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Rezensionen verfasst von
Y.

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David Foster Wallace: The Last Interview: and Other Conversations (The Last Interview Series)
David Foster Wallace: The Last Interview: and Other Conversations (The Last Interview Series)
von David Foster Wallace
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,37

4.0 von 5 Sternen Interviews mit David Foster Wallace., 30. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
David Foster Wallace, der sich am 12. September 2008 das Leben nahm, gilt zurecht als einer der größten amerikanischen Schriftsteller seiner Generation. Seine Bücher sind komplex und intelligent, doch zugleich von einer traurigen Ironie gekennzeichnet, die bisweilen seinesgleichen sucht.

In "The Last Interview and Other Conversations" bringt Melville House sechs Interviews zusammen, die einen Einblick in seine Sicht der Dinge offenbart und es dem Leser ermöglicht, etwas mehr über David Foster Wallace zu erfahren. So äußert er sich in den Interviews unter anderem zum Schreiben von fiktionaler Literatur und Reportagen, sowie welches von beidem ihm besser gefällt; er gibt Einblick in die Redaktionsarbeit rund um seine Essays und warum er Good Will Hunting michte. Er beschreibt, warum er zu Fußnoten griff und welchen Sinn sie in seiner Literatur haben. Der Leser erfährt, wie David Foster Wallace zu Buchkritiken steht; DFW beschreibt die Einsamkeit und Entfremdung in der Gesellschaft und wie es ist, für ein Publikum zu schreiben. Dies und vieles mehr sind Themen, die DFW in den Interviews besprochen hat.

Positiv hervorzuheben ist zudem die Gestaltung des Buches, die, wie bei der gesamten "Last Interview"-Reihe, gut gelungen ist.


Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend: Roman
Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend: Roman
von Charles Bukowski
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie Underdogs entstehen, oder: Die Geburt Hank Chinaskis, 2. Dezember 2012
Hank Chinaski hat bereits so manches Abenteuer durchlaufen und, trotz seines fehlenden Ehrgeizes, immer wieder den Kopf in der Leistungsgesellschaft oben gehalten, die keinen guten Platz für Menschen ohne Ergeiz und Antrieb vorgesehen hat. Doch wie wurde Chinaski zu dem Trinker, den Bukowski durch seine Stories und Romane wandeln lässt?

Antwort gibt Bukowskis "Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend", in dem er die Kindheit und Schulzeit Chinaskis nachzeichnet. Gut ergangen ist es Hank nicht: Eingepfercht in einer spießigen Familie und stets unter der Fichtel eines strengen Vaters, der den Leistungsgedanken so sehr verinnerlicht hat, dass er selbst gegenüber seinem sterbenden Bruder kein Erbarmen kennt, bleibt Hank kaum etwas anderes übrig, als daran zu zerbrechen, oder zum Zyniker zu werden: Er wählt letzteres und bekommt dafür mehr als einmal den Gürtel seines Vaters zu spüren.

Bukowski erzählt die Jugend seines Alter Egos Henry "Hank" Chinaskis mit dem gewohnten Witz, sowie der trocken-schnoddrigen Art, in der seine Romane verfasst sind und lässt seine LeserInnen so Einblick in seine Jugend nehmen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen auf Bukowskis gekonnte Weise.

"Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend" ist ein gutes Buch, dass insbesondere für LeserInnen interessant sein dürfte, die bereits Zugang zu Hank Chinaski gefunden haben und mehr wissen wollen.


Manhattan Muffidver
Manhattan Muffidver
von Thomas Ballhausen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen E-Mails aus New York!, 16. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Manhattan Muffidver (Gebundene Ausgabe)
Vielen LeserInnen dürfte Carl Weissner ein Begriff sein: Weissner, Amerikanist, war der Übersetzer Bukowskis, Boroughs, Ginsberg und wiele weitere Autoren der Beat-Generation, war maßgeblich an ihrer Verbreitung in Europa beteiligt und zugleich ihr europaweiter Agent (was eher ungewöhnlich ist, normalerweise arbeiten Literaturagenten nicht europaweit). Seine eigenen literarischen Arbeiten jedoch sind in Deutschland selten ein Begriff. Das liegt unter Anderem sicherlich daran, dass Weissner bis zu Manhattan Muffdiver immer englischsprachige Bücher schrieb.

Manhattan Muffdiver ist Weissners erstes deutschsprachiges Buch und dadurch ein Debüt in späten Jahren (Weissner war 70 als es erschien). Sein Ich-Erzähler, der versucht einen Roman zu schreiben meldet sich per E-Mail zu Wort und berichtet so von seinem Leben in New York, von Armut und Überfluss, Dekadenz und Prekariat, von Persönlichkeiten, die am Stadtrand ausgeflippte Dinge tun oder alternative Lebensstile ausprobieren, um wahrgenommen zu werden in der riesigen Stadt, die den Einzelnen zu verschlucken droht.

Doch das Überblick über das New York des 21. Jahrhunderts jenseits der Kaufhäuser für die Gewinner der Gesellschaft, den Manhatten Muffdiver aus dem Blick eines Beatnik-geprägten Ich-Erzählers darlegt, bietet Weissners Roman einen Einblick in das Innere eines Menschen, der zunehmend zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Man könnte meinen, der Protagonist wird zur fleischgewordenen Cut Up-Methode, die Weissner stark prägte.

Weissners Roman ist ohne Zweifel lesenswert. Nicht nur für LeserInnen, die ohnehin Interesse an der Beat-Literatur, Bukowski, Boroughs & Co. haben, auch diesbezüglich unbedarfte LeserInnen werden ihre Freude an Manhattan Muffdiver haben.


Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Roman
Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Roman
von Alfred Döblin
  Taschenbuch

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Große Literatur? Sicherlich. Allein der Funke sprang nicht über., 14. November 2012
Franz Biederkopf hat es nicht leicht, das Leben meint es nicht gut mit ihm. Zu Beginn des Romans Berlin Alexanderplatz wird er aus dem Gefängnis entlassen, in dem er eine vierjährige Haftstrafe absitzen musste: Er erschlug seine Freundin Ida in einem Eifersuchtsmoment und wegen Todschlags verurteilt. Die Zeit hat ihn, ihmzufolge, dazu bewegt, zukünftig ein guter, ehrlicher Mensch zu sein und so setzt er alles daran, ein gutes Leben zu führen. Dass Franz, der ein Berliner Arbeiter ist, sich darunter mehr vorstellt "als nur das Butterbrot", soll ihm jedoch zum Verhängnis werden.

In den folgenden Kapiteln wird Franz' Lebensweg über die nächsten ~12 Monate verfolgt. Jedes Kapitel beginnt durch einen kurzen Text des Erzählers, der die LeserInnen darüber informiert, was auf den nächsten Seiten passiert. Franz, der zunächst völlig überwältigt von den Eindrücken der Großstadt ist, von denen er die letzten vier Jahre abgeschirmt war, versucht sich in ehrlicher Arbeit, doch findet dies schnell müßig und gerät, wie kann es anders sein, Stück für Stück erneut auf die schiefe Bahn: Er arbeitet als Zuhälter, täuscht Kriegsverletzungen vor, führt ein exzessives Kneipenleben und dergleichen mehr. Ständig dabei: Franz' eigene Reflexion über das Stadtleben und die einzelne Person in der Stadt.

Zweifelsohne war Berlin Alexanderplatz ein wichtiger Roman in der deutschen Literaturgeschichte. Zum einen gilt der Roman als einer der ersten Großstadtromane, als auch als erstes Beispiel der dargestellten Simultanität und ist dadurch zweifelsohne wichtig für die Entwicklung moderner Literatur. Eine Lektüre ist also schon aus den Gründen durchaus ratsam. Allein, der Funke ist bei mir nicht übergesprungen. Stets hatte ich das Gefühl, dass Döblin hier große Literatur schreibt, sie hat mich bloß leider nicht fesseln können. Ob es an der Figur lag, oder ob Döblins Montagetechnik (die ich eigentlich gut finde) mir den Zugang verwehrte, kann ich nicht sagen.


Faktotum: Roman
Faktotum: Roman
von Charles Bukowski
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein besserer Platz für Menschen ohne Ehrgeiz, 4. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Faktotum: Roman (Taschenbuch)
Hank Chinaski hat keinen Ehrgeiz, daraus hat der passionierte Trinker nie ein Geheimnis gemacht. Im Gegenteil: Seine Ehrgeizlosigkeit trägt er offen zu tage. Jobs Behält er kaum länger als ein paar Tage; meist verliert er sie, weil er betrunken ist, oder zu regelmäßig zu spät zur Arbeit erscheint. Dabei, so seine Arbeitgeber, macht er seine Aufgaben garnicht schlecht; sich aus den niederen Jobs hochzuarbeiten, die ihm derzeit zugetragen werden, hochzuarbeiten liegt Hank jedoch fern. Er trinkt lieber bis spät in die Nacht und schläft mit jeder Frau, die er trifft.

Mit Passion betreibt er lediglich das Pferdewetten, zu dem er sich schonmal zu sportlichen Höchstleistungen bringen lässt, damit er es nach der Arbeit noch zum letzten Rennen schafft. Hier verdient er das erste Mal viel Geld; es endet, wie sein vorheriger Lohn, jedoch erneut im Alkohol.

Bukowskis Roman ist nicht gänzlich gelungen. Er schafft es zwar, die Gedankenwelt eines Mannes darzustellen, der, gebeutelt von niederer Arbeit in Kombination mit einem schlechten Auskommen, einen Lebensinhalt im Alkohol findet. Und zurecht stellt er die Forderung auf, dass es für "Menschen ohne Ehrgeiz" einen besseren Platz in der Gesellschaft geben sollte, als ihnen zumeist zugesprochen wird. Doch die Konsequenz, die er erzählerisch daraus ziehen könnte, zieht er meines Erachtens nach nicht. Stattdessen plätschert das Ende ein wenig vor sich hin.

Bukowskis Short Stories und Gedichte sind gut, teilweise sogar hervorragend. Mit Faktotum ist ihm dieser Kusntgriff leider nicht gelungen. Ein unterhaltsames, interessantes Buch, das sich gut lesen lässt, ist es aber allemal.


Walizka
Walizka
von Daniela Chmelik
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

4.0 von 5 Sternen Gelungenes Debüt!, 4. November 2012
Rezension bezieht sich auf: Walizka (Gebundene Ausgabe)
Walizka, so der Titel von Daniela Chmeliks Debütroman, ist ein furioses Buch, das vornehmlich ein desaströser Roadtrip zu sein scheint. Die Ich-Erzählerin Liza verliert einen geliebten Mitmenschen nach dem anderen und sucht bei Swantje Zuflucht. Noch bevor sie sich mit Swantje und Pia auf eine Reise durch den Osten begibt, verliebt sie sich in Swantje und tut etwas, dass Swantje ihr nur schwerlich verzeihen kann.

Liza, Swantje und Pia reisen, doch viel Freude bereitet dies Liza nicht. Ihre tief betrübte Stimmung, die von der Autorin sehr gut dargestellt wurde, verhindert dies - und ein im Raum stehendes klärendes Gespräch mit Swantje verbessert dies nur bedingt. Der Roadtrip ist zweifelsohne desaströs, doch das eigentlich bekümmernde ist, dass Liza nicht weiß wohin mit sich; nach einem kurzen Moment des Glücks tut sie erneut etwas, dass kaum zu verzeichen ist und tritt den Rest der Reise allein an.

Sprachlich war ich zwiegespalten. Die kurzen Sätze, die oft zusammengehören zu scheinen, wirkten zunächst etwas störend; der erste Eindruck widerlegte sich jedoch schnell. Mit der von ihr gewählten Sprache trifft Daniela Chmelik die Gedankengänge der Ich-Erzählerin genau, nicht anders kann man sich die Gedankengänge der Person vorstellen, die furchtbares durchlebt.

Insgesamt bleibt der Eindruck positiv: Der Autorin ist ein tolles Debüt gelungen, das zweifelsohne lesenswert ist. Die tolle Gestaltung durch den Verlag trägt ihr übriges dazu bei, dass man dieses Buch ohne weiteres empfehlen kann.


Garp und wie er die Welt sah
Garp und wie er die Welt sah
von John Irving
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbedingt lesen!, 18. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Garp und wie er die Welt sah (Taschenbuch)
In Garp und wie er die Welt sah erzählt John Irving die Geschichte von T.S. Garp, dessen Leben gespikt ist mit kuriosen Abenteuern und tragischen Unfällen: Er ist der Sohn von Jenny Fields, die Krankenschwester ist und sich nicht für die menschliche Lust interessiert. Nichtsdestotrotz wünscht sie sich ein Kind und bekommt es auf eine Weise, durch die sie sich Zeit ihres Lebens als sexuell Verdächtige wahrnimmt. Eine autobiographische Veröffentlichung unter dem selben Titel lässt sie zu einer Ikone der aufkommenden Frauenbewegung werden.

Garp wächst zunächst sehr behütet auf und setzt sich bereits früh in den Kopf einmal Schriftsteller zu werden und verliebt sich in Hellen, die Tochter seines Sportlehrers; nach der Schule entscheidet er sich zunächst gegen ein Studium und geht mit seiner Mutter nach Wien. Er schreibt kaum und erlebt stattdessen vielfältige (sexuelle) Abenteuer, die ihn prägen sollten. Erst kurz bevor sie Wien verlassen vollendet er eine Kurzgeschichte, die er später als das Erste und Beste bezeichnen sollte, das er je geschrieben hat. Mit seiner Geschichte im Gepäck fliegen sie zurück: Helen und Garp heiraten und durchleben die verschiedenen Höhen und Tiefen einer Ehe, müssen mit vielfältigen Verletzungen, Abenteuern, Verlustängsten und Verlusten zu leben lernen. So geben Garp und Helen sich bspw. sexuellen Abenteuern hin, die sie beide bereuen sollten, zeugen Kinder und müssen mit der ständigen Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte, leben lernen; besonders Garp scheint sie förmlich zu lähmen.

John Irving versteht es - wie in allen seinen Romanen -, diese düsteren Momente tragisch zu beschreiben und doch aufzulockern. Er verfällt nicht ins pathetische und sorgt gerade dadurch dafür, dass der Leser mit Garp und seiner Familie mitleidet und sein Roman authentisch wirkt. Die fiktionale Biografie des Autoren T.S. Garp - Irving erzählt Garps Leben vom Beginn bis zum Ende - ist ein spannender, vielfältiger Roman des Neuengländers, dem man beim Lesen die Länge (636 Seiten) keinesfalls anmerkt. Er ist packend; lediglich der Epilog, der in vielen Irving-Romanen einen tollen Abschluss bildet, erschien bei der Lektüre zeitweise deplaziert. Vom Lesen abhalten lassen sollte man sich davon jedoch nicht: Garp und wie er die Welt sah ist ohne Zweifel ein lesenswerter Roman und ist Lesern, die bislang keinen Irving-Roman gelesen haben, sehr ans Herz zu legen.


Universal-Bibliothek Nr. 4813: Anton Reiser: Ein psychologischer Roman
Universal-Bibliothek Nr. 4813: Anton Reiser: Ein psychologischer Roman
von Wolfgang Martens
  Broschiert
Preis: EUR 9,40

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lesenswert trotz gewisser Längen, 18. Oktober 2012
Karl Philipp Moritz' Roman Anton Reiser, den er als psychologischen Roman bezeichnete, erschien erstmals zwischen 1785 und 1790 in vier Bänden, die den Roman inhaltlich aufteilen und es handelt sich um einen psychologischen Roman, da, so der Erzähler, "[d]ieser psychologische Roman [...] auch allenfalls eine Biografie genannt werden [könnte], weil die Beobachtungen größtenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind." Zudem soll der Roman "vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern".

Als Protagonist dieser Erzählung des inneren eines Menschen dient die Figur Anton Reiser, der als begabter Sohn einey Pyrmonter Hutmachers geboren wird. Seine Eltern führen eine unglückliche Ehe; sein Vater zählt sich zu einer besonders extremen Richtung des Qiuentismus, die sich darin üben, "in ihr Nichts [...] wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu ertöten, und alle Eigenheiten auszurotten." Reiser wächst demnach in einer Umgebung auf, die weder seiner Individualität gerecht wird, noch ihn mit dieser Individualität umzugehen lehrt. Er erleidet bereits früh eine tiefgehende innere Seelenverletzung, die er Zeit seines Lebens nicht ablegen sollte und ihn in seiner Entwicklung stark beeinträchtigen sollte.

Verdeutlicht wird dies in den verschiedenen Stationen seines Lebens als junger Erwachsener. Wo er sich auch befindet, nimmt er sich jede noch so kleine Kritik so sehr zu Herzen, dass Reiser innerlich versteinert und nur schwerlich aus dieser Situation herauskommt. Zur Flucht nutzt Reiser verschiedene Formen der Kunst: Zunächst möchte er Pastor werden (ein Amt, das er speziell aus dem Aspekt der Inszenierung heraus betrachten und nicht unter dem Gesichtspunkt der religiösen Funktion), dann flüchtet er sich in die Literatur. Schlussendlich bindet er sich an das Theater, das er mit einer furchtbaren Spielwut betreibt, ohne dass ihm bewusst wird, was er eigentlich macht: Das Theater dient ihm lediglich zur Selbstinszenierung. Sein Scheitern scheint unausweichlich zu sein; die Instrumentalisierung der Kunst, die er betreibt, kann in dieser Form kaum funktionieren.

Ich muss zugeben, dass ich Anton Reiser nicht unbedigt freiwillig gelesen habe und mir zunächst sehr schwer tat, Gefallen an dem Roman zu finden. Je weiter man jedoch liest, desto interessanter wird das Seelenleben des Anton Reisers. In seiner Tradition als Entwicklungs- bzw. Bildungsroman zeigt Karl Philipp Moritz dem Leser so sicherlich einen interessanten Aspekt des Scheiterns der individuellen Bildung auf, die ich, nach einem anfänglichen Zögern, doch als lesenswert bezeichnen würde.


Liebe Isländer: Roman
Liebe Isländer: Roman
von Huldar Breiðfjörð
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kurzweiliger Reiseroman., 18. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Liebe Isländer: Roman (Taschenbuch)
"Wenn du in die Provinz fährst, Huldar, wirst du zuerst den Hirntod erleben", verspricht ihm sein Freund Stebbi, bevor Huldar sich auf eine Rundreise durch Island (oder vielmehr: über die Rundtour um Island herum) begibt. Huldar will die freundschaftliche Wahrung Stebbis nicht wahrhaben. Zulange hat er seiner Ansicht nach versucht, sich von Island zu distanzieren und im Ausland zu leben. Nun, so seine Absicht, möchte er mit Hilfe dieser Rundreise, die 1998 stattfinden, zu Island finden und sich selbst besser kennenlernen.

Er reist im Januar und Februar, weil dies, so Huldar, die isländischten Monate sind. Er kauft sich einen alten Jeep und macht sich auf den Weg. Huldar Breiðfjörðs Reisebericht / Reiseroman führt Huldar an die verschiedensten Ecken Islands; das Bild, dass sich ihm eröffnet, ist dabei schließlich immer das Gleiche. Auch in Island findet eine zunehmende Landflucht statt, die sich in diesem Fall auf die Hauptstadt Reykjavik bezieht. Die Menschen, die auf dem Land leben bleiben, sind Fremden gegenüber durchaus aufgeschlossen (Huldar darf vielfach kostenfrei duschen, oder die Nacht bei Fremden schlafen - für seine Unterkunft sollte eigentlich das Auto dienen), doch schlussendlich passiert in der Provinz nichts. Die Menschen wandern zwischen dem örtlichen Bistro und der Videothek hinundher und versuchen so, den Alltag zu überwinden. Gleichzeitig, wie Huldar am eigenen Leib erfahren muss, sind sie durch die schlechten Wetterverhältnisse auf den Straßen geplagt.

Breiðfjörðs Roman ist zwar in vielen Belangen durchaus interessant (der Ich-Erzähler Huldar beschreibt so viele Aspekte der isländischen Kultur, die spannend sind - bis hin zur typischen Haltung, die Isländer seines Erachtens nach am Kaffeetisch einnehmen), doch darüber hinaus scheint dem Roman das gewisse Etwas zu fehlen, das den Funken wirklich überspringen lässt. So kommt der offensichtliche Stadt-Provinz-Gegensatz kaum zur Geltung. Stattdessen sieht Huldar ein Gespenst. Zudem sind Huldars Reiseberichte oftmals etwas holprig. Auch das Name-Dropping in Bezug auf Halldór Laxness wirkte teils erzwungen. Die kulturellen Aspekte des Romans sind für Island-Interessierte allerdings sicherlich lesenswert.


23 Tage
23 Tage
von Martin Mandler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,50

3.0 von 5 Sternen Schönes Debüt, gerne mehr!, 18. Oktober 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 23 Tage (Gebundene Ausgabe)
Auf Martin Mandlers Debütroman wurde ich durch Tubuk aufmerksam, das ein Internetportal für deutsche Independentverlage ist (und ich jeder/m ans Herz legen kann, die/der sich für Indie-Literatur interessiert).

Im Zentrum von Mandlers 23 Tage steht ein Ich-Erzähler, der von seiner Freundin in der gemeinsamen Wohnung zurückgelassen wird. Sie verlässt ihn nicht einfach, sondern fliegt für 23 Tage nach London, wo sie vor ihrer Beziehung lebte und wohnt dort bei einem Mann, mit dem Sie vor ihrer Beziehung zu dem Erzähler bereits zusammen war. Für ihn gerät sein Leben völlig aus den Fugen. Versucht er zunächst den zeitweisen Verlust seiner Freundin zu verdrängen und sich mit einer anderen Frau zu treffen, wird ihm schnell deutlich, dass er dies nicht kann.Stattdessen flieht er aus der gemeinsamen Wohnung; auch dies verschafft seinem emotionalen Leiden keine Abhilfe. Er kann nicht umher, ihr nach London zu folgen - ein Unterfangen, das völlig verrückt endet.

Besonders positiv hervorzuheben ist meines Erachtens nach die von Mandler verwendete Sprache; sie trifft den narrativen Punkt des Buches und stellt die emotionale Hast, in der sich der Erzähler befindet, auf eine wirklich tolle Art dar. Es gelingt ihm so eine Bindung zwischen Leser und Erzähler zuschaffen, da dieser sich durch die starke emotionale Darstellung in den Erzähler hineinversetzt fühlt. Zugleich schafft Mandler es, durch seine Sprache das Thema des Romans auf eine nahezu plastische Art gut zu verdeutlichen.

Bleibt der Plot: Hier liegen, leider, die Schwächen des Romans. Zwar beginnt Mandler mit einer spannenden Einleitung, die sowohl den Rahmen der Geschichte gut absteckt, als auch einen guten ersten Eindruck darüber vermittelt, was passieren könnte. Leider verliert sich die anfängliche Spannung im Laufe des Romans und nimmt, gegen Ende, eine kurze Wendung, die nicht wirklich in den Roman zu passen scheint. Das Ende wird hierdurch jedoch nicht negativ beeinflusst und fügt sich in den guten Start ein.

Trotz der kleinen Plot-Kritik empfielt sich die Lektüre von Mandlers 23 Tage durchaus; das Buch ist kurzweilig und interessant. Zudem wird sich wohl auch nicht jeder an der kurzen inhaltlichen Wendung stören, die ich oben kurz ansprach.


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