Profil für Stefan Hartmann > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Stefan Hartmann
Top-Rezensenten Rang: 3.372
Hilfreiche Bewertungen: 556

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Stefan Hartmann (Oberhaid)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11
pixel
Das Vaterunser: Mit Herz und Verstand beten
Das Vaterunser: Mit Herz und Verstand beten
von Klaus Berger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vaterunser als Exorzismus, 9. Oktober 2014
Das Vaterunser ist das bekannteste und von jung bis alt beliebteste Gebet des Christentums. Es geht auf Jesus selbst zurück, den seine Jünger nach der Beobachtung seines eigenen Betens nach einer für sie passenden Gebetsweise fragten. „Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht ….“ (Lk 11, 2). Und bei Matthäus steht das Vaterunser gegen die vielen Worte des „Geplapper“ und soll eigentlich nur in der verborgenen Kammer gebetet werden (Mt 6, 6-8). Vom Schweizer Einsiedler Bruder Klaus ist überliefert, dass er auf dem ganzen Fußweg von Einsiedeln bis Flüeli-Ranft ein einziges Vaterunser meditativ betete. Gewiss ist sein Text wichtiger als Glaubensbekenntnisse und selbst gedichtete noch so feierliche liturgische Formeln. Trotz aller heutigen Problematik der Vateranrede vermittelt es weiterhin Geborgenheit und Grundvertrauen. Immer noch können es viele, einschließlich Kindern und Jugendlichen, auswendig.

Auch bedeutende neutestamentliche Exegeten widmen sich der Vermittlung und verstehenden Verdeutlichung des berühmten Gebetstextes. Nach Joachim Jeremias („Abba“) und Eduard Lohse (Vater unser. Das Gebet der Christen, Darmstadt ²2010) legt nun der manchmal wegen ungerechter Kollegenschelte („Die Bibelfälscher“) umstrittene, aber aufgrund seines Textwissens und der mit seiner Frau Christiane Nord verfassten Übersetzungen fachlich anerkannte Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger (Jg. 1940) seine Interpretation vor. Die genannten biblischen Kontexte werden eher ignoriert um unter fast apokalyptischen Vorzeichen durch verschiedene Verfremdungseffekte (da fällt einem nur Bertolt Brecht ein) neue und radikale Verstehenswege zu öffnen. Berger beginnt mit der Frage „Wussten Sie, dass das Vaterunser ein exorzistisches Gebet ist?“ und offenbart damit seinen von der Schlussbitte geprägten Zugang zum Gebetstext.

Nach verschiedenen theologischen Modellen und Sinnorten, in denen das Vaterunser eine Rolle spielen kann, widmet er sich der Auslegung der einzelnen Bitten, die jeweils durch eigene Gebetstexte und persönliche Anmerkungen gespickt sind. Die Gottesanrede „Vater“ wird nicht patriarchalisch verstanden und mit einer göttlichen Mütterlichkeit verbunden, nur könne Gott nicht androgyn zugleich Vater und Mutter sein. Der lange fiktive Brief der Mutter des „verlorenen Sohnes“ aus dem lukanischen Gleichnis ist ergreifend formuliert. Die Verbindung zum mosaischen „Ich bin der ich bin da“-Gottesnamen wird leider nicht gezogen, auch das im Synagogengottesdienst damals verbreitete „Achtzehngebet“ findet keine Erwähnung. Lehrreich ist das zu „Heiligung des Namens“, zu „Kommen des Reiches“, das weitergeführt wird in eine in einigen lukanischen Handschriften angeblich eingeführte Bitte um das „Kommen des Heiligen Geistes“ (100), zum Geschehenlassen des Gotteswillens und der Brotbitte Gesagte. Letztere wird auch eucharistisch verstanden. Name, Reich und Wille nennt Berger erfindungsreich die „Töchter Gottes“. Zentral ist die Abhängigkeit der Gottesvergebung von der Schuldvergebung untereinander mit der Folge von „Abwehr und Vermeiden einer individualistischen Lösung im Hinblick auf die Frage von Schuld und Vergebung“ (139). Zwischen „Versuchen“ und „in der Versuchung führen“ wird der Unterschied erklärt, um dann zuletzt ganz konzentriert-exorzistisch mit „dem Bösen“ und nicht zuletzt dem „Teufel“ zu ringen. „Teuflisches ist immer auch mit Intelligenz ausgestattet. Daher disputiert Jesus 40 Tage lang mit dem Teufel über die Schrift- eine erste exegetische Fachdiskussion zwischen unversöhnbaren Gegnern“ (159). Dass diese Fixierung auf das Negative aber dem Gesamtsinn des Vaterunsers entspricht vermag nicht zu überzeugen, zumal Lukas ja das „libera nos a malo“ gar nicht kennt. Doch gewiss ist das Gebet „eine hervorragende Waffe gegen Angst und Unsicherheit“ (107).

Bergers ungewöhnliche Gedankengänge sind erwägenswert und vielleicht weiterführend in manchmal apokalyptisch anmutenden Zeiten. Ob wirklich so „exorzistisch“ ein Beten mit „Herz und Verstand“ geschieht, sei dahingestellt. Immerhin werden kritisch einige Herausforderungen des Buddhismus aufgegriffen. Erstaunt war der Rezensent, sich im Versuchungsabschnitt selber wiederzufinden (155). Zum Glück liegen viele Wüsten zurück und es haben sich Oasen gefunden (auch in Gestalt einer wunderbaren Tochter). Üppig gießt Klaus Berger über seine Leserschaft ein Füllhorn an Gelehrsamkeit aus mit Zitaten aus der rabbinischen, liturgischen und patrologischen Tradition. Manchmal irritiert der an Karl Barth gemahnende autoritäre Sprachduktus und ein allzu paränetisch-rechthaberischer Subjektivismus. Doch der Verfasser vieler exegetischer Grundlagenbücher und eines großen einbändigen Kommentars zum Neuen Testament kann mit seinem Vaterunser-Buch aufrütteln und ist wirklich ein „Schriftgelehrter“ im guten, nicht im antijesuanischen Sinn. Wer sich ruhiger und ausgewogener über das „Gebet der Christen“ informieren will, sei an das Buch Eduard Lohses verwiesen.
Stefan Hartmann, Oberhaid


Wer wird mich erlösen?: Gedanken zur Rechtfertigungslehre des Paulus
Wer wird mich erlösen?: Gedanken zur Rechtfertigungslehre des Paulus
Preis: EUR 2,99

5.0 von 5 Sternen geniale Interpretation, 19. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
in dieser Dichte wurde selten Paulus gedeutet, es fehlt leider das Christus-Phänomen. Die Gestalt der Offenbarung bleibt unbeachtet, die Gesetzes-Interpretation und Nietzsche-Bezüge sind um so faszinierender


"Humanistisches Appeasement"?: Hans Barions Kritik an der Staats- und Soziallehre des Zweiten Vatikanischen Konzils.
"Humanistisches Appeasement"?: Hans Barions Kritik an der Staats- und Soziallehre des Zweiten Vatikanischen Konzils.
von Wolfgang Spindler
  Broschiert
Preis: EUR 98,00

5.0 von 5 Sternen Konzilskritik eines nationalsozialistischen Kirchenrechtlers, 1. Februar 2014
Seit dem 22. Oktober 2012 reihen sich 50-jährige Jubiläen der Beratungen und Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) aneinander. Zur Einordnung und Beurteilung dieses kirchengeschichtlichen Ereignisses gehört auch die parallele Kritik, die von liturgisch-traditioneller, antimodernistischer und antiliberaler Seite geübt wurde und die in der durch Papst Benedikt XVI. 2009 von der Exkommunikation ihrer im Protest gegen Rom geweihten Bischöfe befreiten „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ ihre „Speerspitze“ hat. Eine theologisch fundierte Kritik hat das Konzil nicht erfahren müssen – es war ja gerade auch ein „Konzil der Theologen“ (Philips, Tromp, Bea, Congar, Ratzinger, Küng, Schillebeeckx, Rahner, de Lubac u.a.) – wohl aber heftige Hinterfragungen durch Philosophen (Amerio) und einen Alberigo-kritischen Historiker (de Mattei).

Einem sehr eigenwilligen Konzilskritiker widmet sich die am Trierer Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaften (Prof. W. Ockenfels) entstandene Dissertation des Dominikaners Wolfgang Spindler über den schillernden und vor allem wegen seiner Nazi-Nähe umstrittenen Kanonisten Hans Barion (1899-1973). Der gebürtige Düsseldorfer hatte Lehrstühle in Braunsberg, München und Bonn. Neben der generellen Skepsis kommt vor allem seine Kritik an der Staats- und Soziallehre des Konzils zu einer ausführlichen Behandlung. Barion war ein hochintelligenter Kirchenrechtler, der in einem Gutachten für das Reichskonkordat (1933) das politische Ziel festhält: „Gewinnung des katholischen Volkes für das Dritte Reich und für die nationalsozialistische Weltanschauung“. Nach dem Krieg freundet er sich mit dem als „Jurist des Führers“ bekannt gewordenen Intellektuellen Carl Schmitt an (dazu ausführlich Th. Marschler, Kirchenrecht im Bannkreis Carl Schmitts, Bonn 2004).

Diese Vorgeschichte ist nicht gerade eine Empfehlung, aber es lohnt nicht nur historisch, die konzilskritischen Gedanken Barions einmal aufzugreifen, aktuell auch im Blick auf die mit ihr weitgehend übereinstimmenden Positionen der von Marcel Lefebvre 1970 gegründeten Piusbruderschaft, um so in diese antimodernistische und reaktionäre Welt eines autoritären Katholizismus Einblick zu gewinnen. Spindler geht dem vorhandenen Textscopus minutiös nach - wen die Thematik interessiert, kommt auf seine Kosten. Die im Konzil nicht mehr deutlich genug gezogene Trennung von Kirche und Staat nennt Barion – so der Titel der Untersuchung – „humanistisches Appeasement“. Er lehnt jede Art des „politischen Katholizismus“ ab. Katholische Kirche ist eine Realität für sich - Barion bejaht anders als die Lefebvrianer das „subsistit“ - aber sie ist radikal von anderen kirchlichen Gemeinschaften getrennt. Ein antievangelischer Affekt, sogar gegenüber Konvertiten wie Heinrich Schlier und Erik Peterson, liegt vielen Wertungen zugrunde. Barion verwirft die Rede vom Bischofskollegium und spricht vom „konziliaren Utopia“. Undurchsichtig ist seine Position zur Konzilserklärung über die Religionsfreiheit.

Die Beurteilung seiner Kritik an der Mitbestimmungs- und Eigentumslehre der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, die er sogar unter Marxismusverdacht stellt, bedarf der Kompetenz eines Sozialwissenschaftlers und sei daher anderen Rezensenten empfohlen. Der systematische Theologe ist dankbar für geschichtliche Hintergründe der antimodernistischen Konzilskritik, die in dieser Genauigkeit noch nicht präsentiert wurden. Vermisst wird ein etwas gründlicherer Vergleich mit den Thesen von Erik Peterson oder dem Schmitt-Korrespondenten Jacob Taubes zur „politischen Theologie“. Spindlers vorzügliche Studie ist allen an der Thematik der unterschiedlichen Geistesströmungen des Konzils und ihrer Aufarbeitung Interessierten uneingeschränkt zu empfehlen. Man kann nur hoffen, dass mit der Wahl von Papst Franziskus, den ein Barion völlig verworfen hätte, diese Art eines fast „faschistoiden“ Katholizismus endgültig der Vergangenheit angehört – auch wenn er sektenhaft weiterexistieren wird.


Es geht um die Liebe: Aus dem Leben eines zölibatären Paares - In Zusammenarbeit mit Christa Spannbauer
Es geht um die Liebe: Aus dem Leben eines zölibatären Paares - In Zusammenarbeit mit Christa Spannbauer
von Niklaus Brantschen SJ
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein mutiges und innovatives Bekenntnis, 30. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein Buch über die Liebe, zweifellos. Eine besondere Liebe, eine zölibatäre: die des Walliser Jesuiten Niklaus Brantschen zur Schaffhausener Ordensfrau Pia Gyger aus dem Basler Säkularinstitut „Katharina-Werk“. Beide sind seit über vierzig Jahren in Liebe liiert, ohne ihre Ordensgelübde zu brechen oder ihre Sexualität genital auszuleben. Beide sind Zen-Meister und als solche inzwischen weit über die Schweiz hinaus bekannt, nun auch als dieses eigenartige Paar. Geht das?
Zugegeben sei, dass ich dieses Buch zuerst mit großer Skepsis anlas. Vorgeprägt hatte diese Reserven die Kenntnis der von Hans Urs von Balthasar kurz vor seinem Tode 1988 edierten Berichte einer Frau „Erika“ (Holzach) über ihre Konflikte im Katharina-Werk mit der damaligen Leiterin Pia Gyger (bei denen es aber nicht um deren Beziehung, sondern um die spirituelle Ausrichtung ging). Auch schien mir eine wirklich sexuell enthaltsame Liebespartnerschaft zwischen Mann und Frau als utopisch, weltfremd und wenig wünschenswert. Hat nicht die temperamentvolle Teresa von Avila gesagt: „Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn“?

Die Lektüre des Bekenntnis-Buches „Es geht um die Liebe“ hat mir dann eine ganz andere Sicht vermittelt. Sicher sind manche der dortigen Worte über Liebe und Beziehungen allzu gängig gewordene Floskeln, manchmal seicht und etwas kitschig, leicht parodierbar. Aber wem würde ein satirischer Spott nutzen in einer Welt- und Menschenzeit, in der es Welt und Menschen, vielleicht auch Gott, so sehr an Liebe mangelt? Die beiden Protagonisten schreiben abwechselnd über die Wurzeln und das Wachsen ihrer Liebe in persönlichen und überzeugenden Texten, die aus Interviews mit der Autorin, Journalistin und Filmemacherin Christa Spannbauer (Berlin) hervorgingen. Wenige Zitate werden eingestreut, wegleitend war ein Wort Viktor Frankls: „Es kommt weniger darauf an, was wir von Leben wollen, sondern darauf, was das Leben von uns will“ (48). Spirituell bricht immer wieder die kosmische Sicht Teilhard de Chardins, der zu Liebe und Erotik verschiedene Texte verfasste, durch. So soll es in seinem offenen Geist in einer Art Evolution zu einer „Transformation der Sexualität“ (66) kommen. Gyger legt wert auf das „Erwachen des Herzens“ im Zusammenwirken mit der sexuellen Energie. So formuliert sie ein Morgengebet: „Ich grüße dich, Sexualität, schöpferische Kraft, Feuer der Hingabe, Kraft der Vereinigung. In dir brennt die Liebe des dreifaltigen Gottes, die Liebe, die vereint und zum Eigenen befreit. Ich freue mich an dir! Entfalte deine Kraft zum Segen für mich und die gesamte Menschheit“ (72).

Realistisch wird die Rolle von „Kernverletzungen“ aus der Kindheit gesehen, die eine Partnerschaft belasten können und zu immer neuen Verletzungen führen, aus Opfern Täter machen. Dieser Kernschatten lässt sich „transformieren“ durch erfahrene Liebe und Versöhnung. Die nun befreite und sich in der Paarbeziehung mystisch vertiefende Liebe lebt vor allem den Alltag mit annehmender Herzlichkeit und ansteckender Bejahung: “So entsteht Austausch und Kommunikation, ein vibrierendes Kraftfeld der Verbundenheit. Das ist Liebe, die wir meinen“ (82).

Als Früchte („Kinder“) der Liebespartnerschaft von Pia Gyger und Niklaus Brantschen entstehen dann Dienste für die Welt. Der Kontakt zum Zen-Meister Hugo Enomiya-Lassalle in Japan führt beide auf einen Zen-Weg und in die Nähe buddhistischer Spiritualität. Brantschen wird Leiter des bei Zug gelegenen Jesuiten-Bildungshauses Bad Schönbrunn, das bald nach Pater Lassalle benannt wird. Sie gründen die Kontemplationsschule „Via Integralis“, die östlich-buddhistische und westlich-christliche Traditionen verbindet. Dabei ist durchaus klar, dass die christliche Mystik, wie sie etwa von Teresa von Avila, Katharina von Siena, Johannes vom Kreuz oder Ignatius von Loyola vertreten wird, die personale Liebe mehr als das Zen in ihrem Zentrum hat. 1995 wurde dazu auch das Lassalle-Institut gegründet. Seit 2003 sind beide für ein „Jerusalem-Projekt“ unterwegs und bemühen sich im Sinne von Hans Küngs Weltethos um Versöhnung unter den Religionen und zwischen Israelis und Palästinensern. Schließlich ist auch eine gleichberechtigte Partnerschaft von Mann und Frau ihr wiederkehrendes Thema. Dazu braucht es Visionen, die „aus der Enge des dualistischen und hierarchischen Bewusstseins befreien und die Vielfalt feiern“ (110). Männer und Frauen sind zur gegenseitigen Inspiration berufen. Beide Geschlechter brauchen der Welt gegenüber sowohl eine empfangende, als auch eine gebend-aktive Haltung.

Das Buch wird beschlossen mit einigen persönlichen Gedanken über „Liebe im Alter“ und einem „Gespräch über Leben und Tod“. Beigegeben sind fünf kurze Echos von Bekannten (darunter Anselm Grün) auf die außergewöhnliche zölibatäre Partnerschaft. Mag sein, dass die beiden Ordensleute die christliche Sicht von Leid und Schmerz, von Kreuz und Auferstehung Jesu, etwas zu wenig einbringen. Manches wirkt schweizerisch-behäbig. Sicher passt dieses Modell nicht in die traditionelle Sicht der evangelischen Räte von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Aber wahrscheinlich ist ja da auch einmal eine „Transformation“ zu deutlicherer Liebe angesagt. Pia Gyger und Niklaus Brantschen bieten mit ihrem mutigen und offenen zueinander-Stehen dazu sympathische und bedenkenswerte Anstöße.

Stefan Hartmann, Oberhaid


Europa, Menschenrechte und Islam - ein Kulturkampf?
Europa, Menschenrechte und Islam - ein Kulturkampf?
von Heiko Heinisch
  Broschiert
Preis: EUR 24,90

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Illusionslose Aufklärung einer Problematik, 20. Dezember 2013
Schon vor dem 11. September 2011 und dem sich anschließenden Irak-Krieg war von einem Zusammenprall der Kulturen („clash of civilization“) die Rede, wobei Samuel Huntington mit diesem Schlagwort mehr als nur den islamisch-westlichen Gegensatz meinte. Aufgewühlt von historischen Ereignissen und im Bann aktueller Terroranschläge lässt sich kaum besonnen und vertiefend weiterdenken. Inzwischen geht es nicht nur um Weltpolitik. Die Konfrontation der westlichen, auf individuellen Rechten und Lebensentwürfen basierenden Gesellschaft mit Zuwanderung aus traditionell-kollektivistisch geprägten Kulturen des Islam verläuft nicht spannungsfrei und stellt besonders die europäischen demokratischen Länder vor neue Herausforderungen. Die Wiener Autoren Nina Scholz (Politikwissenschaftlerin) und Heiko Heinisch (Historiker) sind dieser neuen Lage kritisch und historisch fundiert nachgegangen in ihrem Werk „Europa, Menschenrechte uns Islam – ein Kulturkampf?“. Dabei fühlen sie sich ideengeschichtlich konsequent den Werten der Aufklärung und den universalen Menschenrechten verpflichtet. So bieten sie eine nüchterne Bestandaufnahme und eine unideologische Islamkritik, die sich von allen verschwörungstheoretischen Konstruktionen (so etwa die Tendenz bei Hans-Peter Raddatz oder Udo Ulfkotte) fern hält, aber sich auch nicht scheut, immer wieder entschieden kritische Stimmen vor allem von Frauen aufzugreifen (wie Necla Kalek und Seyran Ateş).

In unabhängig voneinander lesbaren Themenabschnitten wird die Problematik eines möglichen und bereits vielerorts existierenden „Kulturkampfes“ von den Autoren angegangen. Als erstes Stichwort wird der Begriff „Islamophobie“ analysiert und wegen seiner Pauschalität nicht nur wissenschaftlich als ungeeignet zurückgewiesen. Zwischen Islamkritik und rechtspopulistischer Muslimfeindschaft sollte klar unterschieden werden. Die ideologische Repristination eines „christlichen Abendlandes“, wie sie etwa auch der Utöya-Massenmörder Breivik betreiben wollte, ist etwas anderes als die Sorge liberaler und säkularer Kräfte vor menschrechtswidrigen Auswirkungen islamischer Migranten in Europa. „Multikulturalismus“ wird sodann als naiver Kulturrelativismus geschildert, der allen Kulturen mehr Daseinsberechtigung zuspricht als der eigenen. Dem wird eine positiv verstandene pluralistische multikulturelle Gesellschaft gegenübergestellt.

Im Abschnitt „Toleranz“ wird im Rückgriff auf eine historische Analyse deren völliges Fehlen festgestellt, ganz krass beim islamischen Verbot des Religionswechsels und bei der intoleranten Haltung gegenüber Homosexuellen. „Der Geschichtsmythos vom toleranten Islam hilft niemandem weiter und steht einer kritischen Aufarbeitung der islamischen Geschichte im Weg“ (71). Eingeschränkt ist ferner das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Es darf keine Religion „diffamiert“ werden und in der ominösen „Kairoer Deklaration der Menschenrechte“ von 1990 heißt es fast zynisch: „Alle haben das Recht, ihre Meinung frei auf eine Weise auszudrücken, die der Scharia nicht zuwiderläuft“ (80). In diesen Themenbereich gehört auch der bekannte, von Dänemark ausgehende „Karikaturenstreit“ um Karikaturen des Propheten Mohammed, der zu einer „Diktatur der Beleidigten“ führte. Viele ähnliche Beispiele werden aufgezeigt (am bekanntesten ist der skandalöse Umgang mit Salman Rushdie). In diesen Zusammenhang gehört noch die ganze Debatte um Blasphemie, die auch im Christentum periodisch geführt wird (vgl. Thomas Laubach, Hg., Kann man Gott beleidigen?, Herder 2013). Radikal abgelehnt werden in kollektivistischen Milieus alle Arten von „Dissidenten“. Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) entzog so jüngst dem vom Bundespräsidenten besuchten Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide das Vertrauen. Individuelle Meinung, auch wissenschaftlich begründet, wird als mit dem Kollektiv unverträglich bezeichnet. Besonders empfindlich und mit Rufmord verbunden wird auf sich emanzipierende Frauen reagiert.

So schlimm und verheerend der christliche Antisemitismus in Europa wütete, so kann das Christentum doch nicht umhin, Israel als seine Wurzel und als „Gottes erste Liebe“ (Friedrich Heer) anzuerkennen. Für den Islam waren Juden von Anfang an Bürger zweiter Klasse, gab es eine mit der Gründung des Staates Israel steigende „Judenfeindschaft“, mit der sich ein eigener Abschnitt befasst. Stereotypen des rassistischen und nationalsozialistischen Antisemitismus wurden von der sich besonders seit 1979 zunehmend ausbreitenden Bewegung des Islamismus aufgegriffen. Die Autoren kommen auch mit Blick auf Migrantenmilieus zum Ergebnis: „Judenfeindschaft gehört in der islamischen Welt zum gesellschaftlichen Konsens und ist über alle sonstigen Differenzen hinweg das einigende Band zwischen den verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Strömungen“ (142). Weiter ausführlich und deskriptiv wird eingegangen auf die Fragen von Integration und Assimilation, von Ghettobildung und die vom Islam als „Religionsschutz“ umgedeutete Religionsfreiheit.

Konsequent an den Menschenrechten orientiert sind die den Geschlechterthemen gewidmeten Abschnitte „Kopftuch“ und „Ehre und Gewalt“, in denen es um den Schutz vor allem der weiblichen Individualität vor kollektiven Repressionen geht. Während das Tragen eines Kopftuches durch die Religionsfreiheit gedeckt ist, „erscheint es durchaus sinnvoll, Burka und Gesichtsschleier zu verbieten, bevor sie durch zu häufiges Auftreten zu einem Problem werden“ (197). Die Verknüpfung von Ehre und Sexualität in islamischen Kulturen ist extrem patriarchalisch und vormodern, Ehrenmorde, Genitalverstümmelung und Zwangsverheiratung kann kein demokratischer Rechtstaat dulden. Unbedingt bedarf der Islam daher einer „sexuellen Revolution“ (Seyran Ateş).

Die historischen Kapitel über „Dschihad“ und „Kreuzzüge“ weisen (auch gegen Bassam Tibi) nach, dass kriegerische Eroberung von Anfang an zum Wesen des sich missionarisch ausbreitenden Islam gehörte. Diese Gewaltgeschichte wird meist geleugnet oder relativiert und es werden ihr fälschlich die Kreuzzüge gegenübergestellt. Feindliche Auseinandersetzungen begannen lange vor dem 1. Kreuzzug und gingen vom Islam aus. Kreuzzüge waren keine antiislamische „Aktion“, sondern eine Re-Aktion auf islamische gewaltsame Eroberungen. An Gräueltaten haben sich beide Seiten nichts geschenkt. Dass die Kreuzzüge als moralische Katastrophe des Abendlandes hingestellt wurden verdanke sich einer „Konstruktion des 19.Jahrhunderts“ (252).

Die Schlussabschnitte über „Scharia“ und „Menschenrechte“ weisen instruktiv und illusionslos die absolute Unvereinbarkeit der beiden Rechtsysteme auf. Die bereits erwähnte „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ von 1990 ist eine eindeutig propagandistische Verfälschung und wurde von der säkularen Türkei damals nicht unterzeichnet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das vorliegende reader-ähnliche Sachbuch des Wiener Autorenpaares eine Lücke füllt und zu einer emotionslosen Sicht der ganzen Problematik beiträgt. Es wäre interessant, nun an modernen islamwissenschaftlichen Fakultäten zu erforschen, wie sich eine Dekonstruktion und Säkularisierung des sehr oft aggressiven, totalitären und menschenrechtswidrigen Islam konkret durchführen lässt. Die gelungene Integration vieler muslimischer Menschen, besonders aus der Türkei, zeigt, dass es dazu durchaus Wege geben kann.

© Stefan Hartmann, Oberhaid bei Bamberg


Gabe und Gestalt: Theologische Phänomenologie bei Hans Urs von Balthasar
Gabe und Gestalt: Theologische Phänomenologie bei Hans Urs von Balthasar
von Ilkamarina Kuhr
  Broschiert
Preis: EUR 39,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Studie über die Offenbarungstheologie Hans Urs von Balthasars, 28. Oktober 2013
Das theologische Werk Hans Urs von Balthasars (1905-1988) entzieht sich einer bloßen akademischen Analyse oder auch eines reinen „Verstehens“. Es will wahrgenommen, erschaut und mitvollzogen werden. Balthasar goutierte nicht, nur als „Theologe“ angesehen zu werden, sondern betonte (wie 1975 in einem Gespräch mit Michael Albus) immer wieder, zunächst vor allem musikalisch interessiert gewesen und „von Haus aus Germanist“ zu sein. Diese Wahrnehmung, in der schon der ästhetische Grundansatz mit ausgesprochen ist, bedarf fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod einer Hilfestellung, die vor allem Fehlurteile einer angeblichen Neuzeit- und Moderne-Feindlichkeit Balthasars korrigieren helfen. Nach der evangelischen Theologin Esther-Maria Wedler („Splendor caritatis. Ein ökumenisches Gespräch mit Hans Urs von Balthasar zur Theologie in der Moderne“, Würzburg 2009) versucht dies nun auch die anzuzeigende ausgezeichnete Münsteraner Dissertation der katholischen Theologin (und Mitarbeiterin im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz) Ilkamarina Kuhr unter dem treffenden Titel „Gabe und Gestalt. Theologische Phänomenologie bei Hans Urs von Balthasar“.

Mit dem Band „Schau der Gestalt“ beginnt Balthasar in den 1960er Jahren sein Hauptwerk, die mehrbändige theologische Ästhetik „Herrlichkeit“, die sich dann in einer „Theodramatik“ und einer „Theologik“ zu einer Trilogie fortsetzt. Balthasar übernimmt Goethes Gestaltbegriff als hermeneutische Grundkategorie, um in ihm die christliche Offenbarung „aufleuchten“ zu lassen. Kuhr nennt dieses Herangehen an das Ding-an-sich „theologische Phänomenologie“ und umkreist in einem ersten Teil ihrer Arbeit „Landschaften des Denkens bei Johann Wolfgang von Goethe“ wie sein „Epirrhema“-Gedicht über das „offenbare Geheimnis“, die Kritik von Kants transzendentalem Selbstbewusstsein, die Deutung des „Rose und Kreuz“-Symbols und seinen Ausruf bei der Betrachtung von Schillers Schädel, seinen Sinn für Humanität und den an der Natur geschulten Gestaltbegriff. Dabei kommt auch schon eine Ontologie der Gabe zur Sprache: „Goethes Phänomenologie inspiriert Balthasar […] nicht nur in seinem theologischen, sondern vorausgehend bereits in seinem philosophischen Denken. Im Raum der anhebenden Neuzeit sucht sie einen Ausweg aus der Befangenheit des Erkennens in den von ihm selbst ins Spiel gebrachten Bedingungen, um zu den Dingen an sich zurück zu kehren. Sie erinnert an die Grundpolarität zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Welt und Bewusstsein, die jedes menschliche Erkennen durchzieht. Damit erhellt sie den Gabecharakter der Wirklichkeit, aus der sich erst das Selbstsein des Menschen, die Begegnung zwischen Ich und Du und eine ganze Welt ergeben“ (16f).

Nach dem ausführlichen und lehrreichen Gang durch Gang durch Goethes Denklandschaften, einschließlich einer „Zwischenreflexion“ auf sein Leben als Dichter (67f), schildert Kuhr die explizite und oft auch kritische Goethe-Rezeption Balthasars in seinem Frühwerk „Apokalypse der deutschen Seele“ (Neuauflage 1998) und im dritten „Herrlichkeit“-Band „Im Raum der Metaphysik“. Fragen der Ontologie, die auf die „Theologik“ und die noch unveröffentlichten Arbeiten „Sein als Werden“ und „Geeinte Zwienatur“ Bezug nehmen, wollen die „analogia entis“ (Erich Przywara) zu einer „analogia caritatis“ erweitern und werden unter dem Titel „Sein als offenbare Gabe“ behandelt. Dabei hatte Kuhr auch Einsicht in den Briefwechsel Balthasars mit dem ihm sehr verbundenen Regensburger Gabe-Philosophen Ferdinand Ulrich, der den „heillosen Dualismus zwischen Philosophie und Theologie glücklicher als vielleicht bisher überwindet“ (so Balthasar in der Ankündigung eines von ihm verlegten Ulrich-Buches).

Kernkapitel des Buches ist der werkanalytische Abschnitt „Offenbarung als gegebene und wahrgenommene Gestalt“. Unter „subjektive Evidenz“ wird nach Bedenken des Erbes der Aufklärung und mit der wichtigen Arbeit „Offenbarung“ von Peter Eicher als kritischem Leitfaden ein Vergleich Balthasars mit den Erfahrungstheologien bei Rudolf Bultmann und Karl Rahner vorgenommen, aber auch ein Blick auf die Balthasar prägende ignatianische Spiritualität geworfen („Gott in allen Dingen“). Die „objektive Evidenz“ wird dann in der in der Armut und „Gestaltlosigkeit“ des Kreuzes verborgen und „sub contrario“ (Martin Luther) aufscheinenden „Fülle der Herrlichkeit“ gesehen, in der sich das konkrete Christusereignis universalisiert und trinitarisch öffnet. Das Ostergeschehen wird dabei bewusst ausgeblendet, weil in den Bereich der subjektiven Glaubens-, nicht der objektiven Gestalt-Evidenz gehörend. Auch hier wird in einer „Zwischenreflexion“ von Kuhr Balthasars enge Verbindung der Motive „Gestalt“ und „Gabe“ erwähnt und die Verwandtschaft seines Denkens zu Philosophieformen der Gegenwart festgestellt. Dies wird dann konkret aufgezeigt im Zusatzkapitel „Postmoderne Reprise“ über die „Phänomenologie der durchkreuzten und selbstverständlichen Gebung“ (317) des Franzosen Jean-Luc Marion, der Balthasar persönlich kannte. Sein Hauptwerk „Étant donné“ (1997) über die Selbstgebung der Phänomene zählt der Soziologe Hans Joas zu den „großen kreativen Leistungen unserer Zeit auf dem Gebiet der Phänomenologie“ (318). Marions Thesen verbindet Kuhr mit Balthasars Offenbarungssicht, zeigt aber auch die Grenzen seiner eher anti-metaphysischen „postmodernen“ Denkform auf: „Wo Marion […] eine letzte Getrenntheit und Andersheit zwischen Gott und Welt beschreibt, versteht Balthasar die Seinsmitteilung als kenotischen Akt, der dem höchsten Akt der göttlichen Liebe, Gottes Selbstmitteilung in Jesus Christus, notwendig voraus geht“ (339).

Die mit dem Gesamtwerk Goethes, Balthasars und Marions bestens vertraute Verfasserin hat in ihrer Konzentration auf die systematischen Leitmotive Gestalt und Gabe einen sehr hilfreichen Beitrag zur künftigen Balthasar-Rezeption vorgelegt, der sich nicht in Spitzfindigkeiten ergeht. Vor allem mit dem Werk des großen Schweizers bisher weniger vertrauten Interessierten ermöglicht er eine Erstbegegnung mit seinen zentralen Anliegen und eine Einführung in seine gegenüber dem deutschen Idealismus kritischen Denkweise. Da trifft er sich mit der Religionsphilosophie so unterschiedlicher neuzeitlicher Autoren wie Johann Georg Hamann, Sören Kierkegaard, Franz Rosenzweig oder Romano Guardini. Es wird von Ilkamarina Kuhr überzeugend und keineswegs unkritisch nachgewiesen, dass die theologische Phänomenologie Hans Urs von Balthasars auf Augenhöhe mit einem maßgeblichen Dichter der Neuzeit und einem aktuellen Philosophen der Postmoderne steht.


Im Angesicht der Anderen. Gespräche zwischen christlicher Theologie und jüdischem Denken
Im Angesicht der Anderen. Gespräche zwischen christlicher Theologie und jüdischem Denken
von Florian Bruckmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 99,00

5.0 von 5 Sternen Christliche Theologie und jüdisches Denken, 24. Oktober 2013
Florian Bruckmann, René Dausner (Hg.), Im Angesicht der Anderen. Gespräche zwischen christlicher Theologie und jüdischem Denken. Festschrift für Josef Wohlmuth zum 75. Geburtstag, Paderborn 2013, 875 Seiten, ISBN 978-3-506-77662-4

Der 1938 in Laibstadt/Bayern geborene Josef Wohlmuth ist eher einer der stillen katholi-schen Theologen, kann aber nun zu seinem 75. Geburtstag eine voluminöse Festschrift als Frucht seines nachhaltigen Wirkens in Empfang nehmen: „Im Angesicht des Anderen“ nennt sich der von Florian Bruckmann und René Dausner herausgegebene Sammelband hochkarä-tiger Beiträge zum Gespräch zwischen christlicher Theologie und jüdischem Denken, das dem Jubilar ein besonderes Anliegen war. Nicht die Reformation im 16. Jahrhundert oder das Ost-West-Schisma sind der eigentliche Riss im Gottesvolk, sondern – wie immer wieder Karl Barth und jüngst der Judaist Daniel Boyarin („ Border Lines“, deutsch: Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums, Berlin/Dortmund 2009) dargelegt haben – die in den ersten Jahrhunderten vollzogene Spaltung von Judentum und Christentum.

Kaum ein anderer deutschsprachiger Theologe widmete sich in den verschiedensten Tätig-keitsfeldern dem jüdisch-christlichen Gespräch so sehr wie Josef Wohlmuth. Nach Studien zur Konzilshermeneutik (sein Doktorvater war Joseph Ratzinger) galt sein wissenschaftliches Interesse der theologischen Ästhetik und dem Dialog mit meist jüdischen Denkern wie Franz Rosenzweig, Walter Benjamin, Jean-Luc Marion, Jacques Derrida und insbesondere Emma-nuel Levinas. Aus diesem Gespräch und der Anknüpfung an Karl Rahner entwickelte er eine bisher viel zu wenig beachtete Eschatologie aus katholischer Perspektive unter dem Titel „Mysterium der Verwandlung“ (Paderborn 2005). Wohlmuth war zuletzt Dogmatiker in Bonn und Studiendekan bei der Dormitio Abtei in Jerusalem, außerdem langjähriger Leiter des Cusanuswerkes, bekam den Ehrendoktor der Universität Bamberg (2009) und ist Mitglied im Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Die Großzahl der insgesamt 41 Beiträge seien (ohne Wertung) hervorgehoben, um das Ge-wicht der Festschrift spürbar zu machen. Im Sinne des Rosenzweig-Wortes „Name ist nicht Schall und Rauch, sondern Wort und Feuer“ eröffnet Elazar Benyoëtz (Jerusalem) den Band aphoristisch mit stammelnden Sätzen, Anreden und Worten „Schrift für Schrift, Zug um Zug“. Bernhard Casper (Freiburg), der andere bedeutende katholische Dialogpartner jüdischer Denker, referiert über die Genese des levinasschen Denkens im abrahamitischen „Hier bin ich“ (Gen 22, 11) aus seinen Aufzeichnungen in einem deutschen Kriegsgefangenenlager und schildert seine frühe Heideggerkritik. Daniel Krochmalnik (Heidelberg) schließt sich hier mit seinem Aufsatz „Beten hinter Stacheldraht“ an und berichtet über Levinas „spirituelle“ Ge-fangenschaftserlebnisse. Dem Thema Judenmission, zu dem Wohlmuth 2010 einen großen Aufsatzband mit herausgab, widmet sich sein Bonner Kollege Wilhelm Breuning mit einem klaren „Nein“. Sehr scharfsinnig und kritisch stellt Heinz-Günther Schöttler (Regensburg) die Wahrheitsfrage im christlich-jüdischen Dialog im Anschluss an Röm 11,25-27 (Verhär-tung und Ganzrettung), weist jede Art von Überheblichkeit und falscher Angst zurück und plädiert aufgrund der Unergründlichkeit der Wege Gottes mit den Menschen für eine „Ende theologischer Spekulation“. Der Wahrheit des jüdischen Glaubens ist auch im Christentum „Raum“ zu geben. Dies wird von Johannes B. Uphus (Stadt Blankenberg) konkretisiert mit der Frage „Leben im Bund oder: Wie kann das Christentum messianischer werden?“.

Es folgen mehrere Aufsätze zu biblischen Grundlagen des jüdisch-christlichen Dialoges und zur Frage „Gott und Zeit“ mit trinitarischen Reflexionen (Michael Schulz, Bonn; René Daus-ner, Eichstätt) und tiefschürfenden Auseinandersetzungen mit Giorgio Agambens postmo-derner Pauluslektüre (Erwin Dirscherl, Regensburg; Jörg Seip, Bonn). Mehr am christlichen Abendmahls- und Eucharistieverständnis orientiert befassen sich u.a. Georg Essen (Bochum) mit der Eucharistie als „Erinnerung und Gabe“ und Jürgen Werbick (Münster) mit der fälli-gen Überwindung alter Opfervorstellungen. Alex Stock (Köln) fragt: „Ist der Canon Romanus noch zu retten?“. Eine mit farbigen Kunstbildern versehene religionspädagogisch-ästhetische Unterrichtsreihe zur Eucharistie präsentiert Werner Trutwin (Bonn).

In einem weiteren Abschnitt des Bandes geht es unter dem Titel „Jesus der Christus“ um das zentrale kontroverstheologische Thema zwischen Juden und Christen. Herausgeber Florian Bruckmann (Eichstätt) bedenkt in seinem Aufsatz die „Menschlichkeit Jesu als Erkenntnis-grund seiner Göttlichkeit“ und schließt sich mit phänomenologischen Erweiterungen der Chalkedon-Rezeption Rahners und Wohlmuths an. Walter Homulka (Berlin), der Leiter des Potsdamer Abraham-Geiger-Instituts, bietet unter dem Titel „Der Jesus Joseph Ratzingers: ein Andachtsbild“ bei allem Respekt vor der Person den meines Erachtens wohl profundesten Kommentar zu den Jesus-Büchern Papst Benedikts XVI., die mit Ausnahme Jacob Neusners ohne nennenswertes jüdisches Echo blieben. Er hält ihm vor, zu wenig auf weitere jüdische Entwürfe zur Leben-Jesu-Forschung eingegangen zu sein und zu sehr dem kirchlichen An-dachtsbild des auferstandenen Christus Glanz verleihen zu wollen. So wäre die Berücksichti-gung von Leo Baecks Paulus-Kritik und Hermann Cohens Kritik an der Personifikation eines Mythos hilfreich gewesen für eine weniger platonische Sichtweise. Dass Jesus auch für Jo-seph Ratzinger den jüdischen Gottglauben universalisiert, wird laut Homulka vom Judentum durchaus anerkannt. Deshalb seien gerade mit dem Blick auf den „Juden Jesus“ der histo-risch-kritischen Vernunft mehr Rechte zugestanden als in der Hermeneutik Ratzingers. Hans Waldenfels (Bonn) unterstreicht dies auch im Blick auf den Holocaust und die Diskussion um die Karfreitagsfürbitten in seinem Aufsatz „Er war Jude“. Albert Gerhards (Bonn) und Paul Petzel (Andernach) thematisieren vor aktuellem Hintergrund nach der Entscheidung eines Kölner Landgerichtes das liturgische Bedenken der Beschneidung Jesu.

Ein letzter Teil des Bandes widmet sich spirituellen Fragen und „Perspektiven der Hoffnung“. Hans-Hermann Henrix (Aachen) befasst sich – besonders von Franz Rosenzweig ausgehend – mit jüdischer Geistkritik als „Lernort christlicher Rede vom Heiligen Geist“. Die “Gottvergeis-tigung“ führt nach Rosenzweig gleichzeitig zu Gottvergessenheit und zu einem Weltverlust. Dagegen wird mit Levinas die gleichzeitige Anwesenheit und Abwesenheit Gottes im Antlitz des „armen“ Anderen als Quellort des Heiligen Geistes, der menschlichen Sehnsucht und auch der Offenheit für ein Gebetsleben gesehen. „Vorgegebenheit als Gnadenerfahrung“ in der Schöpfung, der Bundesgeschichte, der Liebe, der Liturgie und der „Gabe“ erörtert Ott-mar Fuchs (Tübingen). Schließlich behandelt Carsten Lotz (Tübingen) die Radikalisierung es-chatologischer Rede im Anschluss an Josef Wohlmuth unter dem Titel „die doppelte Gabe der Verwandlung“ und vergleicht die Diachronie der Zeit bei Levinas, Derrida und Ratzinger. Diese hebt sich ab vom synchronen Zeitverständnis der Eschatologien Rahners und Pannen-bergs. Ein paradigmatischer Neuansatz kommt durch die „unverhoffte Gabe der Verwand-lung“ (Wohlmuth), die dann das Theorem von der „Auferstehung im Tod“ weiterzuführen vermag. Auch hier münden die Überlegungen in den „Gabe-Diskurs“, vor allem bei Jean-Luc Marion („Étant donné“). Literaturtheologisch von Wolfgang Hildesheimer und Jean Améry ausgehend befasst sich Lydia Koelle (Bonn) spekulativ und historisch verortet mit Fragen von Gericht und Vergebung, besonders angesichts des Holocaust und in Anlehnung an Walter Benjamin, in ihrem Aufsatz: „Ein eschatologisches Passagenwerk - diesseits und jenseits von Schuld und Sühne“. Dabei wird außer auf Wohlmuths „letzter Verwandlung“ auch auf die neue Höllenlehre Hans Urs von Balthasars Bezug genommen. Thomas Fornet-Ponse (Hildes-heim) beschließt den reichhaltigen und viele Brücken zwischen Judentum und Christentum bauenden Band mit dem zusammenfassenden Verweis auf „Die gemeinsame eschatologi-sche Hoffnung als Begründung und Ziel des jüdisch-christlichen Dialogs“.


Ausgewählte Schriften, 12 Bde., Bd.1, Theologische Traktate
Ausgewählte Schriften, 12 Bde., Bd.1, Theologische Traktate
von Barbara Nichtweiss
  Taschenbuch
Preis: EUR 39,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klassische theologische Beiträge eines Konvertiten, 16. September 2013
Das Dogma als Zeichen der Menschwerdung
Zum ersten Band der Werkausgabe des Theologen Erik Peterson

Der 1930 in Rom zur katholischen Kirche konvertierte Hamburger Theologe Erik Peterson (1890-1960), in seiner Bedeutung vielleicht auch durch die Umwälzungen des Konzils lange verkannt, erlebt seit Erscheinen der umfassenden Biographie „Neue Sicht auf Leben und Werk“ (2. Auflage 1994) von Barbara Nichtweiß (Mainz) eine Art Wiederentdeckung. Vor einiger Zeit konnte Nichtweiß mit Unterstützung eines namhaften wissenschaftlichen Beirats den ersten Band der „Ausgewählten Schriften“ präsentieren (Bericht in der DT vom 11. Oktober 1994). Die dadurch wieder vorliegenden „Theologischen Traktate“ sind eine Sammlung zentraler Aufsätze Petersons, die heute wieder höchst aktuell sind und eine „Theologie, die Freude macht“ (so einer der letzten Aufsätze des Regensburger Dogmatikers Johann Auer) zu vermitteln vermögen.

Peterson ist keineswegs einfachhin, wie es oft geschieht, als „katholischer Kierkegaard“ zu verstehen. Wenn sich auch sein Denken immer wieder am Vorbild des großen Dänen entzündete, so wird Kierkegaard (was diesem selbst nur recht sein dürfte) gerade nicht als Theologe, sondern als Schriftsteller angesehen. In dem gegen Karl Barth Einspruch erhebenden Aufsatz „Was ist Theologie?“, der die Sammlung der Traktate eröffnet, sind Barth und Kierkegaard „Dialektiker“ oder „Erzähler“, die zu sehr die Paradoxie statt die Verstehbarkeit der Offenbarung, die konkrete Autorität und konkreten Gehorsam verlangt, hervorheben. Das Irreführende in allen Reden Kierkegaards über das Existentielle und das existentielle Sein der Wahrheit liegt, nach Peterson, darin, dass man vor lauter Geistesexistenz nicht zum Gehorsam gelange, sondern allenfalls zur Schwermut (der Guardini einmal einen Sinn abzugewinnen versuchte). Auch die Irrtümer Bultmanns seien grundsätzlich schon bei Kierkegaard vorgebildet, sei doch die Behauptung Kierkegaards, dass die Subjektivität die Wahrheit sei, sinnvoll nur auf Christus anwendbar.

Daher ist für den exegetisch versierten Peterson – und hier drückt sich bereits eine Tendenz zum Katholischen aus – der objektive und konkrete Ausdruck dafür, dass Gott in der Menschwerdung „den Menschen auf den Leib gerückt“ ist, nicht die Bibel, sondern das Dogma. Die Antwort auf die Ausgangsfrage lautet daher, dass „die Theologie die in Formen konkreter Argumentation sich vollziehende Fortsetzung dessen (ist), dass sich die Logos-Offenbarung ins Dogma hinein ausgeprägt hat“. So wie es nach Jean Corbons Darlegung „Liturgie aus dem Urquell“ (Einsiedeln 1981) Liturgie erst seit der Himmelfahrt Christi gibt, so nach Peterson auch erst seither Kirche, Dogma und Theologie. Diese These ist allerdings ergänzungsbedürftig und hinterfragbar vor dem Hintergrund einer Reflexion über die Rolle und das zeitliche Wirken des Heiligen Geistes in Offenbarung und Theologie.

Peterson ergänzt seine Überlegungen durch den Briefwechsel mit Adolf Harnack, in dem das Katholisieren des Altprotestantismus deutlich wird, und in einer Anmerkung der erstaunliche Satz formuliert wird, dass „letztlich alle Wege des Protestantismus nach Rom führen“. Ebenfalls für Harnack und Barth geschrieben wurde der Aufsatz „Die Kirche“ (1929) mit interessanten Bemerkungen zum Thema Kirche und Reich Gottes, sowie der heilsgeschichtlichen Funktion Israels und der Juden (dazu ferner der Artikel „Die Kirche aus Juden und Heiden“ mit Abschnitten aus Petersons Römerbriefvorlesung, die als sechster Band der Edition angekündigt ist).

Durch den Widerspruch zum umstrittenen Rechtstheoretiker Carl Schmitt (1888-1985), aber auch durch eine ganz andere „politische Theologie“ (Metz/Moltmann/Sölle) in den frühen siebziger Jahren, die in Hans Maier ihren Kritiker fand, ist der Aufsatz „Der Monotheismus als politisches Problem“ (1935) vielleicht der berühmteste der Sammlung. Peterson plädiert mit akribischen historisch-theologischen Details für die christliche Trinitätslehre, die vor politischen Gefahren gewisser Monotheismus-Konzeptionen (jüngst vom Ägyptologen Jan Assmann neu thematisiert) schütze. Für die Gegenwart bedeutsam ist hier die Erkenntnis, dass ein Dreieinigkeitsglaube eben nicht „fundamentalistisch“ sein kann, das können nur monokausale-Konzepte.

In „Zeuge der Wahrheit“ (1937) ruft Peterson das urchristliche Märtyrertum in Erinnerung. Besonders hebt er hervor, dass der christliche Altar entweder Reliquien der Heiligen enthält oder über dem Grab eines Märtyrers errichtet ist. Die gegenwärtige Diskussion über die Zelebrationsrichtung könnte durch dieses Bedenken entkrampft und erweitert werden. Noch tiefer in die Liturgie (Peterson fühlte sich stets dem Benediktinerorden verbunden) führt der Aufsatz „Von den Engeln“ (1935), der sich indirekt mit dem mysterientheologischen Liturgieverständnis Odo Casels auseinandersetzt, und den Jean Daniélou als Petersons Hauptwerk ansah.

Insgesamt bilden die Texte, denen sich noch einige kleinere Arbeiten anfügen, eine dichte und ergiebige Sammlung von „Theologie, die Freude macht“, weil sie sich in Würde, Prägnanz und der nötigen Distanz ihrem ureigenen Gegenstand widmen. Der Mut der jungen Herausgeberin und des Echter Verlages wird hoffentlich durch zahlreiche Leser bei katholischen und auch evangelischen Christen bestätigt werden. Die Aktualität Petersons „in dürftiger Zeit“ ist offensichtlich und sollte auch im ökumenischen Gespräch nicht übersehen werden.

Erik Peterson: Theologische Traktate (Ausgewählte Schriften Bd. 1). Mit einer Einleitung von Barbara Nichtweiß, XXIV und 260 Seiten, Echter Verlag Würzburg 1994


Mitgestaltungsmöglichkeiten für Laien in der katholischen Kirche
Mitgestaltungsmöglichkeiten für Laien in der katholischen Kirche
von René Pahud de Mortanges
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Laien als Leiter/innen katholischer Pfarrgemeinden, 9. September 2013
René Pahud de Mortanges (Hrsg.), Mitgestaltungsmöglichkeiten für Laien in der katholischen Kirche. Rechtslage und pastorale Perspektiven, Zürich/Basel/Genf (Schulthess) 2013, 194 Seiten, ISBN 978-3-7255-6856-7

Die Zukunft der Kirche und des kirchlichen Lebens hängt nicht so sehr an der Zahl der Priester, sondern an Mitwirkung der Laien, die zunehmend das Bild der Gemeinden prägen. „Laie“ meint nicht den Ungeübten, sondern das Mitglied des Volkes („laos“) Gottes. Papst Benedikt XVI. nannte in einer Ansprache die Laien als „mitverantwortlich für Sein und Handeln der Kirche“.
Im Nachgang zu einer Tagung des Instituts für Religionsrecht der Universität Freiburg i. Üe. im September 2012 geht nun eine Publikation der Frage nach, welche gesellschaftlichen und innerkirchlichen Parameter für das Engagement der Laien bestehen und welche kirchenrechtlichen und staatskirchenrechtlichen Möglichkeiten und Grenzen existieren. Einleitend schildert Judith Könemann (Münster) religionssoziologisch die Situation des Laienengagements im säkularisierten Umfeld und seinen Veränderungsprozessen. Herausgeber René Pahud de Mortanges (Freiburg i.Üe) geht ausführlich mit seinem Mitarbeiter Raimund Süess den Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten für Laien gemäß kanonischem Recht nach. Der Focus der weiteren Beiträge liegt auf der mit c. 517 § 2 CIC gegebenen Möglichkeit einer Pfarreileitung durch Laien, wie sie in der Schweiz schon seit längerem wegen des Priestermangels üblich ist. Die Praxis in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland werden miteinander verglichen. Die Untrennbarkeit von Welt- und Heilsdienst mit besonderem Blick auf die Rolle von Laientheologinnen und Laientheologen betont Urban Fink-Wagner (Zürich). Libero Gerosa (Lugano) formuliert Zukunftsperspektiven für das Laienengagement: Verstärkung der Anhörung- und Zustimmungsrechte sowie des missionarischen Dienstes. Unter dem Titel „Die Stunde der Laien: keine Frage der Saison“ beschließt der bekannte Fribourger Pastoraltheologe Leo Karrer den Band mit aufrüttelnden Gedanken. Wenn auch der Schwerpunkt der Artikel auf der Lage in der Schweiz liegt, sind doch viele kirchenrechtliche und pastorale Überlegungen auf die deutsche Situation übertragbar, besonders was die Pfarreileitung durch Laien, qualifizierte Frauen und Männer, angeht.
Dr. Stefan Hartmann, Oberhaid bei Bamberg


Religion und Politik: Das Messianische in Theologien, Religionswissenschaften und Philosophien des zwanzigsten Jahrhunderts (Religion Und Aufklarung)
Religion und Politik: Das Messianische in Theologien, Religionswissenschaften und Philosophien des zwanzigsten Jahrhunderts (Religion Und Aufklarung)
von Thomas Brose
  Taschenbuch
Preis: EUR 79,00

5.0 von 5 Sternen Das Messianische in Theologien, Religionswissenschaften und Philosophien des 20. Jahrhunderts, 30. Juni 2013
Im jüdisch-christlichen Gespräch ist das Messianische immer schon ein eigenes Thema gewesen, nicht erst seit es Jesus-gläubige „messianische Juden“ gibt. Im Jahr 1992 machte das Buch „Ende der Geschichte“ des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama Furore. Nach dem Fall der Berliner Mauer und der „Wende“ auch in Prag sei es mit dem Sieg der liberalen Demokratie zu einem Ende der politischen Systementwicklungen gekommen. Dagegen wandte sich bereits 1996 Samuel Huntington mit dem ebenfalls Aufsehen erregenden Werk „The Clash of Civilizations“, das bereits den Einschnitt des 11. September 2001 vorwegnahm. Geschichte ist also nicht am Ende, aber wohin entwickelt sie sich? Kommt es zu einer neuen politischen Theologie im Westen und (trotz Widerständen) zugleich im fundamentalistischen Islam? Viele „utopische“ Erwartungen der Politik waren mit dem Messianischen verbunden, oft auf einen US-Präsidenten konzentriert. Gibt es noch Orte und Bewegungen, in denen das Messianische ausgetragen wird und präsent ist? Seiner Gegenwart in Theologien, Religionswissenschaft und Philosophien des zwanzigsten Jahrhunderts widmet sich ein soeben bei Mohr Siebeck (Tübingen) erschienener Band unter dem allgemeinen Titel „Religion und Politik“, der auf eine Messianismus-Tagung (mit vielen auch jüdischen TeilnehmerInnen) an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg zurückgeht.

In ihrer Einleitung bietet die Hauptherausgeberin (und Übersetzerin einiger Beiträge aus dem Englischen oder Amerikanischen), die Berliner Religionsphilosophin, Rosenzweigforscherin und Romanautorin Gesine Palmer, die in der Mohr-Reihe „Religion und Aufklärung“ bereits einen Band zur von Jan Assmann angestoßenen Monotheismus-Debatte herausgab (Tübingen 2007), einen Überblick über Konzeption und Inhalt des Bandes, der dem Andenken der Mitautorin Rivka Horwitz (1926-2007) gewidmet wurde. Eingerahmt hat Palmer ihre hilfreichen Einführungen mit einigen die Thematik verlebendigenden Zitaten von Joseph Roth (aus „Die Geschichte von der 1002. Nacht“) und dem lapidaren Satz von Rav Ula: „Mag der Messias kommen, ich will ihn nicht sehen“ (17).

Die Beiträge teilen sich in zwei Abteilungen auf: „I. Übertragungen ins Konkrete: Moderne Gestalten des Messianischen“ und „II. Abstraktionen. Die Idee des Messianischen in der theoretischen Diskussion“. Sie bilden nicht, wie oft in Tagungsbänden, eine kompilatorische Aneinanderreihung verschiedenster Arbeiten, sondern stellen zusammen ein systematisches und fast schon repräsentatives Ganzes dar.

Den Anfang der Konkretionen macht Rivka Horwirtz’ bewegende Fallstudie des Leidens, der Verkennung und des messianischen Glaubens des „Träumers“ Hile Wechsler, der im 19. Jahrhundert in Bayern lebte und als ein Vorläufer des Zionismus angesehen werden kann. Weitere jüdische Selbstinterpretationen des Messianischen kommen von Moshe Idel (Jerusalem) und Haviva Pedayah (Beer Sheva), die – darin Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. verwandt – den Komplex der Messiasvorstellungen mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels verbindet: „Ein heiliges Zentrum ist zerstört: der Ort. Aber eine andere Möglichkeit für ein heiliges Zentrum ist entstanden: der Mensch“ (8). Andreas Pangritz (Bonn) behandelt in seiner dichten Studie „Verlegenheiten bei der Suche nach dem ‚Messianischen‘“ in Friedrich-Wilhelm Marquardts epochaler post-Schoa-Dogmatik. Er sieht in Absage an alle Eschatologie und im Blick auf Auschwitz mit Richard L. Rubenstein „im Tod den Messias“, und vergleicht damit die zwar gut gemeinten Ansätze bei Jürgen Moltmann („Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen“), die aber durch die jesuanische Überbietung jüdischer Messiaserwartung immer noch „zur Weitertradierung von Klischees des traditionellen theologischen Antijudaismus“ (118) beitragen. Marquart macht zwei jüdische Traditionsströme aus: eine messianische Skepsis bei Hans Jonas und einen messianischen Utopismus bei Ernst Bloch: „Beide wollen, bedenken und sorgen sich um Zukunft. Jonas will uns auf Zukunft ‚bewahren‘ – Bloch uns in sie treiben“ (109). Selbst sieht er den Messianismus eher säkularisiert (ähnlich wie Martin Buber und die Kibbuzbewegung) im Sozialismus und Zionismus eine – allerdings immer durch Fundamentalismus bedrohte – politische Rolle spielen.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik (Frankfurt a.M.) widmet sich der messianischen Konkretion einer möglichen Inkarnation im Judentum unter dem Titel „Ein König aus Fleisch und Blut?“. Dabei geht er von Positionszuweisungen Franz Rosenzweigs aus und widmet sich religionswissenschaftlich dem Messiasverständnis der Lubavitscher Chassidim und des Zaddikismus, sowie speziell deren (1994 verstorbenen) für eine Inkarnation des Messias gehaltenen Rabbi Schneerson. So existiert also auch jüdisch (analog der buddhistischen Dalai-Lama-Vorstellung) der Gedanke, dass das Wort und der Wille Gottes sich in einem herausgehobenen Menschen inkarniert und damit konkretisiert – mit all seinen teilweise problematischen Folgen. Claudia Römer (Kassel) informiert knapp und präzise über Karl Marx‘ „Heilslehre“ und ihre Verbindung zum jüdischen Messianismus in der Sicht des Proletariates als neuem Volk Israel.

Die zweite Abteilung der „Abstraktionen“ und theoretischen Diskussionen eröffnet noch recht praktisch Mitherausgeber Thomas Brose (Berlin/Potsdam) ausgehend von Anfragen Lew Kopelews mit Reflexionen zu messianischen Erwartungen politischer Religionen angesichts von bedrohten Menschenrechten. Dabei fließen auch eigene Erfahrungen aus dem Leben im Zwangssozialismus der DDR mit ein. Philosophisch werden die Überlegungen von Dana Hollander (Hamilton, Ontario) über das Messianische bei Emmanuel Levinas und seiner Rezeption Franz Rosenzweigs. Dabei war Levinas in erster Linie kein Geschichtsdenker (wie etwa Karl Löwith oder Jacob Taubes), sondern einer, der schlicht jüdisch-rabbinische Texte interpretierte und gegen Heidegger den Weg vom „Sein zum Seienden“, zur Ethik und zum konkreten „Anderen“ mit den aus seinem Antlitz leuchtenden Ansprüchen ging. Solchermaßen die Verwiesenheit der einen auf die anderen „immanentisierend“ vermag messianisches Denken gegen die Suspension des Ethischen in der Politik (zumal im Kriegsfall) unterbrechend einzugreifen. Hollander geht all diesen Konsequenzen tiefschürfend nach und bezieht sich dabei explizit auf Maimonides und Gershom Scholems Frage nach dem „Preis des Messianismus“. Ohne Forcierungen wird dem hegelianischen Konzept vom „Ende der Geschichte“ widersprochen und für eine Offenheit der Geschichte für die Idee der Gerechtigkeit plädiert. Fortgeführt und mit Zygmunt Baumann verglichen wird die Levinas-Analyse im Beitrag von Catherine Hezser (London). Daniel Boyarin (Berkeley), der Verfasser des mit mehreren Preisen versehenen Standardwerkes „Border Lines. The Partition of Judaeo-Christianity“ (aus dem Amerikanischen übersetzt von Gesine Palmer unter dem Titel: „Abgrenzungen. Die Aufspaltung des Judäo-Christentums“, Berlin/Dortmund 2009,), greift die alte Frage nach den „Alleinstellungsmerkmalen“ des christlichen Messianismus auf und referiert ausgehend von Josef Klausner über „The suffering Christ as a jewish Midrasch“. Den für die Messias/Messianismus-Thematik unverzichtbaren feministischen Aspekt steuert Gerda Elata-Alster (Beer-Sheva/Kassel) bei mit der Beobachtung einer Linie weiblichen „Trickstertums“ in der Geschichte der Entstehung messianischer Kinder des Alten Testamentes.

Eine kritische Bilanz zieht Herausgeberin Gesine Palmer in ihrem spekulativ weiterführenden zweiten Aufsatz unter dem Titel „Müssen wir den Messias opfern?“. Damit ist sowohl die missverständliche christliche Soteriologie und Kreuzfixierung angesprochen, als auch eine mögliche „Verschiebung“ des Messias-Begriffes. Ausgehend von Martin Heideggers oft zitiertem Satz aus seinem Spiegel-Interview („Nur noch ein Gott kann uns retten“) sieht Palmer mit Rosenzweig neue Öffnungen für Philosophie, Theologie und Offenbarung. Nach Hermann Cohen ist „der Messianismus der Gipfel des Monotheismus“ (255), ohne deshalb automatisch zu einer theokratischen politischen Theologie zu werden. Weitere apokalyptisch-eschatologische Texte (Hiob, Esra, Kohelet) werden aufgeführt, um sie mit der Klage der Ermordeten der Weltgeschichte zu konfrontieren. So wie bei Walter Benjamin erst der Messias die Beziehung alles historischen Geschehens „auf das Messianische selbst erlöst, vollendet, schafft“ (Theologisch-politisches Fragment), so wird bei Palmer das Bild des Messias erweitert durch eine universalmenschliche Definition des messianischen Erwählungsgedankens im Impuls des Widerstandes gegen jede mörderische Gewalt und Ungerechtigkeit. Heideggers zitierte Geste eines „Rückzugs von philosophischen Allmachtsvorstellungen“ angesichts des „Fehl Gottes“ (den jüngst Martin Walsers Roman „Muttersohn“ und sein Essay "Über Rechtfertigung. Eine Versuchung" wieder thematisierte) hat dazu den Anlass gegeben.

In einem Nachwort „Über Religion und Politik“ geht Mitherausgeber Thomas Brose noch auf die durch Religiöses mögliche Irritation ein und weist auf die bekannte (und von Berthold Brecht parodierte) öffentliche Döblin-Konversion hin. Er stellt mit Jürgen Habermas in postsäkularer Gesellschaft „ein Bewusstsein, von dem was fehlt“ fest. Mit dem Soziologen Hans Joas wird beobachtet, dass in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts das Säkularisierungstheorem die gesellschaftliche Realität nicht adäquat beschreibt. Fraglich geworden ist damit auch die Existenz eines „säkularen Zeitalters“ (Charles Taylor). Das jüdisch-christlich Messianische wird allerdings nur in der von Palmer anvisierten kantianisch-menschenrechtlichen Form Glaubwürdigkeit beanspruchen können: „Opferbereitschaft wie Einspruch gegen das Opfer gleichermaßen [...], um den Boden für eine besseres, dem Besten der alten Ordnungen angemessenes und auf Neues hoffendes Zusammenleben der Menschen zu bereiten“ (264). Juden und Christen sind durch den niveauvollen Tagungsband gleichermaßen in ihren gewohnten Messiasvorstellungen herausgefordert.

©Stefan Hartmann, Oberhaid bei Bamberg


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11