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Rezensionen verfasst von
A. Zanker (CH)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Straße der Wunder
Straße der Wunder
von John Irving
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

3.0 von 5 Sternen Langatmiger Stoff, mit wenig Neuem, 15. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Straße der Wunder (Gebundene Ausgabe)
Dies ist mein 4. Irving, und leider muss ich mich dem Kommentar von Uwe Wittstock anschliessen, (der in der Besprechung im Literarischen Quartett vor kurzem, doch eine profunde Bewertung über Irvings neues Buch abgab) wenn ich meine Leseerfahrung abgleiche, so muss ich doch sagen, dass ich seine Meinung und was er von diesem Buch hält, am Treffendsten finde. Wie schon vermutet, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass von den 14. Romanen von Irving, wohl das mittlere Drittel zu seinen besten Werken gehört. So sehr ich z.B. Bis ich dich finde (detebe) begeistert, so enttäuscht bin doch ein wenig, bei diesem neuen Buch von diesem Jahr. Leider mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Schriftsteller mit ihrem älter werden, nicht mehr an ihre frühen Formen heranreichen. So auch hier. "Ein typisches Alterswerk", dem es leider an Spannung fehlt, Themen die sich wiederholen und dadurch auch etwas ausgetreten anfühlen. Dazu kommt auch, dass man bei diesem Umfang von immerhin 770 Seiten, nicht wirklich am Ende belohnt wird. In einem Interview von Irving wehrt er sich zur Kritik, dass er wieder Themen wie Abtreibung, Religiosität, Homosexualität aufgreift, nur wirklich überzeugen tut das nicht. Ich schätze diesen Autor wirklich sehr, und bin leider von diesem Buch ein wenig enttäuscht, umso mehr ein Grund, sich auf frühere Bücher dieses grossartigen Autors zu konzentrieren, als sich über seine späteren Werke zu ärgern....Vermutlich werden Irving-Leser hier zuschlagen, doch auch diese dürften nicht so richtig auf ihre Kosten kommen...

Irving erzählt von einem Geschwister-Pärchen, Juan Dieso und Lupe, die auf einer Mülldeponie aufwachsen, wo Müll gesammelt wird. Sie sind beide im Pubertätsalter, und schon bald springen wir aufgrund der Zeitsprünge hin und her, erleben vor allem den Helden des Romans "Juan Diego" als Erwachsenen, der Schriftsteller ist. Wir lernen verschiedene Bezugspersonen, der Waisen kennen, wozu auch ihre Mutter gehört, die als Putzfrau und Prostituierte arbeitet. Zum Kostbarsten dieser Geschichte, gehört sicherlich die Verbindung, die Beziehung der beiden Geschwister, die durch und durch etwas unausgesprochenes Intimes an sich hat. Lupe zeichne sich dadurch aus, dass sie Gedanken von Menschen lesen kann. Eine entwaffnende Eigenschaft. Wir sind in Mexiko, und so spielen u.A. Personen, wie der Chef der Mülldeponie und versch. Priester die Rolle von Bezugspersonen, die sich dann auch für die beiden Juan Diego und Lupe verantwortlich fühlen. Irgendwann, entsteht die Idee die beiden in einem Zirkus zu integrieren. Wir erleben Aufstieg und Fall einer Zirkusgemeinschaft. Hunde sterben auf der dortigen Mülldeponie, überhaupt ist der Tod ein stiller Anwesender hier, der seine Präsenz markiert. Was ist das nur für eine Mutter, die diese "Müllkippenkinder" haben, die sich im Übrigen schon bald hier verabschieden wird....

Irving erzählt vor allem die beiden Leben, dieser heimatlosen Kinder, die keine wirklichen Eltern haben. Ehrlich gesagt, konnte ich wenig von dieser ganzen Marienverehrung hier anfangen, die völlig breit ausgetreten wird. Naja und was soll man davon halten, dass ein Priester sich in einen Transvestiten verliebt und mit ihrem (Flor) eine Beziehung unterhält? Und was um Gottes Willen, soll ich nur von diesen ganzen Sexgeschichten, die Juan Diego mit Miriam und Dorothy hat? Irgendwie kriege ich diese ganzen Ebenen dann doch nicht wirklich zusammen, als dass man jetzt sagen könnte, dass diese ganzen Kompositionen ineinander laufen und wirken, Nein leider nicht. Was hier der Verlag auf dem Cover formuliert, nämlich dass Irving an seine grossen Erfolge (Owen Meany und Garp) anschliessen würde, ist reiner Humbug. Doch lernen wir das Leben sowohl auf einer Müllkippe kennen, als auch das Leben in einem Zirkus. Irgendwie konnte ich dieses Buch auch nicht schnell lesen und habe relativ lange gebraucht, abgesehen davon dass ich konstant dran bleiben konnte. Als Frage bleibt sicherlich, warum Irving den Leser z.T. mit Stoff zumüllt, die wir im Grunde schon von ihm kennen, rechnet er denn nicht damit, die Leser zu langweilen? Irgendwie, kann ich ihn dann doch nicht diesbezüglich wirklich verstehen. Doch was bleibt, ist die wunderbare Geschwisterliebe zwischen einem Jungen und einem Mädchen, die sich gegenseitig stützen und helfen. Doch den Rest, dieses Buch ist mindestens 300 (!) Seiten zu lang, dürfte man ziemlich schnell wieder vergessen, weil es ganz einfach den Geschmack des Abgenutzten nicht wirklich los wird. Hier wird die Vergänglichkeit des Lebens vor dem Hintergrund zweier Waisenkinder dargestellt. Und das mit unterschiedlicher Distanz.

Juan Diego mag das Alter Ego sein, doch auch als Schriftsteller, lernen wir ihn als Leser nicht wirklich in seiner Tiefe kennen. Ein Leben zwischen Betablocker und Viagra, naja was soll man davon halten? Geht es darum wie bewusst jemand mit seinen Medikamenten umgeht, vor allem wenn er Sex mit verschiedenen Frauen haben will, selbst wenn er dabei seine Gesundheit riskiert? Auch das Thema AIDS wird hier thematisiert, denn verschiedene Personen sterben hier daran. Geht es John Irving um Moral, wenn er einen Priester und einen Transsexuellen zusammenbringt? Was will uns John Irving mit dieser Geschichte vermitteln? Nicht zuletzt ist dieses Buch eine Konfrontation mit dem Tod. Dass Menschen einen 6.Sinn haben, weil z.B. Lupe Gedanken lesen kann? (Und sie nur ihr Bruder verstehen kann, der sie zum Verstehen anderen übersetzt) Das mag ja jeder Leser selbst interpretieren, doch so ganz schlüssig bin ich mir bei diesem Roman nicht. Wirklich glücklich bin ich diesem Buch nicht, was bleibt ist die Neugier auf seine früheren Werke. Übrigens kann man den Film über John Irving mittlerweile auf youtube ansehen, für den geneigten Leser...

Zitat: (641)
'Die Folge von Ereignissen, die Verbindungen in unseren Leben - das, was und dahin führt, wohin wir gehen, die Wege, denen wir folgen, um unsere Ziele zu erreichen, was wir kommen sehen und was nicht -, all das kann rätselhaft sein oder schlicht nicht zu erkennen oder aber offensichtlich.

PS: Ich kann diese 5* 'Rezensionen' beim besten Willen nicht ernst nehmen. Leider vermute ich dazu, dass jene nicht einmal das Buch gelesen haben. Reine Wichtigtuerei. Dieses Buch gehört mit Sicherheit zu den schwächsten Büchern von Irving, mag man ihn auch sonst so hoch wertschätzen, leider viel heiss Luft mit wenig Inhalt. (Buch wie die 5*-Rezis, mit nur einem Satz) Leider.


Tagebuch I (Thoreaus Tagebücher)
Tagebuch I (Thoreaus Tagebücher)
von Henry David Thoreau
  Tageskalender
Preis: EUR 26,90

3.0 von 5 Sternen Wenn die Natur zum Zauberer wird, 25. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der hier vorliegende Band ist der Auftakt zu einer zwölf-bändigen Reihe, (sofern man dem Verlag glauben mag) die sich an die amerikanische Ausgabe "Walden Edition" orientiert, die angeblich 14 Bände umfasste, Grundlage: (1906 bei Houghton Mifflin). Die damalige Ausgabe umfasste 7000 Seiten und einem Wortumfang von sage und schreibe 2 Mio.Wörtern. Um einen Vergleich anstellen zu können, werden hier 3 Auszüge mit der Ausgabe der Tewes Verlagsbuchhandlung vergleichen, die im Jahre 1996 von Susanne Schaup herausgegeben wurde: Aus den Tagebüchern 1837-1861 Was gleich anfangs hier erwähnt werden soll, dass die Ausgabe von Matthes und Seitz, also die hier vorliegende den Zeitraum vom Oktober 1837 bis Juni 1942 hier vorlegt. Während die Ausgabe von Susanne Schaupp ebenfalls im Oktober 1837 beginnt und dann aber im März 1861 endet. Grundlage: (Boston/New York 1906 / Hg. Bradford Torry und Francis Allen, 20-bändige Ausgabe bei Houghton-Mifflin) Ohne die Tewes Ausgabe gelesen sondern nur eingesehen zu haben, werde ich hier ein paar Vergleiche darstellen und mich ansonsten auf die hier vorliegende Ausgabe von Matthes und Seitz beziehen.

Hier vorab ein paar Vergleiche:

Matthes und Seitz

Cover: Gebunden, Rücken Leinen
Tagebucheinträge ohne Jahreszahlen
Ohne Lebensdaten / Zeittafel
Extras: keine
Mit einem Nachwort des Übersetzers Rainer G. Schmidt
Umfang 319 Seiten
Preis 26,90

Tewes Verlagsbuchhandlung Ausgabe von Susanne Schaub
Paperback Umschlag
Tagebucheinträge mit Jahreszahlen
Mit Lebensdaten / Zeittafel
Extras: Zeugnisse seines Sterbens
Mit einem äusserst informativen Vorwort der Herausgeb. Susanne Schaub
Umfang 287 Seiten
Preis 19,90

Zitate / Übersetzungen im Vergleich T= Tewes / MS= Matthes und Seitz

Zitat 1: MS / S. 40/41 (2. Dezemberhälfte 1838)
"Der Redner legt seine Individualität ab und ist dann am beredsamsten wenn er am stillsten ist. Er hört zu, während er spricht, uns ist, zusammen mit seinen Zuhörern, selbst ein Hörender. Wer hat dem unendlichen Lärm der Stille nicht schon gelauscht? Sie ist das Sprachrohr der Wahrheit, das jeder Mensch über der Schulter trägt und das er, wenn er will, sich ans Ohr halten kann."

T / S. 31 (Dezember 1838)
"Der Redner legt sein individuelles Wesen ab und ist am eloquentesten, wenn er am stillsten ist. Er hört zu, während er spricht, und wird gemeinsam mit seinem Auditorium zu einem Hörenden. Wer hat dem unendlichen Getöse nicht schon gelauscht? Sie ist das Sprachrohr der Wahrheit, das jeder Mensch sich über die Schulter hängt und an sein Ohr hält, wann immer er es will."

Zitat 2 / MS / S. 268 (24.12.1841)
"Ich möchte mich bald aufmachen und am Weiher vor mich hin leben; dort werde ich nur den Wind im Schilf flüstern hören. Es wird schon ein Erfolg sein, wenn ich mich selbst hinter mir gelassen habe. Aber meine Freunde fragen, was ich dort tun werde. Ist es nicht Beschäftigung genug, den Fortgang der Jahreszeiten zu beobachten?"

T / S. 48 (24.12.1841)
"Ich möchte bald fortgehen und am See leben, wo ich nur den Wind im Schilf flüstern höre. Das wird ein Erfolg sein, sofern es mir gelingt, mich selbst zurückzulassen. Aber meine Freunde fragen, was ich tun werde, wenn ich dort bin. Habe ich nicht genug zu tun, wenn ich das Fortschreiten der Jahreszeiten beobachte?"

Zitat 3 / MS / S. 266 (15.12.1841)
"Anscheinend finde ich in den Flechten auf dem Felsgestein mehr Bekanntschaft und Verwandtschaft als in irgendwelchen Büchern. Es ist, als besässe ich eine eigentümliche wilde Natur, die sich so sehr zu aller Wildnis hingezogen fühlt. Ausser meiner aufrichtigen Liebe zu manchen Dingen kenne ich keine ausgleichenden Eigenschaften in mir, und wenn ich getadelt werde, muss ich mich auf diesen Boden verlegen. Dieses mein Argument habe ich für alle Fälle in Reserve. Meine Liebe ist unverletzlich. Wer mir auf diesem Grund begegnet, wird mich stark finden. Wenn ich verurteilt werde, und ich verurteile mich selbst ganz und gar, denke ich sogleich: 'Aber ich vertraue ganz auf meine Liebe zu manchen Dingen.' Darin bin ich heil und ganz. Darin ist Gott meine Stütze."

T / S. 48 (15.12.1841)

"Mir scheint, ich sehe in der Moosflechte auf den Felsen mehr mir Verwandtes als in meinen Büchern. Ich habe wohl eine seltsam wilde Natur, die sich nach allem Wilden sehnt. Einzig und allein meine aufrichtige Liebe zu manchen Dingen mag mich entsühnen, und wenn ich getadelt werde, muss ich mich darauf berufen. Das ist mein Argument, das ich für alle Fälle in Reserve habe. Begegne mir auf dieser Ebene, und du wirst mich stark finden. Wenn ich verurteilt werde und selbst den Stab über mich breche, denke ich flugs:'Aber ich verlasse mich auf meine Liebe zu einigen Dingen.' Darin bin ich heil und ganz. Darin ist Gott mein Halt."

Nicht zuletzt steht dieser sprachliche Vergleich in Bezug zur Besprechung von Thorsten Gräbe in der FAZ vom 18.März 2016, der vor allem die schlechte Übersetzung von Rainer G. Schmidt in die Kritik dieser Neuausgabe stellt. Soweit so gut. Der Leser mag sich eine eigene Meinung bilden, vielleicht helfen die zitierten Textpassagen.

***

Die Tagebücher stellen das Urgestein seiner Auseinandersetzung mit der Natur von Henry David Thoreau dar, der von 1817 bis 1862 gelebt hat, also nur 44 Jahre alt wurde. Die Tagebücher werden als der 'Steinbruch', als das 'Urgestein' seiner inneren Auseinandersetzung verstanden, die vermutlich weder überarbeitet noch zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Eine Roh-Form. Während Thoreau an seinem Walden: oder Leben in den Wäldern über insgesamt 9 Jahre gearbeitet und 8mal umgeschrieben haben soll. Und natürlich sollen seine Tagebücher dafür die Grundlage gestellt haben. Angeblich sollen dort auch immer wieder Stellen heraus geschnitten sein, die die Edition der Tagebücher erschwerte. Doch kann man im Grunde diese beiden Werke nicht wirklich miteinander vergleichen. Walden ist und bleibt wohl sein einzigartigstes Werk. Vielleicht die Essenz seiner Tagebücher?

Wir lesen hier wirklich banale und anspruchsvolle Stellen zugleich. Z.T. habe ich den Schreibstil und deren Übersetzung wirklich schwierig und abstrakt empfunden, weil ich gar nicht immer verstanden haben, was er jetzt meint, oder wie das Ganze jetzt aufgefasst werden soll. Ich habe hier viele schlecht geschriebene Stellen gelesen, dieses Buch ist über weite Strecken nicht flüssig sondern teilweise eher sperrig zu lesen, vieles bleibt im Unverständlichen und ist schlicht zäh zu lesen. All zu Vieles ist wirklich Banales, was vielleicht bis zu einem gewissen Grad dem Genre 'Tagebücher' zu schulden ist, doch hat immerhin der Verlag entschieden, welche Stellen der amerikanischen Gesamtausgabe entnommen werden sollen. Man muss relativ weite Strecken hinter sich legen, um an so manche literarische Kostbarkeit oder manche Lebensweisheit zu gelangen, die dann doch - so scheint es- recht rar hier ausgelegt sind. Auch nicht Alles habe ich hier weise oder intelligent empfunden. Und man erfährt zumindest über diese hier vorgestellten 5 Jahre wenig über sein Beziehungsleben, sofern er überhaupt eines hatte, ebenso zu Bürgerkrieg und z.B. dem Thema Indianer, auch Sklaverei wird hier relativ wenig berichtet oder nur auf Nebenschauplätzen kurz angerissen. Was auch ein wenig komisch anmuten mag, dass man so manche Information aus z.B. einem Wikipedia-Eintrag erfahren hat, was hier nicht im Geringsten vorkommt, was dann doch ein wenig schade ist. Eine Information, zu den wichtigsten Stationen seines Lebens, hätte diesem Buch, vor allem bei diesem Preis gut getan, den ich im übrigen zu teuer empfinde. (Ich verstehe nicht, warum dieses Buch so teuer sein muss.)

Doch was bleibt nach dieser Lektüre, dass Thoreau ein Mensch war, der der Natur näher war als den Menschen. Einer der von der Natur verzaubert war und in der gesuchten Stille zu innerem Reichtum gelangte, der sicherlich massgeblich war, an seinem Walden-Buch, das heute noch ein vielgelesener Klassiker ist, gerade in einer solch stressigen und schnelllebigen Zeit, wie wir sie heute haben. Ein Natur-Philosoph der mit Ralph Waldo Emerson befreundet war und wohl auf dessen Rat hin, erst sich zum Tagebuchschreiben entschieden hat. Thoreau ist hier verliebt in die Natur, die für ihn wahrer Zauberer ist. Doch nimmt er sich auch Zeit, mit Philosophen auseinander zu setzen, auch Lebensfragen zu Liebe, Freundschaft, Gottgläubigkeit ins Zentrum seiner Gedanken zu stellen. Nicht ausser acht gelassen sollte sein, dass dieses Tagebuch sich auf die Lebensjahre 20-25 Jahre bezieht und er also damals noch relativ jung war. Erst auf sein Lebensende hin, interessierten sich plötzlich Verlage auch für seine Tagebücher. Vielleicht ist es eben dann doch seine freiwillige Askese, wo er 2 Jahre lang in jener Hütte am Walden-See hauste in den Jahren 1845 bis 1847, wo er eine innere Anziehung und einen inneren Reichtum erreichte, der vermutlich bis in die heutige Zeit hinein nichts an seiner Aktualität verloren hat, im Gegenteil. Doch dieser Band enthält die Zeit davor und lässt lediglich vermuten, wie weit er damit im Jahre 1845 gehen sollte, doch dieses Tagebuch endet im Jahre 1842, also drei Jahre bevor er seine Hütte in Concord, auf einem Grundstück von Emerson errichten sollte...Vielleicht ist es eben gerade dieses Zeitlose, dass Thoreau natürlich auch vermittelt und ungebrochen an seiner Attraktivität nichts verloren hat...


50 plus. Neuorientierung im Beruf
50 plus. Neuorientierung im Beruf
Preis: EUR 33,99

5.0 von 5 Sternen Mit über fünfzig schon zum alten Eisen?, 18. April 2016
"Der zweite Schritt der Orientierung besteht darin, sich ehrlich mit den eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten, aber auch mit seinen Werten, Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Nicht irgendein Job sollte im Idealfall das Ergebnis der beruflichen Neuorientierung sein, sondern eine Tätigkeit, in die möglichst viele der bislang gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse eingebracht werden können und die persönliche Weiterentwicklung zulässt." Das, so könnte man sagen, ist eines der Kernbotschaften dieses Buches, die es in gewisser Weise auf den Punkt bringt.

Hinweis: Ursprünglich wurde dieser Titel im Jahr 2011 unter dem Titel Mit Erfahrung punkten. Berufliche Neuorientierung mit 50+ veröffentlicht.

Zielgruppe dieses Buches sind Menschen in beruflicher Neuorientierung sind und bereits in den fünfziger Jahren sind, und es mit Sicherheit nicht gerade leicht haben, sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen. Man kann heute kaum noch die News im Internet lesen, ohne nicht von irgendwelchen Betriebsschliessungen und Entlassungen zu lesen, ganz aktuell heute: Die BATA Gruppe im Bereich Schuhe, schliesst hier in der Schweiz ca. 29 Filialen, 179 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle. Solche Meldungen gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Wirtschaftlich erleben wir im Moment einen immensen Umbruch. Angefangen von der Tatsache, dass immer mehr Menschen ihre Einkäufe im Internet tätigen, dass Schweizer immer mehr nach Deutschland gehen um dort ihre Einkäufe zu tätigen bis dahin dass die Wirtschaft schwer keucht, weil sie seit der Aufhebung des Euro-Mindest-Kurses der Schweizer Nationalbank nicht mehr richtig in die Gänge kommt. Die Arbeitslosigkeit ist in den letzten Monaten eher wieder gestiegen und es ist auch kein Geheimnis mehr, dass viele Schweizer Firmen ihre Produktionen ins Ausland, also in günstigere Produktionsländer verlagert, aufgrund der hohen Lohnkosten. Und der Gipfel: Hier werden immer noch Produkte teurer verkauft als z.B. in Deutschland, weil Hersteller und Handel die volle Kaufkraft abschöpfen wollen. Wettbewerbskommissionen kämpfen nur mit Teilerfolgen dagegen an. Und die FAZ schreibt: können wir uns die Schweiz noch leisten? Harte Zeiten.

Nach meiner Erfahrung gibt es mehr Menschen als man denkt, die entweder mit 50 nochmal neu anfangen wollen oder müssen. Entweder weil sie unzufrieden sind, weil sie ganz etwas anderes machen wollen oder weil sie ihre Stelle verloren haben. Das Buch gibt zum einen Motivation und vielleicht ist das ja das Wertvollste daran, nicht aufzugeben. Denn die Durststrecke zur nächsten Stelle kann länger dauern. Die beiden Autoren bringen u.A. Statistikwissen ein, etwa wie sich Geburtenjahrgänge, Rentenbezüger und auch das momentane Rentenalter zueinander beziehen, wir wissen ja alle, dass die Menschen früher jünger starben und die Lebenserwartung mittlerweile gestiegen ist, was einer der Gründe ist, warum immer auch das künftige Rentenalter von Frauen und Männern diskutiert werden. So gibt es natürlich auch Appelle an die Einstellungen des Lesers: "Von der Vorstellung, dass mit einer guten Ausbildung ein ganzes Berufsleben zu bewältigen ist, muss man sich verabschieden. Diverse Berufsstationen mit entsprechender Weiterbildung sind die Regel, kaum einer wir doch im ersterlernten Beruf pensioniert." Und natürlich hat jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit Veränderungen zu kämpfen oder damit sich zu arangieren, was hier sehr schön formuliert wird: "Wenn am Arbeitsplatz alles stimmt, dann gibt es keinen Grund für eine Neuorientierung. Menschen beginnen, sich neu zu orientieren, weil sie es wollen oder weil sie es müssen. Aber auch jene, die wollen, müssen auf die eine oder andere Art, weil die bestehende Situation einen Leidensdruck erzeugt, der sie zum Handeln zwingt."

Es ist unbestreitbar, dass eine neue Berufsorientierung, auch ein Hinterfragen der eigenen Rolle, der Ziele und der eigenen Werte bedeutet, was dann eben doch eine profunde Situation für jeden Betroffenen darstellt. Hier wird auch über die Kündigungsgründe reflektiert: "Eine weiterer Kündigungsgrund, der mit fast 40 Prozent (2010) häufig genannt wird, ist die 'Chemie' , ein vager Begriff. In den allermeisten Fällen geht es dabei um unterschiedliche Auffassungen zu operativen und strategischen Fragen, voneinander abweichende Erwartungen an die Führung, verschiedene Kommunikationsstile und ähnliches mehr." Immer wieder wird hier im Grunde dargestellt, dass die Betroffenen sich zwischen einer Opferhaltung und einer Verantwortungshaltung bewegen. "Es ist leichter für sie, sich als Opfer einer Umstrukturierung zu sehen, als für eine Situation Mitverantwortung zu übernehme: etwa dafür, dass man nicht genügend delegiert, den Kontakt mit dem Vorgesetzten gesucht oder eine neue Strategie umgesetzt hat. Den wahren Kündigungsgrund zu verschweigen, ist in jedem Fall schade, weil es die Betroffenen in ihrer Entwicklung ausbremst." Wer arbeitslos ist, muss aufgrund seiner Geldknappheit die Erfahrung machen, dass er auch u.U. am öffentlichen Leben weniger teilnehmen kann. Was natürlich auch eine Form der Isolation nach sich zieht. Dieses Buch geht auch ausführlich darauf ein, wie Menschen auch unter der Stellenlosigkeit leiden, das beginnt irgendwo bei Schlafstörungen und hört vielleicht irgendwo beim Genuss von Suchtmitteln auf. Denn ein Stellenverlust, ist meist überraschend, kann lebensbedrohend sein, wir können nicht flüchten sondern haben uns zu stellen, niemand kann uns in dieser Situation wirklich helfen und die Betroffenen sind "ausgeliefert" und brauchen eine Bewältigungszeit, um sich wieder entsprechend aufrichten zu können. Je nachdem kann eine Stellenlosigkeit zu den elementarsten Krisenbewältigungen gezählt werden, mit denen wir in der heutigen Zeit umzugehen haben, egal wie. Die Trennung von einem Arbeitgeber kann ebenso schmerzhaft wie eine private Trennung zu einem Partner empfunden werden. U. A. geht das Buch auch auf die sog. "Verbitterungstörung" ein, die gerade Menschen in einer solchen Phase durchleben können. Gerade ihr Entstehen und ihre Wirkung sind immens und wird eingehend hier erläutert. Doch nützt eine 'Opferhaltung' heute niemanden etwas, wenn es um die Stellensuche oder gar ein Vorstellungsgespräch geht. So werden hier auch verschiedene Nachteile aufgezeigt, etwa das z.B. temporäre Stellen in den meisten Stellen als negativ von Arbeitgebern gewertet werden. Beide Autoren haben zusammen eine Beratungspraxis, aus der sie auch Beispiele schildern, um ihr Wissen aus der Praxis zu stützen.

Viele der heutigen Belastungen haben sich vom physischen in den psychischen Bereich hineinverlagert. Die Menschen müssen zwar weniger körperlich arbeiten, jedoch sind auf der Seite die Psyche die Belastungen massiv angestiegen. Somit wird eben auch das ganze Thema 'Gesundheit' im Kontext von Stellenlosigkeit und Stellensuche hier eingehend dargestellt. Natürlich werden hier Fragen gestellt, wie etwa warum es den einen gelingt und den anderen nicht, wenn es um das Suchen einer neuen Stelle geht. Gerade der Umgang mit den eigenen Emotionen spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle, die nicht immer ganz einfach ist. Aus hat es immer wieder Konsequenzen, wenn von divergierenden Werten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Rede ist, weil es krankmachend sein kann. Die heutigen Kriterien nach einer Stelle richten sich nach der sog. 'Worklife-Balance' wo Stellensuchende eben auch mitbewegten, ob ein Chef gut ist, wie die Wertschätzung ist, ob es ein gutes Team und eine interessante Arbeit ist. Viele Menschen realisieren auch oft erst spät, dass vielleicht eine bisherige einseitige Ausrichtung in der Karriere auch einen körperlichen wie psychischen Raubbau an der eigenen Gesundheit sein kann. Viel zu sehr, nehmen auch Arbeitnehmer heute Bedingungen in der Arbeit im Grunde in Kauf, die sie letztendlich in ein unglückliches Leben manövrieren. Hier wird Heiko Ernst zitiert: "Über den Sinn des Lebens denken wir noch am ehesten in Zeiten von persönlichen Erschütterungen nach, also immer dann, wenn Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten abhanden kommen, wenn ein innerer und äusserer Zusammenhang verlorengeht - wenn alles auf dem Spiel steht."

Das Buch gibt auch Einblick, in welchen Branchen sich die Situation in den letzten Jahren verändert hat. Wo sind Stellen entstanden, wo gingen Stellen verloren? In welchem Stellenverhältnis steht z.B. das gewerblich-industrielle und der ganze Dienstleistungssektor, im Kontext zur Stellenentwicklung der letzten Jahre? Und natürlich steht immer wieder die eigene Auseinandersetzung mit der eigenen Person an erster Stelle: "In solchen Fällen lohnt es sich, sich über die eigenen Talente Fähigkeiten und Neigungen klar zu werden und zu überlegen, in welchem Kontext sie zur Entfaltung gebracht werden können." Der Einfluss von Leidenschaft die man für etwas hat, kann entscheidend auch in der Leistung sein, was wir arbeiten. "Leidenschaft macht Leistung." Wer aus einem Arbeitsverhältnis geschleudert wird , wird auch massiv aus seiner Comfortzone geschleudert. Natürlich sind Branchen- und Tätigkeitsbereich in einen künftigen Wechsel möglich, doch wird auch hier darüber geschrieben, dass eben auch Entscheidungen immer auch ihren Preis haben. Es geht darum wieder ins Handeln zu kommen, seine eigene Präsentation zu hinterfragen und zu optimieren. Es geht darum den Nutzen für den Arbeitgeber in den Mittelpunkt zu stellen. (Und nicht den Eigenen) Ein sehr wichtiges Buch, das jetzt gerade wieder neu aufgelegt wurde und aus meiner Sicht einen wertvollen Beitrag für Betroffene darstellt, die das 50. Lebensjahr bereits hinter sich haben.


Mit Erfahrung punkten. Berufliche Neuorientierung mit 50+
Mit Erfahrung punkten. Berufliche Neuorientierung mit 50+
von Brigitte Reemts Flum
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Mit über 50 schon zum alten Eisen?, 18. April 2016
"Der zweite Schritt der Orientierung besteht darin, sich ehrlich mit den eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten, aber auch mit seinen Werten, Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Nicht irgendein Job sollte im Idealfall das Ergebnis der beruflichen Neuorientierung sein, sondern eine Tätigkeit, in die möglichst viele der bislang gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse eingebracht werden können und die persönliche Weiterentwicklung zulässt." Das, so könnte man sagen, ist eines der Kernbotschaften dieses Buches, die es in gewisser Weise auf den Punkt bringt. Das vorliegende Buch wurde diesen März neu aufgelegt: 50 plus. Neuorientierung im Beruf. Das hier vorliegende Exemplar "Mit Erfahrung punkten" scheint wohl vergriffen zu sein. Zielgruppe dieses Buches sind Menschen in beruflicher Neuorientierung sind und bereits in den fünfziger Jahren sind, und es mit Sicherheit nicht gerade leicht haben, sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen. Man kann heute kaum noch die News im Internet lesen, ohne nicht von irgendwelchen Betriebsschliessungen und Entlassungen zu lesen, ganz aktuell heute: Die BATA Gruppe im Bereich Schuhe, schliesst hier in der Schweiz ca. 29 Filialen, 179 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle. Solche Meldungen gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Wirtschaftlich erleben wir im Moment einen immensen Umbruch. Angefangen von der Tatsache, dass immer mehr Menschen ihre Einkäufe im Internet tätigen, dass Schweizer immer mehr nach Deutschland gehen um dort ihre Einkäufe zu tätigen bis dahin dass die Wirtschaft schwer keucht, weil sie seit der Aufhebung des Euro-Mindest-Kurses der Schweizer Nationalbank nicht mehr richtig in die Gänge kommt. Die Arbeitslosigkeit ist in den letzten Monaten eher wieder gestiegen und es ist auch kein Geheimnis mehr, dass viele Schweizer Firmen ihre Produktionen ins Ausland, also in günstigere Produktionsländer verlagert, aufgrund der hohen Lohnkosten. Und der Gipfel: Hier werden immer noch Produkte teurer verkauft als z.B. in Deutschland, weil Hersteller und Handel die volle Kaufkraft abschöpfen wollen. Wettbewerbskommissionen kämpfen nur mit Teilerfolgen dagegen an. Und die FAZ schreibt: können wir uns die Schweiz noch leisten? Harte Zeiten.

Nach meiner Erfahrung gibt es mehr Menschen als man denkt, die entweder mit 50 nochmal neu anfangen wollen oder müssen. Entweder weil sie unzufrieden sind, weil sie ganz etwas anderes machen wollen oder weil sie ihre Stelle verloren haben. Das Buch gibt zum einen Motivation und vielleicht ist das ja das Wertvollste daran, nicht aufzugeben. Denn die Durststrecke zur nächsten Stelle kann länger dauern. Die beiden Autoren bringen u.A. Statistikwissen ein, etwa wie sich Geburtenjahrgänge, Rentenbezüger und auch das momentane Rentenalter zueinander beziehen, wir wissen ja alle, dass die Menschen früher jünger starben und die Lebenserwartung mittlerweile gestiegen ist, was einer der Gründe ist, warum immer auch das künftige Rentenalter von Frauen und Männern diskutiert werden. So gibt es natürlich auch Appelle an die Einstellungen des Lesers: "Von der Vorstellung, dass mit einer guten Ausbildung ein ganzes Berufsleben zu bewältigen ist, muss man sich verabschieden. Diverse Berufsstationen mit entsprechender Weiterbildung sind die Regel, kaum einer wir doch im ersterlernten Beruf pensioniert." Und natürlich hat jeder Mensch im Laufe seines Lebens mit Veränderungen zu kämpfen oder damit sich zu arangieren, was hier sehr schön formuliert wird: "Wenn am Arbeitsplatz alles stimmt, dann gibt es keinen Grund für eine Neuorientierung. Menschen beginnen, sich neu zu orientieren, weil sie es wollen oder weil sie es müssen. Aber auch jene, die wollen, müssen auf die eine oder andere Art, weil die bestehende Situation einen Leidensdruck erzeugt, der sie zum Handeln zwingt."

Es ist unbestreitbar, dass eine neue Berufsorientierung, auch ein Hinterfragen der eigenen Rolle, der Ziele und der eigenen Werte bedeutet, was dann eben doch eine profunde Situation für jeden Betroffenen darstellt. Hier wird auch über die Kündigungsgründe reflektiert: "Eine weiterer Kündigungsgrund, der mit fast 40 Prozent (2010) häufig genannt wird, ist die 'Chemie' , ein vager Begriff. In den allermeisten Fällen geht es dabei um unterschiedliche Auffassungen zu operativen und strategischen Fragen, voneinander abweichende Erwartungen an die Führung, verschiedene Kommunikationsstile und ähnliches mehr." Immer wieder wird hier im Grunde dargestellt, dass die Betroffenen sich zwischen einer Opferhaltung und einer Verantwortungshaltung bewegen. "Es ist leichter für sie, sich als Opfer einer Umstrukturierung zu sehen, als für eine Situation Mitverantwortung zu übernehmen: etwa dafür, dass man nicht genügend delegiert, den Kontakt mit dem Vorgesetzten gesucht oder eine neue Strategie umgesetzt hat. Den wahren Kündigungsgrund zu verschweigen, ist in jedem Fall schade, weil es die Betroffenen in ihrer Entwicklung ausbremst." Wer arbeitslos ist, muss aufgrund seiner Geldknappheit die Erfahrung machen, dass er auch u.U. am öffentlichen Leben weniger teilnehmen kann. Was natürlich auch eine Form der Isolation nach sich zieht. Dieses Buch geht auch ausführlich darauf ein, wie Menschen auch unter der Stellenlosigkeit leiden, das beginnt irgendwo bei Schlafstörungen und hört vielleicht irgendwo beim Genuss von Suchtmitteln auf. Denn ein Stellenverlust, ist meist überraschend, kann lebensbedrohend sein, wir können nicht flüchten sondern haben uns zu stellen, niemand kann uns in dieser Situation wirklich helfen und die Betroffenen sind "ausgeliefert" und brauchen eine Bewältigungszeit, um sich wieder entsprechend aufrichten zu können. Je nachdem kann eine Stellenlosigkeit zu den elementarsten Krisenbewältigungen gezählt werden, mit denen wir in der heutigen Zeit umzugehen haben, egal wie. Die Trennung von einem Arbeitgeber kann ebenso schmerzhaft wie eine private Trennung zu einem Partner empfunden werden. U. A. geht das Buch auch auf die sog. "Verbitterungstörung" ein, die gerade Menschen in einer solchen Phase durchleben können. Gerade ihr Entstehen und ihre Wirkung sind immens und wird eingehend hier erläutert. Doch nützt eine 'Opferhaltung' heute niemanden etwas, wenn es um die Stellensuche oder gar ein Vorstellungsgespräch geht. So werden hier auch verschiedene Nachteile aufgezeigt, etwa das z.B. temporäre Stellen in den meisten Stellen als negativ von Arbeitgebern gewertet werden. Beide Autoren haben zusammen eine Beratungspraxis, aus der sie auch Beispiele schildern, um ihr Wissen aus der Praxis zu stützen.

Viele der heutigen Belastungen haben sich vom physischen in den psychischen Bereich hineinverlagert. Die Menschen müssen zwar weniger körperlich arbeiten, jedoch sind auf der Seite die Psyche die Belastungen massiv angestiegen. Somit wird eben auch das ganze Thema 'Gesundheit' im Kontext von Stellenlosigkeit und Stellensuche hier eingehend dargestellt. Natürlich werden hier Fragen gestellt, wie etwa warum es den einen gelingt und den anderen nicht, wenn es um das Suchen einer neuen Stelle geht. Gerade der Umgang mit den eigenen Emotionen spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle, die nicht immer ganz einfach ist. Aus hat es immer wieder Konsequenzen, wenn von divergierenden Werten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Rede ist, weil es krankmachend sein kann. Die heutigen Kriterien nach einer Stelle richten sich nach der sog. 'Worklife-Balance' wo Stellensuchende eben auch mitbewerten, ob ein Chef gut ist, wie die Wertschätzung ist, ob es ein gutes Team und eine interessante Arbeit ist. Viele Menschen realisieren auch oft erst spät, dass vielleicht eine bisherige einseitige Ausrichtung in der Karriere auch einen körperlichen wie psychischen Raubbau an der eigenen Gesundheit sein kann. Viel zu sehr, nehmen auch Arbeitnehmer heute Bedingungen in der Arbeit im Grunde in Kauf, die sie letztendlich in ein unglückliches Leben manövrieren. Hier wird Heiko Ernst zitiert: "Über den Sinn des Lebens denken wir noch am ehesten in Zeiten von persönlichen Erschütterungen nach, also immer dann, wenn Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten abhanden kommen, wenn ein innerer und äusserer Zusammenhang verlorengeht - wenn alles auf dem Spiel steht."

Das Buch gibt auch Einblick, in welchen Branchen sich die Situation in den letzten Jahren verändert hat. Wo sind Stellen entstanden, wo gingen Stellen verloren? In welchem Stellenverhältnis steht z.B. das gewerblich-industrielle und der ganze Dienstleistungssektor, im Kontext zur Stellenentwicklung der letzten Jahre? Und natürlich steht immer wieder die eigene Auseinandersetzung mit der eigenen Person an erster Stelle: "In solchen Fällen lohnt es sich, sich über die eigenen Talente Fähigkeiten und Neigungen klar zu werden und zu überlegen, in welchem Kontext sie zur Entfaltung gebracht werden können." Der Einfluss von Leidenschaft die man für etwas hat, kann entscheidend auch in der Leistung sein, was wir arbeiten. "Leidenschaft macht Leistung." Wer aus einem Arbeitsverhältnis geschleudert wird , wird auch massiv aus seiner Comfortzone geschleudert. Natürlich sind Branchen- und Tätigkeitsbereich in einen künftigen Wechsel möglich, doch wird auch hier darüber geschrieben, dass eben auch Entscheidungen immer auch ihren Preis haben. Es geht darum wieder ins Handeln zu kommen, seine eigene Präsentation zu hinterfragen und zu optimieren. Es geht darum den Nutzen für den Arbeitgeber in den Mittelpunkt zu stellen. (Und nicht den Eigenen) Ein sehr wichtiges Buch, das jetzt gerade wieder neu aufgelegt wurde und aus meiner Sicht einen wertvollen Beitrag für Betroffene darstellt, die das 50. Lebensjahr bereits hinter sich haben.


Doktor Wassers Rezept: Roman
Doktor Wassers Rezept: Roman
von Lars Gustafsson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Werdegang eines Hochstaplers der eine neue Identität annimmt...., 14. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Lars Gustafsson war ein Schriftsteller, der Gedichte, Erzählungen, Romane und Philosophie geschrieben hat. Er ist am 3. April 2016 verstorben. Er war ein schwedischer Autor, der u. A. auch in Amerika gelebt hat, wo er Philosophie unterrichtet hat, oder er hat auch 2 Jahre in Berlin gelebt. Deswegen gibt es kurze Videos von ihm auf youtube, wo er relativ gut deutsch spricht. Ich erinnere mich noch an sein Buch Frau Sorgedahls schöne weiße Arme: Roman wo es um einen Jugendlichen ging, der eine ältere Frau begehrte und die Erotik in sich aufkommen sah. Schon damals empfand ich seine Literatur als eine feine, stille und empfindsame Literatur, die zwischen Traum und Wirklichkeit pendelte. Wo auch das Zeitliche zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine hin-und her bewegende Komponente war, um Vergangenem nachzuspüren. In seinem wohl vor kurzem letzten erschienenen Buch, erzählt er uns eine Geschichte eines Mannes, der sich eine andere Identität aneignete, vielleicht weil er ein anderer sein wollte. Ein Leben in der Lüge und des Vorgaukelns, wo das gewöhnliche Leben in Frage gestellt wird "Ein gewöhnliches Leben zu leben ist die tristeste Form von Selbstmord", und die Versuchung ein Anderer zu sein in Mittelpunkt der Geschichte gestellt wird "In dem Fall bin der, der ich bin, und ein anderer, der ich nicht bin" wo auch die Unsicherheit beschrieben wird, zwischen verschiedenen Identitäten zu stehen "Es war das erste Mal, glaube ich, dass ich das eigentümliche Gefühl hatte nicht mehr zu wissen, wer ich war. Kent Anderson oder Kurth Wolfgang Wasser, Lizentiat der Medizin aus Weimar? Einer der beiden löste jedenfalls das Problem".

Man liest verschiedene Kapitel hintereinander ohne wirklich das Gefühl zu haben, als dass sie zusammengehörten. So richtig war mir auch nicht so klar was uns Gustafsson hier erzählen will. Da wird ein Leben eines Ich-Erzählers von Kindheit an erzählt. Jugend und Beruf. Erinnerungen an den Vater. Da ist der Erzähler Fensterputzer und arbeitet in einem Reifengeschäft. Als der Ich-Erzähler einen Unfall auf der Strasse antrifft, nimmt er den Pass der toten Verunfallten (Wasser) um eine neue Identität anzunehmen. Wasser ist Mediziner. Doch ist das realistisch? Mich erinnerte, das ein wenig an den Fall den wir vor wenigen Jahren hier in der Schweiz hatten, wo eine bayerische Krankenschwester sich als Ärztin ausgab und das Ganze irgendwann aufflog und in die Schlagzeilen kam. Doch hier fliegt Anderson der dann Wasser wird nicht auf...Doch nimmt man dem Autor einen solchen Plot wirklich ab? Ich muss gestehen, meine Zweifel hier nie wirklich losgeworden zu sein. Zum Teil habe ich diese Geschichte ohne jede Spannung und Anreiz für den Leser gelesen. Es zieht einen nicht wirklich rein in diese Geschichte. Irgendwie hat mich das Ganze einfach nicht überzeugt. Geht es darum einem Menschen, der mit seinem Leben nicht zufrieden ist, über die Vorgabe einer neuen Identität, wenn auch über Lügen, ein neues Leben aufzubauen und uns zu erzählen, wie das sein könnte? Und uns die Vor-und Nachteile dessen zukommen lassen will?

Als der Ich-Erzähler am Ende der Geschichte seine Zeit einem alten Hund schenkt, der nicht mehr lange zu leben hat, sagt er: "Er war möglicherweise der einzige Freund den ich nie hinters Licht geführt habe." Was ja impliziert, dass unser "Antiheld" sehr einsam war, keine Freunde hatte, und erst wieder zu einem Tier so etwas wie Ehrlichkeit und Wahrheit empfindet. Jedoch konnte ich mich weder mit der Sprache noch dem Plot wirklich anfreunden, sodass zumindest ich ein wenig konsterniert das Buch geschlossen habe. Es sollen wohl Fragen behandelt werden, ob etwa Menschen glücklich sein können, wenn sie ihr Leben ihre Karriere auf einer Lüge aufbauen. Da sind zwar ein paar poetisch-philosophische Einschübe, aber über die ganzen 140 Seiten hinweg, habe ich alles dann doch ein wenig unbefriedigend gelesen. Ein bisschen Erotik hier (Caroline Sundborn), ein wenig Poetik hier, ein wenig Philosophie da, ein bisschen Erinnerung hier, ein wenig Traum da und wo um Gottes Willen ist die Wirklichkeit? Man fühlt sich wie auf Glatteis, wenn man dieses Buch liest und hofft nie auszurutschen und hinzufallen. Doch so richtig passt dass Alles für mich leider nicht zusammen. Lars Gustafsson hat bessere Bücher geschrieben, als dieses sein Letztes. Abgesehen davon haben mich auch ein paar Übersetzungsfehler genervt, die nicht sein müssten. (S. 83 u. 84) Lars Gustafsson wurde 79 Jahre alt und ist kurz vor seinem 80. Geburtstag vor zwei Wochen gestorben. Ich finde weder Buchcover noch den Buchtitel wirklich passend zu dem, was uns hier erzählt wird.


Roman eines Schicksallosen
Roman eines Schicksallosen
von Imre Kertesz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schreiben als Gegengift gegen das Trauma, 10. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Roman eines Schicksallosen (Taschenbuch)
Können wir es noch hören, wenn es um Auschwitz geht? Und haben wir nicht schon alles darüber gehört, dass wir von diesem Thema längst beunruhigt gesättigt sind? Ich muss gestehen, dieses Buch schon im Jahre 2009 bestellt zu haben und immer wieder Angst und Respekt davor hatte, zu traurig und zu dreprimierend ist es doch, sich noch länger mit diesem traurigen Thema noch weiterhin zu beschäftigen. Doch als Imre Kertész am 31. März 2016 stirbt, wusste ich, das ich lesen wollte, was er uns zu erzählen hat. Kertész selbst wird als 14-Jähriger aus Ungarn zunächst nach Auschwitz und dann nach Buchenwald gebracht, das Buch ist aus einer Ich-Perspektive verfasst und liest sich wie eine Autobiographie über die damalige Deportation ins KZ, was der Autor selbst aber nicht als Autobiographie sieht. Das wirklich Besondere und Ungewöhnlich an diesem Buch ist nicht der erzählende Inhalt, den wir alle mehr oder weniger von seinen Fakten her kennen (Hunger, Entwürdigung, Gas etc.) sondern es ist die Sichtweise und Haltung des Autors, die ganz anders ist, als dass man sie so erwarten würde. Würde ein Autor, der das nie erlebt hat, so wie Kertész schreiben, würde man es ihm vermutlich zum Vorwurf machen. Doch dass ein persönlich Betroffener, eine ganz eigene Art von Literatur daraus macht, ist schon etwas Besonders und nicht das was man normalerweise von so einer biographischen Aufarbeitung erwarten würde.

Ehrlich gesagt finde ich dieses Buch ein gewaltiges Buch. Warum eigentlich? Zum Einen ist das Ungewöhnliche, nämlich WIE hier erzählt wird. Hier wird das Böse freundlich erzählt. Der Junge Ich-Erzähler akzeptiert einfach seinen Abtransport, ohne Gegenwehr und ohne jegliche Form von Gegenwehr. Ja selbst in tiefstem Elend, der grössten Hölle glaubt er dem Glück nahe zu sein: "Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war." Ja selbst nach seiner Befreiung aus dem KZ, scheint der Ich-Erzähler etwas zu vermissen, was ihn in Buchenwald glücklich machte...Die Frage ist, können wir das Leser nachvollziehen, und geht es uns damit, wenn wir mit so einem Blick konfrontiert werden, wenn gegen "die Festung der Vernunft des Lesers" angeschrieben wird!? Wer es wagt "vom Glück des Konzentrationslagers" zu schreiben, hat das Skandalöse bereits losgetreten. Wer hier Anklage und Schuldzuweisung gegenüber den Tätern von damals sucht, wird vergeblich danach suchen...

Wir erleben anfangs die Familie, in der der Jugendliche lebt. Wir lernen sein Umfeld und die aufkommenden Veränderungen durch die Besetzung der Deutschen kennen. Ein verstörtes Mädchen sucht ihn auf und weiss nicht was sie unter dem Wort "Jude" zu verstehen habe "ich weiss nicht was das ist", dem eigenen Vater droht die Abreise ins vorgesehen Arbeitslager. Kertész schildert die Bezugspunkte des Jugendlichen, die er Laufe des Buches verlieren wir. Als der Ich-Erzähler eines morgens aus dem Bus genommen wird, weil er Jude ist, erleben wir seinen Abtransport, die scheussliche Zugfahrt wo die Notdurft in einem Kübel verrichtet wird und wir lesen schliesslich von der Ankunft in Auschwitz-Birkenau, weniger Tage danach den Abtransport nach Buchenwald. Von seinem Freund, seinen Kollegen wird er getrennt. Wir erleben durch die völlige Brille der Unschuld und auch Naivität eines Jugendlichen, auf welche Reise und auf welchen Ort er im Grunde eingetroffen ist und welche Konsequenzen das für ihn hat. Die dortigen Häftlinge werden zunächst noch als fremdartig erlebt, die Soldaten dagegen als relativ positiv. "...die Deutschen seien, was immer ihre Auffassung von den Juden sein möge, im Grunde genommen - wie das im übrigen jedermann wisse- saubere, anständige Menschen, die Ordnung , Pünktlichkeit und Arbeit liebten und es auch bei anderen zu ehren wüssten." Doch nach und nach realisiert der Jugendliche, welche Dramen und welche Schicksale ihm hier vor Augen geführt werden, auch das eigene Hungern, das eigene erkranken, das Kennenlernen von Mithäftlingen wird geschildert, ja der ganze Alltag (Bad, Friseur, Desinfektionsmittel und Kleiderwechsel) mit dem Morgenappell, bis dahin das Hinrichtungen geschildert, wenn auch abgeschwächte in seiner Brutalität geschildert werden. ("...wenn wir die Ohren spitzten, Schreie, Hundegebell und das Knallen..")

Das Abgeben von Wertsachen vor dem "Duschen" gehört zu den schmerzhaften Passagen: "Dort wo ihr hingeht, werdet ihr keine Wertsachen mehr brauchen." Dass dann aus den Duschhähnen tatsächlich Wasser strömt, ist in den hier geschilderten Passagen kaum mehr auszuhalten. Kertész beschreibt einen Jugendlichen, der sein Schicksal annimmt:"Alles in allem fiel es mir überhaupt nicht schwer, jene Gesichter in Auschwitz zu verstehen: ich kann sagen, auch ich habe Buchenwald bald liebgewonnen." Doch werden eben auch Freundschaften geschildert, die innerhalb vom KZ Buchenwald, z.B. zu seinem Freund 'Bandi Citrim' entstehen. Der Inhalt der Häftlinge ist es , ein 'guter' Häftling zu sein. "Es bestand kein Zweifel, das war unser Interesse, das verlangten die Umstände, dazu zwang uns hier, wie soll ich sagen, das Leben selbst." Das eigene Einwilligen in sein Schicksal, als Überlebensstrategie wird hier eingehend geschildert: "Ich hatte zu Hause gelesen, mit der Zeit, freilich mit der erforderlichen Anstrengung, könne man sich sogar an die Gefangenschaft gewöhnen." Doch auch hier wird die Vernachlässigung des eigenen Körpers zum Schicksal: "Täglich wurde ich von etwas Neuem überrascht, von einem neuen Makel, einer neuen Scheusslichkeit an diesem immer merkwürdiger, immer fremder werdenden Gegenstand, der einst mein guter Freund: meiner Körper gewesen war." Das Überleben steht auf der einen Seite, die Beschädigung auf physischer wie psychischer Seite des jungen Menschen, wird hier mehr und mehr realisiert...Doch wird der Lebenswillen des jungen Menschen nicht gebrochen: "...ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager..." Doch auch den Jungen Mann widerfährt immer mehr der Schrecken: "...aber ich sah überall nur ebenso verdüsterte Stirnen,verengte Augen und zusammengepresste Lippen".

Am Ende erleben wir mit, wie ein KZ befreit wird, doch der Jugendliche tut sich schwer mit seiner Rückkehr und kann wirklich teilen, was ihn innerlich so schwer beschäftigt: "...denn ich begann allmählich einzusehen: über bestimmte Dinge kann mit Fremden, Ahnungslosen, in gewissem Sinn Kindern, nicht diskutieren, um es so zu sagen". Als er von einem Reporter gefragt, wo er an fortlaufenden Artikeln interessiert wäre, die er erzählen könnte von seinem Aufenthalt im KZ, wirft er nach dem Abschied dieses Treffens die Adresse der Journalisten weg. Er hat gar kein Interesse daran. Doch Imre Kertész hat mit dem Leser etwas geteilt, hat dem Leser erzählt, was so schwer zu erzählen ist. Ein zutiefst bewegendes Buch, nicht nur darüber was Menschen in Konzentrationslagern erlebt haben, sondern vor allem darüber, was Imre Kertész aus diesem Thema gemacht hat und wie er es in eine völlig neue Form von Literatur gebracht hat. Nur der geneigte Leser kann individuell entscheiden, was er davon zu halten hat, doch ist man nach meinem Dafürhalten nach dieser Lektüre ein Anderer. Ein unglaubliches Buch, dass einen noch beschäftigen und nicht loslassen wird. Kein Wunder hat, er dafür den Literatur-Nobelpreis im Jahre 2002 erhalten. In Ungarn bei seinem Erscheinen 1975 verschwiegen, wurde das Buch erst nach einer Zweit-Übersetzung ins Deutsche weltweit bekannt. In seine Büchern Fiasko und auch Kaddisch für ein nicht geborenes Kind hat er diese Thematik weiterverarbeitet.


Liquidation
Liquidation
von Imre Kertész
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

3.0 von 5 Sternen Der Nachgeborene B. von Auschwitz..., 5. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Liquidation (Taschenbuch)
Man kann wohl nicht von Imre Kertész reden, ohne nicht auch die Namen seiner Mit-Schreib-Kollegen - wenn man dem so sagen will, zu erwähnen wie Jean Améry mit seinem Hauptwerk Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten, Tadeusz Borowski mit seinem Buch Bei uns in Auschwitz oder Primo Levi mit seinem Buch Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht (dtv Literatur), die alle Betroffene des Holocaust waren und sich alle mit Ausnahme von Kertész das Leben nahmen. Wenn man ein wenig in diese Thematik hineinblickt, fallen vor allem zwei Dinge auf, viele Autoren haben ihre Erlebnisse erst Jahre später versucht literarisch zu verarbeiten auch z.B. auch Ruth Klüger mit ihrem Buch weiter leben: Eine Jugend (dtv Literatur) oder auch Viktor E. Frankl mit seinem Buch ... trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager und zum Anderen, dass die psychische Beschädigung dieser Autoren so massiv gewesen sein muss, dass es zum Einen für jemanden, der das nicht erlebt hat, vermutlich gar nicht nachvollziehbar ist und zum Anderen, diese Menschen auch an ihrem erfahrenen Leid regelrecht zerbrochen sind. Kertész ist somit wirklich eine Ausnahme, wobei bei ihm wirklich speziell ist, dass er in Ungarn regelrecht ignoriert und erst durch die deutsche Übersetzung seines Hauptwerks Roman eines Schicksallosen bekannt und erfolgreich wurde.

Zur vorgelegten Trilogie gehört nämlich Roman eines Schicksallosen, dann Fiasko und schliesslich Kaddisch für ein nicht geborenes Kind. So wurde quasi durch den 'Zögling' "Liquidation", also das hier vorliegende Buch eine Tetralogie, in dem Kertész einen Abschluss seiner Holocaust-und Auschwitz Verarbeitung sucht und der Frage nachgeht, wie sog. Nachgeborene des Holocaust überleben oder weiterleben. Kernstück seiner Arbeit dreht sich zum Einen um die Auswirkungen und dem Leben mit dem Holocaust sowie das Leben oder besser Überleben in einer kommunistischen Diktatur, wie er es eben in Ungarn erlebt hat. Im vorliegenden Band geht es um einen Lektor namens Keserü, der auf der Suche nach einem Manuskript seines Freundes B. ist, der sich suizidiert hat. Fast schon besessen davon, dass sein Freund einen Roman hinterlassen haben muss, macht er sich auf die Suche und konfrontiert die Partnerin von B. Judit damit, die es nicht zugeben will, dass sie ein Manuskript von B. erhalten hat. So drehen sich um diese Geschichte eigentlich 2 Fragen, nämlich: warum hat sich sein Freund umgebracht und was hat er schriftlich hinterlassen...?

Das Ganze liest sich ein wenig verworren und macht es dem Leser nicht gerade einfach, wir lesen ohne grosse Ankündigung mit verschiedenem Perspektivenwechsel, bis man merkt und weiss, wer denn nun jetzt erzählt. Kertész erzählt relativ reduziert und verrät auch dem Leser nicht allzu viel. Keserü sagt irgendwann im Roman: "Es wäre lebenswichtig für mich, diesen Roman zu lesen, denn aus ihm könnte ich vermutlich erfahren, warum B. gestorben ist, vielleicht aber auch, ob es mir, wenn er gestorben ist, noch erlaubt ist zu leben." Die Bedeutung einer schriftlichen Hinterlassenschaft ist also gleichzeitig entscheidend, ob das eigene Leben noch verdient ist oder wie damit verfahren werden soll. Kertész thematisiert das "Ausgeliefertsein" im Lager Auschwitz und seiner unerbittlichen Härte und Zerstörungskraft. (täglich von neuem leben, täglich von neuem sterben) Wir lesen Fragmente eines Theaterstücks, das dem Verlauf und der Handlung gleicht, als ob der Schreiber, die Handlung schon voraus wusste, was dem Ganzen etwas Unheimliches einflösst...Einmal heisst es im Text: "...Ich muss hier verschwinden, mit allem, was ich- wie soll ich es nur sagen - sie die Pest in mir habe. Ich habe unglaubliche Zerstörungskräfte in mir..." und wir dürfen hier annehmen, dass es sich um die Stimme von B. handelt, der sich mit Morphium das Leben nimmt.

Vor all diesen menschlichen Abgründen, lesen wir von vergangenen und begonnenen Beziehungen, die wie unsichtbar miteinander verwebt zu sein scheinen. Hier wird thematisiert, welche Spuren Gefängnishaft auf Menschen ausübt und wie "Auschwitz" in seiner Konsequenz die Kraft der Zerstörung in Betroffenen verinnerlicht wurde, eben so, wie es hier an B. geschildert wird. Wir lesen von phobischen Worten: Auschwitz, vernichtet, ausgerottet, zugrundegegangen, überlebt. Kertész handelt hier Frage aus wie, bin ich noch beziehungsfähig, wenn ich unter meinem Schicksal solch Schaden genommen habe, oder auch: "Bin ich oder bin ich nicht?" Eine schwierige und nicht einfach zu lesende Lektüre, nicht nur wegen seiner heftigen Themas, sondern auch wegen seiner Machart und wie es verarbeitet wurde, macht es dem Leser nicht gerade einfach, zu verstehen, was Kertész hier im Grunde zu erzählen hat. Eine kunstvoll verarbeitete Erzählung von 140 Seiten, die von den Konsequenzen und Auswirkungen erzählen will, was im Grunde für die Menschen damals gar nicht zu verkraften war und der Suizid von Schriftsteller-Kollegen des Autors nachvollziehbar macht, so traurig das auch klingen mag.

Imre Kertész ist vor wenigen Tagen am 31. März 2016 in Budapest verstorben, im Jahre 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Mit seinem Tod, haben wir einen wichtigen Autor verloren, der noch selbst vom Drama des zweiten Weltkriegs als Jude betroffen war und das in seinen Büchern literarisch verarbeitet hat. Kertész war ein Autor, der sich nicht immer verstanden fühlte und der sich gemachten Zuschreibungen immer wieder auch widersetzte. Auf gewisse Art hat er sich in seinem literarischen Schaffen der Wahrheit verschrieben. Ein "Holocaust-Clown" der sich immer wieder zwischen Verrat und Freiheit empfunden haben mag. Der Nobelpreis war für ihn eine "Glückskatastrophe". Ein Leben und ein Autor, der sich zwischen dem Einfluss und dem Formen von Diktaturen zum Einen, und der Autonomie und dem Überleben des Subjekts zum Anderen zeitlebens beschäftigte. Kann der Mensch dem Zerstörerischen etwas Positives abgewinnen, haben ihn genauso beschäftigt, wie die Fragen nach der Moral, der Freiheit und dem "Schicksal" das Menschen gerade als Juden im 2.WK widerfuhr.


Männer mit Erfahrung: Roman
Männer mit Erfahrung: Roman
von Castle Freeman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen No-Bullshit-Literatur, 3. April 2016
Castle Freeman ist eine kleine Neuentdeckung, dieses Frühjahrs die es in sich hat. Genussliteratur mit hervorragend geschriebenen Dialogen. Eine Mischung aus Western, Abenteuerroman, Roadmovie, Krimi und Literarischem Roman der Gegenwart. Im Original Go With Me: A Novel. Er bedient hier das Klischee 'Gut gegen Böse', wie wir es ja vom Amerikanischen bis zum Erbrechen ja kennen. Doch die vorliegende Lektüre ist witzig, spannend, unberechenbar und süffig geschrieben, dass man es mit grösstem Genuss liest, sicherlich nicht mein letztes Buch dieses Autors, der schon ein halbes Dutzend geschrieben hat (Castle Freeman *1944) und hier eine erste Übersetzung zu lesen ist, der Autor arbeitete bisher als Lektor und Redakteur. Im ländlichen Vermont, in dem übrigens der Autor selbst lebt, schickt er seine Antiheldin Lillian ins Rennen, die sich von einem Bösewicht bedroht fühlt und zum Angriff mobil macht, nachdem sie sich dann eben doch nicht aus der dortigen Provinz vertreiben lässt....Wir sind in einem ausgestorbenen Nest, wo nicht mehr viel los ist, wo so mancher seine Arbeit verloren hat und eine handvoll Männer in einer alten Möbelfabrik herumhängt und sich über Gott und die Welt unterhält...

Lillian fühlt sich von dem Schurken 'Blackway' bedroht, der ihr die Autoscheibe einschlägt und ihre Katze umbringt. Soweit so gut. Nachdem sie vom Sheriff keine Unterstützung erwarten kann, wird sie von ihm jedoch weitergeschickt, einem Burschen namens Scotty, der ihr weiterhelfen kann. Denn Liliana will diese Bedrohung nicht länger hinnehmen. Nachdem sie sich auf die Suche macht, und verschiedene rauhe Burschen mit wettergegerbter Haut kennengelernt hat, macht sie sich schliesslich mit Nate einem 2Meter-Hünen ohne jede Angst und Lester, einem älteren Herrn mit allen Raffinessen und allen Schlauheiten ausgerüstet, um ihren Widersacher Blackway aufzuspüren. Doch ist Lillian eine passive Akteurin, die genauso wenig wie der Leser weiss, wo denn das Ganze hinsteuert: "Hör zu" sagte Lillian, "ich will, dass das hier bald vorbei ist. ich will, dass ihr...dass wir dafür sorgen, dass Blackway mich in Ruhe lässt. Und ich will wissen, wie wir das zustande bringen wollen." Eigentlich möchte sie nur in Ruhe gelassen werden, jedoch nimmt das ganze einen Verlauf, den sie weder einschätzen noch steuern kann, ihre Initiative ist zum Autopiloten mutiert, denn sie längst nicht mehr in der Hand hat....

Und so tauchen wir in die ländliche Gegen von Vermont, einer Gegend wo Arbeiter in einer Möbelfabrik eher rumhängen als dass sie arbeiten, aber auch von Leuten wie Holzfäller, Wanderer, Camper und Jäger geprägt ist . Wir begegnen dabei so manchem urchigem hemdsärmigelen Typen, doch Blackway können wir uns nur von den Erzählungen und den Vorstellungen der einzelnen Figuren die ihn schildern vorstellen. Hier entwickelt sich diese Story wirklich zum unvorhersehbaren Roadmovie, wobei das Ende nicht abgesehen werden kann, doch ahnen wir nichts Gutes, schon im Vorfeld wird der Geschäftspartner von Blackway von ihnen zusammengeschlagen...Sprachlich teils raffiniert geschrieben, mit herrlich kurzen Dialogen baut Freeman hier eine Spannung auf, dass man sichtlich dem Ausgang entgegenfiebert und der Leser auch auf die Folter gespannt wird und man das Buch nur unschwer aus den Händen legen mag....das ist schon gut gemacht. Am Ende münden wir in eine Pointe, die hier nicht verraten werden will, doch Freeman bringt es fertig den Ausgang hier in der Schwebe zu halten, zwischen Vorstellung und dem tatsächlich Geschehenen, dass dann eben doch eine raffiniert und gekonnt geschriebene Prosa liest, die einen bei Laune hält, erheitert und wirklich bei der Stange hält. Nicht schlecht, kann ich nur sagen.


Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden
Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden
von Kristin Neff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Vom Mitgefühl für sich selbst..., 31. März 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gehört wohl zur Realität des Menschen, dass er weder perfekt ist, noch, dass er nie in seinem Leben Probleme hat, und auch mit Aspekten des Leidens Erfahrungen macht, die sich nicht verhindern lassen. Für mich ist Neff's Buch genau die richtige Dosis, dafür mit den schwereren Seiten des Lebens einen angemessenen Umgang zu finden. Dies ist nun wirklich nicht mein erstes Buch, zum Thema Selbstakzeptanz, Selbstannahme oder auch Selbstliebe und gehört aus meiner Leseerfahrung zu den besten Büchern dieses Genres. Es ist fundiert und abwechslungsreich geschrieben, die hier erwähnten Wiederholungen, habe ich so nicht gelesen, noch weniger haben sie mich genervt. Wir können hier ein Werkzeug lernen, das wir für unser Leben gebrauchen können, denn Mitgefühl für sich selbst zu kultivieren, ist wie einen Muskel zu trainieren, den wir dann gebrauchen können, wenn es darauf ankommt. Mitgefühl für das eigenen Leben mit all seinen Situationen und Herausforderungen, kann uns unterstützen, zuversichtlicher und vertrauensvoller so manche Situation anzunehmen wie sie ist, offen zu bleiben und doch weitergehen zu können.

Natürlich muss man sich zuerst einmal vor Augen halten, welchen Umgang wir mit uns selbst haben und dass der Anspruch im Grunde was Mitgefühl anbelangt, eigentlich nur für andere aufgespart wird. Das alleine schon, ist in gewisser Art ein Paradox. Das gleiche gilt bspw. für Menschen, die in vielleicht in sozialen Berufen arbeiten, Mitgefühl für ihre Klienten aufbringen, aber mit sich selbst härter umgehen, als sie es vielleicht mit ihren Feinden tun würden. Neff geht auf die Selbstverurteilung ein, und setzt zunächst einmal dort an, denn hier beginnt eigentlich der Kern des Leidens schon, den wir durch unseren Umgang, mit uns selbst noch verstärken. Die Frage ist, ob wir es nicht einfach einmal ausprobieren wollen, wenn wir freundlicher und achtsamer mit uns umgehen, gerade in Situationen, die vielleicht für uns schwierig sind. Denn mit dem hier vorgestellten Gedankengut, werden wir mit uns selbst behutsamer, die eigene Kostbarkeit gewinnt wieder an Bedeutung, und wir bekommen eine andere Haltung mit Situationen umzugehen, die uns weicher, offener und annehmender machen. Wir können mit Mitgefühl nicht unsere Probleme wegmachen, aber wir können besser damit leben, so dass wir im Grunde aufs Ganze gesehen, damit einen entspannteren Umgang finden, und eine Art Gelassenheit entwickeln, die nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist.

Ich habe dieses Buch mit grosser Freude und grossem Gewinn gelesen. Vielleicht auch deswegen, weil man das ehrliche und authentische darunter spürt, das die Autorin vertritt. Eigene Forschungsergebnisse, Ergänzungen zum Thema anderer Forscher plus die eigene Erfahrung und Anwendung ( siehe Kapitelüberschriften: "Meine Geschichte") machen dieses Buch zu einem Schatz für interessierte Leser, die sich für dieses Thema interessieren und ausprobieren wollen. Über die hier eingefügten Übungen kann man verschiedener Meinung sein, ich bin nicht immer ein Freund davon, doch habe ich die hier vorgestellten als eine angenehme Ergänzung zum Gesamtkontext gelesen. Doch geht es nicht nur um Mitgefühl für sich, sondern auch um deren Einfluss auf Liebe und Partnerschaft oder auf den Einfluss in der Kindererziehung. Nicht zuletzt schreibt Ness von ihrem eigenen Sohn, der eine autistische Veranlagung hat und als solche auch diagnostiziert wurde. So lesen wir hier von selbstbezogener Freundlichkeit, von verbindender Humanität, von Zuwendung die uns helfen kann, z.B. bei Misserfolg wieder Mut zu fassen. Obwohl es z.T. recht wissenschaftlich gehalten ist, ist eben doch auch ein sehr persönliches Buch geworden. Es ist wie ein Lernen darüber, wie man sanfter mit sich umgehen kann, um vielleicht auch besser zu erkennen, was wir in der jeweiligen Situation brauchen. Es kann ein Weg sein, weg von der harten Selbstkritik, hin zu einer humaneren und auch einfühlsameren Art, mit sich umzugehen, was die meisten von uns nicht gelernt haben, sondern vermutlich eher das Gegenteil.

Wir können hier wirklich lernen, achtsamer mit sich zu sein. Anschaulich wird hier erklärt, wie wir durch den eigenen Widerstand nur Leiden multiplizieren. (Leiden=SchmerzxWiderstand) Doch im Annehmen, liegt oftmals die Besänftigung, das Nachlassen und Heilwerden, von Herden, die vielleicht nie richtig zur Ruhe kommen. Denn wir lernen auch anders mit unseren Emotionen umzugehen. Und wir können hier lernen, dass Unvollkommenheit oder die Erfahrung von Schmerz, zu den allgemeingültigen Erfahrungen des Menschseins gehören. Mitgefühl kann ein sanftes Balsam, gegen die eigene Verzweiflung sein, die unser Leben zu bestimmen scheint. Wir bleiben weniger im Modus von Widerstand, sondern gehen in Richtung: lindern, besänftigen, zulassen. Es geht weniger darum die eigene Unterdrückung noch länger aufrechtzuerhalten, sondern eher in etwas einzuwilligen, das als wahr und authentisch erlebt und erfahren wird. "Dies ist ein Moment des Leidens. Leiden gehört zum Leben. Möge ich in diesem Moment freundlich zu mir selbst sein. Möge ich mir selbst das Mitgefühl schenken, das ich brauche."

Es ist wie ein Lockern der eigenen Negativität und ein sich öffnen, für das Positive im Leben. Oder den positiveren Möglichkeiten im Leben. Auch werden hier Fragen zum eigenen Selbstwert erörtert und diskutiert, sowie welche Rolle Selbstwertschätzung dabei spielen kann, die alle zwar in Zusammenhang stehen, doch durch die hier vorgestellten Gedanken, einen differenzierteren Focus zueinander bekommen. Diese Lektüre ist in einem gewissen Sinne eine Herzensschulung, die sich auch für ein persönliches Wachstum aussprechen möchte. Mitgefühl ist etwas, das unserem Glück, an unserer Gesundheit und an unserem Wohlbefinden interessiert ist. Sie steht im Grunde als ein stiller Freund an unserer Seite, um uns im Bewältigen nicht nur zu helfen sondern auch uns zu unterstützen, das Leben führen zu können, was wir uns so sehr für uns selbst wünschen. Mitgefühl möchte uns davor schützen, Schaden im Leben zu erfahren, es möchte uns helfen, die Härte des Lebens besser zu ertragen und nehmen zu können. Mitgefühl zu uns selbst, will uns helfen unsere Träume zu realisieren und umzusetzen. Das zu lernen hat selbst für die Autorin etwas mit Disziplin zu tun: "Nun beschäftige ich mich schon seit fast fünfzehn Jahren mit Selbstmitgefühl, und was ist? Auch heute praktiziere ich selbst noch nicht immer, was ich predige." Dieses Buch ist eine Art Schulung in Selbstsorge, man lernt hier besser für sich zu sorgen. Wir lernen anders mit unseren Emotionen umzugehen. Auch Vergebung wird hier thematisiert. "Ein Mensch sein bedeutet, manchmal das Falsche zu tun. Wenn wir einen Menschen verurteilen, dann verurteilen wir folglich die ganze Welt. Aber wenn wir einem Menschen vergeben, dann vergeben wir der ganzen Welt - uns selbst eingeschlossen." 257 Ja ich glaube sogar, dass wir mit dem hier vorgestellten Angebot, einen besseren Menschen aus uns machen können. Schön.

Zitat:
"Wir können die Freude und das Leid unserer menschlichen Existenz gleichermassen annehmen, und indem wir das tun, können wir unser Leben verwandeln." 360


An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Roman
An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Roman
von Roland Schimmelpfennig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Alle Menschen sind allein, 23. März 2016
Die Atmosphäre die hier herrscht, hat ein wenig etwas Verlorenes. Die Kommunikation unter den hier vorgestellten Figuren, haben etwas wortkarges. Roland Schimmelpfennig hat sich hier der Lakonie verschrieben, was die Sprache anbelangt. Als ob sie sich nur wenig zu sagen hätten. Der hier immer wieder auftauchende Wolf, steht für Auftauchen und Verschwinden, genauso wie Menschen hier, die auch auftauchen und wieder verschwinden. Roland Schimmelpfennig hat nach meinem Empfinden ein beachtliches Debüt vorgelegt, das zum Einen anspruchsvoll zu lesen und intelligent geschrieben ist. Man muss hier schon sehr aufmerksam lesen, um zum Einen den Anschluss nicht zu verpassen und zum Anderen, die stillen Zusammenhänge zwischen den Zeilen und unter den Zeilen nicht zu verpassen. Denn Alles, was hier eine Erwähnung findet, wird oftmals wenn nicht immer an anderer Stelle weitergeführt. Wer den Faden verliert, blättert zurück: Wie war das nochmal? Viele Personen sind hier zunächst einmal namenlos (Vater des Jungen, Mutter des Mädchens), wir lesen von unaufgeklärten Schicksalen, hier von der Fragilität des Lebens erzählt, ein Roman der von der Nichtkommunikation und vielleicht auch von der Sprachlosigkeit oder der reduzierten Sprache lebt, und vom Scheitern und dem Weiterleben erzählen will.

Was man als Kritik anfügen kann ist, dass dieses Buch vielleicht etwas geplant sein mag, was sich wohl kaum hier leugnen lässt, doch ist es äusserst raffiniert geschrieben, läuft auf verschiedenen Plot-Ebenen, die zusammenhangslos zunächst erscheinen, die dann aber doch alle lose miteinander verbunden sich und sich zeitweise wie unsichtbar sogar berühren oder eben sogar kreuzen. Ein Erzählstrang gibt dem Nächsten laufend die Klinke in die Hand, ohne das beide voneinander wissen (ausser natürlich der Leser), das alleine schon ist einfach klasse gemacht! Im Mittelpunkt dieser Geschichte sind zwei Jugendliche Micha und Elisabeth, die befreundet sind und eines Tages entscheiden, einfach zu verschwinden aus einem Dorf nahe der polnischen Grenze Richtung Berlin, um dann dort einen Jugendfreund "Icke" zu suchen. (Was an den neuen Roman von Peter Stamm Weit über das Land: Roman erinnern mag.) Doch das Verschwinden löst verschiedene Erzählstränge aus. Der Vater des Jungen macht sich auf die Suche nach den beiden Jugendlichen, der mit Alkoholproblemen zu kämpfen hat. Die Mutter des Mädchens beginnt ebenfalls ihre Tochter zu suchen, und macht sich ein schlechtes Gewissen, ihre Tochter wohl nicht gut genug behandelt zu haben. Dann haben wir da ein Pärchen, die unfrei aneinander gekettet zu sein scheinen, Agnieszka und Tomasz, ein polnischer Bauarbeiter, der viel im Kopf mit ihr und anderen spricht und entsetzlich darunter leidet, nicht allein sein zu können. Eine Beziehung zwischen Aufrechterhalten und Trennung steht. Und dann haben wir noch ein Pärchen, Charly und Jacky, die Restaurant betreiben und den erwähnten Wolf ins Spiel bringen, denn Tomasz ist es, der ihn erstmals auf der Autobahn sieht und ein Foto von ihm macht...(Charly will ihn mit einer Waffe töten, eine angehende Journalistin will über ihn berichten...)

Alles dreht sich irgendwie um die Flucht der beiden Jugendlichen. Denn zum Einen lesen wir von ihrem Unternehmen, einfach abzuhauen und erleben mit, was sie erleben, wenn sie etwa einen Jäger auf einem Hochsitz tot finden, der im Schnee liegt. Sie nehmen sein Gewehr mit, das noch später durch verschiedene Hände gehen und bezüglich des Wolfes noch an Bedeutung finden wird. Doch im Laufe der Geschichte, erfahren wir von verlorenen Freundschaften, von geschiedenen Ehen, von Gewalt in Familien, von Alkoholsucht, vom Ausbrechenwollen, und irgendwie haben all diese hier geschilderten Menschen, etwas, das an Verlorensein und Verlorenheit erinnern mag. Vielleicht will dieses Buch vom stillen Schmerz des Verlorenseins erzählen. Die auch als Perspektivenlosigkeit empfunden werden kann. Eine anspruchsvolle Lektüre, die äusserst lesenswert ist und sicherlich zu den herausragenden Neuerscheinungen dieses Frühjahrs gehört. Auch wenn Schimmelpfennig viele Fragen offen lässt und für den Leser unbeantwortet lässt, so lässt sein Buch eben auch Raum für die eigene Interpretation und Vorstellung. Auch wenn keine grosse Spannung aufgebaut wird, habe ich diese Lektüre mit grossem Genuss trotz leichter Melancholie gelesen. Der Wolf, der hier immer wieder auftaucht, erscheint als eine Art Leitbild für Einsamkeit und gleichzeitig als Sehnsucht. Gleichzeitig dient er nicht zuletzt als Projektionsfläche. Was bleibt, ist ein Gefühl von der Verlorenheit von Menschen gelesen zu haben, die alle etwas zu suchen scheinen, doch bleibt ihre Sehnsucht nach Antworten auf eine gewisse Weise unbeantwortet.


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