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Rezensionen verfasst von
Grobi Schalke "Borussenleser" (Dortmund)

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Die Vergessenen (Radioactive 2)
Die Vergessenen (Radioactive 2)
Preis: EUR 4,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein bisschen arg konstruiert - aber wieder toll geschrieben, 21. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Den ersten Band habe ich mit fünf Punkten bewertet, diesmal sind es 3,5.
Während der Schreibstil einfach toll ist und Independent-Autorin Maya Shepherd auch diesmal meiner Ansicht nach viele der sogenannten Verlagsautoren locker überrundet, hat mir die Story hier und da nicht ganz so gut gefallen wie der Vorgänger.

Manchmal waren es Kleinigkeiten, manchmal wesentliche Entwicklungen der Handlung, die irgendwie nicht richtig zusammenliefen, die mal zu unglaubwürdig, mal zu abrupt oder zu blass daherkamen.

Um hier deutlicher zu werden, muss ich spoilern (Achtung!) – wer die Fortsetzung noch lesen will, also bitte an dieser Stelle weg“hören“:
Mein wesentlicher Kritikpunkt ist, dass für Cleo mit ihrer Rückkehr in die Sicherheitszone alles zu leicht, zu glatt abläuft. Sicher, anfangs gibt es eine kurze Phase, in der sie nicht viel mehr als eine Nummer ist. Umso überraschender – aber ganz wie von den Rebellen geplant - ist ihre plötzliche Berufung in die Liga der Legionsführer. Warum? Wieso wird Cleo erst links liegen gelassen und plötzlich mir nichts dir nichts in die Elite befördert? Dafür gibt es gegen Ende der Geschichte zwar eine Erklärung; aber auch die ist mir persönlich etwas zu unglaublich und plötzlich.

Nächster Kritikpunkt ist das Auftauchen von Finn, der in die Sicherheitszone einfällt und gefangen genommen wird. Um hier das Knistern zwischen ihm und Cleo aufrecht erhalten zu können (sorry, das nehme ich jetzt mal an), konstruiert Maya Shepherd Umstände einer Amnesie, die für mich ebenfalls nicht nachvollziehbar sind. Cleo (ganz frisch in der Führung) soll entscheiden, ob Finn stirbt oder aber, ob sein Gedächtnis gelöscht wird. Sie entscheidet sich für Lösung B. Später im Buch heißt es, dass die Methode der Gedächtnislöschung eigentlich noch nie richtig funktioniert hat. Warum – fragt man sich – sind die Machthaber derart nachlässig? Warum pfuschen sie im Gehirn eines Rebellen herum, wenn sie damit rechnen müssen, dass das gar nicht klappt? Und mal abgesehen davon: Amnesie… die gab es in dem Genre insgesamt ein bisschen zu oft.

Irgendwie gelingt es Maya Shepherd, die Spannung bis zum Ende zu halten – vor allem dank eines undurchsichtigen neuen Charakters – wenngleich sich gegen Ende der Geschichte alles etwas überschlägt. Im letzten Viertel hätte sich die Autorin gerne etwas mehr Zeit lassen können. Die Dramatik der letzten Seiten stechen aus dem großen Ganzen seltsam heraus. Außerdem kratzt das Tempo wiederum an der Authentizität der Ereignisse bzw. der Figuren.

Fazit: Die Logik der Handlung hinkt und hakt an vielen Ecken. Aber der lebendige, kluge Schreibstil und Sympathie-Heldin Cleo überzeugen auch diesmal. Verglichen mit anderen Büchern des Genres ist die Geschichte absolut überzeugend. Das Ende des Buches macht außerdem Lust auf den letzten Teil - da könnte es noch mal richtig spannend werden.

P.S.: Vielleicht noch eine kleine Anmerkung. Irgendwo in den Beiträgen hat sich jemand negativ über Rechtschreibfehler und den Kaufpreis geäußert. Tatsächlich habe ich kaum Fehler gefunden (da habe in Verlagsbüchern schon mehr entdeckt). Und den Preis (wir reden hier über ein paar Euro) zahle ich für ein derart professionell gemachtes Buch gerne.


Kraftakt (Prädikat Wertvoll)
Kraftakt (Prädikat Wertvoll)
DVD ~ Lou Ferrigno
Preis: EUR 19,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einfach mal erzählt..., 17. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Kraftakt (Prädikat Wertvoll) (DVD)
Nach den ganzen Weihnachts- und Silvesterschlemmereien wirkt dieser nette Film wie ein echter Motivationsschub:

Ohne großes Aufheben, ohne journalistische erklärende Elemente und Infoblöcke folgt die Kamera bekannten und weniger bekannten Größen des Kraftsports – Strongmen, wie man sie englisch-eingedeutscht nennt.

Der Begriff erklärt sich im Laufe der Porträts von selbst – von der Jahrmarktsattraktion über erste Bodybuilding-Wettkämpfe, unterhaltenden Fernsehshows bis hin zu den heutigen populären Strongman-Wettbewerben hat der Kraftsport eine Wandlung durchgemacht, und Regisseur André Rößler zeigt zu jeder dieser Stationen ein Gesicht: Einen Kettlebell Instructor aus den USA, der eisenstangenverbiegenderweise die Traditionen der Oldtime-Strongman wach hält; Lou Ferrigno der es in den 70er Jahren zeitgleich mit Arnold Schwarzenegger vom Wettkampfbodybuilding zum Film geschafft hat; Ali Deutscher, der nach einer Karriere als Strongman zum athletischen Personal Trainer abgespeckt hat und schließlich Patrick Baboumian, seit 2011 offiziell stärkster Mann Deutschlands.

Die Auswahl der Interviewpartner ist ausgesprochen gelungen und der Film lebt vor allem von seinen überaus sympathischen Erzählern, zu denen der Regisseur einen natürlichen, ganz und gar ungekünstelten Zugang gefunden hat.

Was möglicherweise an übergeordneten, einordnenden Informationen fehlt, machen die offenen Bekundungen der Protagonisten wett. So erfährt der Zuschauer vor allem etwas über die Motivation, die eigene Kraft in immer höhere Dimensionen zu treiben und entdeckt sich – zwischen Comichelden-Huldigung und Schwächegefühl - möglicherweise auch selbst.

Anleitungen zum „Nach-Trainieren“ gibt der Film nicht – dafür persönliche Einblicke und ungewöhnliche Bilder einer ungewöhnlichen Sportart.

Irgendwelche Kritik? Nun ja…. in Zeiten der Gleichberechtigung…. Wo bleiben bei all den starken Männern die Strongwomen? Aber vielleicht ist das ein Thema für einen eigenen Film.

Fazit: Unterhaltsam, sympathisch. Macht das Bild vom Brunftschrei-ausstoßenden Bodybuilder komplexer!


Die Liga der Siebzehn - Unter Strom: . Band 1
Die Liga der Siebzehn - Unter Strom: . Band 1
von Richard Paul Evans
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unterhaltsames "Drehbuch", 5. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Die Liga der 17“ ist ein unterhaltsames Jugendbuch, das ein bisschen wie ein Actionfilm daherkommt. Es ist schnörkellos, ja geradezu schlicht geschrieben und gleicht in seiner dramatischen Grundstruktur, in seinem Aufbau und den einzelnen Plotpunkten eher einem Drehbuch als einem Roman.
Liege ich falsch, wenn ich behaupte: Dieses Buch ist etwas für Jungs?
Okay, ich selbst bin kein Junge und fand das Ganze trotzdem ganz nett. Aber die Art der Herangehensweise ist doch eher …. naja, eben jungsmäßig.

Autor Richard Paul Evans orientiert sich mit seiner Story an Superheldensequels wie X-men und die Macht der Sechs, schafft jedoch eine überzeugend neue Variante und eine ganz eigene Nische. Mit Protagonist Michael Vey haucht er einem Charakter Leben ein, der zweifach ungewöhnlich ist: 1. Michael leidet unter dem Tourette-Syndrom und 2. durch seinen Körper fließt Strom. Michael kann Elektrizität erzeugen und in seine Umgebung speisen; er ist quasi ein menschlicher Taser. Mit Hilfe seines Freundes Ostin und der hübschen Taylor findet er heraus, dass er nicht der einzige Jugendliche mit einem ungewöhnlichen Talent ist. Michael kommt einem gut gehüteten Geheimnis auf die Spur und gerät damit ins Visier des schurkischen Dr. Hatch.

Autor Evans hat sich tolle Charaktere und für seine (Achtung SPOILER) elektrischen Kids Begabungen ausgedacht, die einander perfekt ergänzen. Michael ist ein – bislang vielleicht noch etwas farbloser – sympathischer Charakter, ebenso wie Ostin und Tayler. Dr. Hatch ist eine gelungene Manifestation des Bösen. Mit dem Touretten-Syndrom, an dem der Autor selbst erkrankt ist, bringt Evens noch eine weitere interessante Note ins Spiel. Er räumt mit Vorurteilen auf und weckt Verständnis für eine oft falsch verstandene Krankheit.

Zu bemängeln habe ich wenig: Außer, dass der Schreibstil sehr einfach und dialogbeherrscht ist. Das bringt viel Dynamik in die Handlung, hat aber auch den Nachteil, dass das Buch etwas oberflächlich wirkt. Gedankengänge nehmen nur einen geringen Teil des Buches ein – und gerade hier liegt ja der Vorteil des geschriebenen Wortes im Gegensatz zum Film: Man kann Einblick nehmen in das Innere von Personen. Hier schöpft der Autor seine Möglichkeiten nicht aus.

Beispiel:

Maddie sah mich an und runzelte die Stirn. „Wie war noch mal dein Name? Trent? Trett?“ Mir wurde klar, dass sie an Tourette dachte.
„Nein. Michael.“
„Michael. Komisch, ich dachte, es wäre irgendwas mit Trett.“
„Und ich bin Ostin“, sagte Ostin.
„Ihr habt ein tolles Haus“, sagte ich.
„Ja.“ Sie tätschelte meinen Arm. „Also dann, amüsiert euch. Sie flitzte davon.

Solche Szenen schreien förmlich: Drehbuch! Drehbuch! Dialoge, Regieanweisungen. Dialoge, Regieanweisungen.

Erst zum Ende hin öffnet Evans seine Protagonisten etwas mehr für die Leser. Sehr dosiert. Und ausgesprochen wohltuend.
Aber vielleicht gehört das zum Konzept. Vielleicht soll die Geschichte eben vor allem eines sein: Ein Film zum Lesen.

Fazit: Unterhaltsam und mit coolen Ideen. Für ein Buch jedoch etwas zu oberflächlich. Für Wenig-Leser mit Vorliebe für Superhelden aber genau das Richtige.


The Bone Season - Die Träumerin: Roman
The Bone Season - Die Träumerin: Roman
von Samantha Shannon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

13 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Paige, die Schnellmerkerin!, 4. Dezember 2013
Achtung SPOILER!

Ich weiß, viele sind von dem Buch begeistert. Und ich bescheinige der Autorin gerne viel Fantasie. Und gute Ansätze. Aber mich persönlich hat dieser siebenteilige Serienauftakt eher zermürbt. Obgleich sich Samantha Shannon einerseits eine detailreiche Urban-Fantasy-Welt erdacht hat (manchmal zu detailreich), ist die Story in vielerlei Hinsicht erschreckend flach. Kopfschmerzerzeugend war für mich vor allem die Beziehung zwischen Paige und dem Wächter (dem W ä c h t e r !), ein schlecht getarnter Aufguss üblicher Groschenroman-Lovestorys; eine dürftige Variante des alten Stolz-und-Vorurteil-Themas.

Dabei fängt alles recht vielversprechend an.
Die junge Paige arbeitet in einem London der Zukunft für ein Syndikat, das sich übersinnlich begabter Menschen bedient. Paige hat die Fähigkeit fremdes Bewusstsein aufzuspüren, gerät jedoch in die Fänge von Menschenhändlern und wird in eine Art Unterwelt verschachert, die von übernatürlichen Wesen beherrscht wird. Paige wird Sklavin des „undurchsichtigen“ Wächters, der gleichzeitig der Gefährte der bösen Herrscherin dieser Unterwelt ist. Er nimmt Paige unter seine Fittiche und bildet sie aus.

Soweit die Kurzfassung.
Nach einem einigermaßen guten Start, verfällt die Autorin jedoch über weite Strecken immer wieder in eine Art Starre, in der sie sich ausschweifend der Aufgabe widmet, den Lesern die Fähigkeiten und die Welt ihrer Protagonisten zu erklären. Das ist einerseits notwenig, da Shannon zu Beginn mit „Fach“-Begriffen und Wortschöpfungen um sich wirft, die es schwer machen, in die Geschichte hineinzufinden. Andererseits ist diese Taktik auch eine schlechte Lösung – die vielen Rückblicke und Monologe stören den Lesefluss ganz erheblich. Hauptproblem ist: Trotz der vielen Worte wirkt die Geschichte über weite Strecken statisch und bilderlos. Zwar schafft es die Autorin immer mal wieder etwas Spannung aufkommen zu lassen, doch in der Gesamtheit ist das zu dürftig.

Achtung neue SPOILER:

Für mich am störendsten war jedoch diese „Shades-of-grey-Note“ der Geschichte. Jaaa, okay… wirkliche Liebesszenen kommen kaum vor. Aber die Richtung ist trotzdem klar. Das ist einfach zu offensichtlich und platt. Wenn der Wächter - ein gutaussehender, meist emotionsloser Kerl - Paige nach einer Bewusstlosigkeit in sein eigenes Bett legt, wenn er sie minutenlang mustert und ihren Namen schmerzerfüllt in die Länge zieht. Wenn Paige feststellt, wie eben und perfekt das Gesicht des Wächters ist. Hmpf.
Noch schlimmer ist aber, dass Paige bei der ganzen Sache das Oberbrett vor der Stirn hat. Der „Wächter“ verhält sich von der ersten bis zur letzten Seite immer anständig und loyal, schützt Paige, gibt ihr wertvolle Ratschläge, rettet ihr Leben und liegt ihr ganz offensichtlich zu Füßen. Was tut Paige? Sie zickt Zweidrittel des Buches rum.

Mal ein Beispiel:

„Meine Wangen erwärmten sich unter den Blutergüssen. Auch wenn ich ihn nicht ausstehen konnte, hatte er anscheinend einige Stunden damit verbracht, mich wieder zusammenzuflicken.“ (…) „Du hast mich gerettet.“ Für eine Sekunde huschte sein Blick über mein Gesicht. „Ja.“

Dann eröffnet der Wächter Paige, dass beide nun aneinander gebunden sich, weil sie sich gegenseitig das Leben gerettet haben.

„Nein“, protestierte ich. „Das ist unmöglich.“ Ich wollte seine kostbaren Phiolen zertrümmern. Ihm ins Gesicht schlagen. Alles, nur nicht irgendeine Verbindung zu ihm haben. Wenn er mich im Äther aufspüren konnte, würde ich ihn niemals loswerden. Und ich hatte selbst Schuld. Es war allein meine Schuld. Weil ich ihn gerettet hatte.

Ein paar Zeiten später sagt der Wächter:

„Ich weiß nicht, welche Auswirkungen es sonst noch hat, eventuell wirst du in der Lage sein, Kraft aus mir zu ziehen. (…)

Paige:

„Ich will deine Kraft nicht….“ (…) „Das hast du mit Absicht gemacht.“

??? Waren wir nicht schon so weit, dass Paige geschnallt hat, dass sie selbst Schuld ist? Weil sie den Wächter den sie – wie sie gerne und oft betont – nicht ausstehen kann, ebenfalls ein ums andere Mal gerettet hat?

Der Leser ist nicht blöd. Man hat es doch beim ersten Mal verstanden: Er liebt sie, sie will es nicht wahrhaben. Shannon jedoch streut fleißig weiter pathetische Gefühlsausbrüche seitens Paige. Das ist mit der Zeit etwas lächerlich. Und langweilig. Zumal Ich-Erzählerin Paige jeglicher Humor und die Fähigkeit zur Selbstreflexion fehlt. Sie ist verbohrt. Und stur. Und hinsichtlich des Wächters eben auch extrem schwer von Begriff.

Fazit: Schön erdachte Elemente der Urban Fantasy mit statischem Erzählstil und auf dem Grundgerüst einer Klischee-Lovestory.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 18, 2014 8:42 PM MEST


Magoria: Das Haus der Schatten
Magoria: Das Haus der Schatten
von Charlotte Richter-Peill
  Broschiert
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tolle, neue Idee - überzeugend menschliche Charaktere, 14. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Magoria: Das Haus der Schatten (Broschiert)
Es beginnt alles etwas klischeehaft: Maja ist eine schüchterne, von Selbstzweifeln geplagte 17jährige, die sich bislang kaum aus ihrem Mauerblümchen-Dasein herausgewagt hat. Ihr Schwarm Simon beachtet sie nicht, die coolen Mädchen der Schule belächeln sie. Nur ihre Freundin Rhonda steht zu ihr. Ungefähr jedes zweite Mädchen-Fantasybuch beginnt auf diese Weise.

Doch „Magoria“ ist anders – die Geschichte entwickelt mit jeder Seite mehr Tiefe, legt immer mehr Facetten der Protagonisten frei und scheut sich nicht, auch die Helden der Geschichte schwach und gemein sein zu lassen. Soviel Realitätsgespür begegnet einem selten in diesem Genre. Dabei hat „Harry Potter“ es doch vorgemacht: Je näher sich die Charaktere an der Realität bewegen, je mehr Grautöne die Autoren zulassen, desto mehr kann der Leser mit ihnen „verschmelzen“.
Aber das ist wohl die Kunst dabei: Protagonisten mit echten Charaktereigenschaften auszustatten, ohne sie dabei klein und lächerlich wirken zu lassen.

Charlotte Richter-Peill jedenfalls ist es gelungen: Sie hat tolle, lebendige Charaktere erschaffen und nebenbei noch eine kluge Fantasygeschichte zustande gebracht – der anscheinend und erfreulicherweise eine Fortsetzung folgen wird.

Die Idee hat mir ausnehmend gut gefallen: Maja hat plötzlich die „zweifelhafte“ Gabe, Schatten zu sehen; gruselige, verzerrte Gestalten, die die Nähe der Menschen suchen, um ihre Kraft zu rauben. So erfährt Maja von „Magoria“, dem Sitz der Schattenjäger, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Welt von den Schatten zu befreien. Maja beschließt, die Ferien auf „Magoria“ zu verbringen. Damit beginnt für sie nicht nur eine Reise voller Gefahren und Geheimnisse. „Magoria“ wird für Maja zu einem Wendepunkt – in vielerlei Hinsicht.

Mehr sollte man auf keinen Fall verraten. Denn Charlotte Richter-Peill hat sich das Ganze so wunderbar ausgedacht, hat so viele kleine und große Wendungen eingebaut, falschen Fährten gelegt und alles so plausibel am Ende zusammengeführt, dass man nichts vorweg nehmen sollte.

Obgleich Majas Zweifel und Ängste einen Schwerpunkt bilden, ist der Fantasyteil wirklich spannend. Es gibt die eine oder andere Länge, aber darüber tröstet der gute Schreibstil der Autorin hinweg. "Magoria" erinnert ein bisschen an alte Gruselgeschichten, hat eine anheimelnde Internats- und Reiterhofatmosphäre und meistert auch den – üblichen – Lovestoryanteil, ohne in die gängigen Stereotype abzurutschen (auch wenn es bisweilen so scheint).

Fazit: Selten hat mich ein Buch so verschluckt wie „Magoria“. Tolle Idee, menschliche Helden. Ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung!


Frozen Time
Frozen Time
von Katrin Lankers
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

3.0 von 5 Sternen Einzelband, dem bisweilen die Tiefe fehlt, 14. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Frozen Time (Gebundene Ausgabe)
Es ist das Jahr 2100: Die 16jährige Tessa erwacht mit Amnesie auf der Intensivstation eines MediCenters – sie erinnert sich weder an ihren Namen noch an ihr bisheriges Leben. Von den Ärzten erfährt sie, dass sie sich mit einem mutierten Virus infiziert hat, der Teile ihres Gehirnes befallen hat. Gemeinsam mit dem jungen Arzt Milo versucht Tessa ihre Erinnerungen freizulegen. Doch schnell wird klar, dass die Ärzte etwas verheimlichen. Woher hat Tessa soviel medizinisches Fachwissen? Wer ist der Junge, von dem Tessa immer wieder träumt? Wohin ist Mitpatientin Rose von einem Tag auf den anderen verschwunden?
Und schließlich: Was hat es mit dem Projekt Frozen Time auf sich, über das Tessa mehr weiß, als ihr lieb ist?

Sofern zur Ausgangssituation. Mehr sollte an dieser Stelle nicht verraten werden, da das Buch auf ein „Überraschungsende“ aufbaut. Der Leser begleitet Tessa bei ihren Entdeckungen und Recherchen, um mit ihr gemeinsam im Finale das Rätsel um „Frozen Time“ zu lüften. Die meiste Zeit ist dies eine spannende und angenehme Begleitung: Tessa ist eine sympathische Protagonistin. Misstrauisch genug, um nicht naiv zu wirken und gleichzeitig glaubwürdig hilflos.

Die Ich-Perspektive erlaubt Autorin Katrin Lankers, die Leser an den Gedanken von Tessa teilhaben zu lassen, ihre Zweifel und Ängste mitzuerleben. Allerdings ist das Buch dadurch auch ziemlich gefühlslastig geraten. Tessa fehlen die Erinnerungen – also wird ihr Innenleben bestimmt durch Emotionen, Gedankenspiele und Träume. Und es dauert eine ganze Weile, bis sie die richtigen Schlüsse zieht und beginnt, selbst zu handeln.

Die Story ist spannend: Der Verlauf der Geschichte lässt immer wieder Spielraum für eigene Spekulationen, die in die eine oder andere Sackgasse führen. Der Schreibstil von Katrin Lankers ist einfach und lässt sich gut lesen. Die technischen und medizinischen Möglichkeiten sind – trotz einer guten Portion Fantasie – professionell recherchiert.

Womit wir bei den Schwachstellen wären: Das Buch ist größtenteils sehr einfühlsam geschrieben, immer wieder gibt es aber auch Szenen, die wenig überzeugen. Zwar sind die einzelnen Komponenten der Geschichte gut durchdacht und finden einigermaßen glaubwürdig zusammen, doch etwa ab der Hälfte handelt Lankers ihre Stationen zu schnell und grob ab. Wo sich Lankers zu Beginn noch angenehm viel Zeit gelassen hat, lässt sie ihre Helden nun scheinbar ausweglose Situationen in einer Rasanz meistern, die bei den Lesern ein großes Fragezeichen auf der Stirn aufblinken lassen. Das vorher so mühsam und liebevoll ausstaffierte, bis ins Kleinste durchorganisierte Überwachungsregime bekommt plötzlich Lücken und Schlupflöcher, die so groß sind wie Kontinente, um Tessa weiter durch die Geschichte treiben zu lassen.
Zwar erklärt Lankers jeden Schritt der Protagonisten, versucht technische Details nachvollziehbar zu machen, doch in der Gesamtheit ist alles zu einfach, zu glatt. Bisweilen wären mehr Ausführlichkeit und einige zusätzliche Reibungspunkte wünschenswert gewesen.

Es ist zwar toll, dass endlich mal ein Einzelband in diesem Genre auf den Markt kommt, aber ein paar zusätzliche Seiten hätten dem Buch generell gut getan. Auch im Hinblick auf die Liebesgeschichte, die sich viel zu modellhaft und selbstverständlich entwickelt; wie eine leidige Pflichaufgabe, die lieblos abgehandelt wird. Außerdem geht der Roman mit sämtlichen Nebenfiguren - einschließlich Herzbube Milo - etwas nachlässig um; bleiben Beschreibungen in den Anfängen stecken, wirken Charaktere konturlos und ungreifbar.

Fazit: Gut durchdacht, gut geschrieben. An manchen Stellen aber zu glatt und bündig, um durchgängig ein Gefühl von Glaubwürdigkeit und Spannung zu beschwören.


Plötzlich Fee - Sommernacht: Band 1 - Roman
Plötzlich Fee - Sommernacht: Band 1 - Roman
von Julie Kagawa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zuwenig Eigenes, zu blasse Charaktere, 30. Oktober 2013
„Plötzlich Fee“ ist - unterm Strich - ein nettes Märchen mit dicken Schwachpunkten.

Als da wären:
- eine hölzerne, viel zu naive weibliche Hauptfigur
- ein Übermass an langweiligen, vorhersehbaren Kampfszenen
- tolle Ideen – die leider größtenteils die Ideen anderer Autoren sind (ziemlich eindeutig gibt es hier Elemente aus der Unendlichen Geschichte, Dem Zauberer von Oz, Alice im Wunderland, König Kallewirsch, etc. etc. – Details über Details, die man schon mal irgendwann irgendwo gehört hat!)
- ein simpler, häufig aufzählender Schreibstil
- eine Klischee-Lovestory nach Maß

Zur Handlung: Kagawas Heldin – Meghan Chase - ist der totale Außenseiter. Sie hat nur einen Freund, besitzt lediglich ausgelabberte Hosen und T-Shirts und wird von ihrer Mutter vernachlässigt. Außerdem verdirbt sie es sich auf den ersten Seiten mit dem Footballstar der Schule und wird zum Mobbingopfer Nr. 1.
Teenie-Klischee-Elend hoch 3 also.
Doch dann wird Meghans Bruder Ethan von Elfen entführt und Meghan erfährt, dass sie in Wahrheit ein mächtige Feenprinzessin ist. Aus mit grauer Maus. Meghan macht sich todesmutig auf ins Feenland, um Ethan zu retten und wird bald nicht nur von dem rätselhaften Puck umschwärmt, sondern auch von Feenprinz Ash. Schließlich mutiert sie gar zur letzten Rettung des Feenreiches.

Die Geschichte ist allenfalls süß, dümpelt jedoch von der ersten bis zur letzten Seite im Mittelmaß dahin, weil sie zuviele Klischees bedient, weil Überraschungen, eigene Ideen und überzeugende Protagonisten fehlen. Kagawas Meghan plagen kaum einmal echte Zweifel, ohne Plan und Vorsicht stürzt sie sich ins Nimmernie, völlig selbstverständich wechselt sie von Durchschnittsteenie zur Feenprinzessin. Ohne Verstand himmelt sie den anfangs doch eher zwielichten Ash an; unbesonnen und arglos gerät sie eine gefährliche Situation nach der anderen, hat jedoch immer das Glück auf ihrer Seite. Und Meghan braucht viel Glück. Bis zum Finale beschwört Kagawa aberwitzig viele Gefahren herauf - böse Wichtel, böse Stiefmütter, böse Feen, böse Trolle, böse Maschinen, böse Köchinnen, böse Zombie-Menschen, böse schwarze Männer, natürlich auch böse Highschoolschönheiten und andere böse Mitschüler.

Das ist einfach zuviel des Guten bzw. des Schlechten. Und Meghans fast problemloser Durchmarsch zum Finale wirkt angesichts der ganzen Bedrohungen und Schwierigkeiten komplett unglaubwürdig.
Es hätte dem Buch gut getan, wenn Kagawa das Augenmerk auf einige wichtige Handlungsstränge gelegt hätte, statt sich in einem Wust unwichtiger Szenen und oberflächlich ausgestalteter Stationen zu verlieren.

Fazit: Unausgereift. Die Tiefe, das Besondere fehlt.


Angelfall: Roman (Heyne fliegt)
Angelfall: Roman (Heyne fliegt)
von Susan Ee
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ganz schön eklig. Aber unterhaltsam., 23. Oktober 2013
Ich überlege, welchen Oberbegriff ich für dieses Buch wählen würde.
Jugendfantasy?
Horror-Fantasy?
Jugend-Splatter-Dystopie-Fantasy-Lovestory? Sowas in der Art.

Im Grunde liest sich „Angefall“ wie eine typische Genrestory, die allerdings samt einer Sonderdosis Witz einmal durch den Fleischwolf gedreht wurde. Heraus kommt: viel Blut, jede Menge Einheitsbrei und etwas irgendwie Neues und erstaunlicherweise sogar Ansprechendes.

Es geht um Engel. Ziemlich menschliche Engel. Engel, die Machtspielchen treiben, Intrigen spinnen, grausam und skrupellos sind. Susan Ee hält den größtmöglichen Abstand zu einem verkitschten michelangelomäßigen Engelchen-Bild. Stattdessen knüpft sie an die alten Geschichten eines himmlischen Heeres an, in der es diverse Rangordnungen, Fraktionen und Bündnisse ebenso gibt wie gemeine Aufständler – gefallene Engel oder Dämonen.
Damit entfernt Ee sich im Grunde nicht allzu weit von der Bibel.
Sie geht jedoch einen Schritt weiter und verlagert die Kämpfe (eine Art Apokalypse) mitten auf die Erde.

Während die Engel wie ein Schwarm feindlicher Aliens über die Mensche herfallen, führt das Schicksal Engel Raffe und Menschenmädchen Penryn zusammen. Penryn möchte ihre von Engel entführte Schwester retten, Raffes Motive bleiben bis zum Ende weitestgehend im Verborgenen. Vordergründig möchte er seine Flügel wiederhaben, die ihm von einer Bande brutaler Schlägerengel angetrennt wurden. Was hier bedeutet: Er möchte sie sich von einem Engelchirurgen annähen lassen! Das Ganze ist mitunter recht skurril.

Dreiviertel des Buches sind ein einziger Roadtrip, in dem sich Penryn und Raffe auf den Weg zum Horst der Engel machen. Sie streifen durch Wälder, treffen auf Gegner, Rebellen und jede Menge ekliges Zeug. (ACHTUNG SPOILER: Wem sich bei abgenagten Leichen, ausgesaugten Gedärmen und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Kindern der Magen umdreht, sollten dieses Buch vielleicht eher nicht lesen.)

Die Mischung ist schon etwas gewöhnungsbedürftig. Während das Buch zunächst getragen wird von einem gewissen Witz bzw. dem Schlagabtausch zwischen Raffe und Penryn, die sich anfangs wenig sympathisch sind, bestimmen im Mittelteil zunehmend Grausamkeiten und Irrsinn die Handlung und nehmen bis zum Schluss stetig zu.
Es wird mit jeder Seite düsterer, unwirklicher.
Aber nicht unbedingt schlechter.
Die Autorin fängt diese Diskrepanz mit einem durchgehend unterhaltsamen, prägnanten Schreibstil (klare Sätze, kurze Absätze, am Ende jedes Kapitels ein kleiner Cliffhanger) und vor allem mit einem spannenden Finale auf.

Fazit: Neu. Nicht neu. Seltsam. Blutig. Witzig. Spannend.


Liebe Sophie!: Brief an meine Tochter
Liebe Sophie!: Brief an meine Tochter
von Henning Sußebach
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Buch für Eltern der Mittel- und Oberschicht, 17. Oktober 2013
Henning Sußebach, Redakteur der Zeitung „Die Zeit“ hat einen Brief an seine 12jährige Tochter geschrieben – herausgekommen ist dabei ein Plädoyer für die Kindheit - für mehr Freizeit und gegen die Vereinnahmung durch Bildungssystem und Eltern. Ein weises, kleines Buch – sympathisch, nachdenklich stimmend, ein bisschen gefühlsduselig, meistens gefühlvoll.

Er blickt zurück auf die eigene Kindheit und auf die seines Großvaters, beschreibt die Okkupierung des Alltags durch Eile und Effektivität als direkte Folge der Globalisierung. Er spricht viel von Zukunftsangst und dem Wunsch, unsere Kinder vor allem und jedem zu behüten, dabei aber gleichzeitig stark machen zu wollen für die große, weite Welt.

Gleichzeitig fragt der Autor zurecht, welche Hilfsmittel wir unseren Kinder eigentlich gegen Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit tatsächlich mitgeben. Eine 1 in Englisch? Oder in Latein? Volle Stundenpläne und Vereinsmitgliedschaften?
Oder ist das alles nur ein verzweifelter Sprung in ein Hamsterrad, das sich immer schneller bewegt und gleichzeitig nirgendwo ankommt?
Diese Frage stellt sich Sußebach auch selbst. Was angenehm ist, denn der erhobene Zeigefinger bleibt im Hintergrund.

Sußebachs Buch ist vielmehr ein Buch für Väter und Mütter, als ein persönlicher Brief an seine Tochter.
(Ja, das ist er auch. Es fällt ja ziemlich oft der Name Sophie. Aber würde er sich nur an seine Tochter wenden, hätte er den Text ja nicht veröffentlichen müssen.) Zum weitaus größeren Teil richtet er sich an die anonyme Leserschaft - die wohl hauptsächlich aus Müttern und Vätern der Mittel- und Oberschicht bestehen wird.

Denn dieses Buch bietet nur einen Ausschnitt, richtet den Blick auf einen bestimmten Teil der Gesellschaft.
Von Kindern, die nicht jeden Tag zur Schule kutschiert werden, stattdessen allein hin und zurück laufen und nachmittags wieder alleine fernsehschauen weil die Eltern arbeiten, ist hier nicht die Rede.
Stattdessen steuert der Text zielsicher Themen wie Burnout und Ritalingabe an und befasst sich mit entsprechenden Statistiken.

Wenngleich das natürlich richtig und gut ist und es ganz bestimmt diese Eltern gibt, die ihren Kids keine eigene Freizeit zugestehen und noch bis in die Abendstunden hinein deren Hausaufgaben überwachen, hat die Sache einen Haken: Diese Eltern werden dieses Buch nicht lesen.
Das tun wohl ausschließlich Eltern, die ohnehin versuchen, alles richtig zu machen und viel über das Thema Erziehung nachdenken. Die finden sich in den Gedanken des Autors wiederum wieder, sind aber vermutlich ebenso wie Sußebach zu dem Schluss gekommen, dass "Kind-sein-dürfen" wichtig ist, man sich aber auch nicht vollständig den äußeren Gegebenheiten entziehen kann.

Fazit: Ein Buch, bei dem man viel nicken und zustimmen kann, das angenehm (und ziemlich schnell) zu lesen ist, das aber wenig neue Erkenntnisse bietet und Kindsein ausschließlich aus der Perspektive gutsituierter Familien betrachtet.


Fürchte nicht das tiefe blaue Meer
Fürchte nicht das tiefe blaue Meer
von April Genevieve Tucholke
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der ganz normale Wahnsinn. Oder was?, 12. Oktober 2013
Wenn ich hier nur den Schreibstil bewerten sollte, würde ich eine 1+ mit Sternchen vergeben. Ebenso wie für die Wahl der Metaphern.
Aber das allein macht ein gutes Buch nicht aus.

In erster Linie geht es um glaubwürdige Charaktere - und es geht um eine Prämisse. Prämisse im Sinne einer Grundidee, eines Themas. Dabei ist nicht unbedingt der vordergründige Inhalt gemeint, sondern die Wahrheit hinter dem Thema. Die Aussage. Das große Ziel.
Das diesem Buch leider fehlt!

Dabei fängt die Geschichte eigentlich recht vielversprechend an. April Genevieve Tucholke führt auf den ersten Seiten eine kluge, nette Ich-Erzählerin names Violet ein. Dazu ein paar halb-sympatische, aber ganz interessante Charaktere namens Sunshine und Luke sowie einen geheimnisvollen Fremden namens River West.
Und dann?
Dann führt sie all diese Leute nach ein paar Seiten hinauf zu den Klippen des Wahnsinns und schubst sie hinunter.
Bildlich gesprochen.
Die Geschichte, die sich um die Protagonisten entspinnt, ist einfach nur skurril.

Zur Handlung: Die 17jährigen Zwillige Violet und Luke leben in dem kleinen Ort Echo alleine in einer altherrschaftlichen Villa. Ihre Eltern sind schon monatelang in Europa unterwegs und haben ihre schulpflichtigen Kinder alleine gelassen. Geld haben Violet und Luke auch keines mehr. Deshalb beschließt Violet das Gästehaus des Anwesens zu vermieten.
Ooookay... seltsame Eltern. Aber gut.
Violet und Luke haben Glück (oder nicht, wie man's nimmt) - ein gutaussehender Fremder taucht auf, etwa im Alter der Zwillinge und mietet das Gästehaus. Auftritt River West. Beginn einer ganzen Reihe merkwürdiger Ereignisse. Kinder verschwinden, der Teufel wird gesichtet, ein Mann bringt sich um. Das Böse geht um und offensichtlich hat River etwas damit zu tun.

Soweit so gut. Gleichzeitig versucht sich Tucholke an einer Liebesgeschichte zwischen River und Violet, der netten Ich-Erzählerin, die für mich persönlich einfach nicht funktioniert. Die Ereignisse, in die River (möglicherweise, teilweise oder eben ganz) verwickelt ist (ich verrate mal nicht zuviel) sind derart abstoßend, dass man als Leser keinerlei Sympathie für River hat. Und entsprechend auch nicht nachvollziehen kann, dass Violet diese haben könnte.
Aber selbst wenn man Violets Gefühle nachvollziehen könnte. Spätestens bei Violets Reaktionen auf die ganzen Gräuel, die sich vor ihrer Nasenspitze abspielen, hört jedes Verständnis auf.

ACHTUNG SPOILER.
Mal ein Beispiel. Ein Mann schlitzt sich vor aller Augen die Kehle auf. Am hellichten Tag. Ein paar Kinder sind auch dabei. Schöne Szene. Ziemlich blutig. Violet ist völlig aufgebracht, weil sie vermutet, dass River den Mann per Gedankenkontrolle dazu gebracht hat.
Was tut sie?
Zuerst läd sie den minderjährigen Sohn des toten Mannes ein, bei ihr zu wohnen. Stört weiter keinen. Jugendamt oder Polizei scheint es egal zu sein. Anschließend sagt sie River, wie mies sie seine Aktion fand. Dann geht sie mit ihm ins Bett und kuschelt.

Hallo? McFly?
Geht Clarice Starling etwa mit Hannibal Lector Golfspielen, nachdem dieser seine Opfer verspeist hat?

So geht das übrigens die ganze Zeit. Etwas Furchtbares geschieht. Die Charaktere aber beschnuppern das Aroma von Espresso, kochen Omelettes, malen Bilder, verkleiden sich, gehen ins Kino oder picknicken.
Alles übrigens tolle Einzelszenen.
Aber wo bitte ist die Prämisse?
Wo ist die Logik?

Fairerweise muss ich einräumen, dass die seltsamen Reaktionen der Figuren teilweise eben genau das sein sollen – seltsam. Weil die Personen manipuliert wurden, beeinflusst, gelenkt, wie auch immer.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich keine Heldin will, die kurz nach einem blutigen Selbstmord/Mord Kaffee-Aroma einatmet!
Schätze, hier ist die Autorin an ihrer eigenen Idee gescheitert. Sie wollte ein Buch schreiben, über die Macht der Gedankenkontrolle - und hat dabei übersehen, dass dies ihre Protagonisten schlichtweg zu durchgeknallten, formlosen Marionetten macht.

Die Liebesgeschichte mündet - abgesehen von Violets Realitätsverlust - außerdem in den üblichen Klischees. "Schiefes Lächeln", Panthergang, unerklärliche Anziehung auf beiden Seiten (obwohl keiner von beiden bisher Interesse am jeweils anderen Geschlecht hatte). Gähn!

Tja. In der Buchhandlung, in der ich dieses Buch gekauft habe, stand ein kleines Schild mit dem Vermerk: „So spannend, dass ich vergessen habe, aus der U-Bahn auszusteigen. Haltestelle verpasst!“
Meine Vermutung ist eher: eingeschlafen.

Und mein Fazit lautet: Wundervolle Schreibbegabung trifft auf nervige Charaktere – weil sie sich irgendwo in der Mitte treffen so pi mal Daumen 2,5 Punkte.


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