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Rezensionen verfasst von
Dr. Schreck "Dr. Schreck" (Wald)

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Tage der Nemesis
Tage der Nemesis
von Martin von Arndt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Obwohl es gar nicht mein Genre ist, ..., 15. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Tage der Nemesis (Gebundene Ausgabe)
... wie ich hiermit zugeben muß, und obwohl ich meine Schwierigkeiten mit dem Genre "Krimi/Thriller" und dessen eher raubautziger Sprache und die ersten paar Seiten nicht so recht in "Tage der Nemesis" reingefunden habe, muß ich dem Buch fünf Sterne geben.

Denn erstens ist das Thema spannend und ungemein interessant. Es ist Martin von Arndt hoch anzurechnen, daß er offenbar eine genaue und umfangreiche Recherche betrieben, sich in dieses schwierige Thema eingearbeitet und trotz intensiven Quellenstudiums ein sehr lebendiges Buch geschrieben hat.
Das Thema selbst, der türkische Genozid an den Armeniern am Anfang des vergangenen Jahrhunderts und die Verwicklungen der Weimarer Republik in dem Ganzen, war mir bislang kaum bekannt und hat mich in seiner Tragweite doch erstaunt. Ein weiterer Verdienst von Arndts ist es dabei, keine verallgemeinernde Suche nach einem Schuldigen bei einer der beiden Parteien zu betreiben (obwohl es freilich durchaus Schuldige gibt), sondern sowohl die türkische wie auch die armenische Sicht differenziert und kritisch zu beleuchten.

Zweitens schleichen sich nach dem etwas hölzernen (vielleicht auch nur "krimihaften") Anfang nach und nach immer mehr Zwischentöne ein, der Ermittler und sein Assistent, aber auch die Verdächtigen, die Kollaborateure, die Helfer und Verräter werden immer vielschichtiger und im Falle der Hauptfiguren auch immer sympathischer, und vor allem entwickelt es einen ziemlichen Sog, wie sich die ganze Geschichte hauptsächlich in Dialogen, Verhören und Figurenreden ausbreitet. Und überhaupt: Die Dialoge sind mehr als gelungen, Chapeau!

Drittens blitzt immer wieder, dem ernsten Thema zum Trotz, ein schelmischer, manchmal fast schon alberner Humor auf, sei das ein ironischer Ausblick auf das kommende Naziregime, sei es das Verhältnis zwischen gebildetem Ermittler und seinem tumben zweiten Assistenten, sei es einfach von Arndts Spaß am Schreiben.

Und viertens halte ich Martin von Arndt für einen ausgesprochen unterschätzten und ausgesprochen guten Gegenwartsautor, der mit "Tage der Nemesis", das, wie schon "Der Tod ist ein Postmann mit Hut" nach "egoshooter" oder "Oktoberplatz" nach dem "Postmann", wieder einen ganz anderen, dem Genre und dem Thema angemessenen Tonfall anschlägt und nicht in einem "typischen" Stil verharrt, einen hervorragenden Politthriller geschrieben hat, der es verdient, gelesen zu werden. Wie seine anderen Bücher auch.


Folk Songs
Folk Songs
Preis: EUR 21,85

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wundervolle Musik aus einer anderen Zeit und Welt, 12. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Folk Songs (Audio CD)
Auf das Trio Mediaeval aufmerksam geworden bin ich über das Hilliard Ensemble und die Alte Musik, aber ein Album mit alten norwegischen Volksliedern erschien mir noch interessanter als die Interpretation der "klassischen" Alten Musik, also griff ich nach kurzem Reinhören zu, und ich wurde nicht enttäuscht.

Klanglich und stimmlich sind die Aufnahmen einwandfrei, wie bei ECM nicht anders zu erwarten, auch die Aufmachung sowie das Booklet mit den norwegischen Texten und ihrer englischen Übersetzung, schönen Bildern und einem Begleittext der Künstlerinnen sind angemessen schön. Aber auch die Lieder selbst sind mitunter ganz wundervoll. Oft kommt einem manches bekannt und doch fremdartig, aufregend alt und neu zugleich vor, und, dieser Pathos sei gestattet, das Hören dieses Albums ist wie eine Reise in eine fremde, magische Welt, wozu die norwegische Sprache, in der die Lieder gesungen werden und die ich nicht spreche, viel beiträgt, von den klaren, nicht aber glatten Stimmen der drei Sängerinnen und der archaischen Perkussion ganz zu schweigen.

Meinen Vorrednern kann ich überhaupt nicht zustimmen in ihrer Kritik an "Folk Songs". Sicher, drei Stimmen und ein Perkussionist sowie die thematische Einschränkung auf norwegische Volkslieder lassen nicht viel Raum für allzu viel Abwechslung in den Arrangements und in der Dynamik, aber wer eine A-Capella-CD mit norwegischen Volksliedern kauft, darf weder mit orchestralen Arrangements noch mit munterer Popmusik rechnen. Man kann reinen Klaviersonaten ja auch nicht die fehlende Trompete vorwerfen.

Auch sind diese Aufnahmen nicht "eintönig" und "durchgehend das Gleiche", vielmehr wechseln sich die Lieder im Tempo ebenso ab wie in den unterschiedlichsten Stimmungen, vielmehr bringt in diesen minimalistischen Arrangements eine einfache Maultrommel bereits eine ungemeine Spannung in die Musik. Und wie gesagt handelt es sich hierbei um Volkslieder, und nicht um durchkomponierte Kunstlieder.

Man muß sich ein wenig einlassen auf diese Musik, muß vielleicht auch eine gewisse Lust auf das Archaische, das "Authentische" (wenn Hi-Fi-Aufnahmen alter Volkslieder heute überhaupt "authentisch" sein können), das Minimalistische mitbringen, und man muß Lust auf die Stille haben, die diesen Aufnahmen innewohnt. Dann aber macht die Entdeckungsreise, die diese CD dem Hörer bietet, viel Spaß, auch, wenn sich, wie bei Volksmusik üblich, manche musikalischen Motive und Ideen wiederholen mögen.


Tristan da Cunha Oder die Hälfte der Erde: Roman
Tristan da Cunha Oder die Hälfte der Erde: Roman
von Raoul Schrott
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein unglaubliches Leseerlebnis, 7. Januar 2013
Es ist nun schon eine Weile her, dass ich dieses Buch gelesen habe, und in der Zwischenzeit sind mir einige andere gute bis hervorragende Bücher untergekommen, aber immer wieder komme ich auf "Tristan da Cunha" von Raoul Schrott zurück, nicht zuletzt durch meine aktuelle Lektüre von Schrotts neuem Roman "Das schweigende Kind" und seiner Gilgamesh-Neudichtung.

Es ist kein einfaches Buch, und man braucht schon ein wenig einen langen Atem, aber "langweilig" und "zum in die Ecke werfen", wie es einige Rezensenten hier nennen, ist es nun wirklich nicht. Im Gegenteil: Ich habe selten ein Buch erlebt, das mich sowohl in Inhalt als auch in Form so fasziniert und begeistert hat.

Über den Inhalt brauche ich keine Worte zu verlierendas haben meine Vorredner hier schon getan. Es genügt zu sagen, dass die Insel-Thematik, vor allem die einer solch eigenartigen Insel wie Tristan da Cunha, an sich schon faszinierend genug ist. Schrott aber zeichnet anhand der Geografie dieser Insel die Seelen-Geografie seiner Protagonisten nach, die zu verschiedenen Zeiten irgendwie mit dieser Insel verbunden sind, und erzählt damit poetische Psychogramme der Einsamkeit, der Sehnsucht. Besonders positiv fällt dabei auf, dass Schrott für jeden seiner Protagonisten, denen sich die einzelnen Teile des Buches jeweils widmen, einen eigenen Tonfall verwendet (irgendwo in einer Rezension las ich die treffende Bezeichnung "Stimmenimitator") und dabei doch immer er selbst bleibt.

Ja, das Buch ist eine Herausforderung, vielleicht auf den ersten Blick so schroff und abweisend wie die titelgebende Insel selbst. Und ja, Schrott ist eher ein Dichter als ein "spannender" Autor von Abenteuerliteratur, aber man erwartet von "Schuld und Sühne" ja auch keinen Krimi à la Stieg Larsson.

Den negativen Rezensenten sollte deshalb nicht geglaubt werden, auch wenn ich Lesern, die lieber leichtere Lektüre wollen, von "Tristan da Cunha" abraten möchte. Für die aber, die sich der Herausforderung stellen und sich auf Schrotts Sprache und seine Welt einlassen, kann das Buch in der Tat eine Insel mitten im Atlantik sein - einsam, rau und wunderschön.


Oktoberplatz - Meine großen dunklen Pferde. Roman
Oktoberplatz - Meine großen dunklen Pferde. Roman
von Martin von Arndt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Fin-de-Siècle-Figur mitten im neuen Jahrtausend, 29. Februar 2012
Am Samstag habe ich mit Oktoberplatz angefangen, vor dem Tatort hatte ich schon über die Hälfte gelesen, und das, obwohl ich auf dem riesigen Familiengeburtstagswochenende, sprich: sowas von eingebunden war in familiäre Aktivitäten (inkl. sechs (!) Kindern und einem jungen Hund), dass es der Sau grauste. Dennoch jede freie und unfreie Sekunde zum Lesen genutzt, durch emotionale Höhen und Tiefen geworfen worden, herzlich gelacht, auch mal tief geseufzt, oft nachgedacht und sogar hier und da ein paar Dinge gelernt. Jetzt bin ich fertig mit "Oktoberplatz" und muss sagen: ein wunderbares, reichhaltiges Buch!

Besonders schön und gut gemacht ist, wie von Arndt die hochpolitische Geschichte des Romans mittels einer hochpersönlichen Geschichte, gleichzeitig noch eine Familien- und eine Coming-of-age-Geschichte (mit Kopfnicken in Richtung Schelmenroman?), erzählt und sich dabei durch all diese Themen durcharbeitet, aber dennoch schlüssig bleibt. Wenn ich mir durch den Kopf gehen lasse, was da alles drinsteckt auf diesen "nur" knapp 300 Seiten, klingt das total überladen, aber davon merkt man im Buch selber nichts. Es ist sehr dicht, sehr verwoben, aber auch sehr klar und mit leichter, melancholischer, hier und da zynischer, hier und da witziger Hand geschrieben.
Und ich konnte das Buch auch verstehen, ohne mir die politischen Hintergründe auf Wikipedia anlesen zu müssen, weil von Arndt genau richtig viel darüber erzählt, damit man's kapiert, aber genau richtig wenig, damit's weder langweilig noch zu konkret wird.

So lernt man doch ein paar Dinge über die politischen Zusammenhänge in Weißrussland (und darüber hinaus), während man dem wunderbar müden, zynischen Wasil folgt, eine Fin-de-Siècle-Figur mitten im neuen Jahrtausend. Dieser schleicht, traumwandelt, rempelt und quält sich durch all die politischen Umbrüche, die ihn interessieren sollten, für die er sich aber nicht interessieren kann, wiegt die eigene Existenz einfach zu schwer.

Einen politischen Roman über einen politikverdrossenen jungen Mann hat Martin von Arndt hier geschrieben, eine Liebesgeschichte über einen, dem die Liebe so sehr schwerfällt, ein Familienroman aus der Sicht einer Figur, die der Familie am liebsten davonlaufen will, eine Milieustudie aus der Sicht dessen, der diesem Milieu entfliehen will.

"Oktoberplatz" ist ein würdiger Nachfolger für seine nicht minder guten Vorgänger "ego shooter" und "Der Tod ist ein Postmann mit Hut".


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