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dibegup "dibegup"

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Coule la Seine
Coule la Seine
von Fred Vargas
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kurzweilige Krimi-Kurzgeschichten, 28. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Coule la Seine (Taschenbuch)
Diese drei Krimi-Kurzgeschichten sind noch nicht so ausgereift, wie die späteren Vargas-Krimis, und dennoch sehr lesenswert. Die Hauptprotagonisten Kommissar Adamsberg und Danglard werden bereits mit ihren Schrullen vorgestellt. Die amüsant-skurrilen Dialoge unterhalten in bester Vargas-Manier. Auffällig ist in allen drei Kurzgeschichten die Vorliebe von Fred Vargas für Figuren, die am Rande der Gesellschaft leben, und deren jeweilige Marotte oft den humorigen running-gag liefert.

Die erste Geschichte ist die längste und gibt den tiefsten Einblick in Adamsberg einzigartige Gedanken- und Assoziationswelt, mit der er bei der Aufklärung der Fälle zu Werke geht. Einzig das Ende dieser Geschichte kommt überrachend plötzlich und wirkt formal noch etwas unreif.

Die zweite Geschichte spielt vor dem Hintergrund der "Weihnachtsdepression" und enthält mehr logische kriminalistische Aufklärungsarbeit .

Die letzte Geschichte lebt davon, dass Adamsberg sich in den Charakter des einzigen Zeugen einfühlt, um ihm die Information zu entlocken, die er zur Aufklärung braucht.

Insgesamt nicht so ins Detail gehend geschrieben, wie Vargas' spätere Krimis. Dem interessierten Leser enthüllt sich dafür etwas über Vargas' Schreibstil.


Dans les bois éternels (Nouveau Policier)
Dans les bois éternels (Nouveau Policier)
von Fred Vargas
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,80

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wieder eine gelungene ausgeklügelte Krimi-Geschichte, 11. November 2009
Fred Vargas ist immer ein Lesevergnügen. Auch in diesem Krimi gelingen ihr wieder wundervoll verschrobene neue Charaktere und liebevolle Weiterführung der bereits lieb gewonnen Protagonisten. Wie immer kann man den Krimi sehr gut lesen, ohne die Vorgänger zu kennen, auf die öfter verwiesen wird.

Der Krimi läßt sich im Französischen flüssig lesen, da die Grammatik meist unkompliziert ist. Vargas Wortschatz ist reich und differenziert, ohne dass man das Wörterbuch daneben liegen haben muß. Fast alles versteht man aus dem Sinnzusammenhang, so dass ein deutscher Leser seinen Wortschatz auf spielerische Art und Weise erweitern kann.

Der Plot selber kommt in gewohnt gekonnter Manier realistisch surreal daher. Man erfährt auch ein bisschen etwas von Fred Vargas' eigentlichem Metier als Archäologin, wenn Mathias die beiden Gräber aushebt. Ich persönlich habe inzwischen am meisten Spaß an den unglaublich witzigen Dialogen. Die Spannung der Krimihandlung führt einen zügig durch die knapp 500 Seiten, einen der längsten Vargas-Krimis.

Ein wundervoller Lesespaß!


Der vierzehnte Stein: Kriminalroman (Kommissar Adamsberg ermittelt, Band 5)
Der vierzehnte Stein: Kriminalroman (Kommissar Adamsberg ermittelt, Band 5)
von Fred Vargas
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hervorragende Unterhaltung, mangelnde Sorgfalt bei der Übersetzung, 11. September 2009
Ein Krimi muß nicht zwingend realistisch sein, um sprachlich gut und spannend zu unterhalten. Dieser Krimi will meiner Meinung nach gar nicht realitätsnah sei. Läßt man sich darauf ein, liest man einen wundervoll phantasiereichen, komischen und spannenden Roman mit kauzigen Figuren und witizgen Dialogen.
Einzig die Übersetzung ist ein Manko, welches man hätte vermeiden können. Die Übersetzerin hätte nur wissen müssen, daß die dauernden Worteinwürfe alle aus dem ungewöhnlichen langen Einfluß der katholischen Kirche auf die französisch sprechende Gesellschaft (Schul- und Universitätssystem waren bis 1962 in der Hand der Kirche) herrühren. Die Kirche war ein Garant für den Spracherhalt des Französischen in einer übermächtigen englischsprechenden Umgebung. Dieses "Chriss" steht also für "Christus", hätte also wunderbar mit "Herrgott" oder "Jesses" übersetzt werden können. Das überhaupt nicht verständliche "Esti" bedeutet "Hostie" und hätte mit so etwas wie "Satansbraten" oder "Schweinepriester" übersetzt werden können. Bei den Redewendungen ist manches nett, vieles sehr unglücklich getroffen. Mehr Sorgfalt hätte das Vergnügen erhöht.
Die vier Punkte gelten deshalb nur für die deutsche Version des Romans, Vargas verdient locker 5 Sterne!


Unser allerbestes Jahr: Roman
Unser allerbestes Jahr: Roman
von David Gilmour
  Gebundene Ausgabe

1 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ehrlicher Bericht über eine Vater-Sohn-Beziehung, 1. April 2009
3,5 Sterne. Mein Eindruck im Überblick:
-' Autobiographischer Bericht, der durch Ehrlichkeit von David Gilmour zu berühren versteht. Zugleich führt die spürbar mangelnde Distanz zum erzählten Geschehen formal und sprachlich zu Längen und Schwächen im Buch.
-' Schreibstil eher schwach. Mag auch an der Übersetzung liegen. Das erste Kapitel (das auch in der Zeitschrift der Deutschen Bahn veröffentlich ist) ist das stärkste.
-' Das Buch ist sicherlich für Leser mit guter Kenntnis amerikanischer und europäischer Filme wesentlich interessanter, als wenn man das Buch "nur" wegen der Vater-Sohn-Beziehung lesen möchte.
-' Interessante Einblicke, wie Männer über Frauen denken durch die Beschreibung der Freundinnen des Sohnes Jesse und die Ratschläge des Vaters.
-' Das tiefe Bemühen und wirkliche Interesse des Vaters, seinen Sohn zu verstehen, dessen Liebesleid, auch die beiden Drogenabstürze, und die gezeigte Toleranz, die nicht blind ist, sondern aus der liebevollen Einschätzung des Charakters von Jesse und dem behutsamen Bestreben, jederzeit mit seinem Sohn im Gespräch zu bleiben, herrührt, machen das Buch zweifellos lesenswert für jeden, der einen Sohn in diesem Alter hat. Diese immerwährende Anteilnahme am Leben seines Sohnes ist das, was nachklingt am Ende des Buches.
-' Meine Abwertung auf unter 4 Sterne hat vor allem damit zu tun, daß das Buch mehr als privater Erguß daherkommt, denn als für die Öffentlichkeit gedachter Titel. Die fehlende Sublimation hinterläßt für mich am Ende nur kurzzeitige, flüchtige Spuren.


Die Glut: Roman
Die Glut: Roman
von Sándor Márai
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein weises Buch über das Warten und die Wandlungen von Rachegelüsten, 28. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Glut: Roman (Taschenbuch)
Achtung Spoiler!!!!

Eine wunderbar klare, präzise und zugleich poetische Sprache zeichnet den Autor und die Übersetzung aus.

Es ist ein weises Buch über das Warten auf Rache, das so lange dauert, nämlich 41 Jahre, daß sämtliche aggressiven Elemente bereits verwandelt wurden. Immer wieder fühlt der General, der doppelt Betrogene, sich so sehr in Konrád und in Krisztina ein, daß er alle Antworten selber findet. Für den Leser lösen sich alle Grenzen zwischen den beteiligten Personen auf. Es ist, als ob der General über sich selber reflektiert, auch wenn er über andere nachsinnt. Er beleuchtet jedes Thema von allen Seiten, versteht und akzeptiert das So-Sein der Dinge, der Menschen, der Geschehnisse. Faszinierend ist die Beschreibung der Empfindungen des Jägers bei der Jagd. Am Ende verzichtet er auf die Antwort einer seiner beiden letzen Lebensfragen, ob Krisztina wußte, daß Konrád ihn, den General töten wollte, weil auch das unwichtig wird für sein Leben.

Am Ende wird nur eine Frage von seinem Freund bejaht, nämlich daß man überlebt oder weiterlebt, wenn man für eine Leidenschaft lebt, die vielleicht einer Person gilt oder aber auch nur der Sehnsucht an sich.

Grandioses Buch, wundervolle Sprache, eine Entdeckung, ein literarisches Meisterwerk!


Der große Meaulnes: Roman
Der große Meaulnes: Roman
von Alain-Fournier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wundervoller Roman in einer subtil poetischen Traumwelt, 2. Februar 2009
Der Roman entläßt seinen Leser am Ende in eine entlegene, melancholisch einsame, doch auch wundersame Stimmung, in die er dank des Ich-Erzähler François Seurel einen Blick hat werfen dürfen. Dieser, zu Beginn des Romans ein 15jähriger Schüler, erzählt zunächst als Außenstehender über die tief verborgenen Sehnsüchte seines um zwei Jahre älteren Freundes Augustin Meaulnes, der ihn von der ersten Begegnung an fasziniert und dessen Träume auch für sein Leben bestimmend werden.

Der Roman spielt in einem ärmlichen Dorfmilieu im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts. Augustin Meaulnes ist von Anfang an ein Außenseiter, der sich bei einem Ausflug im Winter verirrt und dabei auf phantastische Weise seiner großen Liebe in Gestalt einer unerreichbar erscheinenden jungen Frau auf einem fremden Gutshof begegnet, Yvonne de Galais. Sie wiederzusehen, wird von da an sein großes Ziel.

Die innere Not des Augustin Meaulnes bleibt auch am Ende des Romans eigewillig rätselhaft, weil sie nicht durch die äußeren, durchaus komplizierten Verstrickungen entsteht, sondern von Anfang an immanent im Charakter des großen Meaulnes schlummert. Der ganze Roman ist im Grunde das Bild einer nach außen gewendete Seelenlandschaft, das durchaus unlogische innere Gespinst eines Menschen, der sein Glück nicht leben kann. François Seurel deckt diese geheimnisvolle Seele für den Leser auf und der Leser lernt diesen seltsamen Meaulnes zu lieben.

Thema und der schmerzliche Ausgang dieser phantastischen Liebesgeschichte sind sehr romantisch, zugleich trägt die Art der Umsetzung viele phantastische, manchmal auch absurde Züge, schwankt zwischen Realität und Irrealem, die bereits den magischen Realismus eines Borges und Calvinos vorahnen lassen. Die Sprache und die Zeichnung der Charaktere ist zart, feinfühlig und subtil, elementar und vielschichtig, und dennoch schaut man den handelnden Personen aus einer gewissen Entfernung zu, wie durch eine milchige Nebelschicht hindurch.

Oft sind Ereignisse oder die Grundstimmung gleich meherer Kapitel in wenigen Zeilen bereits vorweg genommen. Fournier bestimmt dadurch sozusagen die Farbpalette, den Grundton seiner Sprache, eine spätherbstliche Palette mit bereits vielen abgefallenen Blättern. Darin verbergen sich dann immer wieder phantastische Überraschungen, die wie Farbtupfer hervorleuchten.

Meaulnes ist ein Getriebener; das überträgt sich auf den Leser, und man liest selber wie ein Getriebener, weil man mehr über das unergründliche Seelengeheimnis erfahren will. Der ruhigste Moment ist die Zeit, in der Meaulnes fort ist und François sich um Yvonne de Galais kümmert. Da entsteht ein bisschen so etwas wie ein kleines zerbrechliches und zugleich fernes Glück. Aber nichts bleibt in diesem Roman, wie es war. Alles unterliegt dem rastlos suchenden Meaulnes, so auch der Leser.

Ich empfinde dieses Buch als ausgesprochen französisch, sprachlich wundervoll poetisch, hinterläßt es jene absurd-schöne Tristesse, die ich auch nach manchem französischen Film empfinde. Absolut empfehlenswerte Literatur.


Sans feu ni lieu. (Nouveau Policier)
Sans feu ni lieu. (Nouveau Policier)
von Fred Vargas
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,50

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen tolle kriminalistische Unterhaltung, 4. Oktober 2008
Dies ist der zweite Krimi, den ich von Fred Vargas gelesen habe. Er hat mir noch besser gefallen. Und zwar ist hier sehr bewundernswert die Darstellung des geistig minder bemittelten Clément gelungen, der in einem kurzen Kapitel mit seiner sprachlichen Einschränkung gekonnt vorgestellt wird. Ich habe dieses Mal sehr früh geahnt, wer der Mörder ist, ohne das sich dadurch ein Spannungsabfall ergeben hätte.
Wiederum fiel mir die liebevolle, kurzweilige Beschreibung der Charaktere und ihrer Marotten auf. Fred Vargas mag ihre Figuren. Ihre Dialoge sind wunderbar.
Ich hatte mir diesen Krimi ausgesucht, weil ich vier Protagonisten bereits kannte. Dieses Mal kam ein weiterer dazu, der wohl auch in anderen Büchern vorkommt, Louis Kehlweiler. Eine geschickte Verwebung, die es erleichtert, den nächsten Krimi von Vargas zu kaufen.
Wieder ein toller Krimispaß.


Debout les morts (Nouveau Policier)
Debout les morts (Nouveau Policier)
von Fred Vargas
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,15

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ein hervorragend unterhaltender Krimi, 4. Oktober 2008
Dieser Krimi ist wunderbare Unterhaltung, der sich durch schöne Sprache, liebevolle Zeichnung aller Charaktere und treffende Details (das Steinchen-vorwärts-Schießen mit der Schuhspitze) auszeichnet. Die drei Männer um 35, die gemeinsam eine schäbige Barracke beziehen, sind alle drei mehr oder weniger gescheiterte Historiker, die kaum ein Auskommen, aber dafür verschiedene Skurilitäten entwickelt haben. Der vierte Mitbewohner ist der Patenonkel von Marc, ein leicht dubiosier Ex-Polizist, der seine drei jüngeren Mitbewohner die "Evangelisten" nennt. Sie geraten unfreiwillig in einen Mordfall, den sie natürlich gemeinsam bravourös lösen.
Sehr gut gefallen hat mir, daß es immer wieder Perspektivwechsel gibt, den größten Anteil erhält Marc, aber auch Mathias und Lucien und dem späteren Mordopfer schaut man immer wieder in ihre Gedanken. Die Auflösung hält einen in Atem, weil es mehere in sich stimmige Möglichkeiten gibt.
Eine äußerst empfehlenswerte Lektüre in ihrem Genre, die wirklich Spaß macht.


Damals in Lissabon: Roman
Damals in Lissabon: Roman
von Susanna Kearsley
  Taschenbuch

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen gut geschriebene Unterhaltungsliteratur mit zweifelhaftem Ende, 26. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Damals in Lissabon: Roman (Taschenbuch)
Achtung Spoiler!

Zunächst läßt sich sagen, daß der Roman gut geschrieben ist. Kearsley verfügt über einen flüssigen angenehmen sorgfältigen Schreibstil und ein paar nette Kniffe, beispielsweise wenn sie Begebenheiten aus der Vergangenheit wie gegenwärtig beschreibt. Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit im britischen Geheimdienstmilieu des zweiten Weltkriegs, deren Hintergründe sorgfältig recherchiert zu sein scheinen (ich kann das nicht wirklich beurteilen; entnehme es nur den Anmerkungen der Autorin).

Die Figuren des Romans erfahren jedoch gar keine Entwicklung. Von Anfang an ist klar, wer unantastbar anständig und wer zwielichtig ist. Gerade in einem Roman über die Kriegszeit hätte Kearsley zeigen können, daß moralische Werte für den einzelnen veränderlich waren und daß es einer sehr gefestigten Persönlichkeit bedurfte, das eigene Wertesystem aufrecht zu erhalten. Da ist der Roman schon ziemlich schwarz-weiß, und Kearsley hat sich selber einer Chance beraubt. Aber weil der Roman nicht mehr als unterhalten will, nimmt man die ungewöhnliche Aufrichtigkeit der beiden Hauptprotagonisten Andrew Deacon und Amelia-Georgie, die Großmutter der Ich-Erzählerin als Leser wohlwollend hin.

Zum Schluß wendet sich dann das Blatt, völlig unpassend zum bisherigen Unterhaltungsanspruch des Buches: Kearsley läßt den ehrlichen Jim, einen heimlichen Verehrer von Amelia sich zum Richter aufschwingen, der am Ende Selbstjustiz begeht. Sehr seltsam! Dieser Moment bricht völlig mit der jugendbuchhaften Moral des Buches und kommt für mich als doppelbödig rüber. Wäre Kearsley eine amerikanische Autorin, könnte ich mir diese Haltung erklären. Aber von einer Kanadierin habe ich das nicht erwartet. Die Psychologie der Figuren bleibt erheblich zu blaß, um diese Wende nachzuvollziehen. Das Ende wirkt deshalb auf mich platt, ja dreist; es ist die einfachste Lösung, um die Ich-Erzählerin wortwörtlich aus der Schußlinie zu nehmen.

Trotz dieses Schlußes habe ich den Roman gern gelesen, weil Kearsleys Schreibstil im oberen Niveau anzusiedeln ist. Zweieinhalb Sterne.


Der Klavierstimmer: Roman
Der Klavierstimmer: Roman
von Pascal Mercier
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Buch, das immer besser wird, 19. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Der Klavierstimmer: Roman (Taschenbuch)
Achtung Spoiler!

Dieses Buch handelt vom komplizierten Leben einer Familie mit meheren schweren, best gehüteten Familiengeheimnissen (Inzest unter Geschwistern, sexuelle Überriffe zwischen den Generationen und verschwiegene Kuckuckskinder), erzählt aus der Sicht der ca. 25jährigen Zwillinge Patrice und Paricia. Die beiden haben getrennt voneinander in je sieben Hefte einen Rückblick auf das Famlienleben notiert. Der Leser, und nur er, kann daraus die gesamte Familiengeschichte rekonstruieren.

Eine der Besonderheiten von Pascal Merciers Schreibstil ist die Detailfreudigkeit, mit der jeder Blick, jeder Gesichtszug, jede Regung der beobachteten Person beschrieben wird. Das gefundene Wort wird dann immer noch mal genau erklärt; oft enhält diese Erklärung eine Gleichzeitigkeit von Gegensätzen, z.B. S.359: "'nach einer Weile wurde sie von einem trockenen, holprigen Schluchzen geschüttelt. Das Holprige daran - ' nichts hätte ihre Hilflosigkeit und das Erlöschen jeder Hoffnung besser zum Ausruck bringen können."' Der Effekt dieser Beschreibung ist aber nicht mehr Nähe zur beobachteten Person, sondern eine eigenartige Distanz, eine Kühle und eine Fremdheit wie bei einer Sektion. Ich bin überzeugt, das ist exakt Merciers Absicht.

In den ersten Heften von Patrice verursacht diese Schreibweise das Bild eines sehr um sich selbst kreisenden, egozentrischen und selbstmitleidigen jungen Mannes. Seine empfundene große, krankhafte Nähe zu seiner Zwillingsschwester erlebt der Leser wie durch ein Milchglas. Es kommt keine Sympathie für Patrice auf. Erst als er von Paco berichtet, erhält der Leser ein wenig direkten Bezug zu Patrice.

Patricias Niederschrift ist sprachlich direkter gestaltet. Sie spürte schon früh in ihrem Leben eine zeitweilige Vereinnahmung durch ihren Bruder, gegen die sie sich wehrt. Deshalb ist sie klarer als ihr Bruder.

Die Larmoyanz von Patrice hat mich anfangs sehr genervt. Die Lebenshaltung aller Familienmitglieder ist eng und unfrei, über lange Strecke zu Beginn des Romans liest man nur vergangene und gegenwärtige Zustandsbeschreibungen dieser Enge, so daß ich die Lektüre schon fast abbrechen wollte. Ich bin jedoch froh, durchgehalten zu haben, denn je weiter man in die Texte hineinfindet, desto mehr nimmt das Buch den Leser gefangen.

Fazit: Am Ende gewinnt man für alle Figuren tiefes Verständnis, so daß die tragischen Ereignisse des Romans psychologisch alle schlüssig nachvollziehbar sind. Mercier ist zweifellos ein kunstvoller Virtuose des Wortes, aber an die tiefsten Seelenschichten beim Leser kommt er nicht heran. Deshalb ist die hinterlassene Spur des Romans trotz der Einsichten, wie es zu so vielen Tabubrüchen in einer Familie kommen kann, nur eine schwache. Ich bewundere das Kunstvolle, aber bleibe trotzdem unerfüllt.


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