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Rezensionen verfasst von
Christian Sidjani (Hamburg)

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Nachts
Nachts
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Zeitraffer *5 Sterne, 25. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Nachts (Kindle Edition)
Eigentlich sind die beiden Geschichten in "Nachts" Bestandteil des Bandes "Four Past Midnight", aber die ersten zwei Geschichten gibt es in dem ebenfalls von Heyne herausgegebenen Taschenbuch "Langoliers". Um also das gesamte Feeling dieser Sammlung zu haben sollte man vielleicht beide kaufen und sie so hintereinander lesen, wie sie vom Autor gewünscht waren. Allerdings verdoppelt sich damit der Preis fast im Gegensatz zu englischen Ausgabe, die ich mir zulegte. Aber ich verstehe, warum Heyne die Sammlung aufteilte, weil jede einzelne Geschichte eigentlich Roman- oder Kurzromanlänge hat und King schon Bücher veröffentlichte, die kürzer waren als eine Geschichte hier drin ("Colorado Kid" z.B.)

Ich jedenfalls kann nur empfehlen, die Geschichten in der ursprünglichen Reihenfolge zu lesen, denn so gern ich sie auch mag, die letzte, deren Titel ich als Überschrift für meine Rezension wählte, setzt dem Novellenband die Krone auf. Warum viele Leser gerade "Zeitraffer" nicht mögen (sie sei zu lang und langatmig) kann ich nicht nachvollziehen. Für mich zeigt Stephen King gerade in dieser Erzählung sein herausragendes Talent beim Erzeugen von Spannung. Lange habe ich nicht mehr so atemlos eine Geschichte zu Ende lesen müssen. Und vor allem empfand ich die Geschichte über den Hund und die Polaroid-Kamera als sehr unheimlich, was doch der Zweck einer jeden Horrorgeschichte sein soll.

Auch die hier enthaltene Geschichte "Der Bibliothekspolizist" hatte mich gepackt und auch charakterlich überzeugt, aber wie schon "Langoliers" und "Das verborgene Fenster" davor krankt die Geschichte meiner Meinung nach an einem zu offensichtlich versöhnlichen Schluss. Der konstante Leser von Kings Werken weiß ja, dass er zu Happy Ends neigt oder zumindest zu Enden, die auf einer freundlichen Note enden. Genau darum fällt "Zeitraffer" (oder im Original als "The Sun Dog" passender betitelt) aus dem Rahmen. Warum, sollte jeder geneigte Leser selbst herausfinden. Zum Inhalt spare ich mir die Worte nämlich, weil ich schon zu viel wusste und trotzdem gepackt wurde.

FAZIT: Während ich der ersten Geschichte in "Nachts" (also der dritten Geschichte in der Sammlung) nur 4 Sterne geben würde (und den anderen beiden davor ebenfalls nur 4), bekommt "Zeitraffer" ganze fünf Sterne, wegen seiner Atmosphäre, seinen Charakteren und vor allem wegen der sich langsam aufbauenden Spannung und dem echt gelungenen Ende, nicht zu reden von Kings hohem sprachlichen Niveau. Und somit bekommt auch das Buch "Nachts" als Ganzes seine 5 Sterne (eigentlich ja 4,5 als Durchschnitt), weil "Zeitraffer" allein schon so lang ist wie z.B. "Carrie" oder "Das Mädchen" und der Preis für diese Geschichte das Geld wert ist. "Zeitraffer" ist eine zu unrecht wenig gelesene Geschichte von Stephen King und "Four Past Midnight" gehört zu meinen persönlichen Top 10 von Kings Büchern.


Inherent Vice - Natürliche Mängel [Blu-ray]
Inherent Vice - Natürliche Mängel [Blu-ray]
DVD ~ Sean Penn
Preis: EUR 17,99

8 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kein Kult, dafür zu kalt und langweilig, 14. Februar 2015
Wenn ein Buch als Film adaptiert wird, ist klar, dass der Regisseur (oder Drehbuchautor) bestimmte Elemente weglassen und seinen Fokus auf einige wenige legen muss, um der Länge und dem Medium gerecht zu werden. Soweit okay. Und man hätte sicherlich trotzdem den Kern von Pynchons Roman treffen können. Hat der Film aber nicht. Stattdessen verzettelt er sich in zu vielen Details, die nicht richtig zur Geltung kommen, weil zu viel aus dem Roman übernommen wurde. Dadurch verkommt es zu einem Schauauflauf, "Sieh mal, wie viel ich von der Vorlage verstanden habe". Andererseits wurden viele Details weggelassen, die das Buch jedenfalls von einer reinen Doper-Komödie abgehoben haben. Daher drängt sich beim Film der Vergleich mit "The Big Lebowski" geradezu auf und verliert auf ganzer Linie.

Jetzt folgen Spoiler, um meine Meinung wiedergeben zu können! Und es ist nur meine Meinung, ich habe schon gelesen, dass andere den Film für eine adäquate Umsetzung halten.

Ich habe verstanden, warum z.B. auf die Las Vegas-Reise verzichtet wurde, der Film ist schon lang genug, und die Sichtung von Mickey Wolfmann in der Irrenanstalt funktioniert auch (wenn auch nicht so beiläufig effektiv wie im Buch). Allerdings verkommt Eric Roberts, genauso wie z.B. Keith Jardine als Puck Beaverton zum reinen Stichwortgeber von Zitaten aus dem Buch, die nicht aus Dialogen stammen. Ich meine, da haben sie schon eine Off-Stimme (und Sortiléges Rolle fand ich gut gelöst für den Film), aber sie nutzen sie an entscheidenden Stellen nicht und lassen sie stattdessen häufiger Passagen sprechen, die per Bild auch funktioniert hätten.

Das größte Manko aber, und damit das Manko, das der Vorlage den Gnadenschuss gibt, ist die Szene mit der nackten Shasta. So emotional, dramatisch ausgeweitet, halte ich sie wirklich für den größten Fehler des Films (wenn man davon ausgeht, dass Paul Thomas Anderson wirklich den Kern des Romans beibehalten wollte). Abgesehen davon, dass mit der besagten Szene tonal ein Bruch erzeugt wird (plötzlich soll's dramatisch sein, obwohl es eigentlich eine abgefahrene Komödie ist), legt der Regisseur damit den Fokus auf die Beziehung zwischen Doc und Shasta, was der Vorlage nicht gerecht wird und den komplexen Plot trivialisiert. Besonders deutlich wird die Intention des Regisseurs, wenn die letzte Szene des Films wieder Doc und Shasta gehört (was nicht im Buch ist). Damit wird klar, dass sich der Regisseur trotz aller Komplexität und Verwirrtheit eine einfachere Auflösung suchte. Das Ende im Buch hingegen ist philosophisch und metaphorisch. Und bitte, man kann Nebel und Off-Stimme gut umsetzen.

Ebenso ein großer Mangel (!) ist der Gefallen, den Doc sich zum Schluss von Japonicas Vater anstatt des Geldes wünscht. Während er im Buch die Sicherheit (das Überleben) all seiner Freunde und seiner Familie möchte, vereinfacht Paul Thomas Anderson das Ganze auf Coys Familie, was dem Doc im Film vielleicht eine emotionale Tiefe geben soll. Diese Änderung habe ich schlichtweg nicht verstanden. Zusammen mit der vergrößerten Bedeutung von Shasta biedert sich der Film Hollywood mehr an, als er zugeben möchte.

Diese Punkte bleiben aber bei weitem nicht die einzigen, die mich am Film gestört haben. Bevor diese Rezension zu sehr ausartet, hier nur eine (nicht vollständige) Aufzählung: die teilweise sehr langweilige Inszenierung von Dialogen (die so zwar im Buch zu finden sind, aber deutlich mehr Pepp haben), das Verheizen der Co-Stars wie Reese Witherspoon und Benicio Del Toro in wenigen Szenen, die irgendwie orientierungslos im Film hängen (nach dem Motto: das muss ja irgendwie rein), das Verzichten auf jedwede Acid-Trips von Doc (in einer Doper-Komödie, und nein, Schärfe/Unschärfe mit der Kamera hat das für mich allein nicht gut gelöst). Und anderes.

FAZIT: Paul Thomas Anderson hat mit "Inherent Vice" einen Film geschaffen, der die Komplexität der Vorlage aufgreift, ohne deren Seele aufzugreifen. Und ich meine, das liegt daran, dass er ein Drama-Regisseur ist (auch "Boogie Nights" war zu sehr trübsinnig). Jemand, der seine Geschichte erden möchte. Aber Thomas Pynchon ist (bei all seinen ernsthaften Szenen, die es in anderen Werken von ihm gibt) ein spielerischer Autor, der mit Struktur, Plot und Charakteren etwas Neues erschafft. Am Ende von dem Roman heißt es: "Dass es den Nebel wegbrannte und dass stattdessen irgendwie etwas anderes da war." Und das ist es nun, anders, aber kein Pynchon-Film mehr.

Zwei Sterne gibt es für die Schauspieler, allen voran Joaquin Phoenix, dem ich meist gerne zugesehen habe, und dafür, dass viele kleinere Einfälle aus dem Buch übernommen wurden und doch ab und an funktionierten. Der Rest ist eine vertane Chance. Schade, dass Pynchon nun auf diese Weise einem größeren Publikum bekannt gemacht wird.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 29, 2015 11:53 PM MEST


Natürliche Mängel
Natürliche Mängel
von Thomas Pynchon
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Krimi-Komödie á la Pynchon (auch ein bisschen Hardboiled), 13. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Natürliche Mängel (Taschenbuch)
In Pynchons Romanen gab es schon immer komödiantische, zuweilen Slapstick-artige Einlagen bzw. Szenen, aber meist lösten sie sich wenige Seiten später mit düsteren, traurigen, erschreckenden oder anderen Szenarien ab. Da kann ich es verstehen, wenn bei "Natürliche Mängel" von Pynchon Light gesprochen wird, weil der Roman eigentlich durchgehend komödiantisch veranlagt ist. Aber ein "Light" wird dem Buch eigentlich nicht gerecht.

Sicher, "Natürliche Mängel" ist lange nicht so komplex wie "Die Enden der Parabel", nicht einmal wie "Vineland" oder sogar "Die Versteigerung von Nr. 49", jedenfalls was die Struktur und damit das Abschweifen angeht. Tatsächlich scheint es zum ersten Mal so, dass Pynchon keine größeren Subplots eingebaut hat (in dem Sinne "nur" Trips auf Acid oder PCP, und einige kurze Rückblenden aus der Sicht von anderen). Ebenso bleibt er nahezu ganz bei einer Hauptfigur, was er zwar auch in "Nr. 49" und "Bleeding Edge" tut, aber ungleich komplexer.

Als Einstieg in Pynchons Welt eignet sich "Natürliche Mängel" trotzdem nicht (das tun eher "Vineland" oder "Bleeding Edge", wie ich finde), denn der Roman ist bis auf bestimmte stilistische Trademarks (sinnlose/sinnvolle Song-Lyrics, unvermittelte Rückblenden, technische und naturalistische Beschreibungen) einfach eine Krimi-Kiffer-Komödie. Das soll aber nicht heißen, dass er keinen Tiefgang hätte. Im Gegenteil:

Anders als unzählige "normale" Krimis auf dem Markt, die stringent ihren Plot-Points mit Twists folgen und zuweilen langweilige oder klischee-beladene Ermittler haben (die meisten sind eben nicht Henning Mankell), gibt "Natürliche Mängel" einen Einblick in eine bestimmte Phase eines Landes, hier das Amerika unter Nixon zur Zeit des Vietnam-Krieges. Beides wird nur am Rande verhandelt, aber wie die Menschen drauf waren, kommt sehr gut zur Geltung. Eigentlich ist es nämlich eine Zeit, in der (fast) jeder bereit ist, den anderen zu verraten, um seinen eigenen Hintern zu retten. Es wird ständig belogen und betrogen, die Opfer (es gibt insgesamt drei Mordfälle) sind nicht mehr als Kollateralschäden in einer Welt, in der doch nur das Geld bzw. Macht zählt.

Diesem Trend einer Gesellschaft steht die Hauptfigur nun entgegen, übernimmt Jobs ohne Bezahlung, und damit sind es eigentlich keine richtigen Aufträge. Larry "Doc" Sportello ermittelt auf eigene Faust, will die Wahrheit herausfinden (oder das große Ganze erkennen), einfach, weil er es will. Und das hat ihn mir von Anfang an sympathisch gemacht. Tatsächlich ist Doc (zusammen mit Mason & Dixon aus dem gleichnamigen Roman und Maxine aus "Bleeding Edge") eine der stärksten Hauptfiguren Pynchons, stets im Vordergrund und damit greifbar. Es gibt noch viele Figuren in Pynchons Universum, die gleichsam mehr Tiefe haben, als viele Kritiker ihnen absprechen, aber diese Figuren sind nicht durchgehend da. Einzig Oedipa aus "Nr. 49" z.B. hätte gerne mehr charakterisiert werden können (auch wenn ich sie trotzdem mag).

Mit dem langsamen Herausfinden der Wahrheit (hinter die jemand endlich mal in einem Pynchon-Roman kommt, auch fast eine Novität in seinem Gesamtwerk) entwickelt sich auch etwas in Doc. Ganz leicht nur, aber immerhin, stellt er seinen Lebensstil in Frage (sogar häufiger), und der letzte Satz des Buches gibt vielleicht sogar einen Ausblick darauf, dass er überlegt, mit dem Kiffen aufzuhören.

"Natürliche Mängel" ist aber kein Quasi-Abgesang auf die Hippie-Ära, wie es "Vineland" im Prinzip war. Hier gibt es keine Wehmütigkeit, keine Depression oder Traurigkeit, obwohl genau das Anfang der Siebziger angebracht gewesen wäre. Und dieser positive Grundton liegt einzig und allein an Doc und wie er die Welt betrachtet. Wer damit Probleme hat, die drogendurchtränkten Szenen als subjektive Wirklichkeit zu entschlüsseln (Stichworte: Zombies, Filmrisse, Traumreisen), der soll mal "Naked Lunch" lesen, um echt verwirrt zu werden.

"Natürliche Mängel" ist ein Detektiv-Roman, ein bisschen Hardboiled, ein bisschen politisch, aber hauptsächlich menschlich und sehr, sehr lustig. Da Humor ja Geschmackssache ist (es gibt ja Leute, die mögen Adam Sandler-Filme), sind meines Erachtens Kritiken unangebracht, wenn in ihnen steht, dass sie den Humor nicht lustig fanden. Die unvermittelten Wortspielereien und treffsicheren Dialoge (in denen man nicht nach Schema F immer kennzeichnen muss, wer gerade spricht, das ergibt sich aus dem Kontext) haben mich über die Story hinaus sehr gut unterhalten.

FAZIT: Charaktere, Setting und Sprache sind vielleicht einfacher als in anderen Pynchon-Werken, aber der Roman ist dennoch ein echter Pynchon. Und da muss man sagen, man mag es oder man mag es nicht. Ich liebe es. Und ganz ehrlich: Wer sich von den Einfällen in "Natürliche Mängel" schon verwirren lässt und keinen Sinn erkennen kann, der macht sich einfach nicht die Mühe, auch mal beim Lesen ein bisschen nachzudenken. Kein anderes Buch von Pynchon ist (nicht nur sprachlich) zugänglicher als dieses hier. Für alle anderen, die mal einen etwas anderen Krimi lesen möchte: traut euch, solche Werke wie die von Pynchon sind heutzutage sehr rar gesät in der immer gleicher aussehenden Literaturlandschaft.


DMZ The Deluxe Edition Book One
DMZ The Deluxe Edition Book One
von Brian Wood
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 30,27

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Einstieg in ein modernes Meisterwerk, 8. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Seit zwei Jahren oder so hatte ich diese Serie schon auf dem Schirm, aber jetzt frage ich mich, warum ich sie nicht schon früher angefangen habe zu lesen. Ich bin eigentlich Buchleser, aber der einen oder anderen Graphic Novel nicht abgeneigt. Und besonders haben es mir die Serien (längere und Mini) aus dem DC-Imprint Vertigo angetan. Aber was Brian Wood sich hier ausgedacht hat, toppt echt alles, was ich seit jeher gelesen/gesehen habe (2004 las ich "meine" erste Serie "Preacher").

Inhalt:
Die Prämisse ist nicht unbedingt neu, Bürgerkriege (auch fiktive) waren schon häufiger Bestandteil der Literatur. Aber die Umsetzung, im Kontext nach 9/11 und den anschließenden Kriegen im Nahen Osten, ist schlichtweg klasse. Da Wood den Fokus nicht auf den Bürgerkrieg per se setzt, sondern auf die Menschen, die damit in Berührung kommen, wird die Geschichte von den Charakteren getragen, und die Umwelt dient als prägendes Moment. So ergeht es auch der Hauptfigur Matthew "Matty" Roth, der als Praktikant im Fotojournalismus sogar unbeabsichtigt in die Wirren des Bürgerkriegs gerät, genauer in die entmilitarisierte Zone (DMZ) Manhattan, in denen die kämpfenden Parteien bisher nichts für sich entscheiden konnten. Ein toller Schachzug, einen von den Medien manipulierten Menschen gleich zu Beginn mit der Realität zu konfrontieren. So geht Storytelling, so beginnt eine fein gezeichnete Charakterentwicklung.

Struktur:
Dieser erste Band (von fünf) der "Deluxe Edition" enthält die ersten 12 Einzelhefte von insgesamt 72, und präsentiert schon eine ziemliche Bandbreite, was den Leser wohl auch zukünftig erwarten wird. Dienen Heft 1-3, unter dem Titel "On the Ground", noch als Einführung des Schauplatzes Manhattan und diverser Charaktere, und natürlich der Hauptfigur und dem weiteren Kontext, folgen mit Heft 4 und 5 zwei Einzelepisoden, die einen kleinen zeitlichen Sprung wagen (vom Herbst zum Winter). So wird der Leser gezwungen, sich bestimmte Fragen selbst zu beantworten bzw. muss mitdenken. Schließlich folgt mit den Heften 6-10 die erste richtige Hauptgeschichte der Serie "Body of a Journalist" und meines Erachtens ist diese alleine schon den Kauf wert, kann aber ohne die fünf vorangegangenen Hefte (logischerweise) nicht ganz verstanden werden. Schlichtweg genial finde ich dann die Weiterführung der Serie mit zwei Einzelheften: Heft 11 erzählt etwas aus der Vergangenheit einer der wichtigsten Nebenfiguren (Zee) und Heft 12 ist gänzlich anders als alles davor, weil es "nur" die Notizen von Matty präsentiert und damit noch mehr Hintergründe gibt, wie der (fiktive) Stadtteil Manhattan in Zeiten des Bürgerkriegs tickt. Alles in allem ist diese Mischung innovativ, abwechslungsreich und spannend zu verfolgen.

Künstlerischer Stil:
Hatten die Prämisse/Story und die Struktur mich schon überzeugt, macht das Artwork für mich "DMZ" zu einem Meisterwerk. Während das Meiste vom Italiener Riccardo Burchielli gezeichnet wurde, wurden die Titelbilder der einzelnen Hefte (die als Kapitelteiler immer vorangestellt sind) sowie einzelne Seiten der Geschichte bzw. Heft 12 komplett vom Erfinder und Autor Brian Wood gezeichnet. Diese beiden Stile ergänzen sich perfekt. Der Street Art-Stil Woods harmoniert einfach mit den dreckigen, aber auch von Mangas beeinflussten Bildern Burchiellis. Dazu sei erwähnt, dass Wood mit Kristian Donaldson einen Gast-Zeichner das Heft 11 zeichnen ließ, dessen Stil zwar nicht so grimmig ist, aber ebenso stimmig zur Geschichte passt. Komplettiert und damit perfektioniert wird das Ganze durch die Farben von Jeromy Cox, der sowohl Dreck, Dunkelheit als auch Schneelandschaften stimmungsvoll einfängt. Noch nie war für mich eine Graphic Novel mehr Kunst als hier (und ja, ich habe auch Sachen von Alan Moore gelesen, die ich aber teilweise einfach zu prätentiös finde).

Ausstattung:
Da es sich um eine "Deluxe Edition" handelt, möchte ich noch kurz darauf eingehen, was hier denn deluxe sein soll bzw. ist. Zuerst einmal handelt es sich um ein, wie ich finde, hochwertiges Hardcover, zwar geklebt, aber fest, auch wenn man die Seiten mal weiter aufschlägt. Der Schutzumschlag sowie die Innenseiten sind matt gehalten und nicht glänzend wie bei vielen anderen Graphic Novels in Sammelbänden. Aber es passt perfekt. So eine grimmige, dreckige Serie auf Hochglanz wäre ein Widerspruch in sich, und das Papier ist in hervorragender Qualität. Hervorzuheben ist noch das stimmige Design des Buchdeckels, der ganz in schwarz gehalten ist, wo aber vorne ein großes DMZ eingraviert ist und am Buchrücken der Titel und die Namen von Autor und Zeichner. Alles passt einfach zusammen bei diesem Band (und da ich mittlerweile auch Band 2 hab, denke ich, dass jeder Band diese ganz schwarzen Buchdeckel haben wird). Als Bonus gibt es ein Vorwort von Brian Azzarello, dessen Serie "100 Bullets" ich bisher für die beste von Vertigo hielt, und am Schluss findet der Leser ein ausführliches Interview mit Brian Wood und Skizzen sowie alternative Versionen von einzelnen Cover, Figuren etc.

FAZIT: Für den Preis kann man bei der Qualität (inhaltlich und äußerlich) einfach nicht meckern, im Gegenteil, hier wird dem geneigten Leser für 22 Euro der perfekte Einstieg in ein Meisterwerk geboten. Wer pure Unterhaltung und einfach Antworten auf komplexe Fragen erwartet oder möchte, ist mit "DMZ" schlecht beraten. Wer durchgeknallte Geschichten á la "Preacher" liebt, muss sich hier auf einen grimmigen Realismus mit vielen Grauzonen einstellen. Dieser erste Band von "DMZ" hat mich erstaunt, sprachlos und auch erschrocken zurückgelassen, aber so überzeugt, dass ich mir den zweiten Band gleich bestellen musste (und ja, nach fünf weiteren Heften kann ich sagen, es geht so genial weiter). Diese Serie ist für mich nun das Highlight von Vertigo und hat "100 Bullets" auf den zweiten Platz verwiesen. Einziger Wermutstropfen bleibt, da ich nunmal die "Deluxe Edition" sammle, dass Band vier erst im Juli erscheint und Band fünf nichtmal angekündigt ist.

Hinweis für diejenigen, die nicht auf englisch lesen: Natürlich gibt es "DMZ" auch auf deutsch, allerdings nur in 13 Sammelheften. Ob es jemals von der Serie auch in unserer Sprache eine "Deluxe Edition" geben wird, keine Ahnung. Aber letztendlich ist es ja die Geschichte, die zählt, also zugreifen. Egal, wo.

End of Transmission


Die Enden der Parabel
Die Enden der Parabel
von Thomas Pynchon
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen Ein Mix aus "Ulysses" und "Naked Lunch", besser als beide, 19. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Enden der Parabel (Taschenbuch)
Und dieser Mix beschreibt doch nicht annähernd, was auf den Leser in diesem komplexen Opus Magnum zukommt. Es ist nicht immer einfach, dem Geschriebenen zu folgen, doch im "Flow" von Pynchons Worten und Absätzen ergibt sich ein irrer Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Viele halten das Buch für unlesbar und gaben irgendwann auf, andere brauchten viel Zeit, um durchzukommen, ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen und "verschlang" diesen dicken Brocken in 23 Tagen.

Warum hat mich das Werk so sehr gefesselt? Das habe ich mich selbst gefragt...
Und nun versuche ich, ein paar Antworten darauf zu geben:

1) Davor habe ich nur einen Pynchon gelesen, den neuesten, "Bleeding Edge", und die Sprache und Struktur hat mich so beeindruckt und angefixt, dass ich es sogleich mit seinem Hauptwerk probieren wollte. Ich wollte also verwirrt und überrascht werden, und ich war vorbereitet (denn auch im Alter hat Pynchon von seiner Rätselhaftigkeit nichts eingebüßt).

2) Das Spielerische, Humorvolle in der ernsthaften, historischen Literarizität. So etwas ist mir bisher noch in keinem Roman begegnet. Ein Autor, der Genres, Leichtigkeit (Satire) und schwere Literatur-Kost miteinander verbinden kann. Ein Autor, der sein Thema gleichzeitig ernst nimmt, aber sich selbst nicht, immer wieder relativiert, was er präsentiert. Gerade die Struktur, aber auch die Sprache ist daher meines Erachtens billiant.

3) Die Detail-Fülle, die zu einem zweiten Lesen geradezu auffordert. Das Assoziative, das ein großes Puzzle bzw. Mandala ergibt, die Abstraktion in der Wirklichkeit (Drogenrausch), Fakten mit Fiktion vermengt zu einer eigenständigen Welt, die parallel zu unserer ist.

4) Der Realismus in den Beschreibungen von Natur und Umgebung. Sowie die Exkursionen in die Mathematik, Chemie, Physik, Psychologie etc., wundervoll eingebettet in die Erzählungen.

5) Und nicht zuletzt: ich fand trotz der über 400 Charaktere Lieblingsfiguren (z.B. Roger Mexiko, Franz Pökler) und Lieblingsszenen, die allein es wert sind, dieses Buch durchzulesen.

Im besten Sinne erhält man mit diesem Buch unglaublich viele verschiedene Geschichten in einer. Aber erst ein erneutes Lesen wird mir wohl mehr Worte geben können, um auszudrücken, warum ich dieses Buch nicht nur für brilliant halte, sondern auch für ein Meisterwerk, für das eine neue Bezeichnung erfunden werden muss.

FAZIT: Wer die gängige Literatur satt hat, wer mit "alten" Klassikern aber nicht viel anfangen kann, weil sie ihm zu trocken sind, und trotzdem eine hochkomplexe, teilweise abstrakte und verwirrende Geschichte lesen möchte, die trotz allem "Hand und Fuß" hat, und darüber hinaus einen meist poetischeren Stil bevorzugt, aber auch nicht vor surrealen Actioneinlagen und Drogenexzessen sowie pornographischen und auch geschmacklosen Szenen zurückschreckt, und wer sich von 1.200 Seiten nicht abschrecken lässt, dem sei dieses Buch empfohlen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 11, 2014 11:13 AM CET


Sonic Highways
Sonic Highways
Preis: EUR 9,99

14 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Trotz einiger guter Einfälle, einfach langweilig zu hören, 10. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Sonic Highways (Audio CD)
Gleich vorweg: Ich war jahrelang Foo-Fan, seit ein paar Jahren aber nicht mehr so (seit der "Greatest Hits") und ich habe die Doku-Reihe nicht gesehen und sie interessiert mich nicht. Ich bewerte das Album also nur nach den Songs ohne dem Hintergrund.

Abgesehen von den vorab veröffentlichten Songs, die ich schon mehrmals hörte, habe ich das Album heute zwei Mal durchlaufen lassen, aber das war es auch. Sie wird sicherlich nicht auf Rotation laufen, und auch nicht ihren Weg auf meinen Player finden, um das Album unterwegs zu hören.

Meines Erachtens haben die Foo Fighters ihren Zenit überschritten, den sie mit "Echos, Silence, Patience und Grace" erreichten. Anstatt sich einer Weiterentwicklung hinzugeben, stagnieren sie nun in ihrem eigens geschaffenen musikalischen Kosmos, der zweifelsohne existiert. Bis Album Nummer 6 also klangen die Foos nach Foos und hatten stets Neues in Petto, das den Zuhörer (und den langjährigen Fan) überraschen konnte. Dann kam die Best of und mit ihr die langweiligen Nummern "Wheels" und "Word Forward", die ankündigten, in welche Richtung sich die Foos entwickeln würden, nämlich in keine mehr.

Auf der "Wasting Light" gab es wirklich noch einige klasse Ausnahmestücke wie "Burning Bridges", "Rope" und "I should have known", aber der Retro-Song "White Limo" zeigte schon, dass die Foos sich das alte herbeisehnten.

Ich bin der Meinung, Dave Grohl war sich bewusst, dass er keine Inspiration mehr hatte, wo er mit seiner Band nach ESPG noch hinkonnte, und hat darum die Garage Days auf Album Nummer Sieben imitiert. Jetzt musste also die musikalische Geschichte der USA herhalten (ja, das ist der einzige Punkt, bei dem ich auf den Hintergrund eingehe), aber anstatt die Einflüsse zu spüren, bekommt der Hörer (bekam ich zumindest) nur noch einen Abklatsch alter Foo-Songs und einfach langweiligen Pop-Rock, der nichts mehr mit dem Erfindungsreichtum der Band zu tun hat.

"Something from nothing" finde ich noch gelungen, auch wenn es im Prinzip eine Mischung aus "Skin & Bones" und "I should have known" ist. Ebenso gefällt mir "The Feast and the Famous", das an das Album "The Color and the Shape" erinnert, aber ohne dessen Biss. Obwohl der dritte Song "Congregation" ab Minute 3 eine Überraschung bereithält, ist der Rest wie "Long Road to Ruin", bloß ohne Schwung oder Originalität. "What did I do/ God as my Witness" ist wie vom dritten Album, erinnert in der zweiten Hälfte dann an "February Stars", hat aber überhaupt gar keine eigene Kraft. "Outside", der fünfte Song, ist langweiliger Pop-Rock, wie er heute von jedem gemacht wird (auch wenn Nate am Bass eine eigene Stimme bekam). Am ärgerlichsten ist der sechste Song, "In the clear", in dem doch tatsächlich eine Hook (oder ein Riff) gespielt wird, das schon in "Something from Nothing" und "Congregation" vorkam. Das ist peinlich. Und langweilig. Klar. Die letzten zwei Songs, "Subterranean" und "I am a River" sind für mich inspirationslose, balladeske Pop-Schinken. Und ...

... das war's. Acht Song zum achten Album, zu dem es neun Cover gibt (acht Städte und die Mitte). Ich meine, wenn es mehr verschiedene Cover gibt als Songs auf dem Album, kann ich nur noch sagen, dass hier jemand seinem kreativen Output mehr Bedeutung geben will, als er eigentlich hat. Die Gastmusiker machen für mich keinen Unterschied, noch nie hat Dave Grohl seine Stimme so ziellos eingesetzt, und es gibt keine Höhepunkte, nur ein ewiges vor sich hin Plätschern.

FAZIT: Langweilig, trotz einiger, weniger Einfälle. Ich will hier gar nicht sagen, was ist bloß aus den Foos geworden, ich bin doch Fan, blablabla. Nein, aber meiner bescheidenen Meinung nach versuchte jemand (Grohl) seine kreative Stagnation mit erzwungener Inspiration zu kurieren. Und ebenfalls meiner bescheidenen Meinung nach hat er das nicht geschafft, weil er sich letztendlich nur selbst kopiert hat, als sich tatsächlich inspirieren zu lassen. Ich widme mich lieber nochmal den Alben, die mich zum Foo-Fan machten und mich dazu brachten, einer zu bleiben (Album Nummer Zwei bis Sechs). Wer Interesse hat, ich habe im Laufe der Jahre auch Rezensionen zu ESPG, der Best of und Wasting Light veröffentlicht. Ansonsten, alles Geschmackssache, ist ja klar.


Bleeding edge
Bleeding edge
von Thomas Pynchon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

42 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mein erster Pynchon, 29. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Bleeding edge (Gebundene Ausgabe)
Schon vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal von diesem Schriftsteller hörte bzw. las, überkam mich ein großer Respekt und sogar eine Angst, jemals ein Buch von ihm zu lesen. Nicht weil ich Anspruch abgeneigt bin, nein, z.B. habe ich tatsächlich "Ulysses" zu Ende gelesen und bis auf das Krankenhaus-Kapitel sogar gerne. Und ich mag verschachtelte Prosa á la Javier Marias. Doch wenn man von Pynchon das erste Mal hört/liest, dann wird man unweigerlich mit seinem Ruf konfrontiert:

Er sei ein, wenn nicht sogar DER Meister des post-modernen Romans, ein Schüler Nabokovs, der unglaublich dichte und komplexe Romane schreibt, die eine unüberschaubare Fülle an Themen und Motiven aufgreifen. Sein Opus Magnum soll er schon 1973 veröffentlicht haben, auf deutsch "Die Enden der Parabel", ein dicker Wälzer (1200 Seiten in der aktuellen deutschen Ausgabe), der scheinbar keine Haupthandlung hat, Hunderte von Figuren, und mathematische, historische und philosophische Fakten vereint. Das schien mir zumindest abschreckender als ein 1000-Seiten-Roman, der von einem Tag im Leben des Leopold Bloom handelt, aufgeteilt in 18 Kapitel, von denen jedes in einem anderen literarischen Stil verfasst ist.

Nun erschien also jüngst mit "Bleeding Edge" Pynchons achter Roman auf deutsch (auf englisch schon 2013 erschienen) und ich sah ihn zufällig in einer Buchhandlung. Ich dachte mir, jetzt ist doch die Zeit, es endlich zu probieren. Es ist nur halb oder ein Drittel so dick wie "Die Enden der Parabel" und die Themen sind zeitgenössischer (Internet, 9/11). Ich begann es zu lesen, noch am gleichen Abend, und was ist geschehen? Ich habe es innerhalb von vier Tagen verschlungen.

So etwas habe ich noch nicht gelesen (und ich habe etliches gelesen). Zum Inhalt möchte ich gar nicht viele Worte verlieren, das hat Pynchon selbst (!) als Klappentext im Buch sehr gut zusammengefasst. Es geht hier eindeutig um das wie. Vordergründig mag es ein (Wirtschafts-/Internet-)Thriller sein, doch eigentlich ist es ein mit viel (teilweise makabren) Witz, Wissen und Paranoia eingefangenes Portrait der Stadt New York in der Zeit zwischen dem Platzen der New Economy-Blase und den Anschlägen vom elften September.

Nicht Hunderte, dafür Dutzende Figuren, die sich um das Zentrum der Hauptfigur Maxine bewegen. Kombiniert mit Anspielungen auf Populärkultur, Computersprache, Umgebungsbeschreibungen, historischen und persönlichen Schicksalen u.a.m. ergibt sich ein stringentes doch hochkomplexes Puzzle, das zwar am Ende eine Rundung bekommt aber beim ersten Lesen unmöglich ganz aufgelöst werden kann. Zu zahlreich sind die Ab- und Ausschweifungen in andere Thematiken, dass man sich als Leser manchmal erst orientieren muss, wo man sich nun befindet.

Auf einigen Seiten (Blogs und Foren) wurde empfohlen, Pynchons Bücher erst einmal nur durchzulesen und nicht an einzelnen Stellen hängen zu bleiben, die man auf Anhieb nicht versteht (sei es wegen der Worte, des Themas oder des Verlaufs). Und diesen Rat habe ich beherzigt und wurde belohnt mit einem höchst poetischen Wunderwerk der Literatur, das, so kommt es mir vor, um einiges authentischer mit jenen Geschehnissen von 2001 umgeht als viele andere Künstler. Und trotz all der schweren Thematiken und Schicksale bleibt der Roman angenehm leicht, was insbesondere der Hauptfigur und ihrer Innenansichten zu verdanken ist.

Sicher, "Bleeding Edge" verstößt, wie wohl alles von Pynchon, gegen jeden Trend der Bestseller-Listen, aber es ist einfach ein großer, fantastisch erzählter Roman, der aufgrund seiner zahlreichen Details zu mehrmaligem Lesen geradezu auffordert.

FAZIT: Ich wollte sofort nach der letzten Zeile wieder von vorne beginnen, um "Bleeding Edge" ein weiteres Mal zu genießen und noch viel mehr zu entdecken, mehr zu verstehen, aber dann hat mich der Pynchon-Virus infiziert und jetzt lese ich endlich, nach all den Jahren, "Die Enden der Parabel". Noch komplexer, noch undurchschaubarer, besser als "Ulysses". Warum hatte ich je Angst vor Pynchons Werk? Vielleicht weil ich wusste, dass ich alles andere dann liegen lasse und erstmal nur seine Werke lesen möchte. Traut euch, so eine Literatur ist heutzutage äußerst selten. Und, wie gesagt, versucht nicht, alles beim ersten Mal zu verstehen, sondern gebt euch dem Fluss der Erzählung hin.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 26, 2015 9:28 AM CET


Verzehrt: Roman
Verzehrt: Roman
von Cronenberg, David
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wenn man kein Verlangen mehr spürt, ist man tot.", 15. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Verzehrt: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Originaltitel „Consumed“ wurde für die deutsche Ausgabe mit „Verzehrt“ übersetzt, aber er beinhaltet, wie ich finde, nur einen Teil dessen, worum es geht. Verzehren, essen, spielt eine zentrale Rolle, was die Haupthandlung angeht, sicher, doch das englische Verb „to consume“ beinhaltet eben auch „konsumieren“, „verbrauchen“ und sogar „zerstören“. Nicht umsonst, vermute ich, hat David Cronenberg diesen vielsagenden Titel gewählt, denn alle Facetten dieses Ausdrucks gemeinsam bilden das Herz dieses post-modernen Romans.

Und „post-modern“ ist das Stichwort, über das man sich im Klaren sein muss, wenn man diesen Roman lesen möchte. Was einen nicht erwartet, ist eine geradlinige Geschichte (ein Thriller womöglich), an deren Ende alle Fragen beantwortet sind. Stattdessen findet man reihenweise Anspielungen auf die moderne Technik, häufige Perspektivwechsel, die sich zunächst ergänzen und später ausgeweitet werden und überraschend auftreten, und dabei das ständige Hinterfragen, was denn nun genau geschehen ist oder gerade geschieht.

Ein zentrales Motiv ist die Fotografie bzw. der Film, manifestiert in der Obsession der beiden Hauptfiguren (das Video- und Bild-Journalisten-quasi-Paar Nathan und Naomi) für technische Geräte, die die Wirklichkeit festhalten sollen. Schließlich wollen sie durch ihre Medien der Wahrheit ein Stück näher kommen. Schon der erste Satz („Naomi war im Bildschirm“) spielt genau auf dieses Problem an, und es kommt im Verlauf immer wieder zu Aufnahmen (Video und Bild), die die Realität abbilden sollen.

„Verzehrt“ ist ein morbides, zeitweise verstörendes Puzzle menschlicher Psychen, Verlangen und Obsessionen, das interessanterweise doch nicht überraschend sämtliche Motive des bisherigen, filmischen Schaffens Cronenbergs vereint: z.B. körperliche und psychische Veränderungen, sowohl durch philosophische als auch durch technische (materielle) Faktoren beeinflusst, die Realität als unbeständiges Phänomen durch reinen Subjektivismus der Figuren und medizinische Experimente, Diagnosen und Therapien.

Der Schreibstil ist nüchtern und meines Erachtens trotzdem ganz nah am Geschehen und den Figuren. Emotional in seiner Kälte. Widersprüchlich, was besonders in Kapitel 9 und 10 zu sehen ist, in denen plötzlich ein Ich-Erzähler erscheint. Letztendlich ist das Buch so kalt geschrieben, wie die Technik, um die es geht, und gleichzeitig so warm wie die Obsessionen seiner Figuren. In meinen Augen meisterhaft.

Fazit: Ursprünglich als Drehbuch begonnen entwickelte sich „Consumed“ zu einem Buch, das die konkreteren, geradlinigeren Werke Cronenbergs wie „Eine dunkle Begierde“ mit den verstörend abstrakten Filmen wie „Videodrome“ verbindet. Versteht mich nicht falsch, „Verzehrt“ hat eine Geschichte, die erzählt wird, mit Hauptfiguren, die wie „echte“ Menschen des neuen, technisierten Jahrtausends handeln, aber das Buch erzählt auch von Entfremdung, vom Greifbaren, vom Sozialen und vom Aufrichtigen. Und wer keine Angst davor hat, dass diese Entfremdungen von einem selbst Besitz ergreifen, während man das Buch liest, sollte diese abgründige Reise wagen.


Christine
Christine
von Stephen King
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,40

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mein erster King, wiederentdeckt, 4,5 Sterne, 20. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Christine (Taschenbuch)
Vor über 25 Jahren las ich diesen Roman zum ersten Mal und damals fand ich ihn langweilig. Nun ist es so, dass ein Buch sich niemals ändert, nur der Mensch, der es liest. Ich betrachtete es immer als eine ungetilgte Jugendschuld, ich hatte das Gefühl, "Christine" noch einmal lesen zu müssen (auch weil ich nicht wusste, ob ich es damals beendet hatte). Und jetzt habe ich es endlich getan. Und ich kann nur sagen, ich bin unglaublich froh darüber, denn "Christine" bescherte mir spannende, unheimliche und kurzweilige Stunden.

Von Beginn an mochte ich die Figuren, die besten Freunde (seit ihrer Kindheit) Dennis und Arnie. Das hat Stephen King drauf, lebendige Menschen mit dem ersten Wort zu erschaffen, so waren auch all die Nebenfiguren (die Brüder LeBay, Leigh, Darnell, die Eltern, selbst Buddy) facettenreich und/oder glaubwürdig. Natürlich blieb das eine oder andere Klischee nicht aus. Loser vs. Schläger. Aber ganz ehrlich, dieses Klischee z.B. kommt nicht von ungefähr und bildet nur nach, was wirklich ist.

Der Roman braucht lange für die Hintergrundgeschichte, und auch wenn das andere bemängeln mögen, ich empfand das als notwendig, interessant und ebenso spannend zu lesen. Denn je mehr Zeit man mit den Figuren verbringt, je detaillierter die Geschichte des 58er Plymouth offenbart wird, desto nachvollziehbarer und härter treffen einen dann die Elemente des Horrors. Und damit sind wir beim Kern des Ganzen:

"Christine" ist eine Horrorgeschichte, ganz gleich, wie viel High School-Leben präsentiert wird. Stephen King versteht es hier wie kein zweiter, in der Moderne das Unheimliche aufleben zu lassen, auch harte, extreme Morde finden sich. Die Unausweichlichkeit einer Katastrophe wird besonders im letzten Drittel in jeder Zeile spürbar. Und das funktioniert nur wegen der ...

... perfekten Struktur. Auch hierüber habe ich viel Negatives gelesen. Die drei Teile des Buches seien unausgewogen, weil in der Mitte plötzlich die Perspektive wechselt, aber genau das macht das Buch ebenso besonders, macht es ein bisschen spielerisch und King hat hier Raum, in die Gedankenwelten vieler Protagonisten einzusteigen, was ihm nicht möglich ist in dem ersten und dritten Teil des Buches, die aus Dennis' Perspektive erzählt werden.

Ebenso ist noch hervorzuheben, dass King (der ja bekanntlich eher hoffnungsvolle Enden mag) Christine auf einer deprimierenden, realistischen Note enden lässt. Und es bleibt sogar einiges offen, was aber die Gesamtgeschichte perfekt abrundet.

So banal sich die Grundgeschichte anhören mag (lebendiges Auto ergreift Besitz von Teenager), so überzeugend und echt wirkend hat King sie umgesetzt. Denn es geht in einer Horrorgeschichte mit übersinnlichen Elementen immer darum, wie sehr der Leser bereit ist, Dinge als wahr zu akzeptieren, die nicht sein können. Ich konnte es vollkommen, weil King es kann.

Einzig ein paar Ungereimtheiten führen zu einem halben Punkt Abzug, ansonsten wäre es für mich eine perfekte Horrorgeschichte. Inkonsistent sind ein manches Mal Gedankengänge der Hauptfiguren (z.B. bleibt es nur Behauptung, dass Dennis Arnies Mutter liebt, weil er eigentlich immer schlecht über sie redet). Es sind kleine Widersprüche, die aber der Gesamtgeschichte und dem Erlebnis keinen Abbruch tun. Und die Charaktere trotz allem glaubhaft lassen. Auch das soll mal einer schaffen.

FAZIT: "Christine" mag vielleicht nicht der beste King-Roman sein, aber er gehört ab jetzt zweifellos zu meinen Lieblingen von diesem Autor. Und ich werde ihn irgendwann bestimmt ein drittes Mal lesen. Eine ungewöhnliche, interessante Struktur, glaubwürdige Charaktere mit winzigen Schwächen und eine unheimliche, atmosphärische Handlung. So soll ein Horrorroman sein.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 20, 2014 12:21 PM MEST


Beyond: Two Souls - Standard Edition - [PlayStation 3]
Beyond: Two Souls - Standard Edition - [PlayStation 3]
Wird angeboten von Catvertrieb
Preis: EUR 23,49

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zu leichtes Spiel mit Story-Schwächen, 30. Oktober 2013
= Spaßfaktor:3.0 von 5 Sternen 
Es ist immer so eine Sache, wenn Spiele gehypet werden. Interessiert einen das Thema und man ist gewillt, das Spiel auf jeden Fall zu kaufen, dann steigert sich die Erwartungshaltung ins Unermessliche. Besonders bei Nachfolgern und neuen Teilen, egal um welches Genre es sich handelt. Im Falle von "Beyond: Two Souls" kannte ich die beiden Quasi-Vorgänger aus dem Hause Quantic Dream. "Fahrenheit" und "Heavy Rain" waren und sind für mich definitiv sehr unterhaltsame und gut gemachte, interaktive Filme, in denen auch das Fingergeschick nicht zu kurz kommt, wenn mal wieder die Reflexe geprüft werden.

Allerdings scheint es wegen des Schwierigkeitsgrads bei Quantic Dream Kritik gehagelt zu haben. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sich das Spiel "Beyond: Two Souls" selbst auf der höheren Stufe absolut einfach, spärlich und langweilig spielen lässt. Selbst in Action-Sequenzen ist der Spieler eher zum Zuschauen verdammt als dass er wirklich was zu tun hat. Und wenn dann mal, in zwei, drei Szenen des gesamten Spiels, etwas mehr verlangt wird, ist man schon so faul geworden, dass man plötzlich überrascht ist und die Aufgabe wiederholen muss. Diese Unausgeglichenheit und diese profane Leichtigkeit gab es in beiden Vorgängern nicht.

Wenn die Story wenigstens stimmig wäre und durchgehend zu fesseln wüsste, dann hätte ich kein Problem damit, diesem Spiel trotzdem 5 Sterne zu geben. Aber wieder einmal, wie bei vielen Kinofilmen heutzutage, zeigt sich, dass gute Effekte bzw. Grafiken noch keine gute Geschichte ausmachen. Mir gleich, wie viel Aufwand die Macher betrieben haben, um das Spiel so aussehen zu lassen wie es ist, sie hätten noch mehr Zeit auf das Drehbuch verwenden sollen. Je weiter die Story voranschreitet, desto vorhersehbarer werden die einzelnen Abschnitte. Und da man als Spieler nicht wirklich was zu tun hat, muss man sich das Spiel wie einen Film ansehen. Da kam häufiger sehr schnell Langweile auf.

Damit ist "Beyond: Two Souls" weit entfernt von dem Wiederspielwert der beiden Vorgänger. Es gibt nicht eine einzige Szene im gesamten Spiel, die entweder a) überraschen kann und/oder b) anspruchsvoll zu meistern ist. Hinzu kommt noch die holprige und ungenaue Steuerung, die im direkten Vergleich zu "Heavy Rain" sogar einen Rückschritt darstellt, dass ich nicht mehr als 3 Sterne geben kann. Eigentlich sind es 2,5 Sterne, denn mehr als Durchschnitt ist das Spiel nicht.

FAZIT: Was als innovativer, interaktiver Film beginnt (auch aufgrund der zeitlichen Ebene), entpuppt sich mehr und mehr als ödes, durchschaubares Spiel, das den Spieler in keinem Moment fordert und somit häufiger im Verlauf regelrecht langweilt. Auch die gut platzierten emotional tiefgründigen Szenen und die wirklich großartige Grafik können nicht über das Nichts an Handlung hinwegtäuschen. Da spiele ich lieber noch einmal "Heavy Rain", das hatte u.a. einen Twist zum Ende, mit dem wirklich keiner rechnen konnte.


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