Profil für JochenSz > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von JochenSz
Top-Rezensenten Rang: 189.317
Hilfreiche Bewertungen: 56

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
JochenSz

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Warum es die Welt nicht gibt
Warum es die Welt nicht gibt
von Markus Gabriel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

56 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Von Sinnfeldern und Schildkröten, 20. August 2013
Markus Gabriel mag keine 'unsinnigen' Ontologien, das heißt solche, in denen etwa offensichtliches---wie die Existenz der Zeit oder des Raumes---geleugnet, oder unnötiges---wie etwa viele 'parallele' Welten zusätzlich zu der unserigen---hinzugefügt wird. Er möchte eine Ontologie, die im Lichte dessen, was uns erfahrbar ist, Sinn macht. Diese glaubt er mit seiner 'Sinnfeldontologie' bereitzustellen---in welcher alles, auch unsichtbare pinke Einhörner auf der Rückseite des Mondes, existiere, nur eben 'die Welt' als Gesamtheit aller Dinge nicht. Damit wird schon einmal klar, dass Gabriel und ich andere Vorstellungen davon haben, was 'Sinn macht', und was mit unserer Erfahrung vereinbar ist; aber das allein muss ja noch nichts heißen.

Substantieller muss man festhalten, dass eine derartig inflationäre Ontologie notwendig inhaltsleer ist: erst wenn uns eine Ontologie befähigt, zu sagen, was existiert im Unterschied zu dem, das nicht existiert, ist eine nichttriviale Aussage getroffen; erst dann hat die Ontologie einen Informationsgehalt. Weiterhin ist Gabriels Vorschlag auch explanatorisch steril: jedes Ding, das existiert, muss um zu existieren in (mindestens) einem 'Sinnfeld' vorkommen; damit aber das Sinnfeld selbst existieren kann, muss es seinerseits wieder in einem vorkommen, und so weiter. Was ein 'Sinnfeld' genau ist, wird hier nicht absolut scharf definiert (in der Tat findet man im Glossar unter 'Sinnfeld' nur die wenig hilfreiche Bemerkung, es sei ein 'Ort, an dem überhaupt irgend etwas erscheint'). Anfangs spricht Gabriel von etwas konkreteren 'Gegenstandsbereichen': steht ein Pferd auf der Wiese, ist das Pferd ein Gegenstand, und die Wiese der Gegenstandsbereich, in dem es erscheint. Alle Existenz, laut Gabriel, ist von dieser Art (das ist zunächst einmal nicht neu, sondern entspricht grob dem Begriff des 'bedingten Entstehens', das in der fernöstlichen Philosophie---insbesondere dank der Schriften Nagarjunas---den Begriff des substantiellen Seins, des existierens 'aus eigener Kraft' heraus, weitgehend überschattet).

Das Problem ist aber, dass letztlich dieser Seinsbegriff nichts erklärt. Man fühlt sich erinnert an einen ähnlichen Vorschlag, der (oder so will es die Legende) in einer sich an einen Vortrag Bertrand Russells anschließenden Diskussion vorgebracht wurde: dort behauptete nämlich eine ältere Dame, dass letztlich die Welt auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte getragen werde; auf Russells Gegenfrage, worauf denn die Schildkröte selber stünde, antwortete die Dame gewitzt, dass es wohl Schildkröten bis ganz nach unten seien. Das ist dem analog, wie Existenz in der Sinnfeldontologie funktioniert: jedes Ding, das existiert, ruht für seine Existenz auf einem unendlichen Turm aus Sinnfeldern in immer weiteren Sinnfeldern. Damit ist jedoch nicht erklärt, warum ein Ding existiert, genausowenig wie die Annahme eines (zeitlich) unendlichen Universums dessen Existenz begründet: zwar kommt man um die Verlegenheit, einen Anfangspunkt zu finden, ganz gut herum, aber die unendliche Kette als Ganzes bleibt unerklärt. Damit ist die Sinnfeldontologie aber im doppelten Sinne leer: sie enthält keinerlei Information, weil sie keinerlei Unterscheidung zwischen existenten und nichtexistenten Dingen trifft (mathematisch gesprochen hat die Menge aller Dinge denselben Informationsgehalt wie die leere Menge, nämlich keinen, da sie aus dieser direkt mittels Komplementierun gewonnen werden kann), und sie kann die Existenz eines beliebigen Dinges nicht erklären. Gabriels Versuch, diese 'dunkelste Frage der Philosophie' (William James), nämlich die, warum es überhaupt irgendetwas gibt, zu klären, kann als gutes Beispiel für seine Argumentationsstrategie herhalten: er argumentiert nämlich, wenn es nichts gäbe, gäbe es doch wenigstens die Tatsache, dass es nichts gäbe---und somit nicht nichts!

Aber das ist, um eine von Gabriels Lieblingswendungen zu zitieren, schlicht falsch: denn wenn es diese Tatsache gibt, dann ja eben nicht nichts; damit ist diese Tatsache aber falsch. Mit solch einem Sophistentrick kommt man um das Nichts nicht herum! Von ähnlicher Qualität sind übrigens seine Argumente gegen den Monismus, den Materialismus, und andere -ismen. Sein Argument gegen den Konstruktivismus ist allerdings besonders interessant: er stellt fest, dass, damit wirklich jede Tatsache nur relativ sein kann, man eine unendliche Regression von Tatsachen relativ zu weiteren Tatsachen annehmen muss. Dann wäre es aber eine absolute Tatsache, dass alle Tatsachen relativ sind---dies ist zunächst einmal der selbe Fehler wie zuvor: wenn diese Tatsache absolut ist, sind eben nicht alle Tatsachen relativ. Aber der sehr viel seltsamere Aspekt dieser Argumentation ist der, dass er zuvor aus einer analogen Schlusskette die Folgerung zieht, dass die Welt nicht existiert, während hier die Schlussfolgerung ist, dass der Konstruktivismus falsch ist! Denn das die Welt nicht existiert, folgt daraus, dass sie in keinem Sinnfeld vorkommt. Hat man also eine Gesamtheit aller Sinnfelder, und möchte diese 'die Welt' nennen, so muss, um zu existieren, diese aber wieder in einem Sinnfeld vorkommen---dann war das vorherige aber nicht die Gesamtheit aller Sinnfelder. Da an der Sinnfeldontologie festgehalten werden muss, folgt daraus, dass es 'die Welt' nicht geben kann. Analog wäre dann der Schluss bezüglich des Konstruktivismus, dass es die Tatsache 'alle Tatsachen sind relativ' nicht geben kann---weil es etwa keinen Sinn macht, über 'alle Tatsachen' zu sprechen. Aber dieser wird nicht gezogen, da im Unterschied zur Sinnfeldontologie Gabriel am Konstruktivismus nicht festhalten will. Es scheint hier also, wie an manch anderer Stelle, der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein---die Schlussfolgerung stand fest, und es wurde lediglich ein Argument erdacht, um sie zu unterstützen. Statt dessen würde man sich wünschen, das Gabriel öfter seine eigenen Gedanken kritisch prüfen würde, und Meinungen erst auf Grund dessen fasste.

Gedanken kritisch zu prüfen ist, stark vereinfacht, der Grundgedanke der Wissenschaft, und mit Wissenschaftskritik spart Gabriel nicht. Zunächst einmal ist hier fest zu halten, dass viel seiner Kritik an einzelnen Wissenschaftlern durchaus begründet ist: es ist leider allzu oft so, dass insbesondere wir Physiker uns als 'Experten für Alles' fühlen und uns zu übereilten Aussagen hinreißen lassen. Beispiele hierfür sind der von Gabriel bereits gerügte Stephen Hawking mit seinem 'Tod der Philosophie', aber auch Steven Weinberg, dessen Buch 'Dreams of a Final Theory' ein ganzes Kapitel 'Against Philosophy' enthält, und auch Lawrence Krauss, dessen 'Universe from Nothing' die 'dunkelste Frage' nur wenig geschickter behandelt als Gabriel selbst. Es ist sicherlich falsch, dass man mit Hilfe der Physik die Grundfragen der Philosophie klären könnte; nichtsdestotrotz verfehlt Gabriels Kritik das Ziel letzten Endes total. Bezeichnend ist hier vor allem, welche Bereiche der Erfahrung er der (Natur-)Wissenschaft zugestehen will: dies sind vor allem die des ganz kleinen (Elementarteilchen etc.), als auch die des ganz großen (Planeten, Galaxien, das Universum selbst). Also eben jene Bereiche, in denen der Mensch von Natur aus keine Intuition hat, der durch wissenschaftliche Untersuchungen widersprochen werden könnte; da wo diese Intuition existiert, z.B. in seinm Wohnzimmer, will Gabriel aber die Wissenschaft lieber nicht hereinlassen.

Das negiert aber eine der größten intellektuellen Leistungen der Menschheitsgeschichte: Newton's Erkenntnis, dass die Dinge der sublunaren Sphäre, also all das um uns herum---Tische, Stühle, Steine, usw---denselben Gesetzen folgt wie die Mechanik des Himmels. Dies rückgängig machen zu wollen bedeutet eine schon fast ludditisch reaktionäre, antifortschrittliche Einstellung. Gut, auch Gabriel gibt zu, dass hinsichtlich ihrer physikalischen Eigenschaften wohl all die Dinge in seinem Wohnzimmer physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgen, aber er hält daran fest, dass das Wohnzimmer als solches, wohl als geistiges oder abstraktes Konzept jenseits der Dinge, die es (physikalisch-materiell) konstituieren, eben nicht in der Physik vorkommt (und da der Konstruktivismus ja falsch ist, auch kein Konstrukt sein kann, sondern wirklich existieren muss). Hier lässt sich aber ein einfaches Beispiel angeben, dass zeigt, dass da nichts 'extra' sein muss, dass es zumindest plausibel ist, dass jenseits der physikalischen Eigenschaften keine extraphysikalische Realität von Gabriels Wohnzimmer angenommen werden muss: das ist die Möglichkeit, dass wir in einer einzigen riesigen Computersimulation leben oder, für die, die's weniger modernistisch mögen, dass alles, was wir beobachten und erfahren, bloße Halluzination ist. Dann ist nämlich die Möglichkeit der Reduktion explizit gegeben: alles, was innerhalb der Computersimulation existiert, lässt sich auf funktionale Zustände des Computers, und damit auf Konfigurationen von Elementarteilchen, zurückführen. Dem 'Wohnzimmer' muss keine zusätzliche Realität jenseits der seiner Konstituenden zugesprochen werden, ebenso wie der Wand keine Relität jenseits der Backsteine, die sie ausmachen, zukommt.

Das berührt ein weiteres Problem der Sinnfeldontologie, das Gabriel entweder nicht sieht, oder zu diskutieren versäumt: das der kausalen Abgeschlossenheit des physischen, und das damit zusammenhängende Interaktionsproblem verschiedener Substanzen. Alles, was geschieht, kann---oder zumindest ist das der momentane Erkenntnisstand---lückenlos auf eine Kette physikalischer Interaktionen zurückgeführt werden, sogar die Rede von Konzepten wie 'Wohnzimmer'. Wenn dem aber so ist, was ist dann die Rolle von diesen Konzepten, die ja laut Gabriel selber eine eigene Existenz---eben in einem anderen Sinnfeld---haben sollen? Sie scheinen kausal völlig inert: wenn meine Rede vom Wohnzimmer vollständig determiniert ist dadurch, dass ich mit den Gegenständen des Wohnzimmers in bestimmter Weise kausal wechselwirke, kann dieses Konzept nicht mehr sein als ein Epiphänomen, da, aber wirkungslos; damit kann es aber ersatzlos gestrichen werden. Zur gleichen Zeit aber kann dies nicht die ganze Geschichte sein: wenn ich, zum Beispiel, Galaxien beobachte und neue Erkenntnis über ihren Aufbau gewinne, dann scheinen die Galaxien im Sinnfeld Universum die im Sinnfeld meiner Vorstellung zu beeinflussen. Also muss irgendeine Art kausaler Interaktion zwischen Sinnfeldern möglich sein; dennoch werde ich nicht mit einem im Sinnfeld meines Denkens befindlichen Queue eine im Sinnfeld eines tatsächlichen Billardtisches befindliche Kugen anstoßen können. Das in der Tat die Interaktion zwischen verschiedenen Substanzen ein großes Problem darstellt, ist altbekannt, und wurde Descartes gegenüber in einem Brief der Prinzessin Elisabeth von Böhmen als Problem seines interaktionistischen Geist-Körper Dualismusses vorgetragen. Descartes selbst führte daraufhin die Zirbeldrüse als Sitz des 'kausalen Nexus' zwischen Geist und Körper ein, ein wenig überzeugender ad-hoc Schritt; später sah sich Leibnitz gezwungen, in seiner Monadologie, dem wohl am besten bekannten Beispiel für Pluralismus, eine 'prästabilierte Harmonie' einzuführen: die Substanzen interagieren nicht wirklich, sonder verhalten sich nach vorher aufgeprägten Regeln nur so, als ob sie es täten, so wie eine Uhr auf meinem Schreibtisch die selbe Zeit zeigt, die die Uhr im Flur schlägt, ohne das beide einander beeinflussen. Gabriel hingegen wirft diese Problematik nicht einmal auf.

Auch mit den Lösungen für andere philosophische Probleme ist es oft nicht weit her: zum Beispiel scheinen die Sinnfelder ein probabtes Mittel zur Diskussion negativer Existenzaussagen---also Aussagen von der Form 'Pegasus existiert nicht'---zu sein. Für gewöhnlich, wenn man behaupted 'x ist y', dann enthält diese Behauptung implizit eine Existenzbehauptung; denn würde x nicht existieren, könnte es nicht die Eigenschaft y haben. Doch behauptet man dann, wenn man sagt, 'Pegasus existiert nicht', dass es ein Ding namens Pegasus gibt, welches nicht existiert? Das ist widersinnig, und hat für viel Diskussion gesorgt, von Kant bis Quine. Unter dem Diktat der Sinnfeldontologie allerdings hat man eine simplere Möglichkeit: 'existiert nicht' bedeutet hier lediglich soviel wie 'kommt im Sinnfeld der greifbaren Dinge nicht vor'. Damit scheint dieses Problem gelöst. Doch das kann nicht die einzige Weise sein, in der die Sinnfeldontologie mit negativen Existenzaussagen umgeht: denn gerade für die Zentralaussage 'die Welt existiert nicht' ist diese nicht anwendbar, da die Welt ja nun wirklich nicht existiert. Dasselbe gilt für logisch widersprüchliche Aussagen, wie etwa 'der quadratische Kreis existiert nicht'. Damit ist dem Problem der negativen Existenzaussagen also nicht beizukommen.

Es sind Ungenauigkeiten, Auslassungen, und oftmals schlichte Widersprüche, die dieses Werk als Ganzes ein Fehlschlag werden lassen. (Zum Beispiel hängt Gabriel der Unfehlbarkeit der Erfahrung an: wenn wir also etwas durch eine grüne Brille sehen, sehen wir eben wirklich grüne Dinge, während er gleichzeitig von der Fehlbarkeit des Selbstbewusstseins ausgeht: er beschreibt, wie er von der schmutzigen Fensterscheibe getäuscht wird, dass es regnet, während es aber in Wirklichkeit nicht regnet, und gesteht damit implizit die Existenz einer wahrnehmungsunabhängigen Wirklichkeit ein---allerdings würde das Argument selbst ohne diese Inkonsistenz nicht funktionieren: Gabriel (in der Geschichte) ist sich ja seines Glaubens, dass es regnet, völlig zu Recht bewusst, nur ist eben dieser Glaube unbegründet.) Dies ist vielleicht der Tatsache geschuldet, dass sich das Buch an eine populäre, anstelle einer professionellen, Leserschaft richtet: dies erlaubt Gabriel sowohl sehr viel größere Freiheiten im Umgang mit der Rigorie der Argumentation, als auch auf eine Verortung seiener Ansichten innerhalb der momentanen Meinungslandschaft der Philosophie weitgehend zu verzichten (so könnte man nach der Lektüre von 'Warum es die Welt nicht gibt' der Meinung sein, monistische Ansichten im Allgemeinen und der Physikalismus im Besonderen werden heutzutage schon in der Grundschule widerlegt, dabei ist letzterer---wenn auch nur knapp---mit 56.5% die momentane Mehrheitsmeinung, zumindest wenn es um die philosophie des Geistes geht).

Alles in allem kann also dieser Entwurf eines 'neuen Realismus' mittels Sinnfeldern nicht als gelungen angesehen werden: es ist weder klar, welche Probleme er löst, noch, wie er mit den Problemen, die er aufwirft, fertig wird (als weiteres mag hier das Problem der Zeit angesehen werden: die Sinnfelder, laut Gabriel, sind dynamische Entitäten, entwickeln sich also in der Zeit; Zeit selbst aber, um zu existieren, muss innerhalb eines Sinnfeldes vorkommen). Das Grundproblem hier scheint zu sein, dass die Annahme, dass Konzepte, Tatsachen, Abstrakta etc. in genau der selben Weise existieren wie Gegenstände schlichtweg zu naiv ist: wenn ich ein grünes Blatt betrachte, existiert nicht das grüne Blatt, sowie die Tatsache, dass es grün ist; wenn ich ein Haus aus Legosteinen baue, existiert dieses Haus nicht zusätzlich zu den Legosteinen, die es konstituieren. Das Haus folgt den Legosteinen, und dem Blatt dessen Grünheit. Gabriels Ontologie führt daraufhin zu ähnlichen Problemen wie die naive Mengenlehre: eine Menge aller Mengen ist kein konsistentes Konzept. Gabriel verkauft das als tiefe Einsicht, in Wahrheit ist es nur ein defizit eines inadäquaten Modells.

Wie man ein solches Modell besser gestalten könnte, ist seit fast einhundert Jahren jedem Physiker bekannt: seit Niels Bohr wissen wir, dass es inkompatible Bilder der Welt gibt, die nicht unter einen Hut gebracht, aber dennoch alle gemeinsam zu einer vollständigen Beschreibung nötig sind. Das ist das Phänomen der Komplementarität, dessen am Besten bekannte Ausprägung die Dualität zwischen Wellen- und Teilchenbeschreibung elementarer Prozesse ist. Beide Beschreibungen können nicht gemeinsam angewendet werden, und dennoch sind beide nötig. Die Welt der Quanten ist nicht aus einem Guss: stattdessen besteht sie, der Gabrielschen Ontologie oberflächlich ähnlich, aus komplementären, teilweise überlappenden Bildern; im Unterschied zu Sinnfeldern sind diese jedoch präzise Beschreib- und Begreifbar (mathematisch gesprochen, korrespondieren sie mit bestimmten Mengen von Observablen, deren mathematische Repräsentanten die Eigenschaft haben, zu kommutieren, d.h. bei Multiplikation miteinander zu vertauschen). Hier hätte sich Gabriel interessante Anregungen für eine rationalere Version seines Weltbildes holen können, und es ist gerade seine Wissenschaftsskepsis, die ihm hier im Wege steht.

Als letzte Ironie sei noch angemerkt, dass es gerade das Weltbild des von Gabriel so verschrienen Stephen Hawking ist, dass seinem am nächsten kommt: dieser formulierte nämlich in seinem letzten Buch, 'The Grand Design', die Idee des 'modell-abhängigen Realismus': es gäbe keine einzelne 'Theorie von Allem'; stattdessen sei die Welt in verschiedene, teilweise überlappende Bereiche eingeteilt, für die verschiedene Theorien Gültigkeit besitzen. In Hawkings Bild sind dies verschiedene, zueinander duale Versionen der Stringtheorie; erweitert man jedoch auf Theorien aller möglichen Arten, erhält man letztlich etwas, das den Gabrielschen Sinnfeldern zum Verwechseln ähnelt.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 29, 2014 10:01 AM MEST


Seite: 1