Profil für F. Martin > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von F. Martin
Top-Rezensenten Rang: 150.724
Hilfreiche Bewertungen: 1053

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
F. Martin "Foerster_M" (Pegnitz)
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-12
pixel
Sanssouci: Roman
Sanssouci: Roman
von Andreas Maier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Versuch ohne Bernhard, 15. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Sanssouci: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der 1967 in Bad Nauheim geborene Andreas Maier wurde für seinen Debütroman "Wäldchestag" (2000) mit zahlreichen deutschen und österreichischen Auszeichnungen bedacht. Die in diesem Roman skizzierte Milieustudie, die auch als Provinzposse gelesen werden kann, stand augenfällig in der Erzähltradition von Thomas Bernhard. Aber anders als zum Beispiel in dessen Roman "Holzfällen", in dem ein kopflastiger Erzähler einen endlosen inneren Monologe wiedergibt, intonierte Andreas Maier in Wäldchestag" einen vielstimmigen Choral bärbeißiger Kleinstädter aus Frankfurt.

Das Werk des 1989 verstorbenen Schriftstellers Thomas Bernhard stellte für Andreas Maier auch bei seinem zweiten Roman "Klausen" (2002) eine feste Bezugsgröße dar. Die Wortgewalt und Sprachakrobatik von Bernhards Prosa wurde von Andreas Maier auch hier kopiert - und dass tatsächlich oder "naturgemäß", wie Thomas Bernhard es formuliert hätte, wiederum sehr gekonnt. Mit seinem dritten Roman "Kirillow" (2005), ein seltsam verqueres Werk, verließ Andreas Maier dann allerdings die Ebene des kleinstädtischen Geschwätzes. Damit war dann auch Schluss mit Romanen, die Andreas Maier im Duktus Thomas Bernhards verfasste. Leider muss man sagen. Denn eine Feststellung gleich vorweg: Die Texte von Andreas Maier sind seit "Klausen" eher schlechter, keinesfalls aber besser geworden.

Dabei vollzog Andreas Maier die Abkehr von seinem einstigen literarischen Leitstern Thomas Bernhard bereits 2004 mit konsequenter Härte, nachgerade gewaltsam. Mit der Veröffentlichung seiner Dissertation "Die Verführung" rechnete er nämlich genau mit jenem Klassiker ab, mit dem sein Werk bis dahin in Verbindung gebracht wurde. Diese Abrechnung auf dem Niveau "österreichischer Boulevardblattleser" (taz, 2005) war genau genommen ein literarischer Vatermord. Andreas Maiers Hauptvorwurf gegen Thomas Bernhard ist dessen Ausweichen vor Eindeutigkeit und Festlegung, in Summe dessen Selbststilisierung. Die strukturelle Demontage von Thomas Bernhards Prosa konnte jedoch nicht gänzlich verbergen, dass bei dieser karikierenden Bernhard-Patiche doch auch immer noch große Bewunderung für den Autor aus Österreich bleibt - oder einfach nur stachelige Eifersucht auf dessen Sprachvermögen.

In Andreas Maiers neuem Roman "Sanssouci" fehlt Thomas Bernhard nun aber ganz. Ausgangspunkt ist ein Toter. Der Regisseur Hornung wird in seinem Geburtsort Frankfurt am Main zu Grabe getragen. Schnell wechselt die Handlung nach Potsdam. Hier war Hornung ein berühmter Mann. Sein TV-Serie Oststadt" wurde hier gedreht. Klar, dass sich der egozentrische Regisseur damit nicht nur Freunde gemacht hat. Generell scheint sich rund um Sanssouci ein mysteriöses Netz aus Feindschaften und dunklen Geheimnissen zu spinnen. Ein verlottertes Zwillingspärchen, eine neurotische Mutter und deren Sohn Jesus, ein ominöser Journalist, ein Mitglied der Bruderschaft des heiligen Hiob von Potschajew und noch viel mehr spleeniges Personal bevölkern Andreas Maiers neuen Roman.

Das Buch stellt reichlich Fragen, Antworten hingegen gibt es nicht. Dass ist nicht immer nachteilig. Den Text aber durch hohle Phrasen bedeutungsschwanger aufzuladen, was sich schnell als nervöse Masche des Autors enttarnt, macht freilich keinen Sinn. Leider ist der Roman auch literarisch sehr spröde in Szene gesetzt. Der Verzicht auf konventionelle literarische Mittel, wohl eine Metapher für das unterirdischen Labyrinth unter dem Schlosspark Sanssouci, funktioniert nicht. Andreas Maiers Befreiungsschlag gegen Thomas Bernhard war legitim, vielleicht sogar notwendig. Schade nur, dass Herr Maier seitdem so wenig zu erzählen hat.


Alle, alle lieben dich
Alle, alle lieben dich
von Stewart O'Nan
  Gebundene Ausgabe

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Operation am offenen Herzen, 27. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Alle, alle lieben dich (Gebundene Ausgabe)
Der 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren Schriftsteller Stewart O' Nan bedient in seinen Romanen die großen amerikanischen Mythen. Freilich behandelt er damit auch immer die Schattenseiten des "American Way of life". Seine zahlreichen Romanen u.a. "Die Speed Queen", "Die Sommer der Züge" und "Abschied von Chautauqua" stellen ganz durchschnittliche Menschen in den Vordergrund. Dass auch hinter bürgerlichen Fassaden Grauen und Abgründe lauern können, verwundert nicht. Aber die Schärfe, mit der Stewart O' Nan den schönen Schein als Lug und Trug enttarnt, zeugt von der großen Könnerschaft des Autors. Für seinen Romanerstling "Engel im Schnee" (1997) erhielt er den renommierten William-Faulkner-Preis.

Auch sein neuester Roman "Alle, alle lieben Dich" gaukelt dem Leser zunächst die friedliche Idylle einer amerikanischen Kleinstadt vor. Doch das Böse kommt auf leisen Sohlen - und mit unbarmherziger Härte. Die hübsche und allseits beliebte Kim, ein klassisches All-American-Girl, verschwindet spurlos. Familie und Freunde sind ob des plötzlichen Verlustes schockiert. Doch die von den Eltern organisierten Suchaktionen enden schnell. Freunde und Verwandte wenden sich ab. Jeder denkt nur an sich - und will die eigenen dunklen Geheimnisse schützen.

Der Leser, der bei "Alle, alle lieben Dich" allein mit einem Thriller rechnet, wird nicht restlos auf seine Kosten kommen. Der Autor wollte mehr, nur um spannende Unterhaltung ging es ihm nicht. Stewart O' Nan dazu: "Ich denke viel über diese Geschichten nach, wenn Leute verschwinden. Ich habe diese Fälle in den Medien gesehen, das sind große, laute und spannende Geschichten mit vielen Schlagzeilen und viel Aufmerksamkeit. Aber nach der ersten Aufregung legt sich das Interesse irgendwann und die Menschen bleiben mit ihren Problemen alleine. Ich wollte die private Geschichte hinter der sehr öffentlichen Geschichte schreiben."

Stewart O' Nan stellt in seinem neuesten Roman, der tatsächlich hinreißend geschrieben ist, ein Motiv in den Mittelpunkt, dass in seinen Vorgängerromanen "Engel im Schnee" und "Eine gute Ehefrau" schon angedeutet war - der Verlust oder die Abwesenheit eines geliebten Menschen. Das ist für den Leser freilich mitunter nur schwer zu ertragen. Stewart O' Nan aber weiß um die Realität - das Leben selbst schreibt sowieso die traurigsten Geschichten. Seichte Unterhaltung will dieser Autor nicht liefern. O' Nan dazu: "Ich hoffe, das Buch unterhält auf die Art und Weise, wie gute Literatur unterhalten sollte: Es gibt uns eine Vorstellung davon, wie es ist, eine andere Person zu sein, die in einer Situation ist, in der wir niemals sein werden. Ich hoffe, es gibt uns die Möglichkeit, mit anderen mitzufühlen, über unser eigenes Leben nachzudenken und über das, was uns am wichtigsten ist - und den Menschen die uns nahe sind."


Wir Ertrunkenen: Roman
Wir Ertrunkenen: Roman
von Carsten Jensen
  Gebundene Ausgabe

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auf des Todesmanns Kiste, 21. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Wir Ertrunkenen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Carsten Jensen, 1952 geboren, ist in seinem Heimatland Dänemark ein gefeierter Autor. Zwei autobiographische Reisebücher hat der studierte Literaturwissenschaftler, der heute auch als Journalist und Kritiker tätig ist, bereits veröffentlicht. "Wir Ertrunkenen" ist sein dritter Roman. In seinem Heimatland wurde Carsten Jensen dafür mit Preisen überhäuft.

Der Roman erzählt die Geschichte von vier Personen - und dabei auch die Geschichte der dänischen Hafenstadt Marstal vom ersten deutsch-dänischen Krieg 1848 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Laurids Madsen, sein Sohn Albert, die junge Klara Friis und ihr Sohn Knud Erik erzählen ihre Geschichte. Sie berichten von Seeschlachten, von den Weltmeeren, von Not und Krieg. Eigentlicher Hauptdarsteller aber ist das Meer. In diesem finden viele Männer aus Marstal ihren Tod. Die Frauen und Mütter der Seefahrer begehren dagegen auf - das Meer zeigt sich davon freilich unbeeindruckt.

Die deutschsprachige Literaturkritik zeigte sich von Jensens "Wir Ertrunken" überwiegend begeistert. "Die Zeit" (27.11.08) verfiel in Superlative und bescheinigte dem Autor ein ganz großes Erzähltalent und zeigte sich von "Wir Ertrunkenen" einfach "gefesselt". Die "SZ" (21.1.008) hegte besondere Bewunderung für Jensens Beherrschung seines Stoffes, gelänge es ihm doch trotz der vielstimmigen Perspektive und der vielen Abschweifungen und Nebenstränge seine Geschichte zu ihrem großen Finale" zu führen. Die "FAZ" ging in ihrer Rezension vom 18.10.08 mit Carsten Jensen "Wir Ertrunkenen" allerdings hart ins Gericht. Der Inbegriff des Schmökers sei dieser Seefahrer-Abenteuerroman. Der Roman könne zwar Jungenträume wahr werden lassen, ohne aber das Gefühl der Antiquiertheit loszuwerden.

Carsten Jensens "Wir Ertrunkenen" ist tatsächlich prall gefüllt mit effektvoller Seefahrer-Abenteuerromantik. Diese Art von Literatur muss man schon mögen. Schrumpfköpfe, Stürme, Kannibalen, Schätze, Südsee und James Cook - kaum ein Seemannsgarn, auf das der dänische Autor in seinem Buch verzichten möchte. Gerade zum Ende des Buches vertrödelt sich Jensen, der die Nähe zu den Größen der Seefahrerliteratur wie Melville, Stevenson und Conrad sucht, doch merklich. Ein unterhaltsames Leseabenteuer liefert Carsten Jensen mit seinem Roman "Wir Ertrunkenen" aber trotzdem - und er lehrt uns die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.


Krematorium
Krematorium
von Rafael Chirbes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beton, 19. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Krematorium (Gebundene Ausgabe)
Der 1949 in Tabernes de Valldigna geborene Rafael Chirbes setzt sich in seinen Romanen intensiv mit der Franco-Ära auseinander. So schilderte sein 1998 publizierter Roman "Der lange Marsch" am Beispiel von sieben Familien das Leben unter Franco. Auch sein Roman "Der Fall von Madrid" (2000), der am Todestag Francos, dem 19. November 1975, spielt, beschreibt eindrucksvoll die geistige Enge und die lähmende Öde unter diesem Regime. Für sein Werk erhielt Rafael Chirbes, der sich selbst als "Chronist des eigenen Lebens" beschreibt, zahlreiche Auszeichnungen. So durfte er 1999 den Preis der SWR-Bestenliste und 2007 den Premio Nacional de la Critica in Empfang nehmen.

Rafael Chirbes Roman "Krematorium" ist im Spanien der Gegenwart angesiedelt. Matias, in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Revolutionär, ist gestorben. Sein Bruder Ruben ist als Bauunternehmer gut im Geschäft. Seine spottbillig gebauten Betonburgen verhunzen die spanischen Küstengebiete. Gruppenbild mit einem Toten - mit Matias Ableben kommen seine Wegbegleiter, Freunde, Feinde und Verwandte zu Wort. Aus dessen Perspektiven entsteht für den Leser ein Gesellschaftspanorama über das Spanien dieser Tage. Hinter den touristisch aufgemotzten Fassaden lauert das Übel. Korruption, Gewalt und Drogen gehören zum Alltag - Geld, Erfolg und Macht sind die neuen Religionen.

Der jüngste Roman von Rafael Chirbes wurde von der Literaturkritik frenetisch gefeiert. "Die Tageszeitung" (15.10.08) will eine Darstellung des "Scheiterns einer Generation spanischer Intellektueller" herausgelesen haben und findet die Konzentration auf das Innenleben der Figuren "brillant konzipiert". Die "Frankfurter Rundschau" (09.12.08) belobigt "Krematorium" als hervorragend geschrieben und sieht die vielstimmigen Perspektiven auf das Geschehen als enormen "Gewinn" des Buches. Auch die "SZ" (16.09.08) zeigte sich von Rafael Chirbes "Krematorium" hellauf begeistert und stellte fest, dass es vor allem der Übersetzung von Dagmar Ploetz, die diesen Roman "wunderschön flüssig" ins Deutsche gebracht hat, zu verdanken wäre, dass die Werke des Autors in Deutschland so großen Erfolg hätten.

Mit seinem Roman über die zwei ungleichen Brüder Matias und Rubens ist Rafael Chirbes tatsächlich ein literarisches Bravourstück geglückt. Die facettenreichen Erzählstränge, die inneren Monologe der Hauptdarsteller und die gesellschaftliche Brisanz des Themas machen "Krematorium" zu einem empfehlenswerten Buch. Die trostlose Isolation von Rafaels Chirbes Figuren aber ist mitunter nur schwer zu ertragen. Ein rosarotes Weltbild freilich konnte und wollte der Autor nicht liefern.

Chirbes selbst will seinen Roman "Krematorium" viel mehr als eine Abrechnung mit den naiven Idealisten und überreizten Pragmatikern seines Landes verstanden wissen. Der Autor zieht ein bitteres Resümee über das Spanien der Gegenwart ("Deutschlandfunk", 09/08): "Als meine Generation sah, wie ihre Ideale verkamen, blieb ein Teil von ihr ihnen trotzdem treu. Ein anderer Teil aber lernte aus der ideologischen Enttäuschung jener Zeit, und suchte den Weg an die politische Macht. Und von eben dieser Entwicklung handelt der Roman. Er erzählt aber auch von der Verzweiflung einer Generation, die davon träumte, die Welt zu beherrschen, deren Mitglieder schließlich oft aber nicht einmal ihr eigenes Leben in den Griff bekamen. Es handelt sich also um einen höchst pessimistischen Roman. Er handelt von der Niederlage meiner Generation - auch von der letzten Niederlage, dem Tod."


Dog Star
Dog Star
von Donald Windham
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Herr Mann war happy, 15. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Dog Star (Gebundene Ausgabe)
Donald Windham, der heute noch in New York lebt, war als junger Schriftsteller mit Truman Capote und Tennessee Williams befreundet. Der 1920 in Atlanta geborene Windham schrieb fünf Romane, einen Erzählband ("The Warm Country", 1960) und Betrachtungen über seine Jugend ("Emblems of Conduct", 1964) und seine berühmten Freunde ("Lost Friendships", 1987). Sein erster Roman "The Dog Star" (1950), bei seinem Erscheinen von Albert Camus, Thomas Mann und André Gide enthusiastisch gefeiert, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Im Zentrum der Handlung steht der 15-jährige Blackie, genannt "Dog Star". Nach dem Selbstmord seines Freundes kehrt er aus einer Erziehungsanstalt nach Hause zurück. Im Atlanta der 1930er Jahre aber ist kein Platz für ihn. Niemand kann ihn gebrauchen. Auch er kann sich in die alte Umgebenheit nicht mehr einfügen. Seine alten Freunde sind ihm fremd geworden. Er treibt sich herum, sucht die Liebe, verführt ein Mädchen, stürzt ab - ein freudenleeres Dasein. Sein Streben nach Unabhängigkeit und Macht bleibt erfolglos. Am Ende der Kraftmeierei steht nackte Gewalt - der Weg führt in die Selbstauslöschung.

"Dog Star", zwar ein Jahr vor Salingers großem Welterfolg erschien, zeigt Parallelen zu "The Catcher in the Rye". Anders als bei J. D. Salingers jungen Helden Holden Caulfield kennt Donald Windhams Blackie aber kein Mitleid. Wie "Die Zeit" (25.09.08) feststellte, eigne sich Windhams "Dog Star" kaum zur "sympathischen Einfühlung", weshalb dieser Held wohl die spannendere, aber auch problematischere Figur zu sein scheint. Der Autor "lasse Helden zu Kreaturen schrumpfen". "Die Zeit" preist Windhams "Dog Star, man darf dem uneingeschränkt zustimmen, als "einen schönen, lesenswerten Fund".

Tatsächlich verwundert es, warum "Dog Star" erst jetzt, mehr als 50 Jahre nach der US-Erstveröffentlichung, in deutscher Sprache vorliegt. Der Verleger Axel von Ernst, der im Lilienfeld Verlag "Dog Star" publiziert hat, dazu in einem Interview mit buchmarkt.de: "Bei Donald Windham war es das Internet: Auf der Suche nach Informationen über einen belgischen Decadence-Autor des 19. Jahrhunderts kam man irgendwie zu einem Thomas-Mann-Zitat, das von einem amerikanischen Schriftsteller schwärmte, von dem man noch nie etwas gehört hatte. Dann tauchten weitere Namen auf: Windhams französische Förderer André Gide und Albert Camus, ein Text von E. M. Forster über ihn und vieles mehr. Hier war irgendwas Großes... Aber weil Windham den Amerikanern früher immer zu europäisch war und er deshalb im eigenen Land nicht so einen auffälligen Erfolg hatte wie z. B. seine Freunde Tennessee Williams und Truman Capote, kam er auch mit seinen Büchern umgekehrt in Europa nicht durch, wo man natürlich die amerikanischen Erfolgstitel lieber verlegt."

Donald Windham wird gerne, wohl auch der einstigen Freundschaft mit dem berühmten Kollegen wegen, mit Truman Capote verglichen. Sein Verleger Axel von Ernst auf die Unterschieden zwischen Capotes und Windhams Werk angesprochen (buchmarkt.de): "Es gibt vor allem starke Gemeinsamkeiten: z. B. der ironische Blick auf die amerikanische Gesellschaft, der aber mit einem gewissen humanen Blick für das Besondere jedes Menschen gepaart ist. In "Cold Blood" und "Dog Star" werfen Capote und Windham bspw. einen ganz ähnlichen einfühlsamen Blick auf jugendliche Außenseiter, in anderen Büchern auf das amerikanische Bürgertum, auf die Boheme usw. Windham ist dabei um noch mehr Wahrheit bemüht."

"Dog Star" macht Lust auf die Bücher Donald Windhams. Auf eine Veröffentlichung seines Gesamtwerkes darf man sich freuen. Axel von Ernst hat es angekündigt (buchmarkt.de): "Wir haben die Rechte am gesamten Werk Donald Windhams erworben. Das muss ins Deutsche kommen, Erfolg hin oder her, denn es ist zu gut für einen Dornröschenschlaf."


Liebesgeschichte. Ein Roman
Liebesgeschichte. Ein Roman
von Franzobel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kasperle in der Schlucht, 14. Januar 2009
Der 1967 geborene Franzobel, mit bürgerlichen Namen Franz Stefan Griebl, bezeichnet sich selbst als "literarischer Aktionist". Neben zahlreichen Prosatexten, Theaterstücken und Romanen schreibt der gebürtige Österreicher gerne auch für Kinder, so zum Beispiel das Theaterstück "Moni und der Monsteraffe" (2006) und das Bilderbuch "Schmetterling Fetterling" (2004). Sein Buch "Liebesgeschichte" allerdings ist für Kinder und Jugendliche nicht geeignet - und Erwachsenen nur schwerlich zur Lektüre zu empfehlen.

Der Titel von Franzobels jüngsten Romans ist verfehlt - eine "Liebesgeschichte" lesen wir nicht. Alexander Gansebohn, der konturenlose Hauptdarsteller in Franzobels Roman, sieht sich eher mit Gruppensex und Sodomie konfrontiert - wahre Liebe findet er nicht. Dafür darf er sich mit jeder Menge Frauen vergnügen. Sehr zum Leidwesen seiner Ehefrau Marie, die sich samt Kindern ob der Untreue ihres Göttergatten lieber gleich aus dem Fenster stürzt. Pech nur, dass Herrn Gansebohns Liebschaft Dunja trotzdem nichts mehr von ihm wissen will. Damit beginnt für ihn eine groteske Tour de force durch Wien, vom Probeliegen im Sarg bis in eine puffige Luxusherberge und in den Nahen Osten führt ihn sein Weg.

Die deutschsprachige Literaturkritik reagierte überwiegend verstört, vereinzelt gar erbost auf Franzobels Liebesgeschichte". So verurteilte die "NZZ" (29.12.07) den Roman als "Geschmacksverirrung auf der ganzen Linie". Man könne nur "konsterniert" den Kopf über Franzobels selbstgefälligen Schwank schütteln. Die "FAZ" (19.11.07) bezeichnete das Buch zwar als einen "hingerülpsten Groschenroman". Aber es bliebe die berechtigte Hoffnung auf bessere Zeiten des Autors. Als "schrill instrumentierte Wiener Groteske um Liebe, Sex und Gewalt" beschrieb "Die Zeit" (08.11.07) Franzobels "Liebesgeschichte", dass Fehlen von "gedanklicher Substanz" wird dabei als stärkster Mangel empfunden.

Franzobels "Liebesgeschichte" ist tatsächlich ein reichlich rüdes Werk. Das pubertäre Wortgeklimper und die verqueren Handlungsstränge, vielfach purer Schwachsinn, mögen dem obszönen Geltungsbedürfnis des Autors geschuldet sein. Aber dass Franzobel keinen Kalauer, wie abgelutscht dieser auch immer sein mag, auslassen will oder kann, macht dann schon fuchsig. Die peinlichen Wortspiele, schnell enttarnt als rohe Versuche des Autors um originelle Sprachbilder, verdrießen. Der Roman "Liebesgeschichte" ist ein "gewaltpornografisches Kasperletheater" ("Die Zeit"). Theater hin oder her - Franzobels "Liebesgeschichte" ist bei Kasperle in der Schlucht wohl am besten aufgehoben.


Salvatore
Salvatore
von Arnold Stadler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Il Vangelo secondo Matteo, 13. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Salvatore (Gebundene Ausgabe)
Das zentrale Thema im Gesamtwerk des 1954 am Bodensee geborenen Arnold Stadler ist die Suche nach Glauben und Liebe. Damit dringt der studierte Theologe freilich auch in die Abgründe des Daseins vor. Mit seinen Büchern "Es war einmal", "Feuerland" und "Mein Hund, meine Sau, mein Leben" ist er einer breiten Leserschaft bekannt geworden. 1999 wurde ihm der renommierte Georg-Büchner-Preis verliehen. Sein jüngster Roman "Salvatore", eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Matthäus-Evangelium nach dem Film des italienischen Schriftstellers und Regisseurs Pier Pao Pasolini, hat das Finden von Gott zum Inhalt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der im Jahre 1964 entstandene und seinerzeit überaus kontrovers diskutierte Pasolini-Film "Il Vangelo secondo Matteo". Ein Mann geht ins Kino und sieht diesen Film. Dem Film liegt das Matthäus-Evangelium aus der Bibel zugrunde. Die gezeigte Geschichte beschäftigt den "Titelhelden" Salvatore - und sie verändert sein Leben. Auch wenn er nicht alles glaubt, was er auf der Leinwand sieht. Aber ein Gefühl von Aufbruch stellt sich bei ihm hernach doch ein, zumindest aber die Sehnsucht danach. Pier Pao Pasolini hat aus dem Evangelium einen Film gemacht. Arnold Stadler macht aus diesem Film wieder ein Buch.

Die Literaturkritik zeigte sich von Stadlers neuesten Roman wenig begeistert. Vor allem die "SZ" (06.12.08) ging mit "Salvatore" hart ins Gericht. Arnold Stadlers Figur Salvatore könne man keinen Glauben schenken. Dieser wäre nur ein "Gefäß" für die Thesen des Autors. Der Roman sei eine "üble Anwanzerei" an einen Kindergott und im Grunde sei das Buch nicht "zurechnungsfähig". Die "FAZ" (28.11.08) bezweifelt, ob sich so ein "Trostbuch voll christologischer Sehnsuchtspoesie" überhaupt verkaufen lasse. Dass der gewohnte lakonisch-komische Stadler-Sound in "Salvatore" allerdings gegen die "schmerzhafte Ernsthaftigkeit" und den hohen Ton einer Erlösergestalt vor dem Herrn eingetauscht wird, findet die "FAZ" gar nicht so unsympathisch. Die "NZZ" (20.11.08) konnte ihre Enttäuschung über das neue Buch von Arnold Stadler nicht verbergen. Das Werk erscheine unausgegoren und nicht aus einem Guss.

Tatsächlich bleibt nach der Lektüre ein sehr matter Eindruck zurück. Im Grunde besteht "Salvatore" aus drei Büchern. Die anfängliche romanhafte Schilderung von Salvatore wechselt abrupt in eine detaillierte Nacherzählung von Pier Pao Pasolinis Film "Das 1. Evangelium - Matthäus". Am Ende des Buches steht ein kunsthistorisches, dabei aber nur schwer verdauliches und im Grunde überflüssiges Essay über ein Gemälde Caravaggios. Als gemeinsamen Nenner mag der Leser noch zentrale Fragen des Glaubens erkennen. Ein sinnreicher Wechsel zwischen romanhafter Erzählung und theologischer Theorie aber ist dem Autor nicht gelungen - und somit verstrickt sich "Salvatore" schlussendlich zu einer albernen Bergpredigt, auf die man getrost verzichten kann.


Der bewaffnete Freund
Der bewaffnete Freund
von Raul Zelik
  Gebundene Ausgabe

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Rebellenromatik, 12. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Der bewaffnete Freund (Gebundene Ausgabe)
Raul Zelik, der heute als Drehbuchautor, Journalist und Schriftsteller in Berlin lebt, ist ein reisefreudiger Zeitgenosse. Nach Südamerika, Spanien und ins Baskenland unternahm er mehrfach ausgiebige Reisen. Studiert hat der 1968 in München geborene Weltenbummler Politikwissenschaft und Lateinamerikanistik. Sein Debüt als Autor liegt schon einige Jahre zurück. 1997 erschien sein Roman "Friss oder stirb". Mit seinem 2005 erschienen Roman "Berliner Verhältnisse" stand er sogar auf der Longlist für den "Deutschen Bücherpreis".

Mit seinem jüngsten Roman "Der bewaffnete Freund" aus dem Jahre 2007 hat er es nicht auf die rund 20 Titel umfassende Auswahlliste für den begehrten deutschen Literaturpreis 2007 geschafft - wie auch die deutsche Literaturkritik insgesamt mit Zeliks schmalen Roman nicht viel anzufangen wusste. "Der bewaffnete Freund" eröffne laut "Süddeutsche Zeitung" (11.10.07) eine "fragwürdige Gewaltdiskussion". Zudem sei der Roman erzählerisch und sprachlich ziemlich grob gestrickt". "Die Tageszeitung" (03.08.07) will eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere festgestellt haben und zeigt sich erbost darüber, dass Zelik einen Jürgen Habermas "literarisch veralbert". "Die FAZ" (24.08.07) hingegen lobt "die Balance zwischen dem Dokumentarischen und der eigenen Kraft", die der Roman entfalten würde. Allein die eingestreuten prosaseminaristischen Exkurse müsse der Leser "verkraften". Trotzdem stellt die "FAZ" wohlwollend fest, dass mehr von dieser Art Literatur nicht schaden könne.

Die Handlung, teilweise auf authentische Charaktere und Begebenheiten basierend, spielt im spanischen Baskenland. Hier herrscht der Ausnahmezustand: Terroranschläge und Polizeifoltern gehören zum schrecklichen Alltag. Max, Mitte dreißig, reist mit seinem Geliebten wegen eines Forschungsprojektes in die Region - ein Trip auch in die eigenen Vergangenheit. Denn er trifft auf seinen alten Freund Zubieta, der als gesuchter Terrorist und ETA-Anführer schon lange im Untergrund lebt. Max ist hin- und hergerissen, er muss sich entscheiden zwischen Freundschaft und Verrat. Eine 600 Kilometer lange Autofahrt führt die beiden durch Südfrankreich und Spanien bis an die Meerenge von Gibraltar - eine Fahrt zwischen Hoffnung, Sorge und Angst.

Raul Zeliks "Der bewaffnete Freund" macht tatsächlich nicht restlos glücklich. Einerseits weckt Zelik durchaus Empathie für die politische Lage der Basken, andererseits scheint er seinem Plot selbst nicht ganz zu trauen. Aufgesetzte Rebellenromantik und überladene Abenteuerstimmung verdünnen den im Grundsatz gelungenen Plot. Auch schrammt der erregte Ton des Autors bedenklich oft die Nähe zum Kitsch, das Edelmenschentum eines Robin Hoods scheint seinem Hauptdarsteller Max zumindest nicht allzu fern. Aber als "ein angenehmes Gegenmittel zu den erhitzten Debatten um Terrorismus" ("NZZ", 22.08.07) kann der Roman dann doch empfohlen werden. Denn in die allgemeine Panikmache ob der globalen Terrorbedrohung verfällt der Autor glücklicherweise nicht. Zelik weiß um die Realität - die grausigsten Episoden des Terrors schreibt das Leben selbst.


Als wir unsterblich waren
Als wir unsterblich waren
von Tony Parsons
  Gebundene Ausgabe

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Rette sich wer kann, 9. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Als wir unsterblich waren (Gebundene Ausgabe)
Der 1953 geborene Tony Parsons genießt in Großbritannien den Ruf eines Kultstars. Er ist auf der Insel nicht nur einer der populärsten Print- und TV-Journalisten überhaupt, vor allem als Publizist für den "New Musical Express" hat er sich einen Namen gemacht, sondern war auch mit seinen Romanen in den letzten Jahren häufig Gipfelstürmer der englischen Bestsellerlisten. Sein bislang letzter Roman "Stories We Could Tell" ist nun auch in Deutschland publiziert: "Als wir unsterblich waren" erzählt über England und seine Punk-Musik-Szene im Jahre 1977.

Die Reaktionen der deutschen Literaturkritik auf den mittlerweile fünften Roman des sonst so hoch gelobten Popliteraten Tony Parsons waren eher verhalten. So lobte die "SZ" (27.06.07) zwar Tony Parsons Insiderwissen und die feinen Abstufungen innerhalb der Musikszene Londons. Als störend allerdings wurde die einfallslose Überhöhung von Details bewertet. "Die Zeit" (15.03.07) konnte für "Als wir unsterblich waren" nur noch ein müdes Lächeln erübrigen. Den Helden des Buches würde die Wut, die existenzielle Wucht fehlen. Man führte das auch gleich auf den Autor selbst zurück. Die Sprache Parsons sei durch seine jahrelange Schreiberei für Boulevardzeitungen doch schon sehr abgenutzt. "Die Tageszeitung" (04.10.06) beanstandete die ein bisschen zu künstlich, zu offensichtlich dramaturgisch zugespitzte" Handlung, empfiehlt "Als wir unsterblich waren" aber immerhin als "ein buntscheckiges, ruppiges Porträt der Zeit".

Die Handlung wird getragen von den drei Jugendlichen Terry, Ray und Leon. Im London des Jahres 1977 schreiben sie für die Musikzeitschrift "The Paper". Spannung liegt in der Luft: Punk ist in seiner vollsten Blüte, London ist das kulturelle Zentrum der Welt. Doch innerhalb von nur einer Nacht, tatsächlich behandelt der Roman nur 24 Stunden im Leben seiner Hauptdarsteller, ändert sich das Leben der drei Musikjournalisten für immer. Terry kämpft um seine große Liebe Misty, Ray muss um seinen Job fürchten (und kann ihn nur behalten, wenn er John Lennon zu einem Interview treffen kann) und Leon wird von nationalistischen Schlägern gejagt. Rette sich wer kann! Sie alle überleben diese Schicksalsnacht, werden erwachsen - und erwachen ramponiert, aber dankbar in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft. Ein anderer überlebt diese eine Nacht nicht. Hinter abweisenden Gitterstäben haucht ein erster 42 Jahre alter Mann in seiner verkitschten Villa in Memphis sein Leben aus. Am 16. August 1977 stirbt Elvis Presley.

"Als wir unsterblich waren" ist trotz einiger Schwächen zur Lektüre zu empfehlen. Zwar ist die Handlung tatsächlich mitunter etwas zu sehr im Zeitraffer inszeniert und kratzt zum Ende hin bedenklich nah am Kitsch. Aber lesenswert ist der Roman vor allem auch deshalb, weil Parsons, der als Musikjournalist an der Entstehung des Punk ja maßgeblich beteiligt war, in seinem Roman auch autobiographische Erlebnisse verarbeitet hat. Seine Schreibe beweist es: der Mann weiß, wovon er spricht. Da schwingt mitunter auch Enttäuschung mit, nachgerade Entsetzen. Denn natürlich weiß auch Tony Parsons, dass der Punk schon längst seine Unschuld verloren hat. Aus einer Subkultur ist eine kulturindustrielle Mode geworden - schmuddlig wurde plötzlich hipp.


BUtterfield 8: Roman
BUtterfield 8: Roman
von John O'Hara
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Great Expectations, 19. August 2008
Rezension bezieht sich auf: BUtterfield 8: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der 1905 in Pottsville, Pennsylvania, geborene US-amerikanische Schriftsteller John O' Hara war Zeit seines Lebens ein ziemliches Prahlhans - in der Literaturgeschichte aber hat er kaum nennenswerte Spuren hinterlassen. Dabei hatte es für ihn gut angefangen. Schon 1928 konnte er seine ersten Short-Stories im renommierten Magazin "The New Yorker" veröffentlichen. Kritik und Leser waren betört - als ein "amerikanischer Balzac" wurde John O' Hara gefeiert.

Sein erster Roman "Begegnung in Samarra" - in deutscher Neuübersetzung eine der sensationellen Wiederentdeckungen des Jahres 2007 - schlug dann ein wie eine Bombe, sogar Papa Hemingway stimmte bei der US-Erstveröffentlichung 1934 überschwängliche Lobgesänge an. Der Roman schildert die Selbstvernichtung des Hauptdarstellers Julian English im Umfeld einer US-amerikanischen Kleinstadt zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1930. Das berühmte "Time-Magazine" erhob das Debüt von O' Hara in die Riege der einhundert wichtigsten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts.

Die Ansprüche und Erwartungen des Lesepublikums an den Autor waren ob der großen Begeisterung für den Romanerstling freilich gewaltig - John O' Hara konnte diese aber nie erfüllen. Zwar wurde er in den 1960er-Jahren sogar flüchtig, wohl nie ganz ernsthaft, als Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt (er hat ihn nie bekommen). Aber dass "ihn keiner in der gleichen Spielklasse einordnete wie etwa William Faulkner", wie es Bennet Cerf, sein Verleger bei Random House in seinen Memoiren notierte, hat O' Hara schon gewurmt - dagegen anschreiben konnte er nicht. Hohe Auflagenzahlen allein sicherten ihm keinen Platz im Pantheon der Weltliteratur.

Auch der 1935 erschienene Roman "BUtterfield 8", neben Begegnung in Samarra" der bekanntestes Roman von John O' Hara, konnte den Autor nicht in den Literatur-Olymp katapultieren. John O' Hara hatte sich zu diesem Buch von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen. Im Juni 1931 wurde die Leiche der jungen schönen Starr Faithfull in Long Island an Land gespült. Dieser Fall, unklar ob Mord oder Selbstmord, wurde nie aufgeklärt. Den Roman, den John O' Hara um diese Geschichte aufbaut, dreht sich um Gloria Wandrous. Die junge Schöne ist ein begehrtes Callgirl. Ein ungestümes, von Alkohol aufgeputschtes Leben bringt ihr keine Befriedigung. Auch die Liebe zu dem blasierten Geschäftsmann Weston Liggett bringt keine Erfüllung. Ihre Suche nach einem Platz an der Sonne führt sie in die Abgründe New Yorks am Ende der 1930er-Jahre - und am Ende in den reißenden Strom.

Der Roman bietet unbestritten gute Unterhaltung - und die Erinnerung an die nackte Liz Taylor, nur mit einem Nerzmantel begleitet, in der Rolle der Gloria Wandrous in der Romanverfilmung aus dem Jahre 1960 kann Herzrasen verursachen. Aber "BUtterfield 8" hinkt der sprachlichen Qualität von "Begegnung in Samarra" doch deutlich hinterher. Das als großangelegtes Gesellschaftspanorama inszenierte Stück im versuchten Stil eines John Dos Passos ("Manhattan Transfer") kann tatsächlich nicht restlos überzeugen. Dazu ist die Erzählweise mitunter zu flach, die Personenführung zu lustlos und die Moralkeule gar zu wuchtig geraten. Dabei hätte es John O' Hara viel besser machen können - sein Debüt beweist es.

John O' Haras erster Roman "Begegnung in Samarra" hatte für Leser und Autor dann auch etwas absolut Endgültiges - besser ging's nicht mehr. Dass John O' Hara darunter gelitten hat, ist anzunehmen. Bescheidener ist er nicht geworden. Seine ab den 1950er-Jahren wieder für die Presse verfassten, überwiegend zänkischen Kolumnen belegen das. Aus einer sehr konservativen Sicht kommentierte er die amerikanische Politik - liberale Intellektuelle freilich waren über den engstirnigen Ausguck des Autors wenig begeistert, nachgerade entsetzt. John O' Hara hat sich daran nicht gestört.

Wie John O' Hara der Nachwelt in Erinnerung bleiben wollte, zeigt das von ihm selbst verfasste, ganz und gar unbescheidene Epitaph auf seinem Grabstein: "Besser als jeder andere erzählte er die Wahrheit über seine Zeit, die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war ein Profi. Er schrieb ehrlich und gut".


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-12