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Rezensionen verfasst von
Ulrich Kudoweh
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Edition Bachakademie Vol. 120 (Suiten für Violoncello solo)
Edition Bachakademie Vol. 120 (Suiten für Violoncello solo)
Preis: EUR 20,99

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pergamenschtschikow - die ausdrucksstarke Referenz, 11. September 2007
Vier Aufnahmen der Cellosuiten sind mir wichtig geworden. Ich möchte sie nicht mehr missen: die jeweils zweite Einspielung durch Anner Bijlsma von 1992, Pieter Wispelweij (1998) und Julius Berger (1995/96) sowie die hier vorliegende Einspielung durch Boris Pergamenschtschikow von 1998. Natürlich habe ich noch weitere Einspielungen, und eine ganze Reihe anderer habe ich wegen "Glattheit", Langweiligkeit - oder neutral: weil ich "keinen Zugang" zu ihnen gefunden habe - wieder verkauft, darunter solche von Ma oder Maisky. Aber die genannten vier: sie stecken für mich den Raum ab, in dem sich die sechs Suiten definieren. Vielleicht könnte man noch die Aufnahme durch Heinrich Schiff hinzunehmen, so wäre jeder, der sich mit den Suiten ernsthaft auseinander setzen will, gut bestückt.

Welche Lücke unter den Cellisten der frühe Tod Pergamenschtschikows hinterlässt, offenbart - neben seiner Einspielung von Brittens dritter Solosuite und anderen Werken der moderneren Cellosololiteratur - vor allem auch diese Aufnahme der Cellosuiten Bachs. Sein Ton ist von größter Schönheit, runder Sonorität, reiner Klarheit, vielfältig wird seine Tongebung durch das edle Instrument unterstützt, ein Domenico Montagnana von etwa 1735. Pergamenschtschikow pflegt Tonschönheit jedoch nie um der Schönheit willen, er findet zu einem Ausdrucksspektrum, das einmalig ist, sein Spiel überzeugt in jeder Fassette. Er nähert sich dem Tanzcharakter eines jeden Suitensatzes in subtiler Ausdeutung an, nicht einen der von ihm gespielten Sätze höre ich, dessen Ausführung ich nicht als maßgeblich empfinden würde.

Pergamenschtschikow spielt nicht historisierend im eigentlichen Sinne, benutzt sein Instrument mit moderner Technik. Soweit ich dies hören konnte, stimmt er die A-Saite in der fünften Suite nicht herab und spielt auch die sechste Suite unverändert auf seinem viersaitigen Cello. Gleichwohl ist dies eine deutlich auf historischer Informiertheit basierende Interpretation. Sein Spiel mit einer unendlichen Vielzahl unterschiedlichster Ausführungsformen nutzt die ganze Verzierungspalette, die nach heutigem Kenntnisstand die Barockzeit dem Musiker zur Verfügung stellte. So erreicht er Spannung durch Vielfalt, fesselt unmittelbar durch seine Gestaltung.

Die Aufnahme wurde in einem Tonstudio erstellt, sie erscheint im Vergleich zu anderen - z. B. zu Julius Bergers Einspielung - etwas trocken, überzeugt aber dennoch, weil sie zwar nicht den Raum, aber das Instrument umfassend einfängt.

Für mich ist dies eine der Referenzaufnahmen, insbesondere auch für die schwierige sechste Suite und insoweit allemal auf dem viersaitigen Cello: sie führt die Reihe der vier oben genannten Referenzen an.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 25, 2014 6:27 PM MEST


Suffer the Little Children: (Brunetti 16)
Suffer the Little Children: (Brunetti 16)
von Donna Leon
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Babyhandel in Venedig, 10. September 2007
Erneut ein großartiges Buch von Donna Leon: Ein typischer Vertreter des familienzentrierten sozialkritischen Kriminalgenres, das Donna Leon entwickelt hat.

Wieder führt die Autorin uns an Venedigs Kanälen entlang, lässt uns in Venedigs Atmosphäre, in den Gedanken an die venezianische Küche schwelgen. Fein zeichnet sie, wie gewohnt, die handelnden Personen durch. Der Familienmensch Brunetti im Kreis seiner Familienmitglieder steht genauso bildhaft vor dem Leser, wie der Kommissar als Ermittler, der mit allzu modernen Ermittlungsmethoden - wie z. B. dem Internet - so seine Schwierigkeiten hat und trotzdem den Weg zur Lösung seiner Fälle findet. Kritisch setzt sich die Autorin mit Problemen auseinander wie dem Handel mit Babies vor dem Hintergrund der sinkenden Fertilität in den westlichen Industrieländern, oder dem durch Redundanzen bedingten Effizienzverlust infolge von Zuständigkeitsstreitigkeiten zwischen Italiens militärischer Polizei Carabinieri und der lokalen zivilen Polizeibehörde Venedigs, in der Brunetti arbeitet: sein feines Gespür für den effektivsten Umgang mit den Carabinieri wird deutlich.

Anscheinend werden Frau Leon diejenigen Merkmale ihrer "Schreibe", die ich als so vorteilhaft empfinde und deretwegen ich ihre Bücher lese, von anderen zum Vorwurf gemacht. Die nicht endende Spannung der Geschichte - das Buch wollte ich nicht aus der Hand legen -, gepaart mit ihrer meisterlichen Erzählkunst und ihrer Fähigkeit, uns ihre Personen "persönlich" nahe zu bringen, überzeugen mich auch bei diesem Buch wieder. Ich fühle mich als Beobachter fast in diese Familie einbezogen.

Die warme Zeichnung dieser Stadt und ihrer Menschen lässt uns mit der tröstlichen Gewissheit zurück, dass trotz der Verbrechen, die Commissario Brunetti und seinen Mitstreitern das Leben schwer machen, dieses Leben weiter geht, ja, dass in Venedig die Welt noch in Ordnung ist.

Meine Ansicht über dieses Buch: eines ihrer besten.


Sonatas Op.38/Op.78/Op.120 1
Sonatas Op.38/Op.78/Op.120 1

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Fest, 12. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Sonatas Op.38/Op.78/Op.120 1 (Audio CD)
Ein Fest und ein Muss ist diese Hybrid-SACD - abgehört habe ich die CD-Spur an Kopfhörern - für jeden Freund besonders schön klingender Musikinstrumente, jeden Cellofan, jeden Brahms-Liebhaber und jeden Verehrer von Pieter Wispelweijs Kunst.

Die drei mit Cello und Klavier eingespielten Werke von Johannes Brahms erfassen den Zeitraum von 1865 mit der ersten Cellosonate op. 38 über die erste Violinsonate op. 78 von 1878, deren Einrichtung für Cello und Klavier Brahms selbst zugeschrieben wird, bis zur ersten Klarinetten-/Bratschen-/Geigensonate op. 120 Nr. 1 von 1894, die Wispelweij für seine Besetzung bearbeitete - also einen wesentlichen Teil der Zeit, in der Brahms kammermusikalisch komponierend aktiv war. Schon diese zeitlich übergeordnete Zusammenschau macht die Auswahl für den Brahms-Liebhaber interessant.

Dies um so mehr, als hier zwei Interpreten an den Werken arbeiten, die in beglückender Vollkommenheit aufeinander eingespielt zu sein scheinen. Wispelweij und Dejan Lazic haben zuletzt die Beethoven-Sonaten und -Variationen und davor schon Chopin-Walzer und die Sonaten von Shostakovich, Prokofiev und Britten eingespielt, und diese intensive Duoarbeit trägt hörbar auch in der vorliegenden Einspielung ihre Früchte. Das Ergebnis ist nicht nur ein perfektes (nicht kalt perfektionistisches!) kammermusikalisches Zusammenspiel - die beiden hören, singen und fühlen auch ihre Musik gemeinsam und stimmig. Das ist alles sehr mitreißend anzuhören, kann den Zuhörer einfach nicht unbeteiligt lassen, zieht ihn sogartig in die Musik hinein - ohne aber jemals aufdringlich gefühlig zu sein: die Musiker finden zugleich die rechte Distanz, um nicht etwa romantisierend oder gar kitschig zu werden (kann man Brahms wohl eigentlich jemals kitschig spielen???).

Und zugleich finden sie die gerade in diesen Sonaten, vor allem den beiden Cellosonaten, so überaus schwer herzustellende Balance zwischen den beiden Instrumenten: Lazic kann seinen Steinway D an den entsprechenden Stellen inbrünstig ausspielen, ohne Wispelweijs Cello zuzudecken. Dazu braucht es natürlich einerseits ein Cello von so rundem, vollem Charakter, wie er diesem Guadagnini zueigen ist, aber auch die Fähigkeit des Pianisten, seinen Überschwang sensibel zurückzunehmen und auf das Cello abzustimmen. Andere haben dieses Gleichgewicht durch Verwendung eines historischen Instrumentes erreicht, wie etwa Peter Bruns, der sein Tononi-Cello durch Olga Tverskaya auf einem Erard-Hammerklavier von 1850 begleiten lässt - dies entspricht auch den gegenüber dem Guadagnini eher eingeschränkten klanglichen Möglichkeiten des Tononi-Cellos, das neben einem modernen Flügel schwer vorstellbar ist. Anner Bijlsma hat die Balance-Problematik etwas entschärft, indem er Lambert Orkis den Paderewski-Steinway von 1892 an die Hand gab - eine sehr reizvolle Klangvariante, obwohl das "Servais"-Stradivari hörbar sehr wohl über die Reserven verfügt, neben einem modernen Flügel zu bestehen.

Was diese Einspielung für mich zum besonderen Leckerbissen macht, ist dieses von Wispelweij gespielte Instrument, ein Cello von Giovanni Battista Guadagnini von 1760. Ein höchst individueller Klang, reich und vielfältig, rund und vollkommen, in seinem Kern warm und weich, in allen seinen Facetten bezaubernd. Ich gestehe, in dieses Instrument habe ich mich sofort verliebt.

Allerdings scheint es so zu sein, dass Brahms' Cellosonaten scheinbar das Beste in jedem Instrument erwecken, aus jedem Cello herauslocken. So ist es mit dem von Bijlsma in den Brahms-Sonaten gespielten Stradivari "Servais" von 1701, ebenso mit Casals' Tononi-Cello von 1730, das Bruns in seiner Aufnahme spielt, und auch in anderen Einspielungen. Wann immer die Interpreten dem Instrument den Raum geben, zu schwingen und sich zu entfalten - die beiden genannten tun dies ebenso wie Wispelweij -, ergibt sich die Gelegenheit zu einer so beglückenden Erfahrung des Celloklangs. Dies gelingt - um nur ein Gegenbeispiel zu nennen - Mstislaw Rostropovich in seiner Liveaufnahme von 1960 mit Alexander Dedukhin (Brilliant-Box) leider überhaupt nicht: er bleibt eng und gehetzt, weder die Musik noch sein Instrument dürfen aufblühen - schade. Auch Truls Moerk bleibt mit Helene Grimaux an der Oberfläche - sehr korrekt, sehr schön, ohne jedoch den Hörer abzuholen, ohne die Tiefen und Untiefen der Musik auszuloten.

Vornehm, sensibel, romantisch fühlend - diese Herangehensweise kennzeichnet diese Interpretationen aller drei hier eingespielten Werke durch diese Musiker. Der Ton, den insbesondere Wispelweij hier trifft, zeichnet einen Brahms, wie wir ihn vielleicht noch nicht, oder jedenfalls noch nicht oft hören durften. Ich ziehe diese Interpretation der ersten Cellosonate nun sogar derjenigen von Bijlsma vor, die bislang, auch wegen des dort zu hörenden wundervollen Instrumentes, die mir liebste war. Gegenüber seiner eigenen Einspielung der ersten Geigensonate, die er 2001 mit Paolo Giacometti ebenfalls bei Channel Classics herausbrachte, hat sich Wispelweij deutlich entwickelt, das Stück anscheinend völlig neu erarbeitet. Die neue Einspielung atmet nun eine Sensibilität und Differenziertheit in der Herangehensweise, die der ersten Einspielung in ihrer Unbekümmertheit noch abging. Dies erinnert an die Feinfühligkeit, mit der Viktoria Mullova und Piotr Anderszewski das Stück angingen. Dies alles gilt in ähnlicher Weise für die Aufnahme der ersten Klarinettensonate - und erstaunlich: Wispelweij lässt sein Cello so wundervoll singen und schwingen, dass der Klang dieses Guadagnini sich viel näher an Martin Frösts Klarinette als an Kim Kashkashians Bratsche zu orientieren scheint - auch hier eine Auffassung von höchster Sensibilität.

Wie gerne würde ich mich schon jetzt auf die Einspielung dieser beiden von Brahms' zweiter Cello- und zweiter Klarinettensonate freuen - hoffen darf man ja ...


Beethoven: Klavierkonzerte 1-5
Beethoven: Klavierkonzerte 1-5
Preis: EUR 11,99

38 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Historisch-informiert zwischen Barock und Moderne, 19. März 2003
Rezension bezieht sich auf: Beethoven: Klavierkonzerte 1-5 (Audio CD)
Was soll dabei herauskommen, wenn ein Hauptstreiter der historischen Informiertheit und ein Spezialist für die Moderne sich zusammenfinden, um Beethoven zu zelebrieren? Wie so oft: Die scheinbare Distanz von beiden Extremen her klärt und befeuert den Blick aufs Wesentliche.
So sind dabei herausgekommen: sehr differenzierte, sensible, in hohem Maße spontane, sinnliche und sinnvolle Lesarten der Konzerte, die den lyrischen Anteilen jedes einzelnen Konzertes ebenso ihren Platz einräumen wie ihren epischen Schwerpunkten.
Wer Pierre-Laurent Aimard einmal - z. B. in einem Gesprächskonzert - dabei erleben durfte, wie er etwa ein Klavierwerk von Boulez in seinen Einzelheiten und Strukturen diskutiert, dabei häppchenweise vorträgt und schließlich im Ohr des Zuhörers zusammenfügt und verstehbar macht, wird seine überlegenen analytischen, ebenso aber auch seine pädagogischen Fähigkeiten hinreichend schätzen. Diese Analytik ist Grundlage jeder Arbeit an der vielgeschundenen, hinreichend verkarajanisierten Ästhetik Beethoven'scher Musik, und zugleich ist sie offenbar der Treffpunkt zweier scheinbar so gegensätzlicher Ansätze, von denen Harnoncourt hie und Aimard dort herkommen.
Dabei ist es ganz hinreißend, was die beiden aus den so sattsam bekannten Werken an Neuem, Unerhörtem herausholen. Die Durchsichtigkeit des Orchesterklangs, den Harnoncourt aus dem Chamber Orchestra of Europe herauszaubert, schreitet von einem Hörgenuss zum nächsten musikalischen Höhepunkt. Und die Art und Weise, mit der Aimard sich in das Geschehen einfügt, ist vom Feinsten - übrigens nach den (leider im Substantiellen auf der Sachebene recht dürftigen) Ausführungen im Booklet in Verfolgung eines der erklärten Ziele: sich fernab vom Tastendonner und Virtuosentum zu bewegen.
Feinsinniges, hochsensibles Spiel mit dem Gespür für jede Kleinigkeit kennzeichnet das, was Aimard hier darbietet, ein Spiel, das durch eine Charakteristik besonders auffällt: es "perlt", mit einer ganz besonderen Leichtigkeit, und diese Leichtigkeit tut dieser Musik unendlich gut. Sie paart sich mit einem ungetrübten Gefühl für alle lyrischen, epischen und sonstigen Ausdrucksmomente in dieser Musik, die aufzugreifen Aimard mit seinen Mitstreitern versteht; man höre nur einmal darauf, wie er in der Exposition des Kopfsatzes im 2. Konzert die Solopassage angeht - dieser Ausdruck dürfte selten geworden sein.
Andererseits will ich auch noch ein wenig nörgeln: Vielleicht sind die ersten beiden Konzerte die schwierigsten überhaupt. Vielleicht aber schreien gerade sie nach historischem Instrumentarium. Jedenfalls: so überzeugend, wie die Einspielung der Konzerte Nrn. 2 und 1 durch Levin und Gardiner (diese möchte ich nicht missen!), empfinde ich das, was Aimard und Harnoncourt hier vorlegen, nicht. Und ein Ankerpunkt hierzu wird das völlig andere Tempo sein. Aimard merkt hierzu an, die Nutzung des modernen Instrumentariums erfordere langsamere Tempi, als vom Komponisten vorgeschrieben. Die Prämisse mag man mit einem Fragezeichen versehen dürfen. Mindestens mag sie die Frage erlauben, ob dies denn nicht der Nutzung des modernen Instrumentariums gerade entgegenstehe.
Vergleicht man Aimards und Harnoncourts Tempi mit anderen Aufnahmen, gehören sie ganz sicher nicht in die Kategorie Raser - ganz im Gegenteil. Dessen ungeachtet gilt: Es dürfte schwer fallen, ähnlich rundum überzeugende Aufnahmen der Klavierkonzerte unter den bisherigen Einspielungen zu finden oder aber vorzulegen. Das gilt auch und sogar für die ersten beiden Konzerte, wenn man denn die grundsätzliche Entscheidung gutheißt, modernes Instrumentarium zu verwenden.
Bevor er Harnoncourt kennenlernte, hatte Aimard nicht daran gedacht, jemals die alten "Schlachtrösser" der Klaviersymphonik einzuspielen. Wie gut, dass Harnoncourt ihn überzeugen konnte! Diese Live-Einspielungen sind echte Bereicherungen des an - auch sehr guten - Parallelaufnahmen wahrlich nicht armen CD-Marktes. Dafür sei den beiden großer Dank gesagt!


Violinkonzert , Doppelkonzert
Violinkonzert , Doppelkonzert
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 63,87

36 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fesselnd und detailgenau - statt einfach nur groß, 22. Januar 2003
Rezension bezieht sich auf: Violinkonzert , Doppelkonzert (Audio CD)
Auch auf die Gefahr, mich zu disqualifizieren: mit diesem Violinkonzert habe ich so meine Schwierigkeiten. Keine Frage: Menuhin mit Furtwängler, Oistrakh, Perlman, Stern, Mutter, ihrer aller Einspielungen haben ihre Meriten, und doch: in meinen Ohren gerät der große Bogen vielfach nur langatmig, das Bemühen um einen "deutschen Brahms" gerät mir oft zu pauschal und freudlos.
In dieser Einspielung mit Kremer und Harnoncourt war ich dann verblüfft, das zu hören, was ich so lange gesucht hatte:
Lebendige Musik, die nicht zum Denkmal erstarrt war; Umsetzung des Notentextes in allen Details, wie man es von dem Authentiker Harnoncourt genauso wie von Kremer erwarten würde; eine aufregende Behandlung des Instrumentes, die die klanglichen Möglichkeiten der Geige ausnutzt, um Brahms' Charakterstärke und -vielfalt zu skizzieren: Bloßer "Schönklang" um des reinen Schmelzes willen scheint Kremer fremd zu sein, und das macht seine Aussage sprechend.
Ein hervorragend aufgelegtes Concertgebouw-Orkest unter Harnoncourt trat an diesem Konzertabend neben Kremer, um im besten Sinne Zwiesprache mit ihm zu halten. Und auch dies ist wieder kennzeichnend für die Aufnahme: Menschen haben sich zusammengefunden, um miteinander zu musizieren; das ist doch selten geworden, gerade bei diesem Konzert.
Das Fazit: eine uneitle, aber aufregende, höchst detailgenaue, deshalb intensive, nachgerade kammermusikalische, insgesamt atemberaubende Einspielung, die ich nicht mehr missen möchte.


Sinfonien 4 und 6
Sinfonien 4 und 6
Wird angeboten von FastMedia "Versenden von USA"
Preis: EUR 87,48

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berglunds Sibelius - die Kargheit finnischer Landschaften?, 6. Januar 2003
Rezension bezieht sich auf: Sinfonien 4 und 6 (Audio CD)
Symphonien von Sibelius - und dann gespielt von einem Kammerorchester? Fehlt da nicht etwas an Fülle?
Die zeitliche Einordnung der Musik Sibelius' in den Kanon seiner Zeitgenossen Mahler - R. Strauss - C. Nielsen bringt atmosphärische Vorgaben mit, die zumindest seine 4. Symphonie 1910/11 nicht so recht einhalten zu wollen scheint. Das weltläufige Schwelgen in romantischer Grossartigkeit ist ihr Anliegen nicht. Eher schon lässt sich hören, dass Sibelius seine Tonsprache hier reduzierte, mit spartanischer Kargheit umging - vielleicht seine modernste Äußerung.
Paavo Berglund dürfte derjenige Dirigent sein, der sich zeitlebens dauerhaft und am Nachhaltigsten mit Sibelius beschäftigt hat. So stellt seine Aufnahme der 4. und 6. Symphonie mit dem Chamber Orchestra of Europe als Bestandteil seiner dritten (!) Gesamteinspielung das Dokument seiner sehr persönlichen, in dieser intensiven Auseinandersetzung gründenden Auffassung dar. In seiner Konsequenz ist dieses Dokument einmalig insofern, als Berglund sich durch die Betonung der aus der 4. Symphonie sprechenden Kargheit und Reduktion von anderen Auffassungen deutlich abhebt.
Man hat das alles schon glutvoller, vollblütiger gehört, geradezu ein Fest der Sinne, wenn Karajan die Vierte zelebrierte, oder Colin Davis. Das sind Auffassungen, die ihre Meriten haben. Aber diese Rauschhaftigkeit, dieser Reichtum, hat das noch etwas gemein mit der von Sibelius verwandten Ton- und Formensprache? Oder geht Sibelius' Vierte ihrer Individualität verlustig, wenn sie mit Mahler's Fünfter und Strauss' Alpensymphonie mal eben so um der Effekte willen über einen Kamm geschoren wird?
Berglund nimmt keinen Effekt nur um des Effektes willen mit, keine Extraversion, wo sie nicht hingehört. Wer die "aufgedonnerte" Herangehensweise eines Karajan oder Levine kennt und als "den Sibelius" meint ausgemacht zu haben, wird verblüfft sein über die schlanke und fast zurückgezogene Aussage, zu der Berglund und sein C. O. E. sich fern von allen Allgemeingut-Vorstellungen, wie Sibelius zu spielen sei, versammeln: das ist reiner Dienst an der Musik, selbstlos auf der Suche nach ihrer Seele.
Eine frische, unprätentiöse, hervorragend vorbereitete und eingespielte Auffassung, die in ihrem Gehalt polarisieren muss, überaus spannend, geradezu aufregend und im eigentlichen Sinne eine Referenz.


Sinfonien 4 und 6
Sinfonien 4 und 6
Wird angeboten von FastMedia "Versenden von USA"
Preis: EUR 87,48

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berglunds Sibelius - die Kargheit finnischer Landschaften?, 6. Januar 2003
Rezension bezieht sich auf: Sinfonien 4 und 6 (Audio CD)
Symphonien von Sibelius - und dann gespielt von einem Kammerorchester? Fehlt da nicht etwas an Fülle?
Die zeitliche Einordnung der Musik Sibelius' in den Kanon seiner Zeitgenossen Mahler - R. Strauss - C. Nielsen bringt atmosphärische Vorgaben mit, die zumindest seine 4. Symphonie 1910/11 nicht so recht einhalten zu wollen scheint. Das weltläufige Schwelgen in romantischer Grossartigkeit ist ihr Anliegen nicht. Eher schon lässt sich hören, dass Sibelius seine Tonsprache hier reduzierte, mit spartanischer Kargheit umging - vielleicht seine modernste Äußerung.
Paavo Berglund dürfte derjenige Dirigent sein, der sich zeitlebens dauerhaft und am Nachhaltigsten mit Sibelius beschäftigt hat. So stellt seine Aufnahme der 4. und 6. Symphonie mit dem Chamber Orchestra of Europe als Bestandteil seiner dritten (!) Gesamteinspielung das Dokument seiner sehr persönlichen, in dieser intensiven Auseinandersetzung gründenden Auffassung dar. In seiner Konsequenz ist dieses Dokument einmalig insofern, als Berglund sich durch die Betonung der aus der 4. Symphonie sprechenden Kargheit und Reduktion von anderen Auffassungen deutlich abhebt.
Man hat das alles schon glutvoller, vollblütiger gehört, geradezu ein Fest der Sinne, wenn Karajan die Vierte zelebrierte, oder Colin Davis. Das sind Auffassungen, die ihre Meriten haben. Aber diese Rauschhaftigkeit, dieser Reichtum, hat das noch etwas gemein mit der von Sibelius verwandten Ton- und Formensprache? Oder geht Sibelius' Vierte ihrer Individualität verlustig, wenn sie mit Mahler's Fünfter und Strauss' Alpensymphonie mal eben so um der Effekte willen über einen Kamm geschoren wird?
Berglund nimmt keinen Effekt nur um des Effektes willen mit, keine Extraversion, wo sie nicht hingehört. Wer die "aufgedonnerte" Herangehensweise eines Karajan oder Levine kennt und als "den Sibelius" meint ausgemacht zu haben, wird verblüfft sein über die schlanke und fast zurückgezogene Aussage, zu der Berglund und sein C. O. E. sich fern von allen Allgemeingut-Vorstellungen, wie Sibelius zu spielen sei, versammeln: das ist reiner Dienst an der Musik, selbstlos auf der Suche nach ihrer Seele.
Eine frische, unprätentiöse, hervorragend vorbereitete und eingespielte Auffassung, die in ihrem Gehalt polarisieren muss, überaus spannend, geradezu aufregend und im eigentlichen Sinne eine Referenz.


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