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Rezensionen verfasst von
Christian Sidjani (Hamburg)

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V.
V.
von Thomas Pynchon
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

5.0 von 5 Sternen Rätselhaft, fragmentarisch, ein postmodernes Meisterwerk (aber Geschmackssache), 20. September 2015
Rezension bezieht sich auf: V. (Taschenbuch)
Ich kann zurzeit keine gradlinigen Geschichten mehr lesen, vom Anfang über den Mittelteil bis zum Ende, alles aufgelöst. Man folgt einer Hauptfigur (oder wenigen Hauptfiguren) durch einen Roman hindurch, gewinnt sie lieb (oder auch nicht), und folgt dem Plot, am besten mit ein, zwei Twists, die das Ganze etwas würzen. Was für mich bei Filmen noch funktioniert, langweilt mich nun in Büchern (auch wenn sie gut geschrieben sind). Und Schuld daran ist Thomas Pynchon.

Seit ich seine Werke im letzten Jahr für mich entdeckte, folgte ich (nach einem kleinen Abstecher in Stephen Kings Welt) den komplexen Gedankenwelten von Roberto Bolano, David Foster Wallace, Italo Calvino und Don DeLillo, um schließlich wieder bei Pynchon zu landen. Jetzt habe ich seinen Debüt-Roman „V.“ ein zweites Mal gelesen, innerhalb von noch nicht einmal einem ganzen Jahr. Und nachdem ich hier schon Rezensionen zu „Bleeding Edge“, „Die Enden der Parabel“ und „Natürliche Mängel“ verfasste, ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn ich auch zu „V.“ etwas schreibe.

Ich möchte gleich festhalten: Ich bin ein „normaler“ Leser, der einfach gerne liest, mehr nicht. Am liebsten sind mir Bücher, in denen Sprache, Struktur und Geschichte ein poetischen Ganzes ergeben. So boten mir die Werke von Paul Auster jahrelang das ultimative Leseerlebnis. Ich mag halt Geschichten in Geschichten, metaphorische Handlungen, eine anspruchsvollere aber klare Sprache. All das jedoch hat Thomas Pynchon nun übertroffen.

Ich verstehe, warum der gute Mann so gegenteilige Reaktionen hervorruft. Warum einige (besonders Literaturwissenschaftler und Kritiker) ihn für ein literarisches Genie halten, warum andere ihn für einen aufgeblasenen Blender halten. Ich verstehe, dass Pynchon zu anstregend sein kann oder eben anspruchsvoll ist. In meinen Augen reizt dieser mysteriöse Schriftsteller wie kein anderer, den ich je gelesen habe, das Konzept eines Romans, einer Geschichte aus. Und das hat er schon mit Anfang Zwanzig gezeigt, als er „V.“ schrieb.

Um dem Werk irgendwie auch nur annähernd gerecht zu werden, teile ich diese Rezension in die drei Abschnitte, die ich weiter oben als das Wichtigste beschrieben haben: Sprache, Struktur und Geschichte/Plot.

Sprache: Wo soll ich anfangen? Bei Pynchons Humor, seiner Ernsthaftigkeit, dem manchmal schnellem Wechsel oder der Kombination von beidem? Bei seiner Poesie oder seinen Metaphern? Ich liebe es einfach, wie er a) mit der Sprache spielt und b) die Sprache nutzt, um Dinge auszudrücken, die nicht auszudrücken sind.

Ein gutes Beispiel ist vielleicht aus dem ersten Kapitel das „Apocherium“. Dieses Wort beschreibt (anscheinend) den weit entferntesten Punkt eines Jojos von der Hand, und gleichzeitig erreicht die Figur Benny Profane, das menschliche Jojo, das auf Kriegsfuß ist mit seelen- bzw. leblosen Dingen, ihr eigenes „Apocherium“. Im ersten Kapitel reist Benny von Virginia nach New York. Die Hand ist in dem Sinne wohl eher die Armee, die er verlassen hat, nicht der Ort, aus dem er kommt.

Ich mag so etwas, aber ich kann verstehen, dass es vielen anderen abgeht. Ich glaube aber schon hier feststellen zu können, dass es nicht um die Frage geht, ob Thomas Pynchon wirklich ein brillianter Schriftsteller ist oder nur ein Blender. Es ist lediglich eine Frage des Geschmacks.

Struktur: Tatsächlich ist „V.“ offensichtlich fragmentarischer als viele seiner anderen Werke. Das mag auch daran liegen, dass die Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, eigenständige Kurzgeschichten bzw. Erzählungen sind. Am offensichtlichsten ist das im dritten Kapitel, das sozusagen das Spiegelbild von Pynchons Kurzgeschichte „Unter dem Siegel“ ist.

Aufgrund dieser fragmentarischen Erzählweise und der damit einhergehenden verschiedenen sprachlichen Ebenen, lässt sich ein Zusammenhang tatsächlich nur herstellen, wenn man sich die Mühe macht. Was haben z.B. die Geschichten von Porpentine, Godolphin, Mondaugen, Maijstral u.a. mit der Hauptgeschichte, die eher im Beat-Duktus erzählt ist, zu tun? Meines Erachtens schafft es Pynchon genial, sie ebenfalls als Spiegel zum aktuellen Geschehen einzubinden, egal, ob er die einzelnen Handlungen ans Konzept anpasste oder nicht.

Deutlich wird dies z.B. in der Szene, in der Herbert Stencil die Partys der „ganzen kaputten Bande“ mit dem dekadenten Gelage bei Foppls Belagerungsparty vergleicht (und den Vergleich im Dialog dann lapidar als „Melancholie“ bezeichnet). Das Boheme-inspirierte Leben der „ganzen kaputten Bande“ hat natürlich wenig mit der Dekadenz der Reichen in Afrika zu tun.
Oder dann, wenn Esthers unfreiwillige Schwangerschaft und ihre (oder Slabs) Entscheidung, das Kind abzutreiben, Paolas Schicksal aus dem vorhergehenden Kapitel spiegelt, weil sie von ihren Eltern ebenfalls ungewollt war (was ihren Vater Fausto ja u.a. zu seinem Geständnis getrieben hat).

Selbstverständlich taucht in allen Rückblenden das mysteriöse Wesen V. (und Orte, die mit V. beginnen) auf und so fragmentarisch also alles auf den ersten Blick erscheinen mag, ergibt sich auch mit dem Fokus auf V. ein stringentes Puzzle. Vielleicht erschließt sich das dem Leser erst beim zweiten Mal, oder beim dritten. Und auch hier ist es lediglich eine Frage des Geschmacks, ob jemand Lust hat, sich mehrmals darauf einzulassen.

Geschichte/Plot: Es wird Thomas Pynchon immer wieder unterstellt, dass seine Bücher keine Handlung haben. Und ebenso, dass seine Figuren keine Tiefe hätten. Doch je mehr Zeit man mit seinen Büchern verbringt, umso logischer und zwangsläufiger erscheinen die Zusammenhänge, und ja, auch die Charaktere sind alles andere als tot, das Dynamische unter ihnen stellt er hervorragend dar, die Wechselwirkungen. So wie die Kapitel miteinander wirken, so wirken auch die Gruppen. Sie spiegeln sich, sie bilden sich ab, sie bedingen einander. Aber man muss sich auch hier die Mühe machen, es entdecken zu wollen. Pynchons Bücher haben in dem Sinne keine Oberfläche, man kann sie nicht zusammenfassen, man kann sie nur erleben. Und was sonst als genau das ist eine Geschmackssache?

In erster Linie geht es in seinen Büchern um Rätsel, Mysterien (weil die Bücher selbst welche sind), so auch in „V.“. Dort steckt das Rätsel sogar schon im Titel. Der Leser entwickelt die Geschichte zusammen mit dem Buch auf der Suche nach der Antwort: Wer oder was ist „V.“?
Achtung, möglicherweise Spoiler: für mich, beim zweiten Lesen, wurde „V.“ zu weder noch. „V.“ ist auch die Abkürzung für „Versus“, also gegen. Und genau darum geht es im ganzen Buch, besonders um den Gegensatz vom Lebendigen und Leb- bzw. Seelenlosen. Und dann, verkörpert in der Figur V. (Victoria, Vera, der Böse Priester) eine lebendige Frau zusammengesetzt aus leblosen Dingen, eine Mensch-Maschine. Ich könnte das noch viel weiter ausführen, was für Ideen beim erneuten Lesen kamen, aber ich glaube, ich habe meinen Standpunkt klar gemacht.

FAZIT: Pynchons Bücher sind welche, mit denen man Zeit verbringt. Nicht in erster Linie, um in eine andere Welt einzutauchen, sondern um stehenzubleiben, zu staunen und sich Gedanken zu machen. Oder um meinen ersten Satz aufzugreifen: Er erzählt keine gradlinigen Geschichten und genau das finde ich spannend.
So einigen Werken der „Hochliteratur“ wurde attestiert, die Grenzen des Romans ausgetestet zu haben (z.B. „Ulysses“, „Unendlicher Spaß“ oder „2666“), aber erst bei Pynchon hatte ich das Gefühl, dass das Etikett auch stimmte. Denn die Grenzen eines Romans auszutesten heißt auch, sich selbst als Autor nicht zu ernst zu nehmen. Slapstick trifft Drama, Spionageroman trifft Poesie. Viele Gegensätze vereint in einem Buch, was will man (ich) mehr? Auch hier gilt: Probiert es aus, solche Bücher wie „V.“ sind rar in der immer gleicher anmutenden Literaturlandschaft.

Endlich gibt es alle Pynchon-Bücher auch als E-Book. Zeit für eine neue Leserschaft also.


2666: Roman
2666: Roman
von Roberto Bolaño
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein literarischer Grabstein gegen das Vergessen, 5. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 2666: Roman (Gebundene Ausgabe)
Verschwundene Schriftsteller, Wahnsinnige, Liebende, Mörder und ihre Opfer, Literaten, Folterungen, Liebesszenen, Zweiter Weltkrieg, Europa und Amerika, mexikanische Grenze, Journalisten und Privatdetektive. Grausam und bildschön zugleich. Nur Stichworte, was den Leser erwartet. Was ist unsere Identität und warum erschaffen manche sich eine neue? Wer gehört zu dieser (Welt-)Gesellschaft und wer nicht, und warum? Letztendlich: Was erfinden wir und was ist real, oder ist das, was wir erfinden, das Reale? Wenige Fragen aus einer Vielzahl, auf die das Buch Antworten geben könnte. An erster Stelle stehen aber die ermordeten Frauen von Santa Teresa, die durch dieses Werk niemals vergessen werden, weil die Namen der Toten aus der Realität stammen. Daher die Überschrift. Aber so kann ich keine Rezension schreiben.

Da es sich bei '2666' um keinen Roman handelt, der im klassischen Sinne einer Geschichte ein Anfang und ein Ende hat, möchte ich auf die fünf Teile einzeln eingehen. Jetzt folgen Spoiler, obwohl ich eigentlich mit keinem Wort, das ich nun verliere, der unerschöpflichen Vielfalt dieses Buches gerecht werden könnte (siehe oben). Die Spoiler sind nur als kleine, inhaltliche Anhaltspunkte zu verstehen. Und sie dienen mir zur Ordnung meiner Gedanken.

Der Teil der Kritiker
Die Inhaltsangabe des ersten Teils klingt wie der Anfang eines Witzes, und ich stelle mir gerne vor, dass das eine der Intentionen von Bolaño war: Ein französischer, ein italienischer, ein spanischer und ein englischer Literaturwissenschaftler suchen nach einem deutschen Autor. Hier findet man Bolaño, den Satiriker, besonders in Bezug auf den Literaturbetrieb (bzw. die Literaturkritik), aber auch in Bezug auf die Liebe. Denn der englische Literaturwissenschaftler ist eine Frau und die anderen drei verlieben sich in sie. So leicht wie diese ersten 200 Seiten des Romans wird es nicht bleiben und nie wieder werden, und schon am Ende, wenn die Kritiker nach Santa Teresa reisen, überschattet dieser Ort des Grauens das sonst so meist lockere Stück Literatur.

Der Teil von Amalfitano
Wahnsinn ist ansteckend, heißt es fast zu Beginn, Santa Teresas Wahnsinn und auch der Wahnsinn von Amalfitanos Frau, der vielleicht auf ihren Mann überging. Aus welchem Grund der Professor in diesem kürzesten Teil des Romans langsam den Verstand und sich zunehmend in einer Art mathematischer Philosophie verliert, wird nicht gklärt. Dass es geschieht, ist spätestens dann offensichtlich, wenn er beginnt, mit sich selbst zu sprechen und versucht, herauszufinden, zu wem die Stimme gehört, die er immer wieder vernimmt. Unheimlich und doch poetisch, die geballt philosophischten, aber auch undurchdringlichsten 80 Seiten des Buches. Bolaño, der Philosoph, lässt keinen Zweifel an der Unverlässlichkeit der Realität (was im krassen Gegensatz zum vierten Teil steht).

Der Teil von Fate
Quincy Williams (für alle anderen und auch für den Leser nur Oscar Fate) verliert zu Beginn seine Mutter. Damit wird der Ton der Erzählung vorgegeben. Die Düsternis ist nun durchdringend, obwohl hier klar und deutlich von einem Journalisten erzählt wird, der nach Santa Teresa geht, und obwohl er es nicht will, unweigerlich mit der unmenschlichen Atmosphäre konfrontiert wird. Hier zeigt sich ein Krimi- oder Noir-beeinflusster Bolaño, nicht nur, weil die Hauptfigur Afro-Amerikaner und eine Art Underdog ist, sondern auch, weil der Leser an einigen Stellen ins Gangstermilieu Santa Teresas 'entführt' wird und eine Frau sozusagen 'retten' soll. Ein Mann am falschen Ort zur richtigen Zeit, oder umgekehrt. Die vielleicht 'spannendsten' 250 Seiten des Buches.

Der Teil von den Verbrechen
Das Herzstück des Buches, mit ca. 350 Seiten auch der längste Teil. So lang, dass er ein eigenständiger, 'normal' langer Roman sein könnte. Aber wenn man diesen Roman eigenständig durchlesen würde, ohne die Omen und Verknüpfungen (und die Figuren) aus den ersten drei Teilen zu kennen, würde man sicherlich an den detaillierten Schilderungen von Leichen und Vergewaltigungen, von Korruption und politischem Desinteresse, von Armut und sozialem Elend, verzweifeln. Aber das tut man auch so. In einem beinahe knallharten, journalistischen und doch literarischen Stil offenbart Bolaño hier die ersten fünf Jahre (1993-1997) der Frauenmorde in Santa Teresa (das in Wirklichkeit Ciudad Juarez heißt). Neben wahrscheinlich sämtlichen Leichenfunden, die in der Zeitspanne getätigt wurden, offenbart sich ein schier unüberschaubares Personal an Menschen, die auf die eine oder andere Weise mit den Morden in Verbindung stehen. Hier gibt es keine Hauptfigur, Santa Teresa ist es selbst. Und man behält trotz allem den Überblick, weil jede Figur auf ihre Weise, manchmal mit nur wenigen Worten, lebendig wird. Waren die ersten drei Teile des Buches 'nur' Vorboten oder eben böse Omen, für sich genommen schon literarische Genüsse, haben wir es hier, mit dem Teil von den Verbrechen, mit einem absoluten Meisterwerk zu tun, rau, voller Ecken und Kanten, teilweise unerträglich in den Schilderungen, und doch menschlich in den wenigen Momenten der Hoffnung. Niemals sentimental, niemals unnötig brutal, doch ein perfekt komponiertes Mosaik der Hölle.

Der Teil von Archimboldi
Das Buch, der Autor und der Leser kehren zum Anfang zurück. In dem Sinn, dass man weiß, der Schriftsteller, den die vier Kritiker suchten, heißt in Wirklichkeit Hans Reiter. Und dies ist seine Geschichte und damit die Geschichte der Entstehung von Benno von Archimboldi.
Hier scheint der Romancier Bolaño durch, in einem nicht ausartenden Stil beschreibt er die gesamte Lebensgeschichte des Hans Reiter, nicht bis zum Tod, doch bis ins hohe Alter. Vor allem für mich als Deutscher interessant ist die Sicht eines Chilenen bzw. Spaniers auf die deutsche Geschichte, denn der Leser erlebt Reiters Odyssee durch den zweiten Weltkrieg und auch die Nachkriegszeit. Tatsächlich liegt neben der Liebesgeschichte zu Ingeborg das Hauptaugenmerk auf ebenjene Schreckenszeit. Eine weitere Hölle sozusagen, nachdem der Leser gerade die Hölle von Santa Teresa 'überlebt' hat. Doch gleichzeitig spannt der Autor damit auch wieder den Bogen zum Beginn, auch wenn es nie so leicht wird, scheint ab und an Bolaños satirischer Humor durch. Und schließlich, was nicht nur den vierten Teil sondern das gesamte Buch zum Meisterwerk macht, endlich die Zusammenführung von Archimboldi und Santa Teresa. Die zwei großen Haupthandlungsstränge des Buches werden hier auf den letzten Seiten endlich zusammengebracht. Sinnvoll, mit einem zumindest für mich überraschenden Twist (wenn man es so nennen kann).

Die Inhaltsangaben der einzelnen Teile mögen stringent klingen, sind sie aber nicht. Bolaño wird nicht umsonst auch als postmoderner Erzähler betitelt. Bei ihm gibt es viele Geschichten in Geschichten, und so gut wie keine wird wirklich aufgelöst. Mir sind bis zu sechs Erzählebenen aufgefallen, die ich abschließend an einem Beispiel zeigen möchte.

Achtung, ja, es folgen noch weitere Spoiler:
Wenn man davon ausgeht, dass die Frauenmorde in Santa Teresa den übergeordneten Handlungsfaden darstellen, dann wäre eine zweite Ebene die der Kritiker, die in ebenjene Stadt reisen, auf der Suche nach Archimboldi, dessen Lebensgeschichte eine dritte Ebene darstellt. Im fünften Teil findet Archimboldi (da noch als Hans Reiter) während des Krieges das Tagebuch eines jüdischen Russen, aus dem in einer vierten Ebene erzählt wird. Dieser Russe namens Ansky traf auf einen Schriftsteller Iwanow, dessen Lebensgeschichte die fünfte Ebene ist, und an einer Stelle wird über mehrere Seiten die Handlung von Iwanows Roman 'Die Dämmerung' wiedergegeben. Eine sechste Ebene.

Wie Bolaño diese Ebenen häufiger miteinander verbindet, vom einen ins andere kommt und wieder hinaus zum Eigentlichen zurück, ist schlichtweg klasse. Seit Paul Auster hat mich kein Autor mehr in dieser Richtung so überzeugt.

FAZIT: Wer einen Roman lesen möchte, der einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss hat, an dem alle Fäden zusammenlaufen und geklärt werden, der wird '2666' hassen. Wer ein durchgehend poetisches Werk erwartet, wird enttäuscht sein. Und wer glaubt, er wüsste nach dieser Rezension, worauf er sich einlässt, wird überrascht werden. Postmodern? Ja. Anspruchsvoll? Ja. Schwierig? Kein Thomas Pynchon, aber ja.

Wer sich auf eine Reise in das Herz der menschlichen Hölle begeben möchte, in der sich Hoffnung und Auswegslosigkeit einen erbarmungslosen Kampf liefern, der sollte zugreifen. Das Buch schießt in den Kopf und trifft das Herz. Ein Jahrhundertwerk.

P.S.: Wer sich fragt, woher der Titel kommt, was er bedeutet, bitte zuerst das Nachwort lesen.


Nachts
Nachts
Preis: EUR 7,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitraffer *5 Sterne, 25. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Nachts (Kindle Edition)
Eigentlich sind die beiden Geschichten in "Nachts" Bestandteil des Bandes "Four Past Midnight", aber die ersten zwei Geschichten gibt es in dem ebenfalls von Heyne herausgegebenen Taschenbuch "Langoliers". Um also das gesamte Feeling dieser Sammlung zu haben sollte man vielleicht beide kaufen und sie so hintereinander lesen, wie sie vom Autor gewünscht waren. Allerdings verdoppelt sich damit der Preis fast im Gegensatz zu englischen Ausgabe, die ich mir zulegte. Aber ich verstehe, warum Heyne die Sammlung aufteilte, weil jede einzelne Geschichte eigentlich Roman- oder Kurzromanlänge hat und King schon Bücher veröffentlichte, die kürzer waren als eine Geschichte hier drin ("Colorado Kid" z.B.)

Ich jedenfalls kann nur empfehlen, die Geschichten in der ursprünglichen Reihenfolge zu lesen, denn so gern ich sie auch mag, die letzte, deren Titel ich als Überschrift für meine Rezension wählte, setzt dem Novellenband die Krone auf. Warum viele Leser gerade "Zeitraffer" nicht mögen (sie sei zu lang und langatmig) kann ich nicht nachvollziehen. Für mich zeigt Stephen King gerade in dieser Erzählung sein herausragendes Talent beim Erzeugen von Spannung. Lange habe ich nicht mehr so atemlos eine Geschichte zu Ende lesen müssen. Und vor allem empfand ich die Geschichte über den Hund und die Polaroid-Kamera als sehr unheimlich, was doch der Zweck einer jeden Horrorgeschichte sein soll.

Auch die hier enthaltene Geschichte "Der Bibliothekspolizist" hatte mich gepackt und auch charakterlich überzeugt, aber wie schon "Langoliers" und "Das verborgene Fenster" davor krankt die Geschichte meiner Meinung nach an einem zu offensichtlich versöhnlichen Schluss. Der konstante Leser von Kings Werken weiß ja, dass er zu Happy Ends neigt oder zumindest zu Enden, die auf einer freundlichen Note enden. Genau darum fällt "Zeitraffer" (oder im Original als "The Sun Dog" passender betitelt) aus dem Rahmen. Warum, sollte jeder geneigte Leser selbst herausfinden. Zum Inhalt spare ich mir die Worte nämlich, weil ich schon zu viel wusste und trotzdem gepackt wurde.

FAZIT: Während ich der ersten Geschichte in "Nachts" (also der dritten Geschichte in der Sammlung) nur 4 Sterne geben würde (und den anderen beiden davor ebenfalls nur 4), bekommt "Zeitraffer" ganze fünf Sterne, wegen seiner Atmosphäre, seinen Charakteren und vor allem wegen der sich langsam aufbauenden Spannung und dem echt gelungenen Ende, nicht zu reden von Kings hohem sprachlichen Niveau. Und somit bekommt auch das Buch "Nachts" als Ganzes seine 5 Sterne (eigentlich ja 4,5 als Durchschnitt), weil "Zeitraffer" allein schon so lang ist wie z.B. "Carrie" oder "Das Mädchen" und der Preis für diese Geschichte das Geld wert ist. "Zeitraffer" ist eine zu unrecht wenig gelesene Geschichte von Stephen King und "Four Past Midnight" gehört zu meinen persönlichen Top 10 von Kings Büchern.


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Preis: EUR 8,99

11 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kein Kult, dafür zu kalt und langweilig, 14. Februar 2015
Wenn ein Buch als Film adaptiert wird, ist klar, dass der Regisseur (oder Drehbuchautor) bestimmte Elemente weglassen und seinen Fokus auf einige wenige legen muss, um der Länge und dem Medium gerecht zu werden. Soweit okay. Und man hätte sicherlich trotzdem den Kern von Pynchons Roman treffen können. Hat der Film aber nicht. Stattdessen verzettelt er sich in zu vielen Details, die nicht richtig zur Geltung kommen, weil zu viel aus dem Roman übernommen wurde. Dadurch verkommt es zu einem Schauauflauf, "Sieh mal, wie viel ich von der Vorlage verstanden habe". Andererseits wurden viele Details weggelassen, die das Buch jedenfalls von einer reinen Doper-Komödie abgehoben haben. Daher drängt sich beim Film der Vergleich mit "The Big Lebowski" geradezu auf und verliert auf ganzer Linie.

Jetzt folgen Spoiler, um meine Meinung wiedergeben zu können! Und es ist nur meine Meinung, ich habe schon gelesen, dass andere den Film für eine adäquate Umsetzung halten.

Ich habe verstanden, warum z.B. auf die Las Vegas-Reise verzichtet wurde, der Film ist schon lang genug, und die Sichtung von Mickey Wolfmann in der Irrenanstalt funktioniert auch (wenn auch nicht so beiläufig effektiv wie im Buch). Allerdings verkommt Eric Roberts, genauso wie z.B. Keith Jardine als Puck Beaverton zum reinen Stichwortgeber von Zitaten aus dem Buch, die nicht aus Dialogen stammen. Ich meine, da haben sie schon eine Off-Stimme (und Sortiléges Rolle fand ich gut gelöst für den Film), aber sie nutzen sie an entscheidenden Stellen nicht und lassen sie stattdessen häufiger Passagen sprechen, die per Bild auch funktioniert hätten.

Das größte Manko aber, und damit das Manko, das der Vorlage den Gnadenschuss gibt, ist die Szene mit der nackten Shasta. So emotional, dramatisch ausgeweitet, halte ich sie wirklich für den größten Fehler des Films (wenn man davon ausgeht, dass Paul Thomas Anderson wirklich den Kern des Romans beibehalten wollte). Abgesehen davon, dass mit der besagten Szene tonal ein Bruch erzeugt wird (plötzlich soll's dramatisch sein, obwohl es eigentlich eine abgefahrene Komödie ist), legt der Regisseur damit den Fokus auf die Beziehung zwischen Doc und Shasta, was der Vorlage nicht gerecht wird und den komplexen Plot trivialisiert. Besonders deutlich wird die Intention des Regisseurs, wenn die letzte Szene des Films wieder Doc und Shasta gehört (was nicht im Buch ist). Damit wird klar, dass sich der Regisseur trotz aller Komplexität und Verwirrtheit eine einfachere Auflösung suchte. Das Ende im Buch hingegen ist philosophisch und metaphorisch. Und bitte, man kann Nebel und Off-Stimme gut umsetzen.

Ebenso ein großer Mangel (!) ist der Gefallen, den Doc sich zum Schluss von Japonicas Vater anstatt des Geldes wünscht. Während er im Buch die Sicherheit (das Überleben) all seiner Freunde und seiner Familie möchte, vereinfacht Paul Thomas Anderson das Ganze auf Coys Familie, was dem Doc im Film vielleicht eine emotionale Tiefe geben soll. Diese Änderung habe ich schlichtweg nicht verstanden. Zusammen mit der vergrößerten Bedeutung von Shasta biedert sich der Film Hollywood mehr an, als er zugeben möchte.

Diese Punkte bleiben aber bei weitem nicht die einzigen, die mich am Film gestört haben. Bevor diese Rezension zu sehr ausartet, hier nur eine (nicht vollständige) Aufzählung: die teilweise sehr langweilige Inszenierung von Dialogen (die so zwar im Buch zu finden sind, aber deutlich mehr Pepp haben), das Verheizen der Co-Stars wie Reese Witherspoon und Benicio Del Toro in wenigen Szenen, die irgendwie orientierungslos im Film hängen (nach dem Motto: das muss ja irgendwie rein), das Verzichten auf jedwede Acid-Trips von Doc (in einer Doper-Komödie, und nein, Schärfe/Unschärfe mit der Kamera hat das für mich allein nicht gut gelöst). Und anderes.

FAZIT: Paul Thomas Anderson hat mit "Inherent Vice" einen Film geschaffen, der die Komplexität der Vorlage aufgreift, ohne deren Seele aufzugreifen. Und ich meine, das liegt daran, dass er ein Drama-Regisseur ist (auch "Boogie Nights" war zu sehr trübsinnig). Jemand, der seine Geschichte erden möchte. Aber Thomas Pynchon ist (bei all seinen ernsthaften Szenen, die es in anderen Werken von ihm gibt) ein spielerischer Autor, der mit Struktur, Plot und Charakteren etwas Neues erschafft. Am Ende von dem Roman heißt es: "Dass es den Nebel wegbrannte und dass stattdessen irgendwie etwas anderes da war." Und das ist es nun, anders, aber kein Pynchon-Film mehr.

Zwei Sterne gibt es für die Schauspieler, allen voran Joaquin Phoenix, dem ich meist gerne zugesehen habe, und dafür, dass viele kleinere Einfälle aus dem Buch übernommen wurden und doch ab und an funktionierten. Der Rest ist eine vertane Chance. Schade, dass Pynchon nun auf diese Weise einem größeren Publikum bekannt gemacht wird.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 29, 2015 11:53 PM MEST


Natürliche Mängel
Natürliche Mängel
von Thomas Pynchon
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Krimi-Komödie á la Pynchon (auch ein bisschen Hardboiled), 13. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Natürliche Mängel (Taschenbuch)
In Pynchons Romanen gab es schon immer komödiantische, zuweilen Slapstick-artige Einlagen bzw. Szenen, aber meist lösten sie sich wenige Seiten später mit düsteren, traurigen, erschreckenden oder anderen Szenarien ab. Da kann ich es verstehen, wenn bei "Natürliche Mängel" von Pynchon Light gesprochen wird, weil der Roman eigentlich durchgehend komödiantisch veranlagt ist. Aber ein "Light" wird dem Buch eigentlich nicht gerecht.

Sicher, "Natürliche Mängel" ist lange nicht so komplex wie "Die Enden der Parabel", nicht einmal wie "Vineland" oder sogar "Die Versteigerung von Nr. 49", jedenfalls was die Struktur und damit das Abschweifen angeht. Tatsächlich scheint es zum ersten Mal so, dass Pynchon keine größeren Subplots eingebaut hat (in dem Sinne "nur" Trips auf Acid oder PCP, und einige kurze Rückblenden aus der Sicht von anderen). Ebenso bleibt er nahezu ganz bei einer Hauptfigur, was er zwar auch in "Nr. 49" und "Bleeding Edge" tut, aber ungleich komplexer.

Als Einstieg in Pynchons Welt eignet sich "Natürliche Mängel" trotzdem nicht (das tun eher "Vineland" oder "Bleeding Edge", wie ich finde), denn der Roman ist bis auf bestimmte stilistische Trademarks (sinnlose/sinnvolle Song-Lyrics, unvermittelte Rückblenden, technische und naturalistische Beschreibungen) einfach eine Krimi-Kiffer-Komödie. Das soll aber nicht heißen, dass er keinen Tiefgang hätte. Im Gegenteil:

Anders als unzählige "normale" Krimis auf dem Markt, die stringent ihren Plot-Points mit Twists folgen und zuweilen langweilige oder klischee-beladene Ermittler haben (die meisten sind eben nicht Henning Mankell), gibt "Natürliche Mängel" einen Einblick in eine bestimmte Phase eines Landes, hier das Amerika unter Nixon zur Zeit des Vietnam-Krieges. Beides wird nur am Rande verhandelt, aber wie die Menschen drauf waren, kommt sehr gut zur Geltung. Eigentlich ist es nämlich eine Zeit, in der (fast) jeder bereit ist, den anderen zu verraten, um seinen eigenen Hintern zu retten. Es wird ständig belogen und betrogen, die Opfer (es gibt insgesamt drei Mordfälle) sind nicht mehr als Kollateralschäden in einer Welt, in der doch nur das Geld bzw. Macht zählt.

Diesem Trend einer Gesellschaft steht die Hauptfigur nun entgegen, übernimmt Jobs ohne Bezahlung, und damit sind es eigentlich keine richtigen Aufträge. Larry "Doc" Sportello ermittelt auf eigene Faust, will die Wahrheit herausfinden (oder das große Ganze erkennen), einfach, weil er es will. Und das hat ihn mir von Anfang an sympathisch gemacht. Tatsächlich ist Doc (zusammen mit Mason & Dixon aus dem gleichnamigen Roman und Maxine aus "Bleeding Edge") eine der stärksten Hauptfiguren Pynchons, stets im Vordergrund und damit greifbar. Es gibt noch viele Figuren in Pynchons Universum, die gleichsam mehr Tiefe haben, als viele Kritiker ihnen absprechen, aber diese Figuren sind nicht durchgehend da. Einzig Oedipa aus "Nr. 49" z.B. hätte gerne mehr charakterisiert werden können (auch wenn ich sie trotzdem mag).

Mit dem langsamen Herausfinden der Wahrheit (hinter die jemand endlich mal in einem Pynchon-Roman kommt, auch fast eine Novität in seinem Gesamtwerk) entwickelt sich auch etwas in Doc. Ganz leicht nur, aber immerhin, stellt er seinen Lebensstil in Frage (sogar häufiger), und der letzte Satz des Buches gibt vielleicht sogar einen Ausblick darauf, dass er überlegt, mit dem Kiffen aufzuhören.

"Natürliche Mängel" ist aber kein Quasi-Abgesang auf die Hippie-Ära, wie es "Vineland" im Prinzip war. Hier gibt es keine Wehmütigkeit, keine Depression oder Traurigkeit, obwohl genau das Anfang der Siebziger angebracht gewesen wäre. Und dieser positive Grundton liegt einzig und allein an Doc und wie er die Welt betrachtet. Wer damit Probleme hat, die drogendurchtränkten Szenen als subjektive Wirklichkeit zu entschlüsseln (Stichworte: Zombies, Filmrisse, Traumreisen), der soll mal "Naked Lunch" lesen, um echt verwirrt zu werden.

"Natürliche Mängel" ist ein Detektiv-Roman, ein bisschen Hardboiled, ein bisschen politisch, aber hauptsächlich menschlich und sehr, sehr lustig. Da Humor ja Geschmackssache ist (es gibt ja Leute, die mögen Adam Sandler-Filme), sind meines Erachtens Kritiken unangebracht, wenn in ihnen steht, dass sie den Humor nicht lustig fanden. Die unvermittelten Wortspielereien und treffsicheren Dialoge (in denen man nicht nach Schema F immer kennzeichnen muss, wer gerade spricht, das ergibt sich aus dem Kontext) haben mich über die Story hinaus sehr gut unterhalten.

FAZIT: Charaktere, Setting und Sprache sind vielleicht einfacher als in anderen Pynchon-Werken, aber der Roman ist dennoch ein echter Pynchon. Und da muss man sagen, man mag es oder man mag es nicht. Ich liebe es. Und ganz ehrlich: Wer sich von den Einfällen in "Natürliche Mängel" schon verwirren lässt und keinen Sinn erkennen kann, der macht sich einfach nicht die Mühe, auch mal beim Lesen ein bisschen nachzudenken. Kein anderes Buch von Pynchon ist (nicht nur sprachlich) zugänglicher als dieses hier. Für alle anderen, die mal einen etwas anderen Krimi lesen möchte: traut euch, solche Werke wie die von Pynchon sind heutzutage sehr rar gesät in der immer gleicher aussehenden Literaturlandschaft.


DMZ The Deluxe Edition Book One
DMZ The Deluxe Edition Book One
von Brian Wood
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Einstieg in ein modernes Meisterwerk, 8. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Seit zwei Jahren oder so hatte ich diese Serie schon auf dem Schirm, aber jetzt frage ich mich, warum ich sie nicht schon früher angefangen habe zu lesen. Ich bin eigentlich Buchleser, aber der einen oder anderen Graphic Novel nicht abgeneigt. Und besonders haben es mir die Serien (längere und Mini) aus dem DC-Imprint Vertigo angetan. Aber was Brian Wood sich hier ausgedacht hat, toppt echt alles, was ich seit jeher gelesen/gesehen habe (2004 las ich "meine" erste Serie "Preacher").

Inhalt:
Die Prämisse ist nicht unbedingt neu, Bürgerkriege (auch fiktive) waren schon häufiger Bestandteil der Literatur. Aber die Umsetzung, im Kontext nach 9/11 und den anschließenden Kriegen im Nahen Osten, ist schlichtweg klasse. Da Wood den Fokus nicht auf den Bürgerkrieg per se setzt, sondern auf die Menschen, die damit in Berührung kommen, wird die Geschichte von den Charakteren getragen, und die Umwelt dient als prägendes Moment. So ergeht es auch der Hauptfigur Matthew "Matty" Roth, der als Praktikant im Fotojournalismus sogar unbeabsichtigt in die Wirren des Bürgerkriegs gerät, genauer in die entmilitarisierte Zone (DMZ) Manhattan, in denen die kämpfenden Parteien bisher nichts für sich entscheiden konnten. Ein toller Schachzug, einen von den Medien manipulierten Menschen gleich zu Beginn mit der Realität zu konfrontieren. So geht Storytelling, so beginnt eine fein gezeichnete Charakterentwicklung.

Struktur:
Dieser erste Band (von fünf) der "Deluxe Edition" enthält die ersten 12 Einzelhefte von insgesamt 72, und präsentiert schon eine ziemliche Bandbreite, was den Leser wohl auch zukünftig erwarten wird. Dienen Heft 1-3, unter dem Titel "On the Ground", noch als Einführung des Schauplatzes Manhattan und diverser Charaktere, und natürlich der Hauptfigur und dem weiteren Kontext, folgen mit Heft 4 und 5 zwei Einzelepisoden, die einen kleinen zeitlichen Sprung wagen (vom Herbst zum Winter). So wird der Leser gezwungen, sich bestimmte Fragen selbst zu beantworten bzw. muss mitdenken. Schließlich folgt mit den Heften 6-10 die erste richtige Hauptgeschichte der Serie "Body of a Journalist" und meines Erachtens ist diese alleine schon den Kauf wert, kann aber ohne die fünf vorangegangenen Hefte (logischerweise) nicht ganz verstanden werden. Schlichtweg genial finde ich dann die Weiterführung der Serie mit zwei Einzelheften: Heft 11 erzählt etwas aus der Vergangenheit einer der wichtigsten Nebenfiguren (Zee) und Heft 12 ist gänzlich anders als alles davor, weil es "nur" die Notizen von Matty präsentiert und damit noch mehr Hintergründe gibt, wie der (fiktive) Stadtteil Manhattan in Zeiten des Bürgerkriegs tickt. Alles in allem ist diese Mischung innovativ, abwechslungsreich und spannend zu verfolgen.

Künstlerischer Stil:
Hatten die Prämisse/Story und die Struktur mich schon überzeugt, macht das Artwork für mich "DMZ" zu einem Meisterwerk. Während das Meiste vom Italiener Riccardo Burchielli gezeichnet wurde, wurden die Titelbilder der einzelnen Hefte (die als Kapitelteiler immer vorangestellt sind) sowie einzelne Seiten der Geschichte bzw. Heft 12 komplett vom Erfinder und Autor Brian Wood gezeichnet. Diese beiden Stile ergänzen sich perfekt. Der Street Art-Stil Woods harmoniert einfach mit den dreckigen, aber auch von Mangas beeinflussten Bildern Burchiellis. Dazu sei erwähnt, dass Wood mit Kristian Donaldson einen Gast-Zeichner das Heft 11 zeichnen ließ, dessen Stil zwar nicht so grimmig ist, aber ebenso stimmig zur Geschichte passt. Komplettiert und damit perfektioniert wird das Ganze durch die Farben von Jeromy Cox, der sowohl Dreck, Dunkelheit als auch Schneelandschaften stimmungsvoll einfängt. Noch nie war für mich eine Graphic Novel mehr Kunst als hier (und ja, ich habe auch Sachen von Alan Moore gelesen, die ich aber teilweise einfach zu prätentiös finde).

Ausstattung:
Da es sich um eine "Deluxe Edition" handelt, möchte ich noch kurz darauf eingehen, was hier denn deluxe sein soll bzw. ist. Zuerst einmal handelt es sich um ein, wie ich finde, hochwertiges Hardcover, zwar geklebt, aber fest, auch wenn man die Seiten mal weiter aufschlägt. Der Schutzumschlag sowie die Innenseiten sind matt gehalten und nicht glänzend wie bei vielen anderen Graphic Novels in Sammelbänden. Aber es passt perfekt. So eine grimmige, dreckige Serie auf Hochglanz wäre ein Widerspruch in sich, und das Papier ist in hervorragender Qualität. Hervorzuheben ist noch das stimmige Design des Buchdeckels, der ganz in schwarz gehalten ist, wo aber vorne ein großes DMZ eingraviert ist und am Buchrücken der Titel und die Namen von Autor und Zeichner. Alles passt einfach zusammen bei diesem Band (und da ich mittlerweile auch Band 2 hab, denke ich, dass jeder Band diese ganz schwarzen Buchdeckel haben wird). Als Bonus gibt es ein Vorwort von Brian Azzarello, dessen Serie "100 Bullets" ich bisher für die beste von Vertigo hielt, und am Schluss findet der Leser ein ausführliches Interview mit Brian Wood und Skizzen sowie alternative Versionen von einzelnen Cover, Figuren etc.

FAZIT: Für den Preis kann man bei der Qualität (inhaltlich und äußerlich) einfach nicht meckern, im Gegenteil, hier wird dem geneigten Leser für 22 Euro der perfekte Einstieg in ein Meisterwerk geboten. Wer pure Unterhaltung und einfach Antworten auf komplexe Fragen erwartet oder möchte, ist mit "DMZ" schlecht beraten. Wer durchgeknallte Geschichten á la "Preacher" liebt, muss sich hier auf einen grimmigen Realismus mit vielen Grauzonen einstellen. Dieser erste Band von "DMZ" hat mich erstaunt, sprachlos und auch erschrocken zurückgelassen, aber so überzeugt, dass ich mir den zweiten Band gleich bestellen musste (und ja, nach fünf weiteren Heften kann ich sagen, es geht so genial weiter). Diese Serie ist für mich nun das Highlight von Vertigo und hat "100 Bullets" auf den zweiten Platz verwiesen. Einziger Wermutstropfen bleibt, da ich nunmal die "Deluxe Edition" sammle, dass Band vier erst im Juli erscheint und Band fünf nichtmal angekündigt ist.

Hinweis für diejenigen, die nicht auf englisch lesen: Natürlich gibt es "DMZ" auch auf deutsch, allerdings nur in 13 Sammelheften. Ob es jemals von der Serie auch in unserer Sprache eine "Deluxe Edition" geben wird, keine Ahnung. Aber letztendlich ist es ja die Geschichte, die zählt, also zugreifen. Egal, wo.

End of Transmission


Die Enden der Parabel
Die Enden der Parabel
von Thomas Pynchon
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Mix aus "Ulysses" und "Naked Lunch", besser als beide, 19. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Enden der Parabel (Taschenbuch)
Und dieser Mix beschreibt doch nicht annähernd, was auf den Leser in diesem komplexen Opus Magnum zukommt. Es ist nicht immer einfach, dem Geschriebenen zu folgen, doch im "Flow" von Pynchons Worten und Absätzen ergibt sich ein irrer Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Viele halten das Buch für unlesbar und gaben irgendwann auf, andere brauchten viel Zeit, um durchzukommen, ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen und "verschlang" diesen dicken Brocken in 23 Tagen.

Warum hat mich das Werk so sehr gefesselt? Das habe ich mich selbst gefragt...
Und nun versuche ich, ein paar Antworten darauf zu geben:

1) Davor habe ich nur einen Pynchon gelesen, den neuesten, "Bleeding Edge", und die Sprache und Struktur hat mich so beeindruckt und angefixt, dass ich es sogleich mit seinem Hauptwerk probieren wollte. Ich wollte also verwirrt und überrascht werden, und ich war vorbereitet (denn auch im Alter hat Pynchon von seiner Rätselhaftigkeit nichts eingebüßt).

2) Das Spielerische, Humorvolle in der ernsthaften, historischen Literarizität. So etwas ist mir bisher noch in keinem Roman begegnet. Ein Autor, der Genres, Leichtigkeit (Satire) und schwere Literatur-Kost miteinander verbinden kann. Ein Autor, der sein Thema gleichzeitig ernst nimmt, aber sich selbst nicht, immer wieder relativiert, was er präsentiert. Gerade die Struktur, aber auch die Sprache ist daher meines Erachtens billiant.

3) Die Detail-Fülle, die zu einem zweiten Lesen geradezu auffordert. Das Assoziative, das ein großes Puzzle bzw. Mandala ergibt, die Abstraktion in der Wirklichkeit (Drogenrausch), Fakten mit Fiktion vermengt zu einer eigenständigen Welt, die parallel zu unserer ist.

4) Der Realismus in den Beschreibungen von Natur und Umgebung. Sowie die Exkursionen in die Mathematik, Chemie, Physik, Psychologie etc., wundervoll eingebettet in die Erzählungen.

5) Und nicht zuletzt: ich fand trotz der über 400 Charaktere Lieblingsfiguren (z.B. Roger Mexiko, Franz Pökler) und Lieblingsszenen, die allein es wert sind, dieses Buch durchzulesen.

Im besten Sinne erhält man mit diesem Buch unglaublich viele verschiedene Geschichten in einer. Aber erst ein erneutes Lesen wird mir wohl mehr Worte geben können, um auszudrücken, warum ich dieses Buch nicht nur für brilliant halte, sondern auch für ein Meisterwerk, für das eine neue Bezeichnung erfunden werden muss.

FAZIT: Wer die gängige Literatur satt hat, wer mit "alten" Klassikern aber nicht viel anfangen kann, weil sie ihm zu trocken sind, und trotzdem eine hochkomplexe, teilweise abstrakte und verwirrende Geschichte lesen möchte, die trotz allem "Hand und Fuß" hat, und darüber hinaus einen meist poetischeren Stil bevorzugt, aber auch nicht vor surrealen Actioneinlagen und Drogenexzessen sowie pornographischen und auch geschmacklosen Szenen zurückschreckt, und wer sich von 1.200 Seiten nicht abschrecken lässt, dem sei dieses Buch empfohlen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 11, 2014 11:13 AM CET


Sonic Highways
Sonic Highways
Preis: EUR 5,99

14 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Trotz einiger guter Einfälle, einfach langweilig zu hören, 10. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Sonic Highways (Audio CD)
Gleich vorweg: Ich war jahrelang Foo-Fan, seit ein paar Jahren aber nicht mehr so (seit der "Greatest Hits") und ich habe die Doku-Reihe nicht gesehen und sie interessiert mich nicht. Ich bewerte das Album also nur nach den Songs ohne dem Hintergrund.

Abgesehen von den vorab veröffentlichten Songs, die ich schon mehrmals hörte, habe ich das Album heute zwei Mal durchlaufen lassen, aber das war es auch. Sie wird sicherlich nicht auf Rotation laufen, und auch nicht ihren Weg auf meinen Player finden, um das Album unterwegs zu hören.

Meines Erachtens haben die Foo Fighters ihren Zenit überschritten, den sie mit "Echos, Silence, Patience und Grace" erreichten. Anstatt sich einer Weiterentwicklung hinzugeben, stagnieren sie nun in ihrem eigens geschaffenen musikalischen Kosmos, der zweifelsohne existiert. Bis Album Nummer 6 also klangen die Foos nach Foos und hatten stets Neues in Petto, das den Zuhörer (und den langjährigen Fan) überraschen konnte. Dann kam die Best of und mit ihr die langweiligen Nummern "Wheels" und "Word Forward", die ankündigten, in welche Richtung sich die Foos entwickeln würden, nämlich in keine mehr.

Auf der "Wasting Light" gab es wirklich noch einige klasse Ausnahmestücke wie "Burning Bridges", "Rope" und "I should have known", aber der Retro-Song "White Limo" zeigte schon, dass die Foos sich das alte herbeisehnten.

Ich bin der Meinung, Dave Grohl war sich bewusst, dass er keine Inspiration mehr hatte, wo er mit seiner Band nach ESPG noch hinkonnte, und hat darum die Garage Days auf Album Nummer Sieben imitiert. Jetzt musste also die musikalische Geschichte der USA herhalten (ja, das ist der einzige Punkt, bei dem ich auf den Hintergrund eingehe), aber anstatt die Einflüsse zu spüren, bekommt der Hörer (bekam ich zumindest) nur noch einen Abklatsch alter Foo-Songs und einfach langweiligen Pop-Rock, der nichts mehr mit dem Erfindungsreichtum der Band zu tun hat.

"Something from nothing" finde ich noch gelungen, auch wenn es im Prinzip eine Mischung aus "Skin & Bones" und "I should have known" ist. Ebenso gefällt mir "The Feast and the Famous", das an das Album "The Color and the Shape" erinnert, aber ohne dessen Biss. Obwohl der dritte Song "Congregation" ab Minute 3 eine Überraschung bereithält, ist der Rest wie "Long Road to Ruin", bloß ohne Schwung oder Originalität. "What did I do/ God as my Witness" ist wie vom dritten Album, erinnert in der zweiten Hälfte dann an "February Stars", hat aber überhaupt gar keine eigene Kraft. "Outside", der fünfte Song, ist langweiliger Pop-Rock, wie er heute von jedem gemacht wird (auch wenn Nate am Bass eine eigene Stimme bekam). Am ärgerlichsten ist der sechste Song, "In the clear", in dem doch tatsächlich eine Hook (oder ein Riff) gespielt wird, das schon in "Something from Nothing" und "Congregation" vorkam. Das ist peinlich. Und langweilig. Klar. Die letzten zwei Songs, "Subterranean" und "I am a River" sind für mich inspirationslose, balladeske Pop-Schinken. Und ...

... das war's. Acht Song zum achten Album, zu dem es neun Cover gibt (acht Städte und die Mitte). Ich meine, wenn es mehr verschiedene Cover gibt als Songs auf dem Album, kann ich nur noch sagen, dass hier jemand seinem kreativen Output mehr Bedeutung geben will, als er eigentlich hat. Die Gastmusiker machen für mich keinen Unterschied, noch nie hat Dave Grohl seine Stimme so ziellos eingesetzt, und es gibt keine Höhepunkte, nur ein ewiges vor sich hin Plätschern.

FAZIT: Langweilig, trotz einiger, weniger Einfälle. Ich will hier gar nicht sagen, was ist bloß aus den Foos geworden, ich bin doch Fan, blablabla. Nein, aber meiner bescheidenen Meinung nach versuchte jemand (Grohl) seine kreative Stagnation mit erzwungener Inspiration zu kurieren. Und ebenfalls meiner bescheidenen Meinung nach hat er das nicht geschafft, weil er sich letztendlich nur selbst kopiert hat, als sich tatsächlich inspirieren zu lassen. Ich widme mich lieber nochmal den Alben, die mich zum Foo-Fan machten und mich dazu brachten, einer zu bleiben (Album Nummer Zwei bis Sechs). Wer Interesse hat, ich habe im Laufe der Jahre auch Rezensionen zu ESPG, der Best of und Wasting Light veröffentlicht. Ansonsten, alles Geschmackssache, ist ja klar.


Bleeding edge
Bleeding edge
von Thomas Pynchon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

54 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mein erster Pynchon, 29. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Bleeding edge (Gebundene Ausgabe)
Schon vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal von diesem Schriftsteller hörte bzw. las, überkam mich ein großer Respekt und sogar eine Angst, jemals ein Buch von ihm zu lesen. Nicht weil ich Anspruch abgeneigt bin, nein, z.B. habe ich tatsächlich "Ulysses" zu Ende gelesen und bis auf das Krankenhaus-Kapitel sogar gerne. Und ich mag verschachtelte Prosa á la Javier Marias. Doch wenn man von Pynchon das erste Mal hört/liest, dann wird man unweigerlich mit seinem Ruf konfrontiert:

Er sei ein, wenn nicht sogar DER Meister des post-modernen Romans, ein Schüler Nabokovs, der unglaublich dichte und komplexe Romane schreibt, die eine unüberschaubare Fülle an Themen und Motiven aufgreifen. Sein Opus Magnum soll er schon 1973 veröffentlicht haben, auf deutsch "Die Enden der Parabel", ein dicker Wälzer (1200 Seiten in der aktuellen deutschen Ausgabe), der scheinbar keine Haupthandlung hat, Hunderte von Figuren, und mathematische, historische und philosophische Fakten vereint. Das schien mir zumindest abschreckender als ein 1000-Seiten-Roman, der von einem Tag im Leben des Leopold Bloom handelt, aufgeteilt in 18 Kapitel, von denen jedes in einem anderen literarischen Stil verfasst ist.

Nun erschien also jüngst mit "Bleeding Edge" Pynchons achter Roman auf deutsch (auf englisch schon 2013 erschienen) und ich sah ihn zufällig in einer Buchhandlung. Ich dachte mir, jetzt ist doch die Zeit, es endlich zu probieren. Es ist nur halb oder ein Drittel so dick wie "Die Enden der Parabel" und die Themen sind zeitgenössischer (Internet, 9/11). Ich begann es zu lesen, noch am gleichen Abend, und was ist geschehen? Ich habe es innerhalb von vier Tagen verschlungen.

So etwas habe ich noch nicht gelesen (und ich habe etliches gelesen). Zum Inhalt möchte ich gar nicht viele Worte verlieren, das hat Pynchon selbst (!) als Klappentext im Buch sehr gut zusammengefasst. Es geht hier eindeutig um das wie. Vordergründig mag es ein (Wirtschafts-/Internet-)Thriller sein, doch eigentlich ist es ein mit viel (teilweise makabren) Witz, Wissen und Paranoia eingefangenes Portrait der Stadt New York in der Zeit zwischen dem Platzen der New Economy-Blase und den Anschlägen vom elften September.

Nicht Hunderte, dafür Dutzende Figuren, die sich um das Zentrum der Hauptfigur Maxine bewegen. Kombiniert mit Anspielungen auf Populärkultur, Computersprache, Umgebungsbeschreibungen, historischen und persönlichen Schicksalen u.a.m. ergibt sich ein stringentes doch hochkomplexes Puzzle, das zwar am Ende eine Rundung bekommt aber beim ersten Lesen unmöglich ganz aufgelöst werden kann. Zu zahlreich sind die Ab- und Ausschweifungen in andere Thematiken, dass man sich als Leser manchmal erst orientieren muss, wo man sich nun befindet.

Auf einigen Seiten (Blogs und Foren) wurde empfohlen, Pynchons Bücher erst einmal nur durchzulesen und nicht an einzelnen Stellen hängen zu bleiben, die man auf Anhieb nicht versteht (sei es wegen der Worte, des Themas oder des Verlaufs). Und diesen Rat habe ich beherzigt und wurde belohnt mit einem höchst poetischen Wunderwerk der Literatur, das, so kommt es mir vor, um einiges authentischer mit jenen Geschehnissen von 2001 umgeht als viele andere Künstler. Und trotz all der schweren Thematiken und Schicksale bleibt der Roman angenehm leicht, was insbesondere der Hauptfigur und ihrer Innenansichten zu verdanken ist.

Sicher, "Bleeding Edge" verstößt, wie wohl alles von Pynchon, gegen jeden Trend der Bestseller-Listen, aber es ist einfach ein großer, fantastisch erzählter Roman, der aufgrund seiner zahlreichen Details zu mehrmaligem Lesen geradezu auffordert.

FAZIT: Ich wollte sofort nach der letzten Zeile wieder von vorne beginnen, um "Bleeding Edge" ein weiteres Mal zu genießen und noch viel mehr zu entdecken, mehr zu verstehen, aber dann hat mich der Pynchon-Virus infiziert und jetzt lese ich endlich, nach all den Jahren, "Die Enden der Parabel". Noch komplexer, noch undurchschaubarer, besser als "Ulysses". Warum hatte ich je Angst vor Pynchons Werk? Vielleicht weil ich wusste, dass ich alles andere dann liegen lasse und erstmal nur seine Werke lesen möchte. Traut euch, so eine Literatur ist heutzutage äußerst selten. Und, wie gesagt, versucht nicht, alles beim ersten Mal zu verstehen, sondern gebt euch dem Fluss der Erzählung hin.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 26, 2015 9:28 AM CET


Verzehrt: Roman
Verzehrt: Roman
von Cronenberg, David
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wenn man kein Verlangen mehr spürt, ist man tot.", 15. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Verzehrt: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Originaltitel „Consumed“ wurde für die deutsche Ausgabe mit „Verzehrt“ übersetzt, aber er beinhaltet, wie ich finde, nur einen Teil dessen, worum es geht. Verzehren, essen, spielt eine zentrale Rolle, was die Haupthandlung angeht, sicher, doch das englische Verb „to consume“ beinhaltet eben auch „konsumieren“, „verbrauchen“ und sogar „zerstören“. Nicht umsonst, vermute ich, hat David Cronenberg diesen vielsagenden Titel gewählt, denn alle Facetten dieses Ausdrucks gemeinsam bilden das Herz dieses post-modernen Romans.

Und „post-modern“ ist das Stichwort, über das man sich im Klaren sein muss, wenn man diesen Roman lesen möchte. Was einen nicht erwartet, ist eine geradlinige Geschichte (ein Thriller womöglich), an deren Ende alle Fragen beantwortet sind. Stattdessen findet man reihenweise Anspielungen auf die moderne Technik, häufige Perspektivwechsel, die sich zunächst ergänzen und später ausgeweitet werden und überraschend auftreten, und dabei das ständige Hinterfragen, was denn nun genau geschehen ist oder gerade geschieht.

Ein zentrales Motiv ist die Fotografie bzw. der Film, manifestiert in der Obsession der beiden Hauptfiguren (das Video- und Bild-Journalisten-quasi-Paar Nathan und Naomi) für technische Geräte, die die Wirklichkeit festhalten sollen. Schließlich wollen sie durch ihre Medien der Wahrheit ein Stück näher kommen. Schon der erste Satz („Naomi war im Bildschirm“) spielt genau auf dieses Problem an, und es kommt im Verlauf immer wieder zu Aufnahmen (Video und Bild), die die Realität abbilden sollen.

„Verzehrt“ ist ein morbides, zeitweise verstörendes Puzzle menschlicher Psychen, Verlangen und Obsessionen, das interessanterweise doch nicht überraschend sämtliche Motive des bisherigen, filmischen Schaffens Cronenbergs vereint: z.B. körperliche und psychische Veränderungen, sowohl durch philosophische als auch durch technische (materielle) Faktoren beeinflusst, die Realität als unbeständiges Phänomen durch reinen Subjektivismus der Figuren und medizinische Experimente, Diagnosen und Therapien.

Der Schreibstil ist nüchtern und meines Erachtens trotzdem ganz nah am Geschehen und den Figuren. Emotional in seiner Kälte. Widersprüchlich, was besonders in Kapitel 9 und 10 zu sehen ist, in denen plötzlich ein Ich-Erzähler erscheint. Letztendlich ist das Buch so kalt geschrieben, wie die Technik, um die es geht, und gleichzeitig so warm wie die Obsessionen seiner Figuren. In meinen Augen meisterhaft.

Fazit: Ursprünglich als Drehbuch begonnen entwickelte sich „Consumed“ zu einem Buch, das die konkreteren, geradlinigeren Werke Cronenbergs wie „Eine dunkle Begierde“ mit den verstörend abstrakten Filmen wie „Videodrome“ verbindet. Versteht mich nicht falsch, „Verzehrt“ hat eine Geschichte, die erzählt wird, mit Hauptfiguren, die wie „echte“ Menschen des neuen, technisierten Jahrtausends handeln, aber das Buch erzählt auch von Entfremdung, vom Greifbaren, vom Sozialen und vom Aufrichtigen. Und wer keine Angst davor hat, dass diese Entfremdungen von einem selbst Besitz ergreifen, während man das Buch liest, sollte diese abgründige Reise wagen.


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