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Rezensionen verfasst von
Francis Pierquin (Vernouillet, France - fspierqu@club-internet.fr)
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Der Judenstaat. Text und Materialien - 1896 bis heute
Der Judenstaat. Text und Materialien - 1896 bis heute
von Ernst Piper
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,90

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Herstellung des Judenstaates, 3. Juli 2007
"Ich werde nun die Judenfrage in ihrer knappsten Form ausdrücken: Müssen wir schon 'raus? Und wohin? Oder können wir noch bleiben? Und wie lange?". Der so fragt, heißt Theodor Herzl. Man schreibt das Jahr 1896. Die Schrift, die er soeben herausgebracht hat, heißt "Der Judenstaat". Der Untertitel lautet: "Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage". Und so klar die Fragestellung ist, so eindeutig fällt die Antwort aus: "Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen". Gleich zu Beginn verwahrt sich Herzl gegen den Vorwurf der Utopie, d.h. des undurchführbaren, realitätsfernen Traumgespinstes: "Gegen den Vorwurf der Utopie muß ich meinen Entwurf zuerst verteidigen". Diesen seinen Entwurf nennt er vielmehr eine "Kombination" bzw. eine "Konstruktion", deren Zweck es ist, den Leser zu überzeugen, wie notwendig "die Herstellung des Judenstaates" sei. Kurzum: "Der Judenstaat" ist ein zionistisches Manifest - wie sich in den kommenden Jahren herausstellen sollte: das zionistische Manifest schlechthin. Eine Vision hat aber nur dann Chancen, verwirklicht zu werden, wenn es dem Visionär gelingt, sie als realistisch erscheinen zu lassen. Und das kann er wiederum nur dann, wenn er ihr halbwegs handfeste Umrisse verleiht. So ist denn auch in Herzls Schrift kein Mangel an praktischen Überlegungen: Von der Finanzierung bis zur Bebauung, vom Landkauf bis zum Siebenstundentag, von der Verfassung bis zur Flagge über die Frage des Heeres - es wird eine ganze Reihe praktischer Fragen erörtert, eben um zu zeigen, daß der Einzug ins Gelobte Land durchaus kein unwägbares Unternehmen sein muß. Sind solche Erörterungen wichtig? Nein - oder vielmehr: sie waren es bestimmt für zeitgenössische Leser, sind es aber längst nicht mehr, sehen doch viele konkrete Züge des Judenstaates am Ende notwendigerweise anders aus, als sie Herzl vorschwebten. Auf der israelischen Fahne z.B., die er sich als Anklang an "die sieben goldenen Stunden unseres Arbeitstages" mit sieben goldenen Sternen vorstellte, prangt von allem Anfang an der sechszackige Davidstern. Indes sind die einzelnen Umrisse des Judenstaates nicht das Allerwichtigste, weshalb Herzl vorsätzlich auch nur "kurze aphoristische Kapitel" schrieb. Viel wichtiger waren und sind die Gründe, die ihn dazu trieben, einen solchen Staat zu fordern und die gleichsam dessen Daseinsberechtigung untermauern. Unmittelbarer Auslöser für die Niederschrift des "Judenstaates" ist der vielbeachtete und haarsträubende Dreyfus-Prozeß gewesen. Alfred Dreyfus ist jener Hauptmann der französischen Armee, der in einem aufsehenerregenden Prozeß offensichtlich nur deshalb des Landesverrats zugunsten Deutschlands für schuldig befunden wurde, weil er Jude war. Herzl, der zu diesem Zeitpunkt Pariser Korrespondent der Wiener "Neuen Freien Presse" ist, verfolgt den Prozeß aus allererster Nähe. Er ist dabei, als Alfred Dreyfus am 5. Januar 1895 öffentlich degradiert wird und in Paris der Ruf "Tod den Juden" erschallt. Der Schock und die Schmach sind um so niederschmetternder, als das Ganze in Frankreich geschieht, einem Land, in dem sich die Juden doch sicher wähnten und das sich nun binnen kurzem in eine der vielen Speerspitzen des Antisemitismus verwandelt hat. Seither weiß Herzl: "Je länger der Antisemitismus auf sich warten läßt, um so grimmiger muß er ausbrechen". Wo soll nun aber für Juden eine sichere Bleibe sein? "In Rußland werden Judendörfer gebrandschatzt, in Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie gelegentlich durch, in Österreich terrorisieren die Antisemiten das ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf", und nun auch Frankreich, wo der Antisemitismus in weiten Teilen der Gesellschaft grassiert. Von den Vereinigten Staaten, "wo man uns auch nicht mag", ist wohl auch nicht sehr viel zu erwarten. Kurzum: Wenn "in der Welt die Notlage der Juden nicht die einzige ist", so gehört sie doch zu den bedrückendsten und harrt einer Lösung. Und da sowohl die Integration als auch die Assimilation, welche die sog. Wirtsvölker mehrheitlich verweigern, gescheitert ist, bleibt nur noch eine Lösung: "die Herstellung des Judenstaates" eben - sei es in Palästina, in Argentinien ("Palästina oder Argentinien?" heißt eines der Kapitel) oder sonstwo auch immer - ein paar Jahre später wird auch noch von der "Uganda-Lösung" die Rede sein. Letztendlich versteht sich "Der Judenstaat" nicht so sehr als Schilderung der spezifisch jüdischen Notlage denn als praktischer Ausweg und vernünftige Lösung der Judenfrage. Und im Zeitalter des aufstrebenden Nationalismus konnte diese Lösung keine andere sein als eine nationale: "Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird". Vor Herzls "Judenstaat" waren etliche andere zionistische Schriften erschienen, die er mehr oder weniger kannte, namentlich Moses Hess' "Rom und Jerusalem" (1862), Leon Pinskers "Autoemanzipation" (1882), Theodor Hertzkas "Freiland" (1890) und Nathan Birnbaums "Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes" (1893). Aber keine von diesen Schriften hatte eine so große Wirkung wie Herzls "Judenstaat", es ist auch keine in besonderer Erinnerung geblieben. Warum wurde also Herzl - trotz mannigfacher, teilweise heftiger Widerstände, namentlich in den westeuropäischen Ländern - so großer Erfolg beschieden? Wohl deshalb, weil er es nicht bei einer theoretischen Schrift hat bewenden lassen, sondern auch ein Mann der Tat gewesen ist: "Wer mit will, stelle sich hinter unsere Fahne und kämpfe für sie in Wort, Schrift und Tat" - ein Mann, der noch zu Lebzeiten und unmittelbar nach Erscheinen des "Judenstaates" eine ganze Bewegung - den Zionismus - in Gang brachte. Gleich im August 1897 fand in Basel unter Herzls Vorsitz der erste Zionistenkongreß statt, und Herzl selber wurde zum Präsidenten der neugegründeten Zionistischen Weltorganisation gewählt. Der Zionismus hatte seinen Anlauf genommen und war nicht mehr aufzuhalten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1904 sollte Herzl noch fünf Zionistenkongresse erleben. Am 2. November 1917 erklärte der britische Außenminister Lord Balfour Palästina zur "nationalen Heimstätte für das jüdische Volk", und am 14. Mai 1948 war es soweit: Beim Erlöschen der britischen Mandatsmacht in Palästina und sich auf eine im Jahr zuvor verabschiedete UNO-Resolution berufend, rief in Tel Aviv David Ben Gurion unter dem überlebensgroßen Bildnis Theodor Herzls die Gründung des Staates Israel aus. Blieb nur noch übrig, um weiterhin mit Herzl zu sprechen, "die Wüste in einen Garten" zu verwandeln.


Ahasver ist angekommen
Ahasver ist angekommen
von Albert Londres
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schau, trau, wem, 21. Juni 2007
Rezension bezieht sich auf: Ahasver ist angekommen (Taschenbuch)
1929 nimmt der französische Journalist Albert Londres es sich vor, seinen Lesern "die Bedingungen der Juden auf der Welt vor Augen zu führen", denn: "Es gibt ein Drama in unserer Zeit, ein altes plötzlich wieder junges Drama: das Drama des jüdischen Volkes". So entsteht der Reisebericht "Ahasver ist angekommen". Seit 19 Jahrhunderten leben die Juden zerstreut in der Verbannung. Nun entschließen sich aber immer mehr von ihnen, wieder in dem Land zu siedeln, von dem sie einst vertrieben worden sind. Im Jahre 1929 sind es bereits 150.000. Dieses Land, das sie nunmehr als ihr eigenes ansehen, heißt Palästina, sie nennen es auch Eretz Israel. Einige Monate lang ist Albert Londres ihren Wegen von Europa bis nach Palästina nachgegangen. Die über 20 Erlebnisberichte, die dabei entstanden, werden von drei Beiträgen zur allgemeinen Geschichte der Juden, der Pogrome, des Chassidismus und des von Theodor Herzl angestoßenen Zionismus ergänzt. Wo galt es aber anzufangen? Lebten doch die etwa 14 Millionen Juden der Zwischenkriegszeit über den ganzen Erdball zerstreut. Der Zionismus, die Rückkehrbewegung nach Israel, ging sie aber nicht alle gleichermaßen an. Die, die in solchen Ländern wie den USA, England, Frankreich, Deutschland, Holland leben, haben nämlich "bereits seit längerer Zeit auf ein rein jüdisches Leben verzichtet". Weil sie sich in hohem Maße assimiliert haben, haben die Westjuden eine geringe Neigung dazu, alles liegen und stehen zu lassen, um in einen hypothetischen Staat zu ziehen, der laut Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 erstmal nur eine "Nationale Heimstätte" ist. Anders gesagt: "Bestünde die Welt nur aus Frankreich, Amerika, Deutschland und England, dann hätte es keinen Zionismus gegeben". Man solle "die jüdische Frage" lieber dort stellen, "wo sie besteht: in Polen, in Rußland, in Rumänien, in der Tschechoslowakei, in Ungarn". Denn "dort irrt der ewige Jude umher". Der ewige Jude - oder genauer gesagt: der ewig wandernde Jude, Ahasver genannt - steht für die in prekärer Lage lebenden Ostjuden. Es sind ihrer sieben Millionen, und sie sind es, die "die Heerscharen" der Pioniere bzw. Jungjuden stellen. Nach einem anfänglichen Abstecher über London reist also Albert Londres nach Osteuropa. Prag ist seine erste Station, aber erst in der Marmarosch, am Südhang der Karpaten, trifft er auf die ersten größeren Konzentrationen von tiefreligiösen, jiddisch sprechenden, aschkenasischen Juden. Er staunt: "Wo bin ich? In welchem Land der Träume?" Und dort - "kurz hinter dem Dorf Wolchowetz" - trifft er tatsächlich, gleichsam stellvertretend für sein ganzes Volk, den Ewig Wandernden Juden: "Er hieß Schwartzbard (...), wie jener also, der Pan Petliura in der Rue Racine in Paris niedergestochen hat, weil Petliura den Massenmord von hundertfünfzigtausend Juden in den Weiten der Ukraine befehligte". Oradea in Transsylvanien, Kischinjow in Bessarabien, Czernowitz in der Bukowina, Lemberg in Galizien sind weitere Stationen seines Weges, eine lehrreicher als die andere. "Aber... Warschau!" heißt der erste der der polnischen Hauptstadt gewidmeten Berichte, kann doch Warschau immer noch - aber für wie lange noch? - zugleich als "die Hauptstadt Israels" gelten. In der Ulica St. Jerska, Nummer 18, besucht er die Mesybtha, das "Großseminar des Judentums" mit 597 Studenten, die "sechzehn bis siebzehn Stunden am Tag" lernen: "Ihr materielles Leben ist nicht weniger erstaunlich als ihr geistiges (...) Selbst in der größten Armut hat Israel stets Achtung vor seinen Gelehrten gehabt". Schließlich macht er noch einen Besuch beim Wunderrabbi von Gura Kalvarya, dem "Nachfahren des Baal Schem Tow", einem der etwa zwölf Zaddik Israels. "Was ist ein Zaddik? Er ist der irdische Interpret des göttlichen Willens. In völliger Einsamkeit tritt er in Kontakt mit dem Ewigen". Vierzehn Tage später findet er sich in Tel Aviv wieder. Größer könnte der Kontrast nicht sein: "Ich habe in Warschau das Jahr 5690 verlassen. Ich trete nun in das Jahr X". Denn dort, wo jetzt Tel Aviv steht, gab es vor zehn Jahren "lediglich eine Sanddüne!". Unter den Neusiedlern bzw. Jungjuden herrscht Aufbruchstimmung: "Ein Wunder, die Rückenwirbel haben sich wieder aufgerichtet (...) Man spürt den entschlossenen Willlen, das Ghetto hinter sich zu lassen". Und: "Sie haben das Hebräische zu neuem Leben erweckt". Kurzum: das Land erblüht, "(...) die neuen Juden kaufen Stück für Stück Palästina. Sie errichten Fabriken, sie bauen Mühlen, sie legen Weinberge an, pflanzen Weizen, Gerste, Mais, Tabak, Orangen, Bananen, Zitronen an, und durch kühne Bauwerke verlangen sie dem Jordan das Licht für die Nacht ab". Aber: Wo dies alles schon den Unmut der nun ganz und gar nicht mehr wohlwollenden Mandatsmacht England erregt, so ist es erst recht nicht nach dem Geschmack der im Land ebenfalls siedelnden Araber. "Palästina? Siebenhunderttausend Araber auf der einen Seite, hundertfünfzigtausend Juden auf der anderen, die Araber hatten stark zugenommen, die Juden träumten von nichts anderem". Der Großmufti von Jerusalem bedient sich des religiösen Fanatismus, und schon kommt es in Hebron und Zefat zu den ersten Massakern an Juden (August 1929). Fortan werden sie "mit der einen Hand arbeiten und in der anderen das Schwert führen" müssen. Wird der Zuzug von weiteren Siedlern anhalten? Ja, insofern, als die Not in den osteuropäischen Ländern anhält oder gar zunimmt und die USA "soeben ihre Tore geschlossen" haben. Aber viele verhalten sich noch abwartend, insbesondere die Rabbiner, denen ganz und gar nicht gefällt, daß die neue Nationale Heimstätte eindeutig weniger religiös ist, als ihnen lieb wäre. Droht im Zuge der Säkularisation die jahrhundertealte Seele, die ganze Geistigkeit Israels denn nicht auf der Strecke zu bleiben? Der verhalten optimistische Albert Londres ist zweifellos ein Bewunderer des Zionismus gewesen, wenn auch kein uneingeschränkter: "Dein alter Wanderstab wurde stolz wie eine Hellebarde. Du ließest ihn gefühllos auf die Füße der Araber fallen". Fakt ist aber auch, daß die jüdischen Siedler nicht die geringste Neigung mehr verspürten, erneut Pogrome über sich ergehen zu lassen: "Solltet ihr den Pogromen Europas entfliehen, um anschließend jenen des Orients anheimzufallen? Schalom! das heißt Frieden für alle!, und überall dort, wo ihr Euren Gruß entsendet, habt ihr Krieg als Antwort". Zum Stand des Judentums in der Zwischenkriegszeit entstanden andere lesens- und nennenswerte Reiseberichte. Neben Alfred Döblins "Reise in Polen" (1925) seien insbesondere Joseph Roths "Juden auf Wanderschaft" (1927) und Egon Erwin Kischs "Geschichten aus sieben Ghettos" (1934) erwähnt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 10, 2008 9:39 AM MEST


Bozena. Eine Novelle
Bozena. Eine Novelle
von Peter Härtling
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bozena - eine einfache und überragende Frauengeschichte, 9. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Bozena. Eine Novelle (Taschenbuch)
Liebe ist oft unberechenbar, und manche Zeitläufte sind es ebenso. In den Jahren des Zweiten Weltkrieges arbeitet die junge Tschechin Bozena Koska als Sekretärin bei einem deutschen Rechtsanwalt im mährischen Olomouc (Olmütz) und liebt ihn heimlich. Was bereits in Friedenszeiten für eine schwierige und verworrene Gefühlslage gesorgt hätte, nimmt in Kriegszeiten desto vertracktere Züge an. Der Herr Doktor, verheiratet, zwei Kinder und alles andere als ein Nazi-Freund, wird im Mai 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Bozena wird ihn nimmermehr wiedersehen. Bei Kriegsende wird der deutsche Bevölkerungsanteil der Stadt und des Landes immer geringer. Viele ziehen es vor zu verschwinden, bevor sie vertrieben werden. Bleiben ganze Rudel von hungrigen Hunden zurück, die nächtens die Straßen unsicher machen. Einen von ihnen nimmt Bozena auf - es sei denn, er habe sich Bozena ausgesucht. Sie nennt ihn Moritz und sagt ihm gleich: "Du wirst dich auf Tschechisch umstellen müssen". Dazu hat Moritz aber kaum Zeit, denn einige Zeit später, während sie schon zum ersten Verhör bestellt wird, wird er von der jüngeren Schwester Helenka erschlagen aufgefunden, "auf dem Rücken hat man ihm mit Lack ein Hakenkreuz aufgemalt". Von nun an als "Deutschenhure", "Faschistenhure" oder "Nazinutte" verschrien, wird Bozena, "die alte Schlampe, die eine Deutschenliebste gewesen ist (...) wegen Kollaboration mit dem Faschismus" angezeigt, während das Land etappenweise sowjetisiert wird - eine Entwicklung, die Anfang 1948 mit Jan Masaryks Prager Fenstersturz und Klement Gottwalds Machtübernahme ihren Abschluß findet. Bozena wird in eine Art landwirtschaftlichen Umerziehungslagers eingewiesen, wo sie als "Schweinemagd und Erdäpfelhackerin" ihr Leben fristet. Sie teilt das Schicksal vieler anderer, denen, zu Recht oder Unrecht, angelastet wird, den Deutschen zugearbeitet zu haben. Zu ihnen gehört "ihre Schlafgenossin Eva", welche tatsächlich "Kompanien von Faschisten verbraucht" hat - oder Vladimír, der, wie sie auch, "eine Schwäche für Lyrik" hat. So gehen die Jahre ins Land, in einem fortwährenden Schwebezustand aus halber Freiheit und halber Gefangenschaft und ständiger Unsicherheit. In der Nähe der landwirtschaftlichen Genossenschaft ist gleich bei Kriegsende eine verfallene Kate, die einstmals Onkel Bedrich gehörte, Bozena als Erbe zugefallen. Nach einigen Jahren bekommt sie das Recht, diese Kate zu beziehen und legt von nun an, sommers wie winters, den Weg zur Arbeit mit dem Rad zurück, die "neue Zuflucht gewährte ihr ein trügerisches Gefühl von Aufbruch und Freiheit". Auch bekommt sie das Dauerrecht, sich einen Moritz zuzulegen (nach dem Tod des ersten Hundes hat sie immer einen anderen mit dabei, den sie der Einfachheit halber stets "Moritz" nennt). So wird sie es insgesamt auf fünf Moritze bringen. Auch wird sie eines Tages vom Stall in die Buchhaltung geholt. Moritz erklärt sie es folgendermaßen: "Unser Genosse Vorsitzender hat mich befördert. Plötzlich, weil er es nötig hat. Weil er in der Verwaltung schlampt und möglicherweise zur Rechenschaft gezogen wird, sucht er meine Hilfe. Und hör her, Moritz, ihm ist auf einmal gleich, was ihm die ganze Zeit nicht gleich sein konnte und durfte. Was soll ich tun? Ich werde Briefe schreiben, die Buchführung besorgen, die Launen des Genossen Vorsitzenden aushalten und nicht einen Moment vergessen, was ich für ihn wirklich bin: eine Faschistennutte". So vermag es Bozena, sich über Wasser zu halten, sich aufrechtzuerhalten, sich nicht zu ducken und immer einigermaßen aufrecht zu gehen - kurzum: ihre Würde beizubehalten. Sie zahlt dafür aber einen hohen Preis: Ihre Sehnsucht nach Liebe und Leben bleibt auf immer unerfüllt, es bleibt der schale Nachgeschmack eines verpaßten Lebens zurück. Über das plötzliche Wegbleiben des Herrn Doktor kommt sie nie hinweg. In schonungslos ehrlichem Tone schreibt sie ihm Briefe - oder denkt sich solche aus -, die sie ihm natürlich nie senden kann, sondern zwischen zwei Buchdeckeln verborgen hält und die, sollten sie jemals in die Hände ihrer Ankläger geraten, sie für immer ins Verderben stürzen würden (dazu kommt es aber nicht). Das flüchtige Liebesverhältnis mit ihrem einstigen Mitschüler Pavel Diskocil oder - später - mit dem um sechzehn Jahre jüngeren Ingenieur Zdenek Svoboda vermögen sie um die sich ausbreitende Leere in ihrem Innern nicht hinwegzutäuschen. Auch die Hoffnungen, die sie in den Prager Frühling steckt, zerschlagen sich. Anfang der 70er Jahre erfährt sie, daß "ihr" Herr Doktor, von dem sie in Gedanken niemals losgekommen ist und den sie irgendwo in Deutschland wähnte, bei Kriegsende in einem russischen Kriegsgefangenenlager gestorben ist. Dies verstärkt sie in dem Gefühl, "von innen her ausgehöhlt zu sein". Auch wenn sie erst von diesem Augenblick an einigermaßen von ihm loskommt: "Ich habe kein Bild von Ihnen, ich habe mir eines machen müssen. Das gelingt mir nun nicht mehr. Ich kann Sie nicht einmal begraben. Ich habe schon nicht mehr an Sie schreiben wollen. Nun muß ich es nicht mehr. Ich lasse Sie in Frieden" -, sie wird ihr Leben nie mehr nachholen können. Und dennoch: Das Gefühl von Aufrechtheit und Menschenwürde, das ihre Gestalt beim Leser hinterläßt, ist überragend. Ja, von dieser eigentümlichen Spannung lebt die Erzählung: Je auszehrender ihr unerfülltes Leben ist, desto größer erscheint die Würde und Aufrechtheit, die sie verströmt. Dies macht ihre keineswegs fiktive Lebensgeschichte ebenso lesenswert wie z.B. Rolf Hochhuths "Eine Liebe in Deutschland".


Reise in Polen
Reise in Polen
von Anthony W. Riley
  Taschenbuch

22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Gerechte und der Gehenkte, 28. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Reise in Polen (Taschenbuch)
Er ist Nervenarzt und Schriftsteller, ist in Berlin ansässig, in der westeuropäischen Kultur verankert, spricht leidlich französisch und reist unvermittelt nach… Polen. Man schreibt das Jahr 1924. Die Reise dauert etwa zwei Monate, wird vermutlich vom S.Fischer Verlag finanziert und führt über Warschau, Wilno, Lublin, Lemberg, Krakau, Zakopane und Lodz. Ein Jahr später, im November 1925, liegt das literarische Ergebnis vor, schlichtweg "Reise in Polen" genannt. Der Autor heißt Alfred Döblin, "Berlin Alexanderplatz" hat er noch vor sich. Diese Reise ist keine einfache, schon allein deswegen, weil "ich die Sprache, nein, die Sprachen des Landes nicht kann: Polnisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Jiddisch, Litauisch." Deutsch ist zwar auch Landessprache, namentlich in der Dreivölkerstadt Lodz, aber "das Hakenkreuz auf dem Umschlag" eines Buches in der Auslage einer Buchhandlung ist wohl nicht dazu angetan, die wiederholt festgestellte Abneigung gegen alles Deutsche und die deutsche Sprache zu vermindern, die sich nur bei Juden einiger Beliebtheit zu erfreuen scheint: "Und wenn es keine Juden in Polen gäbe, die mit mir deutsch sprechen und auf Bahnhöfen sagen, wo mein Zug steht und abfährt, wäre ich nicht über Warschau hinausgekommen." Und dennoch: Als es gilt, Abschied zu nehmen und wieder heim ins Reich zu fahren, ist der Reisende "wehmütig, dankbar (…) Gern war ich hier, gefesselt bin ich (…) Es gibt dieses Land. Ich weiß es herzlich." Was also ist es, was Döblin trotz aller Beschwerlichkeiten so sehr an Polen zu schätzen wußte, was ist es, was ihn so stark zu fesseln vermochte? Bestimmt nicht der materielle Reichtum des Landes. Die immer noch zerstörten Brücken über die Weichsel in Warschau lassen erahnen, wieviel nötig ist, "um das Land zu heben", das eben noch zergliedert unter einem dreifachen Joch ächzte. Die instabile Lage im Inneren und die bereits – oder schon wieder – wahrnehmbare Bedrohung an den Landesgrenzen – der Danziger Korridor macht bereits von sich reden, und "bei allen Parteien herrscht Furcht vor einem deutschen Revanchekrieg" – tun ein übriges hinzu, das Land wirtschaftlich darben zu lassen. Über die wirtschaftliche Misere hilft "der Stolz und das Lebensgefühl des befreiten Volkes" kaum hinweg. Und trotz gelegentlicher rühmlicher Erscheinungen: welch ein Gegensatz etwa zur deutsch geprägten Freistadt Danzig, wo alles eitel "Ordnung und Sauberkeit" ist, wo "die Straßenfronten nicht abbröckeln" und wo "das Pflaster auf dem Damm tadellos intakt" ist. Dafür aber die ungeheure Wirkung des gekreuzigten Heilands in der Krakauer Marienkirche: "Ich (...) gehe dreimal täglich in die Marienkirche, auf fünf Minuten, zehn Minuten, laß die Gewölbe über meinem Kopf hängen und zusammenschlagen (…) die Marienkirche und der Delinquent unter der Decke. Ein Mensch Veit Stoß hat ihn aus seiner jammernde Seele geholt." Bis zum Ende der Reise wird das Bild des Gekreuzigten Döblin nicht mehr loslassen. Zum einen. Zum anderen trifft Döblin in Polen aber auch Juden – es sind ihrer etwa dreieinhalb Millionen im Land -, die sich von den Westjuden, zu denen er selbst gehört, wesentlich unterscheiden. Bald wird er inne, daß das, "was man im Westen sieht", ein sehr verwässertes Judentum ist, nichts als "Entstellung". Ganz anders in Polen, wo die Juden nicht nur in ungleich größerer Zahl anzutreffen sind, sondern wo auch die meisten von ihnen den Glauben und die Geistigkeit intakt erhalten haben – bis hin zu zwei miteinander konkurrierenden jüdischen Sprachen, die im Westen gar keine große Rolle spielen: Jiddisch und Hebräisch. Und so wie er dem gewaltigen Eindruck des sehr lebhaften Katholizismus erlegen ist, erliegt Döblin dem ungeheuren Eindruck des lebendigen Judentums: "Was ging in diesen scheinbar kulturarmen Ostlandschaften vor. Wie fließt alles um das Geistige. Welche ungeheure Wichtigkeit mißt man dem Geistigen, Religiösen zu. Nicht eine kleine Volksschicht, eine ganze Masse geistig gebunden. In diesem Religiös-Geistigen ist das Volk so zentriert wie kaum ein anderes in seinem." Schließlich ist es in Krakau, wo Döblin dem gleichzeitigen Wirken von Katholizismus und Judentum erliegt, die beide ineinander überzufließen scheinen: "Von dem Gehenkten kann ich nicht lassen. Es zieht mich zu ihm. Der Gerechte, der Zadik, die Säule, auf der die Welt ruht: das ist der Gehenkte, der Hingerichtete. Mit stärkeren Farben, mit glühenderen Farbgriffen, gleich denen auf den Kirchenfenstern. Er, wieder er. Er stärker, stärker oder anders, ringender. Wie ein Mensch, der ruhig steht und geht, und einer, den man ins Wasser wirft und der am Ertrinken ist: so der Gerechte und der Hingerichtete." Das ist es, was Döblin in Polen gesucht und wohl auch gefunden hat: "Die – Seele. Der Geist", denn: "Man kann sich nur im Geistigen erhalten, darum muß man im Geistigen bleiben." Dies als Gegengewicht zu dem, was den Westvölkern geschehen ist: "Seit Jahrhunderten geht ein altes Gefühl unter ihnen zugrunde; Aufklärung, Wissenschaft, Politik, Staatlichkeit springen dafür ein" – eine Entwicklung, die, wenn zu radikal, hin zum "Herzenstod" zu führen droht. Ist Döblin also ein verkappter Schwärmer, ein Mystiker gewesen, der in Polen jeglichen Sinn für irdische Realitäten verloren hätte? Dies wohl nicht. Denn allenthalben hält er auch den Blick fest gerichtet auf alles Soziale (wie bei Eisenbahnerunruhen in Krakau), auf alles Materielle (wie in den Textilfabriken in Lodz), und auf alles Natürliche (wie in der Tatra in Zakopane), das den Menschen umfangen hält. Und naiv ist er auch nicht, weiß er doch z.B. sehr wohl Bescheid über den abgrundtiefen Fremden- und Judenhaß, den manche Polen hegen, wie z.B. sein letzter polnischer Gesprächspartner im Zug zwischen Warschau und Danzig: "Sein Deutschenhaß ist mit Furcht verbunden. Gegen die Juden äußert er reinsten Haß, der sich zum Ekel steigert." So schauerlich diese Schattenseiten aber auch gewesen sein mögen: Döblin durfte in Polen einen unvermuteten Hort der europäischen Geistigkeit entdecken, schätzen und lieben lernen. Hinter den scheinbar flüchtig hingeworfenen, impressionistisch angehauchten Notizen des eilig Reisenden steckt Weiterreichendes. Vieles hat bis heute seine Gültigkeit bewahrt. Wohl möglich, daß Döblin auf den Straßen von Warschau an einem Isaac Bashevis Singer vorbeiging, in Drohobycz (wo er auch war) an einem Bruno Schulz, ohne daß sie sich kannten und erkannten. Dabei saßen sie alle drei, jeder auf eine recht unterschiedliche Weise, an ein- und derselben Quelle.


Die Brüder Ashkenasi
Die Brüder Ashkenasi
von Israel J. Singer
  Taschenbuch

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wohin, ach wohin..., 25. Juni 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Brüder Ashkenasi (Taschenbuch)
Nach dem Wiener Kongreß wird Lodz, ein etwa nur 800 Seelen zählendes Dorf, dem zaristischen Rußland zugeschlagen und wächst in den nächsten Jahrzehnten zu einer der bedeutendsten Textilmetropolen Europas heran. Weil die Zugehörigkeit zum russischen Teilungsgebiet riesige Absatzmärkte eröffnete, kamen nach Lodz sowohl "Weber aus Deutschland und Mähren, die sich in Polen ansiedeln wollten, weil es in ihrer Heimat zu viele Menschen und nicht genug Brot gab", als auch Juden, die bis dato "vom polnischen Adel abhängig gewesen waren" und nunmehr "in den Städten ihren Lebensunterhalt verdienen" mußten. Polen nicht zu vergessen, die ohnehin bereits an Ort und Stelle waren. Mitten in diesen Aufschwung und dieses Völkergemisch hinein wachsen die Zwillingsbrüder Simcha Meir und Jakob Bunim auf, deren Vater Abraham Hersch Aschkenasi erfolgreicher Generalvertreter der Weberei "Huntze und Götzke" ist. Neben der Fabrik des aus Sachsen stammenden Heinz Huntze gehört auch die des Juden Mendel bzw. Maximilian Fliderbaum zu den erfolgreichsten der Stadt. Zwischen den beiden Fabrikanten entspinnt sich ein unerbittlicher Wettbewerb "um die gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung" und letztlich darum, welcher von ihnen beiden als der "König von Lodz" gelten darf. In diesen Zeiten des heraufziehenden wilden Kapitalismus, wo mit der Einführung der Dampfkraft die Handwebstühle nach und nach verdrängt werden, weckt der Aufschwung der Stadt den Appetit und die Gier vieler, auch der beiden Brüder Aschkenasi. Auf recht unterschiedliche Weise schafft es jeder für sich, Generalvertreter und Fabrikdirektor der Webereien Huntze und Fliderbaum zu werden, bis erstere Simcha Meir in den Schoß fällt und Jakob Bunim sich an die Spitze der anderen aufschwingt. Aber auf Dauer ist ihnen, die sich, je höher sie aufsteigen, immer mehr vom Judentum abwenden - indem Simcha Meir sich z.B. den deutschen Vornamen Max zulegt und Jakob Bunim sich auf polnische Art schlicht Jakub nennen läßt -, kein Glück beschieden. Max nicht, weil er sich von seinen beiden Kindern, Ignaz und Gertrud, entfremdet und sich von seiner Frau Dinele scheiden läßt, um die steinreiche Witwe Margulit zu heiraten. Jakub nicht, weil auch seine erste Ehe geschieden wird und er sich von seiner Nichte Gertrud, die ihm bald über den Kopf wächst, "in eine blutschänderische Ehe" hineinpressen läßt. Als der Erste Weltkrieg ausbricht und Lodz von deutschem Militär besetzt wird, verlegt Max seine Fabrik nach Petrograd, wird aber nach der bolschewistischen Revolution enteignet und landet schließlich im Kerker. Zwar gelingt es dem in der Not sich auf die Familienbande besinnenden Jakub, ihn aus dem Kerker herauszuholen, aber bei der Einreise ins nunmehr wiederauferstandene, unabhängige Polen wird er von einem Leutnant der polnischen Armee "niedergeknallt", weil er es wagt, sich bei einer antisemitisch motivierten, öffentlichen Demütigung zur Wehr zu setzen. Max schafft es zwar, seinen alten Betrieb wieder in Gang zu setzen und noch einmal zum "König von Lodz" zu werden, aber die schwere Wirtschaftskrise, die Polen in den Zwanziger Jahren erschüttert, treibt ihn endgültig in den Ruin, bis er schließlich, mit dem "Buch Hiob" in der Hand, vor Ermattung stirbt. Über den eigentlichen Bruderkampf zwischen Max und Jakub hinaus entfaltet sich vor den Augen des Lesers ein gesellschaftliches Fresko der Drei-Völker-Stadt Lodz insgesamt und der damaligen jüdischen Gesellschaft insbesondere. Und das, was diese Gesellschaft von sich gibt, ist nicht immer vom Besten (aber auch nicht schlechter als das jeweilige Erscheinungsbild der Deutschen, Polen und Russen). Durchaus anfällig für die kapitalistische Ausbeutermentalität ist Max Aschkenasi, für den "jede Minute Arbeitsausfall wie ein Stich ins Herz" ist. Nicht viel besser weg kommen die als rückständig empfundenen Chassidim, die scharenweise am Lodzer Hauptbahnhof anzutreffen sind, "mit Bündeln aus roten Sacktüchern unterwegs zum Hof ihres Rebbe (...), ihre kleinen Söhne bei sich, die in ihrem langen Kaftan wie zwergwüchsige alte Männer aussahen". Einer noch strengeren Kritik wird der weitverbreitete, fanatische Messianismus unterzogen, der sich auch auf die weltlichen Juden überträgt, wie z.B. auf den Rabbiner-Sohn Nissan, der sich der Arbeiterbewegung verschrieben hat und für den es "keine Nichtjuden und Juden" mehr gibt, sondern "nur noch Arbeiter und Unternehmer": "So sehnsüchtig, wie sein Vater, der Rabbiner, zeitlebens auf die Erlösung durch den Messias gewartet hatte, so sehnsüchtig hatte Nissan sein Leben lang auf die Erlösung durch die Revolution gewartet". Von Kritik nicht ausgespart bleibt die antiquiert wirkende Sitte der von den Eltern eingefädelten Ehe, die den Gefühlen der unmittelbar Betroffenen keinen Platz einräumt, weshalb Simcha Meir in der Hochzeitsnacht sich seiner Frau so nähert, "wie das Gesetz es vorschreibt". Und dennoch: Dies gibt dem dünkelhaften deutschen Baron Konrad Wolfgang Heidel von Heidelau noch lange nicht das Recht, in Lodz, zuerst undifferenziert, einen "polnisch-jüdischen Seuchenherd" zu sehen, dann, schon differenzierter, eine "dreckige Metropole der Jüdischkeit" bzw. "ein jüdisches Pestloch". Dies gibt dem polnischen Stadtoberhaupt Puncz Panczewski ebenso wenig das Recht, in Lodz einen "jüdischen Schweinestall" zu sehen und Juden überhaupt diskriminieren zu wollen: "Jetzt war Polen ein unabhängiger Staat, und es war höchste Zeit, daß wieder normale Verhältnisse geschaffen wurden: daß der Gutsbesitzer in sein Herrenhaus zurückkehrte, der Bauer zu seinem Misthaufen, der Jude zu seinem langen Kaftan und dem Hausierersack", sodaß am Ende, zumal nach dem Lemberger Pogrom, der Unterschied zwischen den Sowjets und den Polen nur der ist, "daß die Sowjets jedermann bestahlen und die Polen nur die Juden". Gibt es denn in diesem Roman also nur Schatten und Abgründe und überhaupt keinen Lichtblick? Nicht doch! Nicht nur, daß in den letzten Jahren seines Lebens Max Aschkenasi eine ziemliche Läuterung durchmacht und sich auf die wahreren Werte des Judentums besinnt. Da ist auch noch der Student Felix Feldblum, der mehr "an die Kraft des Wortes" als "an die Macht der Kanonen" glaubt und für den Polens Aufgabe darin besteht, "durch seine Leiden die Welt zu erlösen. Er zitierte aus den Werken von Mickiewicz, Norwid und Wypianski und beschwor das Bild eines polnischen Staates herauf, der für die ganze Welt ein Vorbild an Gerechtigkeit und Lauterkeit sein würde". Nach der Beerdigung Max Aschkenasis, die den Anfang vom Ende des polnischen Judentums einzuläuten scheint, wandern viele Lodzer Juden entweder nach Amerika oder nach Palästina aus. Und es bleibt die Frage: Wer sind und wohin gehören die aschkenasischen Juden?


Verloren in Amerika: Vom Schtetl in die Neue Welt
Verloren in Amerika: Vom Schtetl in die Neue Welt
von Isaac Bashevis Singer
  Taschenbuch

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Regen in die rettende Traufe, 21. Mai 2006
"Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral", lautet einer der bekanntesten Sprüche Bertolt Brechts. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Und eine solche Ausnahme findet sich zur Zeit des Ersten Weltkrieges bei Singers in Warschau, in der Krochmalnastraße 12: "Wir hungerten zu Hause. Draußen war es bitterkalt, (...) in unserem Ofen brannte kein Feuer". Trotzdem lassen der Wissensdurst und der Drang zur Erkenntnis den kaum über zehn Jahre alten Isaac nicht los, der "Hunger hin, Kälte her" darauf brennt, "das Geheimnis der Welt zu ergründen". So verschlingt er einerseits die Bücher des Vaters und ist praktisch von Kindesbeinen an mit Tora, Gemara, Midrasch und Kabbala bestens vertraut. Andererseits aber liest er auch die weltlichen Bücher des elf Jahre älteren Bruders Josua, der schon früh vom orthodox-chassidischen Glauben vollends abgefallen ist: "Mein Bruder sprach nicht von den Wundern Gottes, sondern von den Wundern der Natur". Im wiedererstandenen, wenn auch recht labilen und von Unruhen geschüttelten polnischen Staat der Nachkriegszeit ändert sich am nun einmal eingeschlagenen Weg Isaacs wenig: "Ich litt unter Hunger, Kälte und Krankheit", aber nach wie vor ist der Drang, "das Geheimnis der Welt zu enträtseln" so groß, daß er darüber Hunger, Kälte und sogar Selbstmordgedanken vergißt. Indes setzt sich auch im Liebesverhältnis zur "überschwenglichen" Gina das Streben nach Höherem fort: "Gina und ich versuchten beide, uns mit den Mächten, die die Welt regieren, zu vereinen und zu einer Art Abrechnung und Schlußfolgerung, was die Welt angeht, zu kommen, aber diese Mächte wollten davon nichts wissen. Wir waren dazu verurteilt, auf ewig im Chaos versunken zu bleiben". Der Weg zur Erkenntnis ist um so schwieriger zu beschreiten, als der Wissenshungrige schon früh erkennen muß: "Der Mensch ist ein Bettler, wenn es sich um Vernunft handelt, aber ein Millionär, was Gefühle betrifft". Die Welt des jungen Isaac Bashevis Singer ist eine Welt im Umbruch. Mit dem geistigen, religiösen Erbe bricht er nicht, kommt aber zu dem Schluß, Gott stehe nicht für "Liebe, Frieden und Gerechtigkeit", sondern sei vielmehr "ein Gott der Grausamkeit, dessen Prinzip ist: Macht schafft Recht" -, ein Gott, "der buchstäblich eine ganze Welt auf dem Prinzip der Gewalt und des Mordes aufgebaut hat". Es gilt, sich durchzuwursteln. So vermag der angehende Schriftsteller, der vorerst mit dem äußerst dürftigen Gehalt eines Korrektors bei einer jiddischen literarischen Warschauer Zeitschrift auskommen muß, nur durch zusätzliches, künstliches Hungern sich der zweijährigen Einberufung ins Heer zu entziehen. So schäbig die äußeren Verhältnisse auch sein mögen, sein Innenleben bleibt dennoch ein allzeit brodelndes: "Ich suchte immer noch nach einer Möglichkeit, die Schwierigkeiten der reinen Vernunft zu meistern, das Ding-an-sich zu begreifen und eine Grundlage für eine Ethik zu finden". Und auch sein Gefühlsleben ist ein bewegtes: "In meinem Inneren bekämpften sich Askese und der Drang, allen Leidenschaften nachzugeben". So bleibt Gina denn auch nicht die einzige Frau, die er liebt. Stefa bzw. Schewa Lea, Sabina, Lena bzw. Lea Frieda, Esther sind für ihn auch durchaus von Bedeutung. Mit den Jahren wird die Lage der Juden in Polen jedoch immer brenzliger: "In ihrem Innersten spürten die polnischen Juden, daß ihnen der Untergang gewiß war". Aber wohin sich wenden, wenn Polen "die Juden loswerden" will, "in Rußland die Hölle los" ist, es immer schwieriger wird, "ein Visum für ein europäisches Land zu bekommen, und Amerika seine Tore geschlossen hat"? Soll Isaac etwa nach Palästina auswandern? Eher nicht, denn schon damals sieht man dort "auf die jiddische Sprache herunter". Außerdem erteilt das Palästina-Amt nur verheirateten Leuten Einwanderungszertifikate. Fazit: "Ich hätte gern das getan, was Juden seit zweitausend Jahren tun - fliehen. Aber es gab keinen Ort der Zuflucht, kein Versteck". Inzwischen hat der ältere Bruder Josua, der bereits in Polen einen Ruf als Journalist und Schriftsteller erworben hat, in Amerika Fuß gefaßt, und zwar als Mitarbeiter des "Jewish Daily Forward". 1935 gelingt es ihm, Isaac nachkommen zu lassen, der zu dieser Zeit bereits Vater geworden ist, allerdings ohne es zu wissen. Erst später wird er erfahren, daß Lena "einen Jungen geboren hatte, während ich noch in Warschau war". Die Reise geht über Berlin, Paris und Cherbourg. So entgeht Isaac unverhofft einem heraufziehenden düsteren Schicksal in Polen. Ist dafür in Amerika alles eitel Glück? "Es hatte Augenblicke gegeben, in denen ich annahm, daß ich nach Erteilung des Visums für Amerika glücklich sein würde". Daß er in dieser Annahme gründlich irre gegangen ist, merkt Isaac schon ein paar Stunden nach der Ankunft in New York: "Ich konnte spüren, daß sich hier eine geistige Katastrophe abspielte, ein Wandel, für den es in meinem Vokabular kein Wort gab, nicht einmal die Ahnung eines Begriffs". Die Ursache ist gleich eine doppelte: Einerseits spürt er von allem Anbeginn an, daß seine jiddisch-polnischen Wurzeln für immer des Nährbodens beraubt sind: "Ich hatte alle Wurzeln, die ich in Polen gehabt hatte, ausgerissen und wußte bereits, daß ich hier bis zu meinem letzten Tag ein Fremder bleiben würde (...) Es gab für mich keine Zukunft hier". Andererseits hat Amerika ihm für diesen Verlust keinen auch nur annähernd gleichwertigen Ersatz zu bieten. Er ist also "verloren in Amerika, verloren auf immer" - so die Schlußworte des autobiographischen Berichts aus dem Jahre 1976. "Ich hatte mich von meinem Gott entfernt, aber nicht von meinem Erbe", heißt es an anderer Stelle. Es ist tatsächlich ein Charakteristikum des Isaac Bashevis Singer, trotz aller persönlichen und zeitbedingten Umbrüche das Erbe des osteuropäischen Judentums in sich bewahrt und es aus der amerikanischen Rückschau, gleichsam in der Verbannung, zu einem literarischen Werk voller geistig-lyrischer Höhenflüge verarbeitet zu haben: "In späteren Jahren verschmolzen die Spannungen meines Lebens und meines Schreibens so vollständig, daß ich oft nicht mehr wußte, wo eines begann und das andere aufhörte". Wer auf die Zerreißproben neugierig ist, denen die aschkenasische Welt der Zwischenkriegszeit ausgesetzt war, wird "Verloren in Amerika" mit höchstem Gewinn lesen. Aber auch wer einfach nur Zugang zum Werk des jiddischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers des Jahres 1978 sucht, wird diese dreigegliederte, höchst spannende, autobiographisch gefärbte Erzählung ("Ein kleiner Junge auf der Suche nach Gott", "Ein junger Mann auf der Suche nach Liebe", "Verloren in Amerika") mit ebensolchem Gewinn lesen.


Der Nazi & der Friseur. Roman
Der Nazi & der Friseur. Roman
von Edgar Hilsenrath
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

32 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ITE MISSA EST? VON WEGEN!, 22. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Nazi & der Friseur. Roman (Taschenbuch)
Bis zum Sommer 1945 ist das Leben des Max Schulz kein außergewöhnliches. 1907 in der schlesischen Stadt Wieshalle "als unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz" geboren, tritt er zu denselben Zeiten wie sein Stiefvater Anton Slavitzki in die SA ein, bevor er - diesmal als SS-Mann - den Polenfeldzug mitmacht, in der Einsatzgruppe D in der Ukraine jede Menge Juden erschießt und anschließend sein massenmörderisches Handwerk in einem auf polnischem Boden liegenden Konzentrationslager fortsetzt. Bei Kriegsende versteckt er sich bei der polnischen Bäuerin Veronja, bevor es ihm gelingt, sich in eben jenem Sommer 1945 wieder nach Deutschland durchzuschlagen. Hier brennt ihm aber weiterhin der Boden unter den Füßen, steht doch sein Name auf der Liste der meistgesuchten Massenmörder des Dritten Reiches. Anstatt in seinen ehemaligen Friseurberuf wieder einzusteigen, trägt er sich also mit dem Gedanken, sich nach Südamerika abzusetzen - bis ihm Besseres einfällt: "Seit Monaten denk' ich darüber nach, wie ich am besten untertauchen soll... und je mehr ich nachdenke, desto öfter sag' ich zu mir: 'Max Schulz! Wenn es ein zweites Leben für dich gibt, dann solltest du es als Jude leben!'". So aberwitzig ist dieser Gedanke nicht, denn in der Vorkriegszeit war der gleichaltrige Jude Itzig Finkelstein Max Schulz' engster Kindheits- und Jugendgefährte gewesen: "Und mit den Finkelsteins ging ich oft in die Synagoge. Und am Sabbat Abend, da saß ich mit ihnen am Tisch. Und auch am Passahfest. Und vielen anderen jüdischen Feiertagen. Und ich kann beten wie ein Jude. Und vieles andre, was Juden können". Hinzu kommt, daß Max und Itzig beide das Friseurhandwerk im Salon von Itzigs Vater, Chaim Finkelstein, erlernt hatten; dieser Umstand würde den Identitätswechsel perfekt machen. Daß der echte Itzig Finkelstein wieder auftauchen und den Schwindel aufdecken würde, war außerdem ausgeschlossen: Mitsamt den Seinen war er nämlich unter Max Schulz' Augen - wenn nicht gar von seiner Hand - in eben dem Konzentrationslager ermordet worden, in dem er, Max Schulz, sein Unwesen trieb. Also läßt sich Max Schulz im zerstörten Berlin eine KZ-Häftlingsnummer eintätowieren, durch einen bereitwilligen Arzt die Vorhaut entfernen, durch eine Prüfungskommission als Juden anerkennen sowie neue, auf Itzig Finkelstein lautende Papiere ausstellen. Und vom Grundgedanken getrieben: "In der Höhle des Löwen wird dich niemand suchen", schifft er sich an Bord der "Exitus" nach Palästina ein, wo er am 14. Juni 1947 an Land geht. Hier kommt er erstmal in einem Kibbuz unter, bevor er in Beth David bei Schmuel Schmulevitch eine Anstellung als Friseur findet. Wie selbstverständlich nimmt er an den kriegerischen Auseinandersetzungen zunächst gegen die Engländer, später, nach Gründung des Staates Israel, gegen die feindseligen arabischen Armeen teil. Und bereits im September 1947 heiratet er Mira, die "im ukrainischen Städtchen Wapnarja-Podolsk" ein Massaker überlebt hat, an dem er möglicherweise selbst beteiligt war. Als Schmuel Schmulevitch 1953 stirbt, wird Max Schulz dessen erfolgreicher Nachfolger. Alles in allem führt er also das Leben eines typischen, nahezu mustergültigen Neueinwanderers. Einmal unerkannt, für immer unerkannt? Doch nicht ganz, denn unter der Last seines Gewissens gibt er sich nach dem Sechs-Tage-Krieg, nunmehr über 60 Jahre alt, dem ebenfalls betagten, ehemaligen Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter zu erkennen. Der ihm aber nicht so recht glaubt und dessen Geständnis als Spielerei bzw. Spinnerei abtut. Und der ihn - angenommen, er hätte es mit dem echten Max Schulz zu tun - auch noch freispricht, weil sich für dessen Taten bzw. Untaten keine angemessene Sühne bzw. Strafe finden läßt. So daß am Ende Max Schulz' unerlöster Seele, als er einen Herzinfarkt erleidet und nicht einmal das verpflanzte Herz eines Rabbiners ihm helfen kann, nichts anderes übrigbleibt, als ins Unbestimmte zu entschweben. Wohin? "Irgendwohin. Dorthin!". Dies die beiden Schlußworte des Romans. Die Geschichte eines Nazimörders, der sich bis zur Unkenntlichkeit in einen Juden und israelischen Staatsbürger verwandelt, mutet als Groteske an und wird konsequenterweise auch mit den literarischen Mitteln einer Groteske ausgeführt. Und dennoch: Sie entbehrt nicht der reellen Grundlage, hat es doch tatsächlich solche Fälle wie den des Max Schulz gegeben, beispielsweise den des Gestapo-Mannes Erich Hohn, der nach dem Krieg die Identität des Julius Israel Holm angenommen und sogar versucht hatte, Vizepräsident der Bamberger Vereinigung von Überlebenden des Naziregimes zu werden. Als der Schwindel aufflog, wurde Erich Hohn zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt (The Jewish Echo vom 8. Oktober 1948). Indes sind es nicht solche Schwindeleien allein, die dem Autor zu schaffen machten, sondern auch der Zeitgeist der Nachkriegsjahre, der ausgesprochen philosemitisch war - und somit, über alles Paradoxe hinweg, reichlich heuchlerisch. Bei allen möglichen Anlässen wurde den Juden nach der Shoah von offizieller Seite wärmste Sympathie bekundet, wobei allzu offenkundig war, daß sich die Judenfeindlichkeit mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht schlagartig und wie durch ein Wunder in Nichts aufgelöst hatte. Vor lauter nachträglicher, versöhnlicher Sinngebung drohte die Shoah sogar zu einem ordentlich verarbeiteten Ereignis herabgestuft und somit mit ziemlicher Bequemlichkeit ad acta gelegt zu werden. Nicht jedoch für Edgar Hilsenrath, für den ausgerechnet das Erklärenwollen solches letztlich unerklärlichen Mordwerkes das eigentlich Groteske darstellt. Denn, um mit Max Schulz zu reden: "Ich, Itzig Finkelstein, damals noch Max Schulz, habe die Juden nie gehaßt. Warum ich euch nicht gehaßt habe? Ich weiß es nicht (...) Warum ich getötet habe? Ich weiß nicht warum". Und hier spricht er wahr. Besteht angesichts solcher Abgründe das Groteske also nicht eben darin, den Judenmord auf ein paar voller Mitleid triefende Erklärungen reduzieren zu wollen? Auf solch groteskes Ansinnen einer erstarrten Sinnlegung reagierte Edgar Hilsenrath mit der literarischen, atemberaubenden Groteske namens "Der Nazi & der Friseur". Zwar hatte in seiner Not gut zehn Jahre früher etwa ein Soma Morgenstern sich nicht anders zu helfen gewußt, als im außergewöhnlichen Roman "Die Blutsäule" die Shoah als "die Leiden von der Geburt der Erlösung" zu deuten. Nicht so jedoch Edgar Hilsenrath. Ihm, dem Überlebenden eines transnistrischen Lagers, mußte jede Festlegung fragwürdig erscheinen. Unfaßbar bleibt unfaßbar. Daß er es jedoch auch anders kann - nämlich auf realistische Art und Weise -, hatte er bereits mit seinem Debütroman "Nacht" unter Beweis gestellt. Und der liest sich nicht minder spannend.


Malka Mai: Roman (Gulliver)
Malka Mai: Roman (Gulliver)
von Mirjam Pressler
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

9 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mehr als ein Fluchtbericht, 28. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Malka Mai: Roman (Gulliver) (Taschenbuch)
Malka Mai hat keine Erinnerung an ihren Vater. Als er vor fünf Jahren nach Erez-Israel ging, war sie erst zwei Jahre alt. Malka blieb mit ihrer Mutter Hanna und ihrer damals elfjährigen Schwester Minna in Lawoczne zurück, einer Kleinstadt in den polnischen Karpaten nahe der ungarischen Grenze. Hanna hatte ihrem Mann, mit dem sie wohl nur eine lose Ehe führte, nicht folgen wollen. Erstens, weil sie nicht daran glaubte, daß Hitler eines Tages Polen überfallen würde. Und zweitens, weil Polen Hanna die Bewahrung ihrer teuer erkauften Selbständigkeit als Ärztin und emanzipierter Jüdin bedeutete, während „ihr dieses Gerede vom Judenstaat und dem Land der Väter eher auf die Nerven ging". Hannas Rechnung ging jedoch nicht auf. Im September 1939 hatten die Russen das östliche Polen besetzt, und im Sommer 1941 war dann das ganze Land von den Deutschen überrollt worden. Zwei Jahre später ging Hanna, trotz allerlei Einschränkungen und Einführung des gelben Sternes, aber immer noch ihrem Beruf als Ärztin nach, sogar einige Deutsche, mit denen sie nicht ungern verkehrte, hatten sich bei ihr behandeln lassen. Im September 1943 findet dieser Scheinfrieden dennoch an dem Tag ein jähes Ende, als auch in Lawoczne eine „Aktion" durchgeführt wird: Es sollen ausnahmslos alle Juden „umgesiedelt" werden, die Frau Doktor Mai und ihre Töchter einbegriffen. Hals über Kopf - Hanna sogar in leichten Sommerschuhen mit halbhohen Absätzen und die siebenjährige Malka in Sandalen - müssen Mutter und Töchter Lawoczne verlassen. Glück im Unglück: Ihnen wird von diversen Leuten, meistens ehemaligen Patienten, die Hanna Dank schulden, geholfen, und so gelangen sie über die grüne Grenze nach Ungarn, einem für sie fremden Land. In Pilipiec bekommt Hanna Anschluß an eine Gruppe Lawoczner Juden, die auch über Munkatsch nach Budapest wollen, aber Malka, die völlig erschöpft ist und lädierte Beine hat, muß sie bei Chaim Kopolowici zurücklassen. Abgemacht ist, daß er Malka nach Munkatsch bringen wird, sobald sie wieder hergestellt ist. Es kommt dennoch ganz anders: Weil er sich vor einer Razzia fürchtet, setzt Chaim Kopolowici die halbwegs wieder genesene Malka aus, die, auf sich selbst gestellt, bald bei der ungarischen Gendarmerie landet und nach Polen zurückgebracht wird. Einige Tage später findet sie sich im Ghetto von Skole wieder, und als es geräumt wird, gelingt es ihr mit viel Glück, auf der arischen Seite in einer Kirche Zuflucht zu finden, wo eine alte polnische Frau, die sich von ihr „Ciotka" (Tante) nennen läßt, sie zu sich nimmt, solange die Aktion dauert. Wieder auf sich selbst gestellt, lernt es Malka, wie sich unter Bedingungen ständiger Bedrohung, quälenden Hungers und zunehmender Kälte überleben läßt: Erstens, indem schmerzhafte Erinnerungen so weit wie möglich ausgeschaltet werden. An ihre Mutter denkt Malka z.B. nur noch als „die Frau Doktor" zurück. Zweitens, indem sie mit beinahe animalischer Instinktsicherheit nur solche Sinne schärft, die von unmittelbarer Bedeutung sind, wie z.B. ihre Sehkraft: „Ihre Augen waren gut, sie wurden immer besser, sie sah Dinge, die nicht sichtbar waren. Zum Beispiel dicke Pflanzenwurzeln, die tief in der Erde steckten und die man essen konnte. Oder Kartoffelschalen, die unter einem Haufen Papier und Müll verborgen lagen und die irgendjemand aus Gründen, die sie sich nicht vorstellen konnte, weggeworfen hatte". Und „Glück" muß sie natürlich auch haben. Wie sonst hätte sie in Skole eine weitere Aktion überleben können und wäre, an Typhus erkrankt, ins Ghetto-Krankenhaus von Stryj gelangt? Im - noch - sicheren Ungarn bleibt Hanna indessen auch nicht untätig, und als sie einsieht, daß es kein anderes Mittel gibt, ihre Tochter wiederzubekommen, begibt sie sich von Budapest aus und mitten im Winter wieder nach Polen. Und bekommt dank der Hilfe einiger herzensguter Polen tatsächlich Malka wieder, die allerdings stark verändert ist: „Was passiert war, würde Narben in ihrer Seele hinterlassen, für immer und ewig". Es ist ein beklemmendes Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter, und Hanna, die, objektiv gesehen, wohl keine Schuld trifft, wird doch von heftigen Schuldgefühlen gepeinigt. Die Geschichte der Malka Mai und ihrer Familie ist keine erfundene Geschichte. Malka, ihre Schwester Minna und ihre Mutter Hanna haben den Krieg überlebt und es geschafft, wenn auch auf getrennten Wegen und zu verschiedenen Zeitpunkten, nach Israel auszuwandern. Dort erzählte Malka der Schriftstellerin Mirjam Pressler 1996 ihre Geschichte, an die sie sich aus verständlichen Gründen dennoch nur lückenhaft erinnern konnte. Mirjam Pressler ihrerseits bearbeitete diese Erinnerungen zu einem einfühlsamen Roman, der weitgehend fiktiv ist und der Realität doch wohl sehr nahe kommt und den, einmal angefangen, der Leser nicht mehr aus der Hand lassen kann. Fesselnd ist der Roman auch deshalb, weil er weit mehr als ein einfacher Fluchtbericht ist, in dem die Rollen nach einem Schwarz-Weiß-Schema verteilt wären. Natürlich und wahrheitsgemäß kommen die Deutschen als Verbrecher vor, aber gibt es denn nicht auch diesen Pucher, Offizier des Grenzschutzes, der Hanna den entscheidenden Wink gibt: „Laufen Sie weg, Frau Doktor, sofort. Sie müssen über die Grenze"? Natürlich und wahrheitsgemäß freuen sich viele Polen mehr oder weniger offen darüber, daß die Juden vernichtet werden, aber gibt es denn nicht, neben vielen anderen, auch jenen Zygmunt Salewsky und jene „Ciotka", die unter Lebensgefahr Malka nach Kräften überleben helfen? Natürlich und wahrheitsgemäß sind viele Ungarn, namentlich die berüchtigten Pfeilkreuzler, eingefleischte Antisemiten, aber gibt es denn nicht auch jene Schmuggler, die, wenn auch gegen Geld, vielen Juden über alle Grenzen hinweghelfen? Und schließlich und endlich: Natürlich und wahrheitsgemäß sind ausnahmslos alle Juden Opfer des grassierenden und zur Staatsdoktrin erhobenen Antisemitismus. Aber auch der jüdische Kosmos wird nicht als eine heile Welt dargestellt, die somit, wie jede menschliche Gesellschaft auch, jeder Glaubwürdigkeit entbehren würde. Hierfür steht jener feige Chaim Kopolowici, der Malka sehr wohl hätte verstecken können und der sie dennoch auf die Straße setzt. Hierfür stehen auch jene zahlreichen Konflikte, die Hanna mit ihrer Familie durchzustehen hatte, um „ihrer Sehnsucht nach Ansehen und einer Position, die ihr, der Geburt nach, nicht zugestanden hätte", gerecht zu werden. Trotz solcher Differenzierungen verliert der Leser aber nie die Orientierung darüber, wie und wo zwischen Gut und Böse zu unterscheiden ist. Darin liegt die Kraft der Erzählung, die mit Aharon Appelfelds „Tzili" viele gemeinsame Züge aufweist.


Austerlitz (Literatur)
Austerlitz (Literatur)
von W. G. Sebald
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein etwas anderes Zeitgefühl, 25. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Austerlitz (Literatur) (Taschenbuch)
Wer für die eigenartige Stimmung empfänglich ist, die von der walisischen Landschaft ausgeht, für den werden weite Strecken dieses Romans ein Genuß sein. Denn hier verbringt Dafydd Elias, so weit er sich erinnern kann, seine Kindheit und Jugend, die er später bildkräftig heraufzubeschwören weiß. Wer auch noch für London schwärmt, wird die spannenden stadtgeschichtlichen Ausführungen des Dafydd Elias zu würdigen wissen, verbrachte er doch hier als Dozent an einem kunsthistorischen Institut die meiste Zeit seines Berufslebens. Nur daß er inzwischen nicht mehr Dafydd Elias hieß, sondern Jacques Austerlitz, wie ihm behördlicherseits mitgeteilt worden war. Darob machte er sich aber nicht sonderlich viele Gedanken, nachdem er zur Kenntnis genommen hatte, daß er kurz vor Kriegsausbruch als Flüchtlingskind nach Großbritannien verschickt worden war, wo ihn eben der calvinistische Prediger Emyr Elias und seine Frau Gwendolyn aufgenommen hatten. Beide waren in den Nachkriegsjahren gestorben, ohne den Jungen über seine Herkunft aufgeklärt zu haben. Und da er „ganz ohne Eltern und Anverwandte" geblieben war und alle sonstigen Verbindungen zu seinen frühen Lebensjahren abgeschnitten zu sein schienen, hatte die Frage nach der Herkunft Dafydd bzw. Jacques, der ein überaus ausgefülltes Berufsleben hatte, nicht mehr gekümmert. Vordergründig zumindest, denn hinter der Hand konnte er sich immer weniger des um sich greifenden Eindrucks der Fremdheit im eigenen Land erwehren. Am Ende stürzte ihn, der sich frühzeitig hatte pensionieren lassen, die jahrzehntelang listenreich durchgehaltene Verdrängung gar in eine späte, ihn aber um so wuchtiger erfassende Lebenskrise. Fortan ging er nur noch der Frage seiner Herkunft nach und landete - im buchstäblichen Sinne des Wortes - an einem schönen Märztag der neunziger Jahre in Prag. Weil Vera, sein einstiges Kinderfräulein, noch am Leben war, stieß er hier unverhofft schnell auf Spuren seiner ersten, auf der Prager Kleinseite verbrachten viereinhalb Lebensjahre. Ebenso fündig wurde er bei der Suche nach Lebensspuren der Agáta Austerlitzová, seiner jüdischen Mutter, die noch im August 1939 seine Verschickung nach Großbritannien mit einem Kindertransport hatte erwirken können. Selbst allerdings hatte sie erst in Prag, dann im Ghetto von Terezín (Theresienstadt) gefangengesessen. Gegen Kriegsende wurde sie in ein weiter östlich gelegenes Konzentrationslager verlegt und dort wahrscheinlich umgebracht. In der Folgezeit bleibt Austerlitz' Geistesverfassung äußert bedrückt: „Es nutzte mir offenbar wenig, daß ich die Quellen meiner Verstörung entdeckt hatte (...) die Vernunft kam nicht an gegen das seit jeher von mir unterdrückte und jetzt gewaltsam aus mir hervorbrechende Gefühl des Verstoßen- und Ausgelöschtseins" -, wenig später rutscht er sogar für drei Wochen in den Zustand „andauernder Geistesabwesenheit". Nachdem er sich erholt hat, macht er sich alsdann auf die Suche nach Lebensspuren seines Vaters, Maximilian Aychenwald, der am 14. März 1939, gerade einen Tag vor dem deutschen Einmarsch in Prag, nach Paris noch hatte entfliehen können. Genauso fesselnd und vielsagend wie seine Ausführungen zu tschechischen Örtlichkeiten sind Austerlitz' Auslassungen zu einzelnen Pariser Stadtbauten, aber anders als in Prag, wo er viele Spuren seiner selbst und seiner Mutter finden konnte, geht er in Paris leer aus. Eines Tages erhält er zwar noch eine Nachricht, derzufolge sein Vater Ende 1942 im südfranzösischen Lager Gurs interniert worden sei, und er beschließt dem nachzugehen. Aber was daraus wird, erfährt der Leser nicht mehr, weil die Wege des alles wiedergebenden Ich-Erzählers und die von Austerlitz selbst, die einander vor dreißig Jahren kennenlernten, sich hier, zumindest vorläufig, trennen. Es spielt aber auch keine große Rolle mehr, weil die Grundstimmung des zu Erzählenden, das mit etlichen Schwarz-Weiß-Fotos unterlegt ist, bereits Zeit hatte, sich zu entfalten und den Leser zu ergreifen. Diese Grundstimmung gründet darauf, „daß die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben" und mündet in das Gefühl, „daß wir auch in der Vergangenheit, in dem, was schon gewesen und größtenteils ausgelöscht ist, Verabredungen haben und dort Orte und Personen aufsuchen müssen, die, quasi jenseits der Zeit, in einem Zusammenhang stehen mit uns". Der virtuos und einfühlsam fließende Erzählton sowie die durchaus gleichnishafte Romankomposition tragen in erheblichem Maße zu dieser beinahe anachronistisch anmutenden, durchweg antimaterialistischen Grundstimmung bei. Und eigenwillig ist der Stil des Autors allemal, etwa als er den monströsen Verhältnissen von Terezín nur mit einem ebenso monströsen, schlafwandlerisch durchgehaltenen, atemberaubenden, zehn Seiten langen Satz gerecht zu werden vermeint. Die meiste Zeit aber führt er eine wunderbar poetische Sprache, die den Leser nachdenklich stimmt, auch dies ein Grundzug der antimaterialistischen, ein Höheres anstrebenden Grundhaltung. Alles in allem ein durchaus lesens- und empfehlenswerter Roman also, der quer durch Europa führt, vielleicht nicht nur auf der Suche nach der Identität des Jacques Austerlitz allein, sondern zumindest streckenweise auch auf der des alten Kontinents. Wer auf einem artverwandten Pfad weiterwandeln möchte, sei auf einen Tip von Jacques Austerlitz bzw. W.G. Sebald selbst verwiesen: „Heshels Königreich" von Dan Jacobson.


Tzili: Roman
Tzili: Roman
von Aharon Appelfeld
  Taschenbuch

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Mensch ist kein Wurm, 24. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Tzili: Roman (Taschenbuch)
Ob sie nun bei Katharina, einer gesundheitlich angeschlagenen Dorfdirne, oder bei sie ausbeutenden und verprügelnden Bauern Aufnahme findet, Tzili erklärt immer wieder dasselbe, und zwar, sie sei die Tochter Marias (was selbstredend nicht stimmt). Zwischendurch irrt sie im Wald umher und geht an Bächen entlang. Auf eine Jahreszeit folgt die andere. In einem Sommer trifft sie auf Mark. Mark hat es geschafft, aus einem Lager zu fliehen. Er ist ein gequälter Geist, aber in Tzilis Gegenwart kommt er einigermaßen zur Ruhe. Nach einigen Monaten hält er es jedoch nicht mehr aus, beruft sich darauf, der Mensch sei kein Wurm und geht statt Tzili im Tal Versorgung holen. Da Mark verschollen bleibt, hat Tzili bald keinen anderen Ausweg, als sich erneut in den Dienst von Bauern zu stellen, die sie - das altbekannte Lied - rücksichtslos ausnutzen und schonungslos durchprügeln. Schließlich muß sie, die von Mark schwanger ist, wieder zurück in den Wald. Als dann alles vorbei ist, schließt sich Tzili, die nicht so recht weiß wohin, einigen Überlebenden an, die, zwischen Gleichgültigkeit und Verzweiflung schwankend, zwischen Erstarrung und Ausgelassenheit hin- und hergerissen, nach Süden ziehen. Tzili wandert einfach mit. Aber das Fötus, das sie in sich trägt, überlebt es nicht und stirbt kurz vor der Geburt in ihrem Leib. Unter notdürftigen Bedingungen kommt Tzili in einem Feldkrankenhaus unter und mit dem Leben davon. Es folgt das Gerenne zum Meer. Das Warten. Das Widersehen mit Linda. Und das Zusammenpferchen in einem Schiff, das auf Palästina Kurs nimmt. Die Geschichte ist ebenso scharf wie verschwommen, ebenso einfach wie tiefschürfend. Es ist von Tzili Kraus die Rede. Im Gegensatz zu ihren zahlreichen Geschwistern legt Tzili keinerlei intellektuelle Begabung an den Tag. Das Dorf in Mitteleuropa, wo die Familie wohnt, wird bis 1942 von antisemitischen Ausschreitungen verschont. Wird also spät, dafür aber gründlich heimgesucht. Innerhalb von nur wenigen Augenblicken wird die dreizehnjährige Tzili von ihren flüchtenden Angehörigen getrennt, die sie nimmermehr wiedersehen wird. Im sich anschließenden Gemetzel wird sie wie durch ein Wunder übersehen, und von nun an leitet sie ein erstaunlicher Überlebensinstinkt, der ihr z.B. eingibt, sich als eine Tochter Marias auszugeben, einer in der ganzen Umgebung bekannten, leichtlebigen Frau. Außer, daß diese erfundene Identität glaubwürdig wirkt, hat sie den Vorteil, von ihrer wirklichen, jüdischen Identität abzulenken. Der Groll so mancher Bäuerin gegen ihre angebliche Mutter bringt ihr zwar jede Menge sühnend gemeinte Züchtigungen ein, was aber ist das schon gegen die Errettung des blanken Lebens? In dieser Erzählung weist die Prosa Aharon Appelfelds einige bemerkenswerte Eigenschaften auf: Trotz der Knappheit der Mittel, mit denen er umgeht - nur einige Zeit- und Ortsangaben werden hie und da leichthin eingestreut, es wird bloß in straffen Zügen geschildert, und die Umrisse der Mörder bleiben schemenhaft -, ist es so gut wie unmöglich, sich der Suggestivkraft der Erzählung zu entziehen. Zum anderen ist nicht nur Tzili, sondern auch etlichen anderen Gestalten eine unleugbare, innere Größe eigen. Diese innere Größe wirkt um so ergreifender und echter, als jeglicher Idealisierungs- oder gar Verklärungsversuch ausbleibt. Manche Gestalten, darunter auch Tzili, werden im Gegenteil samt ihren Schwächen und Mängeln dargestellt, mitunter in einem sogar sehr kruden Licht. Offenbar versucht der Autor nicht zu mogeln. Nichtsdestotrotz geht von seinen Gestalten, sei es individuell oder gruppenweise, anerkennungs-, wenn nicht gar bewunderungswürdiger, großzügiger Edelmut aus. Ebenso bemerkenswert ist die Hoffnungsbotschaft, die aus dieser Erzählung mit denkbar unerquicklichem Thema hervorgeht, können doch die Hauptgestalten nicht davon lassen, auch unter widrigsten Bedingungen nach einem Leben in Würde zu streben. Wer versucht, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, der stößt bald auf die autobiographische Dimension der Erzählung. Tzili, wenn es sich auch um eine weibliche Gestalt handelt, scheint nämlich Aharon Appelfeld sehr nahezustehen, der 1932 in der Bukowina geboren wurde, die Shoah überlebte und 1946 nach Palästina gelangte. Stefan Siebers' Übersetzung läßt das fein ziselierte Hebräisch erahnen, in dem das Original geschrieben ist. Jenes Hebräisch, das Aharon Appelfeld gegen die deutsche Muttersprache austauschen mußte. Und in dem sich denkwürdigerweise die reiche jüdisch-deutsche Literatur der Bukowina fortschreibt, die bereits in Paul Celans „Mohn und Gedächtnis" gezeigt hatte, sie würde wohl so bald nicht verlöschen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 26, 2012 9:07 AM CET


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