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C. Mayer
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Orientierungen von Lehrerinnen und Lehrern im Themenfeld Heterogenität: Eine rekonstruktive Analyse (Studien zu Differenz, Bildung und Kultur)
Orientierungen von Lehrerinnen und Lehrern im Themenfeld Heterogenität: Eine rekonstruktive Analyse (Studien zu Differenz, Bildung und Kultur)
von Ralf Schieferdecker
  Broschiert
Preis: EUR 28,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Heterogenität, Forschungsinteresse mit Aktualität, 9. November 2015
Heute wandelt sich die Welt schneller denn früher. Es wird immer schwieriger eine Gesellschaft durch nationalstaatliche Grenzen zu definieren. Die Gesellschaft wird zur Weltgesellschaft, wie Schieferdecker mit Bezug auf andere Autoren feststellt. Und diese "Vermischung" unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher Religionen findet selbstverständlich auch in Schulen und damit nicht zuletzt im pädagogischen Diskurs ihren Niederschlag. Doch was hat es mit dieser stetig zunehmenden Heterogenität auf sich? Die pädagogisch-wissenschaftliche Literatur hat hierzu ganz unterschiedliche Vorstellungen. Differenz, Vielschichtigkeit, Andersartigkeit sind nur ein paar Begriffe, die versuchen, Heterogenität zu greifen. Weiter geht eine Besprechung des Heterogenitätsbegriffes häufig einher mit normativen Vorstellungen und Anregungen, wie mit Heterogenität umgegangen werden sollte. In der vorliegenden Arbeit geht der Autor einen anderen Weg. Nicht Vor- und Nachteile, noch Handlungsmodelle wollen von ihm besprochen werden. Sein Ziel ist viel mehr, den alltäglichen Diskurs der Lehrerinnen und Lehrer über Heterogenität zu beschreiben. Aus einer Meta-Position heraus werden allgemeine Strukturen eines solchen Diskurses identifiziert, mit der Absicht, ein zeitunabhängiges Modell zu konstruieren, dass auch zukünftige - heute noch nicht absehbare - Heterogenitätsdebatten analysieren kann.
Für eine solche Absicht muss der Heterogenitätsbegriff in seiner Bedeutung austauschbar bleiben. Dennoch muss der Autor diesen in gewisse Bahnen lenken, ihn greifbar machen. Und zwar dermaßen, dass er für strukturbildende Analysen dienlich ist. Das von Schieferdecker abgesteckte Terrain umfasst Heterogenität als gesellschaftliche Semantik, als Irritation für Organisationsstrukturen, die nach Homogenisierung trachten und als Herausforderung für Handlungsmöglichkeiten innerhalb pluralistischer Situationen. Heterogenität ist und bleibt damit ein mehrdimensionales Phänomen.
Die Absicht des Autors legt es bereits nahe. Eine quantitative Herangehensweise an dieses Bestreben kann nicht funktionieren. Wenn man die Art und Weise eines Diskurses nachbilden möchte, um hieraus ein Modell zu kreieren, muss qualitativ gearbeitet werden. Und damit atmet diese Forschungsarbeit nicht den Zeitgeist der Zahlen, der Statistiken der Korrelations- und Regressionsanalysen. Es ist eine funktional-analytische Herangehensweise, die die Tiefenstruktur eines Diskurses greifen kann. Mit der Theorie Sozialer Systeme und damit einer starken Anlehnung an Luhmann, sowie einer dokumentarischen Methode der rekonstruktiv-qualitativen Sozialforschung, die sowohl in der Lage ist Karl Mannheims "konjunktives Wissen" wie auch Pierre Bourdieus "Habitustheorie" zu berücksichtigen, entwickelt Schieferdecker eine Analysematrix, mittels derer die Vielschichtigkeit des Themas beschrieben werden kann. Hierbei werden Diskussionsgruppen nach einem kurzen verbalen Input "alleine gelassen". Die anschließende Diskussion der Probanten wird aufgezeichnet, transkribiert und analysiert. Essentiell am Gespräche ist dabei nicht das Was als viel mehr das Wie eines Diskurses. Die Konzentration auf das Wie eines Gespräches erlaubt die Rekonstruktion von handlungspraktischem Wissen der Gesprächsteilnehmer und damit die Verdichtung zu bestimmten Typen. Eine Methode, bei der sich Bohnsack seit längerem einen Namen in der qualitativen Sozialforschung erarbeitet hat und hierfür auch Forschungswerkstätten errichtete, in denen auch Schieferdecker nach eigenen Angaben aktiv war.
Derzeit erlebt unsere Gesellschaft über die im Land ankommenden Flüchtlinge eine unglaubliche Veränderung. Bereits jetzt führt das zu einer völlig neuen Wahrnehmung der Heterogenitätsthematik. Im Lehrerzimmer im Allgemeinen und der Schulstruktur im Besonderen. In Baden-Württemberg werden reihenweise VABO-Klassen (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf), bestehend aus Migrantinnen und Migranten ohne Deutschkenntnisse, eröffnet. Pensionierte Deutschlehrer sollen an die Bildungsstätten zurückkehren und Sprachunterricht erteilen. Der Diskurs über Heterogenität wird in diesem Kontext nochmals verschärft, treffen Lehrerinnen und Lehrer doch nun auf völlige unbekannte Situationen. Spannend ist in diesem Zusammenhang natürlich die Frage, wie die Lehrerinnen und Lehrer mit dieser veränderten Situation umgehen. Folgt man den Darstellungen Schieferdeckers, so neigen Lehrerinnen und Lehrer dazu, eine Komplexitätsreduktion durchzuführen, die das Agieren in einer immer komplexer werdenden Umgebung erst ermöglicht. Dies gelingt durch die Homogenisierung (also dem Zusammenfassen zu "den Schülern") wie auch der Kategorisierung, indem lediglich von spezifischen Gruppen (wie "den Migranten" u. a.) gesprochen wird. Neben dieser immer schwieriger zu greifenden Situation im Klassenzimmer analysiert der Autor auch, wie Lehrerinnen und Lehrer die Schule als auch die Eltern wahrnehmen.
Zu Beginn der Forschungsarbeit dürfte niemand geahnt haben, dass die Heterogenitätsdebatte - wenn auch damals schon aktuell - heute so doch noch einmal an Brisanz gewinnt. Doch was bleibt nun für die Lehrerinnen und Lehrer auf einer ganz handlungspraktischen Ebene? Handlungsempfehlungen waren ja gerade nicht das Ziel der vorliegenden Untersuchung. Doch ganz so frei davon ist die Arbeit - wohl ohne es zu wollen - nicht. Öffnen sich Lehrerinnen und Lehrer dem Thema Heterogenität und treten sie offen mit dem Wunsch nach Orientierung diesem gegenüber, bietet die Arbeit von Schieferdecker eine erste Hilfestellung; und das auf ganz basaler Ebene. Anhand der rekonstruktiven Methode identifizierte der Autor mehrere Lehrertypen. Mit gutem Willen und einer offenen und ehrlichen Selbstreflexion ist jede Lehrkraft dazu in der Lage sich zu fragen, ob sie ein "Löffelscheißer", ein "Panzer" oder ein "Festhalter" ist. Liest man sich in die entsprechenden Typen ein und reflektiert seine eigene Persönlichkeit, dann ist es möglich, sich im Themengebiet Heterogenität zu verorten. Alles mit der Frage im Hinterkopf, was das für das eigene Verhalten im Kollegium, aber insbesondere auch im Klassenzimmer, bedeutet. Und das kann wiederum ganz praktische Verhaltensweise nach sich ziehen. Dem aktuellen Thema Heterogenität ist es zu wünschen, dass vermehrt qualitative Untersuchungen nachfolgen. Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der sich unsere Gesellschaft verändert, ist zu hoffen, dass der Typenbildung eine Typenanleitung nachfolgt. Nicht zuletzt, um dem Anliegen vieler Lehrerinnen und Lehrer nach Orientierung und Hilfestellung nachzukommen.


Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun
Gerechtigkeit: Wie wir das Richtige tun
von Michael J. Sandel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gerechtigkeit - anschaulich diskutiert, 23. Juli 2014
Seit sich Politiker mit der Tatsache "anfreunden" müssen, dass die Schere zwischen Arm und Reich doch immer weiter auseinanderklafft, scheint das Thema Gerechtigkeit wieder salonfähig geworden zu sein. Nicht, dass das Thema jemals verwunden gewesen wäre. Schon immer gab es Gruppen, die soziale, ökonomische oder bildungsmäßige Ungerechtigkeit angeprangert haben. Doch standen diese mit ihren Forderungen mehr im Abseits des öffentlichen Interesses. Mittlerweile ist das anders. Im Nahen Osten gehen die Menschen auf die Straße und fordern zwischen Pfefferspray und Wasserwerfern lauthals ein gerechtes System. Da scheint die in Deutschland ständig diskutierte Bildungsgerechtigkeit geradezu lächerlich. Und doch geht es dort wie hier um Gerechtigkeit.

Aber was ist das, Gerechtigkeit? Ich kann sie nicht anfassen und wenn ich sie suche, dann finde ich sie allenfalls im Geiste. Die Frage nach ihr führt den Menschen zu seinen innersten Einstellungen, denn häufig hängen moralische Einstellungen eng mit der Idee der Gerechtigkeit zusammen. Viele glauben, Neutralität – wie beispielsweise die Neutralität des Staates – würde sich lossagen von moralischen Einstellungen und sei deswegen anderen Ideen überlegen. So soll das Rechtssystem neutral und ohne moralische oder theologische Wertung Recht sprechen. Doch hinter der Fassade einer jeden Forderung findet sich ein Fundamt moralischer Werte. Das Recht ist nichts anderes als kodifizierte Moral.

Der Philosophie Professor aus Harvard, Michael J. Sandel nimmt sich in seinem Buch der Suche nach der Gerechtigkeit an. Er zeichnet keine Ideengeschichte der Philosophie, sondern zeigt, dass Gerechtigkeit auf drei Begriffen fußt: Gemeinwohl, Freiheit, Tugend. Dabei lässt er Philosophen unterschiedlicher Couleur zu Wort kommen. Philosophen, deren Theorien teilweise unvereinbar nebeneinanderstehen. Hier kann es kein Richtig oder Falsch geben. Die Ideen sind in sich schlüssig und abschließend müssen die Menschen im Gespräch definieren, wie sie sich Gerechtigkeit vorstellen. Sandel zeigt, dass das Gerechtigkeitsthema vielschichtiger ist als wir oft denken. Unter anderem nimmt sich Sandel auch dem Utilitarismus an. Eine gedankliche Strömung, die heute - gerade wegen ihrer Nähe zur ökonomischen Theorie - von vielen Menschen implizit und damit unreflektiert als gerecht eingestuft wird. Doch ist Gerechtigkeit nicht automatisch dann verwirklicht, wenn die Summe des hergestellten Glücks die Summe des vermiedenen Leides überwiegt. Für Sandel ist es schlechterdings unmöglich, alle Werte der Menschen in eine Einheit umzurechnen, sei diese nun Geld oder so etwas Abstraktes wie der Nutzen.

Wer sich heute mit Philosophie beschäftigen möchte, muss sich Dank der Bücher des Philosophie Professors nicht mehr durch "staubige Folianten" quälen. Sandel bricht die teilweise Jahrtausende alten Theorien auf und präsentiert sie uns im modernen Gewand. So sind seine Ausführungen aus der Lebenswelt gegriffe: Ist das Einkommen von Michael Jordan gerecht? Dürfen Handwerker ihre Preise nach einer Hochwasserkatastrophe erhöhen? Ist es gerecht, frei über den Verkauf seiner Organe bestimmen zu dürfen?
Ob Sandel die Ideen der zugrundeliegenden philosophischen Schriften - die häufig hunderte von Seiten umfassen - zugunsten der Anschaulichkeit und des Verständnisses wegen zu sehr vereinfacht hat, müssen philosophisch geschulte Leser entscheiden. Für den philosophischen Laien ist dieses Werk ein hervorragender Einstieg in das Thema der Gerechtigkeit.


Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist
Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist
von Thomas Nagel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kritik aus den eigenen Reihen, 23. Juli 2014
Das geniale an dem Buch: Wenn wir heute etwas Kritisches zum Thema Naturwissenschaften hören, denken wir sofort an einen Angriff von Seiten der Theologie. Irgendwie glauben wir, dass es nur zwischen diesen "Parteien" Streitigkeiten geben kann. Doch weit gefehlt. Nagel selbst ist Atheist und Anhänger einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung und doch geht er mit den Naturwissenschaften im Allgemeinen und der Evolutionstheorie im Speziellen scharf ins Gericht.

Nagel würdigt die Fortschritte und das Vermögen der modernen Naturwissenschaften, das Leben zu erleichtern und naturgesetzliche Prognosen abzugeben. Doch hat die moderne physikalische Naturwissenschaft eine Lücke, die ganz gewaltig klafft. Der menschliche Geist - also Bewusstsein - findet darin keinen Platz. Dabei ist es für Nagel keine Frage der Zeit, bis diese Lücke geschlossen werden kann, da die physikalische Naturwissenschaft nicht über das Instrumentarium verfügt, hier Erkenntnisse und damit Fortschritte zu generieren. Denn das was das menschliche Bewusstsein ausmacht, also Denken, Werte usw. lässt sich nicht soweit reduzieren oder gar dem Zufall zuschreiben, dass es ins moderne mathematisch-naturwissenschaftliche Weltkonzept passt. Nagel ist sich sicher, dass diese Lücke mit naturwissenschaftlichem Denken geschlossen werden kann, es also Naturgesetze gibt, die hier eine Erklärung liefern können. Doch hat diese Naturwissenschaft (nicht nur methodologisch) nicht mehr viel gemein mit unserem heutigen Verständnis. Zwar ist es Nagel nicht möglich, dieses neue naturwissenschaftliche Verständnis exakt zu zeichnen, doch er zeigt einen Rahmen auf wie dieses geartet sein müsste. In diesem Zusammenhang zeigt Nagel auch, wie unvollständig, ja gar oberflächlich, die Evolutionstheorie ist.

Als ich das Buch zu Ende gelesen habe, musste ich an Bertolt Brechts "Leben des Galilei" denken. Wenn man dieses Buch liest, lacht man unweigerlich über die Blindheit und das Unwissen früherer Generationen. Jetzt beschleicht mich das Gefühl, dass uns dieses Erbe auch bevorsteht. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass die kommenden Generationen über uns ebenso so denken werden wie wir über die vergangenen. Wir sind eben doch noch nicht an der Spitze angekommen.

Insgesamt ist dieses Buch für alle geeigent, die eine neue (kritisch-naturwissenschaftliche) Sichtweise auf die physikalische Naturwissenschaften im Allgemeinen und die Evolutionstheorie im Speziellen werfen möchten, ohne dass hier wieder der alte Streit zwischen Naturwissenschaften und Theologie bedient werden muss. Nagel scheint mir endlich einmal ein Wissenschaftler zu sein, der den Namen Wissenschaftler auch verdient, indem er einen Blick zurückwirft auf das was "wir haben" und das kritisch beschaut und völlig wertfrei feststellen muss, dass Darwin doch viel weniger zu erklären im Stande ist, als vielerorts unkritisch angenommen wird… Und das Ganze ohne Theologie. Das ist erfrischend, denn sonst war man bisher immer gezwungen, Partei zu ergreifen. Doch Nagels Kritik kommt aus dem naturwissenschaftlichen Denken selbst. Genial!
Genau betrachtet ist Nagels Buchtitel etwas unglücklich gewählt. Denn die bisherige naturwissenschafliche Konzeption ist nicht ganz falsch, sie ist nur unvollständig. Das aber zu einem nicht unerheblichenTeil. Zumindest, wenn es um mehr als die Frage geht, warum etwas zu Boden fällt.
Gegen Mitte des Buches - und das soll nicht verschwiegen werden - verlangt die Lektüre dem Leser viel Konzentration ab. Gerade wenn man aus einem anderen wissenschaftlichen Metier kommt. So muss man manche philosophische Begriffe nachschlagen, um dem Gedankengang weiter eng folgen zu können. Doch wenn man dies als Akt der eigenen Horizonterweiterung betrachtet, macht es sogar Spaß.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 11, 2014 8:53 AM MEST


Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
von Rolf Dobelli
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Form schlägt Inhalt, 9. November 2013
Ein Buch, das Denkfehlern den Kampf erklärt, kommt dieser Tage gerade recht. Viel zu häufig fühlen wir uns hintergangen; zumindest aber nicht hinreichtend informiert. Was Rolf Dobelli mit seinem Werk versucht, sind hehre Absichten. Bedauerlicherweise stolpert der Autor über seinen eigenen Anspruch. Klares Denken kann nicht stattfinden mit platten Aussagen, unscharfen Begriffen und dem Ignorieren von Punkten, die der eigenen Ansicht zuwiderlaufen.
Mittels dreier Beispiele, möchte ich dies veranschaulichen.

In der Schwammigkeit religiöser und philosophischer Überzeugungen sieht Dobelli einen hervorragenden Nährboden für den - wie er ihn nennt - "Confirmation Bias". Gemeint ist ein Denkfehler, bei dem sich Menschen auf eine so wage Theorie berufen, deren Inhalt so ungenau bestimmt ist, dass sich leicht zig Beispiele finden, die diese Theorie bestätigen. Mit seinem Angriff auf den "Confimation Bias" erliegt Dobelli eben diesem Fehler selbst. Seine Aussagen sind häufig so oberflächlich und aus dem Zusammenhang gerissen, dass sich auch hier jedes Vorurteil flämisch bestätigen lässt. Denn: Ernsthafte philosophische Überzeugungen sind i.d.R. klar durchdacht und exakt ausgelotet. Schwammig werden sie nur, wenn Laien meinen, einzelne Sätze - weil wohlklingend - aus ihrem Gesamtzusammenhang reißen zu müssen, um mit diesen Aphorismen Bildung vorzugaukeln, die nicht vorhanden ist. Mit plumpen Aussagen wie: "Gläubige sehen auf Schritt und Tritt bestätigt, dass es Gott gibt. Dass dieser sich nicht direkt präsentiert - mit Ausnahme vor Analphabeten in Wüsten und abgelegenen Bergdörfern, aber niemals in einer Stadt wie Frankfurt oder New York" illustriert der Autor seine These. Mit dieser Oberflächhlichkeit verspielt der Autor jede Überzeugunskraft.

Ganz allgemein passt Dobelli Begriffe in einer ihm gefälligen Weise an. So schreibt er, dass sich die Menschen seit alters her Geschichten erzählen. Verliefen diese über Jahre hinweg gerade, würde man das "Identität" nennen. Den Begriff der "Identität" derart zu verkürzen, tut weh. Weiter fordert er seine Leser auf, Geschichten (seien sie in den Nachrichten oder der Werbung) auseinanderzunehmen. Immer solle man danach fragen, was die Geschichte verbergen möchte. Dass Geschichten nicht immer manipulieren möchten, sondern dass das Erzählen, das Narrative, etwas Urmenschliches ist, blendet der Autor aus. Entgegen der landläufigen Meinung, unsere Sprache sei in erster Linie ein Informationsvehikel, zeigen Untersuchungen wie falsch wir mit dieser Annahme liegen. Es ist eben nicht der Informationsaustausch, für welchen wir hauptsächlich unsere Stimme erheben. Viel mehr benutzen wir sie, um neben gänzlich uninformativem Geplapper, mit welchem wir eine stumm-schweigende Situation ihrer Anspannung berauben, Dinge beschwören, den Menschen Trost spenden, oder sie gar als Aggressor einzusetzen wissen.

Ganz allgemein versucht Dobelli sich rein rational bestimmten Denkmustern anzunehmen. Was auf den ersten Blick als gut und richtig erscheint, offenbart später seinen einengenden und manipulativen Charakter. Berufsbedingt argumentiert der studierte Betriebswirt nüchtern, technisch. Eigene Prämissen werden jedoch nicht kritisch durchdacht. Dobelli sieht als einzige Lösung für die Tragik der Allmende (dem Problem, das kostenlose Güter von den Menschen überbeansprucht und damit zerstört werden) den Weg in die Privatisierung und das Managen. Ohne offenzulegen, was denn Privatisierung heißt, endet hier die Argumentation und der Autor klopft sich auf die Schulter ob seines genialen Gedankens. Dass es mittlerweile sogar eine Tragik der Anti-Allmende gibt, übergeht der Autor. Gleichzeitig applaudieren ihm alle lobenden Rezensenten, die im hinteren Teil des Buches ihre Stimmen erheben. Alles Ökonomen, vieles Freunde und Bekannte von Dobelli.

Ähnlich versucht der Autor mit seinen Ausführungen zum "Social Loafing" die Leistungsgesellschaft per se zu idealisieren. Ausgangspunkt ist eine Untersuchung die zeigt, dass zwei Pferde vor einen Wagen gespannt nicht doppelt so viel Leitung vollbringen, wie eines. Diese Untersuchung auf Menschen angewandt, zeige, dass Menschen in Teams weniger Leistung bringen, als wenn diese einzeln arbeiten würden. So würden Tauzieher in Zweierteams lediglich noch 93 Prozent ihrer Kraft einsetzten, zögen sie zu dritt, würde sich ihr Einsatz auf etwa 85 Prozent reduzieren. Schuld daran sei die Verantwortungsdiffusion. Heißt: Wenn Leistung nicht mehr eins zu eins einer Person zugeschrieben werden kann, dann ist das Ergebnis auch nicht mehr allein von dieser Person abhängig. Möge man also effiziente Teams, in denen jeder 100 Prozent bringen muss, müssten die Teams und ihre Arbeitsbereiche so differenziert sein, dass abschließend exakt bestimmt werden kann, auf wen welche Leistung zurückzuführen ist. Dobelli vergisst: Wenn zwei Pferde nicht 200 Prozent der ursprünglichen Leistung bringen, so bringen sie dennoch mehr als die ursprünglichen 100 Prozent des einzelnen Pferdes. Mehr noch: Die Tiere müssen sich weniger anstrengen und die hervorgebrachte Leistung ist dennoch höher als die anfängliche. Auf menschliche Teams übertragen heißt das, dass hier Mitarbeiter unter Umständen zwar nicht mehr 100 Prozent bringen, das Endergebnis aber dennoch über dem ursprünglichen liegt. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass die Mitarbeiter Teile ihrer Ressourcen schonen (können) und damit gesund bleiben. Weiter bleibt in dieser engen Argumentationslinie Dobellis die Frage offen, ob nicht vielleicht Synergieeffekte der Teammitglieder das Ergebnis deutlich verbessern, unabhängig davon, wie viel Einsatz die einzelnen Mitarbeiter bringen.

Schade, dass Dobelli seine durchaus kurzweiligen und gut zu lesenden Kapitel dermaßen verkürzt darstellt. Viele regen tatsächlich zum Nachdenken an und werfen teilweise ein neues Licht auf gesellschaftliche Vorgänge - viele sind aber auch schon seit Jahren bekannt und wurden schon häufig publiziert. Seine verkürzte Darstellung ist dabei mehr als ein Wehrmutstropfen. Ganz im Sinne des Kant'schen Erbes geht Dobelli bei seinen Darlegungen davon aus, dass es einen Dualismus von Ratio und Emotion gibt. Selbst wenn das die moderne Hirnforschung widerlegt. Der Mensch entscheidet nämlich unterbewusst emotionaler als wir annehmen, während eine rationale Erklärung der Entscheidung erst im Nachhinein geliefert wird. In seinem Nachwort spricht Dobelli dies selbst an. Doch ist das Kind hier bereits in den Brunnen gefallen.

Vielleicht ist - summa summarum - an diesen begrifflichen Unschärfen und verkürzten Darstellungen auch der Verlag schuld oder die Tatsache, dass Dobellis Texte bereits als Kolumnen erschienen sind und hier wohl nur eine begrenzte Zeilenmenge zur Verfügung stand. Wohl wäre es im Sinne der Qualität des gesamten Werkes gewesen, sich auf weniger als 52 Kapitel zu konzentrieren, dafür diese wenigen Kapitel durchdachter zu präsentieren. Auf Grund der kurzen Kapitel können sich Dobellis Gedanken gerade nicht klar entfalten und bleiben nur schwer in Erinnerung. Nicht immer nämlich ist kurz gleich klar, wie wir oft glauben. Ein guter, klarer Gedanke braucht zuweilen Raum, seine Wirkung entfalten zu können.


Ich weiß, was du denkst: Das Geheimnis, Gedanken zu lesen
Ich weiß, was du denkst: Das Geheimnis, Gedanken zu lesen
von Thorsten Havener
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Leitfaden bis vor die Eingangstür … und anderes mehr, 15. August 2013
Es ist ein erhabener Gedanke. Zu wissen, was andere Menschen denken, reizt wohl jeden. Schier unendliche Möglichkeiten würden sich ergeben. Selbstsicherheit und Macht wären vorprogrammiert, denn nie wieder könnte man uns belügen oder übervorteilen.

Natürlich weckt ein Buch - welches das Erlernen des Gedankenlesens zum Programm hat - Interesse. Gleichzeitig meldet sich in uns ein gewisser Argwohn. Gedankenlesen?! Das ist Humbug und etwas für Handleser und Esoteriker. Doch diesem Vorwurf muss sich Thorsten Havener nicht stellen. Für ihn ist die Fähigkeit zu wissen, was seine Mitmenschen denken, weniger spirituell. Er schließt von beobachtbaren Gesten und der Mimik auf die Gedankenwelt. Und das ist für ihn erlernbar.
In seinem Buch erzählt Havener viel über seine Auftritte und Erfahrungen mit Menschen. Er führt seinem Leser in angenehmer Sprache vor, wie sich unsere Augen, unser Mund, ja unser ganzer Körper unbewusst verhält und wie man diese nonverbalen Signale interpretiert.

Jedoch verrennt sich Havener in der zweiten Hälfte seines Werkes. Er beschäftigt sich mit unserer Sprache; wie sie wirkt und wie sie manipulativ eingesetzt werden kann. Das ist hoch spannend, doch bleibt Havener am Ende seines Buches eine konkrete Antwort schuldig. Heißt: Er nimmt seine Leser mit auf eine interessante Reise über unbewusste Körperbewegungen und zeigt, wie mächtig Sprache sein kann. Doch irgendwie bleibt am Ende das Gefühl zurück, dass Havener nicht alles erzählt. Es scheint so, als würde Havener seine Leser bis kurz vor die Eingangstür tieferer Geheimnisse führen, sie aber nicht hindurchtreten lassen. Das ist sicherlich gewollt. Geht es in diesem Buch doch um nichts Geringeres als Haveners Geschäftskapital. Würde er es lüften, wäre für viele die Faszination an seinen Shows zumindest geringer. Abschließend rutscht Havener (gewollt oder ungewollt?) in die Sparte der Lebensberater. Er schreibt, wie man sich durch Autosuggestion seinen Zielen widmen soll und wie man eine positive Einstellung zu sich und seinem Leben gewinnt. Seine Techniken mögen funktionieren, doch sind wir hier nicht mehr beim Gedankenlesen an sich.

Dieser Wehrmutstropfen wiegt. Doch gelingt Havener etwas anderes. Er zeigt anhand eindrucksvoller und leicht nachzustellender Experimente, den Zusammenhang zwischen Geist und Körper. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Auch die Sprache selbst, die in unserer Zeit aus dem Fokus geraten ist, erhält durch Haveners Zeilen eine Aufwertung. Wer dieses Buch gelesen hat, der wird sensibler für die Sätze seines Gegenübers. Wer erkannt hat, welche Kraft in Worten liegt, kann sich dieser Faszination nicht verschließen.

Summa summarum ist dieses Buch für diejenigen ein Genuss, die sich für Körpersignale sowie die Wechselwirkungen von Gedanken und unserem Körper interessieren. Schön ist auch, dass Havener die Intuition aus der Nische herausholt, in die sie unser Verstand vertrieben hat. Das Bauchgefühl ist häufig zutreffender als sein Ruf vermuten lässt und somit lohnt es sich, auch ihm Gehör zu schenken. Ob aber Gedankenlesen durch dieses Buch gelernt werden kann, steht zur Debatte. Eine neue Perspektive auf unsere Kommunikation bietet es allemal.


Der Jahrmarkt der Magier. Zaubergold 01.
Der Jahrmarkt der Magier. Zaubergold 01.
von Jude Fisher
  Taschenbuch

2.0 von 5 Sternen Tolle Idee, erzähltechnisch jedoch schwach umgesetzt, 5. Mai 2013
Der Jahrmarkt der Magier, - ein Titel der Erwartungen weckt. Den Worten "Jahrmarkt" und "Magier" haften so wundervolle Bedeutungen an, dass sie eine schöne Geschichte versprechen. Ein Jahrmarkt, das verheißt unterschiedliche Charaktere, Händler, die gewohnte und fremde Waren feilbieten. Das klingt nach Gauklern, Musik und Leben. Magier: Hier tritt das Übersinnliche in die Geschichte ein. Wundersame Mächte, die mal gut mal böse, aber stets geheimnisvoll sind. Zusammengenommen erwartet man eine lebhafte Geschichte, die den Leser in ein magisches Marktgebaren entführt, das ihn verzaubert.
Und in der Tat verspricht der Plot genau das. Zwei Völker, im Grunde bis ins tiefste Mark verfeindet, kommen einmal im Jahr zum Allmarkt zusammen, um miteinander Handel zu treiben. Es dauert nicht lange und das Marktleben gerät aus den Fugen und alte Fehden brechen wieder auf. Derweil erwacht eine uralte Magie zu neuem Leben.

Im Grunde hat diese Idee alles was eine gute Erzählung ausmacht. Und doch mag sie den Leser nicht überzeugen. Lange hat es gedauert bis mir klar wurde, warum dieser tolle Ansatz nicht zünden möchte und ich mich häufig von Seite zu Seite ziehen musste.
Zum einen sind es die sehr langen Schachtelsätze, die einen angenehmen Lesefluss hemmen. Zum anderen ist es die ungeschickte Verwendung der Erzählperspektiven. Meint: Die Autorin springt innerhalb kurzer Augenblicke zwischen den Figuren hin und her. Im einen Moment erfährt der Leser den Streit zwischen Katla (einer Waffenschmiedin aus Eyra) und ihrem Vater aus Sicht der Tochter, während der Leser bereits zwei Zeilen später Einblicke in die Gedanken des Vaters erhält. Das wirkt nicht nur unruhig, sondern nimmt zugleich jegliche Empathie und Spannung. Würde das Geschehen nur aus der Sicht einer Person geschildert, hätte man die Möglichkeit sich auf diese einzulassen. Nicht zu wissen, wie und was die anderen Figuren in diesem Moment denken, macht die Situation nur realistischer.
Schade, dass die Umsetzung etwas hapert. Denn die Idee zwingt den interessierten Leser dazu, weiterhin am Ball zu bleiben. So beendet man das Buch und zurück bleibt das Gefühl, Teil einer eigentlich schönen Geschichte geworden zu sein, die mit etwas schriftstellerischem Geschickt das Potential für etwas ganz Großes gehabt hätte.


Seeteufel (Bodensee Krimi)
Seeteufel (Bodensee Krimi)
von Manfred Megerle
  Broschiert
Preis: EUR 10,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Konstruierter Lokalkrimi, 20. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: Seeteufel (Bodensee Krimi) (Broschiert)
Die Greth, die Turmgasse, das Franziskanertor, Nußdorf und Sipplingen. Wem diese Örtlichkeiten etwas sagen, der kann sich die Schauplätze von Manfred Megerles Krimi "Seeteufel" bildlich vorstellen. Denn hier spielt der Regionalkrimi um Hauptkommissar Wolf von der Kripo Überlingen. Hier geht er auf die Suche nach dem oder den Tätern, die mittels Arsen betuchte alte Damen ums Leben und ihr Vermögen bringen.

Megerles Krimi ist ein weiteres Stück in einer ganzen Reihe von Regionalkrimis, die derzeit Hochkonjunktur haben. Was Kommissar Kluftinger für Altusried ist, ist Kommissar Wolf für Überlingen. Gerade ihre Regionalität verpasst diesen Büchern ihren besonderen Charme. Nicht mehr ein weltumspannendes Wettrennen gegen die Zeit, mit internationalen Verbindungen zu allen möglichen Geheimdiensten, ist hier gefragt. Lokalkolorit erwartet den Leser. Die Menschen vor Ort, mit all ihren Besonderheiten, bilden den Rahmen für ein fast schon heimeliges Kriminalstück.
Leider hapert es aber an Megelers Fähigkeit, eine erfundene Geschichte als etwas nicht Konstruiertes darzustellen. Sein Plot wirkt sehr unbeholfen und vor allem die Dialoge sind derart hanebüchen, dass die Glaubwürdigkeit der Figuren darunter leidet. Die Gespräche der Protagonisten sind der Situation kaum angepasst. Langwierige Sätze und platte Phrasen geben sich das Wort.


Casanova: Der Mann hinter der Maske - Die Biographie
Casanova: Der Mann hinter der Maske - Die Biographie
von Ingo Hermann
  Gebundene Ausgabe

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die (wahre) Geschichte seines Lebens, 19. November 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Biographie". Das Wort klingt trocken, klingt langweilig, klingt wissenschaftlich und damit nur für Fachpersonal verständlich. Doch Ingo Hermann beweist, das muss nicht so sein. Mit seiner Casanova-Biographie präsentiert er uns eine authentische Lebensgeschichte, die sich inhaltlich und sprachlich wie ein Krimi liest.
Wobei: Die Frage nach der historischen Korrektheit kritisch verstanden werden darf. So sind die Primärquellen aus denen wir etwas über Casanova erfahren, seine im hohen Alter selbstgeschrieben Memoiren "Die Geschichte meines Lebens". Hermann ist so integer, diesen Punkt selbst zu betonen und führt illustre Beispiele an, in denen Dichtung und Wahrheit, Memoiren und historische Zeugnisse auseinanderdriften.

Anstatt sich einfach chronologisch durch Casanovas Leben zu hangeln, baut Hermann sein Werk interessanter auf. Er teilt Casanovas Leben in verschiedene Bereiche ein. Dabei ist Casanova mehr als ein Verführer, mehr als ein Mann dem es um körperliche Liebe geht. In dieser Biographie lernen wir ihn kennen als Kirchenmann, als Venezianer, als Feminist. Aber auch als Liebhaber der Wissenschaft, als Spieler und Schriftsteller. Genauso wie als Geheimagent und Briefeschreiber und natürlich als Verführer.
Dieses Werk zeigt uns ein Leben aus dem 18. Jahrhundert, wie es spannender kaum sein könnte.
Schön ist auch der Abschluss des Buches, in dem Hermann die (heutigen) Casanova-Adaptionen in der Literatur und im Film thematisiert. Was am Ende der Lektüre bleibt ist die Faszination an einem Menschen, der facettenreicher war als das naive Klischee, das häufig in unseren Köpfen vorherrscht.


Das Böse oder Das Drama der Freiheit
Das Böse oder Das Drama der Freiheit
von Rüdiger Safranski
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wahrlich, das Böse vermag uns zu faszinieren, 4. September 2012
"Alle wollen immer das Gute, doch wahrlich faszinieren kann nur das Böse", hat Rüdiger Safranski einmal auf einem Philosophen-Kongress gesagt. Vielleicht hat ihn das dazu ermutigt, dieses Buch zu schreiben.
Safranski sucht das Böse, will wissen, was es damit für den Menschen auf sich hat. Dabei reicht seine Recherche weit in der Zeit zurück und greift dabei theologische und philosophische Theorien auf. Zu sagen Rüdiger Safranski würde historisch vorgehen, ist nur im übertragenen Sinne gemeint, denn sowohl die griechischen Mythen, als auch die Schöpfungsgeschichte sind ja eher typologisch denn geschichtlich zu lesen. Dennoch beginnt Safranski genau hier und arbeitet sich dann am Zeitstrahl und vielen bekannten Namen entlang, ins Heute vor.
Wenn der theologische Begriff Gott fällt und Safranski auf Gedanken von bspw. Augustinus eingeht, zeigt sich, dass der Begriff viel umfangreicher ist, als er heute in populärwissenschaftlichen Trivialschriften zu finden ist, die Gott nur personifiziert und eindimensional charakterisieren. Dabei kommt Gott nicht immer als der/das Gute weg, als das er häufig gesehen wird. Seine Begriffsbedeutung ist vielschichtiger.
Gleiches gilt natürlich für das Böse. Das Böse ist zu komplex, um es in eine einzige Definition zu bannen. Und damit ist "böse sein" viel mehr als die Überschreitung eines moralischen, religiösen oder juristischen Verbotes. Das Böse ist häufig das Andere, das Unbestimmte, das Sinnlose, das Nichts. Ein solches Verständnis ist abstrakt, doch bestechen die jeweiligen Gedankengänge mit scharfsinniger Logik und faszinieren ungemein - auch wenn man nicht immer derselben Meinung ist.
Gerade wenn Kant das absolut Gute sucht und der Marquis de Sade dem absolut Bösen auf der Spur ist, kommt man von der Lektüre kaum noch los. Sades Gedanken, die er bspw. in "Die 120 Tage von Sodom" verschriftlicht, sind - vielleicht gerade wegen ihrer Perversion - interessant. Sade zeigt, wie auch die Vernunft dazu missbraucht werden kann, Negatives sinnvoll zu begründen. In seinen Gedankenspielen stößt er immer tiefer ins Wesen des Bösen vor, immer mit dem Ziel, das grenzenlose Böse zu finden. Sade hat sein Leben diesen Gedanken gewidmet und so stirbt er am 02. Dezember 1814 in einer psychologischen Anstalt.
Safranskis Buch hat aber noch mehr zu bieten. Platons Politeia, Hobbes Leviathan und Rousseaus Gesellschaftsvertrag haben etwas ganz bestimmtes Gemeinsam: Ihre Theoriegebäude brauchen das Böse. Egal wie sie ihre Modelle auch drehen und wenden, stets bleibt der, die, das Andere bestehen. Eine Bedrohung, die es notfalls zu zerstören gilt; auch mit Gewalt.
Dass hier der Hitlerismus nicht fern ist, liegt auf der Hand. Darum erhält auch er in diesem Buch seinen Platz.
Bei all den misanthropischen und lebensverneinenden Gedanken in diesem Buch kommt man nicht umhin, immer wieder sein eigenes Menschen- und Weltbild zu reflektieren. Eine spannende Angelegenheit, denn tatsächlich vermag uns das Böse zu faszinieren.


Föhn mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer
Föhn mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer
von Stephan Serin
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Zuviel heiße Luft, 23. August 2012
Ja, Schüler können so sein wie Herr Serin dies in seinem Buch beschreibt. Und ja, vom Referendariat hat hört man kaum Gutes und einige der Hiobsbotschaften werden ältere Semester bestätigen können.

Dennoch stört etwas beim Lesen dieses Buches. Es ist die Art und Weise, wie Herr Serin das Referendariat, die Schule, die Schüler und die Kollegen beschreibt. Immer wieder fragt man sich, warum Herr Serin sich durch das Referendariat gekämpft hat, wenn alles was danach folgt doch nicht viel besser erscheint. Die Ironie, das Augenzwinkern, mit dem der Autor seine Geschichten erzählen möchten, greift nicht. Wann immer er von Schülern berichtet, tut er dies auf eine herablassende und abfällige Art. Dabei spielt es keine Rolle wie viel Autobiographisches und wie viel Fiktion in diesem Buch steckt. Schüler sind in Serins Augen gefährlich, dumm und seinem Intellekt nicht gewachsen. Nochmal: Der versuchte ironische und selbstzweifelnde Schreibstil verschlimmert die Lage mehr, als dass sie ihr förderlich ist. Zurück bleibt ein schaler Geschmack von "Herr Serin, bitte suchen Sie sich einen anderen Beruf".

Wer nicht selbst die Erfahrungen des Referendariats und des Schulalltags erlebt hat, dessen Bild von Schülern und Lehrern dürfte nach der Lektüre schrecklich sein. Wer auch immer sich in diesem Buch wiederfindet - und mit seiner Eistellung zum Thema Schüler nahe bei Herrn Serin ist - sollte noch einmal in sich gehen und sich fragen, ob der Umgang mit jungen Menschen das Richtige für ihn ist. Natürlich ist die Realität anders als in den Stapeln vieler weltfremder pädagogischer Lehrbücher und zweifellos ist es nicht immer leicht und tatsächlich gibt es Tage an denen man glaubt, die Welt spiele verrückt und all das könne doch nicht wahr sein. Trotzdem scheint die Grundeinstellung, mit der ich meine tägliche Arbeit verrichte, essentiell für meinen Beruf zu sein. Eine ständige nur aufs Negative hin ausgelegte Einstellung, kann nur zu einem frustrierten Verhältnis zu sich selbst und seiner Umwelt führen. So anstrengend es oft ist, mit Menschen zu arbeiten, so häufig gibt es immer wieder - mal kleinere, mal größere - Situationen, in denen man denkt, man hat den schönsten Beruf der Welt. Ein Gedanke, der Herr Serin scheinbar fremd ist.


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