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Der Osten ist ein Gefühl: Über die Mauer im Kopf
Der Osten ist ein Gefühl: Über die Mauer im Kopf
von Anja Goerz
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kein Buch für Ossis, 16. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Idee dem Ossisein auf den Grund zu gehen ist gut. Die Autorin hat Gespräche mit verschiedenen Leuten geführt und in einzelnen, kurzen Kapiteln zusammengefasst.
In den Gesprächen werden Lebensgeschichten mit erlebten Ost-West-Vorurteilen verflochten.

Beim Lesen des Buches als Ossi erkennt man die Mauer im Kopf zwischen Ost und West jedoch auf ganz andere Weise als beabsichtigt. Ein Beispiel: Wenn der Gesprächspartner im Restaurant z.B. laute Menschen am Nachbartisch als Wessi abstempelt, versucht die (westdeutsche) Autorin nicht diesem Klischee nachzugehen, sondern begründet es schlicht mit charakterlichen Unterschieden zwischen Menschen, nicht mit Ost-West. Statt den aufgeworfenen Vorurteilen (und damit der Identität des Ossiseins) zu diesem Zeitpunkt auf den Grund zu gehen, legt die Autorin ganz unbeabsichtigt das Unverständnis zwischen Ost und West offen. Ein weiteres Beispiel: Die Ossi-Interviewpartnerin erzählt, die DDR war für sie einst ein Traum, ein Land in dem es für sie alles gab. Im Rückblick wird aber alles mit den Verhältnissen im Stasi-Knast relativiert - und das obwohl ihr dies zu DDR-Zeiten (= Ostalgie-Gefühl) noch gar nicht bekannt war.

Es ist natürlich generell schwierig Vorurteile über die Ossis oder die Wessis verallgemeinert zu diskutieren, Gegenbeispiele findet man schließlich immer. Es ist allerdings schade, dass das Buch sich zu sehr auf Personen aus der durch die DDR-Zensur begrenzte Musik- und Medienwelt stützt. Es wäre interessanter aus dem selbsternannten "Arbeiter- und Bauernstaat" auch die zahlreichen Arbeiter und Bauern zu Wort kommen zu lassen. Das wäre vermutlich sehr schwer geworden, denn auch heute traut sich eben nicht jeder Ossi seine Wahrheit auszusprechen bzw. diese wird heute als Unsinn abgetan. Auffällig ist schließlich, dass ausgerechnet die positivste DDR-Wahrnehmung in dem Buch von jemandem stammt, dessen Name als einziger geändert wurde.

Die Autorin hat trotzdem einige interessante Gesprächspartner gefunden. Das Buch kann Anstöße geben, woran die Ossi-Wessi-Trennung in den Köpfen liegen könnte, Antworten liefert es aber nicht. Daher 3 Sterne.


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