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Bücherkeule

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Nachtzug nach Lissabon
Nachtzug nach Lissabon
von Pascal Mercier
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Assemblage der eher leichten Sorte, 30. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Nachtzug nach Lissabon (Taschenbuch)
'Nachtzug nach Lissabon' ist ein wunderbar leicht zu lesender und doch sanft enttäuschender Roman, dessen mutiger Versuch, Lebensweisheit allzu explizit in eine Erzählform zu verweben, nicht an die grossen Vorbildern heran reicht. Zu viel möchte der Autor gleichzeitig: Die Grundlagen einer Lebensphilosophie werden errichtet, Sprache wird mit ihren Wirkmechanismen genauso seziert wie die jüngere portugiesische Geschichte mit ihren grausamen Exzessen. Zusammengehalten werden diese eher theoretisch-historischen Bemühungen durch eine forcierte Geschichte, in der sich ein verhockter berner Gymnasiallehrer, Raimund Gregorius, den seine Kollegen zu Recht den Papyrus nennen, auf eine zunächst abenteuerlich anmutende Reise nach Lissabon macht, die sich zunehmend als eine (wenn auch lebensnahere) Variation auf seine philologischen Studien erweist. Menschlichen Tiefgang erhält die Geschichte schliesslich durch die allmähliche, philologisch-archäologisch Freilegung einer schwierigen aber nicht aussergewöhnlichen Geschichte zweier Generationen einer adligen portugiesischen Familie zu Zeiten der Diktatur Salazars, die sich um die zentrale Person Amadeu Prado, den hyperintellekuellen und feinnervigen Sohn des Hauses dreht. In dem Masse, wie sich Gregorius in dieser Familiengeschichte verliert, wird er zum Katalysator für all jene Personen, die sich seit dem Tod Amadeus einer persönlichen Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte verweigert haben und damit einen lange zurückliegenden historischen Zustand bewahrt haben.

Die Geschichte nimmt ihren Ausgang an einem nassen Wintertag, als Gregorius durch eine Zufallsbegegnung mit einer Unbekannten aus seinen jahrzehntealten mentalen Gleisen geworfen wird. Mit einem Mal wird ihm bewusst, wie trocken sein bisheriges Leben war, und er beschliesst als radikale Konsequenz, das heimatliche Bern sofort zu verlassen. Als Vademecum dient ihm dabei ein Büchlein, das ihm ebenso zufällig in die Hand fiel. Es sind tagebuchartige, reflektive Aufzeichnungen des Amadeu Prado. In ihm erkennt Gregorius einen Seelenverwandten. Diese gespürte Verwandtschaft zieht ihn nach Lissabon. Hier beginnt die Spurensuche, die zwar detektivischen Spürsinn aber noch mehr menschliches Einfühlungsvermögen verlangt. Langsam, leider oft auch zögerlich (und den Leser in seiner Geduld damit gelegentlich strapazierend), nähert sich Gregorius dem vor dreissig Jahren gestorbenen Amadeu. Er entdeckt dessen schwierige Beziehung zu seinem Vater, an Eifersucht gescheiterte Busenfreundschaften, vergebliche Geschwisterliebe und opfermutiges Heldentum. Nebenbei entschlüsselt er einige Stücke portugiesische Geschichte und ringt auch mit eigenen, versäumten Knabenträumen, die sich jedoch in den Handlungsablauf nicht recht einfügen wollen. Gregorius gewinnt in dem Masse, wie die Geschichte fortschreitet, an Statur, doch die Läuterung, die sein vieles Grübeln erwarten lässt, bleibt schliesslich aus.

Auch wenn die Geschichte von mutigen Taten des Widerstands berichtet, handelt sie zumeist von Männern, die zu sehr dem Nachdenken hingegeben sind und nicht der Handlung. Gregorius selbst ist das wichtigste Beispiel. Hier wird ein Leser schon einmal ungeduldig: Es werden keine Handlungen entdeckt sondern vor allem Nichthandlungen. Das stille Drama des Buches ist das Schweigen, aber nicht das notwendige Schweigen des Widerständlers, sondern das Schweigen der Mutlosigkeit, sein eigenes Leiden beim Namen zu nennen. Vielleicht auch der Unmöglichkeit, seinem Leiden adäquaten sprachlichen Ausdruck zu geben. Dass Gregorius selbst Altphilologe ist, unterstreicht die Bedeutung der Sprache als Thema, seine Philologenrolle selbst bleibt jedoch eher blass: Die Entdeckungen des Gregorius sind die Arbeit eines Philologen, doch keine philologische Arbeit.

Wer die Lebensphilosophische Seite an diesem Buch vor allem schätzt, möchte sich vielleicht lieber dem wirklichen portugiesischen Klassiker in dieser Hinsicht überantworten. Die nötige Leseausdauer vorausgesetzt, bietet 'Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares' von Pessoa weitaus mehr als der vorliegende Roman. Wer es kürzer möchte greift zu 'Baron von Teive: Die Erziehung zum Stoiker'. Wer eine packende Detektivgeschichte erwartet, wird vom vorliegenden Roman eher enttäuscht. Wer historisches oder lokales Kolorit erwartet, dürfte angesichts der eher schematischen Beschreibungen nicht auf seine Kosten kommen. Empfehlenswert ist dieses Buch nur als Assemblage aus Geschichte, philologischen Versatzstücken, melancholischer Lebensweisheit, Familiendramen und verlorener Liebe.


Frenzy
Frenzy
DVD ~ Jon Finch
Preis: EUR 6,97

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frenzy - wie im Rausch, 30. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Frenzy (DVD)
Mit 'Frenzy' kehrte Alfred Hitchcock nach rund zwanzig Jahren in Amerika in das heimatliche England zurück. Diese Rückkehr ist dem Film in vielerlei Weise eingeschrieben: Nicht nur spielt die Handlung vorwiegend in London, sondern auch in der aus eher jungen Schauspielern bestehenden Crew pulsiert englisches Blut und, last but not least, englischer Humor. Dass Spannung und Humor für Hitchcock keine Gegensätze sondern zwei sich ergänzende Pole seiner Leinwandkunst sind, hat er auch in Amerika immer wieder vorgeführt. Spannung kunstvoll aufbauen und sie dann wieder kurzfristig in Lachen auflösen ist der Trick, mit dem Hitchcock sein Publikum immer wieder gewinnt. Slapstickartige Einlagen sind der Zucker auf Filmen wie 'Der Mann, der zuviel wusste', verbale Fechterein machen den Reiz von 'Familiengrab' aus. In 'Frenzy' ist es der spezifisch britische Humor, den eine gute Portion Sprachwitz, eine reichliche Prise Comedy und einige heftige Szenen am Rande des guten Geschmacks ausmachen. In keinem anderen Film Hitchcocks wird Brutalität und Tod derart direkt inszeniert wie in 'Frenzy'. Und die Londoner Alltagswelt, ihre Pubs und der Obstmarkt in Covent Garden, die vollen engen Strassen und schmalen Wohnungen, wird mit viel Realismus dargestellt, wie er so für den grossen Bühnenerzähler Hitchcock fast ungewöhnlich ist.

Bereits der Anfang des Films macht Hitchcocks Rückkehr deutlich: Die Kamera schwebt über der Themse und senkt sich dann, bis sie knapp über dem Wasser auf die Tower Bridge zugleitet. Am Parlament kommt sie zur Ruhe und fängt eine Versammlung ein, in der ein Redner, in Anwesenheit des Bürgermeisters, die erfreulichen Ausichten auf eine wieder reine Themse rhethorischer kunstvoll anpreist. Weniger erfreulich ist der Anblick der Toten, die während der Rede angespült wird: Sie ist nackt bis auf eine Kravatte, und diese trägt sie um den Hals geschlungen - der Kravattenmörder hat wieder zugeschlagen. Während dieses grosse Drama seinen schnellen Weg in die Boulevardblätter findet, erfährt Richard Blaney sein kleines Drama nicht minder schnell: Einmal zu viel an die Flasche gegangen, und schon ist er seinen Job als Barkeeper los. Nahezu mittellos steht er auf der Strasse. Die eizigen, die ihm helfen können, sind der Rotschopf Robert Rusk (Barry Foster) und Blaneys ehemalige Frau Branda (Barbara Leigh-Hunt). Letztere hat sich zwar von Blaney auf Grund dessen vorgeblich exzessiver Gewalt gegen sie scheiden lassen, doch trotz seiner Unbeherrschtheit war dies nur ein Trick, um die Scheidung schneller durchbringen zu können, ein Trick, der Blaney in der Folge noch teuer zu stehen kommen wird. Branda mag ihren Exgatten trotz seiner Macken, und so lädt sie ihn nicht nur zum Essen ein sondern steckt ihm heimlich Geld zu. Die dritte Stütze in Blaneys tristem Leben is seine Kollegin Babs (Anna Massey). Doch meint es just dieses Leben nicht gut mit ihm. Beide Frauen sterben unter der Hand des Kravattenmörders. Typisch Hitchcok wird die Identität des Mörders auch von vorneherein offengelegt (wodurch der Zuschauer auch in den fraglichen Genuss erheblicher Gewaltszenen kommt). Nun wird Blaney zum Gejagten. Anders als dem typischen Hitchcock-Helden ist es ihm aber nicht gestattet, selbst Rache zu nehmen - er bleibt bis zu letzt Spielball der Ereignisse. Wahrer Held der Verfolger wird in der zweiten Filmhälfte der wie aus einer britischen Comedy geschnittene Chief Inspector Oxford (Alec McCowen). Nachdem er zunächst der falschen Fährte folgte und Blaney vor Gericht bringt, schlägt sein Gewissen und das Zureden (vielleicht auch die göttlich-komödiantischen Kochversuche) seiner Frau durch - er rollt den Fall nochmals auf. Es kommt schliesslich zum Showdown, der aber denkbar unamerikanisch mit kühlem britischen Understatement abgewickelt wird.

Was 'Frenzy' von anderen Hitchcockfilmen deutlich absetzt, ist die Wahl unbekannter Schauspieler aus der Londoner Theaterszene. Gewohnt ist man, in seinen Filmen grosse Namen zu sehen. Doch tut die Wahl dem Film keinen Abbruch, im Gegenteil. Die junge Schauspielercrew spielt erfrischend, und die Gesichter, die allesamt wie aus London geboren scheinen, geben dem Film erst den richtigen Lokalkolorit. Einzig Jon Finch gelingt es als dem unschuldig Verfolgten nicht wie z.B. seiner Gefährtin Anna Massey zum Sympathieträger zu werden. Dies mag sogar in der Absicht des Regisseurs liegen, denn schliesslich ist die Figur des Richard Blaney wenigstens eine problematische, manch ein Zuschauer mag es jedoch irritieren, den Helden nicht wirklich mögen (oder hassen) zu können.

'Frenzy' ist ein wunderbares Alterswerk Hitchcocks. Der Film zeigt, wie viel englisches Blut doch noch in ihm steckte. Man wird sich diesen Film gerne anschauen, wenn man sich nicht an der relativ flachen Spannungskurve stört sondern Gefallen hat an einem bunten, unterhaltsamen Potpourri aus britischem Humor, Comedy, Splatter und London Life. Der Film ist reich an bitter-komischen Szenen, von denen jene, in der der Mörder ein Opfer aus einem Kartoffelsack befreien muss, als Höhepunkt gelten darf. Trotz der Groteske darf gelacht werden - we are british, aren't we.


Hitchcock-Collection: Der Mann, der zuviel wußte / Cocktail für eine Leiche [2 DVDs]
Hitchcock-Collection: Der Mann, der zuviel wußte / Cocktail für eine Leiche [2 DVDs]
DVD ~ Alfred Hitchcock
Wird angeboten von Celynox
Preis: EUR 10,52

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schon ein klein wenig kann zuviel sein..., 27. Dezember 2010
Seitdem 'Der Mann, der zuviel wusste' 1956 in die Kinos kam, haben sich die Sehgewohnheiten des Publikums verändert. Härte bis hin zu bluttriefender Brutalität gehören heute zum Thriller, der sich auch nur noch realistisch, sicher nicht mehr melodramatisch denken lässt. Aus dieser neuen Perspektive wirkt vieles an diesem Film altbacken, ein wenig weltfern und in den dramatischen Momenten ein wenig zu melodramatisch. Dass dieser Film dennoch auch heute noch zu begeistern vermag, hat vor allem mit den beiden Hauptdarstellern Doris Day und James Stewart zu tun. Als vorzügliche Komödianten verstehen sie es, zwischen Ernst und Komik so natürlich zu wechseln, dass beides wie aus einem Guss ineinander fliesst. Und so ist der Film eben nicht nur ein spannender Thriller sondern immer auch Melodram, das seine berührendsten Momente hat, wenn Doris Day mit angstgrossen Augen dem ungewissen Schicksal ins Auge blicken muss. Nicht frei von Rührung sind auch die Szenen, in denen Doris Day das eigens für den Film komponierte, später mit einem Oscar ausgezeichnete Lied 'Que sera, sera' singt.

Ben McKenna (James Stewart) ist mit seiner Frau Jo (Doris Day), einem vormaligen Bühnenstern aus New York, samt Sohn unterwegs nach Marakesch, wo Ben während des Kriegs stationiert war. Ein scheinbarer Zufall sorgt während der Fahrt für die Bekanntschaft mit Louis Bernard (Daniel Gélin), der sich dem Ehepaar als Führer in das schwarze Marakesch anbietet. Doch schon am ersten Abend sieht er sich gezwungen, die Vereinbarung zu brechen. Stattdessen verbringen die KcKennas einen vergnügliche Abend mit einem britischen Ehepaar, den Draytons (Brenda De Banzie, Bernard Miles), mit denen sie auch am folgenden Tag den Markt besuchen. Doch während sie die Tiere betrachten (für deren Fütterung sich Doris Day übrigens unter Weigerungsdrohungen einsetzte), kommt es zu einem Mord am helllichten Tage. Mit den letzten Atemzügen des Sterbenden erfährt Ben ein wichtiges Geheimnis von staatstragender Bedeutung. Er würde es auch dem kernigen Polizeioffizier verraten, der die Eltern McKenna zur Vernehmung gebeten hat, wenn nicht Ben telephonisch davon in Kenntnis gesetzt worden wäre, dass sein Sohn in der Hand von Entführern ist. Die Spur weist nach London, und so reisen beide dorthin auf der Suche nach dem Sohn und der Auflösung des Geheimnisses. Nach verschiedenen Verwicklungen, in denen Ben und Jo in je eigene Abenteuer verwickelt werden, und wenigstens einer falschen Fährte laufen die Fäden schliesslich in der Royal Albert Hall zusammen. Jo beobachtet mit angstweiten Augen, wie Anstalten zu einem Mord getroffen werden, ihr markerschütternder Schrei ist die entscheidende Wende im Film. Doch findet dieser seinen Höhepunkt erst im Showdown, in dem 'Que sera, sera' Erkennungsmelodie im doppelten Sinne wird: Indem der Sohn auf die Melodie der Mutter antwortet, findet Ben ihn und überwältigt die Schurken.

Dieser Film strahlt eine auch für Hitchcock ungewöhnliche Wärme aus, die sehr viel mit Doris Day zu tun hat. Trotz Thrillermomenten und Melodram ist 'Der Mann, der zuviel wusste' ein Film für's Gemüt. Wunderbares, gelegentlich zu konsummierendes Gegengift gegen die allzuharten Thriller unserer Tage.


Der Mann, der zuviel wusste
Der Mann, der zuviel wusste
DVD ~ James Stewart
Preis: EUR 6,97

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schon ein klein wenig kann zuviel sein..., 27. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Der Mann, der zuviel wusste (DVD)
Seitdem 'Der Mann, der zuviel wusste' 1956 in die Kinos kam, haben sich die Sehgewohnheiten des Publikums verändert. Härte bis hin zu bluttriefender Brutalität gehören heute zum Thriller, der sich auch nur noch realistisch, sicher nicht mehr melodramatisch denken lässt. Aus dieser neuen Perspektive wirkt vieles an diesem Film altbacken, ein wenig weltfern und in den dramatischen Momenten ein wenig zu melodramatisch. Dass dieser Film dennoch auch heute noch zu begeistern vermag, hat vor allem mit den beiden Hauptdarstellern Doris Day und James Stewart zu tun. Als vorzügliche Komödianten verstehen sie es, zwischen Ernst und Komik so natürlich zu wechseln, dass beides wie aus einem Guss ineinander fliesst. Und so ist der Film eben nicht nur ein spannender Thriller sondern immer auch Melodram, das seine berührendsten Momente hat, wenn Doris Day mit angstgrossen Augen dem ungewissen Schicksal ins Auge blicken muss. Nicht frei von Rührung sind auch die Szenen, in denen Doris Day das eigens für den Film komponierte, später mit einem Oscar ausgezeichnete Lied 'Que sera, sera' singt.

Ben McKenna (James Stewart) ist mit seiner Frau Jo (Doris Day), einem vormaligen Bühnenstern aus New York, samt Sohn unterwegs nach Marakesch, wo Ben während des Kriegs stationiert war. Ein scheinbarer Zufall sorgt während der Fahrt für die Bekanntschaft mit Louis Bernard (Daniel Gélin), der sich dem Ehepaar als Führer in das schwarze Marakesch anbietet. Doch schon am ersten Abend sieht er sich gezwungen, die Vereinbarung zu brechen. Stattdessen verbringen die KcKennas einen vergnügliche Abend mit einem britischen Ehepaar, den Draytons (Brenda De Banzie, Bernard Miles), mit denen sie auch am folgenden Tag den Markt besuchen. Doch während sie die Tiere betrachten (für deren Fütterung sich Doris Day übrigens unter Weigerungsdrohungen einsetzte), kommt es zu einem Mord am helllichten Tage. Mit den letzten Atemzügen des Sterbenden erfährt Ben ein wichtiges Geheimnis von staatstragender Bedeutung. Er würde es auch dem kernigen Polizeioffizier verraten, der die Eltern McKenna zur Vernehmung gebeten hat, wenn nicht Ben telephonisch davon in Kenntnis gesetzt worden wäre, dass sein Sohn in der Hand von Entführern ist. Die Spur weist nach London, und so reisen beide dorthin auf der Suche nach dem Sohn und der Auflösung des Geheimnisses. Nach verschiedenen Verwicklungen, in denen Ben und Jo in je eigene Abenteuer verwickelt werden, und wenigstens einer falschen Fährte laufen die Fäden schliesslich in der Royal Albert Hall zusammen. Jo beobachtet mit angstweiten Augen, wie Anstalten zu einem Mord getroffen werden, ihr markerschütternder Schrei ist die entscheidende Wende im Film. Doch findet dieser seinen Höhepunkt erst im Showdown, in dem 'Que sera, sera' Erkennungsmelodie im doppelten Sinne wird: Indem der Sohn auf die Melodie der Mutter antwortet, findet Ben ihn und überwältigt die Schurken.

Dieser Film strahlt eine auch für Hitchcock ungewöhnliche Wärme aus, die sehr viel mit Doris Day zu tun hat. Trotz Thrillermomenten und Melodram ist 'Der Mann, der zuviel wusste' ein Film für's Gemüt. Wunderbares, gelegentlich zu konsummierendes Gegengift gegen die allzuharten Thriller unserer Tage.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 20, 2011 5:03 PM CET


Spaziergänge durch das Zürich der Literaten und Künstler
Spaziergänge durch das Zürich der Literaten und Künstler
von Esther Scheidegger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,80

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Zürich war mir neu und sehr fremd" (S. 65), 27. Dezember 2010
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Wenige Städte lassen sich so gut wie Zürich spazierend erschliessen. Von Zürich- und Uetliberg sowie dem See begrenzt, hat sich die Stadt, bevor sie ins Umland auswucherte und eine Agglomerationsmetastase nach der anderen bildete, auf kleinem Raum entwickelt, und sie bietet auch heute noch ein kompaktes Stadtbild. Nur wem der Atem ob der vielen Steigungen kurz wird, oder wem wie Elias Canetti als Bub die Beine noch kurz waren ("Es war ein strahlender Tag, und ich sah die Stadt weit ausgebreitet vor mir, sie schien mir ungeheur, und ich begriff nicht, dass eine Stadt so gross sein könne", S. 98), wird sich nicht als Flaneur auf die Stadt einlassen wollen. So wie z.B. ein Dürrenmatt, der in schlaflosen Nächten gerne auf den immergleichen Wegen durch die Stadt irrte, bevor er im Bahnhofsbuffet einen Milchkaffee trank (S. 95).

Auf sieben Spaziergänge durch die Stadt und einen Ausflug per Schiff über den Zürichsee nimmt die bestens informierte Autorin Esther Scheidegger den Leser dieses Buches mit. Auf Schritt und Tritt weist sie auf die meist heute noch erkennbaren Spuren vergangener Zeiten hin, auf die Wohn- und Handungsorte von Litaraten und Künstlern, die sich mal kurz, manche für länger, in der Stadt aufhielten. Und einige wenige, wie James Joyce oder Büchner, sind (in ihren Gräbern) noch heute hier. Zu jedem fallen ihr die wichtigsten zeitlichen Angaben und Werksreferenzen ein, doch wichtiger ist ihr, durch Zitat oder Bericht den Bezug der Personen zum Ort herzustellen. Jeder solche Abschnitt ist gerade so kurz, dass man selbst bei Kälte oder Regen gerade noch verweilen möchte, um den Passus an Ort und Stelle zu lesen. Ausführliches darf man jedoch nicht erwarten. Der Reiz dieses Führers liegt gerade darin, auf Nebenwegen durch wunderbare Gegenden Zürichs zu führen, die in anderen Stadtührern nicht enthalten sind, und den stummen Gebäuden ein wenig von dem Leben zurückzugeben, das von hier in die Welt der Kunst und Literatur ausgestrahlt hat. Wer langsam geht, wird gerne einen Tag für jeden Spaziergang reservieren wollen (die obligaten Caféhausbesuche inklusive), eilige schaffen es in der halben Zeit.

Das jedem Kapitel beigegebene Kartenmaterial macht eine separate Stadtkarte überflüssig. Auf jeder Doppelseite wird der jeweils relevante Kartenabschnitt wiederholt, eine angenehme Aufmerksamkeit des Verlags. Weniger Aufmerksamkeit hat dieser leider dem Einband des Büchleins gewidmet, der zwar strapazierfähig ist, wie es sich für einen guten Stadtführer gehört, und fest in der Hand liegt, der aber auch einen Rücken wie den des unbeugsamen Recken Tell hat. Dennoch muss dieses Buch unbedingt jedem (literarisch Interessiertem) empfohlen werden, der sich Zürich fernab vom Kommerz der Bahnhofsstrasse erschliessen möchte.


Cocktail für eine Leiche
Cocktail für eine Leiche
DVD ~ James Stewart
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 11,49

5.0 von 5 Sternen Das langsame Erdrosseln des Hochmuts, 26. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Cocktail für eine Leiche (DVD)
Das erste Bild dieses bemerkenswerten Kammerstücks lässt gleich den Atem stocken: Zwei junge Männer erdrosseln einen dritten, dessen Körper sackt zusammen, eine Hand tastet nach dem Herzen, es schlägt nicht mehr. Der Körper wird in eine Bücherkiste gesteckt, auf die brennende Kerzen und das Essen für eine Party gestellt werden, als sei es ein Opferaltar. Bühne auf für die beiden Mörder, den zartbesaiteten Musiker Phillip (Farley Granger) und den hochmütigen Brandon (John Dall), den Kopf des mörderischen Unternehmens. Denn dieser Mord darf nicht im Verborgenen geschehen, im hellen Tageslicht wollen die beiden nicht nur miteinander sondern mit geladenen Gästen auf den Mord anstossen - nur wissen die Gäste nichts davon. Nacheinander treffen sie ein, die Freundin des Ermordeten Janet (Joan Chandler), ihr vormaliger Freund Kenneth (Douglas Kirk), der Vater des Opfers (Sir Cedric Hardwicke), vor allem aber der vormalige Prep-School Lehrer der beiden Täter, Rupert Cadell (James Stewart). Dieser war es, der mit seiner Ansicht, unter den Menschen gäbe es solche, die Kraft ihrer überlegenen Intelligenz auch über Leben und Tod anderer entscheiden dürften, Phillip und Brandon die Rechtfertigung für ihre monströse Tat verschaffen hat. Es gehört zur Logik dieser Tat, dass Brandon mit seinem Mord angibt. Immer wieder spielt er darauf an, nur sein messerscharf denkender vormaliger Lehrer ahnt, dass mehr hinter den hochmütigen Worten steckt als ein stolzer Geist. Dennoch lässt er sich verführen, quasi als Party-Witz und uner dem Lachen der Anwesenden, seine absurde Theorie des Übermenschen zum besten zu geben. Doch arbeitet es in ihm, und schliesslich ist es nicht mehr Brandon, der das Heft in der Hand hat. Es kommt zum intellektuellen Showdown, in dem Gedankengebäude zertrümmert und Leben zerstört werden.

'Cocktail für eine Leiche' besticht durch die verbalen Fechtereien zwischen allen Beteiligten. Brandon gegen Rupert, Brandon gegen Janet, die er wieder mit Kenneth verkupplen möchte, Brandon gegen Philip, den der Mord erschüttert hat und der sich kaum noch halten kann. Inszeniert ist dieser Film auf einer einzigen Bühne, die Handlung wird ohne zeitliche Unterbrechung vom schaurigen Anfang bis zu ihrem erschütternden Ende geführt. Damit steht 'Cocktail für eine Leiche' in der Tradition der Theaterfilme (die Vorlage für den Film war ein Theaterstück). Und unter diesen, darf er mit Fug und Recht als einer der besten gelten. Um den Protagonsiten mit der Kamera dicht auf folgend zu können, mussten Bühnenarbeiter während der Kamerafahrten Gegenstände und Wände verschieben, um sie dann rasch wieder an ihren Platz zu rücken, damit das zurückschwenkende Objektiv die vormalige Perspektive wieder vorfinden würde. Doch diese Mühe erlaubt es dem Objektiv, anders als auf der Theaterbühne, dicht an den Figuren zu bleiben.

Dieser Film ist perfekte Theaterarbeit. Freunde dieses kleinen Formats, die zudem Gefallen an langen, messerscharfen Dialogen haben, kommen voll auf ihre Kosten. Für mich gehört dieser Film zusammen mit Werken wie 'Die Physiker' oder 'Faust' zu den beeindruckendsten Beispielen filmischer Umsetzungen von Theaterstücken.


Cocktail für eine Leiche
Cocktail für eine Leiche
DVD ~ James Stewart
Preis: EUR 6,97

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das langsame Erdrosseln des Hochmuts, 26. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Cocktail für eine Leiche (DVD)
Das erste Bild dieses bemerkenswerten Kammerstücks lässt gleich den Atem stocken: Zwei junge Männer erdrosseln einen dritten, dessen Körper sackt zusammen, eine Hand tastet nach dem Herzen, es schlägt nicht mehr. Der Körper wird in eine Bücherkiste gesteckt, auf die brennende Kerzen und das Essen für eine Party gestellt werden, als sei es ein Opferaltar. Bühne auf für die beiden Mörder, den zartbesaiteten Musiker Phillip (Farley Granger) und den hochmütigen Brandon (John Dall), den Kopf des mörderischen Unternehmens. Denn dieser Mord darf nicht im Verborgenen geschehen, im hellen Tageslicht wollen die beiden nicht nur miteinander sondern mit geladenen Gästen auf den Mord anstossen - nur wissen die Gäste nichts davon. Nacheinander treffen sie ein, die Freundin des Ermordeten Janet (Joan Chandler), ihr vormaliger Freund Kenneth (Douglas Kirk), der Vater des Opfers (Sir Cedric Hardwicke), vor allem aber der vormalige Prep-School Lehrer der beiden Täter, Rupert Cadell (James Stewart). Dieser war es, der mit seiner Ansicht, unter den Menschen gäbe es solche, die Kraft ihrer überlegenen Intelligenz auch über Leben und Tod anderer entscheiden dürften, Phillip und Brandon die Rechtfertigung für ihre monströse Tat verschaffen hat. Es gehört zur Logik dieser Tat, dass Brandon mit seinem Mord angibt. Immer wieder spielt er darauf an, nur sein messerscharf denkender vormaliger Lehrer ahnt, dass mehr hinter den hochmütigen Worten steckt als ein stolzer Geist. Dennoch lässt er sich verführen, quasi als Party-Witz und uner dem Lachen der Anwesenden, seine absurde Theorie des Übermenschen zum besten zu geben. Doch arbeitet es in ihm, und schliesslich ist es nicht mehr Brandon, der das Heft in der Hand hat. Es kommt zum intellektuellen Showdown, in dem Gedankengebäude zertrümmert und Leben zerstört werden.

'Cocktail für eine Leiche' besticht durch die verbalen Fechtereien zwischen allen Beteiligten. Brandon gegen Rupert, Brandon gegen Janet, die er wieder mit Kenneth verkupplen möchte, Brandon gegen Philip, den der Mord erschüttert hat und der sich kaum noch halten kann. Inszeniert ist dieser Film auf einer einzigen Bühne, die Handlung wird ohne zeitliche Unterbrechung vom schaurigen Anfang bis zu ihrem erschütternden Ende geführt. Damit steht 'Cocktail für eine Leiche' in der Tradition der Theaterfilme (die Vorlage für den Film war ein Theaterstück). Und unter diesen, darf er mit Fug und Recht als einer der besten gelten. Um den Protagonsiten mit der Kamera dicht auf folgend zu können, mussten Bühnenarbeiter während der Kamerafahrten Gegenstände und Wände verschieben, um sie dann rasch wieder an ihren Platz zu rücken, damit das zurückschwenkende Objektiv die vormalige Perspektive wieder vorfinden würde. Doch diese Mühe erlaubt es dem Objektiv, anders als auf der Theaterbühne, dicht an den Figuren zu bleiben.

Dieser Film ist perfekte Theaterarbeit. Freunde dieses kleinen Formats, die zudem Gefallen an langen, messerscharfen Dialogen haben, kommen voll auf ihre Kosten. Für mich gehört dieser Film zusammen mit Werken wie 'Die Physiker' oder 'Faust' zu den beeindruckendsten Beispielen filmischer Umsetzungen von Theaterstücken.


Familiengrab
Familiengrab
DVD ~ Bruce Dern
Wird angeboten von ZOverstocksDE
Preis: EUR 3,03

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen An unfamiliar plot, 25. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Familiengrab (DVD)
'Familiengrab' erzählt eine überraschende Geschichte, in der sich Thriller und Comedy ein bitterkomisches Stelldichein geben. Zu einer Zeit, als bluttriefende Filme wie 'Der weisse Hai (Special Edition)', 'Der Exorzist (Kinofassung + Director's Cut inkl. Booklet) [Blu-ray]' und der im selben Jahr gedrehte 'Taxi Driver' die Sehgewohnheiten des Publikums zu ändern begannen, dreht Hitchcock einen klassischen Film, in dem er sowohl auf Schock als auch auf Geheimniskrämerei verzichtet. Dass bereits am Anfang des Films die wichtigsten Geheimnisse gelüftet sind, tut der Spannung keinen Abbruch. Was dem Film seine eigene Note gibt, ist nicht nur die Hatz zwischen Jägern und Gejagten, sondern der Umstand, dass die Gejagten klassische Film-Noir Charaktere sind, die Jäger jedoch für Comedy stehen.

Blanche (Barbara Harris) ist eine kleine Trickbetrügerin, die ihr Auskommen mehr schecht als recht als Hellseherin fristet. Mit etwas psychologischem Geschick und der Spürnase ihres Freundes George Lumley (Bruce Dern) versteht sie es, meist ältere Kundinnen ihr karges Auskommen abzuknöpfen. Doch als sie den Auftrag erhält, mit ihrem vorgeblichen Talent ein verlorenes Familienmitglied der schwerreichen und von Schuldgefühlen geplagten Mrs. Rainbird wiederzufinden, steht sie, ohne dass sie es schon wüsste, am Anfang eines gefährlichen Abenteuers. Denn der Gesuchte lebt, nachdem er sich in seiner Jungend der Adoptiveltern entledigt hatte, als Arthur Adamson (William Devane) unter neuer Identität. Und diese muss er uner allen Umständen wahren, denn nicht nur ist er ein gutsituierter Schmuckhändler, seine Liebe zu Diamanten und Nervenkitzel hat ihn veranlasst, eine weitaus lukrativere Nebenkarriere als Entführer zu beginnen. Zusammen mit seiner mit blonder Perücke auftretenden Freundin Fran erpresst er die grössten Steine als Gegenleistung für die Rückgabe der Entführten. Als schliesslich der findige George zu dicht an ihn heranrückt, beschliesst Adamson Mord.

Wunderbar verkörpert Adamson den kultivierten Ganoven. Sein blitzblankes Gebiss strahlt in seinem ledernen Gesicht so stahlkalt, wie er selbst handelt. Mehr Emotionen zeigt seine Freundin Fran, doch ist auch sie letztlich kühl und beherrscht. Gegenpol sind die immer ein wenig bekifft wirkende und neben der Realität stehende Blanche, die im steten Streit mit dem verhinderten Schauspieler George steht, den sein Job als Taxifahrer und sein Nebenjob als Schnüffler und Chauffeur für Blanche sichtbar stresst. Blanche ist ein erotomanes Bündel, doch weisst sie George stets zurück ("I am too pooped to pop" ist hier unvergessliches Zitat), und wenn er dann doch mal will, ist sie gerade eingeschnappt. Im Dauerstreit tasten sich die beiden schliesslich an Adamson heran, und welch ein Überraschung ist es, wenn sie entdecken, dass der verlorene Sohn, dem sie Reichtümer zu bringen haben, der meistgesuchete Gauner San Franciscos ist.

'Familiengrab' ist Hitchcocks letzter Film. Er hinterlässt einen humorvollen Thriller, in dem er nochmals alle Versatzstücke des Repertoirs aufs beste verarbeitet. die für ihn so unerlässlichen Gräber sind ebenso vorhanden wie Kirchen und Kult und andere gotische Spielformen, und die alltägliche, realistisch dargestellte Wirklichkeit, die in Europa und später auch in Amerika in die Filme einzog, ist hier noch weit entfernt - der Film ist eine Kunstwelt, sein Ziel formvollendete Geschichtserzählung. Und diese Formvollendung erreicht Hitchcock in diesem Streifen ein letztes Mal.


Familiengrab
Familiengrab
DVD ~ Bruce Dern
Wird angeboten von Medienstore GmbH
Preis: EUR 6,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen An unfamiliar plot, 25. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Familiengrab (DVD)
'Familiengrab' erzählt eine überraschende Geschichte, in der sich Thriller und Comedy ein bitterkomisches Stelldichein geben. Zu einer Zeit, als bluttriefende Filme wie 'Der weisse Hai (Special Edition)', 'Der Exorzist (Kinofassung + Director's Cut inkl. Booklet) [Blu-ray]' und der im selben Jahr gedrehte 'Taxi Driver' die Sehgewohnheiten des Publikums zu ändern begannen, dreht Hitchcock einen in der Form klassischen Film, in dem er sowohl auf Schock als auch auf Geheimniskrämerei verzichtet. Dass bereits am Anfang des Films die wichtigsten Geheimnisse gelüftet sind, tut der Spannung keinen Abbruch. Was dem Film seine eigene Note gibt, ist nicht nur die Hatz zwischen Jägern und Gejagten, sondern der Umstand, dass die Gejagten klassische Film-Noir Charaktere sind, die Jäger jedoch für Comedy stehen.

Blanche (Barbara Harris) ist eine kleine Trickbetrügerin, die ihr Auskommen mehr schecht als recht als Hellseherin fristet. Mit etwas psychologischem Geschick, schauspielerischem Talent und der Spürnase ihres Freundes George Lumley (Bruce Dern) verdient sie ihr karges Auskommen, indem sie meist ältere Kundinnen die Anwesenheit Verstorbener plausibel vorgaukelt. Doch als sie den Auftrag erhält, mit ihrem vorgeblichen Talent ein verlorenes Familienmitglied der schwerreichen und von Schuldgefühlen geplagten Mrs. Rainbird wiederzufinden, steht sie, ohne dass sie es schon wüsste, am Anfang eines gefährlichen Abenteuers. Denn der Gesuchte lebt, nachdem er sich in seiner Jungend der Adoptiveltern entledigt hatte, als Arthur Adamson (William Devane) unter neuer Identität. Und diese muss er uner allen Umständen wahren, denn nicht nur ist er ein gutsituierter Schmuckhändler, seine Liebe zu Diamanten und Nervenkitzel hat ihn veranlasst, eine weitaus lukrativere Nebenkarriere als Entführer zu beginnen. Zusammen mit seiner mit blonder Perücke auftretenden Freundin Fran erpresst er die grössten Steine als Gegenleistung für die Rückgabe der Entführten. Als schliesslich der findige George zu dicht an ihn heranrückt, beschliesst Adamson Mord.

Wunderbar verkörpert Adamson den kultivierten Ganoven. Sein blitzblankes Gebiss strahlt in seinem ledernen Gesicht so stahlkalt, wie er selbst handelt. Mehr Emotionen zeigt seine Freundin Fran, doch ist auch sie letztlich kühl und beherrscht. Gegenpol sind die immer ein wenig bekifft wirkende und neben der Realität stehende Blanche, die im steten Streit mit dem verhinderten Schauspieler George steht, den sein Job als Taxifahrer und sein Nebenjob als Schnüffler und Chauffeur für Blanche sichtbar stresst. Blanche ist ein erotomanes Bündel, doch weisst George ihre Angebote stets zurück ("I am too pooped to pop" ist hier unvergessliches Zitat), und wenn er dann doch mal will, ist sie gerade eingeschnappt. Im Dauerstreit tasten sich die beiden schliesslich an Adamson heran, und welch ein Überraschung ist es, wenn sie entdecken, dass der verlorene Sohn, dem sie Reichtümer zu bringen haben, der meistgesuchete Gauner San Franciscos ist.

'Familiengrab' ist Hitchcocks letzter Film. Er hinterlässt einen humorvollen Thriller, in dem er nochmals alle Versatzstücke des Repertoirs aufs beste verarbeitet. die für ihn so unerlässlichen Gräber sind ebenso vorhanden wie Kirchen und Kult und andere gotische Spielformen, und die alltägliche, realistisch dargestellte Wirklichkeit, die in Europa und später auch in Amerika in die Filme einzog, ist hier noch weit entfernt - der Film ist eine Kunstwelt, sein Ziel formvollendete Geschichtserzählung. Und diese Formvollendung erreicht Hitchcock in diesem Streifen ein letztes Mal.


Lieblose Legenden
Lieblose Legenden
von Wolfgang Hildesheimer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,80

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebevoll geschriebene Lieblosigkeiten, 23. Dezember 2010
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Lieblose Legenden (Gebundene Ausgabe)
In diesem schmalen Büchlein legt der Meister der spitzen Feder, Wolfgang Hildesheimer, neunzehn kurze Erzählungen vor, die manchmal im phantastischen, manchmal im surrealen, aber sicher immer im Gebiet der Ironie und des Schalks beheimatet sind. Hier werden intellektuelle Spiegelfecheterein ausgetragen, als Dolch dient das Wort, als Schwert der Satz. Die sprachliche Treffsicherheit, mit der hier gehauen und gestochen wird, ist vergnüglich zu beobachten. Fast musikalisch wirken die Geschichten, die sich meist aus einem einfachen Gedanken in immer neuen Wendungen entfalten. Da ist zum Beispiel 'Der Brei auf unserem Herd'. Fünf Köche treten der Reihe nach an, um einen Brei zu verderben. Fünfmal werden schräge Biographien eingeführt, fünfmal das Bemühen, die Sache endlich zu verderben. Doch gelingt dies erst einem unscheinbaren, am Ende hinzutretenden Herrn, einem Blutzbach oder Blitzhaus, so genau weiss man es nicht. Nur des Vornamens ist man sich sicher: Gestatten. Hineingekocht sind zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Anekdoten, alle schärfer als des schärfste Gewürz, und "[wem] meine Schilderung nicht ausführlich genug ist, empfehle ich die Lektüre von Dickens, in dessen Werk diese Anekdote zwar nicht zu finden ist, der aber die Auslassung durch Vorzüge auf anderen Gebieten wettmacht."

Cantus Firmus der Erzählungen ist, wie bei Hildesheimer fast notwendig, die Kunst, oder vielmehr das Künstlerleben. In 'Ende einer Welt' wird in fast gotischen Farbtönen vom Untergang einer Insel berichtet, die die gesamte relevante Kulturelite mit sich reisst, da für diese die Beachtung des vordringenden Wassers unter ihrer Würde liegt. '1956 - ein Pilzjahr' errichtet, fast im wörtlichen Sinne, ein Monument für Gottlieb Theodor Pilz, dessen hervorstechendes Merkmal das des Verhinderers war: Er geistert durch die Geistesgeschichte des Neunzehnten Jahrhunderts und taucht als kaum sichtbare Hand auf, die ein Übermass an Kunsproduktion zu verhindern weiss. In 'Ich trage Eulen nach Athen' exerziert der Erzähler den notwendigen aber sinnlosen Versuch durch, tatsächlich eine Eule (die freilich nur ein Kauz ist) nach Athen zu tragen. Vergeblichkeit wird hier, wie auch in anderen Geschichten, eines der Themen, das als stilles Drama am Rande des Künstlerlebens lauert.

Ein kurze Rezension kann der Wortmeisterschaft eines Hildesheimer nicht gerecht werden. Diese köstlichen Miniaturen aus dem Federgebiet möchte ich allen Liebhabern intellektuell-ernster Verspieltheit ans Herz legen. Kleinodien des Witzes, Diamanten der Sprachkunst.


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