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Beiträge von Timo Brandt
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Rezensionen verfasst von Timo Brandt "Ways are, there you go" (Quickborn)
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5.0 von 5 Sternen
Tomas Tranströmer... "Ein Träumen außer Sehweite gibt es,/ das stets geschieht.", 19. Juni 2013
Ein Sturm bringt die Flügel der Mühle dazu, sich wild zu drehn im Dunkel der Nacht, nichts mahlend. - Du wirst aus denselben Gesetzen wachgehalten. Voller Ehrfurcht, so möchte ich beginnen, sitzt man vor den Werken Tomas Tranströmers. Sitzen - denn Stehen vor so großen und doch kleinen Gemälden scheint eine noch zu unruhige Haltung und de Farben, das umfangreiche Panorama des Moments, werfen einen in eine sitzende, eigentlich sogar liegende Position. Ruhe und Einsicht, um die Verse wirken zu lassen wie das nahe und ferne Ziehen der Wolken an einem Sommertag, bewusst und unbewusst, ja: jenseits beider Begriffe. "Es herrscht Stille, wie wenn das Radar übermütig Umdrehung nach Umdrehung macht." "Sommer mit flachshaarigem Regen oder einer einzelnen Gewitterwolke über einem Hund, der bellt. Das Samenkorn strampelt in der Erde." Staunen und trotzdem dieser Drang, die Augen nach jedem Wort, nach jedem Satz, schließen zu wollen, wie als könnte man mit dem erlauschten Rauschen der Welle den Ozean festhalten. Viele Gedichte drücken irgendwo irgendwann -zu-, wollen einen bestimmten Nerv treffen. Nicht so bei Tranströmer. Seine Verse blinzeln, weiten sich aus und kugeln sich ein; sie sind lautlose Helikopter, kreisende Seinsträger und die Wahrnehmung jedes strichcodelosen Elements, aber es gibt da kein Zupacken, jedes seiner Gedichte lässt einen mehr frei, als dass es einen bindet. Und doch fühlt man sich auch gebannt. Wahrnehmen wird zum Funkeln der Seele, der Welt. Jedes Bild ist ein Bekenntnis der Dinge, die es ausdrückt. "Um 18 Uhr kommt der Wind und sprengt mit Getöse auf der Dorfstraße vorwärts, im Dunkel, wie eine Reiterschar. Wie die schwarze Unruhe spielt und verklingt! In Unbeweglichkeitstanz stehen die Häuser gefangen, in diesem Brausen, das dem des Traumes ähnelt. Windstoß auf Windstoß streift über die Bucht, weg zur offnen See, die sich ins Dunkel stürzt. Im Raume flaggen verzweifelt die Sterne. Sie werden angezündet und ausgelöscht von den Wolken, die vorwärts fliegen, die nur, wenn sie ihre Lichter verdecken, ihre Existenz verraten, gleich den Wolken des Vergangenen, die in den Seelen umherjagen." "Der Regen verschwindet allmählich. Der Rauch tut ein paar stolprige Schritte in der Luft über den Dächern, Hier folgt mehr, was größer ist als Träume." Zwei Ebenen, zwei Ansichten regieren hauptsächlich in Tranströmers Werk: Einmal die kontemplative, bilderreiche, wie eine Knospe aufspringende und dann die zweite, tiefere, in der all diese Bilder buntgläserne Fenster sind, durch die das Licht des Augenblick im Schimmern des Seins in einen sehr hohen, weiten Raum fällt. Ein Raum, kühl und doch wunderschön, ein Raum voll Ungesagtem, darin so unausführliche Wahrheiten schweben wie einzelne Töne. Wahrheiten, die eigentlich nur Gesten sind, zu erahnen in der Art wie Tranströmer sie umschreibt, ihre Wirkung nicht aus dem Kern, sondern von den Grenzen und Außenposten der Aufmerksamkeit ziehend; Tranströmer weiß um die wesentliche Wahrheit dieser Gesten und so spiegeln sie sich in all den Versen, die er um sie und in ihnen errichtet: Ein Geflecht, ein Labyrinth aus Eindrücken, Wesenheiten und Momenten, über dem man zu schweben beginnt, und die alle am Ende das nahezu glatte, weiße Segel bilden, mit dem man ein Boot hinaus auf jenen Ozean der Poesie schicken kann, ein Meer, auf dem alles Erfahren bedeutet, und wo jedes gesichtetes Festland einem Wunder gleicht und doch nicht das Ziel ist - das Ziel ist es, zu segeln, immer weiter, in die nächste Stimmung, tiefer hinein. "Schneelose Wintertage gibt es, da ist das Meer verwandt mit Berggegenden, geduckt in grauem Federkleid, eine kurze Minute blau, lange Stunden mit Wellen wie bleiche Luchse, vergebens Halt suchend im Strandkies." Das ist alles, dessen bin ich mir bewusst, nur die eine Seite von Tranströmers Lyrik, die allgegenwärtige, die unwillkürliche, kurz: der Stil. In dem Langgedicht Ostseen (ein Text, den man immer wieder lesen und lesen und lesen kann) heißt es an einer Stelle: "2. August. Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein./ [...] Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil..." Der Stil, dieses Einhalten und gleichzeitige Erweitern aller Bilder, das Bescheidene und Große, die nebeneinander wandern, kein bisschen unschlüssig - er allein macht Tranströmer schon zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Und alle, die einmal gerne ein breite Sammlung echter Poesie im Schrank, auf dem Nachtisch, oder einfach bei sich haben wollen, denen sei dieses überreiche Buch schon alleine deswegen wärmstens empfohlen. "Wach im Dunkel, hört man die Sternbilder stampfen in ihren Boxen hoch überm Baume." "Und der Wind radelt friedlich durchs Laub." Als Psychologe (auch in einer Haftanstalt) und Reisender, als Opfer eines Schlaganfalls (mit folgenden Lähmungserscheinungen), als Naturbegeisterter, als Kenner der Geschichte, als Mensch, als Bewohner Schwedens, als Freund des Meeres und als sensibler Erfasser der Nacht, als Kenner von Musik und Malerei - jeder Dichter hat viele Stimmen (oder: viele Elemente einer Stimme), mit denen er spricht, einige von Tranströmer habe ich hiermit aufgezählt, auch wenn ich sie am liebsten sofort wieder wegstreichen würde. Man nehme sie bitte denn auch nicht als Ansatz für Vorstellungen, etwa hinsichtlich von Meinungen, die Tranströmmer kundtut, oder als eingefasste Themenvorwegnahme oder sonst etwas in der Art. Sie sind hier nur aufgelistet, um einen Blick auf die Ausgangspunkte mancher Momente zu ermöglichen, in denen ein Gedicht entstand. "Unterwegs im langen Dunkel. Eigensinnig schimmert meine Armbanduhr mit dem gefangnen Insekt der Zeit. Das vollbesetzte Abteil ist dicht vor Stille. Im Dunkel strömen die Wiesen vorbei. Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler." Dichtung ist oftmals ein Rettungsanker und auch ein Bewahrer, ein Formulierer und in mancher Richtung auch so etwas wie ein guter Geist, der zu allem schweigt und doch hier und da etwas zeigt und manches bewahren kann. Auch in Tranströmers Lyrik geht es oft ums Bewahren, um das Bewahren der alltäglichen Wunder (mit Bildern wie dem oben zitierten Ausschnitt um das "Insekt der Zeit" oder, noch weiter oben, der Sternenbilder) bei Einhaltung aller Grenzen, die man nicht übertreten kann, ohne zuviel miteinander zu verbinden. Denn auch diese Fuge ist stark in Tranströmers Werk, die filigrane Verbindung. Aber sie hält sich an das Wesen der Linie, die mit ihrer einzelnen Bahn langsam einen Raum zeichnet, statt direkt den ganzen Raum in eine Verbindung drücken zu wollen, denn dann passt oft der Leser nicht mehr hinein. In Tranströmers Gedichte jedoch passen wir noch, geradeso. Das Ich des Lesers und seine reflexive Anteilnahme an den Zeilen, wird manchmal sogar zum zentralen Punkt des Gedichts, das letztlich nur ein einzelnes Gefühl bedingt. "Ich hisse die Haydnflagge - das bedeutet: >>Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.<< Die Musik ist ein Glashaus am Hang, wo die Steine fliegen, die Steine rollen. Und die Steine rollen quer hindurch, doch jede Fensterscheibe bleibt ganz." Dieses Gefühl, das sagt: "ich bin genau die Stelle,/ wo die Schöpfung an sich selbst arbeitet." Dieses Gefühl, was unser Bewusstsein jenseits normaler Bezeichnungen und Wortbegriffe ausmacht. Solche Bewusstseinszustände zu beschreiben und zu malen, ist einer der großen Verdienste des Gedichts. Und deswegen brauchen wir Gedichte - um im Angesicht dessen, das unvergänglich scheint für den Moment, und das doch so vergänglich ist, wie wir selbst (wie wir wissen), einen Ruhepunkt zu finden, eine Verbindung. Ein Beweis, so klein wie eine Blume und doch so mächtig wie der allererste Eindruck, wenn unser Blick auf sie fällt, an ihr hängenbleibt und an ihr festhält. Wo sonst finden wir eine Erkenntnis zu den Bildern, die unumgänglich sind und dennoch fast nicht zu fassen? "Im Gelände draußen, nicht weit von der Ansiedlung, liegt seit Monaten eine vergessene Zeitung voller Ereignisse. Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne, dabei, eine Pflanze zu werden, ein Kohlkopf, dabei, mit dem Boden eins zu werden. So wie eine Erinnerung sich langsam zu dir selbst verwandelt." "Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Eine kommt von innen, eine kommt von außen, und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen." Sich selbst zu sehen und auch das Andere, welches in der heutigen Zeit entweder ignoriert oder aber als anonym, unübersichtlich, etc. abgestempelt wird. Ein Gedicht bietet dabei selbstredend keine Gewissheit; es zeigt vielmehr, dass Ungewissheit die Regel ist, selbst wenn es irgendwo Gewissheit geben sollte. Und dass auch in der Ungewissheit eine Möglichkeit steckt, mit der Welt umzugehen.. In diesem Zusammenhang gilt immer noch, was Erich Fried einst schrieb: "Wer/ von einem Gedicht/ seine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen. Wer/ von einem Gedicht/ keine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen. Tranströmers Gedichte halten noch vieles bereit, weit mehr, als eine Annäherung offenbaren oder auch nur andeuten kann. Da sind noch jene zunächst rätselhaft anmutenden konzentrierten Verswahrheiten, klein wie Schlüssel, passend zu nur allzu bekannten Türen, die wir auch mit dem eigenen Blick öffnen könnten - aber oft braucht es ein Bild, um die Dinge fassen zu können (ja, um überhaupt in dieser erhöhten Form auf sie aufmerksam zu werden); braucht es eine Girlande von Wörtern, um in der Finsternis von Reden und Gegenreden die wage Erkenntnis zu berühren, die sich als Stimmung erhebt zwischen Gedicht und Leser, aber wie als geschähe es zwischen dem Wunsch und der Erfüllung... "Und über die Toten zu schreiben, ist auch ein Spiel, das schwer ist von dem, was einst kommt." "Jesus hielt eine Münze hoch mit Tiberius im Profil, ein Profil ohne Liebe, die Macht im Umlauf." Am Ende eines wunderbaren Gedichtes über Vermeer heißt es bei Tranströmer wie folgt: "Es ist wie ein Gebet zur Leere. Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu und flüstert: >>Ich bin nicht leer. Ich bin offen.<<" Ich glaube, eine bessere Beschreibung für die Erfüllung, die Chance eines Gedichts, gibt es vermutlich nicht. Und das Bemerkenswerte ist letztendlich, dass auch man selbst sich manche innere Leere als etwas Offenes erschließen kann, wenn man sehr aufmerksam liest, wenn man die Fußspuren der Dinge zwischen den Falten der Landkarte bemerkt. "Es gibt Tage, da ist die Ostsee ein stilles endloses Dach. Da träumte naiv von Einem, der auf das Dach gekrochen kommt und versucht, die Flaggenschnüre zu entwirren, versucht, den Fetzen hochzukriegen - die Fahne, die vom Wind so zerrieben und von den Schornsteinen so verräuchert und von der Sonne so gebleicht ist, dass sie allen gehören kann." "Und das Haus spürt sein Sternbild aus Nägeln, welche die Wände zusammenhalten." Zu dieser Edition: Im Wesentlichen ist das Buch eine Zusammenführung der bei Hanser erschienenen Bände Sämtliche Gedichte(bis 1996), Das große Rätsel (Haikus & Gedichte 1996-2004) und dem autobiographischen Prosaband Die Erinnerungen sehen mich ergänzt um die Rede zur Verleihung des Pilot-Preises. Letztere ist ein sehr interessantes Dokument und erzählt auch von Tranströmers eigenen Vorstellungen über Poetik, während "Die Erinnerungen sehen mich" sich ausschließlich mit seinem Heranwachsen und der Schulzeit beschäftigt, auf eine feine und knappe Art, unter wenigen Stichpunkten sortiert und prosapoetisch inspiriert. Die Übersetzungen liegen weiterhin in der sehr überzeugenden, geradezu meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel vor (meisterhaft von der Wirkung her; über die weiteren Qualitäten darf ich mir, als jemand, der kein Wort Schwedisch kann, natürlich kein Urteil erlauben). Sehr schade ist, dass die Anmerkungen zu den Gedichten bis 1996 einfach aus dem Band "Sämtliche Gedichte" übernommen wurden; hier hätten bestimmt noch ein paar Einträge mehr dazukommen können. Es belastet zwar das Leseerlebnis in keinster Weise, hätte aber die Edition als solche wirklich komplettiert. Das Nachwort von Hans Jürgen Balmes ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich mir vielleicht noch ein paar Worte von Michael Krüger oder von dem (leider 2012 verstorbenen) Hanns Grössel gewünscht hätte, vielleicht auch etwas zu den Übersetzungen. Dennoch gebührt dieser, in ihrem Großformat ansehnlichen Edition auch ein Lob, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, der mit dieser Ausgabe zu einem weiteren Literaturnobelpreisträger aus der Sparte Lyrik (neben Joseph Brodsky und Seamus Heaney) eine umfassende Sammlung von Gedichten zugänglich macht (auch wenn hier der Hanser Verlag die Vorarbeit leistete). Abschließen möchte ich diese Rezension mit zwei Haikus, die Textform, in der Tranströmer in seinen letzten erschienen Gedichten hervortrat, und zwei Sätzen aus seinen Prosatexten, die hoffentlich auch die Eleganz und Tiefe, die er in dieser Gattung zuwege bringt, illustrieren können. Ganz zum Schluss bleibt mir nur, dieses Buch noch einmal nachdrücklich zu empfehlen, als ein beeindruckendes Erlebnis, als ein ungemein einnehmendes Beispiel großer Dichtkunst. Lesen bedeutet hier Glanz und Erkennen, auf derselben Stufe; bedeutet Sinne, die sich in alle Dinge begeben und doch auf dem Gefühl Vorstellung ruhen, wie eine schöne Erinnerung tief im Gedächtnis liegt und doch am meisten in jenem Moment enthalten ist, in dem sie hervorbricht. "Anwesenheit von Gott. Im Tunnel des Vogelgesangs wird ein verschlossenes Tor geöffnet." "Horch, das Rauschen von Regen. Ich flüstere ein Geheimnis um hineinzukommen." "Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren." (Aus: Die Erinnerungen sehen mich) "Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine." (Aus dem kurzen poetischen Prosatext "Madrigal“) "Ich schaute zum Himmel und auf den Boden und geradeaus und schreibe seither einen langen Brief an die Toten auf einer Maschine, die kein Farbband hat, nur einen Horizontstreifen, sodass die Worte vergebens schlagen und nichts haftet."
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5.0 von 5 Sternen
Über Chile, Glauben, Gut und Böse, 17. Juni 2013
Roberto Bolano, ein begnadeter Autor, hat ein vielfältiges Werk hinterlassen. Neben den beiden Kolossen in seinem Werk, dem virtuos-furiosen Opus Magnum 2666 und dem locker-unterhaltsamen Roman Die wilden Detektive, ist seinen Erzählungen, kurzen Romanen und Gedichten noch nicht ganz die Aufmerksamkeit zu Teil geworden, die sie verdienen. Gewiss, sie sind ungleich spezieller, haben nicht mehr so viel von der phantastischen oder zumindest literarisch universellen Art der beiden längeren Bücher, in denen das Fabulieren, die Poesie und das Erzählen zusammen einen genialen Kosmos erschaffen, wie er seines gleichen sucht. Aber auch in den kleineren Werken findet sich eine besondere literarische Qualität. Es ist nur ratsam, sollte man direkt vorweg sagen, dieses Buch in einem Rutsch oder zumindest an einem, oder zwei Tagen zu lesen. Nicht nur wegen der Form (ein fast ohne Umbrüche gehaltener Monolog, ohne Kapiteleinteilungen oder Absätze), sondern auch, weil der gesamte Text einer Art Beschwörung gleicht (mal offensichtlicher, mal eingewoben) und ein zu häufiges Unterbrechen dem Buch seine hypnotische, eindringliche Komponente und, damit, eine seiner wesentlichen Erfahrungen nimmt. Worum es in "Chilenisches Nachtstück" geht kann schnell und doch nur unzureichend dargelegt werden. Es geht um chilenische Geschichte, chilenische Literatur, um Reisen und um das, was getan werden muss, darf, soll, kann. Wie gesagt: Der Roman ist nicht unkompliziert in seinem Aufbau, er stößt den Leser nicht wirklich auf etwas. Er referiert, referiert die Lebensgeschichte eines Geistlichen, der sich literarisch hervortut und als Gelehrter und Intellektueller (aber eben auch als Geistlicher und Idealist) sein Leben in Chile zwischen widerstreitenden Interessen, politischem Zeitgeschehen und literarischen Realitäten verbringt. Dabei zeigt Bolano mit unterschwelliger Finesse die moralischen Dilemma, aber auch die unwillkürlichen Versuchungen, Ängste, etc. die die Menschen umtreibt, die Ambivalenz von Gut und Böse. Dies alles kann einem europäischen Leser in seiner Umsetzung ein wenig "spanisch" vorkommen. Das Buch ist eben nicht gerade heraus. Auf jeden Fall ist es eine fesselnde Lektüre, voller Augenblicke in denen Witz, aber auch das Funkeln der ewigen Problematiken aufblitzt. Also: eine recht atemlose, zeitweise geniale Lektüre.
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4.0 von 5 Sternen
Über Chile, Glauben, Gut und Böse, 17. Juni 2013
Roberto Bolano, ein begnadeter Autor, hat ein vielfältiges Werk hinterlassen. Neben den beiden Kolossen in seinem Werk, dem virtuos-furiosen Opus Magnum 2666 und dem locker-unterhaltsamen Roman Die wilden Detektive, ist seinen Erzählungen, kurzen Romanen und Gedichten noch nicht ganz die Aufmerksamkeit zu Teil geworden, die sie verdienen. Gewiss, sie sind ungleich spezieller, haben nicht mehr so viel von der phantastischen oder zumindest literarisch universellen Art der beiden längeren Bücher, in denen das Fabulieren, die Poesie und das Erzählen zusammen einen genialen Kosmos erschaffen, wie er seines gleichen sucht. Aber auch in den kleineren Werken findet sich eine besondere literarische Qualität. Es ist nur ratsam, sollte man direkt vorweg sagen, dieses Buch in einem Rutsch oder zumindest an einem, oder zwei Tagen zu lesen. Nicht nur wegen der Form (ein fast ohne Umbrüche gehaltener Monolog, ohne Kapiteleinteilungen oder Absätze), sondern auch, weil der gesamte Text einer Art Beschwörung gleicht (mal offensichtlicher, mal eingewoben) und ein zu häufiges Unterbrechen dem Buch seine hypnotische, eindringliche Komponente und, damit, eine seiner wesentlichen Erfahrungen nimmt. Worum es in "Chilenisches Nachtstück" geht kann schnell und doch nur unzureichend dargelegt werden. Es geht um chilenische Geschichte, chilenische Literatur, um Reisen und um das, was getan werden muss, darf, soll, kann. Wie gesagt: Der Roman ist nicht unkompliziert in seinem Aufbau, er stößt den Leser nicht wirklich auf etwas. Er referiert, referiert die Lebensgeschichte eines Geistlichen, der sich literarisch hervortut und als Gelehrter und Intellektueller (aber eben auch als Geistlicher und Idealist) sein Leben in Chile zwischen widerstreitenden Interessen, politischem Zeitgeschehen und literarischen Realitäten verbringt. Dabei zeigt Bolano mit unterschwelliger Finesse die moralischen Dilemma, aber auch die unwillkürlichen Versuchungen, Ängste, etc. die die Menschen umtreibt, die Ambivalenz von Gut und Böse. Dies alles kann einem europäischen Leser in seiner Umsetzung ein wenig Spanisch vorkommen. Das Buch ist eben nicht gerade heraus. Auf jeden Fall ist es eine fesselnde Lektüre, voller Augenblicke in denen Witz, aber auch das Funkeln der ewigen Problematiken aufblitzt. Also: eine recht atemlose, zeitweise geniale Lektüre.
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4.0 von 5 Sternen
Eine versierte, fachliche Einführung in eine interessante Form des frühen Christentums, 17. Juni 2013
Gnosis - das ist, einmal kurz zusammengefasst, der Oberbegriff, unter dem seit Jahrhunderten verschiedene Gruppierungen zur Anfangszeit des Christentums zusammengefasst werden, deren Mitglieder versuchten, die Prämissen des christlichen Glaubens, die Bibel, die Sakramente, die theologischen Mythen etc. durch vernünftige Systeme zu erklären (das Böse/die Unperfektion der Welt wird zum Beispiel durch die Erschaffung eines zweitklassigen, dem wahren, allmächtigen Gott untergeordneten, niederen Gottes, der statt dem allmächtigen die Erde schuf, erklärt). Im Ganzen war die Gnosis eine der Bewegungen, die in der christlichen Frühzeit, wo die Kanonisierungen und Dogmas dieser Religion, mit allen Festlungen, noch nicht beschlossen waren, eigene Ansätze zum Verständnis und der Auslegung des christlichen Glaubens und seiner zentralen Mythen und Standpunkte entwickelte. Später gipfelten dann die daraus hervorgehenden Systeme in Zusammenführungen viele Religionsideen. "Durchaus strittig ist also auch, ob die Gnosis im Kern eine Religion darstellt - also einen eigenständigen Versuch, angesichts der Erfahrung von Kontingenz mithilfe von Mythos und Kult eine dieser Welt transzendente Kategorie von Sinn darzustellen." Das Buch ist gut aufgebaut und kann vor allem als eine konsequente Richtigstellung und Eingrenzung vieler Aspekte und Formen der Gnosis gesehen werden. Das meiste ist eher Abgrenzung als Definition, eine Art Grundstein für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema; der gänzlich klargestellte Ausgangspunkt von dem aus man sich mit Gnosis beschäftigen kann. Darüber hinaus lernt man alle wichtigen Quellen, Figuren und Richtungen kennen, sowie einen Einblick in die Entwicklung der Forschung auf diesem Gebiet. Der Ausblick am Ende bleibt etwas knapp. Wen das Thema interessiert, dem kann ich auch Camus Arbeit Christliche Metaphysik und Neoplatonismus empfehlen, sowie die Texte von Jorge Luis Borges, in denen dieser sich mit der Gnosis beschäftigt hat.
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5.0 von 5 Sternen
Über Familie, Vergangenheit, Bewältigung und Liebe, 17. Juni 2013
"Für ihn gibt es keine Welt außerhalb der Demenz[...] Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm." Ohne Zweifel ist dieses Buch, dieses Werk, eines der wichtigsten Projekte der letzten Jahre und weist einmal mehr die Literatur nicht nur als Schauspiel, sondern als Bewahrer, als Stütze, als eine über sich selbst hinausgehende Kraft menschlichen Lebens, menschlichen Daseins aus. Beeindruckend ist ein Wort, dass mir während der Lektüre immer wieder eingefallen ist und doch heischt dieses Buch so wenig um solche Qualitäten, dass der beeindruckende Aspekt ganz aus den Wesenheiten der Thematik selbst kommt - und dadurch gelingt es Arno Geiger wirklich, sich seinem Vater und dem Thema Demenz zu nähern, ohne das eine dem anderen unterzuordnen. Er hat sein Buch, das Buch des Vaters, geschrieben und doch auch ein Buch für uns alle. "Der einzig verbliebene Platz für ein Miteinander, das sich lohnte, war die Welt, wie der Vaters sie wahrnahm. und weiter: Wir sagten so oft wie möglich Dinge, die seine Sicht bestätigten und ihn glücklich machten. Wir lernten, dass die Scheinheiligkeit der Wahrheit manchmal das Allerschlimmste ist." Weisheit, der zweite Aspekt dieses Buches. Die Auseinadersetzung mit der Krankheit und, dadurch, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die der Vater wegen seiner Krankheit durcheinanderbringt und die der Sohn paradoxerweise gerade deshalb plötzlich zu betrachten beginnt - sie fördern natürlich im hohen Maß die Erkenntnis, die eigentlich immer erscheint, wenn man sich aufgrund einer Situation näher mit etwas beschäftigt. So lässt sich das Buch, neben seinen anderen Verdiensten, auch als ein Buch wichtiger Erkenntnisse über Familie, Leben und Tod lesen. "Denn Vergeltung am Tod kann man nur zu Lebzeiten üben", schon dieser Satz verlangt ein hohes Maß an Einsicht, welches oft erst in Momenten, wo man sich für Zusammenhalt und für Kompromisse oder für die Ignoranz entscheiden muss, möglich wird. "Es halten wie General de Gaulle, der auf die Frage, wie er zu sterben wünsche, geantwortet hat: "Lebend!" "Wenn ich mich frage, was der Vater für ein Mensch ist, passt er manchmal ganz leicht in ein Schema. Dann wieder zerbricht er in die vielen Gestalten, die er im Laufe seines Lebens anderen und mir gegenüber eingenommen hat." "Oft ist es, als wisse er nichts und verstehe alles." Das Überragende aber ist schlicht und ergreifend die Tatsache, dass das Buch wirklich von vorne bis hinten, mit seinen Wiederholungen, Abweichungen und Einzigartigkeiten, ehrlich ist; keine Korrektur, kein Ideal, kein Bild, nichts was einen bestimmten Ausdruck prägen will, sondern ein wirklich nahegehender Bericht - über das Umgehen, nicht nur das Beschreiben. Demenz ist in den letzten Jahren stark in den Fokus der öffentlichen Diskussion gerückt. Wo man früher vom bloßen Nachlassen des Gedächtnisses im Alter sprach, wird Demenz heute als sehr eigenständige Krankheit wahrgenommen. Doch wenn es um einen persönlichen Fall geht, ist die Reaktion der Angehörigen noch nicht ganz auf dem Stand angekommen, auch weil Demenz oft anfangs fließend ist oder auch als Widerspenstigkeit und dergleichen anfangen kann, als wunderliche Anwandlungen. Auch hier beschreibt Geiger sehr gut den Prozess der Akzeptanz, den nachzuvollziehen für jeden Leser eine Bereicherung ist. Er deckt die Problematik, den Zwiespalt auf, in dem sich alle Angehörigen befinden, von der anfänglichen Ablehnung bis zum Erkennen und Annehmen der Krankheit - womit natürlich aber die Probleme nicht vorbei sind, denn es bleibt dabei, dass, auch wenn der Vater krank ist und nicht mehr wie andere die Kraft der Erinnerung besitzt, "die Dinge im Herzen kein Ende nehmen". Gerade dieses Dilemma und die Chancen darin, hat Arno Geiger sehr gut in Sprache gefasst. Ein kleines, wichtiges Buch, ausnahmsweise wirklich fast für jeden zur Lektüre zu empfehlen. "Es ist eine seltsame Konstellation. Was ich ihm gebe, kann er nicht festhalten. Was er mir gibt, halte ich mit aller Kraft fest."
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Natur und Ich und Zeit im "käuchzenlicht", zwischen Tür und Engel, 15. Juni 2013
"meine flügel ließ ich dir du rupftest sie für unser daunenbett nun träume ich nachts vom fliegen" Still heißt nicht automatisch: sanft. Es gibt auch eine Stille, die noch wertfreier, neutraler ist, so still, dass sie schon gar nicht mehr still ist, sondern stattdessen alle Geräusche, sonst unhörbar, zulässt, hervorholt. Geräusche, die eigentlich nur Eindrücke sind, Verbindungen zwischen diesem und jenem, unter tausend oberflächlichen Stimmungen, Flexionen und Einteilungen und Tatsachen verborgen - und nur im Gedicht, in der Sprache, bekommen sie ein plötzliches, tiefgreifendes Dasein. Von dort aus erfassen sie aber wiederum erstaunlicherweise auch die Neigungen unserer Wahrnehmung, füllen sie auf, bis zum Überlaufen. "das war ein blutsturz von rosen der heiße rücken der erde es war ein altmodischer sommer aus einem anderen leben ich will nicht abschied nehmen von dort wo ich nie war von der tafelrunde grüner blicke" Drei Jahrzehnte Gedichte. Bei diesem Ausmaß kann einen schon mal die Ehrfurcht packen. Doch weil es Gedichte sind, gilt: umso größer der Zeitraum, desto feiner die angesammelte Gedichtmenge im Vergleich zum Phänomen der Zeit (wie Paul Valery sagte: Gedichte sind das Rauschen, nicht das Meer). Gesammelte Gedichte, sämtliche Gedichte - solche Sammlungen erreichen schließlich, wonach sich jedes Gedicht auf gewisse Weise, einzeln, sehnt: ein Loslösen von der Zeit, von Bestimmungen. Das Eingehen in den zeitlosen Raum. Während die Jahre wachsen, wächst der Dichter in sich hinein; jedes Gedicht eine Wurzel, tief in der Erde, in der all die Wendungen und Wahrheiten liegen. Mit jedem Gedicht wird der halt größer und doch ändert sich sonst nahezu nichts. Denn jedes Gedicht steht für sich, unerklärt, verdankt sein Dasein einer nicht aufzudeckenden Gleichung, welcher weder bekannte, noch unbekannte Variablen zuzuordnen sind. Und die Menge der nicht geschrieben Gedichte ist im Vergleich zu jeder Ansammlung einzelner Poesien so groß, das Verhältnis zwischen diesen beiden Mengen so ungewiss, dass jedes Gedicht, jede weitere Seite in so einer Sammlung, einem Geschenk gleicht. "licht aus belaubtem stein heiter wie jenseitig" Warum dies alles zu Doris Runges Gedichten schreiben, Gedichte, die mehr Wegstreifen, Gräsertau, Fächerlicht und flüchtige Instanzen sind, als Werke mit großer Augenweide? Nun, da mag ich jetzt scheitern, wenn ich diese Frage mit Worten aus meiner Hand beantworten will und nicht einfach sage: Lesen sie diesen Band. Das mich diese Gedichte zu den obigen Auslassungen inspiriert haben, mag vielleicht niemanden für diese Texte gewinnen - was aber sonst? Eine Erörterung, eine Hinterfragung? Eintausend Zitate? Nun, ein kleiner, weiterer Versuch kann sicher nicht schaden. Ansonsten nehme man einfach zur Kenntnis, dass die Gedichte ihre anfängliche Unscheinbarkeit sehr schnell in das genaue Gegenteil kehren: in eine flüchtige Essenz, die Tatsachen und Dinge überragt, wie ein einziger, kühner Entschluss alle Möglichkeiten zu überragen pflegt. "gras wie grün den toten das haar wächst für den wind" In Doris Runges Gedichten spielt die Natur, die heimatliche, eine große Rolle, zweifellos. Auch das Vergehen und das Bleiben, wie es jeden Dichter beschäftigt, hat seinen festen Platz, in Kombination mit Liebe oder einfach nur wenn es um Zustände geht, um Fragen und vermeintliche Antworten (wobei jede neue Frage eine Antwort wie nichts erscheinen lassen kann, eine Antwort sich jedoch mit jeder Frage schwertut - auf diesen Gebiet, so scheint es oft, kann gerade die Lyrik aber noch etwas vollbringen). Und dann als Hauptelement ist natürlich: das nicht abzustreifende Bild, die Impression, das, was Poesie vordergründig zusammenhält und ausmacht, die Wendungen, mit denen Dichter Realität in Sprache übersetzen, wobei die Realität durch die Sprache hindurch gewinnt. Aber da ist - vor all dem, in all dem - vor allem eins: Kürze. Kaum ein Gedicht ist länger als eine Seite. Kaum eine Zeile länger als ein kurzer Satz. Und wie ein Blatt an einem Ast, ein Grashalm, steht die Sprache, stehen die Gedichte von Doris Runge niemals still. Weiter, weiter, flüstert es darin, ein Weiter, das jedoch nicht schneller wird. Eindrücke, vorherrschend, wie Wind und Lichtstrahlen und alles was sie einfangen, in Bewegung halten. Aber diese Bewegungen bleiben Stille. Und eine weitere Schicht wird erkennbar: das taxierende, das bestimmende Element, das Bilder und Natürlichkeit, Assoziationen und Wendungen wie Hüte, tief ins Gesicht gezogen, trägt; fast wie eine Maske. Im Wind der Sprache also gleichsam die Bewegung der Flagge, das Erhabene und das Klirren der Stange, das "andere" - in unnachahmlicher Symmetrie und Symbiose. Kaum mehr, fast nichts anderes. Aber dies auf so viele Spielweisen, in so vielen Untiefen und Momenten, dass es wie ein breiter Raum voll unzähliger Lichtstrahlen wirkt. Wie große Kunst. "mein liebster diesseitger engel bald werde ich fliegen bald ist der fisch mein schatten" Und darin: diese Bilder, diese Filigranität, diese Zärtlichkeit. Wie ohne Gedanken tauchen die Gedichte auf, sie denken nicht, sie sind. Würde man ihre kleinen Wunder Gedanken nennen, wäre das eine eindeutig Abstufung. Es gibt Bücher, um sie ans Herz zu pressen, um sie eines Tages zu lesen und diesen Tag zu vergessen, aber das Lesen nicht, als hätte das Lesen den Tag vereinnahmt und überdauert nun ewig in seinem Wesensgehäuse. Dieses Buch empfinde ich als ein solches Erlebnis. Man muss die Texte wie kleine, komprimierte Elegien lesen, nicht zu rasch, auf keinen Fall zu hastig. Hier heben Bäume ihre "blutgescheuerten geweihe", hier "wärmt haut wie tee/ in kleinen Schlucken", hier gibt es keine Stopptaste, nur die Musik, abgeschaltet, die sich in der Welt noch eine Weile fortsetzt. Gedichte, sehr nah am Verschwinden - und knapp davor - triffst du endlich mit ihnen zusammen. "rauch wer oder was wird geopfert was schleicht sich ein was geht vorbei was radelt mit blattgold in den speichen war das die zeit"
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5.0 von 5 Sternen
Querschnitt Hitler. Ein wichtige, rundum akkurate Aufarbeitung zu einem Kapitel deutscher Geschichte, 14. Juni 2013
Hitler - der Name steht für mehr als eine Person, er steht für eine Dimension; eine Dimension, die von fragiler Boshaftigkeit, von glorreichem Wahnsinn etc. erzählt und (auch durch seine Behandlungen in den Medien) die mittlerweile ein solch irrationales Ausßmaß angenommen hat, das es beinahe unmöglich geworden ist, ihre bestimmenden, historischen Aspekte simpel und geerdet zu betrachten. Dennoch gibt es zwei Autoren, die dies geschafft haben: Joachim Fest und Sebastian Haffner - der eine auf epische, der andere auf stoische, knappe Art und Weise. Noch immer stehen wir Deutsche so sehr im Schatten, im Einzugsbereich der Figur Hitler, dass wir uns immer und immer wieder mir ihr auseinandersetzen, auf mittlerweile hundert verschiedene Arten. Man hat versucht über ihn zu lachen (Der kleine Adolf, Switch, Serdar Somuncu, uns seit neustem: Er ist wieder da) man hat versucht ihn von allen Seiten zu beleuchten, sein Phänomen zu erweitern (Guido Knopp), man hat sich ihm vom Anfang ( Max, Hitler - Der Aufstieg des Bösen) und vom Ende ( Der Untergang) genähert. Dabei herausgekommen ist ein halb-fiktiv-spektakuläres, halb-realistisches, aber vor allem ein sehr auf den jeweiligen Umstand begrenztes Bild - was nicht zu bemängeln ist, ganz im Gegenteil, aber die Zusammenhänge innerhalb der Person Hitler, sind dann doch andere. Diese Zusammenhänge hat Haffner in diesem erstmals 1978 publizierten Werk meisterhaft aufgearbeitet: nüchtern, sachlich, ohne falsche Scheu oder Scheuklappen. (Es ist sehr schwer bei Hilter nicht von Anfang an den Schatten über die Person zu stellen und schlussendlich auch nicht wünschenswert, aber für einen wirklichen Tatsachenbericht ist es unerlässlich). In sieben Kapiteln: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat, analysiert Haffner die Stationen seines Werdegangs und die übergreifenden Vorstellungen und Prämissen, in denen Hitlers Denken begründet war und wie es sich dann auf seine Handlungen auswirkte (auswirken musste). Dabei hat Haffner den Mut und die Balance bewiesen, Hitler niemals als ein Opfer, aber auch nicht direkt als ein Scheusal zu deklarieren, wie es, im Anbetracht des Endes der Geschichte, ja nicht anders mehr möglich ist. Stattdessen führt Haffner Hitler, um der Nachvollziehbarkeit willen, als einen bildenden Charakter seiner Zeit ein, der sich, nach bereits früh in diese Richtung getroffenen Entschlüssen, schließlich als die Nemesis nicht nur Europas, sondern seines eigenes Landes offenbarte. Oft wird uns Deutschen gesagt, es gäbe in nächster Zeit keinen historischen Weg, der an Hitler vorbeiführt. Natürlich gibt es keine historische Betrachtung Deutschlands, die um ihn einen Bogen machen könnte. Doch legt Haffner einige kluge Bedenken gegen manche Allgemeinplätze und status quo zu und nach Hitler vor. Deswegen sei ihm das letzte Wort gegeben, mit einem Zitat aus dem Buch: "Dreiundreißig Jahre nach Hitlers Selbstmord hat niemand auch nur die kleinste politische Außenseiterchance, der sich auf Hitler beruft und an ihn anknüpfen will. Das ist nur gut so. Weniger gut ist, dass die Erinnerung an Hitler von den älteren deutschen verdrängt ist [...]. Und noch weniger gut ist, dass viele deutsche sich seit Hitler nicht mehr trauen, Patrioten zu sein. Denn die deutsche Geschichte ist mit Hitler nicht zu Ende. Wer das Gegenteil glaubt und sich womöglich darüber freut, weiß gar nicht, wie sehr er damit Hitlers letzten Wunsch erfüllt.
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Silver Linings
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| DVD ~ Jennifer Lawrence |
| Wird angeboten von lobigo |
| Preis: EUR 13,68 |
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5.0 von 5 Sternen
"In the middle of the world, at the edge of nowhere" (Thomas Hardy) Ein schöner, berührend-beeindruckender Film, 12. Juni 2013
Vorweg: Ich möchte hier vor allem meine Eindrücke über den Film wiedergeben und habe daher auf eine Nacherzählung der Handlung verzichtet. Ich habe schon einige intensive und gute Filme über Depressionen und/oder psychische Krankheiten gesehen; zwei waren bisher für mich am wichtigsten oder besser gesagt: stachen heraus: Helen und Prozac Nation. Beide Filme kann ich nur empfehlen, wobei man sie natürlich nicht mit diesem Werk vergleichen kann, da "Helen" ein französischer und "Prozac" ein Independet-Film ist. Diesbezüglich war ich denn auch von Anfang an schon sehr gespannt, wie ein Hollywood-Film diese Dinge aufbereiten würde. Denn bei einem Film kommt es ja nicht allein auf die zentrale, ausrichtende Thematik an, sondern auch auf die Herangehensweise. Steht man in dem Film mitten in dem Thema oder wirft man einen Blick von Außen darauf – der Winkel bestimmt die Form und die Wirkung. Ein Film hat den Vorteil, dass er potentiell mehrere Sichten kombinieren kann (einem Buch gelingt das nur umständlich und es wirkt dann oft unkonsequent, weil in einem Buch die Sichtweisen nacheinander abgehandelt werden müsste - im Film geht es, auf gewisse Weise, zur gleichen Zeit). Wenn man Silver Linings allein von der Herangehensweise, von Optik und dem Setting beurteilten sollte, ist der Film eher unspektakulär und sehr Hollywood-like. Doch darum geht es - wie alle, die diesem Film, wie ich, mit immer größerem Genuss, mit Freude und Betroffenheit, gefolgt sind - nicht. Es geht nicht um artifiziell herausgearbeitete Abgründe, es geht nicht um martialische Tiefe (auch solcherlei ist filmisch beeindruckend, aber man kann einem Film nicht vorwerfen, dass er seinen Weg auf andere Weise sucht). Es geht (wie so oft - und doch niemals oft genug) um das Menschliche, den menschlichen Aspekt. Krankheiten, Neurosen, Fehler, ethnische Unterschiede - sie alle scheinen nur allzu oft über den Menschen zu stehen, die mit ihnen leben und sie somit mehr zu definieren, als ihr eigentliches selbst es tut; zumindest wenn man als Unbeteiligter von Außen darauf blickt. Ein Verdienst des Kinos ist es auch, diesem Missstand immer wieder entgegenzuwirken und mit Geschichten zu zeigen, dass kein Mensch über seine "Mängel" oder Besonderheiten oder Einschränkungen definiert werden kann. "Mensch sein, das heißt so vieles und doch soll es im Anspruche nur eines heißen" schrieb Jean Paul vor mehr als 200 Jahren und noch immer haben wir Probleme damit, zu begreifen, dass die Taktik des einen Anspruchs nicht funktioniert. Dass Mensch sein vieles bedeutet, heißt auch, dass es uns nicht immer direkt betreffen kann, was ein Film sagt. Doch wir können auch lernen, dass ein genaues Betreffen nicht immer wichtig ist. Wichtig ist, dass die Aspekte in uns etwas Nachvollziehen, dass die Stimmungen uns berühren, dass die Geschichte uns ein Thema und seine Aspekte eröffnet, denen zu öffnen uns selbst nicht in den Sinn gekommen wäre. Simpel, diese Idee, wie es die Welle auch ist - und doch schmeißt sie jeden Tag den Ganzen Ozean an den Strand und zieht ihn wieder hinaus. Ein Film muss seinen eigenen Weg gehen, jenseits von Kategorien, und gerade das gelingt Silver Linings, seinen Darstellern und seinen Szenen, sehr gut und mit beeindruckender Leichtigkeit (nicht Seichtheit - Leichtigkeit!) oder anders gesagt: mit Bravour. Neben Jennifer Lawrence, deren Spiel wirklich aus dem Innersten zu kommen scheint und das kaum eine Abstufung erfährt, hat mich auch Robert De Niro wieder mal beeindruckt, was ich nach so vielen Auftritten nicht gedacht hätte. Überhaupt sind alle Darsteller herrlich unverbraucht - auch das trägt zur Atmosphäre bei. Am Ende bin ich mir nicht ganz gewiss darüber geworden, WAS den Film letztlich von der zweiten in die erste Liga hebt. Vielleicht weil der Film, neben Unterhaltung und Witz und Auf und Ab, auch Hoffnung gibt, das etwas zur richtigen Zeit passieren kann, frei nach Art des Zitats "An arrow can only be shot by pulling it backward. So when life is dragging you back with difficulties, it means that it's going to launch you into something great." Denn: "Sometimes, the only way to stay sane is to go a little crazy."
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5.0 von 5 Sternen
Ein Spaßvogel auf der Suche nach Wissen, nebst Erkenntnis. Ein einfacher, großer Lesespaß, 7. Juni 2013
"Sag niemals nein zu Abenteuern. Sag immer ja, sonst führst du ein totlangweiliges Leben." Ian Fleming A. J. Jacobs ist ein Mann für Abenteuer der besonderen Art. Ein Jahr nach der Bibel leben ( Die Bibel und ich), immer die Wahrheit sagen und, in diesem Buch, einmal die gesamte Encyclopaedia Britannica durchlesen (Über 32000 Seiten, ca. 44 Millionnen Wörter) um zum klügsten Mann der Welt zu werden - oder zumindest hier und da mit neuem Wissen angegeben zu können. Erinnern wir uns alle nicht aus unser Schulzeit nicht nur noch an Bruchstücke und unvergessliche Taten von Mitschülern, Macken von Lehrern, und legendären heiklen Themen. Auch A. J. Jacobs geht es so, das Schul- und Collegewissen verschwindet zunehmend im Nebel der Vergangenheit. In Nachfolge seines Vaters (der allerdings nur bis zu M oder L kam, dem Jacobs aber hier auch zwischen den Zeilen ein wunderbares Denkmal gesetzt hat) beschließt er daher, einmal das legendäre Lexikon durchzulesen. Und berichtet über seine Erfahrungen in diesem Buch, immer pointiert. "-Casanova- Der berühmte Schürzenjäger des 18. Jahrhunderts verbrachte seinen Lebensabend als Bibliothekar. Könnte Bibliothekare damit nicht ihr Image aufpolieren?" Mehr durch die Lektüre und einzelne Stichworte angeregt, als darauf gegründet, erzählt Jacobs von den Versuchen, sein neu erworbenes Wissen an den Mann zu bringen, von allerlei neuen Erkenntnissen, ulkiger bis erstaunlicher Art, aber auch von der lieben Familie und den Alltagssorgen dieses Jahres, in der er die Britannica zu seinem Ein und Alles machte. Und letztlich geht es auch immer wieder darum, was Wissen, Intelligenz und Erkenntnis nun mit einander gemein haben und was von beidem wichtiger oder hilfreicher ist. Denn was hilft einem Wissen, wenn man nicht intelligent genug ist, es richtig anzuwenden? Und was hilft es, wenn man weiß, dass Opossums dreizehn Nippel haben? "-Hollywood- Gegründet von Horace Wilcox, >>einem Prohibitionisten, der sich eine Gemeinde vorstellte, die nach seinen nüchternen religiösen Prinzipien lebte<<. Also, dass halb Hollywood bei den Anonymen Alkoholikern rumhängt, war mir bekannt. Davon abgesehen wäre Mr. Wilcox höchstwahrscheinlich not amused." Das Buch ist vor allem ein großer Spaß und auch wenn es Erstaunliches und Faszinierendes zutage fördert, ist es trotz der Thematik mehr ein spielerisches, denn ein ernstes Buch. Die Lektüre der 400 Seiten vergeht wie im Flug. Manches Mal ist Herr Jacobs zwar allzu sehr in seinen Abschweifungen gefangen, aber auch dabei kommen immer wieder erstaunliche Geschichten heraus. Am Ende fühlt man sich dann schon sehr bereichert. Vielleciht nicht mit Wissen, aber mit allerlei erfahrener Lesefreude. Und spätestens wenn Jacobs so geniale Einschübe, macht wie etwa eine Liste von Dingen, durch die man ganz sicher selbst in die Britannica aufgenommen wird (Gedichte schreiben, am besten Surreale, sich enthaupten lassen oder eine erfolglose Expedition zum Nordpol führen) hat das Buch im Herzen des Lesers einen Platz als Kuriosität sicher! Ach ja übrigens: Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren sind gar keine Beeren! Dafür Banane und Kürbis.
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5.0 von 5 Sternen
Keine poetischen Tricks oder "Kalte Perlen aus Geschichte und Heimat" oder "We still believe that we hear.", 6. Juni 2013
Vorweg: Dies ist eine längere Rezension - wer lieber nur ein Fazit möchte kann den Abschnitt unten, beginnend mit "Ein Beobachter", als solches lesen. "Hoard and praise the verity of gravel. (Horte und preise die Ehrlichkeit von Kies.) Gems for the undeluded. Milt of earth. (Schatz für den Unverblendeten. Rogen der Erde.) Its plain, champing song against the shovel (Sein schlichtes Knirsch-Lied gegen den Schaufelbiss) Soundtests and sandblasts words like 'honest worth'. (sondiert und sandstrahlt Worte wie -wahrer Wert-) Beautiful in or out of the river, (Schön, in Flüssen und außerhalb.) The kingdom of gravel was inside you too - (Das Reich des Kieses war auch in dir drin -) Deep down, far back, clear water running over (Tief innen, fern, rann Wasser klar über Steinchen: falb, Pebbles of caramel, hailstone, mackerel-blue. (Kandisbraun, milchweiß, taubenblau, meergrün.)" "In time that was extra, unforeseen and free.", so heißt eine Zeile am Ende eines Gedichts von Seamus Heany, wo es um das Fußballspielen auf Trampelwiesen zu Kinderzeiten geht, mit hingeworfenen Kleidungsstücken als Torpfosten, in launiger, unbändiger, fast erbarmungsloser Freiheit, welche wohl erst mit der nahenden Dunkelheit der Dämmerung zu Ende ging, so als stehe ihr das Wasser schon bis zum Hals und schwappe bereits leis am Schüsselrand der unendlich weiten Kinderseele, als ein Anzeichen und Schwinden von Glück. So nah und wahrheitsgetreu sind manche Verse dieses nordirischen Dichters, dass es fast unmöglich ist, ihre Worte als literarische Distanz und nicht als ein langsames wirklich werden von Erinnerungen und Eindrücken zu sehen. Womit ich Heany natürlich nicht die "highness ambition" seiner Verse absprechen will. Und es ist ja eigentlich, neben dem Mitragen von Geschichte und Kultur, der größte Verdienst der Lyrik, wenn soe nicht nur wiedergibt, sondern mitteilt und sogar vollendet. "And drive back home, still with nothing to say Except that now you will uncode all landscapes By this: Things founded clean on their own shapes, Water and Ground in their extremity." (Aus dem Gedicht: Die Halbinsel) 1939 in Nordirland geboren und aufgewachsen, wo er schon lange nicht mehr lebt, ist Seamus Heany seit 1995 Nobelpreisträger, womit er sich als Dichter in der guten Gesellschaft von Joseph Brodsky (der ebenfalls vor einiger Zeit eine "Hundert Gedichte" Ausgabe bei S. Fischer bekam: Brief in die Oase), Wislawa Szymborska, Tomas Tranströmer, Charles Walcott und vielen anderen befindet. Seit über 40 Jahren schreibt er Gedichte; hundert sind hier versammelt, ausgewählt in Zusammenarbeit mit Michael Krüger. Manche Gedichte führen und in eine andere Welt, die Welt der Natur, der Sprache, der Überlegungen, der Frage- und Antwortspiele etc. Heanys dagegen führen uns, über ihre ganze Weite, vor allem durch ein Leben. Nicht nach Art einer rein autobiographischen Bekenntnisdichtung, sondern in dem Sinne, dass Heanys Gedichte fast alle von einer heimatlichen/biographischen Präferenz ausgehen. Das ist, mir Verlaub gesagt, natürlich eigentlich auch die ehrlichste Variante Dichtung. Sie zieht all ihre Magie und Wirkung aus dem, was Heany meint, wenn er in seiner Nobelpreisrede über den Verdienst und das Vermögen der Dichtkunst spricht: "weil die Dichtkunst eine Ordnung herstellen kann, die die Einwirkung der äußeren Realität so wahrheitsgetreu wiedergibt und so empfindlich ist für die inneren Gesetzte des Seins des Dichter wie die kleinen Wellen die sich über das Wasser jenes Kücheneimers vor fünfzig Jahren [bei mir zu Hause] nach innen und nach außen kräuselten". Also aus dem Wiedergeben dessen, was von der eigenen inneren Wirklichkeit von der Außenwelt herrührt, davon bestimmt wurde, darin lebt. So schreibt Heany z.B. über das heimatliche Moorland: "Wir habe keine Prärien Um Abends die große Sonne zu zerschneiden - Das Auge gibt überall nach Dem übergreifenden Horizont, Umworben wird es vom Zyklopenauge Des Bergsees.[...] Sie haben das Skelett Des irischen Riesenelchs Aus dem Torf gehoben, es aufgestellt, Erstaunliches Flechtwerk voll Luft." oder die Mooreiche: "A carter's trophy (Die Trophäe eines Fuhrmanns) split for rafters, (zu Sparren zerkleinert,) a cobwebbed, black, (spinnenwebbehangne, schwarze,) long-seasoned rib (lang gelagerte Rippe) under the first thatch. (unter der ersten Lage Stroh.)" In all diesen Versen schwingt nicht nur etwas von dem Wesen der Landschaft, der Beschaffenheit des Lebens dort mit, sondern es liegt darin auch eine Kraft, mit der die Poesie die Welt aufs Neue in einen vorstellbaren Begriff zu bringen versteht - zurück in das Blickfeld eines alten, erkenntnisreichen, lange geschlossenen Auges. Heimat und Leben geschehen in Heanys Gedichten als ein Bild und Gefühl von Natur, gepaart mit vertrauten Gerüchen, Geräuschen, die unsere Sehnsüchte und Ängste präg(t)en - und auch unsere Vorstellungen, Vergleiche, unsere Reaktionen auf Stimmungen und, nicht zuletzt, unsere Sprache, auf einer ganz eigenen, sehr sinnbildlichen Ebene. "The garden mould (Die Gartenerde war leicht) bruised easily, the shower (zu prägen, der Regenschauer,) gathering in your heelmark (im Abdruck deiner Verse gesammelt,) was the black O (war das schwarze O) in -Broagh- (in Broagh) its low tattoo (sein leises Trommeln) among the windy boortrees (zwischen windbewegten Machandelbäumen) and rhubarb-blades (und Rhababerblättern) endet almost (endet fast) suddenly, like that last (plötzlich wie jenes g h am Schluss), g h the strangers found (mit dem die Fremden) difficult to manage (Schwierigkeiten haben)" Das ist der eine Teil und die darin vorkommende lyrisch-kontemplative Note wird Heany als großer Dichter, der er ist, auch immer wieder zum Einsatz bringen. Aber zu seinem Schreiben und Leben gehörten nicht nur Natur und Eindrücke, so wie auch dies nicht alles war, was seine Heimat ausmachte. Da war auch noch Geschichte, war bürgerkriegsähnliche Stimmung. Auch damit setzte Heany sich oft in seinen Gedichten auseinander, auch mit seiner Beobachterrolle selbst. Und auch oft mit dem Tod, der am Anfang noch der Tod im Torf des Moores, später dann der Tod an einer Backsteinmauer, erschossen aufgrund der eigenen Religion und Nationalzugehörigkeit, ist. "Als wäre er in Teer gegossen, so liegt er auf einem Torfkissen und weint den schwarzen Fluß seiner selbst." Aber auch diese beiden zentralen Aspekte machen selbstverständlich Heanys Werk nicht allein aus. Man kann ja keine Dichtung, erst recht keine moderne, irgendwie an ein paar simplen Stichworten festmachen. Wichtig war es mir, einen Einblick zu geben, denn letztlich ist das Werk Heanys im Kern, eben wie ein Leben, sehr vielfältig, unfixiert von Text zu Text, wenn auch eindeutig durch einen Kern, der sicherlich die obengenannten Komponenten enthält, zusammengehalten. "So schreite auf Wolken wider bessren Wissens." "Ah, poet, lucky poet, tell me why what seemed deserved and promised passed me by?" Große Dichtung hat oft etwas von einem endlosen Strom genau aufeinander abgestimmter Worte. Bilder, nebst Schönheit, blitzen auf und erscheinen im Schein des nächsten bereits als Schatten; so mancher Vers zeigt das Pendeln, das oft zwischen Gedanke und Eindruck vor sich geht. Darstellung ist gleichzeitig Ausdruck und Chance zur Erkenntnis. Und ab und an ragt ein Vers oder ein Gedicht durch seine schlichte Gespanntheit und Unauslöschlichkeit hervor. Und bei all dem, mit all dem, liegt in einem Gedichtband die Möglichkeit, sehr viel mehr zu sagen, als jemand lesen kann oder als es auf dem Papier zu finden gibt. Für manche mag das eine abstruse Feststellung sein und man könnte es auch anders und einfacher Formulieren, wenn man sagt, dass Gedichte, den Moment, der sie erlebt, größer machen als er eigentlich sein kann. Heany gehört zu den Dichtern, denen das immer wieder (man würde sagen regelmäßig, wenn das nicht so schlimm klänge) gelingt. "Walking with you and another lady (Als ich mit dir und einer anderen Frau) In wooded parkland, the whispering grass (Im waldigen Parkland ging, da ließ das flüsternde Gras= Ran it's fingers trough our guessing silence (seine Finger durch unser vermutendes Schweigen gleiten) And the trees opened into a shady (Und die Bäume öffneten sich zu einer schattigen,) Unexcepted clearing where we sat down. (Unerwarteten Lichtung, in die wir uns setzten.)" Ein Beobachter und einer, der sich sehr vielem verbunden fühlt, als solcher tritt Seamus Heany meisten auf; oft auch als Abwesender, seltener als Suchender - es scheint, als schreibe er hauptsächlich über das, was er bereits gefunden hat. Ohne große Geste ist er malerisch, ohne falsche Tricks, sind seine Gedichte subtil durch ihre Herangehensweise und ihre klargestellte Herkunft. Heany führte die Gespräche seines Landes in Gedichten und es ist die Wichigkeit dieser Tatsache für einen deutschen Leser wie mich vielleicht gar nicht nachzuvollziehen, aber allein schon, dass er eine Ahnung geben kann, mit den Geschichten- und Gesprächsanteilen seiner Verse, ist beeindruckend und einzigartig. Großer Dichter, diesen Titel haben ihm viele gegeben. Ich möchte mich jetzt einfach nur bescheiden anschließen. Er hat geschafft, was er selbst in seiner Nobelpreisrede über das Gedicht schrieb: "Doch es gibt Zeiten in denen ein tieferes Bedürfnis hinzukommt, in denen das Gedicht nicht nur angenehm passend, sondern unwiderstehlich weise sein soll, nicht nur eine überraschende Variation auf die Welt, sondern ein Neustimmen der Welt selbst. "All that. And always, orange drums. And neighbours on the roads at night with guns." "Glänzende Pfütze, in der das seelenfreie Wolkenleben schweift." Zur Edition: Die Übersetzung zu kritisieren ist nicht notwendig, meistens sind sie (bis auf einige ganz frühe Texte) exzellent oder ermöglichen zumindest im Deutschen eine echte Hilfestellung und es wurde auch nicht immer krampfhaft nachgereimt, was Heanys Texte auch wirklich nicht brauchen. Der Reim ist mehr Fußstapfen, den Gesangsnote. Das die Nobelpreisrede mit enthalten ist, war zumindest für mich ein großer Gewinn und auch ein wichtiges Dokument, das man vor der Lektüre der Gedicht vielleicht zu lesen in Erwägung ziehen sollte. Im knappen Nachwort klärt Krüger hauptsächlich über seine Begegnung mit Heany und die Entstehung des Buches auf, aber neben der Nobelpreisrede hielt man eine weitere Dokumentation vielleicht nicht für nötig - die Meinung würde ich teilen. Einzig zu bemängeln ist das Fehlen eines Abschnitts mit Anmerkungen, die zwar nicht wirklich unverzichtbar sind, aber bestimmt doch interessant gewesen wären. "I reach for a book like a doubter (Ich greife mir ein Buch wie ein Zweifler) and want it to flare round my hand, (und wünschte, es flammte auf um meine Hand, a black-letter bush, a glittering shield wall (ein Frakturstrauch, eine glitzernde Schilderwand) cutting as holly and ice. (schneidend wie Stecheiche und Eis.)"
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