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Diana Kupfer

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Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden: . . . Und Welche Rolle Der Staat Und Unser Papiergeld Dabei Spielen
Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden: . . . Und Welche Rolle Der Staat Und Unser Papiergeld Dabei Spielen
von Philipp Bagus
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf 180 Seiten zur 180-Grad-Denkwende: Schlankes Buch für eine breite Zielgruppe, 24. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Volkswirtschaft wurde in den letzten Jahrzehnten höchst komplex gemacht, was sie eigentlich nicht ist. Wirtschaft funktioniert wie vor Tausenden von Jahren“, sagte Andreas Marquart neulich in einem Interview. Dem könnte man hinzufügen, dass Wirtschaft nur insofern komplex ist, als sich ökonomisches Wissen auf die vielen Akteure in einem System verteilt. Eine allwissende Instanz gibt es nicht und wird es vermutlich auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz nie geben. Der Ökonom Friedrich A. v. Hayek (1899 –1992) gelangte seinerzeit zu dem Schluss, dass dieses verteilte Wissen eine dezentrale, also nicht durch den Staat geregelte, Handhabung von Ressourcen erfordere.
Hayeks Antagonisten, die in der Wirtschaftspolitik der westlichen Industriestaaten bis heute den Ton angeben, zogen indes die gegenteilige Konsequenz: dass wirtschaftliche Entscheidungen einer zentralen Instanz vorbehalten bleiben müssen: einer Elite aus Politik und Wissenschaft. Die machte aus Volkswirtschaft im Laufe der Jahrzehnte denn auch eine hermetische Disziplin, verschlüsselte den ökonomischen Diskurs mit mathematischen Formeln und gefiel sich im Bau von Elfenbeintürmen. Nicht-Ökonomen mussten draußen bleiben. Die Folge: Selbst aufgeweckten Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge konnte nur bedingt auffallen, wie die Grenzen zwischen Voodoo und Volkswirtschaftslehre zunehmend verwischten.

Dieser gefährlichen und den Bürger entmündigenden Entwicklung wirken Philipp Bagus (Autor von „Die Tragödie des Euro: Ein System zerstört sich selbst) und Andreas Marquart in ihrem neuen Buch entgegen. Sie dechiffrieren darin eindrucksvoll die vorherrschende geldpolitische Rhetorik, die der staatlichen Eingriffen in unser Geldsystem Feuerschutz gibt. Mithilfe der Lehren der Österreichischen Schule der Ökonomie wird der wirtschaftliche Status quo im vorliegenden Band für den ökonomischen Laien verständlich gemacht. Im Fokus stehen also weniger wissenschaftliche Theorien an sich als deren populärwissenschaftliche Aufbereitung für eine möglichst breite Leserschaft.

Ein genialer Kniff der Autoren ist ihre Trojaner-Strategie: Sie wählten die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich als Aufhänger und verpackten selbige in einen knackigen Buchtitel samt markanter Cover-Illustration. Die Umverteilung von unten nach oben, von Sozialdemokraten vereinnahmt und von weiten Teilen der Bevölkerung einhellig auf zu wenig Marktregulierung und/oder ein Versagen des Kapitalismus zurückgeführt, spricht zweifelsohne eine breite Zielgruppe jenseits der traditionellen klassisch-liberalen Fangemeinde an – darunter mit einiger Sicherheit auch zahlreiche „Kapitalismusgegner“, die Geld längst nicht mehr als essenzielles Tauschmittel wahrnehmen, sondern nur noch als Negativsymbol für zivilisatorische Dekadenz und Konsumismus. Kein Wunder: Wo Papiergeld entmaterialisiert wird, dort wird es zwangsläufig zur Metapher für maßlosen Materialismus.

Mit der Ansprache einer breiten Leserschaft stellen sich Marquart und Bagus also der Mammutaufgabe, in einigen ihrer Leser eine 180-Grad-Denkwende zu bewirken – auf gerade einmal 180 Seiten. Könnte gelingen. Die Autoren punkten schon dadurch, dass nicht nur die langfristigen Folgen von expansiver Geldpolitik auf die Wirtschaft aufgezeigt werden, sondern und vor allem auch die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen künstlicher Inflation auf den einzelnen Bürger. Der steht in dem kompakten Taschenbüchlein durchweg im Mittelpunkt. Schon im Titel direkt angesprochen („Ihre Kosten“), wird er auf fast jeder Seite des Buches adressiert. Dieser legere, interaktive Stil wirkt: Der Leser wird an die Hand genommen, ist aber gleichzeitig gefordert, mitzudenken, hinter Fassaden zu Blicken und eigenständig Verbindungen zu knüpfen. Ohne Zweifel wird derjenige, der sich vor der Lektüre noch nie mit den Folgen unseres staatlichen Papiergeldmonopols auseinandergesetzt hat, zahlreiche schöne Momente der Erleuchtung erleben.

Die Lehren der Österreichischen Schule setzen Marquardt und Bagus dabei gekonnt ein. Statt sie explizit und in epischer Breite zu rekapitulieren, setzen die Autoren sie eher implizit, aber dennoch gezielt als Instrumentarium für anschauliche Analysen und Beispiele ein. Erst im finalen Kapitel, dem mit Abstand stärksten, wird die Nische der Österreicher ausgeleuchtet und vor allem Ludwig von Mises’ Schaffen ins Rampenlicht gerückt.
Die hier und da eingestreuten Zitate sind gut ausgewählt und behindern den Lesefluss zu keiner Zeit. Geneigte Leser, die mit den entsprechenden Schriften ohnehin vertraut sind, haben möglicherweise sogar ihre Freude daran, einzelne Ideen aus diesem Buch wie in einem „Memory“-Spiel gedanklich den vielen Schriften zuordnen, aus denen sie stammen. Fachjargon wird fast durchgängig vermieden oder in Alltagssprache übersetzt. Ein Beispiel: „Wenn man bei Warengeld in der Betrachtung zeitlich zurückgeht, wird man feststellen, dass dieses Geld irgendwann einmal nicht Geld, sondern einfach nur Ware war.“ (S. 20 f.) ist deutsch für „Regressionstheorem.“ Vereinzelt genannte Termini wie der Cantillon-Effekt (S. 58) werden behutsam eingeführt. Zahlreiche Beispiele, Veranschaulichung und Variationen eines Sachverhalts sowie die Zusammenfassungen am Ende der insgesamt neun Kapitel tragen ebenfalls zur Verständlichkeit und Leserfreundlichkeit bei. Stark polemische und arg überspitzte Passagen wird man den Autoren verzeihen, da sie wohl dosiert und dramaturgisch geschickt platziert sind. Zudem machen sie das Lesevergnügen umso kurzweiliger.

Wissensvermittlung erfordert allerdings auch ein feines Gespür für die Zielgruppe. Und das fehlt an manchen Stellen. Offenbar hatten der Vermögensberater und der Universitätsprofessor während des Schreibprozesses eine männliche Leserschaft mittleren Alters vor dem geistigen Auge, was sich in Anreden wie „Stellen Sie sich vor, Ihre Frau….“ widerspiegelt. Schade eigentlich. Ihr Buch ist so allgemeinverständlich, dass man es auch gerne einer jüngeren und weiblichen Leserschaft empfehlen würde. Man(n) muss ja nicht zwangsläufig auf das bewährte Robinson-Crusoe-Szenario zurückgreifen, um eine primitive Wirtschaftsordnung zu simulieren. Aber etwas generischer und neutraler könnten die Beispiel schon sein.
Auch das sechste Kapitel lässt Zweifel daran aufkommen, dass die Autoren tatsächlich eine breite Leserschaft adressieren möchten. In diesem Kapitel, das unter der Überschrift „Was Inflation mit den Menschen macht“ steht, schießen sie über ihr Ziel hinaus. Anhand eines fiktiven Beispiels werden die gesellschaftlichen Folgen der künstlichen Geldmengenvermehrung durch den Staat durchdekliniert. An für sich eine gute Idee. Allerdings sind die soziologischen und psychologischen Schlussfolgerungen teilweise recht vermessen. Wer als junger weiblicher Leser über einen Satz wie: „Die Frauen können sich so der Erziehung der Kinder widmen“ stolpert, der ist geneigt, das Buch zurück ins Regal stellen. Zwar räumen die Autoren gleich im folgenden Absatz kokettierend ein, in ein „Fettnäpfchen“ getreten zu sein. Aber die vermeintliche Einwandvorwegnahme macht es nicht besser:
„Es liegt uns nichts ferner, als Frauen zu raten, statt (…) sich zu verwirklichen, sich besser der Kindererziehung zu widmen. Es sei aber die Frage erlaubt, ob viele Mütter heute arbeiten gehen, weil sie das wirklich wollen (…).‚“
Diese konservative bis reaktionäre Gesellschaftsutopie setzt sich fort in der Behauptung, dass Kinderkrippen – die in den Augen der Autoren zwangsläufig staatlich sind – weniger förderlich für die Erziehung eines Kindes seien als die fortwährende Präsenz der Mutter. Etwas verkürzt dargestellt behaupten die Autoren also ganz pauschal: Ohne staatliche Eingriffe ins Geldwesen hätten Frauen (hier ist tatsächlich nicht von Individuen, sondern vom Geschlecht die Rede) keinerlei Bedürfnis oder Anreiz, einem Beruf nachzugehen. Wer bei dieser Eva-Hermann-Episode nicht den Kopf schüttelt, wird zumindest feststellen, dass man es hier - wie F.A. v. Hayek sagen würde - mit einer Anmaßung von Wissen zu tun hat. Ob es sich um oder um eine grob ungeschickte Verallgemeinerung persönlicher Sichtweisen handelt oder um eine ganz bewusste Umwerbung konservativ gesinnter Leserkreise, wissen nur die Autoren selbst.

Trotz dieser Monita ist das Buch derzeit eine der heißesten Empfehlungen, wenn es darum geht, Fachfremden einen kompakten Einstieg in die Problematik des staatlichen Papiergeldsystems zu verschaffen. Es veranschaulicht umfassend und dennoch kompakt, wie stark die Investitions- und Sparentscheidungen einzelner Bürger vom fatalerweise unerschöpflichen Quell ungedeckten Geldes betroffen sind. Genauso eindrucksvoll zeigt und belegt es, wie viele Lebensbereiche die damit einhergehende kurzsichtige Konsummentalität durchzieht. Geldschöpfung aus dem Nichts verändert unsere Gesellschaft nachhaltig. Sie verändert, wie wir handeln, leben und damit auch ein Stück weit, wer wir sind. Diese Tatsache, die auch den optimistischsten „Österreicher“ nachts nicht schlafen lässt, bringt Marquarts und Bagus’ Buch klar, eindrucksvoll und mit Verve auf den Punkt. Wohl deshalb entfaltet ihr Plädoyer für eine Entstaatlichung des Geldes bereits wenige Wochen nach Verkaufsstart eine große Breitenwirkung. So könnte es in der Tat „explosiver als Sprengstoff“ werden, wie der Titel der Einleitung prophezeit.


iAccordion
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5.0 von 5 Sternen Befreiungsschlag für ein vorbelastetes Instrument, 2. September 2012
Rezension bezieht sich auf: iAccordion (MP3-Download)
Für den Kunden ein Qualitätsversprechen, für den Verkäufer ein vermeintlicher Erfolgsgarant: Das Präfix "i", ursprünglich ein Vermarktungs-Gimmick aus dem Hause Apple, ist mittlerweile allgegenwärtig (und von Patentansprüchen scheinbar verschont gebliebener) in Titeln und Markennamen aller Art. Überraschend selten wird jedoch gefragt, wofür es eigentlich steht. Im Fall von Martynas Levickis Debut-Album scheinen mehrere Bedeutungen möglich. Dass es ausschließlich über iTunes Store vertrieben wird und daher auf sein eigenes Medium anspielt, ist sicherlich eine, wenn auch die oberflächlichste i-Interpretation.

"Individuell" geht da schon weiter. Und zwar im Sinne von: 1."solistisch", 2."eigen" und 3. "persönlich"/"subjektiv".

1. Die erste Bedeutung ist schnell erklärt: Es ist ein Solo-Album. Der junge Akkordeon-Virtuose, in seiner Heimat Litauen längst ein Star, hat im Tonstudio mittels Overdubbing à la Bobby McFerrin einen mehrschichtigen, ensembleartigen Sound kreiert, der keine Akkordeon-Spieltechnik ungenutzt lässt: Neben diversen Artikulations- und Registerarten kommen Bellows Shake, Bending und allerlei perkussive Effekte zum Einsatz. So demonstriert Levickis die einmalige Vielseitigkeit eines besonders hierzulande unterschätzten und belächelten, da vorbelasteten Instruments, statt Letzteres, eigentlich ja ein Alleinunterhalter-Instrument par excellence, durch Zusatzinstrumente aufzuwerten.

2. Damit wären wir bei der zweiten Bedeutungsfacette von "individuell", nämlich "eigen". Dass ein klassischer Akkordeonist es dieser Tage alles andere als leicht hat, sich Gehör zu verschaffen, dürfte jedem auffallen, der durch deutsche Fußgängerzonen schlendert: Während selbst hochvirtuose Akkordeonisten mit wunderschönen russischen Bajans links liegen gelassen werden, bildet sich beim Didgeridoo-Dilettanten aus Hintertupfing ruckzuck eine Menschentraube. Nicht nur alles, was volkstümlich anmutet, auch Bach und Scarlatti sind mittlerweile ein alter Hut auf dem Akkordeon. Die mittlerweile fast zweihundertjährige Tradition der weltweit verbreiteten Intruments (vulgo "Quetschkommode", "Schifferklavier") lastet also ähnlich schwer auf modernen Akkordeonisten wie der Globus auf dem Rücken des Atlas – von daher ist Levickis Coverbild ein besonderer Kunstgriff. Nach welchem Repertoire greift also ein moderner Akkordeonist? Die überraschende Antwort: nach Gassenhauern! Und nicht nur Yann Tiersen ("Amelie") und Piazzolla, sondern Akkordeon-fremder Gassenhauer von Lady Gaga & Co. nimmt sich der in England studierende Litauer an.

3. Das dürfte jeden, der sich die Albumtitel erstmalig überfliegt, zunächst skeptisch stimmen. Die gute Nachricht – und hier wären wir beim dritten Synonym von "individuell", nämlich "subjektiv": Was Levickis aus diesen gefundenen musikalischen Objekten macht, ist von höchster Kreativität und Originalität. Es sind Arrangements, die die Originale weder sklavisch imitieren noch persiflieren oder verfremden, sondern liebevoll mit ganz eigenen musikalischen und instrumentalen Mitteln interpretieren, variieren und ergänzen – immer gekonnt mit ihnen jonglieren. Dabei bleibt, wie oben beschrieben, keine Möglichkeit des Tastenintruments unausgenutzt. Die mehrspurige Aufnahme verleihen den Melodien, Harmonien und Rhythmen des ohnehin klangprächtigen Pigini-Akkordeons wunderbare räumliche Effekte. Spontan anmutende Variationen und Improvisationen (wie die Arabesken in "Telephone") und die technische Perfektion Levickis tun ihr übriges.

Erschließen lässt sich der Einfalls- und der Klangfarbenreichtum erst durch viele Hördurchgänge. Levickis Album eignet sich also trotz der populären Titel wenig als Chocolaterien-Soundtrack wie die ewigen Ostinati eines Yann Tiersen oder anderer Filmmusik-Minimalisten. Es will gehört werden. Allein schon wegen der amüsanten Soundeffekte (wie die Imitation eines schlafenden Löwen zu Beginn von "The Lion Sleeps Tonight") und der vielen subtilen melodischen Exkurse in musikalisches Terrain, das die Titelliste des Albums gar nicht erahnen lässt. Immer wieder neue Überraschungen wird man im Levickischen musikalischen Mikrokosmos entdecken und sich daran erfreuen. In Stevie Wonders Klassiker "Isn't she lovely?" erhebt der Solist sogar selbst die Stimme. So zart und schüchtern, dass man sich vorkommt, als würde man ihm heimlich beim Üben lauschen.


Die Tragödie des Euro: Ein System zerstört sich selbst
Die Tragödie des Euro: Ein System zerstört sich selbst
von Philipp Bagus
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aber bitte mit Katharsis!, 26. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer einen "Ausgang aus der Unmündigkeit" sucht, der muss vorher auf irgendeinem Weg hineingeraten sein. Ferner dürfte er, zumindest dem geflügelten Wort Kants nach, daran nicht ganz unschuldig gewesen sein. Nur: Der 'Weg in die Knechtschaft' (F. A. Hayek) ist ein Boulevard; den Weg hinaus muss man sich erst frei schlagen. Also lieber rechtzeitig Kehrt machen als die Machete einzusetzen: Trivial, möchte man meinen. Wer Philipp Bagus' Buch nicht gelesen hat, könnte jedoch vermuten, in der europäischen Schuldenkrise herrschten völlig eigene, der Lebensrealität enthobene Gesetze. Es scheint, als sei europäische Währungspolitik Raketenphysik, vor der selbst interessierte Bürger ehrfürchtig niederknien müssen. Als seien Jedermanns Intuitionen, etwa der Widerwille gegen eine Politik der Umverteilung, zu grobschlächtig für ein derart sensibles Thema. Dazu passt, dass die hermetischen Expertenkreise an fachsimpelnde Chirurgen während einer Not-OP erinnern, denen man bestenfalls durch eine Glasscheibe auf die Finger sehen darf.

Doch spätestens als mir ein Bekannter, selbst politisch aktiv, erklärte, er könne sich nicht erlauben, zum Thema ESM eine eigene Meinung zu haben, weil die Komplexität dieses Sachverhalts jedwedes unqualifizierte Urteil verbiete, da beschlich mich ein seltsames Störgefühl: So komplex, dass man am besten Experten jegliche Entscheidung über die Verwendung der eigenen Steuergelder überlässt? Und Abgeordneten, die das Ausmaß der Rettungspakete, über die sie abstimmen, teilweise noch nicht einmal zu beziffern vermögen? Da ist doch irgendwo ein Fehler in der Matrix. Schließlich hat doch nach Fukushima auch niemand behauptet, man müsse Atomphysiker sein, um am öffentlichen Diskurs teilzuhaben... Statt also die Hände in den Schoß zu legen und mir meine Unmündigkeit selbst einzubrocken, nahm ich mir die 'Tragödie des Euro' vor. Als Fachfremde fühlte ich mich dabei schon ein wenig tolldreist und war durchaus darauf vorbereitet, bereits nach den ersten Seiten kapitulieren zu müssen. Pustekuchen: Das Buch ist eine einzige Belohnung für alle, die in dieses Thema eintauchen möchten – egal, wie tief. Statt Elfenbeintürmen baut Bagus Brücken zur Leserschaft mit und ohne ökonomische Vorkenntnisse. Bereits in der Einführung weiß er die 56 Prozent der Deutschen, die laut einer Forsa-Umfrage von 2010 'gegen den Rettungsfonds waren', für sich zu gewinnen: 'Die Menschen scheinen intuitiv zu verstehen, dass sie auf der Verliererseite eines komplexen Systems stehen.' (S. 15 f.) Um sich einer Herausforderung zu stellen, an der Politiker immer wieder scheitern '– die Menschen (sprich: die Leser) dort abzuholen, wo sie sind, muss Bagus weit ausholen, verliert dabei jedoch nie den roten Faden – besser: das Drahtseil – seiner starken Argumente. Sicher gravitieren seine Ausführungen immer wieder zu seinen zentralen Thesen zurück. So nimmt er den Leser mit auf einen Streifzug durch die Geschichte der Europäischen Union – allerdings nur, um an den in diesem Kontext relevanten Stationen Halt zu machen und daran die zwei ursprünglichen, rivalisierenden Roadmaps für Europas zu demonstrieren. Dass die ältere von den beiden, mit den zentralen Merkmalen Freiheit, Dezentralität, Konkurrenz, Vielfalt, Subsidiarität, die er 'klassisch-liberale Vision' nennt, im Laufe der Jahre versunken ist wie die mythische Insel Atlantis, wird dem Leser, unabhängig von dessen politischer Neigung, wie Schuppen von den Augen fallen. Auch, dass im selben Zug die konkurrierende Roadmap, die er, bewusst provokativ, 'sozialistisch' nennt, die Oberhand gewonnen hat, wird man sich eingestehen müssen. Das Herzstück von Bagus' Argumentation ist die von ihm im achten Kapitel gezogene Analogie zwischen dem Euro-Dilemma und sog. 'externen Kosten', die immer dann auftreten, wenn Eigentumsrechte unzureichend definiert sind. Präziser spricht Bagus von der 'Tragödie der Allmende', einem von Garrett Hardin geprägten Begriff. Damit ist gemeint, dass 'mehrere Handelnde (...) ein Eigentum ausbeuten' und die 'Kosten auf andere externalisieren' (S. 99). Ein Beispiel zur Veranschaulichung hält der Autor ebenfalls parat: Er verweist auf die Reduzierung des Fischbestands im Ozean zugunsten einzelner Fischer, letztlich aber auf Kosten der Allgemeinheit. Mit den Geldmengen der Euro-Mitgliedstaaten verhält es sich demnach ähnlich wie mit einem Fischschwarm, was die Schwarmintelligenz der deutschen Mehrheit unterstreicht, die dies längst begriffen hat.

Zwar führt Bagus' messerscharfe, elegante Argumentation immer wieder zu vermeintlich einfachen Schlüssen, die erfrischend schnörkellos, gar lakonisch zur Sprache gebracht werden, etwa: "Im Endeffekt ist das System einfach" (S. 85, den Gelddruck der EZB erklärend) oder 'Frankreich baut sein europäisches Reich, und Deutschland bekommt die Wiedervereinigung"' (S. 23, den zweifelhaften Trade-Off in der Frühphase der Währungsunion). Dennoch macht es sich der Ökonom zu keiner Zeit ZU einfach – zu überzeugend sind die ökonomischen, politischen und historischen Fakten, mit denen er seine Thesen unterfüttert. Dass er, zugegeben, weniger differenziert, bisweilen sogar verschwörungstheoretisch von den Motiven der 'herrschenden Klasse' oder von besagten 'sozialistischen' Visionen spricht, verzeiht man ihm denn auch, verleihen solche Provokationen der Stimme des Autors doch eine angemessene Vehemenz, Passioniertheit und Courage, immer mit Sicherheitsabstand zur Polemik. Solche Qualitäten sind im defensiven, paternalistischen Tonfall derer, die den Euro mit Europa gleichschalten und wahlweise die Komplexität des Systems, den Frieden in Europa oder die Exportabhängigkeit Deutschlands als Feigenblätter für Eigeninteressen wählen, selten geworden.

Auch wenn Tragödien in der Regel böse enden: Sie enden nicht ohne Katharsis. Genau dazu leistet dieses Buch einen unschätzbaren Beitrag.


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