. Fesselnd beschreibt er das Ringen der Wissenschaft um die eigene Schöpfungsgeschichte und schön ist auch, daß er im Epilog diese Geschichte noch einbettet und ihr ein Gutenachtlied singt. Dies Lied handelt unter anderem von Calvin und Hobbes, aber auch vom Papst und ebenso vom Buch des britischen Astronomen Martin Rees mit dem Titel "Just Six Numbers". Darin beschreibt Rees, was wäre wenn sechs physikalische Konstanten anders wären als sie sind. Beispielsweise die starke Wechselwirkung, die 0,007 (James Bond läßt grüßen) beträgt. Rees beschreibt, was anders wäre, wenn die Konstanten anders wären und daß alle Lebendigkeit zum Teufel wäre, zum Zahlenteufel, wenn nicht all diese sechs Zahlen genauso sind wie sie sind. Hmm?!
Aber das ist schon wieder ein anderes Buch. Dieses reicht erstmal. Denn es ist wirklich gut.


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