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Lem69

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Meine Kämpfe - Eine Autobiographie
Meine Kämpfe - Eine Autobiographie
von Alexander Bedranowsky
  Broschiert
Preis: EUR 16,50

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Legende von Thumbtack Jack, 22. Oktober 2012
Obwohl ich seit über 20 Jahren Wrestlingfan bin (WWF/WWE, ECW, TNA), muss ich gestehen, dass die Entstehung und Entwicklung von Death Match Wrestling eher an mir vorbeirauschte. Diese doch sehr extreme Spielart des Wrestlings verfolgte ich nur am Rande, weil sie mir selbst verglichen mit wirklich krassen Matches aus besten ECW-Zeiten (z.B von Sabu) zu extrem, da zu brutal erschien. Daher wurde ich erst durch einen ausführlichen und hochinteressanten Artikel in der Zeitschrift Power Wrestling auf Alexander Bedranowskys Buch „Meine Kämpfe“ aufmerksam, in dem er seine Karriere als Death Match Wrestler in der Zeit von 2000-2010 beschreibt. Als „Thumbtack Jack“ hatte sich Alexander Bedranowsky einen Namen im internationalen Independent-Wrestling gemacht und war dort zum Star der Ultraviolent Wrestlingszene avancierte, bis er sich 2010 im Alter von 25 Jahren die Wirbelsäule brach und seine Wrestlingkarriere sofort beendete. Im Teenageralter hatte er seine ersten Kämpfe noch im Hardcore-Wrestling bestritten, sich dann jedoch dem sogenannten Death Match Wrestling verschrieben, einer Weiterentwicklung des Hardcore-Stils. Bei dieser Variante des Wrestlings kommen nicht nur Zementblöcke, brennender Stacheldraht, elektrisierte wie nicht elektrisierte Leuchtstoffröhren, Feuer, Glas, Rasierklingen und Spritzen zum Einsatz, sondern auch Gegenstände, die die Zuschauer mitbringen (was ja bereits teilweise bei der ECW praktiziert wurde). Der entscheidende Unterschied zum Hardcore-Wrestling ist, dass es hierbei nicht nur sehr oft, sondern in voller Absicht zu blutigen und spektakulären (und leider nicht selten zu unbeabsichtigt gefährlichen) Verletzungen kommt. Denn Blut muss fließen, wenn Death Match Wrestler sich im Ring gegenüber stehen. Je grausamer, brutaler und blutiger ein Match inszeniert ist desto besser. Death Match Wrestling bedeutet Wrestling nicht nur an, sondern jenseits der Schmerzgrenze.

Was jedoch treibt einen jungen Mann dazu, von frühester Jugend an seine Leidenschaft für diese Sportart zu entdecken und dafür 10 Jahre lang seine Gesundheit und sein Leben zu riskieren? Was bewegt einen Mann, sich freiwillig mit voller Wucht auf Zementblöcke werfen oder sich durch eine brennende Glasscheibe schmeißen zu lassen? Diese Fragen und noch viele mehr beantwortet Alexander Bedranowsky in seinem spannenden und überaus informativen Buch.

Ich muss sagen, dass mich selten eine Autobiographie derart begeistert hat, dass ich sie in einem Rutsch regelrecht verschlungen habe. Ein großes Lob an den Autor! Ganz davon abgesehen, dass das Buch flüssig zu lesen und auch rein stilistisch ein Genuss ist, hat mir vor allem die reizvolle Mischung aus nüchterner Sachlichkeit und ehrlicher Emotionalität, gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor und Selbstironie gefallen. Manches an seiner Erzählung hat mich schockiert und ratlos zurückgelassen, weil es doch ziemlich extrem und sehr verstörend wirkt. Besonders bei der detailreichen Beschreibung seiner blutigen Death Match-Kämpfe und der daraus resultierenden Verletzungen musste ich oft erst mal durchatmen. Irritierend wirkte es auf mich, dass Alexander Bedranowsky zunächst seine Karriere Station für Station ausführlich beschreibt, ohne allerdings näher darauf einzugehen, was ihn dazu überhaupt bewegt oder wie er sich währenddessen wirklich fühlt. Deswegen stand ich immer fassungsloser vor dieser expliziten Auflistung von Schrecklichkeiten, hin und hergerissen zwischen stiller Bewunderung und tiefer Abscheu. Ich weiß nicht, ob es beabsichtigt war oder reiner Zufall, aber erst im letzten Drittel des Buches geht der Autor dann endlich ausführlich auf die Frage nach dem „warum“ ein, die einem als Leser automatisch auf den Lippen liegt. Und auch emotional öffnet sich Alexander Bedranowsky, spricht ebenso gefühlvoll wie selbstkritisch von Todesmut, Selbsthass und Selbstzerstörung. Sehr gut gefallen hat mir, dass das Buch nicht mit seiner schweren Verletzung aufhört, sondern dass er darüber hinaus einfühlsam beschreibt, wie er nach seinem Karriereende in Depression und Verzweiflung stürzt, bzw. wie es ihm gelingt, sich daraus zu befreien und ein weiteres Mal dem Tod von der Schippe zu springen (seine Verzweiflung war so groß, dass er bereits an Selbstmord dachte).

Einziger kleiner Kritikpunkt: Ich hätte mir gewünscht, dass er noch etwas intensiver darauf eingeht, wie sich seine Karriere als Death Match Wrestler auf die Beziehung zu seinen Eltern und vor allem auf seine Lebenspartnerinnen auswirkt. Er beschreibt dies zwar durchaus, aber ich fand, es kam dennoch ein bisschen zu kurz.

Alles in allem jedoch ein tolles und überaus faszinierendes Buch. Lesenswert meiner Meinung nach nicht nur für hartgesottene Wrestlingfans. Schade, dass man nur 5 Punkte vergeben kann.


Unterdrückte muslimische Frauen im Westen: Verbotene Stimmen brechen das Schweigen
Unterdrückte muslimische Frauen im Westen: Verbotene Stimmen brechen das Schweigen
von Amina Sabine Mohammed
  Broschiert
Preis: EUR 11,99

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Selbststilisierung zum ewigen Opfer, 11. März 2012
Die Kurzbeschreibung des Buches behauptet, dass muslimische Frauen auch im Westen von ihren Familien geschlagen, verfolgt und eingesperrt werden und dass man ihnen Bildung vorenthält oder sie nicht gleichwertig behandelt.

Der reißerische Untertitel 'Verbotene Stimmen brechen das Schweigen' lässt Schlimmes vermuten. Wer nun jedoch erwartet, dass in diesem Buch Gewalt gegen muslimische Frauen, Zwangsehen, Ehrenmorde oder ähnliches zur Sprache kommt, der irrt. Die Autorin thematisiert ausschließlich, wie ihrer Meinung nach Kopftuch und Niqab (Geschichtsschleier) tragende Musliminnen in der westlichen Gesellschaft diskriminiert werden. Das Kopftuch und noch viel mehr der Gesichtsschleier (bzw. die Reaktionen darauf) sind de facto das einzige Thema dieses Buches. In Mitleid heischendem Ton beklagt die Autorin die angebliche Diskriminierung Kopftuch tragender muslimischer Frauen, die ihrer Ansicht nach in Europa immer und überall und in aller Öffentlichkeit massiv angefeindet und sogar massiv bedroht würden. Ihre gesamte Argumentation ist dabei allerdings äußerst einseitig, polemisch und unausgewogen. Ihr Schwarz-Weiß-Denken und ihr jammernder Tonfall kaum erträglich. Sie stellt Kopftuch tragende Musliminnen ausschließlich als unschuldige Opfer dar. Ihr Wehklagen erstreckt sich dabei durchaus auch auf andere Muslime, die das Kopftuch kritisch beurteilen oder gar ablehnen. Wenn in der Kurzbeschreibung darauf verwiesen wird, dass muslimische Frauen hier im Westen 'von ihren Familien geschlagen, verfolgt, eingesperrt' würden, dann sollte man auch hierbei nicht an grundsätzliche Gewalt gegen muslimische Mädchen und Frauen, an patriarchal geprägte Familienstrukturen, geschweige denn an Zwangsehen oder Ehrenmorde denken. Denn die Autorin bezieht sich in jedem Fall ausschließlich auf Gewalt (?) gegen Frauen, die ein Kopftuch und noch viel wichtiger, einen Gesichtsschleier tragen. Wobei sie bereits bloße Ablehnung als Gewalt definiert. All diese Frauen stilisiert sie zu Opfern und Märtyrerinnen.

Und es kommt noch schlimmer.

In ihren Anklagen gegen die 'böse westliche Gesellschaft' wähnt sie sich im Besitz einer besseren, höheren Wahrheit und möchte über den Islam aufklären. Ein an sich lobenswertes Vorhaben. Aufklärung endet hierbei jedoch als arrogante Belehrung von oben herab, wenn sie u.a. betont, dass der Islam 'eine Religion der Güte und Barmherzigkeit' sei. Eine Religion, die in ihren Augen diametral folgenden 'in Deutschland normalen Verhaltensweisen' entgegenstünde: 'Neid, Lügen, Unterdrückung, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Magie, Zinsen, Geiz, Verschwendung, Angeberei, Zurückweisen der Wahrheit, etc.' Dies seien die Taten der Höllenbewohner. Ach ja? Die Autorin philosophiert darüber hinaus über Sinn und Zweck der Steinigung. Sie verliert dabei allerdings kein Wort darüber, dass das Auspeitschen oder Steinigen bei Ehebruch barbarisch und grausam wäre, im Gegenteil. Ihrem ach so aufgeklärten Islamverständnis zufolge handelt es sich bei dieser mittelalterlichen Strafe lediglich 'eher um eine Abschreckung'. Um eine sogar spirituell gesunde Form der Abschreckung, gibt doch die Steinigung dem Ehebrecher/der Ehebrecherin 'die Möglichkeit, schon im Diesseits bestraft zu werden, statt im Jenseits von Allah dem Erhabendsten bestraft zu werden'.

Auch das in der Sharia befohlene Abhacken der Hand im Falle von Diebstahl findet die Autorin völlig normal, denn diese Strafe würde ja nicht bei jedem Diebstahl angewandt, sondern nur unter bestimmten Bedingungen. Sind diese jedoch erfüllt, dann, so die Autorin, muss die Hand abgehackt werden, denn 'Allah weiß es am besten'.

Ich möchte dringend vor diesem dermaßen einseitigen und hetzerischen Machwerk abraten und warnen. Die Autorin empfiehlt im Anhang Webseiten, die alle extremistischen, da salafistischen Ursprungs sind (salaf.de, diewahrereligion.de u.a.).

Davon abgesehen ist das Buch überdies noch grottenschlecht lektoriert, es wimmelt nur so von Rechtschreibfehlern. Wie schade, dass man nicht null Sterne vergeben kann.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 13, 2014 10:14 PM CET


Sie küssen und sie schlagen sich: Das Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Muster in Misshandlungsbeziehungen
Sie küssen und sie schlagen sich: Das Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Muster in Misshandlungsbeziehungen
von Barbara Kiesling
  Broschiert
Preis: EUR 9,90

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Gewalt ist eine psychische Krankheit?, 14. Februar 2012
Barbara Kiesling hat ein durchaus interessantes und flüssig zu lesendes Buch zum Thema häusliche Gewalt geschrieben. Ihr gebührt Anerkennung, dass sie einen mutigen Tabubruch gewagt hat und klar zur Sprache bringt, dass häusliche Gewalt nicht in fast allen Fällen von Männern ausgeht (wie die meisten anderen Wissenschaftler und Feministinnen behaupten), sondern dass auch Frauen Gewalt gegen ihre Kinder und Ehepartner ausüben. Hauptsächlich bemüht sich die Autorin jedoch um die Klärung der Frage, wieso Männer und Frauen in Misshandlungsbeziehungen geraten und warum sie oft jahrelang trotz schlimmster Gewalt darin ausharren. Ein Verhalten, das auf Außenstehende verstörend und äußerst widersprüchlich wirkt und für das bisher noch keine wirklich überzeugende Erklärung existiert. Zunächst werde ich die Thesen der Autorin zusammenfassen:

Barbara Kiesling ist der Ansicht, dass Menschen, die in eine Partnerschaft geraten, in der sie Gewalt erleiden oder sogar massiv misshandelt werden, meist als Kind schwer traumatisiert wurden. Denn sie stammen aus Familien, in denen ihnen im Kindesalter Gewalt zugefügt wurde. Das dadurch entstandene Trauma haben sie jedoch nie bewältigen können und schleppen es fortan unbewusst durchs Leben. In der Mehrzahl der Fälle resultiert dieses Trauma in einer Borderlinestörung. Nach Meinung der Autorin 'finden jeweils zwei Menschen zusammen, die beide vielfältige psychische Störungen und umfangreiche Reifungsdefizite haben. Ein früher Mangel an Liebe bewirkt im späteren Leben ein geradezu suchtartiges Verlangen nach Zuneigung. Doch gerade diese Sehnsucht lässt sich in ihrer Partnerschaft nicht stillen. Denn in einer Misshandlungsbeziehung finden zwei Menschen zusammen, die beide nicht liebes- und beziehungsfähig sind.'

Beide Partner in einer solchen Misshandlungsbeziehung sind in Frau Kieslings Augen stets sowohl Opfer als auch Täter, da beide einander suchen und finden und im Regelfall lange an ihrer Beziehung festhalten, da sie den Partner zur Aufrechterhaltung ihres fragilen, beschädigten Selbst benötigen. All dies geschieht jedoch für alle Beteiligten unbewusst und ihr Verhalten ist nicht willentlich steuerbar, da es sich hierbei um schwere psychische Defizite handelt. Beide Partner suchen nach Liebe und Erlösung des noch immer unbewältigten seelischen Schmerzes aus der Kindheit, aber da beide weder liebes- noch beziehungsfähig sind, können sie weder echte Liebe und Nähe geben noch ertragen. Sie vermeiden daher genau das, was sie sich eigentlich am meisten wünschen: eine liebevolle, gleichberechtigte Beziehung. Stattdessen suchen und finden sie einen Partner, der sie auf ähnliche Weise misshandelt wie sie es damals als Kind von ihren Eltern erfahren haben.

Und hier hakt meiner Meinung nach die Argumentation der Autorin, ganz davon abgesehen, dass ihre Theorien nicht wirklich neu und originell sind. Was mir besonders übel aufstößt, ist dass Barbara Kiesling das zwischenmenschliche Geschehen fast komplett pathologisiert. Ihrer Ansicht nach sind alle Menschen, die Gewalt oder Misshandlungen seitens ihrer Eltern erlebt haben, bzw. die in einer Beziehung selbst andere misshandeln oder von anderen misshandelt werden, psychisch krank oder zumindest psychisch schwerst gestört. Sie sind so sehr psychisch gestört, dass die Autorin diesen Personen nicht nur die Beziehungsfähigkeit, sondern darüber hinaus sogar jede Fähigkeit zu lieben abspricht. Das halte ich, vorsichtig formuliert, für äußerst gewagt. Ein Mensch, der als Kind Gewalt erfahren hat, kann nicht mehr lieben? Was wäre ein solcher Mensch dann? Ein seelischer Krüppel oder gar ein Soziopath? Ich halte das für eine überaus arrogante, einseitige und ebenso polemische (und unbewiesene) Zuschreibung. Zudem: Früher war es leider gang und gäbe, dass Eltern weltweit ihre Kinder schlugen. Der These der Autorin zufolge hätten alle diese Eltern damals ihre Kinder nicht geliebt. Und noch schlimmer: Alle diese Menschen - Eltern wie Kinder - wären demnach psychisch krank gewesen.

Barbara Kiesling möchte 'Gewalttaten vor dem Hintergrund psychischer Traumatisierungen verstehbar machen', ohne Gewalt zu relativieren. Aber genau dies geschieht meiner Meinung nach. Hier wird Gewalt verharmlost, da Menschen jede Verantwortung für ihr Handeln konsequent abgesprochen wird. Denn die Autorin behauptet u.a., dass Eltern ihre Kinder nicht misshandeln, weil sie sie verletzen wollen. Dies geschehe nur, um eigene psychische Konflikte damit zu bewältigen. Mehr noch: Die Eltern seien sich dessen gar nicht bewusst, 'welche verheerenden Folgen ihr Verhalten haben kann.' Und auch die jeweiligen Partner in einer Misshandlungsbeziehung seien sich ihres Handelns und der dahinter stehenden psychischen Motivation nie wirklich bewusst. Weswegen sie daran auch keine Schuld treffe, denn 'diese Abläufe geschehen hier wie da ohne eine wesentliche beeinflussbare Mitwirkung der Beteiligten.'

Damit macht es sich die Autorin entschieden zu einfach, weil auf diese Weise häusliche Gewalt und Gewalt gegen Kinder als psychische Krankheit, an der niemand schuld ist, verharmlost werden.

Einen Ausweg aus dem Dilemma böte nach Barbara Kieslings Meinung höchstens eine aufwändige, lange Psychotherapie. Aber dazu müssten sich die Beteiligten ihres Handelns erst einmal bewusst werden. Das mag teilweise sogar stimmen. In manchen Fällen mag es Eltern wie Partnern in einer Liebesbeziehung/Ehe nicht bewusst sein, dass sie sich gewalttätig verhalten und welche schlimmen Konsequenzen ihr gewalttätiges Handeln hat. Zuzustimmen wäre der Autorin bezüglich dieser Aussage: Wenn jemand eine andere erwachsene Person oder sein(e) Kind(er) brutal misshandelt, wenn er/sie sie schlägt, erniedrigt, demütigt und das über Jahre hinweg, ohne dass es ihn reut und ohne dass er versucht sich zu ändern, dann beruht dieses Verhalten bestimmt nicht auf Liebe. Aber das bedeutet nicht, dass die misshandelnde Person in jedem Fall psychisch krank und für ihr Verhalten nicht verantwortlich ist.

Zynisch finde ich darüber hinaus, dass die Autorin grundsätzlich davon ausgeht, dass beide Partner in einer Misshandlungsbeziehung immer und zu gleichen Teilen Täter wie Opfer sind. Damit ignoriert man die meist überaus komplexe und komplizierte Struktur vieler Gewaltbeziehungen und wird der realen Situation der Protagonisten nicht gerecht. In manchen Beziehungen mögen tatsächliche beide Partner zu gleichen Teilen Täter wie Opfer sein, aber gewiss nicht in allen.

Desweiteren versteigt sich Barbara Kiesling zu der Behauptung, dass psychisch gesunde Menschen grundsätzlich weder einen gewalttätigen Partner wählen noch selbst je Gewalt gegen andere Personen ausüben würden, denn Liebe und Gewalt schlössen sich automatisch aus. Keine seelisch gesunde Frau würde je überhaupt eine Beziehung zu einem gewalttätigen Partner eingehen. Ganz davon abgesehen, dass Frau Kieslings willkürliche Einteilung der Menschen in psychisch gesund und psychisch krank, bzw. liebesfähig und liebesunfähig anmaßend ist, empfinde ich ihre stark vereinfachende, plumpe These, dass geistig gesunde Menschen prinzipiell nie Gewalt ausüben als geradezu lächerlich, wenn nicht gar gefährlich. Denn eine solche Einteilung in liebesfähig=psychisch gesund=nicht gewaltbereit und liebesunfähig=psychisch krank=gewalttätig wird der komplexen Realität alltäglich erlebter Gewalt nicht gerecht.

Aufgrunddessen kann ich mich der positiven Bewertung meines Mitrezensenten nicht anschließen und vergebe nur 2 Sterne.


Gefangen in Deutschland: Wie mich mein türkischer Freund in eine islamische Parallelwelt entführte
Gefangen in Deutschland: Wie mich mein türkischer Freund in eine islamische Parallelwelt entführte
von Katja Schneidt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie eine moderne junge Frau in eine Parallelwelt abrutscht, 25. Oktober 2011
Ich habe Katja Schneidts Buch trotz großer Begeisterung nur in Etappen lesen können, so sehr haben mich die Schilderungen ihrer Erlebnisse mitgenommen. Ich habe alle paar Dutzend Seiten eine mehrtägige Pause eingelegt, sonst hätte mich die Wucht des Erzählten umgehauen. Mit eindringlichen Worten und in mitreißendem, flüssigem Stil beschreibt die Autorin, wie sie sich als junge Frau in einen türkischen Mann namens Mahmud verliebt und kurze Zeit später die Hölle auf Erden erlebt. Doch der anfangs zärtliche und fürsorgliche Freund zeigt recht schnell sein wahres Gesicht und wird ihr gegenüber physisch wie psychisch gewalttätig und entwickelt sich zum brutalen Tyrann. Katja soll sich immer mehr türkisch-islamischen Traditionen anpassen (obwohl sie zu keinem Zeitpunkt überhaupt Muslima war). Sie muss ein Kopftuch tragen, soll sich 'sittsam' verhalten, Kontakte zu Nichtfamilienmitgliedern (und erst recht zu anderen Männern) sind ihr verboten und sie darf das Haus nur noch in Begleitung diverser Familienmitglieder Mahmuds verlassen. Immer wieder bedrängt sie ihr Freund, sie solle doch endlich zum Islam konvertieren. Katja hat nicht den Mut aufzubegehren und passt sich an, gibt nach und erträgt stumm all die Demütigungen und Misshandlungen ihres Partners. Am Ende lebt Katja als Mitglied in ihrer neuen türkischen Familie ein völlig von der Außenwelt abgekapseltes und isoliertes Leben und verliert infolgedessen beinahe ihre komplette Identität. Sie rutscht ab in eine türkische Parallelwelt, lebt türkisch, spricht Türkisch und verliert zuletzt sogar noch die Freundschaft zu ihrer deutschen Freundin. Einige wenige Versuche, der Gewaltbeziehung zu entfliehen, scheitern. Katja ergibt sich resigniert in ihr Schicksal. Aber auch mittels Unterwerfung und Anpassung kann sie die rasende Gewalt, die wahnhafte Eifersucht und die grenzenlose Brutalität Mahmuds nicht stoppen. Im Gegenteil. Ihre Situation verschlimmert sich zusehends, immer grausamer und exzessiver werden Mahmuds Ausbrüche. Gleich mehrfach schlägt er sie halbtot und verweigert ihr danach überdies jede Form medizinischer Hilfe. Diese äußerst brutale Form seelischer wie körperlicher Gewalt ist schließlich Teil ihres Alltags. Zudem muss sie hilflos mit ansehen, wie auch andere türkisch-muslimische Frauen Opfer von Gewalt durch ihre Ehemänner, Väter und Brüder werden. Unter anderem erlebt sie die Zwangsverheiratung eines 12-jährigen Mädchens.

Nach 4 Jahren Hölle gelingt ihr dann doch die Flucht.

Das Buch ist sehr spannend geschrieben, Katja Schneidts Erlebnisse wirken absolut glaubhaft. Vieles ist wirklich sehr drastisch dargestellt, was aber meines Erachtens so sein muss. Wahrscheinlich kommt die grenzenlose Brutalität, die die Autorin erlitten hat, eher noch nicht drastisch genug rüber. 'Gefangen in Deutschland' hat mich davon abgesehen sehr wütend gemacht. Es ist schlimm, sich zu vergegenwärtigen wie türkische, bzw. muslimische Frauen hierzulande gequält und misshandelt werden.

Ich finde es extrem mutig von Katja Schneidt, sich nach ca. 20 Jahren ohne Pseudonym mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu wenden. Davor habe ich großen Respekt. Eigenen Angaben zufolge möchte die Autorin vielen Frauen in ähnlichen Situationen Mut machen, um aus Gewaltbeziehungen auszubrechen. Man kann nur hoffen, dass ihr das gelingt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 26, 2012 11:17 AM CET


Sons of Anarchy, Season 3 [UK Import]
Sons of Anarchy, Season 3 [UK Import]
DVD ~ Katey Sagal
Wird angeboten von ZOverstocksDE
Preis: EUR 7,73

23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klasse Biker-Action mit viel Spannung und Niveau, 25. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Sons of Anarchy, Season 3 [UK Import] (DVD)
Kaum zu glauben, dass Sons of Anarchy immer noch nicht im deutschen TV gezeigt wird (nachdem in den USA seit September 2011 mit großem Erfolg schon die vierte Staffel läuft, hat angeblich ProSiebenSat.1 die Serie endlich gekauft). In GB habe ich mir pünktlich zur Veröffentlichung die dritte Staffel besorgt und bin begeistert, obwohl meiner Meinung nach 'Sons of Anarchy' nicht ganz an das Niveau von The Shield heranreicht. Spannung, Action, Drama, Liebe und Romantik kommen jedoch weiß Gott nicht zu kurz. Die Serie ist phantastisch geschrieben, inszeniert und gespielt. Die Schauspieler sind exzellent gewählt, vor allem Katey Sagal ('Peggy Bundy'), Charlie Hunnam und Ron Perlman brillieren. Aber auch die anderen Rollen und Gastrollen sind sehr gut besetzt. Besonders gefallen hat mir unter anderem Kim Coates als Alex 'Tig' Trager, der schon reichlich schräg und durchgeknallt, aber dennoch irgendwie sympathisch wirkt. Katey Sagal agiert allerdings überragend und spielt ihre männlichen Kollegen des Öfteren glatt an die Wand. Ihre Rolle als Matriarchin und toughe Bikerbraut Gemma Teller ist die mit Abstand beste schauspielerische Leistung, die ich seit Langem gesehen habe (und hat mit ihrer ehemaligen Rolle als Peggy Bundy zum Glück überhaupt nichts mehr zu tun). Spitze!

Zur Handlung möchte ich nicht viel sagen, hier haben bereits meine Vorrezensenten genug geschrieben. Daher lediglich einige Anmerkungen: Mich hat beeindruckt, wie realistisch nicht nur das Setting dargestellt ist, sondern wie überzeugend auch der Lebensstil und der Verhaltens- und der Ehrenkodex der Outlawbiker portraitiert werden. Die Sons of Anarchy sind eine Rockerbande im Stil der Hell's Angels, die ihre Brötchen mit Waffenschmuggel und Pornoproduktionen verdienen und dabei über die eine oder andere Leiche gehen. Das kommt sehr eindringlich rüber und wird mit großer Liebe zum Detail dargestellt. Staffel 3 spielt vorwiegend in Irland und beleuchtet zusätzlich die Rolle der IRA. Der Szenenwechsel auf die grüne Insel steigert die Spannung noch mehr.

Diverse Kritik kann ich mir dennoch nicht verkneifen: Manches wirkt ziemlich unglaubwürdig, bzw. unlogisch und man merkt, dass die Serie nicht von HBO stammt (hierbei beziehe ich mich ausdrücklich auf die britische, englischsprachige DVD-Ausgabe): Obwohl Sons of Anarchy vor blutiger Gewalt teilweise nur so strotzt, wird in der gesamten Serie nicht ein einziges Mal heftig geflucht, das berühmte f-Wort bekommt man nie zu hören. Ein Biker, der nie fuck sagt? Doch, sehr realistisch! Genau wie die Tatsache, dass die Sons of Anarchy ihr Geld zwar im Waffenhandel, nicht aber in der Prostitution und im Drogenhandel verdienen. Das überlassen sie anderen Gangs. Wer sich nur ansatzweise mit dem Thema Outlawbiker auskennt, wundert sich, ob man hier das Image der Sons künstlich aufpoliert hat, vielleicht weil die Figuren sonst eben doch weit weniger sympathisch wirken würden. Ein dennoch nachvollziehbarer Schritt, denn es ist fraglich, ob es Serienerfinder Kurt Sutter sonst gelungen wäre, Empathie für die einzelnen Figuren zu erzeugen.

Abschließend noch ein paar Anmerkungen zum Technischen:
An der Qualität der DVDs gibt es nichts zu meckern. Bild und Ton sind optimal. Auch das Bonusmaterial ist alles andere als mickrig und weiß positiv zu überraschen.

Absoluter Kauftipp!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 14, 2012 11:55 PM CET


Psychotherapeuten im Visier
Psychotherapeuten im Visier
von Holger Reiners
  Broschiert

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Scharlatane und Stümper im Therapeutengewand?, 5. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Psychotherapeuten im Visier (Broschiert)
Holger Reiners Buch hat mir zunächst so sehr gefallen, dass ich es in einem Rutsch durchgelesen habe. Sein sachlicher, aber manchmal auch durchaus emotionaler Tonfall gefiel mir ebenso wie sein kritischer Blick auf ein eher selten erörtertes Thema. Missstände und Inkompetenz in der deutschen Therapeutenszene werden leider viel zu selten offen und ohne ideologische Scheuklappen diskutiert. Zwar konzentriert sich der Autor vorwiegend auf Depressionen (an denen er selbst ca. 20 Jahre lang gelitten hat), sein Buch ist jedoch problemlos auf andere psychische Erkrankungen übertragbar und liefert wertvolle Hilfe und Denkanstöße für Patienten wie Psychotherapeuten. Der Autor kritisiert die unzureichende Versorgungslage psychisch Kranker, in der er nicht nur ein strukturelles Problem unseres Gesundheitswesens erblickt, sondern für das seiner Meinung nach Psychiater und Psychotherapeuten selbst verantwortlich zeichnen. Reiners beklagt sowohl die mangelnde Transparenz und Empathie als auch das Fehlen von Respekt und Aufrichtigkeit zahlreicher Therapeuten gegenüber seelisch Erkrankten. Zu oft, so Reiners, verschanzen sich Psychiater und Psychotherapeuten hinter Standesdünkel, Dominanzgebaren und einer bewusst inszenierten Verunsicherung des Patienten, anstatt diesem fürsorglich und respektvoll auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Reiners kritisiert, dass Therapien zu selten einem sowohl für den Patienten als auch dessen Angehörigen einsehbaren, hinterfragbaren und kontrollierbaren Konzept unterliegen. Zwar werde dies meist von Psychotherapeuten behauptet, die Realität sei jedoch eine andere. In Wirklichkeit lassen sich Therapeuten nur allzu ungern in die Karten schauen und zelebrieren ihren Patienten gegenüber eine mehr oder weniger offen zur Schau gestellte Autorität und Überlegenheit. Kritik seitens ihrer Patienten (oder auch seitens Dritter wie z.B. Journalisten) werde von Therapeuten, so der Autor weiter, viel zu oft als lästig und unbequem empfunden, da schon ein empathisches Eingehen auf derlei Kritik als ein sichtbares Zeichen von Schwäche und Inkompetenz interpretiert werden könne. Viel lieber operieren Therapeuten seiner Ansicht nach im Nebulösen. Und sollte die Therapie nicht anschlagen, wird die Verantwortung dafür zumeist auf die Erkrankten abgeschoben, die im schlimmsten Fall als therapieresistent abgestempelt werden. Bei sich selbst suchen Psychotherapeuten kaum die Schuld für das Versagen einer Therapie, denn der Therapeut hat immer recht. Eine selbstherrliche Attitüde, die vor allem dadurch unterstützt wird, dass Psychiater und Psychotherapeuten, anders als Ärzte in allen anderen Bereichen des Gesundheitswesens, in einem fast völlig unkontrollierten Raum arbeiten. Es ist für Patienten schon schwer genug, einem praktischen Arzt einen Behandlungsfehler nachzuweisen, bei einem Psychotherapeuten ist es so gut wie unmöglich. In Worten des Autors: 'Es darf nicht sein, dass ein Therapeut nach der Approbation über Jahrzehnte seine therapeutischen Vorstellungen gleichsam als Versuch am Menschen auslebt, ohne jemals einer Kontrolle zu unterliegen. Patienten, die sich beschweren, die irgendwelchen Schwindel aufdecken wollen, tun sich schwer im kollegialen Geflecht, das in Krisenzeiten immer zusammenhält, sodass nur sehr selten das sogenannte schwarze Schaf in der weißen Herde der Rechtschaffenden irgendwann einmal auffliegt. Es sei denn, es macht sich ganz offensichtlich strafbar.' Außerdem fehlt es seelisch Erkrankten leider auch zu oft schlichtweg an Kraft und kritischer Distanz, um fehlerhafte oder zumindest ungenügende therapeutische Leistungen zu durchschauen und sich zur Wehr zu setzen. Ich kann dem Autor daher nur zustimmen, wenn er folgerichtig ein radikales Umdenken im Umgang mit psychisch Kranken fordert. Er beklagt zurecht, dass es ca. 500 nicht wirklich evaluierte Therapieverfahren, kaum Forschungserfolge, zu wenig Transparenz und Kontrolle, dafür aber um so mehr vollmundige Versprechungen seitens der Psychotherapeutenszene gibt.

Was mir an Holger Reiners Buch dann doch teilweise missfällt, ist, dass seine Argumente manchmal ins Absurde und Polemische abgleiten. Darüber hinaus kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor bisweilen selbst in die von ihm so bitter beklagte Arroganz verfällt. Seine Argumentation wirkt an einigen Stellen ziemlich selbstherrlich.
Und neben all der berechtigten Kritik und seinem oft unverhohlenen Spott stellt er ziemlich unlogische Behauptungen auf. So gibt er vor, dass 90 Prozent aller Psychotherapien nicht helfen, 50 Prozent würden sogar schaden, lediglich 10 Prozent aller Therapien seien wirklich hilfreich. Das ist dann wohl das traurige Fazit seiner Abrechnung mit der deutschen Therapeutenszene, wie das Buch übertrieben reißerisch im Klappentext beworben wird. Meine Meinung dazu: Wenn die Bilanz psychotherapeutischen Schaffens tatsächlich derart negativ, ja sogar schädlich ausfallen würde, sollte das nicht in all den Jahrzehnten jemandem aufgefallen sein? Hat uns die Psychotherapeutenszene so geschickt jahrzehntelang hinters Licht geführt? Holger Reiners zufolge könnten seelisch Notleidende demnach genauso gut einen Astrologen aufsuchen oder sich im schamanischen Pilgern oder tibetischen Gesundbeten üben?? Das erscheint mir doch reichlich überzogen.

Trotz dieser Schwächen ein sehr aufschlussreiches und zweifelsohne wichtiges Buch, dass zum kritischen Hinterfragen anregt.

Übrigens: Wer am Thema Kritik an Psychotherapie Interesse hat, dem empfehle ich die Bücher von Christel Hafke (Vertrauen und Versuchung. Über Machtmissbrauch in der Therapie) und Jeffrey A. Kottler (Wenn Therapeuten irren).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 1, 2011 5:37 PM MEST


Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist
Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist
von Eugen Sorg
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

13 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Böse im Menschen, 30. März 2011
Selten erlebe ich es, dass mich ein Buch von der ersten Seite an derart fesselt. Der Journalist Eugen Sorg erforscht die Motive von Gewalttätern und stellt dabei äußerst unbequeme (oder sollte man sagen politisch unkorrekte?) Fragen nach dem Ursprung des Bösen im Menschen. Denn Brutalität, Grausamkeit und Gewalt sind seiner Meinung nach keinesfalls eine Folge sozialer, psychischer oder politischer Umstände und Zwangslagen. Für Eugen Sorg ist das Böse vielmehr 'eine Triebkraft, eine Leidenschaft, die nichts außer sich selber kennt. Hinter dem Bösen steckt keine Pathologie, keine Verzweiflung, keine Rache für erlittenes Unrecht. Hinter ihm steht nichts anderes als die Entscheidung, Böses zu tun.'

Menschen quälen und töten demnach nicht aus einer Notlage heraus. Sie massakrieren ihre Mitmenschen nicht, weil eine höhere Autorität sie dazu zwingt, weil sie keinen anderen Ausweg sehen oder weil sie an einer psychischen Störung leiden. Nein, es ist viel banaler: Menschen begehen Gewalttaten und sogar abscheulichste Verbrechen aus purer Lust. Die 'knappestmögliche Definition' des Bösen, so Sorg, ist 'die blanke und nackte Wahrheit': Menschen haben Spaß und Lust am Bösen, sie sind (wie u.a. schon Bill Buford in seiner Studie über Fußballhooligans feststellte) 'geil auf Gewalt'. Seit Jahrtausenden berauschen sich Menschen am Bösen. Nicht weil sie sich nicht anders zu helfen wüssten, greifen Menschen zur Gewalt, sondern weil sie wollen, können und dürfen. Mehr noch. Sie entscheiden sich der Ansicht des Autors nach ganz bewusst dafür, Böses zu tun. Denn vor der Handlung, so argumentiert Sorg folgerichtig, 'existierte der Wunsch und aus ihm reifte der Plan.' Ein Täter hätte jederzeit die Möglichkeit, sich gegen Gewalt zu entscheiden, denn andere Menschen mit der gleichen Ausgangssituation handeln nicht gewalttätig. Die letzte Instanz ist und bleibt für Sorg stets der Einzelne selbst. Ob ein Mensch sich für oder gegen die Gewalt entscheidet, obliegt seinem 'individuellen, von nichts ableitbaren freien Willen.'

Dass Menschen Freude und Lust am Töten und Quälen anderer empfinden ist eine unbequeme, bedrückende Tatsache, die man heute lieber konsequent ausblendet und wegerklärt. Der freie Wille zum Bösen wird Menschen meist abgesprochen. Eugen Sorg kritisiert, dass vor allem Politiker, Kriminologen, Psychologen und Soziologen den wahren Ursprung des Bösen stattdessen verleugnen und verharmlosen, weil sie die Motive und die Gemütsverfassung der Täter falsch einschätzen (sie geben an, die Täter seien krank, überfordert, in die Enge getrieben, etc.). Womit man letztendlich die wahre Verantwortung der Täter ignoriert. Denn die Mehrheit der Täter ist Sorgs Meinung nach weder arm, ausgegrenzt, ungebildet noch psychisch krank.

Und hier greift die Argumentation Sorgs meiner Meinung nach deutlich zu kurz. Aber ähnlich wie die von ihm so vehement kritisierten Verharmloser ubd Verleugner des Bösen argumentiert auch er selbst letztlich einseitig und pauschalisierend. Werden heute bei der Beurteilung von Gewalttaten von den meisten Experten gewöhnlich äußere Umstände, bzw. biografische und psychologische Defizite überbetont, so tendiert Eugen Sorg dazu, diese fast völlig auszublenden oder ihren Einfluss in Abrede zu stellen. Bei vielen Tätern wird seine These wahrscheinlich zutreffen, denn ja, es gibt diese bewusste und gewollte Lust an der Gewalt. Aber ist es wirklich so, dass sich jeder Täter vollkommen rational und mit freiem Willen bewusst für das Böse entscheidet? Macht Sorg es sich damit nicht etwas zu einfach? Ignoriert er damit nicht z. B. die Mitverantwortung anderer an diversen Verbrechen? Ist jeder Täter wirklich immer allein schuld und verantwortlich? Interessanterweise wird das Thema Schuld in Sorgs Buch praktisch nie erwähnt. Er konzentriert sich in seinen Ausführungen fast ausschließlich auf den seiner Meinung nach jederzeit freien Willen der Täter. Aber existiert dieser tatsächlich? Über den angeblich 'individuellen, von nichts ableitbaren freien Willen' streiten sich Philosophen ja bekanntlich seit der Antike. Und bis heute ist ein Konsens nicht in Sicht.

Der Autor lässt überdies weitere diverse wichtige Fragen offen. Unter anderem fehlt eine präzisere Definition des Bösen. An mehreren Stellen im Buch bringt Sorg ansatzweise die religiöse Dimension des Bösen ins Spiel, indem er (jedoch nur sehr abstarkt und vage) mit Begriffen wie 'Hölle' und 'Teufel' argumentiert (u.a. gibt er an, die Täter hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen). Leider geht er dann doch nicht näher darauf ein. Deshalb wirkt diese Begriffswahl eher überflüssig und etwas plakativ und reißerisch.

Kritisieren möchte ich darüber hinaus, dass Sorg in seinem Buch der Frage nach dem Bösen im Islam zu viel Gewicht beimisst. Von der Tatsache abgesehen, dass Sorg hierbei nur den Islam und keine andere Religion thematisiert (man hätte doch genauso gut das Thema Kirche und sexueller Missbrauch erwähnen können), widmet er von insgesamt 14 Kapiteln ganze fünf Kapitel (das sind immerhin 60 von 155 Seiten) der Frage, ob der Islam eine gewaltverherrlichende Religion oder gar per se eine Kriegsreligion ist. Eine Frage, die Eugen Sorg im Gegensatz zu den meisten westlichen Politikern, Journalisten und anderen Experten klar mit ja beantwortet, denn im Aufstieg des radikalen Islamismus erblickt Sorg zu keinem Zeitpunkt das Produkt einer verfehlten Politik des Westens. Diese Argumentation ist zwar schlüssig, sie wirkt jedoch nicht ganz stichhaltig. Außerdem wurde mit der einseitigen und viel zu umfangreichen Diskussion über den Islam bedeutendes Potenzial in diesem Buch verschenkt. Hier hätte ich mir eine ausgewogenere Darstellung der Thesen des Autors gewünscht. Viele Aspekte kommen schlichtweg zu kurz.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 5, 2012 9:29 PM CET


Die Panikmacher: Die deutsche Angst vor dem Islam
Die Panikmacher: Die deutsche Angst vor dem Islam
von Patrick Bahners
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

30 von 70 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein mutiges und gelungenes Buch zum Thema Islamkritik, 10. März 2011
Auf Patrick Bahners Streitschrift habe ich mit Spannung gewartet, war sie doch schon vorab in der Presse äußerst kontrovers diskutiert worden. Das Buch polarisiert, keine Frage. Auch die Amazon-Rezensionen zeigen dies auf anschauliche Weise: Entweder man lobt dieses Buch in den höchsten Tönen oder man verdammt es. Ich möchte eine etwas differenziertere Position einnehmen.

Bemängeln möchte ich den etwas ungewöhnlichen Stil des Autors, den ich von der ersten Seite ab als störend empfand. P. Bahners schreibt gestelzt, überladen und übertrieben intellektuell. Das mag im Feuilleton der FAZ gut ankommen, für ein populärwissenschaftliches Sachbuch halte ich diesen sperrigen Stil für unnötig, wenn nicht gar unpassend. Aber vielleicht ist dies auch lediglich eine Geschmacksfrage.

Zum Inhalt: P. Bahners Argumente haben mir interessante und wichtige Denkanstöße zum Thema Islamkritik geliefert. Seine Argumente sind schlüssig, sein ganzes Vorgehen wirkt stringent, sachlich und wissenschaftlich, informativ und spannend. Ich kann dem Autor jedoch nicht in allen Punkten zustimmen. An manchen Stellen wirken seine Thesen auf mich etwas verharmlosend und eindimensional. Hier neigt der Autor dann schließlich selbst zu der von ihm so vehement kritisierten Unsachlichkeit. Gar nicht so selten argumentiert P. Bahners überaus emotional. So bezeichnet er u.a. das Kopftuchverbot für Lehrerinnen als 'Akt der seelischen Gewalt' (S.106). Diese Formulierung halte ich für übertrieben theatralisch. Damit wird er der vielschichtigen und diffizilen Sachlage nicht gerecht. Und wenn deutsche Schüler an diversen Schulen mittlerweile eine Minderheit bilden und 'als Schwächere beschimpft und schikaniert werden' (S.271), dann beruht das meiner Meinung nach nicht ausschließlich auf gewöhnlichem Mobbing, oder ' wie P. Bahners es nennt ' auf 'Disziplinproblemen ['] in der jungen Generation ausländischer Herkunft'. Das finde ich zu kurz gegriffen. Für mich fanden sich im Buch noch einige weitere Stellen, an denen ich dem Autor nur bedingt zustimmen konnte.

Davon abgesehen hat mir das Buch jedoch sehr gut gefallen. P. Bahners unterzieht die Thesen der populistischen Islamkritik einer gründlichen Überprüfung. Er nimmt nicht nur Stellung zu den sogenannten Tabuverletzungen Thilo Sarrazins (den er einen 'Apostel des Sozialdarwinismus' nennt), sondern liefert ein äußerst umfangreiches, jedoch wenig schmeichelhaftes Portrait der deutschen Islamkritik inklusive ihrer Motive und Ziele. Dabei kann er überzeugend beweisen, dass zahllose Behauptungen der Islamkritiker nur wenig sachlich-fundiert sind, sondern zumeist auf inneren Ängsten und Aggressionen fußen. Mehr noch. Wie der Klappentext bereits verrät, demonstriert der Autor überzeugend, dass und wie die wütenden, pauschalisierenden Angriffe 'dem Ideal einer liberalen und toleranten Gesellschaft' zuwiderlaufen und sich 'unter dem Deckmantel der Geistesfreiheit in Wahrheit eine Kultur der Intoleranz ausbreitet'.

Wer an dieser Stelle Einwände erhebt, kann gern auf all den zahlreichen und sich immer weiter verbreitenden Hetzbloggs und in den Kommentarbereichen diverser Zeitungen all die rassistischen und fremdenfeindlichen Äußerungen seiner lieben Mitbürger bestaunen.

Von enormer Wichtigkeit ist auch P. Bahners Fazit. Was, so fragt er, ist eigentlich die logische Konsequenz der Forderungen der populistischen Islamkritik? Auf S. 45 stellt er eine der entscheidenden Fragen, nämlich wie hiesige Politiker denn 'auf die 58,4 Prozent der Deutschen konkret reagieren sollten bzw. müssten, die nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung der Aussage zustimmen, dass für Muslime die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden sollte?' Sollte man am besten alle Muslime aus Deutschland ausweisen? Sie in Lager internieren? Oder umerziehen, sprich zwangschristianieren (oder vielleicht zwangssäkularisieren, je nach Geschmack?). Irgendwie in diese Richtung reagieren müsste man doch, zumindest wenn man sich die Worte Ayaan Hirsi Alis zu Herzen nimmt, die festgestellt hat, dass wir uns längst 'im Krieg gegen den Islam befinden (S.215).' Konsequenterweise fordert Hirsi Ali ' eine der wichtigsten Heldinnen der populistischen Islamkritik ' daher zumindest schon mal unverhohlen die Einschränkung der Freiheit von Forschung und Lehre und der Versammlungsfreiheit, denn 'im Krieg [mit dem Islam] gibt es keinen Kompromiss'. Hier werden in der Tat nicht nur Panik und Ängste massiv geschürt, nein, hier werden Lösungen souffliert, die ebenso praxisfern und menschenrechtswidrig sind.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 28, 2011 1:40 PM MEST


Weissensee - Die 1. Staffel [2 DVDs]
Weissensee - Die 1. Staffel [2 DVDs]
DVD ~ Florian Lukas
Wird angeboten von schnuppie83
Preis: EUR 13,90

50 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ebenso packend wie verstörend, 20. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Weissensee - Die 1. Staffel [2 DVDs] (DVD)
Mich hat die Serie gleich von der ersten Folge an begeistert, obwohl ich den vorausgegangenen Lobeshymnen in der Presse durchaus etwas skeptisch gegenüberstand. Besonders beeindruckt hat mich die großartige schauspielerische Leistung von Katrin Saß, aber auch Jörg Hartmann (als Stasimann Falk Kupfer) spielt überragend, da absolut überzeugend und glaubwürdig. Das gesamte Setting wirkt glaubwürdig, lässt jedoch keinerlei Raum für "Ostalgie", denn was als gewöhnliche Familienserie beginnt, endet rasch in einer äußerst beklemmenden Innensicht der DDR .

Auf mich wirkte die Serie ähnlich verstörend wie der Film "Das Leben der Anderen". Mehrmals beim Schauen musste ich erstmal tief durchatmen, denn die Darstellung der Folgen des totalitären Überwachungsalltags im real existierenden Sozialismus ist beängstigend realistisch. Deutlich zu sehen ist, wie das erbarmungslose System aus Kontrolle, Bespitzelung, Einschüchterung und Manipulation jede Regung von Freiheit und Selbstbestimmung, ja simpler Lebensfreude und Liebe bereits im Keim zu ersticken versucht. In eindringlichen Bildern werden Macht und Ohnmacht der jeweiligen Betroffenen gezeigt. Faszinierend. Schockierend.

Für mich eine der besten deutschen Serien seit langem. Absolut erstklassig. Mich hat die Serie sowohl zum Nachdenken wie zum Diskutieren angeregt und ich freue mich jetzt schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung.


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