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Irrungen, Wirrungen: Reclam XL - Text und Kontext
Irrungen, Wirrungen: Reclam XL - Text und Kontext
von Wolf Dieter Hellberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Enttäuschte Lesererwartungen sind spannend!, 16. Mai 2013
Adliger Leutnant und kleine Näherin, eine Liebesgeschichte, die in wilhelminischer Zeit keine Zukunft haben kann, am Ende gar Konfektionsware der Sparte Rührseligkeiten? So sieht's nur auf den ersten Blick aus, denn Fontane verwendet diese klischeeüberfrachteten Versatzstücke, um eine Gesellschaftskritik der etwas anderen Art zu verfassen.
Das Bemerkenswerte an diesem Roman ist nämlich das, was n i c h t passiert: Die unstandesgemäß verliebte Lene wird n i c h t unehrenhaft schwanger, sie stirbt auch n i c h t an gebrochenem Herzen oder der Schwindsucht, sie stürzt sich n i c h t verzweifelt in den Landwehrkanal, endet nicht in Schimpf und Schande, sie entpuppt sich auch nicht im letzten Moment als verloren geglaubte Herzogstochter. Stattdessen macht sie eine "gute Partie". Fontane streut zwar immer wieder Hinweise, die typischen Entwicklungen hätten einleiten können (und sie bei einem schlechteren Autor auch eingeleitet hätten), aber das sind falsche Fährten, deren Bedeutung sich erst vor dem zeitgenössischen Hintergrund klärt. Enttäuschte Lesererwartungen als das eigentliche Spannungsmoment, so könnte man es formulieren.
Die Liebesgeschichte zwischen dem für einen preußischen Offizier der 1870er Jahre erstaunlich geistreichen und unarroganten Botho von Rienäcker und seiner Lene endet vordergründig so, wie man es erwartet: Am Ende heiratet jeder in seinem Stand und trauert der einzigen Liebe nach.

Aber wo der Name "Fontane" draufsteht, ist auch Fontanes Hintersinn drinnen.
Es sind nämlich die vielen kleinen Pointen, die dieser Fontane immer wieder einbaut und die den Roman lesenswert machen: Botho, der sich der Familienfinanzen wegen standesgemäß vermählt, bekommt als Frau genau die Sorte hübscher Kleiderständer, die er zuvor im Kreise der "kleinen Leute" noch wunderbar parodiert hat. In einer anderen Szene nimmt er die Mittagspause der Borsig-Arbeiter von ferne (!) als Idyll wahr -- zu einer Zeit, als Adolph Menzel schon sein "Walzwerk" gemalt hatte! Szenen wie diese gibt es einige -- ihnen gemeinsam ist die Perspektive der "Besseren Gesellschaft", der der realistische Blick der niederen Stände gegenübergestellt wird.
Klar, wen die Militärordnung dazu verdonnert, sich vornehmlich unter seinesgleichen aufzuhalten, dem verstellen am Ende die Klischees den klaren Blick. Und dann kann er jener Borniertheit nicht entgehen, die die Werke von Humboldt und Ranke nassforsch als "reine Abschreibesache" klassifiziert. Der damals sakrosankte Bismarck bekommt auch sein Fett weg -- wie bei Fontane nicht anders zu erwarten. Aber das nur am Rande.
Man kann also sagen, dass Fontane die vielen falschen Fährten in diesem Roman für die Angehörigen eben jener Offizierskaste gelegt hat, deren Borniertheit er ins Visier nimmt, und der Trick ist ihm gelungen: Die zeitgenössische Kritik übersah die Pointe und nannte "Irrungen Wirrungen" allen Ernstes eine "gräßliche Hurengeschichte"... Irrungen und Wirrungen eben, wohin man nur schaut.

Vordergründig also eine tragische Liebesgeschichte von der Stange -- die Spitzen gegen die wilhelminische Ständegesellschaft sind gut versteckt. Aus diesem Grund dürfte "Irrungen Wirrungen" auch heute noch oft als trivial eingestuft werden, denn ohne Kenntnisse über die gesellschaftlichen und historischen Hintergründe bleibt einem die Stoßrichtung verborgen.
Deswegen ist es nachvollziehbar, dass der Reclam-Verlag gerade diesen Roman auch in seiner Reihe "XL Text und Kontext" anbietet. Hinter dem "XL" verbirgt sich: ein erweiterter, benutzerfreundlich textnaher Anmerkungsapparat der bisherigen Reclam-Ausgabe in größerem Format; irgendwo muss man schließlich die Anmerkungen direkt neben dem Text unterbringen können, die bisher im Anhang gestanden sind. Und bereits das gute alte gelbe Heftchen ist ja gut mit Erläuterungen zu Historischem, Dialektspezifischem usw. versorgt.
Dass diese XL-Ausgabe exakt seiten- und zeilenidentisch ist mit der altbekannten "Standardausgabe", nur noch mehr Erklärungen und Erläuterungen liefert, auch themenbezogen neue (z.B. als eigene Abteilung die stadtgeografischen Begriffe des 1870er Berlin) -- nun, das ist so benutzerfreundlich, wie man's gern öfter sähe (die ganz neuen, themenbezogenen Anhangs-Kapitel freilich stehen im Anhang; manche Leute muss man ausdrücklich auf derlei hinweisen).
Will sagen: Gute Idee, gut umgesetzt.


Ich ging nach Rußland. Reisebericht.
Ich ging nach Rußland. Reisebericht.
von Liam O'Flaherty
  Broschiert

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Teilweise fein und gewitzt, teilweise grob und ungenießbar, 14. Mai 2013
Ein aufrechter Sozialist, aufgewachsen im gälischen Teil Irlands, reist anno 1930 in die Sowjetunion. Genauer gesagt, in den europäischen Teil der Sowjetunion, und noch genauer: nach Leningrad (Petersburg), Moskau und die Eisenbahnroute (vom Zug aus) dazwischen. Liam O'Flaherty gehört zu Irlands beliebtesten Autoren seiner Zeit, und wenn man seinen Reisebericht "Ich ging nach Rußland" liest, versteht man, warum: Das liest sich auch in deutscher Übersetzung flüssig und lebhaft. Heinrich Hausers Übersetzung überzeugt en gros et en détail, und zwar nicht nur bei der treffenden Übersetzung des Englisch-Verhaus an Bord eines Russischen Schiffs oder beim Übersetzen von Insider-Phrasen eines "Times"-Korrespondenten.
Man kann zwar nicht behaupten, O'Flaherty berichte unparteiisch, doch der Stil fesselt, ohne billig zu werden. Und etliche Male merkt man: Dieser O'Flaherty kann beobachten, und er findet danach auch die passenden Worte, um diese Beobachtungen für alle Zeit festzuhalten.
Da wäre beispielsweise eine furiose Moskau-Collage, in der er quer durch Moskau wandert, sich unters Volk mischt, rennt, schlendert, ohne Luft zu holen und daher auch, ohne seinen Bericht in Absätze zu gliedern. Er schläft in "alten Klöstern, in Heimen der Kommune, in Neubauwohnungen mit Gemeinschaftsküchen, in Räumen von alten Häusern, die früher Klubs gewesen waren, Palästen und Stadthäusern des Adels". Ein seitenlanger atemloser Bericht, in dem eigentlich kaum etwas geschieht und der die Leser dennoch mitreißt, auch heute noch, gut 80 Jahre später. Das Kapitel heißt dementsprechend "Ich mische mich unter die Massen". O'Flaherty nimmt den sowjetischen Alltag im Zweifelsfalle positiv wahr, aber dennoch entgehen ihm hier die Tücken des realsozialistischen Alltags kaum (in der Sowjetunion zementiert übrigens gerade Stalin seine Macht...).
Seine Fahrt durch die Moskauer Innenstadt etwa mit einem enthusiastischen neuen Freund (im Kap. "Ich bekenne Farbe") ist ganz einfach witzig: Wenn der Genosse Levit sogar ein großes Loch im Straßenboden begeistert kommentiert, während es den Droschkenkutscher saftig fluchen lässt. "'Sehen Sie', rief mein Freund ganz aufgeregt, 'dies Loch war heute morgen noch nicht da, aber im Lauf des Tages ist es schon gemacht worden. Wundervoll!'" Ähnlich unbeeindruckt analysiert O'Flaherty auch einiges anderes, etwa das runtergewirtschaftete Leningrad inclusive kleiner Seitenhiebe wie z.B. diesem: "Nach einer Stunde kam ein Kellner, um unsere Bestellung entgegenzunehmen. Das ist die übliche Zeit, die man auf einen Sowjetkellner warten muß."

Allerdings gilt meine Feststellung, O'Flaherty habe einen scharfen Blick für die Tücken des realsozialistischen Alltags, nicht uneingeschränkt. Allgemein gesagt, ist sein Reisebericht immer dann gut, wenn er beobachtet, ohne seine Weltanschauung glaubt berücksichtigen zu müssen. Aber das geschieht nicht oft genug, leider. Öfter, als es einem glaubwürdigen Reisebericht guttäte, greift er auch daneben, und dann wird der Text mitunter seitenlang ungenießbar. So lässt bereits die Kapitelüberschrift "Juden und Wikinger" (O'Flahertys Reise hat begonnen; das Schiff umrandet Norwegen) nichts Gutes ahnen -- und was nun ein Dutzend Seiten lang folgt, ist brechreizerregend. An dem Juden als solchem lässt er nicht nur in diesem Kapitel kein gutes Haar -- das kommt einem irgendwoher bekannt vor. Gewähren wir Mr O'Flaherty mildernde Umstände, denn 1930 konnte er nicht ahnen, was aus solchem Gequassel bald noch alles gemacht wurde.
Wer das für einen einmaligen Ausrutscher hält, dem beweisen unter anderem eine Verniedlichung der damaligen ukrainischen Hungerkatastrophe ("Sie werden auch finden eine Krisis von Ernährung im Sowjetunion. Alle Nahrung wird ausgeführt, Maschinen zu kaufen für Plan, Zigaretten auch", zitiert er einen begeisterten Schiffsarzt ziemlich naiv) oder -- und da wird's deftig -- eine klischeeüberfrachtete Verteufelung der ach so bösen Polen im letzten Kapitel ("Zurück nach London") das Gegenteil.

Teilweise liest sich Liam O'Flahertys Reisebericht heute noch interessant, und gewiss macht er es sich nicht einfach, versucht auch, so objektiv wie möglich zu berichten. Wenn seine Romane stilistisch ähnlich fein und gleichzeitig messerscharf beobachtet sind, dann lohnt sich bestimmt deren Lektüre. Dieser Reisebericht hingegen... Schlecht ist er nicht. Aber es gibt bessere von anderen Autoren aller möglicher politischer Richtungen -- und zwar in etwa aus demselben Zeitraum.


Dumonts kleines Kräuterlexikon: Anbau, Küche, Kosmetik, Gesundheit
Dumonts kleines Kräuterlexikon: Anbau, Küche, Kosmetik, Gesundheit
von Andrea Rausch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Praktisch, 13. Mai 2013
"Dumonts Kleines Kräuterlexikon", erschienen in der Edition Dörfler, bietet einen praktischen Überblick über die wichtigsten Kräuterpflanzen für Küche und Hausapotheke, die man in unseren Breiten auf dem Fensterbrett oder ggf. Balkon oder Garten ziehen kann. (Ich beziehe mich auf die 2. Auflage von 2005)
Die einzelnen Kräuter, alphabetisch nach ihrem botanischen (= lateinischen) Namen sortiert, werden in bezug auf Herkunft, Merkmale, Sortentipps, Verwendungsmöglichkeiten, verwandte Arten und -- hier wird's für den Praktiker interessant -- Standort, Kultivierung und Ernte auf je vier Seiten vorgestellt. Jeden Haupteintag ergänzt ein Foto von hohem künstlerischem Anspruch und einigermaßen brauchbarem Wiedererkennungswert. Die Ausstattung ist sehr praxisfreundlich: Handlich, robuste Fadenbindung und abwaschbarer Einband.

Gut gelungen sind den Verfasserinnen, Andrea Rausch und Brigitte Lotz, neben der Auswahl der vorgestellten Pflanzen auch die praktischen Tipps zu den einzelnen Pflanzen; das empfiehlt dieses Kräuterlexikon auch für Anfänger. Lediglich Beifuß und Bärlauch hätten sie ausführlicher erwähnen können. Das Vokabular ist anfängerfreundlich, und nur eingefleischte Profis werden Fachbegriffe wie "pikieren" schmerzlich vermissen. Schön auch, dass zu jedem Kraut ein passendes Rezept genannt wird.
Allerdings wäre es für Garten-Anfänger gut zu wissen, welche Kräuter nicht gegen Ungeziefer gefeit sind -- ich sag nur: "Basilikum und Schnecken". Ich fürchte, der ein oder andere Benutzer wird hier aus Schaden klug werden müssen, denn "Dumonts Kleines Lexikon" erwähnt dieses Thema noch nicht einmal.
Ein weiteres, kleineres Manko dieses Kräuterlexikons: Außer den botanischen Namen wird nur noch der "offizielle" deutsche erwähnt -- auch im Register. Maggikraut beispielsweise findet man also ausschließlich unter der Bezeichnung "Liebstöckel" im Register -- es sei denn natürlich, man kennt den botanischen Namen (Levisticum officinale).

Und schließlich bietet man auch noch eine kleine Prise Humors in diesem praktischen Lexikon: Der gute alte Löwenzahn, seines Zeichens hübsch blühende Landplage mit schmackhaften Blättern, wird ausführlich auf vier Seiten vorgestellt; man kann sich also umfassend über seine Pflege und Kultivierung informieren: "Die beste Aussaatzeit erstreckt sich von Mitte bis Ende Mai. Die Keimlinge werden später [...] vereinzelt. Es ist wichtig, regelmäßig zu gießen und zu hacken."
Von kleinen Nachteilen (und der witzigen Löwenzahn-Einlage) abgesehen ein praktisches Handbuch, auch für Anfänger.


Luthers Floh
Luthers Floh
von Ernst W. Heine
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Am witzigsten fand ich Heines Erklärung, warum Schweine nicht koscher sind, 13. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Luthers Floh (Taschenbuch)
Ein Dutzend Randbemerkungen zur Weltgeschichte hat E.W. Heine mit "Luthers Floh" verfasst -- Randbemerkungen, die freilich nicht so bierernst zu nehmen sind, wie der Untertitel "Geschichten aus der Weltgeschichte" scheinbar verkündet. Das Motto auf der ersten Seite allerdings sollte man ernst nehmen -- ernster womöglich als die unterhaltsamen Geschichtchen selber. Da nämlich warnt Heine uns: "Diese Geschichten sind so wahr und so unwahr wie alles, was in unseren Geschichtsbüchern steht." Augenzwinkernd geht's gleich weiter: mit einer höchst anschaulichen volkstümlichen Vorstellung der mittelalterlichen Logik samt Schlussfolgerung. Das mit den tauben Flöhen ist eine Art überschriftloses Vorwort, nehme ich an.
Die ironische Bestätigung des Mottos folgt alsbald, etwa (aber nicht nur) in Sachen allmächtige Luther'sche Eingeweide oder Unbefleckte Empfängnis. Das sind Bravourstreiche der Parodie gut getarnter Pseudowissenschaft. Heine setzt noch einen drauf, etwa wenn er sich als Running Gag vorstellt als einer der jeweils vier hochgelehrten "Experten [...] Ich war einer von ihnen". Und selbstverständlich entdeckten diese mysteriösen Experten Sensationelles, das die Weltgeschichte in neuem Licht erblicken lässt: Sei's Luthers Verdauungsapparats entscheidende Bedeutung für Reformation und Bibelübersetzung, sei's die womöglich doch mögliche Unbefleckte Empfängnis (allerdings mit unerfreulichen Konsequenzen für die Theologie), und sei's noch so einiges.
Auch sonst führt Heine hinterhältig-komisch vor, was passiert, wenn man sich unerbittlich auf eine möglichst absunderliche These stützt und alles ignoriert, was dieser These widersprechen könnte: Mal führt er den irrtümlichen Mythos des kleinwüchsigen Napoleon zurück auf ein zoologisches Missgeschick auf St. Helena ("Das Herz des großen Korsen"), dann wieder inspiriert ein archäologisches Detail auf einem Phönizierschiff zu logischen Rösslsprüngen mit einer witzigen Erläuterung als Ergebnis, warum das Schwein in zwei Weltreligionen unrein ist ("Die Schweine von Marsala").

Immer, wenn Heine mit viel Hintergrundwissen, gewiefter Rhetorik und natürlich stilsicher genau die Mittel ad absurdum führt, die in weniger vertrauenerweckenden Werken nicht umzubringen sind, dann ist er einfach prima.
Nicht ganz so gelungen, aber immer noch gut zu lesen und vor allem informativ, sind die etwas ernster gemeinten (vermute ich) Korrekturen einiger Geschichtsmythen -- allem voran die Richtigstellung in Sachen Götz von Berlichingen. Der war nämlich alles andere als ein bewundernswürdiger Held; hier breitet Heine auf wenigen Seiten die schon lange bekannten Fakten aus und krönt sie mit einer feinen Schlusspointe.
Manchmal allerdings schießt er bei diesem Ziel, der Korrektur zäher Geschichtsmythen, auch übers Ziel hinaus; dann liefert er unfreiwillige Pointen. Eine davon ist "Die viktorianische Panne", genauer gesagt: seine Schlussfolgerung aus allem, was er gerade allerliebst in der viktorianischen Epoche auseinandergefieselt hat. Da nämlich fällt er selber auf den beliebten Irrtum rein, dem zufolge in der Geschichte Ursache und Wirkung stets sauber zu trennen seien, und dass die Regel gelte "Wenn A, dann (und nur dann) auch B" -- und nichts anderes. Stimmt leider nicht -- Geschichte ist ein verflixt eng verflochtenes Netz, in dem alles mit allem zusammenhängt. Indirekt führt Heine in einigen anderen seiner Geschichten vor, was passiert, wenn man das nicht berücksichtigt.
Der peinlichste Griff ins Klo allerdings ist sein etwas einseitig geratener Blick auf "Caesars Kneippkur". Nicht, dass Caesar nicht zu kritisieren wäre, das gewiss nicht. Aber erstens widerspricht Heine sich hier selber, wenn er zunächst drauf hinweist, dass antike Zahlenangaben oft ein wenig übertrieben sind, und kurz drauf Plutarchs Zahlenangaben wörtlich nimmt. Auch seine Parallelschlüsse sind nicht koscher. Viel schlimmer ist jedoch der dritte Missgriff -- mit wem und wie er Caesar da allen Ernstes vergleicht, dahinter vermute ich höflicherweise einen misslungenen Scherz. Daneben ist das aber allemal -- ob ernst oder parodistisch gemeint.

Auch wenn meine Kritik ernst gemeint ist: Die meisten dieser ca. zehn Seiten langen "Geschichten aus der Weltgeschichte" lesen sich allerliebst; sie eignen sich gut als literarische Zwischenmahlzeiten. E.W. Heine trifft meist haargenau den richtigen Ton jenes Genres, das er hier parodiert oder gelegentlich auch (mehr oder weniger gelungen) revidiert. Dass er einmal danebenlangt, vermutlich ohne böse Absicht (ist nur meine Vermutung!) -- nothing is perfect!


Wer ermordete Mozart? Wer enthauptete Haydn?
Wer ermordete Mozart? Wer enthauptete Haydn?
von Ernst W. Heine
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mordsmäßig gut, 9. Mai 2013
Zwar stimmt der Untertitel -- "Mordgeschichten für Musikfreunde" -- in mehrerer Hinsicht nicht ganz, bei den meisten der sechs Prominenten war nie von Mord die Rede. Und wenn doch, dann halten die Mordgerüchte dem Vergleich mit der Wirklichkeit nicht stand. In der Erzählung rund um Berlioz geht's sogar um dessen spektakuläre (musikalische) Wiederauferstehung. Aber wer seinen E.W. Heine kennt, der weiß sowieso: Der Titel hat einen doppelten Boden; dieser Autor spielt mit seinen Geschichten auf allen möglichen Ebenen. Jedenfalls tut er das, wenn er in Form ist. Und hier, anno 1984, war er in Form und spielt mit seinen Lesern, dass es diesen Lesern gelegentlich beinah schwindlig wird.
Sechs Detektivgeschichten mit realem Hintergrund und prominenten Opfern (im weitesten Sinne der Bedeutung) samt nicht minder berühmten Nebenfiguren präsentiert einem dieser Herr Ernst Wilhelm Heine: Es geht um den wohl doch nicht ermordeten Wolfgang Amadeus Mozart, den posthum enthaupteten Joseph Haydn, den laut Autor diabolischen Virtuosen Niccolò Paganini, den geretteten Hector Berlioz und die verunglückte Isadora Duncan.

Heine schreibt ohne Schnickschnack, ohne pseudohistorischen Schmonz, stattdessen stilsicher und lebhaft. So mag ich meine Krimis. Damit nicht genug: In die akkuraten Erzählungen flicht Heine noch jede Menge schmackhafte Virtuosi jener Art ein, wie man sie immer wieder gern hört -- vorausgesetzt, der Komponi... pardon, Erzähler übertreibt's nicht mit den virtuosen Alkovenhistörchen. Und dieser Erzähler bleibt schwindelfrei im literarischen Gleichgewicht; er baut seine Intermezzi haargenau richtig ein.
So erfährt man Interessantes nebenbei: Mozart war mit dem universalgenialen Sohn von Kaiserin Maria Theresas Leibarzt eng befreundet; in Heines Theorie in Sachen "wie und warum starb Mozart so?" spielt das eine wichtige Rolle... Wenn Tschaikowski an Typhus starb -- wieso hielt sich dann keiner wenigstens teilweise an die vielen hygienischen Vorschriften? Wer griff Berlioz im entscheidenden Moment so herzhaft finanziell unter die Arme, und wieso tat das jener "Erfinder der Public Relation, der schon 1838 die Hollywood-Maxime erkannt hatte: Zum Star wird man nicht aus eigener Kraft, zum Star wird man gemacht"?

Kurz: Da macht das Lesen Spaß, wenn E.W. Heine das scheinbar in der Erden fest gemauerte Gemeingut gegen den Strich bürstet. Dass er ebenfalls gelegentlich danebenlangt, sich allzu ausschließlich auf ein, zwei Biographien stützt oder Legenden mit Tatsachen verwechselt -- was soll's.
Beispiele gefällig für meine freche Randbemerkung? -- Wohlan: Isadora Duncans Schicksalsauto war ausnahmsweise kein Bugatti, sondern ein Amilcar. Dass Tschaikowski schwul war, war vielleicht 1984 noch eine sensationelle Entdeckung -- heute ist's Allgemeinwissen. Die Gerüchte um den angeblich ach so missgünstigen Antonio Salieri... nun, da haben die Leute irgendwann Puschkins Einakter "Mozart und Salieri" allzu wörtlich genommen (übrigens waren Heines musikalische Detektivgeschichten noch vor Miloš Formans Verfilmung von Peter Shaffers Drama "Amadeus" erschienen, und das wiederum basierte auf Puschkins wenigen Seiten). Und dass beispielsweise Paganinis "spinnenartige Finger" mitentscheidend waren für dessen virtuoses Spiel, widerspricht dem unwiderlegbaren Gipsabdruck von dessen rechter Hand... Vielleicht hat dieser geniale Violinist ganz einfach die Verwendung der Saitenspannung und noch so einiges (ich bin Laie und denke laienhaft) bis ins letzte Detail ausbaldowert?
Vermutlich fällt Fachleuten noch mehr Unausgegorenes auf beim Lesen -- aber ich finde, darum geht's hier nicht.
In einem Fachbuch wär's freilich ärgerlich. Aber hier liest man "Mordgeschichten" -- man könnte auch sagen "mordsmäßig gute Mordsgeschichten". Und darum macht das Lesen auch mordsmäßig Spaß -- sogar dann, wenn man nicht allzu musikalisch ist.


Unterm Birnbaum
Unterm Birnbaum
von Theodor Fontane
  Broschiert

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ick wet joa: de Giebelstuw'..., 8. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Unterm Birnbaum (Broschiert)
Es beginnt so, wie gediegene Kriminalromane zu beginnen pflegen: Zum nicht allzu vorbildlichen Ehepaar Abel und Ursel Hradscheck, Besitzer eines hoffnungslos überschuldeten Kramladens mit angeschlossenem Gasthaus, kommt ein höchst unwillkommener Besucher, nämlich der Beauftragte ihres Hauptgläubigers. Leichtsinnigerweise übernachtet er bei den Hradschecks; dieses widerwärtige Novemberwetter im Oderbruch aber auch... Bleibt tags drauf die Frage: Wo ist die Leiche?
Ein stimmiger Lokalkrimi mit exakt recherchiertem historischem Hintergrund, dessen Haupt- und Nebenfiguren unverwechselbaren Charakter haben. Wieder einmal zeichnet Fontane hier mit Worten. Diesmal breitet er ein Bild aus von einem Dorf im Oderbruch Mitte des 19. Jahrhunderts -- nicht weit entfernt von Berlin, merkt man irgendwann verblüfft, denn diese Tetschiner leben in einer völlig anderen Welt. Die verschiedenen Charakterköpfe, die man so nach und nach mit all ihren Verschrobenheiten genau kennenlernt, dazu die Dorfgemeinschaft, die sich aus der Nähe betrachtet als nicht so idyllisch entpuppt, wie uns einige zeitgenössische Gemälde zu erzählen scheinen -- all das erzählt Fontane kurz und doch detailliert. Diese präzisen Milieuschilderungen lesen sich ebenso spannend wie die "eigentliche" Krimihandlung von "Unterm Birnbaum" -- mindestens ebenso spannend.

"Unterm Birnbaum", das ist aber auch ein Krimi, in dem einem der Mörder sogar manchmal irgendwie bekannt* vorkommt. Dabei mordet er kaltschnäuzig, als sich ihm die unerwartete günstige Gelegenheit bietet, und beinahe wäre ihm das kriminelle Versteckspiel gelungen. Und gewiss ist er kein Sympathieträger: Er spielt und säuft ("trinkt" wäre allzu höflich formuliert), und verschlagen ist er obendrein. Aber von dieser Sorte gibt's viele, die deswegen noch lange niemanden umbringen... Was seine Gattin und Komplizin angeht: Sie hat zwar ein Gewissen, aber kein unüberwindbares.
Liest man genau, wie Fontane uns die Dorfbewohner ausführlich und geschickt aus verschiedenen Perspektiven vorstellt (genauer gesagt: den Dorfbewohnern Gelegenheit gibt, sich uns nach und nach von allen Seiten vorzustellen, ohne es zu merken), so beginnt man zu grübeln: Unterscheidet sich dieser Abel Hradscheck tatsächlich von den meisten anderen? Vom Ölmüller Quaas oder Pastor Eccelius, vom Ladenjungen Ede, Dorfschulzen Woytasch und vielen anderen? Eine Milieuschilderung der Spitzenkategorie, wie gesagt.

Der Leser-Verblüffung noch immer kein Ende: Man ahnt schon, noch bevor es richtig losgeht, dass da metaphorische Gewitterwolken über dem Oderbruch-Dorf Tschechin hängen, noch während der Inhaber des Gasthauses und Materialwarengeschäfts Hradscheck wie jeder andere seines Standes einen Wagen Rapssäcke verkauft. Man ahnt es noch mehr, wenn man zum ersten Mal ihn und seine Gattin näher kennenlernt -- ein vertrackt ineinander verliebtes (im weitesten Sinne des Wortes) Ehepaar, mit tausendundeinem Missverständnis zweier höchst verschiedener Charaktere, und außerdem haben sie beide in jungen Jahren nicht ganz das getan, was dem Anstand entsprochen hätte. Sie unterscheiden sich und hängen doch aneinander, und vor allem unterscheiden sie sich, wenn's drum geht, gute Nerven zu bewahren -- so scheint es zunächst.
Wie Fontane das alles anhand von Kleinigkeiten ausbreitet, das allein schon fesselt. Man hat die Szene stets vor Augen, und zwar bis in die kleinste verhutzelte Malvasierbirne (auch "Franzosenbirne" genannt -- den handfesten Grund für die ehrerbietige Umbenennung erfahren wir bald).
Die eigentlich absehbare Handlung fesselt also, und ebenso fesselnd sind all die Details. Erstrecht fesselt ihr Ergebnis: Eine treffsichere Milieuschilderung, dazu all diese Charakterköpfe... und dann die feinziselierten Haupt- und Nebenhandlungen, inclusive dem zwischenzeitlichen Irrweg des Lesers in Sachen "Wo haben sie die Leiche verscharrt?".
Freilich ist "Unterm Birnbaum" kein Whodunnit: Wer da mit welchem Mordmotiv den Herrn Szulski aus Krakau (vor dem Polnischen Aufstand 1831 hieß er "Schulz" -- Fontanes Frotzeleien sind feinziseliert) gemordet hat, und wie die Hradschecks den Mord inclusive Alibi ausbaldowert haben, das ist dem Leser längst klar, während vor Ort allenfalls die alte Jeschke, "die alte Hex'", mysteriöse Zusammenhänge orakelt und das Entscheidende für sich behält.

Wem's freilich schwerfällt, Plattdeutsch zu verstehen, dem dürfte das Lesen von "Unterm Birnbaum" schwerfallen. Denn das sollte man schon lesen können, was da alles geredet und gemauschelt und gemunkelt und laut oder leise gedacht wird, und sich die Sprecher vorstellen und vor allem den mitunter höchst doppelbödigen Plausch genießen können. Fontane lässt sie ausgiebig zu Wort kommen, die Haupt- und Nebenfiguren, und zwar so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dafür lernt man so nebenbei viele schöne neue bzw. alte Wörter: Tüffeln, kumpafel, Trumeau... und noch so einige. In den Anmerkungen werden sie zum Glück übersetzt. Ein klein wenig Geschichtsunterricht gibt's gratis dazu, insbesondere in Sachen Polnischer Aufstand 1831.
Zwar geizt der Anmerkungsapparat der Reclam-Ausgabe mit hochdeutschen Übersetzungen ganzer plattdeutscher Sätze, aber vermutlich wären Sätze wie dieser "übersetzt" auch nur halb so schön: "Joa, blot Se, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de Stuw'. Un dat Felleisen besorg ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ick wet joa: de Giebelstuw', de geele, de noah de Kegelboahn to." Sätze dieser Art in dieser Sprache liest man viele. Und es macht Spaß, sie zu lesen, wenn man nur ein wenig Gespür dafür hat. So unverständlich ist diese eng mit dem Deutschen verwandte Fremdsprache nämlich garnicht. Bevor ich's vergesse: Die "Giebelstuw'" wird am Ende noch eine wichtige Rolle spielen, und ebenso ihr architektonisches Gegenstück...

* Nein, ich kenne keine Mörder. Hoffentlich nicht.


Kein Titel verfügbar

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ihm nach, lieber Leser!, 3. Mai 2013
Ich wäre ratlos, wenn ich meine zehn Lieblingsbücher aufzählen sollte -- mindestens 500 sollten es schon sein, die ich auf die einsame Insel mitnehmen dürfte. Aber man könnte mich fragen, ob Bulgakovs "Master i Margarita" mit an Bord wäre, denn darauf würde ich sofort mit "ja" antworten.
In diesem Roman kommt unendlich vieles zusammen, und man kann ihn auf unendlich viele Arten lesen: Als bitterböse Satire auf Stalins Staat und als philosophische Abhandlung, als phantastische Abenteuer- oder Spukgeschichte, als die ultimative Liebesgeschichte schlechthin... und diese Aufzählung ist längst nicht vollständig.

Moskau, Ende der 1920er Jahre. Karwoche. Es treten auf: der Teufel Voland persönlich samt Kater Begemot (= Behemoth) und alttestamentarischem Dienstpersonal, der in der Karfreitagnacht einen gediegenen Hexenball veranstalten will. Bis es dazu kommt, ist in Moskau buchstäblich der Teufel los, und Funktionäre (insbesondere die regimekonformen Literaten), Denunzianten und Mitläufer bekommen gründlich ihr Fett weg. Bereits der Romananfang bei den idyllischen Patriarchen-Teichen ist ein satirisches Meisterwerk, das auf allen denkbaren Ebenen zuschlägt. Bulgakov scheint hier die alte Regisseur-Weisheit in die Literatur umzusetzen, wonach man eine Filmhandlung mit einem Erdbeben zu beginnen und dann allmählich zu steigern habe. Doch ist der satirische Rundumschlag nur einer unter vielen Aspekten dieses Jahrhundert-Romans.
Eigentlich geht es nämlich um Margarita und um ihre Liebe zum Meister, um die beiden Ausnahmegestalten im Roman; sie sind die einzigen Menschen, denen der Teufel nicht übel mitspielt, sondern denen er hilft. Margarita sucht verzweifelt ihren Geliebten, den Meister, der einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, nachdem Literaturfunktionäre sein Werk als kontrarevolutionär gebrandmarkt haben (unter Stalins Regime schon zu 99% ein Todesurteil). Das Manuskript, ein philosophisch angelegter Pilatus-Roman, in dem es um die zentralen Themen Macht, Wahrheit und Wahrhaftigkeit geht, hat der Meister verbrannt, und nun befindet er sich in einer Nervenheilsanstalt. Um ihn wiederzufinden, willigt Margarita ein, auf einem Hexenball von Dante'schen Ausmaßen als Gastgeberin aufzutreten. Jetzt geht die Suche nach dem Meister weiter, auf allen Ebenen...

Den verschiedenen Handlungs- und Stilebenen in "Master i Margarita" entspricht der Aufbau des Romans; meist wechselt von Kapitel zu Kapitel der Schauplatz: Von Stalins Moskau nach Jerusalem um 33 n.Chr., vom teuflischen Generalangriff auf realsozialistische Verlogenheit hin zur Wahrhaftigkeit Margaritas und zum philosophischen Disput zwischen Pontius Pilatus und Jeschua ha-Nasri (d.i. Jesus von Nazareth) als Roman im Roman. Trotz der deutlichen Schnitte ist die Handlung nicht zusammenhanglos; ein dichtes Geflecht aus Motiven, parallel gestalteter Figuren und Handlungen verbindet die Handlungsstränge zu einem in sich ruhenden Ganzen.

Auch wenn es eine gute deutsche Übersetzung von Thomas Reschke gibt (die neue Übersetzung von Alexander Nitzberg kenne ich nur vom Hörensagen, kann also nichts darüber sagen), so sollte doch, wer genügend Russisch kann, wenigstens die Teile des Romans im Original lesen, die in Moskau spielen.Das lohnt sich schon der vielen Wortspiele wegen, an denen auch der beste Übersetzer mitunter scheitern muss (die Teile, die im Jerusalem um 33 n.Chr. spielen, sind schon wegen des Vokabulars mitunter ein Hürdenlauf auch für Leser mit guten Russischkenntnissen). Einfachheitshalber kann sich ja die deutsche Übersetzung seiner Wahl in Reichweite legen.


Das unvollendete Bildnis
Das unvollendete Bildnis
von Agatha Christie
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Und es gab doch einen Tatzeugen!, 30. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Das unvollendete Bildnis (Taschenbuch)
Ein Fall, maßgeschneidert für Hercule Poirots graue Zellen: Er soll ein 16 Jahre zurückliegendes Gerichtsurteil revidieren. Also gibt also ganz gewiss keinen Grund für ihn, sich "zu bücken, um Fußabdrücke zu messen oder Zigarettenstummel aufzulesen oder niedergetretenes Gras zu studieren". Der Fall schien damals klar gewesen zu sein: Caroline Crale soll ihren notorisch untreuen Gatten Amyas, einen genialen Maler mit den üblichen Künstlerallüren, durch Gift ermordet haben. Die damaligen Aussagen der fünf Zeugen scheinen keinen anderen Schluss zuzulassen, obwohl oder auch gerade weil einige von ihnen aus ihrer Sympathie für die gedemütigte Gattin keinen Hehl machen. Andere wiederum stellen sie als rachsüchtiges Biest hin. Die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilte Frau beging bald darauf Selbstmord, kann also auch nicht mehr befragt werden.
Aber nun ist die damals fünfjährige Tochter der beiden volljährig. Sie bezweifelt das damalige Urteil und beauftragt Poirot damit, die Wahrheit herauszufinden. Für den ist das ein gefundenes Fressen: Einige der damaligen Staatsanwälte, Verteidiger und Richter sowie alle fünf Zeugen leben noch und können nun in ihren Erinnerungsarchiven stöbern, und da kommt so einiges Interessantes zutage.

Der Aufbau von "Das unvollendete Bildnis" folgt Poirots logischem Vorgehen: In einer Art Vorspiel auf dem Theater vernimmt er zunächst die scheinbar weniger wichtigen, in Wirklichkeit aber glaubwürdigsten Zeugen: Er wendet sich an die Juristen und Polizeibeamten von damals, deren Aussagen zwar subjektiv gefiltert sind, aber das gilt bekanntlich für jede Aussage. Im Gegensatz zu den fünf "wichtigen" Zeugen (der Originaltitel lautet, in Anlehnung an einen Kinderreim, bezeichnenderweise "Five Little Pigs") sind bei diesen Zeugen nämlich keine eigenen Interessen im Spiel.
Danach geht's ans Eingemachte: Monsieur Poirot umgarnt die fünf "wichtigen Zeugen", unter denen sich, wenn die Tochter rechthat mit ihren Zweifeln, der tatsächliche Mörder zu finden sein muss. Jeder berichtet, so gut er's vermag, alles, woran er sich noch erinnern kann, und liefert außerdem einen schriftlichen Bericht nach. Im Stil dieser schriftlichen Rapports bekommt man noch einmal so richtig schön die Charaktere vorgeführt.
Wie so oft bei Agatha Christie haben diese Aussagen einen doppelten Boden, denn jeder der fünf hat etwas zu verbergen, ohne deswegen gleich der Mörder zu sein. Aber freilich will jeder sich möglichst in gutem Licht darstellen, was wiederum dazu führt, dass Poirot, vor allem aber der Leser zunächst ratlos vor zahlreichen vielversprechenden Fährten steht und alle drei Seiten ein neues Mordmotiv zu erspähen glaubt. Die Frage lautet daher: Welcher doppelte Boden ist der gesuchte? Oder anders formuliert: Wessen Selbstinszenierung ist nicht koscher, wessen Lügen sind nicht harmlos? Und warum verhielt sich die Angeklagte damals vor Gericht so eigenartig passiv?

Jetzt will ich zwar nicht angeben, aber -- doch, ich will ein klein wenig angeben. Diesmal war ich sogar schneller als Poirot. Wenn ich verrate, dass bereits in den Kapiteln 2, 4 und 6 des ersten Buches das angebliche ursprüngliche Mordmotiv widerlegt wird, wenn man einfach die Aussagen gegeneinander abgleicht, dann verrate ich noch keine Lösung und nehme auch niemandem die Spannung. Ich darf aus demselben Grund sogar andeuten, dass es einen weiteren Zeugen gibt, einen (freilich ahnungslosen) Tatzeugen sogar, den aber keiner auf der Liste hatte. Das gilt auch für den folgenden Hinweis: Die Auflösung des Falles hat nichts mit subtiler Psychologie zu tun, sondern mit strenger Logik, genauer: mit der gewissenhaften Unterscheidung zwischen den Fakten und deren Darstellung, beziehungsweise deren unbewusster Interpretation durch Zeugen. Genau deswegen hat mir die Lektüre auch einen Heidenspaß gemacht, obwohl das Bild immer klarer wurde und das Rätsel längst gelöst war: "Das unvollendete Bildnis" ist nämlich auch ein amüsantes Lehrstück in Sachen "Man lasse sich keine Interpretation aufnötigen, auch nicht von Leuten, die selber garnicht merken, dass sie einem eine Interpretation aufnötigen". Oder so ähnlich.
Wie gesagt: Ich hätte dennoch nie im Leben vor der letzten Seite aufgehört zu lesen, schon weil es ein Vergnügen ist, Poirot bei der Ermittlung zuzuschauen. Mal ganz abgesehen davon, dass man sich bei Dame Agatha nie ganz sicher sein sollte, bevor man nicht den allerletzten Satz gelesen hat.


Die Wachtmeister-Studer-Romane: Schlumpf Erwin Mord (Wachtmeister Studer) - Matto regiert - Die Fieberkurve - Der Chinese - Die Speiche (Krock & Co.) - Der Tee der drei alten Damen
Die Wachtmeister-Studer-Romane: Schlumpf Erwin Mord (Wachtmeister Studer) - Matto regiert - Die Fieberkurve - Der Chinese - Die Speiche (Krock & Co.) - Der Tee der drei alten Damen
von Friedrich Glauser
  Broschiert

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geographische und seelische Abgründe mit Charakter, 29. April 2013
Wem irgendein Werk von Friedrich Glauser (1896-1938) im allgemeinen, insbesondere einer seiner Studer-Krimis gefällt, dem wage ich zu prophezeien: Ihnen gefallen die anderen vier Studer-Krimis mindestens genauso gut wie der, den Sie gerade gelesen haben. Da bietet sich doch die Kassette mit allen fünf Studer-Krimis förmlich an; zumal, da sie als Zugabe noch den herrlichsten und gelungensten misslungenen Krimi aller Zeiten als Zugabe enthält, nämlich den studerlosen "Tee der drei alten Damen".
Obendrein handelt es sich bei dieser Kassette, die ich enthusiastisch empfehle, um die vorbildlichen Editionen des Unions-Verlag. Und die orientieren sich an den Erstausgaben, enthalten die vollständigen Originaltexte inclusive der vielen Textvarianten (letztere im Anhang), kennzeichnen im Anhang auch jene Passagen, die im Verlauf der Editionsgeschichte von fremder Hand geändert oder gestrichen wurden. Sie sind nicht nur vollständig, sondern auch von den Herausgebern hervorragend kommentiert, und in den Nachworten erfährt man Spannendes zu Hintergründen, autobiographischen Bezügen und Editionsgeschichte.

Die Kassette enthält also alle sechs Krimi-Romane von Friedrich Glauser: die fünf Romane um den Wachtmeister Studer "Schlumpf Erwin Mord" (auch bekannt als "Wachtmeister Studer"), "Matto regiert", "Die Speiche" (auch: "Krock & Co"), "Die Fieberkurve", "Der Chinese", und außerdem den "Tee der drei alten Damen" (ohne Studer). Nicht enthalten sind Glausers Krimi-Erzählungen mit und ohne den Studer; sie sind über das vierbändige "Erzählerische Werk" verstreut.

Friedrich Glauser nennt man oft den Schweizer Georges Simenon. Mit Simenon teilt Glauser den Sinn fürs Abgründige und die Fähigkeit, in wenigen Sätzen ganze Welten vor des Lesers Augen erstehen zu lassen, und sein Wachtmeister Studer erinnert ein wenig an Maigret, freilich ohne Simenon zu plagiieren: Studer ist einer, der seiner selbst nicht recht sicher ist, der sich bei jedem Fall erst einmal hineintasten muss in die Atmosphäre.
Der Wachtmeister Studer ist zäh: Kein strahlender Superdetektiv, sondern ein unermüdlicher Wühler, nur scheinbar schwerfällig; einer, der sich so schnell nicht abfertigen lässt. Er weiß, wie er die Leute zu nehmen hat: zögerliche Beamte, entlassene Sträflinge, Patienten in der Nervenheilanstalt, Fremdenlegions-Kommandeure, Armenhäusler -- diesem Ermittler ist nichts Menschliches fremd.
Dabei hat er durchaus Sinn für die Komik, die sich in einer tragischen Situation verbergen kann. Glausers Krimis beziehen ihre Spannung nicht aus wildem Aktionismus, sondern aus dem Kontrast zwischen der meist ländlichen Schweiz der 1930er Jahre und der authentischen Schilderung ihrer Bewohner einerseits, und Studers Reflexion andererseits.
Kaum zu übertreffen sind vor allem Glausers hingetupfte Figuren- und Milieuschilderungen. Sie lassen eine Atmosphäre erstehen, in der man Armut, Ausweglosigkeit, Spießigkeit und Korruption förmlich riechen, fast mit Händen greifen kann. Vor allem "Schlumpf Erwin Mord" und "Der Chinese" sind frühe Meilensteine des sozialkritischen Krimis. Glauser kennt all die "Atmosphären", in denen seine Romane spielen, und ihre Bewohner nur zu genau aus eigener Erfahrung.

Zu den einzelnen Romanen:

In "Schlumpf Erwin Mord" wird ein etwas heruntergekommener Handelsvertreter in der Nähe seines Heimatdorfes Gerzenstein erschossen aufgefunden, ausgeraubt hat man ihn anscheinend auch. Einen Tag später greift man den vorbestraften Erwin Schlumpf mit viel Geld auf -- der Fall scheint klar. Und nachdem Schlumpf noch in seiner Zelle einen Selbstmordversuch unternimmt und nur dank Studers Intuition gerettet wird, scheint der Fall noch klarer... Klar für alle, nur nicht für den Wachtmeister Studer, denn der glaubt Schlumpfs Unschuldsbeteuerungen, und er macht sich auf den Weg nach Gerzenstein, aufs Land, und wagt beharrlich den Blick hinter die Fassaden.

"Matto regiert" hat einen höchst ungewöhnlichen Schauplatz -- Studer ermittelt diesmal in einer psychiatrischen Klinik. Eine Umgebung, die Glauser aus leidvoller eigener Erfahrung bestens kannte. Vermutlich hat er mit Bedacht ausdrücklich erklärt, "Matto regiert" sei kein Schlüsselroman.
"Matto", das ist der Name, den ein literarisch begabter Patient dem allgegenwärtigen Wahnsinn gegeben hat. Und der Wahnsinn namens Matto ist wahrlich keine abstrakte Größe, sondern nimmt vielerlei konkrete Gestalten an: Ist es der ehrgeizige Assistenzarzt, der bei seinen Therapien eine Sterblichkeitsrate von 5% hinnimmt? Ist es ein verzweifelter Hilfsarbeiter, der aus Armut sein eigenes Kind umbringt? Wie "normal" ist ein leicht seniler Direktor, der aus falscher Loyalität das Leben eines Patienten ruiniert? Und wie steht es mit dem organisierten Wahnsinn, der 1935 im Nachbarland Deutschland immer konkretere Form annimmt? -- Mattos Reich hat seine eigenen Gesetze, denen Studer erst einmal nachspüren muss. Immer wieder stellt sich ihm die Frage, wo Mattos Reich beginnt. Studer wird selbst in die Handlung verstrickt; auch er bleibt nicht ohne Schuld, wenngleich er nicht daran denkt, den ersten Stein zu werfen.
Selten wurden in der deutschsprachigen Literatur derartig subtil die Grenzen und Spielarten des Wahnsinns ausgelotet, die Frage nach der Normalität gestellt.

"Die Speiche" ist ein bedächtiger Krimi, der seine Leser mitnimmt in das Appenzeller Bergland, zu seinen Bewohnern und ihrem harten Leben. Studer hat dort soeben die Hochzeit seiner Tochter gefeiert -- und jetzt steht er vor der Leiche eines Hotelgastes, der auf höchst spektakuläre Weise mit einer angefeilten Fahrradspeiche erstochen wurde. Es gibt jede Menge Verdächtige, viel Ungereimtes, und eigenartige Gäste tauchen plötzlich im Hotel auf. Jeder, ob verdächtig oder nicht, hat etwas zu verbergen, und Studers Menschenkenntnis führt ihn am Ende doch zum Ziel -- aber zuerst muss er geographische und seelische Abgründe ausleuchten. Dieser Krimi wäre sogar spannend, wenn darin nichts geschähe.

In der "Fieberkurve" geht es nicht nur die Aufklärung zweier aktueller und eines lange vergangenen ungeklärten Todesfalles -- es geht auch um Studers unerfüllte Jugendträume (gerade ist er Großvater geworden): Ein Teil der Handlung spielt im Maghreb, bei der Fremdenlegion.
Studer wird ein eigenartiger Geistlicher vorgestellt, dem in einem Fremdenlegion-Posten ein "Hellseherkorporal" zwei Morde prophezeite. Bald lernt noch Studer ein junges Mädchen kennen, das seine väterlichen Gefühle weckt -- auch sie ist in den Fall verwickelt. Er findet heraus, dass es um viel Geld geht -- und darum, dass nicht alle Beteiligten das sind, das sie scheinen.
Trotz der spektakulären Handlungselemente ist "Die Fieberkurve" kein Reißer. Im Gegenteil: Studer interessiert sich vor allem für die Geschicke der Beteiligten, hat ein Gespür für die schicksalgeschlagenen Pechvögel, und er legt eine unglaubliche Empathie an den Tag: "Zuerst und vor allem hatte man sich in die g'spässigen Verhältnisse der Familie Cleman einzuleben. Ja! Einzuleben!", überlegt er einmal, und eine unglaublich dichte, mit verblüffenden Assoziationsketten gespickte Wachtraum-Sequenz mitten im Buch wird sein weiteres Vorgehen bestimmen.

"Der Chinese", Glausers vielleicht ausgefeiltester Krimi, spielt in einer Schweiz, die man in keinem Reiseführer findet: in der Schweiz der Erniedrigten und Beleidigten. Studer ermittelt in einem Provinznest, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Jetzt aber gibt es drei markante Orte im Dorf oder, wie es Studer nennt, "drei Atmosphären": Dorfwirtschaft, Gartenbauschule und Armenanstalt. Über alledem liegt ein dichtes, schier undurchdringliches Netz aus kleinbürgerlicher Vetternwirtschaft. Der Außenseiter Studer ist selber ein Erniedrigter; degradiert, weil er vor Jahren einmal nicht "mitgespielt" hat. Die Chance, es wenigstens einmal der allgegenwärtigen Vetternwirtschaft mit ihrer Hochnäsigkeit heimzuzahlen, lockt ihn, und wem seine Sympathien gelten, ist ebenfalls klar.
Am Ende muss Studer mehr Morde klären, als anfangs überhaupt festgestellt wurden.

Die Begeisterung gilt auch für den einzigen Krimi, der ohne "den Studer" auskommen muss: "Der Tee der drei alten Damen" ist ein Spionage- und Kolportageroman und gleichzeitig eine mit allen Wassern gewaschene Parodie auf diese Genres, und außerdem ein grandioses Sittenbild der ganz eigenen Atmosphäre im Genf der 20er Jahre. Der Roman hat, im Gegensatz zu den späteren Krimis, noch einige kleinere Schwächen im Aufbau, jongliert aber schwindelfrei mit so grundverschiedenen Versatzstücken wie z.B. großangelegten Geheimdienst-Machenschaften, Giftmorden, Rauschgift, abseitigen Spiritistenkreisen und Psychiatrie. Eine Krimi-Zugabe, die zu lesen sich lohnt.

Was die komplette Kassette angeht: Eine uneingeschränkte Empfehlung -- so viel authentischen Glauser gibt's so schnell nicht noch einmal. Wer Krimis mit viel Atmosphäre und tiefen Einblicken in seelische Abgründe liebt und nicht auf jeder Seite neue "action" braucht, der sollte zugreifen, zumal weil man sehr schnell Glauser-abhängig werden kann.


Asterix und seine Zeit: Die große Welt des kleinen Galliers
Asterix und seine Zeit: Die große Welt des kleinen Galliers
von Kai Brodersen
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Delectare et prodesse -- fürwahr!, 29. April 2013
Endlich geben sie's zu, die Altphilologen, Historiker, Archäologen und Konsorten: Sie lesen "Asterix", alle, durch die Bank alle, und sie kennen ihn erstaunlich gut -- wahrscheinlich haben sie während der letzten Fachtagung heimlich das ein oder andere Heft unter der Bank gelesen. Und da sie allesamt Wissenschaftler sind, haben ihnen der kleine Gallier und sein "etwas untersetzter" Freund Obelix neue Erkenntnisse eröffnet. Manche dieser Erkenntnisse sind dermaßen spektakulär, dass die einschlägigen Disziplinen ihre ehrwürdigen Standardwerke umschreiben müssen. Einstweilen aber sind diese vielen kleinen Perlen ernsthafter Wissenschaft, unernster Selbstironie und feixender Wissenschaftssatire in diesem Band nachzulesen, dessen Herausgeber Kai Brodersen selber fleißig mitgemischt hat.
"Asterix und seine Zeit" enthält neben ernstgemeinten, informativen Beiträgen über das historische Umfeld vor allem jede Menge Beweise dafür, dass die Geschichtswissenschaft und ihre Teildisziplinen nicht so bierernst sein müssen, wie sie mitunter daherzukommen scheinen. Was Satire ist oder Parodie und was nicht, wird der Leser bestimmt selber herausfinden und dabei der ein oder anderen Attacke auf seine Lachmuskeln nachgeben: Der erhabene Tonfall der einzelnen Beiträge ist nämlich durchweg derjenige der historischen Zunft.

Im einzelnen sind enthalten: Zunächst einmal sachliche Hintergrundinformation über "Asterix' Welt", also Abhandlungen über Kultur und Gesellschaft der Antike, z.B. über das Piratenwesen, über die Religion der Gallier und die Stellung ihrer Druiden und Barden, über die historische Kleopatra, über "panem et circensis", antikes Theater, Olympia u.a.; die einzelnen Beiträge gehen unterschiedlich detailliert auf die betreffenden Asterix-Geschichten ein. Vor allem die Beiträge von Frank Bernstein ("Beim Iuppiter, was für ein Circus!") und Ulrich Sinn ("Asterix und Olympia") sind bei hohem Informationsgehalt amüsant zu lesen. Ebenfalls der Hintergrundinformation dienen Martin Jehnes Untersuchungen zur Person des historischen Julius Cäsar, die Gegenüberstellung von historischer Person und Comic-Figur, und darauf aufbauend Jehnes Beschreibung von Cäsars Funktion innerhalb der Asterix-Reihe.
Diese geballte Wissensvermittlung wird nun aber auf eine Weise aufgelockert, die ihrem Forschungsgegenstand würdig ist: Altphilologen und Historiker wie z.B. Kai Brodersen, Wolfgang Will oder Wolfram Ax steuern wunderbar amüsante Wissenschaftsparodien bei; so wartet z.B. Brodersen mit dem Fund einer Votivtafel auf, die den späteren Aufenthaltsort Obelix' nach dem Ende seiner Abenteuer offenbart -- eine herrliche Satire, die sich trotz ihrer Kürze durchaus mit Traxlers "Wahrheit über Hänsel und Gretel" messen kann. Fast noch besser gelungen, noch komischer ist Wolfgang Wills Abhandlung über "Die Gallier und ihre Nachbarn", in der er Cäsars Darstellung der verschiedenen Völker auf den Zahn fühlt und en passant auch dem versierten Ethnologen Erstaunliches über Sitten und Bräuche von Briten oder Helvetiern mitteilt -- streng wissenschaftlich, versteht sich. Und aufgrund seiner asteringinischen Forschungen muss wohl auch die Geschichte der Goten neu geschrieben werden...
Ein weiteres Highlight ist Werner Dahlheims Bericht über einen überraschenden Papyrusfund im Louvre, der belegt, dass Asterix nicht nur tatsächlich Amerika entdeckt und außerdem ein Schiffstagebuch geführt hat, sondern auch, dass dieser Bericht den Zeitgenossen und Nachgeborenen einstmals wohlbekannt gewesen sein muss, denn unter anderem Strabon, Edgar Allen Poe, Vergil zitieren ihn! Freilich bekommt man den gefundenen Text zu lesen... Allerdings könnte dieser Beitrag noch brillanter sein; Dahlheim sind einige unabsichtliche (wie ich vermute) Anachronismen in seiner sonst glänzenden Parodie unterlaufen.
Tja -- und dann sollte auch Wolfram Ax' Abhandlung über die antike Rhetorik nicht unerwähnt bleiben. Im unerschütterlichen Duktus des gelehrten Altphilologen analysiert er Asterix' Gerichtsrede in "Die Lorbeeren des Cäsar", wobei er nicht nur höchst vergnüglich in die antike Rhetorik einführt, sondern seinerseits mithilfe ausgebuffter Rochaden und Rösslsprüngen zeigt, wie man durch geschickten Einsatz der rhetorischen Mittel auch den größten Unsinn beweisen kann, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Ein Juwel der Hochkomik!
Man könnte noch weitere Beiträge hervorheben; ich weise hier nur noch ausdrücklich auf den Bericht der kongenialen Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf hin (live aus dem Nähkästchen gewissermaßen), in dem sie Wissenswertes über die Tücken und Erfolgserlebnisse der Übersetzung im allgemeinen und über die Anforderungen und Hürden der "Asterix"-Übersetzung im besonderen mitteilt.

Nichts für naive Leser also; wissensdurstigen Zehnjährigen sollte man etwas anderes schenken. Aber ein herrlicher Spaß für alle, die die Pubertät abgeschlossen haben. Das Buch macht einen Heidenspaß, und informativ ist es obendrein. -- Es gilt: Delectat prodestque...


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