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Rezensionen verfasst von
Bernd Dahlenburg (Bayern)
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Der ewige Sündenbock: Heiliger Krieg, die "Protokolle der Weisen von Zion" und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt
Der ewige Sündenbock: Heiliger Krieg, die "Protokolle der Weisen von Zion" und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt
von Tilman Tarach
  Gebundene Ausgabe

35 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Authentizität, Sorgfalt und Klarheit, 9. November 2009
Eigentlich wäre man beinahe geneigt zu sagen, Tilman Tarach, promovierter Jurist aus Freiburg im Breisgau, habe mit seinem Buch "Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die »Protokolle der Weisen von Zion« und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt" Neuland betreten, denn nur wenige Autoren haben sich bisher der schwierigen Aufgabe gestellt, [...] eines der besten deutschsprachigen Bücher zum Thema Judentum, Antisemitismus, Israel und arabisch-israelischer Konflikt zu schreiben, wie Aviv Shir-On, stellvertretender Generaldirektor für Medien und Öffentlichkeitsarbeit im israelischen Außenministerium, treffend festgestellt hat.

Sich mit einer derartigen Herausforderung zu befassen erfordert mehr als die Inangriffnahme und Überwindung des berühmt-berüchtigten ersten leeren Blattes. Was bei der Lektüre des Buches schon nach wenigen Seiten auffällt ist die immense Sorgfalt und Präzision, mit der Tilman Tarach zu Werke geht, dazu seine instinktsichere Verknüpfung und situative Zusammenführung der historischen Dimension des Antisemitismus speziell in Nahost mit der persönlichen Verstricktheit der Protagonisten.

Exemplarisch sichtbar und konkretisiert wird dies u.a. in der Schilderung der Person des Großmuftis von Jerusalem, Amin el-Hussein, und dessen enger Verbindung zur NS-Führung, seiner Spiegelung des originär islamischen Judenhasses in der nationalsozialistischen Entsprechung und ihrer beider Übereinstimmung im eliminatorischen Antisemitismus. Und hier kommt ein Alleinstellungsmerkmal Tarachs zur Geltung, das nur wenige seiner Kollegen bieten können, nämlich seine überaus kundige und vor allen Dingen gewissenhafte Quellenarbeit.

Sehr überzeugend auch, wie der Autor am Beispiel der Dämonisierung Israels durch die UNO, vieler ihrer Mitgliedstaaten und Unterorganisationen sowie des dubiosen UN-Menschenrechtsrates und des speziell für die Palästinenser installierten UNRWA im Detail aufzeigt, was schon der SPIEGEL-Autor und Publizist Henryk M. Broder in zwingender Klarheit ausgesprochen hatte - nämlich die Projektion des verfolgten einzelnen Juden der NS-Zeit auf die Delegitimierung des jüdischen Staates Israel als Jude unter den Nationen und der Antizionismus als "legitime"Entsprechung des Antisemitismus heute - und nur deshalb weniger verdächtig und salonfähig, weil er meist im Gewande des linken Kulturrelativismus und dialektischen Marxismus daherkommt.

Ein Gegenstand spielt dabei eine zentrale Rolle, der im Zeitalter alltäglicher Medienpräsenz zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Vermengung von linker Sozialromantik mit ihrem neuen Gegenstand der Begierde, nachdem das Lumpenproletariat in der westlichen Welt nicht mehr existiert - nämlich der "entrechteten" und "verfolgten" arabischen Nation und ihrer fanatischen Apologeten. Wie kann man linken Antisemitismus besser kaschieren als mit dem hybriden Anspruch auf den Alleinvertretungsanspruch auf das Soziale und Gerechte, wenn man es am Beispiel der angeblich von Israel unterdrückten Palästinenser demonstriert?

An dieser Stelle zeigt sich übrigens, dass eine mir bekannte Rezensentin wohl einer Fehleinschätzung aufsitzt, wenn sie Tarachs sachlich völlig zutreffenden Hinweis darauf, dass die USA dem jungen jüdischen Staat keine Unterstützung zukommen ließ und z.B. bei der förmlichen Anerkennung Israels der Sowjetunion den Vortritt ließ, ja selbst 1948 Israel in seinem ersten großen Überlebenskampf anfangs in keiner Weise beistand, indirekt als sozialistische Romantisierung der Gründungsphase Israels interpretiert. Tilman Tarach hat dieser Unschärfe entgegengewirkt, indem er klar darauf hinwies, dass die Sowjetunion allein aus praktischem Selbstzweck handelte. Auch hat er die systemimmanenten Ursachen bei den Linken richtig benannt (siehe mein Hinweis im Absatz oben).

Oft verkannt oder unter den Teppich gekehrt wird auch die Tatsache, dass literarische Scheußlichkeiten wie Die Protokolle der Weisen von Zion quer durch alle politischen Reihen und Bevölkerungsschichten einen ungebremsten Zuspruch erfahren. Der Autor geht dieser Frage intensiv nach, und spätestens hier muss sich dem (lernbereiten) Leser erschließen, warum Ultralinke, Nazis und radikale Muslime trotz vordergründiger Unterschiede eine unverrückbare Konstante in der gemeinsamen Schnittmenge "Judenhass" finden.

Von dieser Überlegung ausgehend führt Tarachs Analyse zur Berichterstattung der Medien im aktuellen "Palästina"-Konflikt und einer geradezu ins Groteske verdrehten Journalistenethik, die im Übereifer eines sozialistischen Helfersyndroms Ursache und Wirkung schamlos verdreht und Israel, den einzigen demokratischen Staat in Nahost, nahezu täglich zum Täter abstempelt.

Tilman Tarachs Buch deckt schonungslos Fakten auf (auch was "fromme" christliche Verfehlungen betrifft), und seine Sprache mag bei dem einen oder anderen um etwas mehr emotionale Zurückhaltung bemühten Zeitgenossen vielleicht ein wenig Stirnrunzeln auslösen. Aber das ist bei diesem Buch allenfalls sekundär und meines Erachtens sogar geboten. Der Autor ist ehrlich, überzeugend und geradlinig. Wer Probleme mit der semantischen Etikette hat, sollte sich mit der Süddeutsche Zeitung begnügen. Das Problem dabei ist nur, dass er dort oder bei anderen "Qualitätsblättern" selten reinen Wein zum islamischen oder linken Antisemitismus eingeschenkt bekommt.

"Israelfreunden", die Kritik an israelischen Regierungsentscheidungen mit versteckter Leugnung der Existenzberechtigung des jüdischen Staates verwechseln, ist bei der Lektüre zu wünschen, dass sie neue Einsichten gewinnen und vorherige Fehlschlüsse korrigieren. Für aufrichtige Sucher wird Tilman Tarachs Buch selbstredend ein Gewinn sein.


Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror
Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror
von Henryk M. Broder
  Gebundene Ausgabe

24 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Provokation zur rechten Zeit, 16. November 2002
Henryk M. Broder provoziert und polarisiert. Zu Recht.

Und Provokation ist ja nicht einmal das Schlechteste, wenn man Menschen wachrütteln will.

Dabei ist seine Methode, Zitate aufzugreifen und zu kommentieren, ein sehr probates Mittel, offenzulegen, wie sehr sich manche Kreise der "intellektuellen Elite" in Deutschland in ihrer selbstvergessenen Eitelkeit und ihrem jovialen Dünkel schon Stunden nach dem Anschlag dazu bemüßigt fühlten, zwischen dem Mordanschlag des 11. September und der gefühlten und oft ungerechten Weltwirtschaftsordnung flugs einen unmittelbaren Zusammenhang zu konstruieren, noch während die Menschen der Twin Towers aus den höchsten Stockwerken dem Tode in größter Verzweiflung entgegenstürzten.

Alles, was die USA in den letzen 50 Jahren "verbrochen" haben, wird von sogenannten "Friedensbewegten" nun auf dieses singuläre Ereignis des letzten Jahres bezogen, fokussiert und als quasi stringenter Beleg dafür gewertet, dass die USA letztlich selbst Schuld an ihrem Schicksal trügen.

Hier trifft Broder genau den Nerv derer, die - aus der Distanz gesehen - ja schon immer alles besser wussten, gerade weil sie weit weg vom Geschehen waren und sich in ihrem Kommentarsessel bequem zurücklehnen konnten, während das unfassbare Grauen geschah.

Was ich im zweifellos brillant geschriebenen Buch Broders allerdings ein wenig vermisse, ist der Hinweis darauf, dass es auch Linksintellektuelle gibt, die gleichwohl die Ansichten Broders teilen können, was die unsäglichen Reaktionen mancher Zeitgenossen betrifft, aber dennoch die Verwirklichung einer gerechten Weltordnung nicht aus Blick verlieren wollen. Meiner Meinung nach werden die Stimmen dieser Menschen nur am Rande erwähnt. So könnte der Eindruck entstehen, dass nur die Konservativen die Situation am 11. September richtig eingeschätzt hätten.

Wo er auf jeden Fall ins Schwarze getroffen hat - und das ist wohl die Quintessenz seiner Ausführungen: Auf die Reihenfolge der Aktionen kommt es an: Wenn's schon einmal gekracht hat, dann muss man zuerst den Terror ausmerzen und dann demokratische Aufbauarbeit leisten. Plappern hilft nicht gegen zu allem entschlossene Killer.

Broder entlarvt all diejenigen, die erst scheinheilig die Katastrophe registrieren und dann im Nachhinein "erklären", wie sie sicher vermieden worden wäre: Nämlich in ihrer Post-Interpretation der Vergangenheit.

Aber Historiker will ja jeder einmal spielen..., und sei es auch nur zu dem Zweck, sich damit brüsten zu können, es ja schon immer gewusst zu haben.


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